Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 30

Chapter 303,341 wordsPublic domain

Prächtige schattige Alleen durchziehen, sternförmig ausstrahlend, die weit hingedehnte Station. Reizende Parkanpflanzungen und als Clou eine hochgelegene Uferpromenade mit malerischen Ausblicken auf Posso-Fluß und Kampong vervollständigen die Sehenswürdigkeiten des Platzes. Schmuck und sauber, mit einem Anstrich von Wohlhabenheit, wennschon jeder Eigenart verloren gegangen, präsentieren sich die unter Grün versteckten Eingeborenenhäuschen im Stile des gewöhnlichen Malayenhauses, wie es für den ganzen Archipel typisch ist. Von ihnen heben sich die zierlich beschnitzten und bemalten Wohnungen der buginesischen Einwanderer als ungleich stilechter vorteilhaft ab.

Der Kaserne gegenüber, die wie überall in Indonesien auch den mehr oder weniger legitimen Weibern der Soldaten und ihren zahlreichen »Früchten eines Schoßes«, wie sich der Malaye poetisch ausdrückt, zur Wohnung dient, haben eine Anzahl der nirgends fehlenden bezopften Söhne des Himmels ihre Läden aufgeschlagen, von wo aus sie Garnison und Eingeborene mit den billigen Quincaillerie-Erzeugnissen westlicher Kultur beglücken. Ihr Hauptgeschäft aber besteht im Aufkaufen der Landesprodukte, hier vor allem Kopra und Rotang, die sie im großen nach China und Europa verfrachten.

Damit ist die Aufzählung alles irgendwie Bemerkenswerten in Posso am Meere -- zum Unterschiede von Posso-See -- beendet. Diese beiden Bezeichnungen schließen übrigens ein niedliches Wortspiel in sich, da das holländische »Posso-Meer« auf deutsch »Posso-See« besagt, während das deutsche »Posso-See« (holld. = Zee) umgekehrt im Holländischen »Posso am Meer« bedeutet.

Posso hat ungeachtet seiner günstigen Küstenlage ein außerordentlich heißes Klima, in dem die Vegetation üppig wie in einem Treibhause zur Entfaltung gelangt. Fast ohne Zutun des Menschen sorgt hier eine allgütige Natur für seinen Unterhalt. Aber auch diesem Eden fehlt die Schlange nicht, die das Glück seiner Bewohner stört. Vor allem sind es Verstand und Gemüt verdüsternde Kultvorstellungen, unter denen die Bevölkerung schmachtet. Nach Mitteilung des Kommandanten treibt speziell der Hexenglauben bösartige Auswüchse. Vieherkrankungen, gehäufte Sterblichkeit und dergl. Geschehnisse werden von den Leuten in vielen Fällen auf Verhexung zurückgeführt. Der Zauberei verdächtige Personen sind ihres Lebens nicht sicher. Während sie früher lebendig verbrannt wurden, greift unter dem strengen holländischen Regime die fanatisierte Bevölkerung zum Meuchelmord, wobei schleichenden Giften die Hauptrolle zufällt. Die Behörde steht solchen Ausbrüchen brutaler Selbsthilfe ziemlich ohnmächtig gegenüber, da die Eingeborenen, durch mehrmals vorgekommene strenge Ahndungen gewitzigt, in größter Heimlichkeit zu Werke gehen. Jeder Aufklärung unzugänglich, bewahrt die Bevölkerung über Akte ihrer Femjustiz unverbrüchliches Stillschweigen, so daß es fast stets unmöglich ist, die Übeltäter zu überführen.

