Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 31

Chapter 313,372 wordsPublic domain

Das vermaledeite, in ganz widersinniger Weise gewundene Flüßchen kreuzte alle Augenblicke meinen Weg, und ich war erhitzt und dampfend zu x-maligem Durchwaten desselben gezwungen. Dabei geriet ich an so tiefe Stellen, daß mir das Wasser bis zur Achselhöhle ging, so daß ich Revolver und Feldstecher hoch über den Kopf halten mußte, um sie vor Nässe zu bewahren. Außerdem war das Bergwasser empfindlich kühl und die Nachtluft rauh. Ich schwitzte vor stark einsetzender Nervosität und zitterte gleichzeitig vor Kälte. Unverdrossen arbeitete ich mich durch das verfilzte Rohrdickicht bis nahe an die Hügel heran. Hier stieß ich auf einen Büffelpfad und folgte diesem ungeachtet der nicht geringen Gefahr eines Zusammenstoßes mit diesen bösartigen Tieren. Blieb mir auch ein verhängnisvolles Rencontre erspart, so kam ich doch bald zu der bitteren Einsicht, daß ich mich abermals auf einem falschen Wege befand, der mich in eine sumpfige Rohrwildnis führte, aus der mich nur der Rückweg befreien konnte. Das Schilf schlug hoch über meinem Kopfe zusammen, und meine Füße verstrickten sich im Gewirr niedergebrochener Rohre. Kaum mühsam davon befreit und vorwärts stolpernd, sank ich plötzlich bis zur Hüfte im Moor ein. Kalter Schweiß drang mir aus allen Poren, keuchend ging der Atem. Eine Schwächeanwandlung überfiel mich. Halb unbewußt warf ich mich mit dem Oberkörper über das niedergedrückte Rohr, um weiteres Einsinken zu verhüten.

In dieser kritischen Lage durchzuckte mich jählings der Gedanke, daß dieser Augenblick das Ende meiner Reisen sein könnte, und der Selbsterhaltungstrieb riß mich empor. Mit verzweifelter Anstrengung gelang es mir, mich aus dem Moraste herauszuarbeiten. Auf den tief unter Wasser wurzelnden Knollen des Rohres Fuß fassend und mich mit größter Vorsicht weitertastend, erreichte ich völlig erschöpft wieder festeren Boden.

Die Sonne war inzwischen zur Rüste gegangen, und das Zurechtfinden wurde immer schwieriger. Ich zwang meine erregten Nerven gewaltsam zur Ruhe und versuchte, Schritt vor Schritt das Terrain prüfend, den Sumpf zu umgehen. Mit der ruhigen Überlegung schien mir auch das Glück wiederzukehren. Ich gelangte auf ansteigenden Boden und fand hier eine breite, aufwärts führende Büffelspur, der ich nachging. Eine Viertelstunde später hatte ich zwar mit zitternden Knien und wildschlagendem Herzen, aber doch glücklich, einer großen Gefahr entronnen zu sein, den Hügel erklommen. Mit kaltem Schauder sah ich auf das unheimliche schwarze Moor im Kessel unter mir nieder.

So gut es bei dem Dunkel möglich war, suchte ich mich nun zu orientieren und konstatierte erleichterten Herzens, daß der aus der Tiefe heraufführende Büffelsteig auf einen am Rande der Senkung hinführenden Fußweg ausmündete. Nun fühlte ich mich geborgen. Schon nach kurzem Marsche sah ich Kulturen vor mir liegen. Einige Umzäunungen waren noch zu überklettern, dann bemerkte ich hocherfreut endlich, endlich die Umrisse einer menschlichen Behausung aus der Nacht emporragen. Wohl war es nur eine armselige Feldhütte; dennoch durchströmte mich ein warmes Glücksgefühl, als ich mich nach den überstandenen Nöten wieder unter Menschen wußte.

