Unter Herbststernen

Part 5

Chapter 53,882 wordsPublic domain

Ich werde ihn doch noch verprügeln müssen, sagt Falkenberg.

Wen?

Den Lukas .....

Ich machte die Pfeife fertig und ließ sie durch Emma dem Kapitän überbringen. Der Nagel war ganz natürlich geworden, und mit dem guten Werkzeug, das ich bekommen hatte, war es mir auch möglich gewesen, ihn in den Finger einzulassen und ihn an der Unterseite zu befestigen, ohne daß die beiden kleinen Kupfernägel zu sehen waren. Ich war zufrieden mit der Arbeit.

Als wir beim Abendessen saßen, kam der Kapitän mit der Pfeife in die Küche und bedankte sich bei mir. Gleichzeitig sah ich auch Falkenbergs Klugheit bekräftigt: kaum war der Kapitän herausgekommen, als seine Frau die Küche verließ.

Der Kapitän lobte mich wegen der Pfeife und fragte, wie ich den Nagel befestigt habe, er nannte mich einen Künstler und Meister. Die ganze Küche stand da und hörte zu. Und es hatte etwas zu bedeuten, wenn der Kapitän sagte, ich sei ein Meister. Ich glaube, in diesem Augenblick hätte ich Emma bekommen können.

In jener Nacht geschah es, daß ich das Gruseln lernte.

Die Leiche einer Frau kam zu mir herein, streckte ihre linke Hand vor und zeigte sie mir: am Daumen fehlte der Nagel. Ich schüttelte den Kopf, ich hätte einmal einen Nagel gehabt, hätte ihn aber weggeworfen und statt dessen eine Muschel genommen. Die Leiche blieb trotzdem stehen, und ich lag da und fror vor Furcht. Da stammelte ich, ich könne es leider nicht mehr ändern, sie solle in Gottes Namen ihres Weges gehen. Und Vater unser, der du bist im Himmel ..... Die Leiche kam auf mich zu, da hieb ich mit den Fäusten um mich und stieß einen eiskalten Schrei aus, gleichzeitig drückte ich Falkenberg platt an die Wand.

Was ist los? rief Falkenberg. In Jesu Namen --!

In Schweiß gebadet erwachte ich und schlug die Augen auf, ich lag da und sah mit offenen Augen die Leiche ganz langsam in der Dunkelheit des Zimmers verschwinden.

Die Leiche, stöhnte ich. Sie will ihren Nagel wieder haben. Falkenberg richtete sich steil vom Lager auf, hellwach, auch er.

Ich sah sie, sagte er.

Du auch? Sahst du den Finger! Uff!

Ich möchte nicht um viel Geld in deiner Haut stecken.

Laß mich an der Wand liegen! bat ich.

Wo soll dann ich liegen?

Für dich ist es nicht gefährlich, du kannst ruhig vorne liegen.

Damit sie mich zuerst nimmt? Nein, danke. Und Falkenberg legte sich wieder hin und zog sich die Decke über die Augen.

Einen Augenblick erwog ich, ob ich hinuntergehen und mich zu Petter legen sollte; er war schon auf dem Weg der Besserung und würde mich mit seiner Krankheit wohl nicht mehr anstecken. Aber ich getraute mich nicht über die Treppe hinunterzusteigen.

Ich hatte eine schlimme Nacht.

Am nächsten Morgen suchte ich überall nach dem Nagel und fand ihn unter Sägemehl und Hobelspänen auf dem Boden. Auf dem Weg zum Wald begrub ich ihn.

Es fragt sich erst noch, ob du den Nagel nicht wieder dorthin bringen mußt, wo du ihn hergenommen hast, sagte Falkenberg.

Es ist so weit, eine ganze Reise ....

Wenn du nur nicht gemahnt wirst, bis du es tust. Sie will vielleicht nicht hier einen Finger haben und dort einen Nagel.

Aber ich war wieder ganz frech geworden. Das Tageslicht machte mich waghalsig, ich lachte über Falkenbergs Aberglauben und sagte, sein Standpunkt sei von der Wissenschaft aufgegeben worden.

21.