Die wichtigste Obliegenheit während meines Aufenthaltes in Posso war, mir die Zustimmung des Regierungsvertreters zur Fortsetzung meiner Reisen durch die schwierigen und noch nicht völlig pazifizierten Gebiete von Napu und Besoa zu sichern. Herr Hauptmann Massey stand meinem Reiseprojekt freundlich gegenüber, bestand jedoch darauf, mir wiederum eine militärische Eskorte mitzugeben. Ich nahm hiervon dankend Kenntnis und bat nur um Beschleunigung bei der Auswahl der Mannschaften. Dieser Bitte wurde freundlichst willfahrt und als Zeitpunkt meiner Abreise der kommende Morgen festgesetzt. Der gütigen Unterstützung des Herrn Hauptmann Massey verdankte ich auch meinen Dolmetscher, der in der Person eines in Posso wohnenden Malayen aus der Minahassa Namens No-Moningko gefunden wurde. Derselbe beherrschte die Idiome der zu durchziehenden Sprachgebiete vollkommen und erklärte sich nach einigem Zureden bereit, mir bis Palu zu folgen.

+Posso -- Waldbiwak Bambaimpo+, den 7. November.

Der Tag des Aufbruches zu meiner letzten und wichtigsten Reise in Celebes war kaum heraufgedämmert, als sich bereits die 24 Gepäckkulis vor dem Pasangrahan eingefunden hatten. Das Verteilen der Lasten vollzog sich unter dem unvermeidlichen Streit der Leute um die bequemsten Gepäckstücke. Ich überließ die Aufsicht meinem neuen Begleiter No und meinem Jungen, um mich von Herrn Hauptmann Massey zu verabschieden. Mit bestem Danke für die freundliche Aufnahme und die erwiesenen Gefälligkeiten sagte ich ihm Lebewohl, und von seinem wohlgemeinten »Glück auf den Weg« begleitet, gab ich das Zeichen zum Abmarsch.

Dicht vor der Mündung des Posso-Flusses ließen wir uns mittels Fähre übersetzen. Am anderen Ufer zog sich der Weg noch eine Strecke weit durch den Kampong, später durch lichten dünnen Busch in fast schnurgerader Linie nahe dem Meere hin, mit gelegentlichen wunderhübschen Ausblicken auf die tiefblaue Flut.

Nach 2stündigem Marsche erreichten wir Mapane, ein schönes großes Dorf mit ausgedehnten Kokosplantagen, die der Bevölkerung eine mühelose und angenehme Existenz ermöglichen. Die Leute nennen sich hier nach ihrem Stammesnamen Topebato. --

In dem reichen Mapane befand sich auch die Werkstatt eines buginesischen Goldschmiedes, den ich aufsuchte. Meine Erwartungen wurden aber getäuscht; ich fand bei ihm nicht ein interessantes Stück. Eine silberne Tabaksdose, etwa neun Gulden auswiegend, sollte ich mit 30 fl. bezahlen. Das war mir doch etwas zu bunt, und schleunigst schüttelte ich den Staub von meinen Füßen. Man sollte eben an Küstenplätzen keine Einkaufsversuche machen, da man stets überteuert wird.

Am Strande von Mapane, wo Fischerei in größerem Umfange betrieben wird, lagen ganze Reihen von Booten, die mir durch ihre originellen Ausleger bemerkenswert erschienen, welche kurz vor der äußeren Querstange eine starke Biegung nach oben in der Form eines Pferdekummets aufwiesen.

Unsere nächste Station war das benachbarte, gleichfalls sehr bedeutende Dorf Kasigundju, das wir auf guter, aber schattenloser Distriktsstraße in etwa einer Stunde erreichten. Hierselbst wohnte ein holländischer Missionar. Er war zur Zeit meines Eintreffens abwesend, und seine fieberkranke Frau konnte mich nicht empfangen. Im Hause des nunmehr aufgesuchten Dorfvorstehers von Kasigundju wurden mir Kokosnüsse und Pisang zur Erfrischung geboten. Während meines Verweilens bei ihm rief man die neuen Träger zusammen, da in diesem Dorfe Kuliwechsel stattfand. Die Posso-Leute gingen zurück, und Topebatu aus der Umgegend, die bis Napu durchzumarschieren hatten, traten an ihre Stelle. Ihre Vorbereitungen für die Abwesenheit von gut einer Woche zogen sich etwas in die Länge, so daß ich erst mit ca. einstündiger Verspätung von hier aufbrechen konnte.

