Part 7
Es war nicht sehr gemütlich auf diesem Hof, obwohl sicher großer Wohlstand herrschte. Der Mann selbst war erster Stortingsersatzmann und hatte sich angewöhnt, abends die Zeitungen zu lesen. Ach, das viele Lesen, das ganze Haus litt darunter, und die Töchter langweilten sich zu Tode. Als Petter heimkam, setzte sich die ganze Familie hin und rechnete aus, ob er seine volle Bezahlung bekommen, und ob er auch die ganze erlaubte Zeit beim Kapitän krank gelegen habe -- die ganze gesetzlich erlaubte Zeit, sagte der Stortingsersatzmann. Als ich das Unglück hatte, eine Fensterscheibe einzuschlagen, die nichts weiter wert war, wurde darüber geflüstert und von allen Seiten unfreundlich zu mir herübergesehen; ich ging deshalb heute zum Landhändler, kaufte eine neue Scheibe und setzte sie mit Kitt wieder ordentlich ein. Da sagte der Stortingsersatzmann: Du hättest dir wegen einer Scheibe nicht soviel Mühe machen brauchen.
Ich war auch nicht wegen der Scheibe zum Landhändler gegangen, im Gegenteil, ich kaufte einige Flaschen Wein, um zu zeigen, daß es mir nicht so sehr auf den Wert von ein paar Fensterscheiben ankomme, und auch eine Nähmaschine, die ich bei meinem Fortgehen den Mädchen schenken wollte. Heute abend konnten wir Wein trinken, morgen war Sonntag, und alle hatten Zeit auszuschlafen. Montag morgen aber wollte ich weiter.
Es sollte anders kommen, als ich gedacht hatte. Die beiden Mädchen waren auf dem Speicher gewesen und hatten in meinem Bündel herumgeschnüffelt; die Nähmaschine und Flaschen hatten ihnen einen Floh ins Ohr gesetzt, sie machten sich Gedanken über diese Sachen und kamen mit Andeutungen. Nur ruhig, dachte ich, seid still, bis meine Zeit kommt!
Am Abend sitze ich mit den Leuten in der Stube und unterhalte mich. Wir waren eben mit dem Essen fertig, und der Hausvater hatte die Brille aufgesetzt, um die Zeitungen zu lesen. Da hört man draußen ein Räuspern. Es ist jemand auf dem Hof draußen, sage ich. Die Mädchen sehen einander an und gehen hinaus. Bald darauf machen sie die Türe auf und bitten zwei junge Männer, hereinzukommen. Nehmt nur irgendwo Platz! sagt die Frau.
Da kam mir der Gedanke, daß diese beiden Bauernburschen wegen meines Weines geholt worden waren, und daß sie die Freunde dieser Mädchen seien. Welch hoffnungsvolle Mädchenblüte, achtzehn, neunzehn Jahre, und schon so flink! Aber es wird eben einfach keinen Wein geben, keine Spur .....
Man spricht vom Wetter, das man jetzt bei der späten Jahreszeit nicht anders erwarten könne, daß man aber leider beim Pflügen durch die Nässe aufgehalten sei. Es kam kein Leben ins Gespräch, und das eine der Mädchen sagte zu mir, ich sei so still, und warum denn?
Wahrscheinlich weil ich fortwandern werde, antwortete ich. Montag früh werde ich schon zwei Meilen von hier weg sein.
Dann bekommen wir wohl heute abend den Abschiedstrunk?
Irgend jemand kicherte über diese Frage: die sei auf mich gemünzt, weil ich so geizig sei und mit dem Wein warte. Mir aber waren diese Mädchen gleichgültig, und es lag mir nichts an ihnen, sonst wäre ich anders gewesen.
Was für einen Abschiedstrunk? Ich habe drei Flaschen Wein gekauft, die ich mitnehmen will.
Willst du den Wein zwei Meilen weit spazieren tragen? fragte das Mädchen unter großem Gelächter. Es gibt doch viele Landhändler auf dem Weg?
Sie vergessen, Fräulein, daß morgen Sonntag ist, und daß da alle Landhändler geschlossen haben, erwiderte ich.
