Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 36

Chapter 363,344 wordsPublic domain

In Begleitung des Inlandsassistenten brachen wir zeitig auf, um eine Exkursion nach dem im östlichen Gebirge liegenden Lindu-See anzutreten. 9 Mann Militär nebst 22 Trägern mit den Sammlungen marschierten auf direktem Wege nach Palu ab. Der Sergeant und 5 Soldaten begleiteten mich zum See. Über den kleinen O-Fluß hinweg kamen wir anfangs durch ausgedehnte Kampongs und reich angebaute Gefilde. Von hier und dort tönte mir dabei Fuja-Gehämmer an das Ohr. Bald verließen wir den großen Weg und wandten uns den nordöstlich gelegenen Bergen der Sibarónga-Kette zu. Eine gute Stunde lang stiegen wir in steilen Serpentinen schattenlose Lalanghügel hinan, bis die Waldgrenze erreicht war. Der Sonnenglut waren wir dort zwar entrückt, hatten diese Annehmlichkeit aber mit der jämmerlichen Beschaffenheit des Waldpfades erkauft. Die bereits im Monat November fast alltäglich fallenden Regen hatten das Gestrüpp des Waldes leider schon allzu üppig emporschießen lassen; der Fußweg aber war als einzige Abzugsrinne der Regenbäche unter Bildung zahlreicher Löcher tief ausgewaschen. Der auf schlüpfrigem Lehmboden schroff in die Höhe führende Pfad war vom Dickicht verdeckt, und der tastende Fuß strauchelte daher auf diesem Steige nur allzuoft und geriet häufig in eine der wassergefüllten Lehmpfannen. Nach ¾ Stunden begann der Wald lichter und der Weg entsprechend besser zu werden. Gegen 10 Uhr standen wir bei rund 1400 m auf dem höchsten Punkte des Sibarónga-Rückens, umgeben von majestätischer Waldespracht. Hier oben begann eine von Lindu heraufgeführte halbfertige Weganlage, so daß die Wanderung zum See hinab beträchtlich angenehmer zurückzulegen war. Eine knappe Stunde genügte zur Erreichung der Altseefläche. Der beiderseits von Wald flankierte Seeboden lief in einen schmalen, sich aber rasch verbreiternden Talzipfel aus. Leider endete im Talgrunde auch der im Bau begriffene Weg, so daß wir die nächste halbe Stunde abermals einem Buschpfade nachzugehen hatten, der über morastigen Boden auf eine freie Fläche hinausführte. Mitten auf derselben lag das von Mais- und Zuckerrohrpflanzungen umgebene Lindu-Dörfchen Búro.

Im Centrum der am Südende des Sees befindlichen Niederung völlig reizlos gelegen, machte diese aus kaum einem Dutzend kleiner Hütten bestehende Siedelung einen nicht gerade vorteilhaften Eindruck. Viel mochte hierzu ja auch das Fehlen jeglichen Baumschmuckes beitragen; denn außer neu angepflanzten Limonen- und Papayas gab es hier überhaupt keinen Baum, und die viel angebauten Pisangs (lóka) boten keinen Ersatz.

Vom See war von Búro aus noch keine Spur zu entdecken. Ein breiter Streifen Buschlandes schützte ihn vor profanen Blicken, und es sollte uns noch ungeahnte Mühe kosten, den Ausblick darauf zu erzwingen.

Die Bewohner Búros sind wie alle See-Anwohner als To-Kulawi zu bezeichnen. Der Mohammedanismus hat im Niederungsgebiet bereits beherrschenden Einfluß gewonnen und mehr als alles andere dazu beigetragen, alte Eigenart gründlich auszumerzen. Starke Anlehnungen an die bei der Palu-Bevölkerung geltenden Normen in Sitte und Lebensgewohnheiten sind bei allen Bewohnern der Seeniederung unverkennbar. Allein die recht verlumpt herumlaufenden Weiber trugen im Lindu-Gebiet noch braune Fuja-Bauschröcke und Fauxculs, Stirnbänder und Rotangfußbänder, wie es in Kulawi üblich ist. Als Schmuckobjekte von Wert tragen sie dazu bei festlichen Anlässen schwere Messingfußringe, deren Preis mit einem Büffel pro Paar fest normiert war.