Mit dem schönen Wege hatte es von Kasigundju ab leider ein Ende, und wir betraten schmale verwachsene Fußpfade. Kurz hinter dem Dorfe scharf nach links abbiegend, wandten wir uns direkt dem Napu-Gebirge zu. Die Überquerung des Salu Puna ging auf einem Fährboote glatt vor sich. Durch Busch und eingefenzte Plantagen ging es drüben weiter, wobei mir die sonderbaren Umzäunungen auffielen. Die hierzu verwandten starken Baumstämme waren nicht in der gewöhnlichen Art aufeinandergelegt, sondern bildeten, vertikal nebeneinander in die Erde gerammt, Palisaden von Manneshöhe. -- Streckenweise stießen wir auf größere Eukalyptenbestände, deren säulengerade schlanke Stämme erst in einer Höhe, welche die der anderen Waldbäume zwergenhaft erscheinen ließ, mächtig ausladende Laubschirme bildeten. Diese bis zur Krone astlosen Waldriesen gewährten mit ihrer völlig glatten und herrlich grün, grau, gelb, rot bis violett gefleckten Rinde und den darauf hin und wider huschenden Sonnenreflexen einen wundervollen Anblick. Der Fuß schritt auf einem Rindenteppich dahin, da sich die Borke dieser stolzen Bäume periodisch in langen schmalen Streifen von oben nach unten abschält. Einen weiteren anmutigen Kontrast in das Grün dieser Küstenwälder brachte ein stattlicher Baum, dessen Blätterreichtum buntgemischt die satte Farbenpracht des jungen Erstlingslaubes mit allen Übergängen bis zu den tiefroten Tinten des Herbstlaubes gleichzeitig in sich vereinte. Große Flüge weißer Kakadus und Gesellschaften bunter, lärmender Papageien belebten die Hochwipfel dieser Urwälder. Wir kamen später noch einmal an einer großen Rodung mit jungen Pisangpflanzen zwischen den wirren Reihen der gefällten und halbverbrannten Baumstümpfe vorüber. Es waren die letzten Anzeichen des bewohnten Geländes. Nunmehr führte der Weg ununterbrochen durch schattigen Wald. Unsere Wanderung wäre noch genußreicher gewesen, hätten wir dabei nicht so häufig Moraststellen angetroffen und unzählige Rinnsale zu durchschreiten gehabt, die von undurchdringlichen Sumpfpflanzen-Gehegen eingefaßt waren. Solche Kräuterwildnisse sind die Lieblingsplätze zierlicher Schmetterlinge sowie farbenprächtiger Käfer, die hier in Unmengen vorkommen.

Eine besondere Merkwürdigkeit dieser Waldzonen waren die mehrfach angetroffenen »surat útan«, die die Skizze auf S. 457 veranschaulicht. Der am Wegrande errichtete Pfosten (Fig. a) mit geradem in einer bestimmten Richtung in den Wald hinein weisenden Querarm bedeutet in der Zeichensprache der Eingeborenen, daß der in der angedeuteten Richtung sich ausbreitende Wald von dem Aufsteller des Wegezeichens in Besitz genommen sei, und daß kein anderer mehr ein Anrecht darauf habe. Der Pfahl mit einem schief nach unten deutenden Querarm (Fig. b) warnt vor einem Betreten des Waldes nach dieser Richtung, da dort messerscharfe Bambusspitzen im Laubwerk des Bodens verborgen sind, wie sie zum Erlegen von Wild an der Erde befestigt werden. Zwei schräggekreuzte abwärtsgerichtete Arme (Fig. c) zeigen an, daß nach den beiden angedeuteten Richtungen hin Fußlanzen angebracht sind, usw.

