Part 6
Harald und ich arbeiteten ein paar Stunden lang, er war so lieb und unschuldig in seinem Eifer, und ich für meinen Teil dachte an alles andere, nur nicht an diesen Drachen. Wir knüpften einen viele Meter langen Schweif und klebten und schnürten mit Bindfaden unser Werk zusammen. Fräulein Elisabet kam zweimal heraus und sah uns zu. Vielleicht war sie ebenso süß und niedlich wie früher, aber es kümmerte mich nicht mehr, was sie war, und ich dachte nicht an sie.
Dann ließ man mir sagen, ich solle anspannen. Ich hätte diesem Befehl sofort gehorchen sollen, denn der Heimweg war lang, statt dessen aber sandte ich Harald hinein und ließ bitten, noch eine halbe Stunde warten zu dürfen. Und wir arbeiteten weiter, bis der Drachen fertig war. Morgen, wenn der Kleister trocken war, konnte Harald den Drachen fliegen lassen und ihm mit den Augen folgen und in seinem Gemüt eine ungekannte Erregung verspüren, so wie jetzt ich.
Es ist angespannt.
Frau Falkenberg kommt heraus; die ganze Pfarrersfamilie begleitet sie.
Der Pfarrer und seine Frau erkennen mich beide wieder, beantworten meinen Gruß und sagen einige Worte. Aber ich höre nichts davon, daß ich Knecht bei ihnen werden solle. Und die blauäugige Pfarrersfrau steht da, sieht mich mit ihrem listigen Seitenblick an, als erkenne sie mich wieder, obwohl sie mich schon gestern abend auch gekannt hatte.
Fräulein Elisabet bringt den Eßvorrat und hüllt ihre Freundin ein.
Willst du wirklich nicht mehr zum Zudecken haben? fragt sie zum lettzenmal.
Nein, danke, das ist vollkommen genug. Lebt wohl, lebt wohl.
Seien Sie nun heute ein ebenso guter Kutscher wie gestern, sagt Fräulein Elisabet und nickt auch mir zu.
Wir fahren los.
Der Tag war kalt und rauh, und ich sah sofort, daß die gnädige Frau mit ihrer Decke nicht genügend geschützt war.
Wir fahren Stunde auf Stunde, die Pferde fühlen, daß sie auf dem Heimweg sind und traben unaufgefordert, und da ich keine Fäustlinge habe, werden meine Hände ganz steif um die Zügel. Als wir an einer Hütte vorbeikamen, klopfte die gnädige Frau an die Scheibe, es sei Mittag. Und ganz bleich vor Kälte steigt sie aus.
Wir wollen zu dieser Hütte hinaufgehen und dort essen, sagte sie. Kommen Sie nach, wenn Sie fertig sind, und bringen Sie den Korb mit.
Damit ging sie die Anhöhe hinauf.
Sie will wohl wegen der Kälte in dieser Hütte essen, denke ich; denn sie wird doch wohl keine Angst vor mir haben ..... Ich binde die Pferde an und füttere sie; da es nach Regen aussieht, lege ich ihnen die Öldecken über, klopfe sie schmeichelnd und gehe mit dem Korb zur Hütte hinauf.
Eine alte Frau ist daheim, sie sagt: bitte, komm nur herein! und kocht ihren Kaffee weiter. Frau Falkenberg packt den Korb aus und fragt, ohne mich anzusehen:
Ich soll Ihnen wohl auch heute vorlegen?
Ja, tausend Dank.
Wir essen schweigend. Ich sitze auf einer kleinen Bank bei der Türe und habe meinen Teller neben mir stehen; die gnädige Frau sitzt am Tisch, sieht beinahe die ganze Zeit zum Fenster hinaus und bringt keinen Bissen hinunter. Dann und wann spricht sie ein Wort mit der Frau, dann und wann wirft sie einen Blick auf meinen Teller, ob er etwa leer sei. Die kleine Stube ist so eng, es sind nicht mehr als zwei Schritte von mir bis zum Fenster, so daß wir also trotzdem beieinander sitzen.
