Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 35
Durch feucht-schwülen Waldgrund, in dem Riesen-Exemplare von Sagopalmen vorkamen, kletterten wir früh 6 Uhr zur Koro-Schlucht hinab. Eine Rotangbrücke von einer etwas abweichenden, aber keineswegs vertrauenswürdigeren Konstruktion führte dort über den tosenden Fluß. Nachdem der zeitraubende Einzelübergang bewerkstelligt war, brachte uns ein kurzer Marsch zur Einmündung des Lempi oder Lampo. Im Tale dieses von Nordost herabkommenden ansehnlichen, aber nun am Ende der Trockenzeit beinahe versiegten Flußlaufes setzten wir den Weg nun reichlich eine Stunde lang fort. So bestechend auch die Vorzüge einer solchen Wanderung mit ihrer Fülle prächtiger Ausblicke und Scenerien erscheinen mögen, so ernüchternd wirken die Beschwerlichkeiten des Weges. Beim Abschneiden der weite Umwege bedeutenden Windungen mußte das Flüßchen unzählige Male gekreuzt werden; außerdem war das beständige Gehen auf dem groben Kiesgeröll für die durchweichten Füße eine wahre Tortur. -- Der herrliche Hochwald an den Talrändern des Lampo war reich an riesenhaften Eukalypten.
Durch eine breite Lücke im Walde, eine Rodung mit einem Chaos gestürzter Stämme, verließen wir das steinige Lampo-Tal. Es war ein hartes Stück Arbeit, uns über diese Hindernisse hindurchzuarbeiten. Schließlich kamen wir auf ein hügeliges Plateau mit ausgedehnten Mais-, Taro- und Zuckerrohr-Pflanzungen und bald darauf zu den zugehörigen zerstreut liegenden Feldhüttchen mit unglaublich verwahrlost aussehenden Bewohnern.
Nach kurzer Rast brachen wir wieder auf und verfolgten den geschilderten Weg bis in den angrenzenden Wald. Eine halsbrecherische Kraxelei führte uns einen steilen Abhang hinunter neuerlich zum Koro-Fluß. Dieser machte hier einen gewaltigen Bogen, den wir mit unserem Umgehungsmarsche abgeschnitten hatten. -- Eine kleine Waldlichtung gewährte vom hohen Uferrande aus einen wundervollen Blick in das wildromantische Flußtal. In breitem Bette wälzten sich die Wasser des Koro schäumend und tosend der fernen Westküste entgegen. Die Gewalt des Stromes war so stark, daß das gesprochene Wort nur aus nächster Nähe zu verstehen war.
An dem untersten Astwerk eines Baumkolosses am Rande der Blöße entdeckte ich eine Anzahl von ca. 20 aufgehängten hölzernen, sorgfältig mit Atapstücken zugedeckten Goldwaschschüsseln. Einige davon waren mit dem für Central-Celebes so charakteristischen Signum zweier sich gegenüberstehenden Eberkopfmotive beschnitzt. Die winzigen, kaum fingerstarken Vertiefungen der flach gebogenen Tellermitten, in denen sich beim Auswaschen des Flußsandes die schweren Goldpartikelchen ansammeln, waren bei allen Schüsseln sorgfältig mit Bastpfropfen geschlossen. Die Eingeborenen nennen diese Geräte »dura pangemóa«.