Je näher wir dem Fuße des Gebirges kamen, desto schlechter und unwegsamer wurde der Pfad, der mit Geröll und Fallholz überschüttet war. Gegen 3 Stunden waren vergangen, als wir an den schmalen Einschnitt des über Felsen hinbrausenden Salu Impo gelangten. Das vom Napu-Gebirge herabstürzende Flüßchen wurde durchwatet. Bald darauf erreichten wir eine waldfreie Einsattelung, hinter welcher unmittelbar das hohe Gebirge anstieg. Der Platz wurde Bambaimpo genannt und war das Ziel unseres heutigen Marsches. Hier rasten regelmäßig die von Napu kommenden oder über das Gebirge dorthin gehenden Wanderer, und eine hier errichtete primitive Baracke dient ihnen als Obdach. Ein käfigartiger Anbau hatte die Bestimmung, als »Herrenlogis« zu dienen. Ich zog es aber vor, im Freien zu bleiben, wo ich mir aus Astwerk ein kleines Gerüst herstellen ließ, das auf 3 Seiten mit Wachstuchplanen umkleidet wurde, und dessen Dach aus dichten Blätterlagen bestand. Zwischen Dach und Wänden blieb dabei genügend Zwischenraum für Luftzutritt. Mit so einfachen Mitteln wurde ein völlig separiertes und ungleich angenehmeres Schlafquartier fertig gemacht, als es der verräucherte Schuppen mit den 40 schwitzenden Insassen gewesen wäre. Ein in unmittelbarer Nähe vorbeifließender kristallklarer Waldbach gewährte ein erfrischendes Bad, und wieder einmal kam es mir so recht deutlich zum Bewußtsein, wie wenig der Mensch eigentlich zu seinem leiblichen Wohlbefinden bedarf.

+Bambaimpo -- Watutau+ (Napu), den 8. November.

Als wir nach ruhiger Nacht in köstlichem Waldesfrieden um 6 Uhr Bambaimpo verließen, um mit dem Anstiege zum Napu-Gebirge zu beginnen, ahnte ich nicht, daß mir der schwerste Marsch meiner Reisen bevorstand, der mir um ein Haar zum Verhängnis geworden wäre.

Eine Reihe von Gründen hatte mich veranlaßt, an der Spitze des Zuges zu marschieren, darunter nicht zum wenigsten der Umstand, daß das mich diesmal begleitende Militär aus etwas phlegmatisch veranlagten Leuten bestand. Das beschauliche Leben in Posso hatte ihnen zweifellos besser behagt als die Beteiligung an meiner Expedition, und im Gegensatz zu meinen früheren Paloppo-Soldaten war es ihnen völlig einerlei, wie weit sie zurückblieben. Zu dieser Feststellung hatten sie bereits am ersten Tage reichlich Gelegenheit gegeben. Heut wiederum schien ihnen der frühe Aufbruch nicht zuzusagen, und da mir verdrossene Mienen auf die Nerven fallen, beschloß ich vorauszugehen.

Nur von meinem Dragoman No, der sich glücklicherweise als ein strammer, ausdauernder Junge erwies, und einem Topebato begleitet, der als Führer zu dienen und nur meine Apparattaschen zu tragen hatte, stiegen wir die sich vor uns aufbauenden Gebirgslehnen hinan.

Dem Bergwalde fehlten die in den Wäldern der Ebene so auffälligen Eukalypten. Dagegen war der Wald reich an Schwämmen, deren ich mehr als 20 verschiedene Species zählte. Nacktes festes Gestein trat nirgends zutage; desto eigenartiger muteten vereinzelt aus dem Pflanzengewirr herausragende würfelförmige Felsbrocken an, die, regellos zerstreut liegend, in dicke Moosschichten eingebettet waren.

Eine Stunde anstrengenden Steigens brachte uns auf den ersten Absatz des Gebirges. In dieser Berg-Einsamkeit lernte ich endlich auch den »burung babi« aus eigener Anschauung kennen, dessen tiefen, weit durch die Wälder schallenden Ruf ich wohl hundertmal gehört hatte. Meiner bisherigen Annahme entgegen war dies keine Buceros-Art, sondern eine große grüne Fruchttaube mit schneeigweißer Brust. Lange nicht mehr vernommenes Affengebell unterbrach die tiefe Stille des Gebirges mit fröhlichem Lärm. Prachtvoll rotgelb gesprenkelte Juliden, trotz ihrer notorischen Ungefährlichkeit von den Eingeborenen als giftige, bösartige Tiere gefürchtet, zogen im moosigen Untergrunde auf die Jagd nach Kerfen. Eine mir bisher noch nicht vor Augen gekommene Art kleiner Landegel unterschied sich durch verhältnismäßig friedliches Betragen vorteilhaft von den blutgierigen Artgenossen in den östlicher gelegenen Gebirgen.