In der Hütte kauerten zwei Frauen und ein paar Kinder vor einem auf dem Feuer brodelnden Kessel. Bares Entsetzen sprach bei meinem unvermuteten Auftauchen aus ihren Zügen, das sich bei den Kindern in einem befreienden Geschrei Luft machte. Ich bemühte mich, die Weiber mit gütlichem Zuspruch zu beruhigen. Nun sie wenigstens kein Gespenst mehr in mir zu erblicken brauchten, kehrte auch den Frauen der Sinn wieder in die Wirklichkeit zurück, und ein aufgeregtes Reden begann, aus dem mir nur eins zweifellos klar wurde, daß wir einander auch nicht ein Wort verstanden. Diese fruchtlosen Verständigungsversuche unterbrach ein eben heimkehrender, etwa 17jähriger Bursche, vermutlich ein Sohn des Hauses. Auch er sprach kein Wort Malayisch, erwies sich aber insofern der Situation mehr gewachsen, als er in mir einen Verirrten sah und auf mein ständig wiederholtes »Watutau«, ins Freie tretend, mit ausgestreckter Hand in die nachtschwarze Ebene wies. In dieser Richtung also mußte der Ort liegen. Ich hätte jetzt wer weiß was gegeben, meinen Dolmetsch No zur Stelle zu haben; doch auch ohne diesen war ich entschlossen, unverzüglich nach Watutau aufzubrechen, zumal in der Hütte nichts für den europäischen Gaumen Genießbares aufzutreiben war. Auf dem Wege dorthin sollte mir der junge Mann, sei es gutwillig, sei es gezwungen, als Führer dienen. Mein oft erprobtes Universalmittel führte auch in diesem schwierigen Falle zu rascher Verständigung. Kaum sah mein hoffnungsvoller Jüngling den vorgehaltenen blanken Dollar vor seinen Augen blitzen, als helle Freude aus seinen Mienen strahlte. Den für mich so ominös gewordenen Namen Watutau wiederholend, machte er kurz kehrt und forderte mich mit einer einladenden Handbewegung auf, ihm zu folgen.

Es war ½-8 Uhr, als wir uns auf den Weg machten. Hätte ich ahnen können, daß mir noch eine dreistündige Anstrengung bevorstand, -- keine noch so verlockende Vorstellung hätte mich nach dem heut Erlebten auf den Weitermarsch nach Watutau gebracht. -- Mein Mentor zog in einem Tempo fürbaß, daß ich bei meiner Ermüdung Mühe hatte, ihm zu folgen. Von der geheimen Angst beherrscht, der Jüngling könnte mir im Dunkel entwischen, suchte ich ihm auf den Fersen zu bleiben. Erst durch Wald, dann Anpflanzungen mit vielen zu übersteigenden Einzäunungen erreichten wir den Talgrund. Dort begegnete uns ein etwa gleichalteriger Kamerad meines Führers, der sich uns ohne weiteres anschloß. Die Sachlage erschien mir nicht ganz unbedenklich. Völlig der Führung der beiden Burschen überlassen, beunruhigte mich der Gedanke, daß die To-Napu von jeher zu den fremdenfeindlichsten Stämmen gehört hatten. Ich hielt es daher für zweckmäßig, meinen Begleitern eine Waffe zu zeigen, und gab ein paar Schüsse aus meinem Revolver ab mit dem Nebenzwecke, dadurch auch meine eigenen, irgendwo in dieser Gegend steckenden Jungen auf mich aufmerksam zu machen.