Meine Träger, mit den Reizen des uns noch bevorstehenden Weges schon vertraut, konnten sich nur schwer zur Fortsetzung des Marsches entschließen und hätten am liebsten hier Lager gemacht. Ich bestand aber darauf, heut noch Gimpu, das erste größere Dorf in Kulawi, zu erreichen, und ruhte nicht, bis ich alle unterwegs wußte. Beim Nachfolgen wurde es mir allerdings begreiflich, daß den Leuten der Entschluß schwer gefallen war. Ohne jede Pfadspur gingen wir einfach dem Flußufer nach, das mit ungeheuren Blöcken quarzreichen Granits und des schon früher erwähnten Grünsteines bedeckt war. In ganz eigener Weise erschwerte die Struktur der Rollblöcke, die wie mit einer glänzend schwarzen Kruste überzogen schienen, die Vorwärtsbewegung. Es war unmöglich, darauf Halt zu gewinnen; sie dienten nur als Stützpunkte beim Springen. Wo der Fluß sein Bett in voller Breite ausfüllte, mußten wir an den Böschungen entlang klettern, und wenn nicht einmal Buschwerk einigen Halt gewährte, blieb nichts übrig, als die steilen Ufer hinan zu klimmen und auf Umwegen mit dem Haumesser Zoll für Zoll durch das Dornengerank Bahn zu schaffen, -- eine verzweifelt unangenehme Sache, die mich aus der Sorge um Leute und Gepäck gar nicht herauskommen ließ. Diese Eingeborenen wissen aber die Füße mit einer erstaunlichen Sicherheit zu setzen. Ihre gespreizt stehenden Zehen schienen eine Ansaugefähigkeit wie die der Haftzehen von Lurchen zu haben, so daß, von einigen leichten Verletzungen abgesehen, Träger und Lasten heil aus der Affäre hervorgingen. Zweimal trafen wir unterwegs auf halbzerstörte Hängebrücken. Sich einer davon anzuvertrauen, wäre Selbstmord gewesen.
Ich war es sicher nicht allein, der sich ordentlich beglückt fühlte, als wir endlich nach 2½ Stunden dem Koro-Flußtal dauernd den Rücken kehrten und einen hier beginnenden Fußpfad durch den Wald verfolgten, der mir nach den überstandenen Strapazen ideal vorkam. Auf dem Wege hierher waren meine Leute weit auseinander gekommen. Ohne die Ankunft der Zurückgebliebenen abzuwarten, setzte ich den Marsch mit meinem Dolmetsch und einem Führer fort. Wir kamen dabei bald in bergiges Gelände mit vielen Schluchten und Bachläufen, bis wir gegen 2 Uhr nachmittags auf einem Bergrücken auf eingezäunte Maisfelder stießen. Diese ersten Anzeichen der Nähe menschlicher Wohnungen wurden von uns freudig begrüßt. Hinter dieser angebauten Fläche folgte jetzt eine Strecke dicht verwachsenen Busches. Nachdem wir bereits eine Weile in einem Hohlwege zwischen dessen undurchdringlichen, dornigen Hecken marschiert waren, sahen wir plötzlich den Pfad wenige Schritte vor uns auf eine sehr ungewöhnliche Art versperrt. Der ungeschlachte Riesenschädel eines Wasserbüffels, dessen Körper im Busch verborgen blieb, füllte mit seiner Breite den engen Durchgang und glotzte uns mit tückisch rollenden Augen an. Die Situation war mehr wie unbehaglich, ein Ausweichen nach der Seite unmöglich, ein Zurückgehen bedenklich, da Büffel einen Flüchtenden fast regelmäßig verfolgen. Regungslos harrten wir also des Kommenden. Leider schien das Ungetüm die gleiche Absicht zu haben: es rührte sich nicht vom Flecke. Unser Kulawi-Führer versuchte in den Lauten, die diesen Tieren vertraut sind, es zum Zurückweichen zu bewegen. Aber die Mühe war umsonst. Wie hypnotisiert starrte der Büffel auf uns. Da holte ich meinen Revolver heraus und feuerte rasch nacheinander ein paar Schreckschüsse in die Luft. Das endlich half. Der Koloß prallte mit einem mächtigen Ruck in das Gebüsch zurück, um dort, völlig gedeckt, abermals regungslos stehen zu bleiben. Nun gab es kein weiteres Besinnen. So leise und eilends als möglich, drückten wir uns an der gefährlichen Passage vorüber und blieben denn auch von einer Attacke glücklich verschont.