Als der Kaffee kommt, habe ich auf meiner Bank keinen Platz mehr für die Tasse, ich sitze da und halte sie in der Hand. Da wendet die gnädige Frau mir ruhig das Gesicht zu und sagt mit niedergeschlagenen Augen:
Hier ist doch Platz.
Ich höre mein Herz laut pochen und murmle etwas:
Danke, es geht ausgezeichnet ..... Ich möchte lieber .....
Kein Zweifel, sie ist unruhig, sie hat Angst vor mir, ich könnte etwas sagen, etwas tun; wieder sitzt sie mit abgewandtem Gesicht ruhig da, aber ich sehe, daß ihre Brust schwer atmet. Sei doch ruhig, denke ich, es soll kein Wort aus meinem elenden Munde kommen!
Ich möchte gerne den leeren Teller und die Tasse auf den Tisch stellen, aber ich fürchte, sie zu erschrecken, wenn ich näher trete, denn sie sitzt beständig mit abgewandtem Kopf da. Ich klirre ein wenig mit der Tasse, um sie aufmerksam zu machen, stelle das Geschirr hin und danke.
Sie versucht ihren hausmütterlichen Ton anzuschlagen:
Wollen Sie nichts mehr haben? Ich verstehe nicht .....
Nein, vielen Dank ..... Soll ich einpacken? Aber ich kann wohl nicht.
Mein Blick fiel auf meine Hände, in der warmen Stube waren sie fürchterlich aufgeschwollen und so unförmig und schwer geworden, daß ich wohl kaum irgend etwas einpacken konnte. Sie erriet, was ich dachte, sah zuerst auf meine Hände, dann zu Boden und sagte, während sie zu lächeln versuchte:
Haben Sie keine Fäustlinge?
Nein, ich brauche keine.
Ich ging an meinen Platz zurück und wartete darauf, daß sie einpacke, damit ich den Korb mitnehmen könnte. Plötzlich dreht sie mir ihr Gesicht wieder zu und fragt, immer noch ohne aufzusehen:
Wo sind Sie her?
Aus dem Nordland.
Pause.
Ich wagte zurückzufragen:
Die gnädige Frau ist schon dort gewesen?
Ja, in meiner Kindheit.
Im selben Augenblick sah sie auf die Uhr, wie um mir weitere Fragen abzuschneiden und mich zugleich an die Zeit zu mahnen.
Sofort stand ich auf und ging zu den Pferden hinaus.
Es war schon etwas dunkel geworden, der Himmel verfinsterte sich, und es fiel nasser Schnee. Heimlich nahm ich meine Decke vom Bock herunter und schob sie unter den Vordersitz im Wagen; als ich das getan hatte, gab ich den Pferden Wasser und spannte sie an. Bald darauf kam Frau Falkenberg den Weg herunter, und ich ging ihr entgegen, um den Korb zu holen.
Wo wollen Sie hin?
Den Korb holen.
Danke, das ist nicht nötig. Es lohnt sich nicht mehr ihn mitzunehmen.
Wir gingen zum Wagen, sie stieg ein, und ich half ihr und packte sie gut ein. Dabei holte ich die Decke unter dem Vordersitz hervor und versteckte die Kanten gut, damit sie sie nicht erkenne.
Nein, wie schön! sagte die gnädige Frau. Wo lag sie denn?
Hier.
Ich hätte noch mehr Decken auf dem Pfarrhof bekommen können, aber die armen Menschen würden sie ja niemals wieder zurückerhalten haben ..... Danke, ich kann gut selbst ..... Nein danke, ich kann selbst ..... Machen Sie sich fertig.
Ich schloß die Wagentüre und stieg auf.
Wenn sie jetzt wieder an die Scheibe klopft, kann es sich nur um die Decke handeln, und da halte ich nicht an, denke ich.
Stunde auf Stunde vergeht, es wird dunkel wie in einem Sack, es regnet und schneit mit zunehmender Heftigkeit, der Weg wird immer aufgeweichter. Dann und wann springe ich vom Bock herunter und laufe neben dem Wagen her, um mich zu erwärmen; meine Kleider triefen.
Wir nähern uns dem Hof.
Hoffentlich ist es nicht so hell, daß sie die Decke erkennt, denke ich.
