Unter Wilden am Amazonas

Part 11

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Solche „Anlockungsposten“ bestehen lediglich aus kleinen mit Zinkblech gedeckten Lehmhütten, in die hinein geflochtene Graskörbe, farbenprächtige Kleider, Kessel, Teller, Löffel und andere nützliche Gegenstände gelegt werden. Außerhalb der Hütten befinden sich Wegzeichen, um den Pfad anzuzeigen, der zur Station führt. Auf solche Weise werden die Wilden durch die Geschenke angelockt und allmählich dahin gebracht, sich vor den Palisaden zu Unterhandlungen einzufinden.

Einige Tage nach der Einrichtung dieser „Anlockungsposten“ in den Wäldern fand sich, daß alle dort niedergelegten Geschenke fortgenommen worden waren. Als Gegengeschenke steckten verzierte Pfeile im Boden. Doch hatten die Indianer sich große Mühe gegeben, alle Spuren der Wege zu verwischen, auf denen sie gekommen waren, um zu verhindern, daß man ihnen zu ihren Maloccas folge.

Als wieder neue Geschenke in die Hütten gelegt wurden, ohne daß man den Versuch machte, die Indianer in ihren Dörfern aufzuspüren, faßten die Parintintins allmählich Zutrauen zu der freundschaftlichen Gesinnung der Garnison. Nach wenigen Wochen versuchten sie nicht mehr, die Pfade zu verbergen, auf denen sie kamen und gingen. Als Zeichen der Freundschaft ließen sie in den Lehmhütten Pfeile zurück, geschmückt mit den prächtigen Federn des Schapú (~Cassicus cristatus~), Arara und Mutum, oder auch verschiedene kleine Gegenstände, die sie aus den Zähnen des Waschbären und Jaguars verfertigt hatten.

Die erste wirkliche Begegnung zwischen der Garnison der Station und den Parintintins fand am 24. März 1922 statt. Ein Assistent, Raymundo Baptista, ging in den Wald, um einen der kleinen „Anlockungsposten“ nachzusehen und traf überraschend auf eine Gruppe Indianer, die sich gerade dort befanden. Da er die Unmöglichkeit erkannte, sich im Fall eines Angriffs zu verteidigen, begann er in der Richtung der Station davonzulaufen. Er mußte fast durch den Trupp der Indianer hindurch, die zuerst auch von der Überraschung gelähmt schienen. Aber dies ging schnell vorüber. Sie griffen nach ihren Bogen und sandten mehrere Pfeile dem Flüchtling nach, der jedoch unverletzt die Palisaden erreichte.

Nach diesem Zwischenfall verschwanden die Indianer vollständig für mehrere Wochen. Sie verbargen sich in den fast undurchdringlichen Wäldern, die auf Hunderte von Kilometer die Station umgeben. Zuweilen ließen sich die Töne einer heiligen Bambusflöte hören, auf der sie Vogelrufe nachahmen. Dann erschienen sie plötzlich auf dem andern Ufer des Igarapé, schrien „Pum! Pum! Pum!“ und schossen ganze Schauer von vergifteten Pfeilen auf die Palisaden. Darauf verschwanden sie von neuem für einige Zeit und machten dann einen entschlossenen Angriff auf die Station von einem kleinen Stück Land aus, das weniger als 70 Meter von dem Stacheldrahtverhau der Palisaden entfernt war. Ganze Pfeilsalven flogen herüber, und so oft sich einer von der Garnison sehen ließ, brachen die Indianer in ihr übliches Schlachtgeschrei aus. Einige sprangen ins Wasser des Igarapés mit der offenbaren Absicht, zur Station herüberzuschwimmen, andere verbargen sich zwischen den Zweigen eines großen Baumes, von wo sie das Fort neugierig beobachteten.

Das ging so beinahe ununterbrochen weiter bis zum 8. Mai. Am Morgen dieses Tages hörte Señhor Curt, der Kommandant des Forts, zu seiner Überraschung ein wirres Geschrei von dem Igarapé her. Die Parintintins rückten zum erstenmal gegen die Palisaden vor. Von den starken Holzwänden des Forts geschützt, sah die Besatzung, wie die Wilden den Eingang der Palisadenumwallung erzwangen und vorsichtig mit schußbereitem Bogen in den Hof eindrangen.