Muschelarmbänder fanden sich in jeder Hütte. -- Die Gesichtsbemalung beschränkte sich auf feine Doppelreihen schwarzer Punkte auf Stirne, Wange und Kinn.

Als ich, meinen Leuten weit voran, allein in Búro eintraf und spielende Kinder meiner zuerst ansichtig wurden, flüchteten sie unter großem Geschrei in die Hütten, worauf es im Augenblick im Dörfchen lebendig wurde. Heftig gestikulierende und übermäßig laut sprechende Männer, deren aufgeregtes Wesen seltsam gegen das zurückhaltende, gemessene Auftreten der Leute in Lemo abstach, eilten mir entgegen. Ihr Anführer sprach eindringlich auf mich ein, ohne daß ich ein Wort zu verstehen vermocht hätte. Da sonst kein geeigneter Raum vorhanden war, geleitete man mich zu einem Vorratsspeicher, unter dem ich mich auf schnell herbeigebrachten Matten niederließ, um hier auf meine Gefährten zu warten. Zur Restaurierung wurden mir Zuckerrohr und Pisang angeboten. -- Eine merkwürdige Tätigkeit entfalteten sofort nach meiner Ankunft die Weiber. Erst hatten sie sich als echte Evatöchter noch in aller Geschwindigkeit mit Stirnbändern herausgeputzt, um sich sodann in größter Hast daranzumachen, den Untergrund und die Umgebung der Hütten sauber zu fegen. Diese ungewöhnliche Wirkung meines Erscheinens hing mit einer Gouvernements-Verfügung zusammen, die es den an Reinlichkeit nicht gewöhnten Eingeborenen zur Pflicht machte, Wohnungen und Dorfplatz stets in stand zu halten. Die Befolgung dieser zur Besserung der sanitären Verhältnisse gerade am Lindu-See sehr notwendigen Maßregel wird von Zeit zu Zeit durch den in Lemo stationierten Inlandsassistenten nachgeprüft, und wer die Leute auch nur flüchtig kennengelernt hat, versteht, daß sie einen heiligen Respekt vor solchen Visiten haben. Auch hinter meiner Ankunft vermuteten sie eine Revision, und so erklärte sich der ungewohnte Betätigungsdrang. Zu ihrer Arbeit bedienten sich die Frauen sehr sonderbarer, noch unpatentierter Werkzeuge, nämlich der Beckenknochen und Schulterblätter von Büffeln, die, durchbohrt und an Holzgriffe geschnürt, sowohl als Spaten wie als Schaber und Schaufeln benutzt wurden. -- Sofort nach dem Eintreffen meiner Leute wurde der Weitermarsch zum See unter Führung des Häuptlings von Búro angetreten. An einer Wegkreuzung nahe beim Dorfe war ein Fetisch errichtet. Die Puppe aus Arengfasern nach Art der bereits beschriebenen Krankheitsscheuchen war gleichfalls mit Fuja-Attributen ausgestattet, zeigte aber sonst erhebliche Abweichungen. Sie war an der Mitte eines starken Bambuspfahles befestigt, der an seinem oberen Ende auf Handlänge in dünne Streifen gespalten und durch Ausbiegen derselben zu einem trichterförmigen Behälter umgearbeitet war. Den Schädelteil der Figur hatte man oben ausgehöhlt, damit es dem bösen Geist möglich sei, in die Puppe hineinzufahren. Die in Tabak, Sirih und einem Ei bestehenden Opfergaben wurden in den die Stelle eines Tischchens ersetzenden Trichter gelegt (s. Fig. 311).