Aber leider war alles erleuchtet, die gnädige Frau wurde erwartet.
In meiner Not brachte ich die Pferde ein Stück weit vor dem Eingang zum Stehen und öffnete den Wagenschlag.
Warum --! nein, was ist denn!
Ich dachte, Sie würden so freundlich sein hier auszusteigen. Es ist so aufgeweicht ..... die Räder .....
Sie glaubte wohl, ich wolle sie zu irgend etwas verlocken, Gott mag das wissen, sie sagte:
Herrgott, so fahren Sie doch zu!
Die Pferde zogen an, und wir hielten mitten im hellsten Licht.
Emma kam heraus und nahm Frau Falkenberg in Empfang. Die gnädige Frau gibt ihr die Decken, die sie schon vorher im Wagen zusammengelegt hatte.
Danke, sagte sie zu mir. Mein Gott, wie das Wasser an Ihnen herunterläuft!
25.
Eine merkwürdige Neuigkeit erwartete mich: Falkenberg hatte sich beim Kapitän als Knecht verdungen.
Dieses Ereignis warf unsere Verabredung über den Haufen und machte mich einsam. Ich vermochte das Ganze nicht zu begreifen. Aber ich konnte ja auch noch morgen darüber nachdenken. Es wird zwei Uhr nachts, und immer noch liege ich wach da und friere und denke. In dieser ganzen Zeit war es mir unmöglich gewesen warm zu werden, endlich aber gerate ich in Hitze, ich liege in vollem Fieber da ..... Wie sie Angst hatte, gestern, sie wagte nicht, mit mir auf der Landstraße zu essen, und schlug die ganze Zeit die Augen nicht zu mir auf .....
Als ich in einem klaren Augenblick daran denke, daß ich durch meine Unruhe Falkenberg noch aufwecken werde und vielleicht irre reden könnte, beiße ich die Zähne zusammen und springe auf. Ich ziehe meine Kleider wieder an, taumle die Treppe hinunter und laufe in großen Sätzen über die Felder. Nach einer Weile werde ich in den Kleidern warm, ich schlage die Richtung zum Walde ein, zu unserem Arbeitsplatz, und Schweiß und Regen rinnen mir über das Gesicht. Wenn ich jetzt nur die Säge finde, damit ich mir das Fieber aus meinem Körper herausarbeiten kann; das ist eine alte, von mir erprobte Kur. Ich finde zwar die Säge nicht, dafür aber meine Axt, die ich am Samstag abend versteckt hatte, und beginne Bäume zu fällen. Es ist so dunkel, daß ich beinahe nichts sehen kann; aber ich taste dann und wann den Schnitt ab und fälle auf diese Weise mehrere Bäume. Ich triefe von Schweiß.
Als ich genügend erschöpft bin, verstecke ich die Axt am alten Platz; es beginnt zu tagen, und ich laufe heim.
Wo bist du gewesen? fragt Falkenberg.
Ich will nicht, daß er von meiner Erkältung gestern erfährt und vielleicht in der Küche davon spricht, deshalb murmle ich nur, ich wisse nicht genau, wo ich gewesen sei.
Du bist wohl bei Rönnaug gewesen, sagte er.
Ich antwortete Ja, ich sei bei Rönnaug gewesen, wenn er es doch schon erraten habe.
Da war wohl nichts weiter zu erraten, sagte er. Ich für meinen Teil werde nie wieder so etwas tun.
Bekommst du jetzt Emma?
Ja, es sieht so aus. Es ist wirklich ärgerlich, daß du nicht auch hierbleiben kannst. Dann hättest du vielleicht eine von den anderen bekommen können.
Und er spinnt das weiter aus, daß ich vielleicht eines von den anderen Mädchen, welche mir eben gefiele, hätte nehmen können, daß aber der Kapitän keine Verwendung mehr für mich habe. Ich solle morgen nicht einmal mehr in den Wald gehen ..... Weit weg, wie hinter einem Meer von Schlaf, das auf mich zukommt, höre ich Falkenbergs Worte.
Am Morgen ist mein Fieber fort, ich bin ein wenig matt, bereite mich aber doch darauf vor, in den Wald zu gehen.