In der Niederung angelangt, mußten wir durch den heut schon so oft gekreuzten Fluß hindurch, und bald darauf waren wir bei den beiden mir bereits bekannten Lobos angelangt. Als wir nun aber genau den von mir bei meiner ersten Ankunft betretenen Weg weiter verfolgten, genau dieselben Wasserläufe überquerten und schließlich an demselben Scheideweg anlangten, von dem aus meine Irrfahrten ihren Ausgang genommen hatten, wurde es mir klar, daß die holperige, kaum mehr als Pfad anzusprechende, nach rechts in die Steppe abbiegende Wegspur tatsächlich die richtige gewesen war. Ich wußte jetzt, daß ich noch einen langen Marsch vor mir hatte. So rasch es meine müden Beine gestatteten, eilten wir über das kupierte Terrain. Mit Mühe nur vermochte ich die schwachen Silhouetten meiner Führer zu erkennen; zu wiederholten Malen war ich gezwungen, mich von ihnen an den Händen über Moraststellen geleiten zu lassen. Aber noch immer war kein Ende des Weges abzusehen, und Mißtrauen begann aufs neue in mir aufzusteigen. Wohin brachten mich die beiden? -- Ganz unerwartet hörten wir da menschliche Stimmen. Argwöhnisch hielt ich meine Schritte an, bis sich zu meiner nicht geringen Überraschung herausstellte, daß es meine beiden zurückgebliebenen Leute No und der Topebato waren, die sich dicht vor uns befanden. Das war ein erfreuliches Zusammentreffen, und ich war so zufrieden darüber, daß ich das Schelten ganz vergaß. Nachdem sie oben im Gebirge ausgeschlafen hatten, waren sie mir nachgeeilt, hatten mich im Tale bei den zwei Lobos, die bei Wanderungen über das Gebirge als Nachtquartier benutzt zu werden pflegen, vergebens gesucht und waren mir dann trotz Nacht, Hunger und Ermüdung weiter auf dem Wege nach Watutau gefolgt.

Beim Erzählen unserer Abenteuer waren wir unvermerkt tüchtig vorwärts gekommen und sahen nun eine dunkle Masse sich vom nächtlichen Himmel abheben. Ein Dorf lag vor uns, aber noch war es nicht Watutau. Der Ort hieß Lampa und sollte nach Aussage der Leute »dekat«, d. h. nahe bei Watutau liegen.

Meine Uhr zeigte die neunte Stunde, als wir in Lampa eintrafen. Ich hätte nun ohne weiteres hier bleiben können; da ich jedoch erfahren hatte, daß in Watutau ein holländischer Missionar stationiert war, ließ ich mich durch die Aussicht auf ein besseres Quartier verleiten, mich auch der Bewältigung der letzten Teilstrecke noch zu unterziehen. Vorher aber mußte ich etwas genießen, was es auch sein mochte. Mein vernachlässigter Magen ließ sich nicht länger beschwichtigen. In Lampa ragten himmelhohe Kokospalmen zu Dutzenden empor; aber, o Jammer, die an Salzluft gewöhnten Bäume trugen in Napu keine Früchte mehr. Selbst Bananen waren im ganzen Dorfe nicht aufzutreiben. Meine Ansprüche schrumpften bis auf das Begehren nach Maiskolben zusammen; aber auch diese waren nicht zu haben. Ein paar Stengel Zuckerrohr waren schließlich das einzige erhältliche Labsal. Todmüde sank ich, wo ich stand, zu Boden und zermalmte mit heißhungrigem Behagen die saftigen Rohrstücke, die erste Erquickung nach 15stündigem Marsche.

Nach einer Rast von wenigen Minuten den Weg fortsetzend, gelang es uns erst nach einer Stunde, Watutau zu erreichen. In geringer Entfernung von dem Dorfe lag inmitten eines umzäunten Stück Landes ein windschiefer Holzkasten, das mißratene Produkt eines architektonischen Erstlingsversuches des darin hausenden Missionars. Mynheer t. K. war Junggesell und noch dazu ein unpraktisch veranlagter. Ich klopfte ihn um ½-11 Uhr nachts aus dem Bette. Dem unerwarteten Besuch und den Bedürfnissen eines mehr als 16 Stunden auf den Beinen gewesenen halbverhungerten Reisenden stand er leider hilf- und verständnislos gegenüber. Da es in diesem »Heim« am Nötigsten fehlte, hätte ich getrost in Lampa bleiben können; es wäre mir nichts entgangen. Ein Feldbett ohne Matratze, ohne Kissen und Decke bildete schließlich den Pfühl, auf den ich mich in meinen nassen Kleidern strecken konnte, und ich fror die Nacht über erbärmlich.

+Watutau+, den 9. November.