Es war ein bedenklicher Augenblick. Auf die Indianer zu schießen, hätte ein Zunichtemachen alles dessen bedeutet, was in den letzten Wochen erreicht worden war. So begnügte sich die Besatzung damit, die Flinten zu zeigen, worauf sich die Indianer wieder aus der Einfriedigung zurückzogen, aber in der Nähe stehenblieben. Der Kommandant trat nun in den Hof hinaus mit mehreren Geschenken in der Hand und rief die Wilden freundlich an. Als er keine Antwort erhielt, ging er ans offene Tor und stellte einen Korb mit Messern, Beilen und einem Bund dicker Schnüre hin, worauf er sich sofort wieder in das Fort zurückbegab.

Die Indianer näherten sich nun dem Tor und setzten sich in Besitz des Korbes samt Inhalt. Sie schleppten ihn an den Igarapé, wo sie sich ihrer Gewohnheit nach in dem üblichen Kriegsgeschrei Luft machten. Dann kletterten sie in die Bäume hinauf und schossen Pfeile ab, die aber vor dem Fort niederfielen. Nach mehreren Minuten ängstlicher Erwartung kehrten drei der Parintintins zurück, hielten sich aber in einer gewissen Entfernung. Sie riefen die Besatzung an und gaben durch Zeichen zu erkennen, daß sie weitere Geschenke wollten, wobei sie das Wort „Akanitara“ (Kopfschmuck) wiederholten.

Einer der drei, ein hellfarbiger Junge von etwa fünfzehn Jahren, zeigte aufs leidenschaftlichste, daß er die versöhnliche Haltung seiner Begleiter mißbilligte. Sein Gesicht bot ein Bild barbarischer Wut. Als er sah, daß einer der Indianer den Federschmuck vom Kopf nahm, um ihn der Besatzung anzubieten, machte er alle Bewegungen des Schießens, obwohl er keine Pfeile bei sich hatte, stampfte mit den Füßen und stieß herausfordernde Rufe aus.

Da die beiden andern Geschenke als Gegengabe für den Kopfschmuck verlangten, trat der Kommandant Curt ans Flußufer, warf einen Korb mit Buschmessern ins Wasser und rief den Indianern zu, ihn zu holen. Einige Minuten standen sie still und zögerten. Dann sprang einer ins seichte Wasser, fischte den Korb heraus und verteilte den Inhalt. Als Gegengeschenk legten sie einen Kopfschmuck aus Federn außerhalb der Palisadenumzäunung auf den Boden und bedeuteten der Besatzung, sie sollte ihn holen. Der Kommandant Curt entgegnete aber, daß er das nicht tun würde, weil noch vor wenigen Minuten Pfeile auf das Fort abgeschossen worden waren.

Die Parintintins gebrauchten nun eine schlaue List, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Sie deuteten ihm an, noch mehr Geschenke zu bringen und fingen inzwischen an zu tanzen und zu singen, während sie ihre Bogen in die Höhe hoben. Einer hatte den Kopfschmuck an seinen langen Bogen gebunden. Zwei andere zu beiden Seiten von ihm stießen ihren Kriegsruf aus, und während alle vier so tanzten mit dem Rücken gegen das Fort, überwachte ein unbewaffneter Fünfter die Bewegungen der Besatzung.

Der Kommandant verließ das Fort und legte die Geschenke auf dem angegebenen Platz nieder. Die Indianer hörten zu tanzen auf und einer von ihnen überschritt den Fluß, um den Korb mit den Geschenken zu holen. Mittlerweile stürzten jedoch andere Indianer, die sich jenseits des Flusses verborgen gehalten hatten, an den Uferrand und schossen zwei Pfeile ab, die glücklicherweise zu kurz gingen. Curt gab jetzt den Indianern zu verstehen, daß er keine Geschenke mehr austeilen würde, aber der Wilde, der den Fluß überschritten hatte, kam nun näher und erklärte durch Zeichen, daß nicht er die Pfeile abgeschossen hätte.

Vier weitere Indianer hatten inzwischen Mut gefaßt, kamen über den Fluß und traten zu ihrem Kameraden im Tor der Station. Der älteste von ihnen nahm die Federkrone vom Kopf und warf sie dem Offizier zu, der sie auffing und als Gegengabe den Indianern zwei Perlenhalsbänder hinhielt. Sie zogen sich aber, „Embombo!“ rufend, zurück, ein Ausdruck, der offenbar von dem Tupiwort abgeleitet ist, das „Spiel“ bedeutet.