Du brauchst deinen Arbeitsanzug nicht mehr anzuziehen, sagt Falkenberg. Ich habe es dir doch schon gesagt.
Ach ja, es stimmte ja! Aber ich ziehe ihn doch an, weil die andern Kleider so naß sind. Falkenberg ist ein wenig verlegen, weil er sich von mir getrennt hat; aber er entschuldigt sich damit, daß er geglaubt hätte, ich wolle auf dem Pfarrhof bleiben.
Ja, dann gehst du also nicht mit ins Gebirge? frage ich.
Hm. Nein, schwerlich. Du verstehst wohl selbst, ich habe es satt in der Welt umherzustreunen. Und ich bekomme es nirgends besser als hier.
Ich gebe mir den Anschein, als mache mir das nicht so sehr viel aus und interessiere mich plötzlich für Petter. Der arme Kerl, es sei doch schlimm für ihn, daß er jetzt hinausgeworfen werden solle und heimatlos werde.
Heimatlos! erwidert Falkenberg. Wenn er genau so viel Wochen hier krank gelegen hat, als er nach dem Gesetz berechtigt ist, dann fährt er wieder nach Hause. Er ist ein Bauernsohn.
Dann erklärt Falkenberg, er fühle sich nur noch wie ein halber Mensch, seit wir uns voneinander trennen sollen. Wäre es nicht wegen Emma, würde er dem Kapitän jetzt durchbrennen.
Sieh her, sagte er, die kannst du nun haben.
Was ist das?
Die Zeugnisse. Ich werde nunmehr keine Verwendung dafür haben, dir aber können sie einmal aus einer Klemme helfen. Wenn du vielleicht einmal ein Klavier stimmen willst.
Er reicht mir die Papiere und den Stimmschlüssel.
Da ich aber Falkenbergs gutes Gehör nicht habe, sind diese Dinge wertlos für mich, und ich sage daher, ich könne eher einen Schleifstein stimmen als ein Klavier.
Da kann sich Falkenberg nicht halten vor Lachen und fühlt sich sehr erleichtert, weil ich zum Schluß noch so lustig bin .....
Falkenberg ist fortgegangen. Ich habe Zeit, mich noch ein bißchen zu dehnen und zu strecken und lege mich in den Kleidern aufs Bett, ruhe mich aus und denke. Na, unsere Arbeit war ja zu Ende, wir hätten ja doch fortreisen müssen, ich konnte nicht erwarten, eine Ewigkeit noch hier bleiben zu dürfen. Das einzige, was außer aller meiner Berechnung gelegen hatte, war, daß Falkenberg zurückblieb. Wenn doch ich diese Stellung bekommen hätte, ich würde für zwei gearbeitet haben! Konnte ich nicht Falkenberg bestechen, daß er von seinem Plan abging? Wenn ich es genau betrachtete, hatte ich sogar geglaubt, beim Kapitän ein Unbehagen darüber zu bemerken, daß dieser Arbeitsmann, der denselben Namen trug wie er, auf dem Hof umherging. Aber ich hatte mich offenbar geirrt.
Ich grübelte und grübelte. Soviel ich wußte, war ich doch ein guter Arbeiter gewesen und hatte dem Kapitän niemals einen Augenblick der Arbeitszeit für meine Erfindung gestohlen .....
Ich schlafe wieder ein und erwache durch Schritte, die die Treppe heraufkommen.
Noch ehe ich mich im Bett aufrichten konnte, stand der Kapitän in der Türe.
Bleiben Sie nur liegen, sagte er freundlich und wollte wieder gehen. Na, da ich Sie nun schon einmal geweckt habe, können wir vielleicht abrechnen?
Danke. Wie der Herr Kapitän es wünscht.
Ich will Ihnen etwas sagen, sowohl Ihr Kamerad wie auch ich meinten, Sie würden sich auf dem Pfarrhof verdingen und da ..... Und jetzt ist es auch mit dem guten Wetter vorbei, und man kann im Wald nicht mehr arbeiten; übrigens sind auch nicht mehr viel Bäume übrig. Was ich sagen wollte: ich habe mit Ihrem Kameraden abgerechnet, ich weiß nicht, ob .....?
