Unter Herbststernen

Part 4

Chapter 43,952 wordsPublic domain

Bei den gewöhnlichen Baumsägen müssen die Arbeiter schief auf dem Boden liegen und die Säge nach der *Seite* hinziehen. Das ist der Grund, weshalb man keine größere Tagesleistung erreicht, und weshalb immer so häßlich abgeschnittene Baumstümpfe in den Wäldern stehen. Mit einem konischen Auswechselungsapparat, der an der Wurzel des Baumes festgeschraubt würde, müßte es möglich sein, die Säge auf die gewöhnliche Art und Weise hin und her zu ziehen, und doch mit der Wirkung, daß das Blatt wagrecht schnitte. Ich begann die einzelnen Teile einer solchen Maschine zu zeichnen. Am meisten Kopfzerbrechen machte mir der leichte Druck, den das Blatt der Säge brauchte. Man konnte ihn vielleicht durch eine Feder erzeugen, die man wie eine Uhr aufzog, vielleicht aber auch durch ein Gewicht. Das Gewicht wäre am einfachsten gewesen, aber der Druck wäre dann immer der gleiche geblieben. Und je tiefer die Säge eindringen würde, desto schwerer und schwerer würde sie gehen und darum einen desto geringeren Druck erfordern. Eine Stahlfeder dagegen würde mit dem Eindringen des Schnittes immer lockerer werden und also stets mit der richtigen Kraft drücken. Ich entschloß mich für die Feder. Wahrhaftig, du wirst diesen Apparat zustande bringen! dachte ich. Und das wird die größte Tat deines Lebens sein.

Ein Tag verging wie der andere, wir fällten neunzöllige Stämme, entasteten sie und schälten sie ab. Die Verpflegung war reichlich und gut, wir nahmen kalten Mundvorrat und Kaffee mit in den Wald und bekamen abends, wenn wir heimkehrten, warmes Essen. Dann wuschen wir uns und machten uns schön, um besser auszusehen als die Knechte, und saßen in der Küche, wo eine große Lampe brannte und die drei Mädchen sich aufhielten.

Falkenberg wurde Emmas Schatz.

Dann und wann hören wir eine Welle des Wohllauts vom Flügel herüberdringen, dann und wann kommt die gnädige Frau in ihrer Mädchenhaftigkeit und mit ihrer beglückenden Freundlichkeit zu uns. Wie war es heute im Wald? konnte sie sagen; habt Ihr den Bären gesehen? Eines Abends aber dankte sie Falkenberg für die gute Arbeit, die er am Flügel geleistet habe. Was -- wirklich? Falkenbergs verwittertes Gesicht wurde vor Freude verschönt, und ich war gleichsam stolz auf ihn, als er die bescheidene Antwort gab: Ja, ich fand selbst, daß es ein wenig besser wurde.

Entweder hatte ihn die Übung geschickter gemacht, oder die gnädige Frau war ihm dafür dankbar, daß er ihren Flügel nicht verdorben hatte.

Falkenberg zog jeden Abend meine guten Kleider an. Es wäre jetzt natürlich nicht mehr angegangen, sie zurückzunehmen und selbst zu tragen; jeder würde geglaubt haben, ich hätte sie nur von meinem Kameraden geborgt.

Du kannst die Kleider behalten, wenn ich Emma dafür bekomme, sagte ich im Scherz.

Ja, nimm sie, antwortete Falkenberg.

Es wurde mir klar, daß Falkenberg gegen sein Mädchen kühler geworden war. Ach, Falkenberg hatte sich verliebt, wie ich. Nein, was für Knaben waren wir doch!

Ob sie wohl heute Abend auch wieder zu uns herauskommt? konnte Falkenberg im Wald sagen.

Und ich erwiderte:

Ich bin nur froh, daß der Kapitän so lange fort ist.

Ja, antwortete Falkenberg. Paß auf, wenn ich höre, daß er nicht gut gegen sie ist, dann setzt es aber was.

Dann geschah es einmal eines Abends, daß Falkenberg ein Volkslied sang. Und immer noch war ich stolz auf ihn. Die gnädige Frau kam heraus, er mußte sein Lied wiederholen und noch ein zweites singen. Seine schöne Stimme erfüllte die Küche, und Frau Falkenberg sagte erstaunt: Nein aber -- so etwas habe ich ja noch nie gehört.