Das Gelächter verstummte, aber die Stimmung gegen mich wurde ob meiner entschiedenen Antwort nicht besser. Ich wandte mich an die Bäuerin und fragte gekränkt, wieviel ich schuldig sei.
Es eile doch nicht? Sei nicht morgen auch noch Zeit dazu?
Doch, es eilt. Ich bin zwei Tage hier gewesen, überlegen Sie sich den Preis.
Sie dachte lange nach, schließlich ging sie hinaus und ließ sich auch ihren Mann nachkommen; sie wollten überlegen.
Als sie so lange ausblieben, ging ich auf den Speicher, packte meine Sachen und trug alles in den Gang herunter. Ich wollte sehr gekränkt tun und schon heute abend meines Weges gehen. Das war eine gute Art, von hier wegzukommen.
Als ich wieder in die Stube trat, sagte Petter:
Du willst doch nicht jetzt bei anbrechender Nacht fort?
Doch. Das habe ich vor.
Ich finde, du solltest nicht so dumm sein und das Geschwätz dieser Gänse beachten.
Herrgott, laß den alten Kerl doch laufen! sagte die Schwester.
Endlich kam der Stortingsersatzmann mit seiner Frau wieder herein. Sie schwiegen hartnäckig und vorsichtig.
Nun, was bin ich also schuldig?
Hm. Das solle ich selbst bestimmen.
Die ganze Gesellschaft war lauter Gesindel, ich wurde ernstlich böse und schleuderte der Frau den nächstbesten Schein hin, den ich zwischen die Finger bekam.
Ist es genug?
Hm. Es sei ja schon ganz viel, aber. Na, es könnte wohl reichen, aber --.
Was habe sie denn bekommen?
Einen Fünfer.
Na, das war vielleicht ein bißchen wenig, ich griff noch einmal in die Tasche.
Nein, Mutter, es war ein Zehner, sagt Petter. Und das ist zuviel, du mußt etwas herausgeben.
Die Alte öffnet die Hand, sieht den Schein an und tut auf einmal sehr erstaunt:
Ja, sagte ich denn nicht, es sei ein Zehner! Ich sah ihn nicht so genau an. Ja, dann also vielen Dank.
Der Ersatzmann begann in seiner Verlegenheit mit den zwei Burschen über die Neuigkeiten in der Zeitung zu sprechen: ein arges Unglück, die Hand in der Dreschmaschine zerquetscht. Die Mädchen taten, als sähen sie mich nicht, in Wirklichkeit aber saßen sie da wie zwei Katzen, mit kurzen Hälsen und messerschmalen Augen. Wozu noch länger dableiben? -- Lebt wohl.
Die Frau kommt mir auf dem Gang nach und will mir gut zureden:
Du könntest uns den Gefallen tun und uns die eine Weinflasche leihen, sagt sie. Es ist so dumm, weil die beiden Burschen dasitzen.
Lebwohl! sage ich nur und bin vollkommen unnahbar.
Ich trug den Sack auf dem Rücken und die Nähmaschine in der Hand, sie war schwer, und der Weg weich; aber trotzdem ging ich mit leichtem Herzen. Das war eine dumme Geschichte gewesen, und ich mußte zugeben, daß ich mich ein wenig schäbig benommen hatte. Schäbig? Keineswegs! Ich bildete ein kleines Komitee mit mir selbst und führte an, daß diese verdammten Mädchen mit *meinem Wein* ein Fest für ihre Liebsten hatten abhalten wollen. Jawohl. Aber war nicht mein Ärger im Grund nur der Ausbruch männlicher Rivalität gewesen: Wären statt der zwei Burschen zwei junge Mädchen eingeladen worden, wäre da nicht der Wein munter geflossen? Sicherlich! Der alte Kerl, sagte sie. Aber hatte sie nicht recht? Ich mußte wohl schon alt geworden sein, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, um eines Pflugbauern willen beiseite gesetzt zu werden .....