Bald nahm auch der Busch ein Ende, und freies Bergland lag vor uns, von unserem ungefähr 1100 m hohen Standorte aus einen weiten Blick auf die sich unter und vor uns ausbreitende wunderschöne Landschaft gewährend. In der Tiefe sahen wir das von reichen Kulturen und Palmenhainen umgebene große Kulawi-Dorf Watukáma liegen, nahe bei der Einmündung des Mewe-Flusses in den von Süden her strömenden Koro, den wir hier zum letztenmal zu Gesicht bekamen. Rüstig bergan steigend, näherten wir uns dem in 1230 m M. H. malerisch gelegenen kleinen Kampong Mangkudjáwa. Die Hütten dieses Dörfchens zeichneten sich durch einen bisher noch nicht gesehenen Giebelschmuck aus. Im ganzen Posso-Gebiet waren flügelartig abstehende, mit durchbrochener Schnitzarbeit versehene Planken die charakteristischen Firstabschlüsse gewesen. In Bada wiederum bildeten 3 gegeneinander geneigte künstliche Büffelhörner die Giebelkrönung. Hier in Kulawi fand ich als solche roh nachgeahmte ganze Büffelschädel, deren Hörner aber bis auf ein Drittel ihrer vollen Länge abgestumpft waren.
Von Mangkudjáwa aus stiegen wir zum Mewe-Tal hinab. Der Fluß, dessen Geschiebe sehr goldhaltig sein soll, strömt in breitem, seichtem Bette dem Koro entgegen. Auf einem hohen Hügel jenseits des Mewe lag unser Marschziel Gimpu, wo wir gegen 4 Uhr, etwa 1½ Stunden vor den ersten Nachzüglern eintrafen. Der Marsch hierher hatte außergewöhnliche Anstrengungen erfordert, denen sich nicht alle gewachsen zeigten. Zudem waren 6 Soldaten fieberkrank geworden und in Mangkudjáwa zurückgeblieben.
Gimpu liegt ungefähr im Mittelpunkte der sich mehrere Stunden weit am Mewe-Fluß hinziehenden Kulturflächen, etwa 400 m ü. d. M. Der Ort selbst brachte mir eine arge Enttäuschung. Statt der erwarteten großen Kulawi-Gemeinde fand ich ein unsauberes, aus 7 oder 8 Häusern und einem Lobo bestehendes Dörfchen. Hohes Unkraut überwucherte Weg und Steg und drängte sich ungehindert bis dicht an die Hütten. Eine Ringumwallung mit Bambusgebüsch zog sich um das verwahrloste Nest. Als Quartier sah ich mich wohl oder übel auf den Lobo angewiesen, den ich vor allen Dingen erst auskehren ließ, eine Ehre, die ihm wohl nur selten zu teil geworden war. Auf diesem Lobo befand sich wie auf allen Kulawi-Kulthäusern ein Doppeldach. Etwa ½ m unter dem Schindeldache ist ein zweiter Dachstuhl angebracht. Der Raum zwischen den beiden Dächern ist den das Dorf beschützenden Geistern, den Anitus, geweiht, welche nach dem Glauben der Kulawier dort ihre dauernden Wohnsitze aufschlagen. Die sonstige Bauart und Inneneinrichtung des Lobos entsprach auch hier in allem der schon öfter geschilderten. Ein roher Pfahl mit 3 Kerbstufen führte zum Eingang hinan. Das Tageslicht konnte unter dem weit vorspringenden Dache nur schräg von unten her eindringen, fand jedoch noch durch die offene Tür und reichlich breite Spalten ungehinderten Zutritt. An Geräten enthielt das Geisterhaus nur Trommeln verschiedener Größen. Sie waren aus geraden Stammcylindern gefertigt und mit Anoa-, Büffel- oder Schlangenhaut bespannt. Ihre Ausschmückung bestand in einfachen Zierlinien, die sich um die Mitte der Trommeln herumzogen und in 3 Varianten vorkamen.