Da fing mein Neid an.

Haben Sie singen gelernt? fragte sie. Kennen Sie die Noten?

Ja, antwortete Falkenberg, ich war in einem Verein.

Hier aber hätte er antworten sollen: Nein, leider habe er nichts gelernt, dachte ich.

Haben Sie schon einmal jemand vorgesungen? Hat Sie schon jemand gehört?

Ja, ich habe bisweilen bei den Tanzunterhaltungen gesungen und dann bei einer Hochzeit.

Aber hat Sie jemand gehört, der sich darauf verstand?

Nein, das weiß ich nicht. Doch, ich glaube schon.

Ach, singen Sie noch etwas.

Falkenberg sang.

Es wird noch so weit kommen, daß er eines Abends in die Stube darf, und daß ihn die gnädige Frau auf dem Flügel begleitet, denke ich. Ich sagte:

Verzeihung, kommt der Herr Kapitän nicht bald?

Doch? antwortete Frau Falkenberg fragend. Warum?

Es ist wegen der Arbeit.

Habt Ihr schon alles gefällt, was angezeichnet ist?

Nein, das nicht, aber. Nein, durchaus nicht, aber --

Nun --! sagte Frau Falkenberg und dabei kam ihr ein Gedanke. Ich weiß nicht -- Wenn es sich um das Geld handelt .....

Ich griff zu und antwortete:

Ja, vielen Dank.

Falkenberg sagte nichts.

Ja, liebe Leute, das müßt Ihr nur sagen. Bitte schön! sagte sie und gab mir das Geld, das ich verlangt hatte. Und Sie?

Nichts. Vielen Dank, erwiderte Falkenberg.

Mein Gott, wie ungünstig ich nun wieder dastand, wie klein ich wurde. Und Falkenberg, dieser schändliche Kerl, der dasaß und so reich war und keinen Vorschuß brauchte! Noch heute Abend werde ich ihm die Kleider vom Leibe reißen und ihn ganz nackt ausziehen!

Was natürlich doch nicht geschah.

17.

Und die Tage vergingen.

Wenn sie heute abend wieder zu uns kommt, dann werde ich das Lied von der Mohnblume singen, sagte Falkenberg im Wald. Das habe ich bisher vergessen.

Hast du nicht auch Emma vergessen? fragte ich.

Emma? Ich will dir etwas sagen: du bist genau der gleiche wie früher.

Bin ich das?

Ja, innerlich. Du brächtest es fertig, Emma jederzeit vor den Augen der gnädigen Frau zu besitzen, ich aber könnte das nicht.

Du lügst, erwiderte ich erbittert. Du wirst mich niemals in eine Weibergeschichte verwickelt sehen, solange ich hier auf dem Hof bin.

Nein, auch ich werde des Nachts zu keinem Mädchen mehr gehen. Glaubst du, sie kommt heute abend zu uns heraus? Mir ist die Mohnblume erst heute eingefallen. Hör’ zu.

Falkenberg sang von der Mohnblume.

Du bist ja gut dran mit deinem Gesang, sagte ich; aber von uns wird sie doch keiner bekommen.

Sie bekommen! Hat man schon so einen Affen gesehen!

Oh, wenn ich jung und reich und schön wäre, könnte ich sie wohl bekommen, sagte ich.

Ja, *dann*. Da würde ich sie auch bekommen. Aber der Kapitän wäre ja auch noch da.

Ja, und dann wärst du noch da. Und dann wäre ich noch da. Und dann wäre sie und die ganze Welt noch da. Und dann könnten wir wahrhaftig alle beide unseren schamlosen Mund halten, sagte ich und war wütend auf mich selbst wegen meines kindischen Geschwätzes. Ist es möglich, daß zwei Holzfäller solch einen Unsinn schwätzen?

Wir wurden alle beide bleich und mager, und Falkenbergs kränkliches Gesicht bekam viele Runzeln; keiner von uns aß so wie früher. Um unseren Zustand voreinander zu verbergen, pfiff ich immer lustige Melodien vor mich hin, während Falkenberg bei jeder Mahlzeit verkündete, er esse zu viel und werde steif und faul davon.