Einer der Indianer erkundigte sich, ob die Weißen den „Caiary“ (Madeira) herauf- oder herabgekommen seien und wie der Name ihrer Heimat wäre. Man antwortete ihm, daß die Besatzung den Fluß heraufgekommen wäre und daß ihre Heimat weit entfernt gegen den Aufgang der Sonne zu läge. Ein anderer fragte, ob einer der jungen Männer der Besatzung der Sohn des Kommandanten wäre! Als das verneint und ihm erklärt wurde, daß die Frauen und Kinder in der Ferne zurückgelassen worden seien, schien er überrascht.

Ein paar Tage später kehrten die Parintintins zurück. Diesmal wurden keine Pfeile abgeschossen. Sie kündigten ihre Ankunft mit Geschrei aus dem Wald an und kamen bis dicht an die Palisaden heran. Auf die Frage, ob sie Hunger hätten, machte einer eine komische Gebärde, indem er die Hand in grotesker Weise auf den leeren Magen legte. So wurden also Speisen herbeigeschafft, und Curt kostete von jedem Gericht ein wenig, damit die Indianer sich überzeugten, daß es nicht vergiftet wäre. Einige Minuten lang wollte keiner näher kommen, trotz ihres Hungers. Dann trat ein junger Wilder in vollem Vertrauen heran, und erhielt persönlich die ersehnte Speise.

Curt versuchte, mit ihm unmittelbar ein Gespräch anzuknüpfen, aber der Indianer kehrte mit den Speisen zu den andern zurück, die außerhalb der Palisaden auf ihn warteten. Nachdem sie gegessen, gesungen und getanzt hatten, verschwanden sie wieder im Walde.

Soweit bekannt ist, war dies das erstemal, daß ein Parintintinindianer irgend etwas friedlich und unmittelbar aus der Hand eines Weißen entgegengenommen hatte. Hiernach kamen sie öfters auf die Station, und während die einen geduldig darauf warteten, in den Hof eingelassen zu werden, versuchten andere mit schweren Holzkeulen die Palisaden zu zerstören. Bei solchen Gelegenheiten wurden die mehr kriegerischen Indianer von der Besatzung verwarnt und nur jenen der Eintritt in die Umfriedigung gestattet, die ihre Waffen draußen gelassen hatten.

Von da an streiften die Parintintins um die Station herum, erhielten Geschenke und schenkten dagegen von ihren eigenen Schmuckstücken. Im Anfang waren sie noch scheu, nach ein paar Wochen aber faßten sie Zutrauen und ließen sich mit Hilfe von Zeichen und Zeichnungen in lange Gespräche mit der Besatzung ein. Es war interessant, welche Mühe sie sich gaben, sich durch Zeichen und Tupiwörter verständlich zu machen. Sahen sie, daß jemand sie nicht verstand, so wiederholten sie die Worte und wußten sich pantomimisch recht geschickt auszudrücken.

Einmal erschienen sie in Begleitung ihrer Weiber und führten ihre Stammestänze vor. Sie begannen paarweise, tanzten vor und zurück und stampften mit den Füßen zur Musik von Bambusflöten. Dann wurden die Musikinstrumente beiseitegelegt, und aus dem Tanz entwickelte sich eine Darstellung des Kampfes. Jede Partei ging in einer Linie vor, dann knieten sie sich plötzlich nieder oder warfen sich der Länge nach auf den Boden und vollführten die Bewegungen des Bogen- oder Blasrohrschießens.

Kamen sie zur Station, so war es üblich, die Waffen am Flußufer abzulegen und sich mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen zu nähern, ehe ihnen das Tor der Einfriedigung geöffnet wurde. Häufig geschah es jedoch, daß sich unter den Besuchern ein oder zwei wildere Gesellen befanden, die oft Leute der Besatzung bedrohten. Aber diese verstand es vorzüglich, die Gefahr abzuwenden und die schlimmsten Instinkte der Wilden zu besänftigen. Unter den bisherigen Besuchern befindet sich auch ein Junge von etwa 15 oder 16 Jahren, dessen Hautfarbe viel heller ist als die der übrigen und der auch gänzlich andere Gesichtszüge hat.“

Der vorstehende Bericht über die Leistungen des Indianeramts in diesen entlegenen Wäldern enthält alles Wesentliche, was mir der genannte Beamte am Rio Negro im Dezember 1922 erzählte. Man darf nicht vergessen, daß alle die Vorbereitungen und daran sich anschließenden gefahrvollen Unternehmungen lediglich dazu dienten, mit einem einzigen Stamm der Wilden am Maicy-Mirimé in Berührung zu kommen, einem Fluß, der auf keiner gewöhnlichen Landkarte zu finden ist. Wenn man bedenkt, daß es noch heute ein unbekanntes Gebiet von fast zweieinhalb Millionen Geviertkilometer im Amazonenbecken gibt, so wird man die oft wiederholte Behauptung, es wäre auf der Welt nichts mehr zu erforschen, mit einigen Fragezeichen versehen.