Wie hier gleich bemerkt sein mag, glichen die Wohnhütten Gimpus sowie des ganzen Mewe-Tales in ihrer Bauart völlig den in Salu-Boku vorgefundenen. Einen Unterschied machten nur die hier überall angebrachten Plattform-Vorbauten, die sich in ihrem Stil wieder dem von Leboni näherten.
Stark ermüdet und in Schweiß gebadet, machte ich es mir im Lobo alsbald sehr bequem, war aber binnen 5 Minuten derart von Moskitos zerstochen, daß ich Hals über Kopf ins Freie flüchten mußte. Als dann später mit den Trägern auch mein Koch ankam, wurde er angewiesen, im Lobo Feuer zu machen und nicht wie sonst vor, sondern in dem Hause abzukochen, um mit dem Rauche die entsetzlichen Mücken zu vertreiben. Zu Küchenzwecken wurden auch einige Blecheimer voll Wasser hinaufgeschafft, ein Umstand, der für uns von größter Bedeutung werden sollte.
Unsere Ankunft war unter den Talbewohnern rasch bekannt geworden, und von allen Seiten strömten sie zusammen, um den seltenen Gast zu bestaunen, so daß sich der Lobo bald mit Besuchern füllte. Im Gegensatze zu den bisher ausschließlich kennengelernten Inlandstämmen mit brachykephaler Schädelbildung waren die Eingeborenen im Mewe-Tal mit ausgesprochenen Langschädeln ausgestattet und außerdem von so hohem Wuchse, wie man ihn sonst nur bei Hindus findet. Als Sprecher der mich umringenden Besucher fungierte der malayisch sprechende Häuptling eines Nachbardorfes. Dieser versprach mir auch, sich wegen ethnographischer Objekte zu bemühen und morgen wiederzukommen. Die Anwesenden wurden von mir mit Cigaretten regaliert. Als des Fragens aber schließlich gar kein Ende wurde, bedeutete ich ihnen zuguterletzt, daß ich sehr ermüdet sei, worauf sie sich sofort verabschiedeten.
Im Lobo schliefen außer mir nur noch No und Rámang. Meine in Tragkörben verstauten Sammlungen füllten eine der Seitengalerien; auf der entgegengesetzten Seite hatte ich mein Lager aufgeschlagen. Mitten in der Nacht sollte mir ein furchtbares Erwachen bevorstehen. Die vor Angst heiseren Rufe Rámangs: »Túan, túan rumah bákar!« (Herr, das Haus brennt) schreckten mich jäh aus dem Schlafe. Auffahrend sah ich dicht neben meinem Moskitonetz hochlodernde Flammen! Einen Augenblick stand mir das Herz still; dann warf ich mich samt dem Bette instinktiv nach der entgegengesetzten Seite und arbeitete mich aus dem Netz heraus. Es hatte sich nur noch um Augenblicke gehandelt, und das Feuer hätte den leichten Stoff ergriffen, aus dem es dann keine Rettung mehr gab. Die beiden Jungen, völlig kopflos geworden, stierten entgeistert in die Flammen. Mich beherrschte nur der eine Gedanke: meine Sammlungen müßten gerettet werden. Mit einem Satze war ich bei den zum Glück noch halb vollen Eimern (alten Petroleumbehältern) und goß das Wasser mit sorglicher Sparsamkeit um die brennenden Bohlen. Den Boys befahl ich, das Dorf zu alarmieren, und binnen wenigen Minuten kamen aus allen Hütten Leute mit Wasser-Bambusen. Es gelang uns, des Feuers Herr zu werden, das ungefähr in der Mitte des Raumes ein Loch von etwa 1 qm Größe aus dem Bodenbelag ausgebrannt hatte. Wahrscheinlich hatte einer meiner Besucher einen noch brennenden Cigarettenstummel in eine Dielenritze geworfen, und der dazwischen liegende Kehricht hatte zu brennen angefangen. Da von unten her Luftzufuhr kam, glimmte der Funke stundenlang weiter, ohne daß die dicken Bohlen Hartholzes helle Flammen entwickelt hätten. Erst nachdem eine größere Öffnung herausgekohlt war, kam das Feuer durch die Zugluft zum vollen Ausbruch und der helle Schein weckte Rámang gerade noch zur rechten Zeit. Mit unserer Nachtruhe war es jetzt natürlich vorbei. Das ganze Dörfchen war auf den Beinen, und die Stunden bis zum Tagesanbruch vergingen in erregtem Meinungsaustausch über die Entstehungsursache des Brandes.