Eines Abends kamen Fremde auf den Hof, und da Petter immer noch schlecht daran war, und der andere Knecht noch ganz jung, mußte ich die Pferde versorgen. Aus dem Wagen stieg eine Dame. Sind die Herrschaften zu Hause? fragte sie. Als das Wagengerassel vernehmbar wurde, zeigten sich Gesichter an den Fenstern, Lampen wurden in Gang und Zimmern angezündet, die gnädige Frau kam heraus und rief: Bist du es, Elisabet? Ich habe dich schon lange erwartet. Willkommen.

Es war Fräulein Elisabet vom Pfarrhof.

Ist *der* hier? fragte sie überrascht.

Wer?

Sie meinte mich. Sie hatte mich wiedererkannt ....

Am Tag darauf kamen die beiden jungen Damen zu uns in den Wald. Anfangs hatte ich Angst, das Gerücht von einem gewissen Ritt auf fremden Pferden sei bis zum Pfarrhof gedrungen, als ich aber nichts davon hörte, beruhigte ich mich wieder.

Mit der Wasserleitung geht es gut, sagte Fräulein Elisabet.

Das ließ sich hören.

Mit der Wasserleitung? fragte die gnädige Frau.

Er hat uns eine Wasserleitung gelegt. Bis in die Küche, und in den ersten Stock hinauf. Wir drehen bloß einen Hahn auf. So etwas solltest du auch haben.

So. Wäre das auch bei uns möglich?

Ich antwortete: Ja, das wäre wohl möglich.

Warum haben Sie es denn meinem Mann nicht vorgeschlagen?

Ich habe es ihm schon gesagt. Er wollte deswegen mit Ihnen sprechen.

Eine peinliche Pause. Nicht einmal diese Sache, die doch vor allem die gnädige Frau anging, hatte er mit ihr besprochen.

Um nur etwas zu sagen, fuhr ich rasch fort:

Für heuer ist es ja auf jeden Fall zu spät. Der Winter würde uns überraschen, ehe wir fertig wären. Aber im Frühjahr dann.

Frau Falkenberg kam mit ihren Gedanken gleichsam von weit her zurück.

Ich erinnere mich jetzt übrigens, daß er einmal mit mir darüber gesprochen hat, sagte sie. Daß wir es uns überlegten. Aber es war zu spät für dieses Jahr ..... Du, Elisabet, ist es nicht ganz lustig, so beim Holzfällen zuzusehen?

Wir benutzten manchmal ein Tau, um den Baum im Fallen zu lenken, Falkenberg hatte nun eben dieses Tau hoch oben an einem Baum befestigt, der unter ihm schwankte.

Warum machen Sie das?

Damit der Baum den richtigen Weg nimmt ..... begann ich zu erklären.

Die gnädige Frau aber wollte mich nicht mehr anhören, sie wiederholte ihre Frage an Falkenberg gewandt und sagte:

Ist es denn nicht gleich, wohin er fällt?

Da mußte Falkenberg antworten:

O nein, wir müssen ihn schon lenken, damit er dort, wo er hinfällt, nicht zu viel Jungwald umbricht.

Hast du gehört? sagte Frau Falkenberg zu ihrer Freundin, hast du seine Stimme gehört? Das ist der Sänger.

Wie ärgerte ich mich, weil ich so viel geredet und ihren Wunsch nicht bemerkt hatte! Ich wollte ihr zeigen, daß ich ihre Zurechtweisung verstand. Und übrigens war ich ja in Fräulein Elisabet und in keine andere verliebt; die war nicht launisch, und sie war ebenso schön wie die andere, ja tausendmal schöner. Ich wollte mich als Knecht bei ihrem Vater verdingen ..... Nun machte ich es mir zur Regel, sooft die gnädige Frau mich ansprach, erst zu Falkenberg und dann zu ihr hinzusehen und mit meiner Antwort zu warten, als fürchte ich, es sei nicht an mir zu antworten. Ich glaube, mein Betragen war ihr ein wenig schmerzlich, und sie sagte einmal mit einem kleinlauten Lächeln: Doch doch, ich habe Sie schon gefragt.