Jener fast weiße Parintintinjunge entspricht mehreren gleichartigen Fällen bei verschiedenen Stämmen, die ich selber auf meinen monatelangen Wanderungen durch die amazonischen Wälder gesehen habe. Ob solche merkwürdige Farbe- und Rasseeigentümlichkeiten tatsächlich mit Raub und Gewalttat an den weißen Frauen irgendeiner entlegenen Ansiedlung zusammenhängen, ist unmöglich zu sagen. Bekannt ist jedoch, daß vor mehreren Jahrhunderten ein paar Tausend Spanierinnen von den Huambisa-Indianern des nordöstlichen Peru geraubt wurden. Allerdings würde die seit damals verflossene Zeit den Einfluß des weißen Blutes wieder aufgehoben haben, und auch spätere Räubereien hätten wohl nur eine Caboclomischung im rein indianischen Blut hervorgebracht.

So auffallend ist der Anblick einer fast weißen Haut unter einer Schar nackter Bronzegestalten, daß von einer, etwa nur ein wenig helleren Färbung nicht die Rede sein kann. Auch die Gesichtszüge scheinen Abweichungen aufzuweisen, und zwar nicht nur nach meiner eigenen Beobachtung, sondern auch der anderer. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, daß solche weiße Indianer auch nicht die leiseste Erinnerung an stammesfremde Verwandte haben. Befragt man sie selbst, so räumen sie wohl ein, daß sie hellfarbiger sind, ohne daß sie aber imstande wären, einen Grund dafür anzugeben. Die Theorie, daß der Genuß von Salz bei Europäern eine hellere Haut- und Haarfarbe hervorbringt, kann unmöglich auf diese Einzelindividuen unter den bronzefarbenen Stämmen des Amazonengebiets angewendet werden.

In diesem Zusammenhang mag es von Interesse sein, wenn ich mit einigem Vorbehalt den Bericht Sir Clements Markhams über einen im nordöstlichen Peru vermuteten weißen Indianerstamm anführe. Der Verfasser bringt ihn in seinem Werk „~List of Tribes of the Amazon Valley~“, das aus vielen Quellen schöpft und 1910 vom „~Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland~“ herausgegeben wurde.

Dort heißt es, daß die Mayorunasstämme des Ucayali-Yavari-Gebiets „eine weiße Hautfarbe haben und mehr Engländern als selbst Spaniern gleichen. Sie ziehen jagend durch die Wälder und halten sich nicht viel an die Flüsse. Es wird angenommen, daß sie von spanischen Soldaten der Ursula-Expedition abstammen, doch ist dies unwahrscheinlich. Als der Inka Pachacuti die Chancas unterwarf, floh ein Teil dieses Volkes nach Muyumbamba, und dessen Einwohner flohen vor den Eindringlingen und ließen sich am Ucayali und Yavari nieder. Wahrscheinlich ist dies der Ursprung der Mayorunas oder Mururunas (= Männer von Muya). Sie haben eine seltsame und schmerzhafte Art, die Barthaare zu beseitigen. Sie nehmen zwei Muscheln, die als Haarzängchen dienen, und reißen ein Haar nach dem andern aus, wobei sie solche Gesichter schneiden, daß man beim Zusehen lachen und gleichzeitig Mitleid mit ihnen haben muß. Zuweilen werden sie Barbudos genannt. Sie sind sehr zahlreich, von höherm Wuchs als die meisten andern Stämme und gehen beständig nackt. Sie sind kriegerischen Charakters und stehen mit keinem andern Stamm in einem Freundschaftsverhältnis. Pfeile und Bogen sind bei ihnen nicht in Gebrauch, sondern nur Speere, Lanzen, Keulen und Cerbatanas oder Blasrohre, und das Gift, das sie zubereiten, gilt als das allerwirksamste. Sie sind wohlgebildet, besonders was die Hände und Füße der Weiber betrifft, haben gerade Nasen und kleine Lippen. Das Haar schneiden sie quer über die Stirne ab und lassen es über den Rücken herabhängen. Bemerkenswert ist ihre Reinlichkeit. Tatsächlich ist sehr wenig über sie bekannt. Sie greifen jeden an, der in ihr Gebiet eindringt, und die Bootführer nehmen sich in acht, auf ihrem Ufer des Ucayali zu landen. Castelnau führt zwölf Mayorunawörter an und Bates gibt die interessante Schilderung eines Mayorunamädchens, das am Yavari gefangen wurde.“