+Gimpu -- Lemo+, den 19. November.
Der nächtliche Vorfall beschäftigte auch am Morgen noch alle Gemüter. Frühzeitig kamen Leute mit Verkaufsobjekten nach Gimpu, dazu gesellten sich die neuen Träger, und alle wollten orientiert sein, so daß ein reges Leben in dem sonst so stillen Dorfe herrschte.
Unter den angekauften Gegenständen befand sich eine mir neue Art bestickter Frauenjacken aus eingeführtem Gewebe, bei denen die einheimische Fuja nur noch als Besatz Verwendung gefunden hatte. Völlig abweichend war auch der Kopfputz der Frauen und Mädchen, die anstatt der Bastscheitelringe hübsch benähte und mit Glimmerblättchen noch besonders gleißend ausgeputzte Stirnbänder trugen, die rückwärts in einer Fuja-Schleife endeten.
Unter Führung zweier Häuptlinge (Madika) machten wir uns gegen 7 Uhr auf den Weg, die letzte uns noch vom eigentlichen Centrum des Kulawi-Ländchens trennende Strecke zurückzulegen. Einer der Soldaten war so schwer fieberkrank geworden, daß ein Pferd für ihn requiriert werden mußte. Auch mir bot der Madika einen Reitgaul an. Ich lehnte jedoch dankend ab, da mir Reiten das Beobachten erschwert hätte.
Gimpu verlassend, stiegen wir zum Mewe hinab, dessen Tal wir auf fast schnurgeradem schönen Wege aufwärts wanderten. Der Marsch durch die fruchtbaren Landschaften mit ihrem reichen Wechsel an Scenerien war ein seltenes Vergnügen. Während 4 Stunden hatten wir dabei nur einmal einen größeren hügeligen Wald zu passieren. Diesen Hügeln wich der Mewe-Fluß weit nach rechts aus. Wir aber folgten der alten Richtung weiter, bis die Straße am Fuße hoher Bergzüge ein plötzliches Ende nahm. Hier angelangt, bogen wir in das schmale, vielgewundene Tälchen des kleinen Latipu-Flusses ab. Dort begegnete uns ein größerer Trupp Kulawier, die von einem Markt im Hauptdorfe Lemo nach ihren Wohnorten zurückkehrten. Alle waren schlank und groß gewachsen mit etwas derben, aber ausdrucksvollen Gesichtern und leichten Bart-Ansätzen. Zu kurzen Buginesenhosen hatten sie Sitzschürzen aus Fell umgebunden. Ein vorausgehender Bursche trug auf der linken Schulter eine Lanze mit Ziegenhaarschmuck, das in einer Scheide steckende Lanzenblatt nach unten gerichtet. -- Die an Körpergröße ihren Gefährten bedeutend nachstehenden Frauen trugen als ungewöhnlichen Schmuck breite geflochtene Rotangbänder um die Fußknöchel. --
Gegen 1 Uhr überraschte uns im Latiputal ein heftiger Gewitterregen, der mich um meine in den Rückenkörben nur mangelhaft vor Nässe geschützten Sammlungen recht besorgt machte. In aller Eile wurden die Lasten mit allen verfügbaren Tüchern und großen Blättern zugedeckt, so gut es ging. Die Wegebeschaffenheit gewann durch den Regen natürlich nicht an Güte, und als wir bald darauf steile Bergrücken hinanzusteigen hatten, waren die lehmigen Pfade zu Rutschbahnen geworden, deren Beschreiten unmöglich war, so daß wir uns gezwungen sahen, uns abseits im hohen Riede emporzuarbeiten. Über eine Reihe solcher mit Lalang bestandenen Kämme von ca. 800 m Höhe gelangten wir nun wieder allmählich talwärts und endlich zum Rande des gewaltigen Gebirgseinbruches, als welcher sich die kesselförmige Senkung von Kulawi darstellt. Sie lag 300 m unter uns und war von einem Kranze hoher Waldberge umgeben, die nur nach Westen, nach Palu hinüber, einen Ausweg freiließen. Die gestuften Abhänge weit hinan zogen sich die Pflanzungen der Eingeborenen, reizvoll unterbrochen von Palmengärten und zerstreut liegenden Wohnhütten. In dem reich bewässerten Talgrunde tauchten etwa ein Dutzend geschlossener Dörfer wie Inseln aus dem grünen Sawa-Meer empor.