Aber mein Ärger verlor sich auf dem mühsamen Weg, das Komitee wurde aufgelöst, und Stunde auf Stunde schleppte ich meine lächerliche Bürde, drei Flaschen Wein und eine Nähmaschine mit mir. Das Wetter war mild und neblig, ich sah die Lichter von den Höfen nicht, ehe ich ganz nahe war; da fuhren dann immer die Hunde auf mich los und hinderten mich daran, in eine Scheune mich einzuschleichen. Es wurde später und später, ich war müde und traurig und machte mir auch Sorgen über die Zukunft. Hätte ich doch nicht soviel Geld für nichts und wieder nichts vergeudet. Ich wollte jetzt die Nähmaschine verkaufen, wollte sie wieder zu Geld machen.
Endlich kam ich an eine Hütte ohne Hund! Aus dem Fenster schimmerte noch Licht, und ich ging geradeaus hinein und bat um Obdach.
28.
Ein kleines Mädchen im Konfirmandenalter saß am Tisch und nähte, sonst war niemand in der Stube. Als ich um Obdach fragte, antwortete sie mit der größten Zutraulichkeit. Ja, sie wolle fragen, worauf sie in den kleinen Raum nebenan ging. Ich rief ihr nach, es würde mir genügen, wenn ich nur hier am Ofen sitzen bleiben dürfe, bis es Tag werde.
Kurz darauf kam das Mädchen mit ihrer Mutter zurück, die noch an ihren Kleidern band und knöpfte. Guten Abend. Sie sei nicht so recht darauf eingerichtet, jemand über Nacht zu behalten, aber ich könne gerne in der Kammer schlafen.
Und wo schlafen Sie dann selbst?
Ach, es sei ja bald Tag. Das Mädchen müsse übrigens noch eine Zeitlang nähen.
Was nähe sie denn? Ein Kleid?
Nein, nur einen Rock. Sie solle ihn morgen in die Kirche anziehen, habe es aber nicht zugelassen daß die Mutter ihr helfe.
Ich bringe meine Nähmaschine herbei und sage im Scherz, ein Rock mehr oder weniger sei keine Sache für ein Ding wie dieses hier! Ich wolle es ihr zeigen!
Ob ich etwa ein Schneider sei?
Nein, ich verkaufe Nähmaschinen.
Ich ziehe die Gebrauchsanweisung hervor und lese, wie wir uns anzustellen haben. Das Mädchen hört lernbegierig zu, sie ist noch ein Kind und ihre dünnen Finger sind von dem Stoff, der abfärbt, ganz blau geworden. Diese blauen Finger sehen so ärmlich aus. Ich hole deshalb den Wein hervor und lade die beiden ein, mit mir zu trinken. Dann nähen wir wieder, ich sitze mit der Gebrauchsanweisung da, und das Mädchen handhabt die Maschine. Sie findet, daß es glänzend gehe und ihre Augen leuchten blank.
Wie alt sie sei?
Sechzehn Jahre. Im vorigen Jahr sei sie konfirmiert worden.
Wie sie heiße?
Olga.
Die Mutter steht da und sieht uns zu und zeigt ebenfalls Lust, auf der Maschine zu nähen, aber so oft sie das tun will, sagt Olga: Paß auf, Mutter, daß du nichts daran verdirbst! Als wir abspulen müssen und die Mutter einen Augenblick das Schiffchen in die Hand bekommt, hat Olga wieder Angst, es könne etwas daran verdorben werden.
Die Frau stellt den Kaffeekessel aufs Feuer und beginnt zu kochen, es wird behaglich und warm in der Stube, diese einsamen Menschen sind sorglos und vertrauensvoll und Olga lacht, wenn ich etwas Komisches über die Maschine sage. Es fiel mir auf, daß keines von ihnen fragte, wieviel die Maschine koste, obwohl sie doch zu verkaufen war, das lag so vollkommen außerhalb ihrer Reichweite. Aber sie fanden es wunderhübsch, sie arbeiten zu sehen.
Eigentlich sollte sie eine solche Maschine haben, die Olga; denn sie stellt sich gut an.
Die Mutter antwortet, sie müsse erst warten, bis sie hinausgekommen sei und eine Zeitlang gedient habe.
Solle sie denn fort und dienen?