Ihr eßt ja gar nichts, sagte Frau Falkenberg oft, wenn wir wieder zuviel von unserem Proviant mit heimbrachten. Was seid Ihr doch für Holzfäller!

Falkenberg ißt so wenig, sagte ich.

He, oder der da, sagte Falkenberg, der ißt überhaupt nichts mehr.

Manchmal, wenn die gnädige Frau uns um einen Dienst, einen kleinen Gefallen bat, beeilten wir uns beide ihn auszuführen; schließlich trugen wir von selbst das Wasser in die Küche und füllten die Holzkiste auf. Einmal aber betrog mich Falkenberg und brachte Haselnußruten zum Teppichklopfen aus dem Wald mit heim, während doch die gnädige Frau ausdrücklich mich und keinen anderen gebeten hatte, ihr die Ruten abzuschneiden.

Und Falkenberg sang jeden Abend.

Da faßte ich den Plan, die gnädige Frau eifersüchtig zu machen. O je, mein lieber Mann, bist du verrückt oder bist du dumm -- die gnädige Frau wird diesem Unternehmen nicht einen einzigen Gedanken widmen!

Aber trotzdem, ich wollte sie eifersüchtig machen.

Von den drei Mädchen konnte nur Emma zu diesem Experiment in Frage kommen, und ich fing an, ihr schön zu tun.

Emma, ich weiß einen, der nach dir seufzt.

Woher weißt du das?

Von den Sternen.

Mir wäre lieber, du wüßtest es von einem hier auf der Erde.

Das weiß ich auch. Aus erster Hand.

Er spricht von sich selbst, sagte Falkenberg, aus Furcht hineingezogen zu werden.

Jawohl, ich spreche von mir selbst. _Paratum cor meum._

Emma aber war unliebenswürdig und legte keinen Wert darauf, sich mit mir zu unterhalten, obwohl ich gewandter im Sprechen war als Falkenberg. Wie -- sollte ich nicht einmal mit Emma fertig werden? Da wurde ich bis ins Innerste stolz und schweigsam und ging meine eigenen Wege, zeichnete an meiner Maschine und verfertigte kleine Modelle. Und wenn Falkenberg an den Abenden sang, und die gnädige Frau zuhörte, schlich ich mich in die Gesindestube zu den Knechten hinüber und hielt mich dort auf. Das war viel würdiger. Nur den einen Nachteil hatte es, daß Petter bettlägerig geworden war und den Lärm von Axt und Hammer nicht ertragen konnte; ich mußte deshalb jedesmal, wenn ich irgend etwas hämmern wollte, in den Schuppen hinausgehen.

Manchmal aber kam mir der Gedanke, die gnädige Frau könnte es vielleicht doch bedauern, wenn ich nicht mehr in der Küche war. So sah es in meinen Augen aus. Als wir eines Abends beim Essen saßen, sagte sie zu mir:

Ich hörte von den Knechten, daß Sie an einer Maschine arbeiten?

Es ist eine neue Art Säge, an der er herummacht, sagte Falkenberg. Aber sie wird zu schwer.

Darauf antwortete ich nichts, ich war schlau und zog es vor, zu leiden. War es nicht das Schicksal aller Erfinder, verkannt zu werden? Wartet nur, meine Zeit ist noch nicht gekommen. Mitunter konnte ich mich kaum zurückhalten, den Mädchen zu offenbaren, daß ich eigentlich besserer Leute Kind sei, daß mich aber die Liebe auf Irrwege geführt habe; jetzt suche ich Trost in der Flasche. Ach ja, ach ja, der Mensch denkt und Gott lenkt ..... Das hätte einmal der gnädigen Frau zu Ohren kommen können.

Ich glaube, ich will jetzt auch öfters an den Abenden in die Gesindestube kommen, sagte Falkenberg.

Und ich verstand gut, warum Falkenberg auf einmal zu uns herüberkommen wollte: er wurde, welchen Grund das nun auch haben mochte, nicht mehr so oft wie früher zum Singen aufgefordert.

18.

Der Kapitän war heimgekehrt.

Eines Tages kam ein großer vollbärtiger Mann zu uns in den Wald und sagte:

Ich bin Kapitän Falkenberg. Wie geht es, Jungens?