Stärker einsetzender Regen spornte uns zur Eile. Der letzte Teil des Abstiegs in den Kulawi-Kessel war beinahe noch schlimmer als der Anstieg aus dem Latipu-Tal. Mehrere Träger stürzten und rollten samt den Blechkoffern den Hang hinunter, und auch ich selbst kam rascher zu Tale, als in meiner Absicht gelegen hatte. Über das moränenartige breite Flußbett des Nalúa hinweg kamen wir zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Dörfchen Somann, dessen Gärten und Felder hinter starken Umzäunungen lagen. Nachdem wir letztere überklettert hatten, gerieten wir auf die schmalen aufgeweichten Dämme ausgedehnter Sawas. Das Hinüberbalancieren war eine heikle Aufgabe, zu deren erfolgreicher Lösung ich mir selbst gratulierte. Ein Abrutschen in den grundlosen Schlamm der Reisbeete hätte gerade noch gefehlt. Nachdem wir so ziemlich die ganze Talbreite hinter uns hatten, sahen wir auch das Hauptdorf Lemo hoch auf einem Hügel vor uns liegen und dicht dabei, auf glücklich gewählter Stelle mit freiem Ausblick auf das ganze Talgebiet das Gouvernements-Unterkunftshaus. In nicht gerade präsentabler Toilette, aber in bester Laune hielt ich meinen Einzug in das freundliche Logis. Auch meine Soldaten waren in gehobener Stimmung; befand sich doch in Lemo ein ständiges Kommando von 20 Mann, dessen Kaserne in geringer Entfernung im Tale am O-Flusse lag. Dort fanden sie bequeme Unterkunft und Kameraden, und überdies wußten sie einen vollen Ruhetag vor sich.
In Lemo hat ein malayischer Inlandsassistent, der dem Controleur von Palu unterstellt ist, seinen ständigen Aufenthalt. Er erschien alsbald, um sich mir vorzustellen, und vernahm höchlichst überrascht, daß ich von dem fernen Paloppo hierher gekommen war.
+Lemo+, den 20. November.