Dieses Lächeln und diese Worte ..... Eine Freude durchwirbelte mein Herz, ich begann mit der ganzen Kraft, die ich mir durch die Übung angeeignet hatte, meine Axt zu schwingen und hieb tiefe Kerben in die Bäume. Und die Arbeit ging wie ein Spiel. Und hie und da hörte ich, wovon gesprochen wurde.

Heute abend werde ich ihnen etwas vorsingen, sagte Falkenberg, als wir allein waren.

Der Abend kam.

Ich stand draußen auf dem Hofplatz und sprach einen Augenblick mit dem Kapitän. Wir hatten noch für drei, vier Tage Arbeit im Wald.

Wo werdet Ihr dann hinreisen?

Zum Eisenbahnbau.

Vielleicht habe ich hier für Euch Verwendung, sagte der Kapitän. Ich will den Weg, der den Hof mit der Landstraße verbindet, verlegen, er ist zu steil, kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen.

Er führte mich auf die Südseite des Hauptgebäudes und begann zu deuten, obwohl es schon etwas zu dunkel war.

Und wenn dann der Weg fertig ist und sonst noch Verschiedenes, dann ist wohl der Frühling da, sagte er. Dann kommt die Wasserleitung dran. Übrigens ist ja auch Petter krank; das kann so nicht weitergehen, ich muß mir eine Hilfe nehmen.

Plötzlich hören wir Falkenberg singen. Im Zimmer brannte Licht, Falkenberg war drinnen, und jemand begleitete ihn am Flügel. Der Wohllaut dieser ungewöhnlichen Stimme flutete zu uns heraus, unwillkürlich erbebte ich.

Der Kapitän stutzte und sah zu den Fenstern auf.

Aber -- sagte er plötzlich, es ist wohl am besten, wir warten auch mit dem Weg bis zum Frühjahr. Wie lange, sagten Sie, haben Sie noch im Wald zu arbeiten?

An die drei, vier Tage.

Gut, dann sagen wir also drei, vier Tage, und machen für heuer ein Ende.

Das ist ein merkwürdig rascher Entschluß, dachte ich.

Ich antwortete:

Den Weg könnte man aber im Winter ebensogut bauen, in mancher Beziehung wäre es sogar besser. Es müssen Steine gesprengt werden, Kies muß angefahren werden --

Ja, das weiß ich schon, aber ..... Nein, nun muß ich hineingehen und zuhören.

Der Kapitän ging hinein.

Ich dachte: Das tut er nun gewiß nur aus Höflichkeit, er will sich nicht absondern, wenn Falkenberg im Zimmer ist. In Wirklichkeit aber hätte er sich lieber mit mir unterhalten.

Wie eingebildet war ich, und wie irrte ich mich!

22.

Ich hatte nun die meisten Teile meiner Säge fertig und konnte sie zusammensetzen und ausprobieren. Bei der Scheunenbrücke stand noch der Stumpf einer vom Wind umgebrochenen Espe. Ich befestigte den Apparat an diesem Stumpf und überzeugte mich sofort, daß die Säge schnitt. Nun also, schweigt stille, Ihr Kleinen, die Aufgabe ist gelöst! Als Sägeblatt hatte ich mir ein Ungeheuer von einer Zimmermannssäge gekauft, die ich dann am ganzen Rücken mit Zähnen versah; diese Zähne griffen während des Sägens in ein kleines Zahnrad ein, das wegen der Reibung angebracht war und von der Feder vorgedrückt wurde. Die Druckfeder hatte ich ursprünglich aus einer breiten Korsettschiene hergestellt, die ich von Emma bekommen hatte; es zeigte sich aber bei den Proben, daß sie zu schwach war, so spannte ich mir eine neue Feder aus einem Sägeblatt, das nur sechs Millimeter breit war, und an dem ich zuvor die Zähne abgeschliffen hatte. Diese neue Feder aber drückte zu stark. Da mußte ich mir helfen, so gut es eben ging, ich zog die Feder nur halb auf und spannte sie, wenn sie abgelaufen war, immer wieder nur zur Hälfte.