Wir grüßten ehrerbietig und antworteten: Ja danke, es ginge uns gut.

Eine Weile sprachen wir über das, was wir gefällt hatten und was noch zu tun übrig war; der Kapitän lobte uns, weil wir kurze und schöne Baumstümpfe zurückließen. Dann rechnete er aus, was wir am einzelnen Tag ausgerichtet hatten und sagte, dies sei die normale Leistung.

Der Herr Kapitän vergißt die Sonntage abzuziehen, warf ich ein.

Da haben Sie recht, antwortete er. Dann ist es mehr als das Normale. Ist nichts entzwei gegangen? Hält die Säge?

Ja.

Keiner hat sich verletzt?

Nein.

Pause.

Eigentlich solltet Ihr ja nicht von mir verköstigt werden, sagte er; aber da Ihr das nun einmal vorgezogen habt, so müssen wir es bei der Abrechnung ausgleichen.

Wir werden mit der Entscheidung des Herrn Kapitäns zufrieden sein.

Ja, das werden wir, sagte auch Falkenberg.

Der Kapitän machte einen kleinen Bogen durch den Wald und kam wieder.

Besseres Wetter konntet Ihr gar nicht bekommen, sagte er. Gar kein Schnee ist wegzuschaufeln.

Nein, kein Schnee. Aber etwas mehr Frost wäre wünschenswert.

Warum? Wird’s euch zu heiß?

Ach ja, das auch. Aber hauptsächlich, weil gefrorenes Holz sich besser sägen läßt.

Seid Ihr diese Arbeit schon von früher her gewohnt?

Ja.

Sind Sie der Sänger?

Nein, leider. Der da ist es.

Soso, Sie singen also? Wir sind doch Namensvettern?

Ja, sozusagen, antwortete Falkenberg ein wenig befangen. Ich heiße Lars Falkenberg, wie Sie aus meinem Zeugnis sehen können.

Wo sind Sie her?

Aus der Gegend von Drontheim.

Der Kapitän ging nach Hause. Er war freundlich, kurz und bestimmt, kein Lächeln, kein Scherz. Er hatte ein gutes, ein wenig durchschnittliches Gesicht.

Von jetzt ab sang Falkenberg nur noch in der Gesindestube oder im Freien, das Singen in der Küche hatte des Kapitäns wegen ganz aufgehört. Falkenberg grämte sich und sprach finstere Worte: Pfui Teufel, das Leben sei ekelhaft, und man könne sich ebensogut eines Tages aufhängen. Aber seine Verzweiflung dauerte nicht lange. Eines Sonntags ging er auf die beiden Höfe, wo er die Klaviere gestimmt hatte, und bat um Zeugnisse. Als er zurückkam, zeigte er mir die Papiere und sagte:

Die kann man gut gebrauchen, um sich durchzufressen, wenn’s einmal not tut.

Du willst dich also nicht mehr aufhängen?

Dazu hast du mehr Ursache als ich, erwiderte Falkenberg.

Aber auch ich war nicht mehr so verstimmt. Als der Kapitän etwas von meiner Maschine erfuhr, wünschte er sofort, mehr davon zu hören. Beim ersten Blick auf meine Entwürfe sah er, daß sie unvollkommen waren, da ich sie auf zu kleine Papierfetzen gezeichnet und nicht einmal einen Zirkel gehabt hatte; er lieh mir ein großes Reißzeug und lehrte mich einige Konstruktionsberechnungen. Auch der Kapitän fürchtete, meine Säge würde zu unhandlich werden. Aber machen Sie nur weiter, sagte er, zeichnen Sie jetzt alles nach einem bestimmten Maßstab auf, dann werden wir schon sehen.

Ich dachte mir jedoch, daß ein einigermaßen schön ausgeführtes Modell einen viel vollkommeneren Eindruck des Apparates geben würde. Und als ich mit der Zeichnung fertig war, begann ich ein Modell aus Holz herzustellen. Ich hatte keine Drehbank und mußte deshalb die beiden Walzen und mehrere Räder und Schrauben mit der Hand schnitzen. So beschäftigt war ich damit, daß ich am Sonntag die Mittagsglocke überhörte. Der Kapitän kam und rief mir zu: Es ist Mittagszeit! Als er sah, woran ich arbeitete, erbot er sich, noch morgen zum Schmied zu fahren und alles drehen zu lassen, was ich brauchte. Geben Sie mir nur die Maße an, sagte er. Brauchen Sie nicht auch noch Werkzeug? Schön, eine Spitzsäge, ein paar Bohrer, Schrauben, ein feines Stecheisen. Sonst nichts?