Um 5 Uhr war ich, wohl oder übel dem Beispiele meines Wirtes folgend, wieder auf den Beinen. Eine schneidende Morgenbrise fegte über die Hochebene und machte die Bretterbude in allen Fugen ächzen. Der Frost schüttelte mich, und mit Sehnsucht harrte ich eines wärmenden Frühstückes. Unverbesserlicher Optimist, der ich nun einmal bin, hatte ich mich in so lüsternen Erwartungen böse verrechnet. Im Missionshause von Watutau wurde nicht gefrühstückt. Weniger spartanisch veranlagt, entschloß ich mich dessenungeachtet, um etwas Tee zu bitten. Das heiße Wasser erfüllte seinen Zweck und erwärmte mir den Körper, so daß es mir nun schon leichter fiel, mir die konsistenteren Bestandteile eines landläufigen Frühstücks hinzuzudenken. Nach solcher Illusions-Schwelgerei lud mich mein Wirt ein, ihm zu einem Besuche beim Distriktshäuptling zu folgen. Mein schüchternes Bedenken wegen der frühen Stunde -- es war eben 6 Uhr -- wurde als belanglos zurückgewiesen, und so stand unserer Visite nichts im Wege.

Das originelle, spitzgiebelige Haus des Oberhäuptlings von Napu lag gleich als erstes am Dorfeingange. Die Dachenden liefen in eigentümlich geformte Giebelzierate aus. Aus den Randleisten des Giebels sprangen in regelmäßigen Abständen stilisierte Tierköpfe vor. Eine Treppe führte unter dem weit überhängenden Schindeldache zur lukenartig ausgesparten Tür, deren Niedrigkeit das Eintreten nur bei starkem Bücken erlaubte. Im Innern des Hauses herrschte ein dämmeriges Dunkel. Eine einzige kleine, rechteckige Scharte im schrägen Dache ließ einen spärlichen Lichtschimmer einfallen. Niederes Gebälk, mit Wirtschaftsgeräten behängt und mit Vorräten belegt, mahnte zur Vorsicht beim Umherbewegen. Das Haus barg nur diesen einen Raum, den ringsumlaufende, etwas erhöhte Podeste umzogen. Auf diesen waren an je einer Längs- und Querseite Verschläge abgeteilt, welche die nur durch Tücher abzuschließenden Schlafräume des Häuptlingspaares darstellten. Auf der zweiten Längsseite lagen die Schlafkammern zweier den Wohnraum mit der Familie teilenden Sklavinnen, und das Podium der Eingangsquerwand diente Besuchern als Aufenthaltsraum. Auf ausgebreiteten Matten nahmen wir daselbst Platz. Die Mitte des Gesamtraumes war von der mächtigen Feuerstelle eingenommen. In den freien Gängen um diese herum schlafen etwaige Gäste des Nachts.

Der Kapala Landschapp, wie sein offizieller Titel lautete, war ein junger, etwa 20jähriger Mann, eher klein als groß, mit mädchenhaft weichen Gesichtszügen und mandelförmigen dunklen Augen, bei auffallend heller Hautfarbe -- alles zusammengenommen, ein hübscher Mensch. Seine Gattin, mit feinen hindostanisch anmutenden Gesichtszügen, rassigem Blick und schlanker gerader Nase war ihm nicht nur körperlich bedeutend über den Kopf gewachsen. Sie entstammte einem alten Häuptlingsgeschlecht und soll eine große Mitgift eingebracht haben. Der Stolz des gefürsteten jungen Paares war ein einziger Sprößling, ein Knäblein, welchen die silberne Kette nebst Schamdeckel um die runden nackten Lenden allerliebst kleidete. Im Überschwange zärtlicher Liebe Buláwa (Gold) genannt, tyrannisierte er Eltern und Dienerinnen.