Seit Jahrhunderten laufen solche Geschichten von weißen Indianern um unter Forschern und Reisenden vieler Nationalitäten. Nun sind sie von Offizieren des Indianeramts bestätigt worden, die ihr Leben in den düstern Wäldern verbringen. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den sich bekämpfenden Theorien. Jene Indianer sind nicht rein weiß, sondern haben nur eine sehr helle Hautfarbe, die im schärfsten Gegensatz zu ihrer Umwelt steht und daher stärker zur Geltung kommt. Ein einziger weißer Stamm, der sich irgendwo im „großen Unbekannten“ verbirgt, würde die vielen Einzelfälle nicht erklären, die von mehreren, Tausende von Meilen von einander entfernten Stämmen berichtet werden. Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in weißen Ahnen, mögen sie nun Gefangene oder Überläufer gewesen sein, und in einem plötzlichen Rückschlag nach vielleicht zwei oder mehr Generationen.

11. Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes.

Wen sein Beruf in die dämmerigen Wälder führt, zu den verseuchten Sümpfen oder an die entlegenen kochheißen Flüsse dieses geheimnisvollen Landes der Einsamkeit und unvorstellbaren Ausdehnung, der betrachtet den großen Amazonenstrom selbst etwa geradeso, wie die Neuyorker oder Londoner während einer Hitzwelle den Hudson oder die Themse ansehen. Es gibt dort, sowohl in Pará als in Manáos, winzige Strandplätze mit Badegelegenheiten, Landhäusern und Dampferausflügen. Zuweilen kann es geschehen, daß ein Jaguar das Picknick stört, ein Alligator neben der Barkasse auftaucht oder ein elektrischer Aal das Bad unterbricht. Aber die Kühle des großen Stromes und ein frisches Lüftchen machen sich überall geltend, und außerdem gibt es Eisgetränke, richtige Speisen, ein Dach, ein Bett und menschliche Gesellschaft.

In solcher Weise stand Manáos einladend vor meinem Geist, die kleine Dschungelstadt am äußersten Rand der Zivilisation, als ich aus den Gebieten der Flüsse Mutum und Gy-Paraná zurückkehrte. Irgendwie sehnte ich mich nach einer guten Mahlzeit, einem Bad und der Möglichkeit, ein wenig zu plaudern. Schon die Vorstellung eines geeisten Getränks machte mich schwindlig, und so hielt ich mich nur so lange in Humaitá auf, um es gründlich satt zu bekommen, weil erst nach viereinhalb Tagen der nächste Dampfer flußabwärts abfahren sollte. Als ich endlich das weißgetünchte Zimmer mit seinen Ameisen und Spinnen verließ und an Bord ging, faulenzte ich, las, badete, aß und nahm alle die Eisgetränke zu mir, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte. Mein Wunsch, mich in Manáos auszuruhen, verblaßte schnell, und als ich in Manicoré erfuhr, daß ein höchst angesehener Amazonese eine Expedition den Aripuananfluß hinaufschickte, verschwand er ebenso eilig aus meiner Seele wie mein kaum noch respektables Gepäck vom Dampfboot. Zwei Tage später saß ich mit drei Begleitern in einem großen Batalõe und fuhr um die Aripuananinsel herum in die verborgene Mündung dieses wundervollen Flusses gleichen Namens ein. Die Roosevelt-Rondon-Expedition hatte ihn 1913 in seiner ganzen Länge befahren, unser Ziel aber waren die noch immer unerforschten Urwälder seitlich des Hauptflusses unter 8° 17′ südlicher Breite. Beamte des Indianeramts befanden sich damals auf der Suche nach wilden Stämmen, die an den Ufern eines kleinen Flusses, namens Madeirinha, wohnen sollten, und das Batalõe mit seiner Caboclo-Bemannung brachte ihnen und einer abgelegenen Pflanzung die notwendigen Vorräte.