Er schrieb alles auf. Er war ein Arbeitgeber ohnegleichen.

Als ich am Abend gegessen hatte und mich in die Gesindestube hinüberbegab, rief mich die gnädige Frau. Sie stand unten im Hof im Schatten der Hauswand, trat aber dann ganz vor.

Es ist meinem Mann aufgefallen, daß -- ja, daß Sie zu dünn gekleidet sind, sagte sie. Ich weiß nicht, ob -- nehmen Sie dies hier!

Sie legte mir einen ganzen Anzug über den Arm.

Ich dankte, murmelte und stammelte etwas. Ich könne mir bald selbst einen Anzug kaufen, es habe keine Eile, ich brauche keinen --

Ja, ich weiß schon, daß Sie sich selbst etwas kaufen können, aber Ihr Kamerad hat so gute Kleider, und Sie .... Doch, doch, nehmen Sie sie nur.

Sie floh sogleich wieder hinein, ganz wie ein junges Mädchen, das Angst hat, bei irgendeiner zu großen Freundlichkeit ertappt zu werden. Ich mußte ihr meinen Dank nachrufen.

Als der Kapitän am Abend darauf mit meinen Walzen und Rädern kam, ergriff ich die Gelegenheit, ihm für die Kleider zu danken.

Soso, antwortete er. Meine Frau glaubte nämlich ..... Passen sie Ihnen?

Ja, sie passen sehr gut.

Das ist schön. Ja, meine Frau glaubte ..... Nun, da sind also die Räder. Und hier ist das Werkzeug. Gute Nacht.

Es lag ihnen wohl beiden am Herzen, ihren Mitmenschen Gutes zu tun. Und wenn sie es dann getan hatten, dann schob es der eine auf den anderen. Dies war wohl die Ehe, von der die Träumer hier auf Erden träumten .....

19.

Der Wald ist entlaubt, und das Vogelgezwitscher schweigt, nur die Krähen krächzen gegen fünf Uhr morgens und verteilen sich dann auf die Äcker. Falkenberg und ich begegnen ihnen, wenn wir in den Wald gehen. Die Jungen, die noch nicht gelernt haben die Welt zu fürchten, hüpfen vor unseren Füßen auf dem Weg.

Dann begegnen wir dem Finken, dem Sperling des Waldes. Er kommt bereits von einem kleinen Ausflug aus dem Wald und kehrt nun zurück zu den Menschen, unter denen er sich gerne aufhält, um sie von allen Seiten kennenzulernen. Kleiner, seltsamer Fink! Eigentlich ist er ja wohl ein Zugvogel, aber seine Eltern haben ihn gelehrt, daß es möglich ist, auch im Norden zu überwintern; jetzt will er wieder seine Kinder lehren, daß man überhaupt nur im Norden überwintern kann. Aber er hat noch das Auswandererblut in sich, er wird immer ein Wanderer bleiben. Eines Tages nun werden er und alle die Seinen sich versammeln und viele Pfarrgemeinden weit fortziehen, zu ganz anderen Menschen, die er auch kennenlernen will, -- dann ist kein einziger Fink mehr im Espenhain. Und eine ganze Woche kann vergehen, ehe sich wieder ein neuer Schwarm von diesen fliegenden Wesen im Espenhain niederläßt ..... Herrgott, wie oft habe ich den Finken zugesehen und mich über sie gefreut!

Eines Tages sagt Falkenberg, er sei jetzt wieder obenauf. Im Winter will er sich hundert Kronen von dem Geld, das er durch Holzfällen und Klavierstimmen verdienen könne, zurücklegen und sich wieder mit Emma versöhnen. Auch ich solle damit aufhören, die Damen der ersten Kreise anzuseufzen und solle wieder zu meinesgleichen zurückkehren, sagt er.

Er hatte recht.