Ich bin natürlich mit der gleichen Bezahlung zufrieden.
Ihr Kamerad und ich haben uns darüber geeinigt, daß Sie ein wenig mehr für den Tag bekommen sollten.
Davon hatte Falkenberg kein Wort zu mir gesagt, das hatte sicher der Kapitän sich ausgedacht.
Ich habe mit ihm ausgemacht, daß wir halb und halb teilen, sagte ich.
Aber Sie waren doch der Vorarbeiter. Selbstverständlich müssen Sie fünfzig Öre mehr für den Tag haben.
Als ich sah, daß meine Weigerung nicht anerkannt wurde, ließ ich ihn rechnen, wie er selbst es wollte, und nahm mein Geld in Empfang. Ich sagte, es sei mehr als ich erwartet hätte.
Der Kapitän entgegnete:
Das freut mich. Und ich möchte Ihnen auch noch gerne dieses Zeugnis für gut ausgeführte Arbeit geben.
Und er reichte mir das Papier.
Er war ein rechtschaffener und ordentlicher Mann. Von der Wasserleitung, die im Frühjahr gebaut werden sollte, erwähnte er nichts mehr, er hatte wohl seine Gründe dafür, und ich wollte ihn daher nicht gerne damit belästigen.
Er fragte:
Und jetzt gehen Sie also zum Eisenbahnbau?
Nein, ich weiß noch nicht recht.
Na, soso, dann also schönen Dank für Ihre Hilfe.
Er ging zur Türe.
Ich elender Kerl konnte nicht länger an mich halten und fragte:
Der Herr Kapitän wird wohl auch später keine Arbeit für mich haben, im Frühjahr?
Ich weiß nicht, wir müssen sehen. Ich ..... Es kommt darauf an. Wenn Sie in diese Gegend kommen ..... was werden Sie mit Ihrer Maschine machen?
Wenn ich bitten dürfte, daß sie hier stehen bleiben kann --
Selbstverständlich.
Als der Kapitän gegangen war, setzte ich mich auf das Bett. Na, jetzt war’s also aus; ja ja, Gott sei mit uns Allen! -- Es ist neun Uhr, sie ist aufgestanden, sie geht dort drüben in dem Haus umher, das ich hier vom Fenster aus sehen kann. Nun aber fort.
Ich suche mein Bündel hervor und packe ein, ziehe meine nasse Wolljacke über die Bluse und bin fertig. Aber ich setze mich wieder hin.
Emma kommt und sagt:
Bitte schön, das Essen ist fertig!
Zu meinem Schrecken trägt sie meine Decke über dem Arm.
Und dann läßt die gnädige Frau fragen, ob das nicht deine Decke ist?
Meine? Nein. Ich habe meine Decke hier im Bündel.
Emma geht mit der Decke wieder fort.
Ich konnte sie doch nicht als mein Eigentum anerkennen, mochte der Teufel sie holen! ..... Sollte ich hinuntergehen und essen? dann konnte ich mich gleichzeitig verabschieden und mich bedanken. Das würde nicht auffallen.
Emma kommt mit der Decke wieder zurück und legt sie schön zusammengefaltet auf einen Hocker.
Wenn du jetzt nicht gleich kommst, wird der Kaffee kalt, sagte sie.
Warum legst du die Decke dorthin?
Die gnädige Frau hat gesagt, ich solle sie hier hinlegen.
Na, vielleicht gehört sie Falkenberg, murmle ich.
Emma fragt:
Gehst du jetzt fort von uns?
Ja, da du gar nichts von mir wissen willst.
Ach du! sagt Emma und wirft den Kopf zurück.
Ich gehe mit ihr hinunter und in die Küche; während ich am Tisch sitze, sehe ich den Kapitän in den Wald gehen. Ich freue mich darüber, daß er fort ist; vielleicht kommt jetzt die gnädige Frau heraus.
Ich esse und stehe dann vom Stuhl auf. Sollte ich ohne weiteres gehen? Natürlich. Ich sage also den Mädchen Lebewohl und füge bei jeder noch einen kleinen Scherz hinzu.
Ich sollte wohl auch der gnädigen Frau Lebewohl sagen, aber .....