Der Pfad zum Seegestade begann kurz hinter dem Dorfe eine Beschaffenheit anzunehmen, die aller Beschreibung spottet. Trotz gewagtester Sprünge versank man dabei knietief im Morast, so daß ich es bald aufgab, nach einem Wege zu suchen, wo eben keiner war. Stumpf ergeben stapfte ich gleich meinen Begleitern durch den grundlosen Schlamm. Nach ¾ Stunden war der am Seerande gelegene aus 3 erbärmlichen Bambushütten bestehende Rastplatz Lángko erreicht. Über und über mit Schmutz bespritzt und nach Darangabe eines Stiefelabsatzes nahm ich von einer derselben Besitz.

Dieses Lángko, von dem man behauptet hatte, daß es am See läge, soll vor Jahren einmal eine Dorfanlage gewesen sein. Gegenwärtig war das Terrain völlig versumpft. Vom Lindu-See aber war auch hier absolut nichts zu sehen. Nach welcher Richtung hin auch das Auge suchend über die Schilfwüste schweifte, der See hielt sich verborgen. Trotzdem war er uns nahe, nur verdeckt durch hohes Rohr, über welches hinweg lediglich die an seinem jenseitigen Ufer sich erhebende Ngilaláki-Kette sichtbar wurde.

Nach einem kleinen Imbiß bestand ich darauf, an diesen so hartnäckig unsichtbar bleibenden See geführt zu werden. Kanoes gab es in Lángko nicht; es wurde also beschlossen, mit wenigen Leuten nach dem am Westufer gelegenen Kampong Antja aufzubrechen und von dort aus den Rückweg nach Lángko über den See per Boot anzutreten.

Ein Marsch wie der von Búro nach Lángko wiederholte sich, als wir uns um zwei Uhr auf den Weg machten. Einer vollen Stunde bedurfte es, um das greifbar nah scheinende Randgebirge der Altseefläche zu erreichen. Dort angekommen, überkletterten wir eine in den See vorspringende bewaldete Bergzunge, und hinter dieser lag dann endlich der Spiegel des Lindu-Sees offen vor unsern Augen.

Dieser kleinste der Binnenseen des centralen Celebes erinnerte mich durch die Konturen seiner ziemlich gleichförmig verlaufenden Ufergebirge an den Starnberger See meiner bayrischen Heimat. Die Längsrichtung des Seebeckens zwischen den in unregelmäßigen Bogen verlaufenden Uferlinien geht von Norden nach Süden. Im Westen und Osten treten die Gebirge dicht an den See heran. Der höchste Gipfel der östlichen Kette ist der Ngilalaki, der von unserem Standort aus recht bedeutend erschien. Bei einer Meereshöhe von rund 900 m soll die Länge des Sees 8 km, seine Breite 4-5 km betragen.

Der Kampong Tomádo, den wir zunächst erreichten, bestand aus 2 Reihen ärmlicher Hütten, die unter schattigen Bäumen auf hohen Pfählen ruhten. -- Einen ungewohnten Anblick boten größere Pferdekoppeln auf der sanft ansteigenden See-Ebene beim Dorfe. Die Pferdezucht wird in den Seeniederungen ziemlich intensiv, aber unrationell betrieben. Die von Palu her importierten Pferde bleiben das ganze Jahr sich selbst überlassen. Sie kennen weder Pflege noch Stall. Offene Schuppen in der Nähe der Ortschaften gewähren ihnen notdürftig Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Frei schweifen sie Tag und Nacht in den Seegründen umher, wo die harten Schilf- und Wiesengräser ihre ausschließliche Nahrung sind.

An sonstigen Haustieren kommen außer den in großer Zahl gehaltenen Büffeln fast nur noch kleine, fuchsköpfige Hunde sowie Geflügel vor, Schweine höchstens noch bei einzelnen heidnisch gebliebenen Familien.