Ja, das hoffe sie doch. Sie habe noch zwei andere Töchter, die dienten. Die ließen sich gut an, Gott sei Dank. Olga werde ihre Schwestern morgen in der Kirche treffen.
An der einen Wand hängt ein kleiner zerbrochener Spiegel, an der anderen sind einige billige Bilder von Soldaten auf Pferden und von Fürstenpaaren in großem Staat. Da eines dieser Bilder alt und zerfetzt ist und die Kaiserin Eugenie vorstellen soll, errate ich, daß es nicht erst vor kurzem gekauft ist. -- Woher stammt das Bild?
Daran könne sie sich nicht mehr erinnern. -- Doch, mein Mann hat es wohl einmal bekommen, sagt sie dann.
Hier in der Gegend?
Wenn ich mich nicht täusche, stammt es von Hersaet, wo mein Mann in seiner Jugend gedient hat, antwortete sie. Es ist vielleicht dreißig Jahre her.
Ich habe einen kleinen Plan im Kopf und sage deshalb:
Dieses Bild ist sehr wertvoll.
Als die Frau glaubt, ich wolle sie zum Narren halten, untersuche ich das Bild und erkläre steif und fest, daß dies keine billige Malerei sei.
Die Frau ist durchaus nicht dumm und sagt nur: soso, ob ich das meine? Es habe hier gehangen, seit die Hütte erbaut worden sei. Das Bild gehöre übrigens Olga, schon als sie noch ganz klein war, habe sie es als ihr Eigentum bezeichnet.
Ich tue mystisch und sachverständig und frage, um so recht in die Sache einzudringen:
Und Hersaet, wo liegt das?
Hersaet liegt in der Nachbargemeinde, es sind zwei Meilen bis dorthin. Der Lensmann wohnt dort .....
Der Kaffee ist fertig, und Olga und ich ruhen aus. Jetzt sind nur noch die Haken anzunähen. Ich frage, ob ich die Bluse sehen dürfe, die sie zu dem Rock tragen solle und es zeigt sich, daß es keine richtige Bluse ist, sondern ein gestricktes Tuch. Aber sie hat von ihrer einen Schwester eine abgelegte Jacke bekommen, und diese Jacke soll über das Ganze angezogen werden und alles verstecken.
Olga wächst so sehr in dieser Zeit, daß es keinen Sinn hat, ihr vor dem nächsten Jahr eine richtige Bluse machen zu lassen, höre ich.
Olga näht die Haken an, und das ist bald geschehen. Nun ist sie so schläfrig, daß man es ihr ansieht, und ich befehle ihr deshalb mit gemachter Würde, zu Bett zu gehen. Die Frau fühlt sich verpflichtet, aufzubleiben und mir Gesellschaft zu leisten, obwohl ich auch sie bitte, sich wieder schlafen zu legen.
Ja, nun mußt du dem fremden Mann recht schön für seine Hilfe danken, sagt die Mutter.
Und Olga kommt her und gibt mir die Hand. Ich benutze die Gelegenheit und schiebe sie in die Kammer hinein.
Gehen Sie nun auch schlafen, sage ich zur Mutter. Ich werde doch nicht mehr mit Ihnen schwätzen, denn ich bin müde.
Da sie sieht, daß ich mich beim Ofen ausstrecke und mir meinen Sack als Kissen zurechtschiebe, schüttelt sie lächelnd den Kopf und geht.
29.
Hier habe ich es gut und nett, es ist Morgen, die Sonne scheint durch das Fenster, und Olga und ihre Mutter haben so nasses und glattes Haar, daß es eine wahre Freude ist.
Nach dem Frühstück, das ich mit beiden teile und wobei ich eine Menge Kaffee bekomme, macht sich Olga mit ihrem neuen Rock, dem gestrickten Tuch und der Jacke schön. Ach, diese wunderbare Jacke, zwei Reihen Lastingsknöpfe hatte sie und ringsherum eine Lastingsborte, und am Hals und an den Ärmeln war sie mit Schnüren benäht. Aber die kleine Olga kann sie nicht ausfüllen in keiner Weise. Denn sie ist mager wie ein kleines junges Kalb.