Am Samstag abend hörten wir etwas früher auf wie gewöhnlich, um zum Landhändler zu gehen. Wir brauchten Hemden, Tabak und Wein.

Während ich im Laden stand, fiel mein Blick auf eine kleine, mit Muscheln ausgelegte Nähschatulle, eine jener Nähschatullen, wie sie die Seeleute in alten Zeiten in Amsterdam kauften und ihren Liebsten heimbrachten; jetzt stellen die Deutschen sie tausendweis her. Ich kaufte die Schatulle, um mir aus einer der Muscheln einen Nagel für meine Pfeife zu machen. Was willst du damit? fragte Falkenberg; willst du sie Emma geben?

Seine Eifersucht erwachte, und um nicht zurückzustehen, kaufte er ein seidenes Tuch für sie.

Auf dem Heimweg tranken wir von dem Wein und kamen ins Schwätzen; Falkenberg war immer noch eifersüchtig. Da suchte ich mir die Muschel aus, die ich brauchte, brach sie aus und gab ihm das Kästchen. Nun waren wir wieder Freunde.

Allmählich wurde es dunkel für uns, wir hatten keinen Mondschein. Plötzlich hören wir aus einem Haus oben auf einem Hügel die Töne einer Ziehharmonika und sehen, daß dort getanzt wird. Das Licht kam und ging wie ein Leuchtfeuer. Da gehen wir jetzt hin, sagte Falkenberg.

Und wir waren in guter Stimmung.

Als wir zu dem Haus hinaufkamen, stießen wir auf ein paar junge Burschen und Mädchen, die draußen standen und sich abkühlten; auch Emma war dort.

Nein, so was, da ist ja auch Emma! rief Falkenberg gutmütig: und er war gar nicht ärgerlich darüber, daß Emma ohne ihn hingegangen war. Emma, komm her, ich habe etwas für dich.

Er glaubte, es sei mit einem guten Wort genug getan; aber Emma wandte sich von ihm ab und ging hinein. Als Falkenberg ihr folgen wollte, wurde ihm der Weg versperrt, und man bedeutete ihm, daß er hier nichts zu suchen habe.

Aber Emma ist doch da. Bittet sie, daß sie herauskommen soll.

Sie kommt nicht heraus. Emma ist mit Markus dem Schuhmacher hier.

Falkenberg war sehr betroffen. Nun war er so lange kalt gegen Emma gewesen, daß sie ihn aufgegeben hatte. Als er immer noch wie aus allen Wolken gefallen aussah, begannen ihn einige Mädchen zu verspotten: Haben dir die Hühner das Brot weggefressen? Du Armer.

Falkenberg setzte in Gegenwart aller die Flasche an die Lippen und trank, dann wischte er den Mund ab und gab sie an den Nebenmann weiter. Die Stimmung gegen uns besserte sich, wir waren nette Kerle, hatten Flaschen in unseren Taschen und ließen sie herumgehen; außerdem waren wir Fremde und brachten ein wenig Abwechslung mit. Und Falkenberg sagte viele lustige Dinge über Markus den Schuhmacher, den er beständig Lukas nannte.

Drinnen wurde weiter getanzt, aber keines der Mädchen ging hinein. Ich wette, daß auch Emma sich wieder zu uns herauswünscht, sagte Falkenberg großsprecherisch. Da seien nun Helene und Rönnaug und Sara, wenn die aus der Flasche getrunken hätten, gäben sie einem die Hand, wie es der Brauch sei; andere aber seien zu fein geworden und sagten nur: Schönen Dank! -- Helene wurde Falkenbergs Mädchen, er nahm sie um den Leib und erklärte, daß er nachts zu ihr kommen wolle. Als die beiden sich immer weiter von uns zurückzogen, rief ihnen keiner deswegen nach; wir nahmen uns jeder ein Mädchen und gingen unsere eigenen Wege in den Wald hinein. Und ich hatte Sara.

Als wir wieder zurückkamen, stand Rönnaug noch da und kühlte sich ab. So ein Mädchen, sie hatte die ganze Zeit hier gestanden! Ich nahm sie bei der Hand und sprach ein wenig mit ihr, sie aber lächelte nur zu allem und antwortete nicht. Als wir auf den Wald zugingen, hörten wir Sara uns in die Dunkelheit nachrufen: Rönnaug, komm, wir wollen lieber heimgehen! Aber Rönnaug antwortete nicht, sie war so wortkarg. Sie war groß und still und hatte eine Haut wie Milch.