Etwas weiter westlich, nahe bei Tomádo lag auf einem Gebirgshange der Kampong Antja, eine der bedeutenderen alten Ansiedelungen in der See-Ebene, die sich sowohl durch ihre landschaftlich reizvolle Lage, als durch ansehnlichere Größe auszeichnete. In Antja fand ich einen Blockhaustyp vor, der sich bei aller Ähnlichkeit mit der Kulawi-Bauart genügend davon unterschied, um als eigener Lindu-Typ gelten zu können. Wie in Lemo stehen die Häuser auf hohen Rosten aus Rundhölzern; doch liegen die Hölzer einer Schicht rechtwinklig zu denen der folgenden, so daß ein Gitterrost statt eines kompakten Holzstoßes entsteht. Die Oberbauten bestehen aus geschlossenen Wänden mit leicht eingesattelten Dächern aus Gras oder Schilf. Diese springen an den Giebelseiten genügend weit vor, um auch noch über einen Verandavorbau hinwegzuragen. Zu diesem führt dann die Kerbtreppe hinan. Die Giebel laufen oben in 3 Enden mit durchbrochener Schnitzarbeit aus.

Ethnographisch gab es am Lindu-See sehr wenig zu holen. Mit dem Vordringen des Islam sind viele altgewohnte Gebräuche gänzlich abgeschafft worden oder verflachten. Auch haben sich die ehedem gefürchteten Kopfjäger rasch den geregelten Verhältnissen unter der holländischen Regierung angepaßt. Was sie früher an Waffen und Kriegsschmuck besaßen, war lange dahin und ihnen abgenommen und vernichtet worden. -- Leider auf kein Gebot erhältlich war ein prächtiges altes Schwert mit Kahn-Scheide und Klaff-Griff. Letzterer war mit einem Strang Menschenhaar und eingeknüpftem Federschmuck, die Scheide aber mit langen roten Bändern und Quastenbehang ausgestattet. Derartige sehr selten gewordene Waffen gelten am Lindu als Talismane bei gewissen Erkrankungen. In solchen Fällen umgürtet sich der in seine besten Gewänder gehüllte Kranke mit einem dieser Schwerter und begibt sich vor Sonnenaufgang zum Seeufer, um dort zu den Dewátas zu beten und ihnen Sirihopfer darzubringen, hernach aber im heiligen Wasser des Sees zu baden. So getan, pilgert er hoffnungsfroh nach Hause. -- Es ist dies ein alter Posso-Brauch, der sich merkwürdigerweise nach dem Lindu-See verpflanzt hat.

Die Rückkehr nach Lángko wurde, wie beschlossen, in 2 Booten quer über den See angetreten. Die Kanoes der Eingeborenen sind lange Einbäume mit rundem Boden und eigentümlich erhöhten Plattform-Anbauten an beiden Enden, auf welchen der Steuermann, bzw. 1-2 Ruderer Platz nehmen. Von irgendwelchem Zierat an diesen Booten konnte ich nichts entdecken, ebensowenig an den kurzstieligen, aber mit langen Schaufeln versehenen Rudern. Ich fühlte mich in dem schwankenden Fahrzeug, in dem sich die Passagiere, einer hinter dem anderen in höchst unbequemer Stellung hockend, beileibe nicht rühren durften, nicht gerade behaglich und suchte in der Versicherung meiner Begleiter Trost, daß es im Lindu-See keine Krokodile gebe. An Fischen soll er dagegen reich sein, ebenso an eßbaren Muscheln.

Die steil abfallende Westküste mit schönem baumbestandenen Kiesstrande und saftigen Bergwiesen dahinter bot einen schönen Anblick. Das Bild änderte sich leider in der Nähe des Altseegebietes an der Südwestecke, wo uns unübersehbare und undurchdringliche Schilfmauern zu weitem Ausbiegen zwangen. Dieser Rohrgürtel barg einen ungeahnten Reichtum an Sumpf- und Wasserwild. So bemerkte ich zweierlei Enten, Wasserhühner in mehreren Arten, Taucher, Kormorane, Schlangenhalsvögel, Reiher, Ibisse, Störche, Rallen, Bekassinen und Seeschwalben. Auch Raubvögel lebten hier einen guten Tag. Die Wasservögel zeigten sich wenig scheu und ließen uns dicht herankommen, ohne abzustreichen. In der See-Ebene sollen auch zahlreiche Hirsche und in den Waldgebirgen Anoa und Babirusa leben.