Der Kulawi-Kessel liegt 569 m ü. M. und hat ein verhältnismäßig rauhes Klima. Trotz seiner geschützten Lage in den Bergen sind die Nächte schon empfindlich kühl, und auch die letzte Nacht hatte der Wind ganz gehörig um das Haus gepfiffen. Die besonders reichliche Bekleidung der Kulawier ist sonach auch hier in den klimatischen Verhältnissen begründet. -- Der heutige Rasttag meiner Leute war für mich ein doppelter Arbeitstag. Außer einer eingehenden Besichtigung des Dorfes wartete meiner die Abfertigung von Dutzenden Verkaufslustiger, die eine Bekanntmachung des Assistenten herbeigelockt hatte. Derselbe war mit einer Kulawierin den Bund »für längere Zeit« eingegangen, welche dafür sorgte, daß ihre Landsleute über alle Vorgänge genügend rasch orientiert wurden. So gingen und kamen nun unaufhörlich Scharen Neugieriger, und Berge von Gegenständen häuften sich in meiner Kammer. In kurzer Zeit war der Rest meiner Tauschartikel an den Mann gebracht. --
Die Freude an grellen Farben und eine unleugbare Putzsucht der Kulawier kamen in kontrastreichen Zusammenstellungen und in den Stickereien ihrer Gewänder voll zum Ausdruck. Selbst die Kleidung der Männer machte hiervon keine Ausnahme (s. Fig. 307). Die kurzen übergeschlagenen Faltenröcke der Frauen waren so ziemlich die einzigen aus Fuja hergestellten Kleidungsstücke. Die Duftbündel wurden hier noch mit bunten Federbüscheln in besonderer Weise verschönt. Verzierung der Gesichter mit Stanniol-Schönheitspflästerchen war eine allgemein geübte Sitte. -- Der Anblick solcherart festlich herausgeputzter Frauengruppen beim nächtlichen Gambero-Tanz erinnerte an ein groteskes Maskenfest. --
Unter meinen Erwerbungen erfreute mich als besonders seltenes Stück ein Rotanghut (tónu-tónu) mit langen seitlichen Flügeln, die aus vielen vertikal nebeneinander gestellten Bambusröhrchen bestanden (Fig. 303). -- Sehr originell war eine Messingfigur von 6½ cm Höhe, einen sehr realistisch modellierten, nackten weiblichen Körper darstellend, die als eine Art glückbringendes Amulett vom Bräutigam der Braut verehrt wird (Fig. 308). -- Als Kuriosum sei ferner noch eine »pamudúka« genannte Frauen-Tabakspfeife erwähnt, deren Gebrauch ausschließlich auf Kulawi beschränkt sein dürfte (s. Fig. 305).
Was die Wohnungen der Lemo-Kulawier anbetrifft, so fand ich sowohl solche, die denen im Mewe-Tal völlig gleich waren, als auch einen abgeänderten Häusertyp, bei dem die vertikalen Verbindungsstützen fehlten und durch weitere Lagen horizontaler Rundhölzer auf höherem Unterbau ersetzt waren. Im allgemeinen erinnerten die Häuschen alle mehr oder weniger an Almenhütten, und ihr Blockhauscharakter dürfte in dem Gebirgsklima seine Erklärung finden. Das Auffallendste an den Lemo-Häusern waren ihre in das Bohlengefüge eingezapften massiven Haustüren, die tagsüber offenstehen und so ziemlich der einzige Lichteinlaß für das Innere sind, nachts aber geschlossen einen zuverlässigen Schutz bieten. An den Wohnungen aller besser Situierten sind diese Türen reich geschnitzt. Das am häufigsten verwendete Motiv war hierbei der Büffelkopf. Eine interessante Abweichung hiervon zeigte die Ornamentik einer von mir gleichfalls in Lemo erworbenen Haustür, deren Schnitzwerk vier geschickt zu einem Ganzen verbundene Sangóris, in Kulaxvi »pararúnki« genannt, darstellte. Um solche Türen aus den Häusern zu entfernen, war es notwendig, mindestens einen ihrer Drehzapfen abzusägen. -- Die Leute sind übrigens sehr stolz auf solche Haustüren und entschließen sich nur schwer zu ihrer Veräußerung. Als ich eine gekaufte Tür herausnehmen ließ, erklärte die Hausfrau weinend, sich von ihrem Manne trennen zu wollen. Hoffentlich besann sie sich später noch eines Besseren.
Die Bewohner von Kulawi unterschieden sich auffällig von denen des Mewe-Tales. Sie waren im Vergleich mit diesen klein und zierlich, schienen aber gewandter und intelligenter. --
Beschneidung durch Incision mittels eines Bambusspanes und Deformierung der Gebisse gehören in Kulawi wie überall in Central-Celebes zu den unerläßlichen Eingriffen.
+Lemo -- Lindu-See+, den 21. November.