20.

Der erste Schnee ist gekommen, er schmilzt zwar sofort wieder weg, aber der Winter ist wohl nicht mehr weit. Und mit unserer Waldarbeit beim Kapitän geht es zu Ende, zwei Wochen lang haben wir vielleicht noch zu tun, doch kaum länger. Was sollten wir dann unternehmen? Im Gebirge gab es Arbeit beim Eisenbahnbau, und vielleicht fand sich auch noch Holzfällerarbeit für uns auf einem Hof. Falkenberg war für die Eisenbahn.

Aber meine Maschine konnte in dieser kurzen Zeit nicht fertig werden. Jeder von uns hatte mit dem Seinen zu kämpfen. Außer der Maschine mußte ich auch den Nagel für meine Pfeife fertig machen, und die Abendstunden wollten fast zu kurz für mich werden. Und Falkenberg mußte mit Emma wieder zurechtkommen. Wie schwer war das und wie langsam ging es! Sie hatte sich an Markus Schuhmacher gehalten; jawohl; aber dafür hatte Falkenberg in einer stimmungsvollen Stunde Helene ein seidenes Tuch und ein mit Muscheln besetztes Kästchen geschenkt.

Falkenberg war in der Klemme und sagte:

Auf allen Seiten gibt es nur Ärger und Unverstand und Widerwärtigkeiten.

Und das sagst du?

Ja, so nenne ich es, wenn dus wissen willst. Ich bringe sie nicht dazu, mit ins Gebirge zu gehen.

Da hält sie wohl Markus Schuhmacher zurück?

Falkenberg schweigt finster.

Nicht einmal singen darf ich mehr, sagte er nach einer Weile.

Wir kamen auf den Kapitän und seine Frau zu sprechen. Falkenberg hat schlimme Ahnungen, es sei zwischen den beiden nicht alles in Ordnung.

So ein Schwätzer! Ich sage:

Entschuldige, darauf verstehst du dich doch wirklich nicht.

So? antwortete er erregt. Und er wurde immer aufgeregter und sagte: Hast du vielleicht gesehen, daß sie etwa bei jedem Schritt aneinander hängen und nett zueinander sind? Ich habe sie niemals ein Wort wechseln hören.

Dieser Idiot, dieser Schwätzer!

Ich verstehe nicht, wie du heute sägst, nörgle ich. Schau nur den Schnitt an, den du da gemacht hast.

*Ich*? Wir sind doch wohl zu zweit bei dieser Arbeit?

Gut, dann ist offenbar das Holz nicht mehr genug gefroren. Wir wollen lieber die Axt nehmen.

Lange Zeit hieben wir, ein jeder für sich, auf die Bäume ein, kurz und zornig, alle beide. Was hatte er doch zu lügen gewagt -- daß sie niemals ein Wort zueinander sagten? Aber, mein Gott, er hatte ja recht! Falkenberg hatte eine gute Nase, er verstand sich auf die Menschen.

Auf jeden Fall sagen sie zu uns nur Gutes voneinander, fing ich wieder an.

Falkenberg hieb nur drauf los.

Ich dachte noch länger darüber nach.

Nein, du kannst recht haben, das ist vielleicht nicht die Ehe, von der die Träumer geträumt haben, aber --.

Das war nichts für Falkenberg, er verstand kein Wort davon.

In der Mittagspause nahm ich das Gespräch wieder auf:

Du sagtest doch, es sollte etwas setzen, wenn er nicht nett zu ihr sei?

Ja, das sagte ich.

Aber es hat nichts gesetzt?

Habe ich vielleicht gesagt, er sei nicht nett gegen sie? fragte Falkenberg erbittert. Aber sie haben sich satt, das haben sie. Wenn der eine hereinkommt, geht der andere hinaus. Wenn er über irgend etwas in der Küche spricht, werden ihre Augen ganz tot und gelangweilt, und sie hört nicht zu.

Eine Zeitlang schlagen wir wieder auf die Stämme ein und haben jeder unsere eigenen Gedanken.