Unwiderstehlich zog es mich dahin, weil ich auf all meinen Karten und unter meinen Notizen nichts über diesen Fluß finden konnte, noch irgendeine Andeutung, daß schon europäische Reisende jene „leere“ Gegend erforscht hätten. Theodore Roosevelt und General Rondon vom brasilianischen Überland-Telegraphen-Dienst, die beiden prächtigen Pioniere der Wildnis, deren Leistungen viel zu wenig bekannt sind, waren 1913 den Fluß hinaufgefahren und offenbar auch an der Mündung des Madeirinha vorübergekommen, aber genauere Nachforschungen schienen sie in diesem Gebiet nicht gemacht zu haben. Also bot sich jetzt eine Gelegenheit, die ohne lebenslängliche Reue nicht vernachlässigt werden durfte.

Über die mühselige Reise von 360 Kilometer den Aripuanan flußaufwärts werde ich nicht viel berichten. Wer sich für seine niemals auch nur vom leisesten Lüftchen bewegte Wasserfläche interessiert, die ununterbrochenen Ufermauern tropischer Wälder, seine Stromschnellen, die stellenweise Lücken in das Blättermeer reißen, seine beständig in der dampfheißen, stagnierenden Luft umherschwirrenden Moskitos und die beinahe nicht vorhandene Uferbevölkerung, wird glänzende Schilderungen davon an andern Orten finden. Was ich selber hinzufügen könnte, wären nur Beschwerden über persönliches Unbehagen und Erzählungen von schwierigen Überlandumgehungen einiger Stromschnellen und von fast unaufhörlicher Arbeit beim Rudern und Stechen gegen die Strömung. Die Aufgabe des vorliegenden Buches besteht in der Schilderung wilder Indianerstämme im entlegenen Amazonengebiet. Berichte über die Schwierigkeiten des Ortswechsels von einer Zone zur andern mit allem Drum und Dran dürfen den Charakter des Buches nicht in den einer langweiligen und ereignislosen Reisebeschreibung verwandeln. Der Raum gestattet nur kurze Erwähnungen des Kommens und Gehens, gerade so viel als nötig ist, den Zusammenhang der Ereignisse zu wahren.

Am 30. Juli verließen wir die Aripuananinsel auf 5° 22′ südlicher Breite und bewältigten die 360 Kilometer in achtzehn Tagen. Bald nach der Vereinigung mit einem großen Fluß, auf 7° 32′ südlicher Breite, kam eine Reihe gefährlicher Stromschnellen, die öfter als einmal schwere Arbeit bei der Entladung des Kanus erforderten. Wenige Kilometer weiter zeigte sich eine anscheinend verlassene Barraca. Dann folgten noch weitere Stromschnellen, und endlich war die Mündung des kleinen Madeirinha in den Hauptfluß erreicht, auf 8° 17′ südlicher Breite.

Der kleine Fluß hatte eine flaschengrüne Farbe und wand sich durch den dichten, düstern Urwald. Stellenweise hingen die mächtigen Äste wie Schirme über unsern Köpfen, und das Kanu glitt wie auf einem Spiegel im grünlichen Halbdunkel dahin. Stundenlang hielten wir Ausschau nach dem Lager des Offiziers des Indianeramts mit seinen Leuten, und endlich entdeckten wir es auf einer kleinen Lichtung halbverborgen hinter dem Walddickicht. Der unerschrockene Beamte nahm mich liebenswürdig auf und erklärte mir, wie er es machte, um mit den Wilden des Landes in freundschaftliche Berührung zu kommen. Er hatte bereits ihre Kriegspfade einige Kilometer weit in die hier besonders dichten Wälder hinein begangen. Auf einen seiner Cabocloleute war mit Pfeilen geschossen worden, aber bis jetzt hatte man noch keinen Indianer zu Gesicht bekommen.

Wir schlugen neben der kleinen, nur vorläufigen Station unser Lager auf, und zum erstenmal seit der Abfahrt aus Manicoré erfreute ich mich einer wirklichen Nachtruhe, da ich keine Wache zu halten brauchte. Während der nächsten beiden Tage ereignete sich nichts Besonderes, doch stiegen meine Hoffnungen, weil der Offizier die Überzeugung aussprach, daß sich ein gänzlich unbekannter Stamm in den umgebenden Wäldern aufhalte. Dies bewahrheitete sich schneller, als wir erwartet hatten. Am dritten Tag näherten sich zwei Wilde den Geschenken, die verführerisch an den Bäumen hingen. Sie wurden von einem der Leute der Station überrascht, der sich jedoch in Sicherheit zu bringen vermochte. Er kam ins Lager und erzählte von Indianern mit Federkronen auf den Köpfen, riesigen Speeren und aus Holz verfertigten Bändern über beiden Schultern.