Bei unserem Eintreffen saß die Familie einträchtig mit den Sklavinnen, zwei jungen netten Mädchen, beim Frühstück, wie ich mit ungewöhnlicher Anteilnahme ersah. Der Hausherr empfing uns etwas verlegen, beinahe unterwürfig, die Fürstin völlig unbefangen. Der Oberhäuptling war mit Hose, Jacke und Haupttuch bekleidet. Seine Gattin wie die beiden Sklavinnen, die sich bester Behandlung erfreuten und als zum Hause gehörig betrachtet wurden, trugen häßliche Fuja-Krinolinen, hier Wini genannt, und Kattunjacken. Talergroße, stanniolverzierte Ohrknöpfe steckten in den Ohrlappen der Gebieterin.

Nach der Vorstellung und der gebührenden Bewunderung des Stammhalters entschloß sich die geschmeichelte Mutter, mir ihren berühmten Familienschmuck hervorzuholen. In der Hauptsache bestand derselbe aus sehr schön gearbeiteten buginesischen Goldgeschmeiden, wie Ketten, Spangen, Armbändern etc. Ethnographisch war darunter nichts von besonderem Interesse. Als Bestes erschien mir die Kombination einer zierlich gearbeiteten Halskette aus Goldgliedern mit dazwischen eingefügten korallenähnlichen roten Stücken eines sehr seltenen, angeblich in der Reisähre gefundenen Silikates, dem wundertätige Eigenschaften zugeschrieben werden, und das von den Eingeborenen hochgeschätzt wird. Die gezeigte Kette sollte einen Wert von mehreren Hundert Gulden besitzen.

Das in seiner Eigenart und Beschaffenheit merkwürdigste Stück der besichtigten Schätze war -- ein Haartoupet! Daß man diese in Europa so beliebte und verbreitete Kulturerrungenschaft auf der weltfernen Napu-Hochebene schon seit alter Zeit kennt und als unentbehrlichen Bestandteil weiblichen Festputzes schätzt, dürfte wohl den wenigsten bekannt sein. Dem falschen Haar wird zur Erhöhung des Effektes an jeder Schläfe ein Büschel Hahnenfedern aufgesteckt, deren Fahnen noch auffällig mit den angeklebten rosaroten Flaumfederchen einer Erddrossel geschmückt sind. Als Klebemittel bedient man sich erwärmten Dammars. Erscheint die Napu-Schöne in großer Toilette, so hängen die in den Haareinlagen befestigten Schmuckfederbüschel über den den Haaraufbau krönenden Bastkopfring bis über die Ohren herab, -- ein niedlich und kokett kleidender Kopfschmuck.

Nach längerem Verweilen verabschiedeten wir uns von dem Ehepaar, und Mynheer t. K. schlug mir nun vor, einen Ausflug nach dem bereits gestern abend durchwanderten Lampa zu unternehmen. Nun war ich gestern so viel gelaufen, daß ich heut ohne Bedauern auf den Spaziergang hätte verzichten können. Im stillen hatte ich auch noch immer gehofft, daß unser nach dem ausgedehnten Besuch beim Häuptling zu Hause ein, wenn auch noch so bescheidener Imbiß warten würde. Es blieb beim Wünschen! Meinem Gastgeber waren solche menschlichen Schwächen anscheinend fremd, und so nüchtern, wie man überhaupt nur sein kann, schloß ich mich ihm an. -- Der heftige Morgenwind war mit dem Höhersteigen der Sonne eingelullt, und allmählich wurde es sogar recht warm, so daß ich also an diesem gesegneten Morgen doch noch einmal zu etwas Warmem kam.