Leider waren meine theoretischen Kenntnisse ungenügend. Ich mußte allerlei Versuche anstellen, und das hinderte mich sehr in meiner Arbeit. Auf diese Weise hatte ich auch die konische Auswechslung, die zu schwerfällig arbeitete, vollständig verwerfen und den ganzen Apparat nach einem einfacheren System umbauen müssen.

Es war ein Sonntag, als ich meine Maschine an dem Espenstumpf befestigte; das neue, weiße Holzwerk und das schimmernde Sägeblatt blinkten in der Sonne. Bald zeigten sich Gesichter in den Fenstern, und der Kapitän kam heraus. Er antwortete nicht einmal, als ich grüßte, so starr sah er schon im Näherkommen auf die Maschine.

Nun, wie macht es sich?

Ich ließ die Säge arbeiten.

Sieh, sieh, wahrhaftig --!

Die gnädige Frau und Fräulein Elisabet kamen heraus, alle Mädchen kamen heraus, Falkenberg kam heraus. Und ich ließ die Säge arbeiten. Nun also, schweigt jetzt nur stille, Ihr Kleinen alle!

Der Kapitän sagte:

Dauert es nicht zu lange, bis man diesen Apparat jeweils am Baum befestigt hat?

Man wird durch ein weit leichteres Arbeiten etwas von der Zeit wieder einholen. Hier wird man niemals ausschnaufen müssen.

Warum nicht?

Weil der *Druck gegen die Seite* von einer Feder besorgt wird. Dieser Druck gerade ermüdet am meisten.

Und die übrige Zeit?

Ich habe vor, die ganze Schraube wegzulassen und an ihrer Stelle eine Zwinge zu setzen, die durch ein paar Schläge mit dem Rücken der Axt befestigt werden kann. Die Zwinge hat eine Reihe von Haken und kann an Bäumen der verschiedensten Stärke angebracht werden.

Ich zeigte ihm den Aufriß einer solchen Zwinge, die ich bisher noch nicht hatte fertig machen können.

Der Kapitän setzte eigenhändig die Säge in Gang und prüfte, wieviel Kraft sie erforderte. Er sagte:

Es fragt sich, ob es nicht zu schwer wird, eine Säge zu ziehen, die eine gewöhnliche Baumsäge in der Breite um mehr als das Doppelte übertrifft.

Freilich, sagte Falkenberg. Das kann man sich ja denken.

Alle sahen Falkenberg und dann mich an. Jetzt mußte ich reden.

Ein einzelner Mann kann einen vollgeladenen Güterwagen auf den Schienen bewegen, antwortete ich. Hier aber ziehen zwei Männer eine Säge auf zwei Rollen hin und her, die wiederum auf geölten Stahlachsen laufen. Diese Säge wird bedeutend leichter zu ziehen sein als die alte, zur Not kann sie auch von einem Einzelnen gehandhabt werden.

Das halte ich für beinahe unmöglich.

Wir werden sehen.

Fräulein Elisabet fragte halb im Scherz:

Aber sagen Sie nun mir, die ich nichts davon verstehe, warum ist es nicht am besten, die Bäume quer abzusägen wie in früheren Zeiten?

Er möchte den Seitendruck beim Sägen aufheben, erklärte der Kapitän. Diese Säge, die horizontal schneidet, braucht nicht anders gehandhabt zu werden, wie eine senkrecht schneidende Säge. Stellen Sie sich doch vor: Sie drücken nach unten, und es wirkt nach der Seite hin. Sagen Sie, wandte er sich an mich, glauben Sie nicht, daß man das Sägeblatt an den Enden zu sehr hinunter biegt und dadurch den Schnitt konvex macht?

Das verhindern erstens diese beiden Rollen, auf denen die Säge liegt.

Das hilft ein wenig, ja. Und zweitens?

Zweitens ist es unmöglich, mit diesem Apparat einen konvexen Schnitt zu machen, selbst wenn man wollte. Das Sägeblatt hat nämlich einen T-förmigen Rücken, der es tatsächlich unbiegsam macht.