Ohne Unterbrechung stark ansteigend, marschierten wir gegen 3 Stunden durch herrlichen Wald, ehe derselbe ein verändertes Aussehen anzunehmen begann. Stelzenwurzlige Pandanaceen und kletternder Bambus wurden häufiger und häufiger, bis wir nach 4¼stündigem Marsch eine neue Gebirgsabstufung erreicht hatten. Die in wallende Morgennebel gehüllte kleine Blöße war der Rastplatz Nompi-Nompi. Ein festgefügtes Blockhäuschen mit danebengelegenem größeren Schuppen war auf der Mitte des Platzes errichtet, den Verweilenden Unterkunft zu bieten. Auch mir, der ich keine Idee davon gehabt hatte, daß Nompi-Nompi nicht gar weit von Bambaimpo entfernt lag, hatte es der Sergeant als heutiges Marschziel bezeichnet, bei dieser selbstherrlichen Bestimmung die gewohnte Marschleistung zu Grunde legend. Ich war daher nicht wenig überrascht, mich bereits am frühen Vormittag am Ziele zu finden, und die Absicht meiner Leute, in diesem nebelfeuchten Waldloche faulenzend den Tag zu verbringen, kam mir lächerlich vor. Daher gedachte ich nur die Ankunft der ersten Nachzügler abzuwarten, um ihnen meinen Entschluß mitzuteilen, nach Watutau, dem Hauptdorfe von Napu, durchzumarschieren. -- Eine Viertel-, eine halbe Stunde verging; aber kein Laut aus dem Walde unter uns verriet die Annäherung meiner säumigen Gefolgschaft. Da riß mir der Geduldsfaden, und in der allzu optimistischen Voraussetzung, daß sie aus freien Stücken folgen würden, setzten wir den Weg fort.

Durch einen Mooswald, wie er schöner nicht gedacht werden kann, immer höher und höher klimmend, gelangten wir gegen 12 Uhr auf die Paßhöhe des Napu-Gebirges. Hier umfing uns die hehre Größe und verträumte Schwermut einer Moorlandschaft mit ihrem stillen Zauber. Keine der typischen Erscheinungen solcher Moore fehlte. Hier wechselten lichte Laubwälder mit baumlosen Flächen und melancholisch stimmenden dunklen Teichen; dann wieder drängten sich Sträucher und Blumen der Hochgebirgsflora: Rhododendren, Lorbeergebüsch, Kannenpflanzen, Myrtensträucher und Farne. Auch der Vogelwelt schien das Gelände zuzusagen; die lieblichen Weisen der kleinen Sänger ertönten aus dem Buschwerk, Erddrosseln schlüpften hurtig von Zweig zu Zweig, sich an reifen Beeren delektierend, und große grauweiße Schwalben strichen mit gellendem Pfeifen spielend und jagend hin und wider. Dick bepelzte kleine Nager huschten über den Weg, während zahlreiche Fährten und Losungen auch das Vorhandensein größeren Wildes dokumentierten. Unter den in dieser Höhenzone angetroffenen Blüten waren die augenfälligsten und schönsten die zahlreich vorkommender Orchideen, wenngleich viele Arten dieser Familie auch wieder recht unscheinbare Blümchen zeigten. In einer der hoch über dem Erdboden auf Bäumen epiphytisch lebenden Arten der letzteren Kategorie sollte ich die seltsamste aller malayasiatischen Pflanzenformen kennen lernen, eine Myrmecodia-Art, die sogenannte Ameisenpflanze. Einem kurzen Stengel mit 4-5 großen Blättern und unansehnlichen kleinen Blüten sitzt am Grunde ein blasig aufgetriebener stachliger Knollen von tiefbrauner Farbe auf, dessen Inneres ein System von Zellen und Gängen bildet, die kleinen außerordentlich bissigen roten Ameisen zur Wohnung dienen. Das Pflanzengewebe verwandelt sich unter der Einwirkung der Ameisensäure in eine korkige Masse, deren Mulm von den Tierchen herausgeschafft wird. Die großen Mengen kugel- oder beutelförmiger Knollen dieser Ameisenpflanzen, von teilweise bedeutendem Umfange, sahen von fern Kolonien von Webervogelnestern nicht unähnlich.