Die gnädige Frau ist drinnen, ich werde --
Emma geht hinein, bleibt einen Augenblick fort und kommt wieder.
Die gnädige Frau hat Kopfweh und hat sich aufs Sofa gelegt. Aber ich soll dich von ihr grüßen.
Auf Wiedersehen! sagen alle Mädchen, als ich gehe.
Ich trage mein Bündel unter dem Arm und verlasse den Hof. Plötzlich fällt mir die Axt ein, Falkenberg wird sie vielleicht vermissen und nicht finden können. Da gehe ich zurück, klopfe an die Küchentüre und gebe wegen der Axt Bescheid.
Während ich den Weg hinuntergehe, wende ich mich ein paarmal um und sehe nach den Fenstern des Hauptgebäudes zurück. Dann ist das Haus außer Sicht.
26.
Den ganzen Tag noch umkreiste ich Övrebö, war auf verschiedenen Höfen und fragte nach Arbeit, ging wie ein Friedloser umher und verfolgte keinen Plan. Das Wetter war kalt und rauh, nur rastloses Wandern hielt mich warm.
Gegen Abend kehrte ich zu meinem alten Arbeitsplatz im Wald des Kapitäns zurück. Ich hörte keine Axtschläge mehr, Falkenberg war heimgegangen. Ich fand die Bäume, die ich in der Nacht gefällt hatte, und mußte über die fürchterlichen Baumstümpfe lachen, die ich da hinterlassen hatte. Falkenberg hatte sicher die Verheerung gesehen und nachgegrübelt, wer der Urheber sein könnte. Vielleicht hatte der gute Falkenberg geglaubt, daß es ein Geist gewesen sei, und war deshalb heimgeflohen, solange es noch Tag war. Hahaha.
Meine Lustigkeit war wohl nicht ganz natürlich, sie schrieb sich von dem Fieber in der Nacht und der nachträglichen Mattigkeit her. Bald war ich auch wieder ganz traurig. Hier auf diesem Fleck hatte sie einmal mit ihrer Freundin gestanden, sie waren zu uns in den Wald gekommen und hatten sich mit uns unterhalten .....
Als es dunkel genug war, ging ich auf den Hof zu. Vielleicht konnte ich heute Nacht noch in der Scheune schlafen, morgen, wenn ihr Kopfweh vorbei war, würde sie dann herauskommen. Ich gehe so nahe hin, daß ich die Lichter sehen kann, dann kehre ich um. Es ist wohl noch zu früh.
Eine Weile vergeht, vielleicht zwei Stunden, ich wandere umher und setze mich hin, wandere und setze mich wieder, dann nähere ich mich wieder dem Hof. Ich konnte doch wirklich in die Scheune gehen und mich dort hinlegen, der erbärmliche Falkenberg sollte sich nur getrauen aufzumucken! Jetzt weiß ich, was ich tun will: ich will, ehe ich hinaufgehe, mein Bündel im Wald verstecken, so daß ich scheinbar nur zurückkomme, um eine Kleinigkeit zu holen, die ich vergessen habe.
Ich gehe weiter in den Wald.
Als ich meine Sachen gut versteckt hatte, wird mir klar, daß ich weder mit Falkenberg noch mit der Scheune und mit dem Bett etwas zu tun habe. Ich bin ein Esel und ein Tor, es ist mir nicht darum zu tun, ein Obdach für die Nacht zu finden, sondern ich will nur einen einzigen Menschen sehen und dann den Hof und die ganze Gegend verlassen. Mein Herr, sage ich zu mir selbst, warst nicht du es, der hinaus wollte in das stille Leben und zu den gesunden Menschen, um deine Ruhe wieder zu gewinnen?
Ich ziehe mein Bündel wieder aus dem Versteck hervor, werfe es auf den Rücken und gehe zum drittenmal auf den Hof zu. Um die Gesindestube mache ich einen Bogen und gelange auf die Südseite des Hauptgebäudes. In der Stube ist Licht.