Sollten wir die Jacke nicht schnell an der Seite ein wenig abnehmen, schlage ich vor. Wir haben Zeit dazu.
Aber Mutter und Tochter werfen einander einen Blick zu, es sei Sonntag und da dürfe weder Nadel noch Schere gebraucht werden. Ich verstehe gut, woran sie denken, denn ich selbst dachte in meiner Kindheit genau so, und darum versuche ich, mir mit einer kleinen Freidenkerei zu helfen: es sei etwas ganz anderes, wenn die Maschine nähe, das sei geradeso, wie wenn ein unschuldiger Wagen am Sonntag auf dem Weg dahinrolle.
Aber nein, das verstehen sie nicht. Übrigens sei die Jacke zum Hineinwachsen berechnet, in ein paar Jahren würde sie passen.
Ich denke darüber nach, ob ich nichts habe, was ich Olga beim Fortgehen in die Hand stecken könnte, aber ich habe nichts, ich kann ihr nur ein Kronenstück geben. Sie dankt mir, zeigt den Schilling ihrer Mutter und flüstert mit strahlenden Augen, sie wolle ihn der Schwester bei der Kirche geben. Und die Mutter sagt beinahe ebenso bewegt: Ja, das solle sie tun.
Olga geht in ihrer weiten Jacke zur Kirche, schlendert über die Anhöhe hinunter, die Füße einwärts, die Füße auswärts, wie es sich gerade trifft. Mein Gott, wie süß und nett war sie doch .....
Ist Hersaet ein großer Hof?
Ja, ein großer Hof.
Eine Weile sitze ich da und blinzle mit schläfrigen Augen und treibe Ethymologie. Hersaet konnte Herrensitz bedeuten. Oder, daß ein Herse hier regiert habe. Und die Tochter des Hersen ist die stolzeste Maid im Umkreis, und der Jarl selbst kommt und bittet um ihre Hand. Ein Jahr darauf gebiert sie ihm einen Sohn, der König wird .....
Kurz und gut, ich entschließe mich für Hersaet. Es war ja gleich, wo ich hinging, deshalb wollte ich dorthin. Vielleicht gab es beim Lensmann Arbeit, vielleicht hatte ich Glück, auf jeden Fall waren es fremde Menschen. Und wenn ich mich entschloß, nach Hersaet zu gehen, hatte ich immerhin ein Ziel.
Da ich von der schlaflosen Nacht dösig und dumm bin, erlaubt mir die Frau, daß ich mich auf ihr Bett lege. Langsam wandert eine wunderbare blaue Kreuzspinne an der Wand hinauf, und ich liege da und folge ihr mit den Augen, bis ich einschlafe.
Ein paar Stunden lang schlafe ich, dann erwache ich plötzlich, ausgeruht und frisch. Die Frau kocht das Mittagessen. Ich schnüre mein Bündel, gebe der Frau Geld für die Unterkunft und sage schließlich, daß ich gerne Olgas Bild gegen die Nähmaschine eintauschen möchte.
Die Frau glaubt mir wieder nicht.
Dies sei ja einerlei, entgegne ich, wenn sie zufrieden sei, so sei ich es auch. Das Bild sei wertvoll, ich wisse, was ich tue.
Ich nahm es herab, blies den Staub weg und rollte es sorgfältig zusammen; an der Balkenwand war nun ein helles Viereck zu sehen. Dann nahm ich Abschied.
Die Frau kam mir nach: Ob ich denn nicht warten möchte, bis Olga heimkäme, damit sie mir danken könne? Oh, ob es mir denn gar nicht möglich sei, noch so lange zu warten.
Aber ich hatte keine Zeit. Grüßen Sie Olga und sagen Sie ihr, daß sie die Gebrauchsanweisung durchlesen soll, wenn sie sich mit der Maschine nicht auskennt.
Lange sah mir die Frau noch nach. Ich schlenderte meines Weges und pfiff vor Zufriedenheit über meine Tat vor mich hin. Jetzt hatte ich nur noch das Bündel zu tragen und war ausgeruht, die Sonne schien und der Weg war nun ziemlich trocken. Und schließlich sang ich vor lauter Zufriedenheit über meine Handlungsweise.