Lampa ist eine uralte, mit Ringwällen befestigte Ansiedlung und dürfte das älteste Dorf Napus überhaupt sein. Aus unbekannter Ursache war der Ort vor Jahren von seinen Bewohnern verlassen worden und dann lange Zeit vereinsamt geblieben. Erst in jüngster Zeit hatten eingeborene Familien wieder einige der Hütten in Besitz genommen. Zur Zeit meines Besuches standen etwa zwei Drittel aller Häuser leer und waren großenteils stark verfallen. Nähert man sich von der Ebene her dem Dorfe, so sind von weitem nur dessen gegen 2 m hohe, mit Bambus bepflanzten Umwallungen zu sehen. Bei weiterer Annäherung heben sich dann die altersgrau bemoosten, riesigen Steildächer der Hütten heraus. -- In den Bambusanpflanzungen auf den Lehmwällen waren in regelmäßigen Abständen lebensgroße Schreckfiguren aufgestellt. Das Material zu diesen Puppen bestand aus Arengfasern. Ein viereckiges Stück Fuja, aus dem Augen, Nase und Mund ausgeschnitten waren, markierte das Gesicht. Auch Pisang-Blattscheiden fanden hierzu als Material Verwendung. Ein Bast-Schild nebst einer Rohr-Lanze oder einem ebensolchen Schwert in den Händen vervollständigten die Ausrüstung dieser Dorfwachen, deren Bestimmung es war, Unbefugte vor dem Betreten des Dorfes zu warnen, wie überhaupt Böses und Übles von diesem fernzuhalten.

Auf doppelseitiger Pfostentreppe überkletterten wir den Wall. Das Dorfinnere entsprach den Seltsamkeiten seines Äußeren. Die zahlreichen Hütten mit ihren ungeheuren Spitzdächern und den sonderbaren, aus den Dachrandleisten vorspringenden Schnitzereien ruhten auf soliden Bohlenrosten, deren Pfahlwerk ohne die anderweit übliche Steinunterlage direkt im Boden festgerammt war. -- Auf einige Distanz konnte man glauben, die enormen Giebel reichten bis auf den Boden herab, wie es bei einem im Dorfe aufgefundenen Gebeinhaus, das allein bei den in mehrjährigen Zwischenräumen stattfindenden Totenfesten geöffnet wird, tatsächlich der Fall war. Es bestand nur aus dem unmittelbar dem Erdreich aufsitzenden Dache. Die ungewöhnliche Steilform der Napu-Häuser dürfte in dem ungewöhnlich rauhen Klima der Hochebene und den hier herrschenden heftigen Winden begründet sein. -- Bei Tage gegen die Sonne, nachts gegen Wärmeausstrahlung schützend, dient der hohe Spitzgiebel den fensterlosen Räumen gleichzeitig als Rauchableiter und vermag auch der vehementen Gewalt der Regengüsse besser zu widerstehen als ein flaches Dach. Arg mit Unkraut überwucherte Felder bildeten die Umgebung der verödeten Hütten, während die wieder bewohnten von umfriedeten Gemüsegärtchen umzogen waren. Zwei gewaltig große, nahe beisammen stehende Geisterhäuser, vermutlich die Hauptlobos der Landschaft Napu, lagen in der Mitte des Dorfes. Sie zeigten die typische Bauweise und unterschieden sich nur durch ihre Grasbedachungen von den übrigen schindelgedeckten Häusern.

Über die Hütten Lampas ist nur zu sagen, daß sie im Innern dem Häuptlingshause von Watutau getreulich glichen. Schrecklich unbequem waren die Hütteneingänge, zu denen in Lampa aber nicht Treppen, sondern Kerbpfosten hinanführten. Eine oben am Eingange angebrachte, schräg herausstehende beschnitzte Stütze (tuha) erleichterte das Hineinkriechen in den Türverschlag. Bei Feuersgefahr müssen diese engen und unbequemen Zugänge für die Insassen verhängnisvoll werden, zumal Seitenöffnungen, wie Fenster oder Luken, völlig fehlen. Die Ursache zu einer derartigen Beschränkung der Zugänge wird wohl ebenfalls in dem Bestreben zu suchen sein, sich vor der Nachtkühle zu wahren.

In den Innenräumen der beiden Lobos von Lampa fand ich nichts Außergewöhnliches. Ich hatte den Eindruck, als ob mit der durch das holländische Gouvernement bewirkten strengen Unterbindung der grausamen Kultgepflogenheiten, wie sie in der Marterung und Abschlachtung von Sklaven, Kriegsgefangenen, oder den feigen Überfällen bei Kopfjagden ihren abstoßendsten Ausdruck fanden, auch eine unverkennbare Gleichgültigkeit in religiösen Dingen Platz gegriffen hätte, die sich in einer starken Vernachlässigung und dem Verfall der Geisterhäuser zeigte. Vom Posso-See angefangen bis nach Kulawi hin trat diese Erscheinung besonders auffällig zu Tage.