Weite Flächen des Seespiegels waren mit einer prächtigen hochstieligen Wasserrose vollkommen bedeckt. Die Riesenblätter einer anderen Wasserpflanze wurden von den Eingeborenen, wie sie mir vordemonstrierten, als Gemüse genossen.

Nahe am Südwestufer ragte aus dem See eine kleine bewaldete Felseninsel mehrere Meter hoch heraus, von den Eingeborenen Bola genannt. Meinem Verlangen, dorthin gerudert zu werden, wurde jedoch unter allen möglichen Vorwänden Widerstand entgegengesetzt. Es hieß, die Insel sei ein unbewohnter Fleck Erde, den sich die Geister als Wohnsitz auserkoren hätten, und der deswegen bei allen See-Anwohnern als heilig gelte. Auf der Insel befände sich ein Lobo, in dem zu gewissen Zeiten religiöse Feste gefeiert würden. Nur bei solchen sei es gestattet, die Insel zu betreten. -- Da mir auch der Inlandsassistent anriet, von meinem Vorhaben abzustehen, verzichtete ich auf einen Besuch des Eilandes.

Soweit es möglich war, wurden jetzt die Kanoes durch das Blättermeer der Seerosen an den Schilfgürtel herangedrückt, und durch einen vorher nicht bemerkten, kaum bootsbreiten Kanal fortgeschoben. Schließlich aber saßen wir unverrückbar fest und mußten aus den Fahrzeugen springen, um durch den Sumpf zu waten, bis wir auf schmale Dämme stießen, auf denen wir unsere Hütten erreichten. Ich für meine Person hatte genug von Lindus Herrlichkeiten und würde schwerlich ein zweitesmal diese Gegend aufsuchen.

Angeblich sollte es am See keine Moskitos geben -- eine fromme Legende, die ich leider zerstören muß. War ich auch persönlich durch mein Netz etwas geschützt, so wälzten sich doch meine Begleiter von Stichen gepeinigt ruhelos auf ihren Lagern und quittierten durch häufiges Klatschen und kräftige Verwünschung. An Schlaf war übrigens bei dem tausendstimmigen Froschkonzert ohnedies nicht zu denken, so daß sich diese Nachtruhe am See all den andern Lindu-Spezialitäten würdig anschloß.

+Lindu -- Túwa+, den 22. November.

Kaum jemals habe ich einem Ort mit solchem Vergnügen den Rücken gekehrt als diesem Sumpfnest. Der Inlandsassistent verabschiedete sich heut früh, um sich auf dem gekommenen Wege wieder nach Lemo zurückzubegeben. Wir anderen schlugen einen neuen, aber nichts weniger als besseren Weg ein, der uns über das Gebirge nach Palu, und damit dem letzten Ziele meiner Reisen entgegen führte.

Über Bruch und Sumpf folgten wir am Rande der Altseefläche längere Zeit einem Bachlaufe als Weg, um dabei schließlich in eine solche Wildnis zu geraten, daß die vorausgesandten Leute erst einmal Breschen durch die 4-5 m hohen Binsenwände schlagen mußten. Im Bereiche der Bergwälder drangen wir später mitten durch den Busch, wobei sich unsere Führer mit erstaunlicher Sicherheit zu orientieren verstanden. Über Gebirgslehnen und durch Schluchten kamen wir nach reichlich 2 Stunden zum Flüßchen Saluang, dessen Bett uns 4 weitere Stunden bis nahe zur Einmündung in den Miu-Fluß einen Pfad ersetzen mußte. Nach ausgiebigen Regenfällen schwillt das Flüßchen, wie Schlamm- und Geröllablagerungen zeigten, um 3-4 m an und wird dann zu einem reißenden Bergstrome, der mit ungeheurer Gewalt durch die Klamm dahinbraust, die Ufer untergräbt, Erdrutsche verursacht und starke Bäume entwurzelt. In den Engpässen stauen sich die mitgerissenen Opfer und bilden dort aus Stämmen und Ästen, Schutt- und Geröllmassen förmliche Barrikaden, deren Überkletterung keine geringe Mühe war. Ein Umgehen solcher Hindernisse ist in den schmalen Cañons mit ihren fast senkrechten Felsenwänden nur in seltenen Fällen möglich.