Ich glaube, der Kapitän erhob einige seiner Einwände wider besseres Wissen. Er hätte sie mit seinen Kenntnissen selbst besser beantworten können als ich. Dagegen übersah er andere Dinge, die mir jedoch Sorge bereiteten. Eine Maschine, die im Wald herumgeschleppt werden sollte, durfte keine empfindliche Vorrichtung sein. So fürchtete ich zum Beispiel, die beiden Stahlachsen könnten einen Stoß erhalten und entweder abspringen oder so verbogen werden, daß die Rollen nicht mehr gleiten würden. Ich mußte versuchen, ohne die Stahlachsen auszukommen, und die Rollen unter dem Rücken der Säge anbringen. Ich war noch keineswegs fertig mit meiner Maschine ....

Der Kapitän ging zu Falkenberg und sagte:

Sie haben wohl nichts dagegen, unsere Damen morgen zu fahren? Es ist zwar ziemlich weit, aber Petter ist noch krank.

Nein, da habe ich wahrhaftig nichts dagegen.

Fräulein Elisabet will wieder heim, sagte der Kapitän, als er ging. Ihr müßt um sechs Uhr aufbrechen.

Falkenberg war sehr vergnügt und froh über das Vertrauen, das man ihm zeigte, und scherzend sagte er mir nach, ich gönne es ihm nicht. In Wirklichkeit war ich keineswegs neidig. Vielleicht war es mir einen Augenblick ein wenig schmerzlich, daß mein Kamerad mir vorgezogen wurde, aber unleugbar war ich doch lieber mit mir allein im Wald und in der Stille, als daß ich auf einem Kutschbock saß und fror.

Falkenberg war strahlender Laune und sagte:

Du wirst ganz gelb vor Neid, du solltest etwas dagegen einnehmen, ein wenig amerikanisches Öl.

Den ganzen Vormittag verbrachte er mit den Vorbereitungen für die Fahrt, wusch den Wagen, schmierte die Radachsen und sah das Geschirr nach. Und ich half ihm.

Am Ende kannst du nicht einmal ein Zweigespann lenken, sagte ich, um ihn zu necken. Aber ich will dich noch, ehe du morgen fährst, das Wichtigste lehren.

Es ist ein Jammer, daß du so viel ausstehen mußt, nur um die zehn Öre für amerikanisches Öl zu sparen, sagte er.

In Wahrheit war aber alles nur Scherz und Heiterkeit.

Am Abend kam der Kapitän und sagte zu mir:

Ich hätte es Ihnen gerne erspart und hätte lieber Ihren Kameraden mit den Damen geschickt, aber Fräulein Elisabet will Sie haben.

Mich?

Weil Sie alte Bekannte seien.

Nun, mein Kamerad ist auch nicht gerade gefährlich.

Haben Sie etwas dagegen?

Nein.

Gut, dann bleibt es also bei Ihnen.

Sofort dachte ich: Hoho, also ziehen die Damen doch mich vor, weil ich ein Erfinder und ein Sägebesitzer bin, und wenn ich mich schön mache, dann sehe ich gut aus, ganz brillant.

Falkenberg aber hatte vom Kapitän eine Erklärung bekommen, die meine Eitelkeit mit einem Schlag schwer verletzte: Fräulein Elisabet solle mich noch einmal auf den Pfarrhof bringen, damit der Vater einen neuen Versuch machen könne, mich als Knecht zu bekommen. Das sei zwischen ihr und dem Pfarrer so verabredet worden.

Ich dachte immer wieder über diese Erklärung nach.

Wenn du dich aber auf dem Pfarrhof verdingst, dann wird es nichts mit unserer Arbeit bei der Eisenbahn, sagte Falkenberg.

Ich antwortete:

Ich verdinge mich nicht.

23.

Im geschlossenen Wagen fuhr ich die beiden Damen in den frühen Morgen hinaus. Zu Anfang war es ziemlich kalt, meine wollene Decke kam mir nun gut zu statten und abwechselnd legte ich sie über die Knie oder als Schal um die Schultern.