Bereits im Begriffe, auch den zweiten Lobo zu verlassen, entdeckte ich ein sorgfältig in Matten gehülltes umfangreiches Etwas auf dem oberen Gebälk. Die Bemühungen des uns geleitenden To-Napu, meine Aufmerksamkeit davon abzulenken, erregten meine Neugierde erst recht, und so scheute ich denn weder Staub noch Spinnweben und kletterte zu seinem Verdrusse im Dachstuhl empor. Meine Beharrlichkeit führte zu einem glänzenden Ergebnis. Zwei Gegenstände, wie sie ethnographisch interessanter wohl in Celebes nicht mehr zu finden sind, schälten sich aus den bergenden Hüllen, und es kostete mich Mühe, bei ihrem Anblicke meiner Aufregung Herr zu werden. Es waren zwei uralte, geschnitzte Todánga, Lobo-Schemel, die den Priestern oder Häuptlingen vielleicht schon seit Generationen als Sitze dienen mochten (s. Fig. 253). Die Lehne des größeren zeigte einen frei herausmodellierten Anoakopf, die des zweiten, besonders reich verzierten Schemels einen ebensolchen in Reliefarbeit, sowie einen Affenkopf und zwischen beiden eine ornamentierte Leiste. Eine ebensolche Zierleiste zog sich auch um den Sitzblock des Schemels herum. Wie mir Mynheer t. K., der für ein holländisches Museum sammelte, erzählte, wußte er lange um die Existenz dieser beiden ethnographischen Prachtstücke und hatte sich schon vergeblich die größte Mühe gegeben, sie in seinen Besitz zu bringen. -- Ohne ein Wort zu sagen, ließ ich die Todánga wieder in ihre Hüllen bergen, fest entschlossen, alles daranzusetzen, sie für meine Sammlung zu gewinnen. -- Bei meinen Besuchen im Dorfe erwarb ich später noch eine große Anzahl hübscher bisher noch nicht gesehener Gegenstände, unter denen Sirihmörser mit Pferdekopf-Griffen aus Bein und eingesetzten roten Fruchtaugen zu den originellsten gehörten. Auch »hodánga«, Hüttenhaken zum Aufhängen von Gebrauchsartikeln am Gebälk, erhielt ich in den verschiedensten mir neuen Mustern. Nicht minder interessant waren mir die in Napu gebräuchlichen höchst primitiven Reitsättel, die aus 2 mit Schnüren verbundenen und mit Matten belegten Holzklötzen bestanden. Höchst grausam sind die aus Palu stammenden, mit Stacheln versehenen Messingtrensen der Pferde. Die Zügel derselben bestehen aus einem Rotangbügel, der so knapp um den Hals des Gauls liegt, daß kaum noch die dirigierende Faust des Reiters darunter Platz findet.

Recht befriedigt von den Ergebnissen meiner Einkäufe, traten wir den Rückweg nach Watutau an, nicht ohne daß ich vorher dem heut gerade abwesenden Häuptling des Dorfes die Mitteilung hinterließ, daß ich morgen wiederkäme und ihn dann zu sprechen wünschte. Meine Erwartung bei unserer Heimkehr in Watutau, Militär und Träger vorzufinden, erfüllte sich ebensowenig, wie die vielleicht nicht allzu unbescheidene Annahme, daß mich Herr t. K. als einzige in Frage kommende Persönlichkeit zum Mittagstische einladen würde. Da floh ich die Stätte der Kasteiung und siedelte ins Fremdenhaus des Dorfes über. Mein Dolmetsch No aber wurde nach Eßbarem ausgesandt. Eine Anzahl roh genossener Eier und eine Traube abnorm großer, rotschaliger Pisangs machten dem unfreiwilligen Fasten ein Ende.