Endlich trat das Gebirge zurück und wurde niedriger, und der Saluang floß in breiterem Bett durch den Wald. An den Ufern wuchs häufig eine Palme mit großen Traubenbündeln grüner Früchte in etwa Nußgröße. Diese »sarau« genannten Palmen wurden von unseren Lindu-Begleitern regelmäßig geplündert. Sie benutzten die Früchte als Ersatz für die im Lindu-Gebiet nicht vorkommende Arekanuß. --

Kurz nach 2 Uhr stießen wir auf den von Kulawi nach Palu führenden Hauptweg, welcher den Saluang kreuzt. Die pfadlose Wildnis lag nun endgültig hinter uns, und bereits eine halbe Stunde später kamen wir in Túwa an, dem letzten Kulawi-Dorf auf unserem Wege nach Palu.

Das Walddörfchen Túwa in 305 m M. H. liegt bereits in den die Palu-Ebene abschließenden Gebirgsausläufern, und nur noch 3 Tagemärsche trennten uns von der Küste. Eine Art Heimkehrfieber, wie es sich nach längerem Verweilen im Innern fast regelmäßig einstellt, machte sich jetzt bei uns allen geltend. Die Soldaten waren sehr aufgeräumt, die Boys lachten und scherzten, und auch mir erschien die Welt in freundlicherem Lichte.

Als ersten Vorboten der in die Nähe gerückten Genüsse höherer Zivilisation nahm ich das einfach ausgestattete Fremdenhaus in der Nähe des im Walde versteckten Dörfchens Túwa. Bei meinen im Verlaufe der letzten Wochen auf das bescheidenste Maß reduzierten Ansprüchen kamen mir ein paar in diesem vorgefundene Rohrstühle und eine Hängelampe schon beispiellos luxuriös vor.

Im Dorfe selbst gab es nichts irgendwie Bemerkenswertes zu sehen. Die Bewohner sind bereits alle zum Islam übergetreten und unterscheiden sich kaum mehr von den paluesischen Mohammedanern.

+Túwa -- Sakédi+, den 23. November.

Es war ein Glück, daß sich meine Reise ihrem Ende nahte. Der Regenmonsun setzte mit aller Macht ein, und von den Verheerungen, welche die niederstürzenden Wassermengen auf Wegen und Stegen anrichten, sollten wir auf unserem Weitermarsch noch Proben zu sehen bekommen. Die ganze verflossene Nacht hatte es fast unaufhörlich geregnet. Wenn das so weiterging, mußten binnen kurzem alle Gebirgssteige im Innern völlig ungangbar werden. -- Auf dem Wege zur Palu-Ebene lagen noch eine Reihe das östliche und westliche Hauptgebirge verbindender Bergketten, doch waren nur unbeträchtliche Steigungen zu überwinden.

Noch fielen schwere Tropfen von allen Bäumen, und schwarze Wolkenballen flohen, vom Winde gejagt, ostwärts, als wir unseren letzten Marsch durch das Waldgebirge antraten. Durch prachtvollen Hochwald gelangten wir an den Silócki, einen Nebenfluß des Miu. Hier begann ein greulicher Weg über einen höheren Bergrücken. In dem ansteigenden Hohlwege hatte das Unwetter der letzten Nacht fürchterliche Verwüstungen angerichtet. Der angelegte Weg war völlig weggeschwemmt und in ein grundloses Schlammbett verwandelt worden, in dem nachgestürzte Schuttmassen und mitgerissene Bäume ein schauerliches Chaos bildeten. Um vorwärts zu kommen, mußten wir erst mit den Messern einen Tunnel durch das Astwerk schlagen.