Ich fuhr den Weg, den ich mit Falkenberg hierhergewandert war und erkannte einen Platz nach dem anderen wieder: hier stimmte Falkenberg ein Klavier, dort hatten wir eine Wildgans vernommen ..... Die Sonne ging auf, es wurde warm, die Stunden verstrichen; bei einer Wegkreuzung klopften die Damen ans Wagenfenster und sagten, es sei Mittag. Durch einen Blick nach der Sonne überzeugte ich mich, daß es für die Damen noch zu früh zum Essen war, wogegen es für mich, der mit Falkenberg um zwölf Uhr zu essen pflegte, sehr gut gepaßt hätte. Ich fuhr also weiter.

Können Sie denn nicht halten! riefen die Damen.

Sie pflegen doch um drei Uhr zu essen .... Ich glaubte ....

Aber wir sind hungrig.

Ich fuhr mit dem Wagen auf die Seite und spannte die Pferde aus, fütterte sie und brachte ihnen Wasser. Hatten denn diese merkwürdigen Frauen ihre Essenszeit nach mir gerichtet?

Bitte schön! wurde gerufen.

Da ich mich nicht gut den anderen beigesellen konnte, blieb ich bei den Pferden stehen.

Nun? sagte die gnädige Frau.

Möchten Sie so freundlich sein und mir etwas geben, bat ich.

Alle beide reichten mir zu essen und glaubten, daß ich nicht genug bekäme; ich öffnete die Bierflaschen und erhielt auch hiervon meinen reichlichen Teil, es war ein Fest auf der Landstraße, ein kleines Abenteuer in meinem Leben. Frau Falkenberg aber wagte ich fast nicht anzusehen, damit sie sich nicht verletzt fühlen sollte.

Sie plauderten und scherzten miteinander und zogen aus Freundlichkeit auch mich ins Gespräch. Fräulein Elisabet sagte:

Ich finde es furchtbar nett im Freien zu essen. Sie nicht auch?

Sie sagte jetzt nicht Du, wie sie das früher getan hatte.

Das ist für ihn wohl nicht so neu, meinte die gnädige Frau. Er ißt ja jeden Tag im Walde.

O diese Stimme, diese Augen, dieser frauenhafte, zärtliche Ausdruck der Hand, die mir das Glas entgegenhielt ..... Ich hätte wohl auch etwas zu sagen gewußt, hätte mitsprechen, irgend etwas aus der weiten Welt erzählen und sie unterhalten können; ich hätte die Damen verbessern können, wenn sie allen möglichen Unsinn schwätzten und nicht wußten, wie man auf Kamelen reitet oder wie man Wein erntet .....

Ich beeilte mich beim Essen und entfernte mich dann, nahm den Eimer und holte mehr Wasser für die Pferde, obwohl es unnötig war. Beim Bach setzte ich mich hin.

Nach einer Weile rief Frau Falkenberg nach mir:

Sie müssen zu den Pferden kommen, wir wollen ein bißchen fortgehen und sehen, ob wir Hopfen oder etwas Ähnliches finden.

Als ich aber bis zum Wagen gekommen war, waren sie sich darüber einig geworden, daß der Hopfen die Blätter verloren hatte und daß hier keine Vogelbeeren und kein buntes Laub zu finden seien.

In diesem Wald gibt es gar nichts, sagte das Fräulein. Und sie stellte mir wieder eine direkte Frage: Sagen Sie, auf Övrebö haben Sie doch keinen Kirchhof, in dem Sie herumwandern könnten?

Nein?

Können Sie es ohne einen solchen aushalten? Dann erklärte sie Frau Falkenberg, daß ich ein seltsamer Mann sei, der nachts auf die Friedhöfe ginge und mit den Toten Zusammenkünfte habe. Dort erfände ich meine Maschinen.

Um etwas zu sagen fragte ich nach Jung-Erik. Er wurde damals verletzt und spuckte Blut .....?

Ja, er erholt sich, antwortete Fräulein Elisabet kurz. Wollen wir nicht bald wieder weiter, Louise?

Ja, können wir schon fahren?

Sobald Sie es wünschen, erwiderte ich.

So fuhren wir weiter.

Die Stunden vergehen, die Sonne sinkt tiefer, es wird wieder kühl, die Luft ist rauh; später kommen Wind und Nässe, halb Regen, halb Schnee. Wir fuhren an der Annexkirche, an ein paar Landhändlern vorbei, Hof auf Hof ließen wir hinter uns.