Und nun nehme ich, trotzdem es dunkel ist, den Sack von der Schulter, um nicht wie ein Bettler auszusehen, schiebe ihn wie ein Paket unter den Arm und nähere mich vorsichtig dem Haus. Nahe genug, bleibe ich stehen. Aufrecht und sicher stehe ich vor den Fenstern, nehme die Mütze ab und verharre so. Drinnen ist niemand zu sehen, kein Schatten. Im Eßzimmer ist es dunkel, die Abendmahlzeit ist vorüber. Es scheint schon spät zu sein.
Plötzlich wird die Lampe im Zimmer gelöscht, und das ganze Haus sieht wie ausgestorben aus. Ich warte ein wenig, dann leuchtet im ersten Stock ein einzelnes Licht auf. Das ist ihr Zimmer! denke ich. Das Licht brennt ungefähr eine halbe Stunde, dann erlischt es. Jetzt hat sie sich schlafen gelegt, Gute Nacht.
Gute Nacht für immer.
Und selbstverständlich werde ich im Frühjahr nicht hierher zurückkehren. Das sollte noch fehlen.
Wieder auf der Landstraße, werfe ich den Sack auf die Schulter und begebe mich auf die Wanderschaft .....
Am nächsten Morgen gehe ich weiter. Ich hatte irgendwo auf dem Heu gelegen und sehr gefroren, weil ich ohne Decke gewesen war. Und außerdem mußte ich noch in der kältesten Zeit vor Tagesanbruch wieder heraus, damit man mich nicht fände.
Ich ging und ging. Nadelbäume und Birken wechseln in den Wäldern ab, und als ich Gruppen von schönem geradstämmigem Wacholder sehe, schneide ich mir einen Stock und lasse mich am Waldrand nieder, um ihn erst zurechtzuschnitzen. Hier und da sitzt noch ein gelbes Blatt an den Bäumen; und die Birken sind über und über mit Kätzchen bedeckt, an denen Regentropfen hängen. Hie und da läßt sich ein halbes Dutzend Vögel auf einer solchen Birke nieder und pickt an den Kätzchen, und dann suchen sie sich einen Stein oder einen rauhen Stamm, um das Harz vom Schnabel zu wetzen. Keines gönnt dem anderen etwas, sie verfolgen, jagen einander, obwohl noch eine Million Kätzchen da ist. Und der Verfolgte flieht nur einfach. Schießt ein kleiner Vogel auf einen größeren zu, zwingt er diesen zur Flucht; selbst eine große Drossel denkt nicht an Widerstand gegen einen Sperling, sondern wirft sich einfach zur Seite. Es muß wohl die große Geschwindigkeit des Angreifers sein, die ihn gefährlich macht, denke ich.
Nach und nach vergeht mein Gefühl der Kälte und des Unbehagens vom Morgen her; es zerstreut mich, die verschiedenen Dinge, denen ich auf meinem Weg begegne, zu beobachten und über alles ein wenig nachzudenken. Am meisten Spaß machten mir die Vögel. Und dann heiterte mich auch der Gedanke auf, daß ich die Tasche voll Geld hatte.
Zufällig hatte mir Falkenberg gestern früh gesagt, wo Petters Heim war, und dorthin lenkte ich nun meine Schritte. Arbeit würde ich ja auf dem kleinen Hof nicht bekommen; aber da ich reich war, lag mir auch die Arbeit zunächst nicht so sehr am Herzen. Petter würde wohl in allernächster Zeit heimkehren und wußte vielleicht Verschiedenes zu erzählen.
Ich richtete es so ein, daß ich am Abend auf Petters Hof kam. Ich bestellte Grüße vom Sohn des Hauses und sagte, daß er auf dem Weg der Besserung sei und bald heimkäme. Und fragte, ob ich übernachten könne.
27.
Ich habe nun schon einige Tage hier gewohnt; Petter ist nach Hause gekommen, aber er weiß nichts zu erzählen.
Und auf Övrebö geht alles gut?
Ja, ich habe nichts anderes gehört.
Sahst du alle miteinander, als du fortgingst? Den Kapitän, die gnädige Frau?
Ja.
Niemand war krank?
Nein. Wer sollte krank sein?
Falkenberg, sage ich. Er klagte, daß er sich die Hand verrenkt habe; aber es ist wohl schon vergangen .....