Neurasthenie .....
Am nächsten Tag kam ich nach Hersaet. Da das Gut sehr groß und herrschaftlich aussah, wollte ich zuerst vorbeigehen; nachdem ich mich aber ein wenig mit einem der Knechte unterhalten hatte, beschloß ich, mich dem Lensmann vorzustellen. Ich hatte ja schon früher bei reichen Leuten gearbeitet, z. B. bei Kapitäns auf Övrebö.
Der Lensmann war ein kleiner breitschulteriger Herr mit langem, weißem Vollbart und dunklen Augenbrauen. Er hatte einen barschen Ton, aber gutmütige Augen; später zeigte es sich, daß er ein lustiger Mann war, der bisweilen seinen Scherz machte und recht herzlich lachen konnte. Dann und wann fiel es ihm auch wieder ein, sich, seiner Stellung und seinem Wohlstand entsprechend, wichtig zu machen und honette Ambitionen zu haben.
Nein, ich habe keine Arbeit. Wo kommen Sie her?
Ich nannte einige Orte, an denen ich vorbeigewandert war.
Sie haben wohl kein Geld und betteln?
Nein, ich bettle nicht, ich habe Geld.
Ja, dann müssen Sie schon weitergehen. Ich habe wirklich keine Arbeit für Sie, alles ist umgepflügt. Können Sie Zaunpfähle zurechthacken?
Ja.
So. Aber ich mache keine Holzzäune mehr, ich habe jetzt Drahtzäune. Können Sie ein wenig mauern?
Ja.
Schade. Den ganzen Herbst hindurch habe ich Maurer hier gehabt, da hätten Sie mitarbeiten können.
Er stand da und stocherte mit seinem Spazierstock im Boden.
Wie verfielen Sie darauf, hier anzufragen?
Die Leute sagten alle, ich solle nur zum Lensmann gehen, da bekäme ich Arbeit.
So? Ja, ich beschäftige ja immer einen Haufen Leute, jetzt im Herbst waren die Maurer da. Können Sie einen Hühnerhof einzäunen? Das ist nämlich etwas, was kein Mensch in diesem Leben fertig bringt, hahaha. Sagten Sie nicht, Sie seien bei Kapitän Falkenberg auf Övrebö gewesen?
Ja.
Was haben Sie dort getan?
Bäume gefällt.
Ich kenne den Mann nicht, er wohnt ja weit von hier, aber ich habe schon von ihm gehört. Haben Sie Zeugnisse von ihm?
Ich überreichte das Zeugnis.
Kommen Sie mit mir, sagte der Lensmann ohne weiteres.
Er führte mich um das Haus herum und in die Küche.
Gebt dem Mann etwas Ordentliches zu essen, er hat einen weiten Weg hinter sich, rief er .....
Da sitze ich nun in der großen hellen Küche und verzehre die beste Mahlzeit, die ich seit langem bekommen habe. Als ich eben fertig bin, kommt der Lensmann wieder in die Küche.
Sie, Mann, sagte er --
Ich erhob mich sofort und stand kerzengerade da, und er schien diese kleine Höflichkeit nicht zu verachten.
Nein, essen Sie nur weiter, machen Sie erst fertig. Sie sind fertig? Ich habe gedacht ..... Kommen Sie einmal mit.
Er führte mich zum Schuppen.
Sie können mir eine Zeitlang Brennholz im Wald schlagen, was meinen Sie dazu? Ich habe zwei Knechte, aber den einen brauche ich jetzt als Gerichtsboten, da können Sie mit dem andern in den Wald gehen. Wie Sie sehen, habe ich hier Holz genug, aber das kann ja liegen bleiben, davon hat man nie zuviel. Sie sagten, daß Sie Geld hätten. Zeigen Sie her.
Ich zeigte ihm meine Geldscheine.
Gut. Sehen Sie, ich gehöre hier zur Obrigkeit und muß über meine Leute Bescheid wissen. Aber freilich, Sie haben nichts auf dem Gewissen, wenn Sie zum Lensmann kommen, hahaha. Wie gesagt, Sie können sich heute noch ausruhen und dann morgen in den Wald gehen.