Da klopfte es an das Wagenfenster.

Hier ritten Sie doch eines Nachts auf fremden Pferden? fragte das Fräulein und lachte. Wir haben schon davon gehört, das können Sie sich denken.

Beide Damen belustigten sich darüber.

Mir fiel die Antwort ein:

Und trotzdem möchte mich Ihr Vater als Knecht haben, ist es nicht so?

Doch.

Weil wir nun gerade davon sprechen -- woher wußte Ihr Vater, daß ich bei Kapitän Falkenberg arbeitete? Sie selbst waren doch erstaunt, mich dort zu sehen?

Nach rascher Überlegung erwiderte sie und sah Frau Falkenberg dabei an:

Ich habe es heimgeschrieben.

Die gnädige Frau schlug die Augen nieder.

Ich hatte den Eindruck, daß das junge Mädchen schwindelte. Aber sie gab eine ausgezeichnete Antwort und stopfte mir damit den Mund. Es war nicht undenkbar, daß sie in einem Brief an die Eltern ungefähr so geschrieben hatte: Und wißt Ihr, wen ich hier getroffen habe? Den gleichen Mann, der bei uns auf dem Pfarrhof die Wasserleitung gelegt hat, jetzt fällt er bei Falkenbergs Bäume .....

Als wir aber auf dem Pfarrhof ankamen, war schon ein neuer Knecht eingestellt und bereits seit drei Wochen im Dienst. Er versorgte unsere Pferde.

Da dachte ich immer und immer wieder: warum hatte sie nun mich zum Kutscher gewählt? Vielleicht nur als kleine Entschädigung dafür, daß Falkenberg im Zimmer hatte singen dürfen. Aber verstanden denn diese Menschen nicht, daß ich ein Mann war, der in kurzer Zeit seine Erfindung fertig haben und gar keine Wohltaten mehr brauchen würde!

Gelangweilt und mit saurer Miene ging ich umher, aß in der Küche, wurde von Oline wegen der Wasserleitung gelobt, pflegte meine Pferde. Als es dunkel war, ging ich mit meiner Decke zur Scheune .....

Ich erwachte davon, daß jemand an mir herumtastete.

Hier darfst du doch nicht liegen bleiben, das mußt du doch einsehen, du erfrierst ja, sagte die Pfarrersfrau. Komm, ich will dich führen.

Eine Weile verhandelten wir darüber, ich wollte nicht fort und brachte auch sie soweit, daß sie sich setzte. Sie war wie eine Flamme, nein, eine Tochter der Natur. In ihrem Inneren spielte noch ein hinreißender Walzer.

24.

Am nächsten Morgen stand es besser um meine Laune, ich war abgekühlt und verständig, ich entsagte. Nur hätte ich mich besser auf meinen Vorteil verstehen und niemals diesen Ort verlassen sollen. Ich hätte hier Knecht werden können und der erste unter meinesgleichen sein. Ja, und hätte mich gründlich in ein stilles Landleben verwurzeln können.

Frau Falkenberg stand im Hof. Diese helle Frau war wie eine Säule, rank und frei und ohne Hut stand sie auf dem weiten Hofplatz.

Ich wünschte Guten Morgen.

Guten Morgen! antwortete sie und kam auf mich zugeschritten. Ganz leise sagte sie: Ich hätte gerne nachgesehen, wie man Sie gestern abend untergebracht hatte, aber ich kam nicht los. Doch, natürlich kam ich los, aber ..... Sie lagen doch nicht auf dem Heu?

Die letzten Worte hörte ich wie im Traum, und ich konnte nicht antworten.

Warum sagen Sie nichts?

Doch, ob ich auf dem Heu schlief? Ja.

Wirklich? Ging es denn?

Ja.

Soso. Ja ja. Wir werden heute wieder heimfahren.

Sie drehte sich um und verließ mich mit einem Gesicht, das über und über von Röte übergossen war .....

Harald kam und bat mich, ihm einen Drachen zu machen.

Ja, ich will dir einen Drachen machen, antwortete ich in meiner Verwirrung, einen riesigen Drachen, der bis zu den Wolken hinauffliegen soll. Ja, das werde ich tun.