Auf der Höhe angelangt, betraten wir ein kleines Grasplateau, auf dessen undurchlässigem Tonboden das Regenwasser kleine Seen gebildet hatte. Auch weiterhin waren die Spuren des Unwetters noch überall ersichtlich; mancher Brückensteg war weggerissen und der Weg auf weite Strecken zerstört.

3½ Stunden waren vergangen, als wir den letzten Hügel überschritten und den schnurgeraden Weg erreicht hatten, der zunächst durch lichteren Wald, dann durch Buschwerk auf freies Land hinauslief. Es wird mir unvergeßlich bleiben, als schließlich die weiten Flächen der Palu-Ebene sich vor meinem Blicke dehnten und das Meer an der Westküste wie ein schmaler Streifen geschmolzenen Silbers aus weiter, weiter Ferne herüberblitzte.

In spitzem Winkel traten die Ausläufer der östlichen und westlichen Hauptgebirge auseinander, um der breiter werdenden dicht bevölkerten Ebene Raum zu geben. Bald hatten wir Sakédi, das erste Palu-Dorf erreicht.

Sakédi ist in der befruchtenden Umarmung zweier Flüsse entstanden, des vom Lindu-Gebirge herabkommenden Gumbása und des fern vom Süden herströmenden Miu, welche sich etwas unterhalb des Ortes vereinigen und unter dem Namen Palu-Fluß ins Meer münden. Der Ort liegt in einer M. H. von 155 m in stickend heißer Sumpfluft und gilt für wenig gesund. Reisbau und Kopra-Gewinnung sind die beiden Haupterwerbsquellen seiner Bewohner. Diese wie alle Paluesen nennen sich selbst Kajeli und ihr Idiom die Kajeli-Sprache. Sie sind ausnahmslos fanatische Anhänger der Lehre Mohammeds; doch halten sie unbewußt an vielen altheidnischen Bräuchen fest und üben sie bis auf den heutigen Tag.

Ein Regierungs-Pasangrahan mit daneben gelegenen Mannschaftsquartieren bot uns in Sakédi gute Unterkunft.

+Sakédi -- Sidóndo+, den 24. November.

Die Nähe der Küste lockte unwiderstehlich, und es bedurfte heut keiner besonderen Aufmunterung zur Eile. Alle Mann waren frühzeitig auf dem Posten. In taufrischer Morgenstunde setzten wir auf einem Fährboot über den Palu-Fluß, dessen schilfbestandene Ufer Entenflüge, Reiher und gravitätisch stolzierende Störche belebten. Wir kreuzten die hier noch schmale Ebene und setzten den Weg am Fuße des östlichen Randgebirges auf einer hier beginnenden prächtigen Fahrstraße fort. In kurzen Entfernungen folgten einander mehrere blühende Dörfer, die wir ohne Aufenthalt passierten. Von der Ortschaft Lawára ab traten die Berge weit zurück. Die Straße führte jetzt ziemlich durch die Mitte der Ebene, immer in der Nähe des Palu-Flusses. Anmutig wechselten Wälder und Wiesen. Von allen Seiten ertönte das zärtliche Gurren von Tauben; prachtvoll gefärbte Papageien belebten die hohen Baumkronen, und auch die blütenweißen Gefieder lärmender Kakadus hoben sich reizvoll vom dunklen Grün der Bäume ab. Eine ungemein reiche Falterwelt, wie ich sie im dichten Urwald niemals zu sehen bekommen hatte, erfreute mein Auge. -- Nach Verlauf von 2 Stunden kamen wir durch das Dorf Sibaleia mit weit hingedehnten Kulturen. Weiter ging es durch Feld und Busch. Auf Brachland sah ich große stachelige Kakteen in Mengen beisammen. Ebendaselbst traten auch Fächerpalmen (Corypha sylvestris) in großer Zahl und in allen Stadien der Entwicklung auf. Namentlich die in Blüte stehenden Palmen verliehen der Landschaft ein ungewöhnliches Aussehen.