Ich bereitete mich auf den morgigen Tag vor, sah meine Kleider nach, feilte die Säge, schliff meine Axt. Handschuhe hatte ich keine, aber das Wetter war ja auch noch nicht dazu angetan, und sonst fehlte mir nichts.
Der Lensmann kam mehrere Male zu mir heraus und schwätzte mit mir über alles mögliche, es machte ihm wohl Spaß, sich mit mir zu unterhalten, weil ich ein fremder Wanderer war. Komm her, Margarethe! rief er seiner Frau zu, die über den Hofplatz ging. Da ist der neue Mann. Ich lasse ihn Brennholz machen.
30.
Es war uns nicht vorgeschrieben worden, aber wir begannen nach eigenem Gutdünken nur Bäume mit vertrocknetem Gipfel zu schlagen, und der Lensmann sagte am Abend, daß es so recht sei. Übrigens würde er uns morgen selbst alles anweisen.
Ich begriff bald, daß diese Arbeit nicht bis Weihnachten dauern würde. So, wie Wetter und Erdboden jetzt waren, mit Frost in den Nächten und ohne Schneefall, schlugen wir jeden Tag eine Masse Bäume um, und es gab keine Hindernisse, die uns aufgehalten hätten. Selbst der Lensmann fand, daß wir Teufelskerle seien bei dieser Waldarbeit, hahaha. Es war leicht, bei diesem alten Mann zu arbeiten, er kam oft zu uns in den Wald und war guter Laune, und da ich ihm seinen Scherz nicht zurückzugeben pflegte, glaubte er wohl, ich sei ein langweiliger aber zuverlässiger Kerl. Er ließ mich jetzt auch Briefschaften zur Post bringen und von dort holen.
Es gab keine Kinder auf dem Hof und auch keine jungen Menschen, außer den Mädchen und dem einen Knecht. An den Abenden wurde die Zeit oft ein bißchen lang. Um mich zu zerstreuen, nahm ich Zinn und Säuren und verzinnte einige alte Töpfe in der Küche. Doch war das bald getan. So verfiel ich eines Abends darauf, folgenden Brief zu schreiben:
Ach, dürfte ich doch dort sein, wo Sie sind, dann würde ich für zwei arbeiten!
Am nächsten Tag sollte ich für den Lensmann zur Post, da nahm ich auch meinen Brief mit und sandte ihn ab. Ich war sehr unruhig, der Brief sah noch dazu ziemlich ärmlich aus, denn ich hatte das Papier vom Lensmann erhalten und mußte seinen aufgedruckten Namen auf dem Umschlag mit einem ganzen Streifen Briefmarken verkleben. Wer doch wüßte, was sie sagen wird, wenn sie den Brief bekommt. Es stand kein Name und kein Ort darin.
Dann arbeiten wir wieder im Wald, der junge Knecht und ich, reden von unseren kleinen Angelegenheiten, plagen uns ehrlich und redlich und kommen gut miteinander aus. Die Tage vergingen. Leider sah ich schon das Ende der Arbeit nahen, hatte aber noch eine kleine Hoffnung, daß der Lensmann etwas anderes für mich finden würde, wenn die Waldarbeit zu Ende wäre. Kommt Zeit, kommt Rat. Nur ungern wollte ich vor Weihnachten wieder auf die Wanderung.
Da stehe ich eines Tages wieder in der Post und bekomme einen Brief. Ich begreife nicht, daß er an mich gerichtet ist und drehe und wende ihn unschlüssig hin und her. Der Posthalter aber, der mich jetzt kennt, liest die Adresse noch einmal und sagt, daß dies mein Name sei, und daß darunter die Adresse des Lensmannes stehe. Plötzlich durchzuckt mich ein Gedanke, und ich greife nach dem Brief. Ja, er gehört mir, ich vergaß ..... es ist ja wahr .....
Und in meinen Ohren läuten Glocken, ich eile auf die Straße hinaus, öffne den Brief und lese:
*Schreiben* Sie mir nicht --
Ohne Namen, ohne Ort, aber so klar und wunderbar. Das erste Wort war unterstrichen.