An 3 Stunden lang durchzogen wir dieses wundersame Gelände, insofern vom Glück begünstigt, als Bewölkung die Hitze milderte und das Gehen auf dem fast ebenen und weichen Boden sehr angenehm war. Plötzlich hörte der Buschwald auf, und wir standen vor einer Kette freiliegender, kahler Höhenkuppen, die in Stufen nach der duftig heraufschimmernden Hochebene von Napu hin abfielen. Von dieser trennte uns noch eine bedeutende Entfernung, so nahe sie auch auf den ersten Blick schien.

Die ausgedehnte Steppenfläche von Napu, die sich dort unten in der Höhe von 1070 m über dem Meere erstreckte, mißt bei einer Länge von 8-10 Stunden ungefähr 4 Stunden in der Breite. Napu dürfte somit die weitaus größte Hochfläche der Insel darstellen. Zwei größere Wasserbecken und bizarr gewundene Flußadern blinkten aus der Tiefe herauf. Ein weit in die Steppe vorspringender niedriger Hügelzug teilte diese herzförmig. Die Umrahmung der Ebene bildeten mittelhohe, von Dunst umflorte Gebirge, deren höchstes das ca. 2000 m hohe, von uns überschrittene Napu-Gebirge war. Zarte blaue Nebelschleier lagerten über der Hochebene, die in der Ferne im Sonnenglast verschwamm.

Ergriffen von der Schönheit des Panoramas konnte ich einen begeisterten Ausruf nicht unterdrücken, fand aber bei meinen Begleitern nicht das leiseste Verständnis. Ihr Empfinden bewegte sich in anderen Bahnen. Gleich mir hatten auch sie seit dem frühen Morgen keinen Bissen mehr zu sich genommen und lagen nun schlapp und todmüde im kurzen Grase.

Als heller Streifen schlängelte sich der schmale Pfad über die weiten, durch tiefe Mulden getrennten grasigen Hügelkämme. Von dem Wunsche erfüllt, an das scheinbar nahe Ziel zu gelangen, und jeden Anflug von Müdigkeit vergessend, ließ ich mich unvorsichtigerweise verleiten, Führer und Dolmetsch ruhig weiterschlafen zu lassen und ganz allein ins Tal hinabzueilen. Eine drängende Unrast war in mir, dieses unbekannteste aller centralen Hochtäler der Insel zu betreten. Mit beflügelten Schritten eilte ich über die langgestreckten Reihen der vor mir liegenden Hügel hinweg, bis sich endlich der Pfad steil und schroff in die Tiefe senkte. Prachtvoller Laubwald bedeckte die Bergflanke. So schnell als möglich kletterte ich bergab, und um ½-5 Uhr stand ich am Fuße der Ausläufer vor einem wilden Gebirgswasser, das sich in starken Krümmungen seinen Weg durch die Felsen gebahnt hatte. Auf einer Strecke von kaum 5 Minuten Weges war der Fluß 3mal mit hölzernen Stegen überbrückt. Diese Stege nahm ich als erstes Anzeichen der Nähe besiedelter Gebiete, und wenn auch zunächst noch nichts von menschlichen Wohnungen zu erblicken war, so wollte ich doch mit dem Warten auf meine zurückgelassenen Begleiter keine Zeit verlieren.

In einem Hohlwege zwischen hohen Schilfwänden des Talgrundes eilte ich rüstig weiter, stets gewärtig, auf Eingeborenenhütten zu stoßen. Irgendwo von links herüber ertönte melodisches Fuja-Gehämmer und Hundegebell. Die Pfadrichtung aber war gerade entgegengesetzt. Endlich tauchten kurz vor mir zwei auf einer Anhöhe gelegene spitzgiebelige Hütten auf. Erwartungsvoll trat ich näher, sah aber tief enttäuscht nur zwei alte, halb verfallene Lobos vor mir liegen. Kein Mensch, kein weiteres Haus war weit und breit zu sehen. Irre konnte ich nicht gegangen sein; denn weithin vor mir war die Weglinie deutlich zu verfolgen. Dennoch wollte sich eine leise Besorgnis bei mir einschleichen.

Unentwegt dem Fußsteig nachgehend, hatte ich einen sumpfigen Taleinschnitt zu überqueren, wobei ich dreimal durch einen ziemlich tiefen Fluß waten mußte, dessen Wasser mir fast bis zu den Hüften reichte. Doch die Erfrischung tat gut, und in der Hoffnung, bald ein Dorf zu erreichen, verdoppelte ich meine Eile. Jenseits der Senkung betrat ich eine hügelige Steppe, auf welcher die Pfadspur undeutlich wurde. Zudem teilte sich der Weg, und ich stand ratlos. Rechts ging es über die Hügel unabsehbar weit in die Steppe hinein; dort vermutete ich also das nahe geglaubte Watutau nicht. Der linksseitige Pfad, welcher dem vom Flusse durchströmten Tale folgte, schien mir der aussichtsvollere zu sein, da hohe Baumgruppen, wie man sie sonst bei Häusern findet, mich in meinen Erwartungen bestärkten. Die Sonne stand schon tief. Ein kühler Steppenwind hatte sich aufgemacht und drang erkältend durch meine oben von Schweiß, unten von Flußwasser durchnäßte Kleidung. Auch mein heut ungewöhnlich stiefmütterlich behandelter Magen begann rebellisch zu werden.

Hastig lief ich eine weitere Stunde und erreichte die erste Baumoase. Erschrocken sah ich mich dort von trügerischem Sumpf umgeben. Hier konnte ich nicht weiter. Unverweilt ging es denselben Weg wieder zurück. Ich fürchtete, mich verlaufen zu haben, und eilte in der Richtung auf die beiden Lobos zu. In der Nähe derselben hatte ich das Fuja-Gehämmer gehört; dort also mußten Menschen zu finden sein. Um mir den Weg abzukürzen, versuchte ich querfeldein zu gehen. Aber jenseits des durchwateten Flusses geriet ich in ein derart zerklüftetes Gelände, daß meine Kräfte beim Klettern zu erlahmen drohten. Mannshohes Schilf verbarg mir die Erdrisse; ein paarmal stürzte ich hinab und konnte mich auf dem lockeren Erdreich der steilen Böschungen nur schwer wieder in die Höhe arbeiten. So durfte es nicht weitergehen. Mit Mühe und Not schaffte ich mir mit meinem Haumesser einigermaßen freie Bahn und gelangte nach diesem vergeblichen Abstecher schweißtriefend und recht entmutigt wieder auf den alten Weg. Nun erinnerte ich mich meines Revolvers und feuerte kurz hintereinander Signalschüsse ab. Nichts rührte sich. Die Gegend war wie ausgestorben, und auch von meinen zurückgebliebenen Leuten war weit und breit nichts zu entdecken. Die Burschen müssen Stunden dort oben am Waldesrande verschlafen haben. Verzweifelt suchte ich mit dem Glase wieder und wieder die Gegend ab und entdeckte nun auf einem Hügel eine gerade zum Himmel aufsteigende dünne Rauchsäule. Sie mußte aus einer Hütte kommen; denn ein Wildfeuer hätte ganz andere Schwaden entwickelt. Die ganze Breite des Taleinschnittes sowie ein schmaler Waldstreifen dahinter trennten mich von der Feuerstelle. Immer länger wurden die Schatten, und Eile tat not, wenn mich nicht die Nacht in dieser Einöde überraschen sollte. Mit letzter Energie machte ich mich aufs neue daran, auf pfadlosem Boden, in gerader Richtung durch dick und dünn loszusteuern.