Part 3
Am nächsten Tag wurde Erik ziemlich schwer verletzt, das Pferd ging mit ihm durch, schleifte ihn über Wiesen und Felder und schleuderte ihn endlich gegen einen Zaun. Er war übel zugerichtet worden und spuckte Blut. Auch als er sich nach einigen Stunden etwas erholt hatte, spuckte er noch Blut. Nun wurde Falkenberg als Fuhrmann eingestellt.
Ich heuchelte Teilnahme an dem Unglück und war stumm und finster wie die anderen, aber ich fühlte keine Trauer. Irgendwelche Aussichten hatte ich bei Fräulein Elisabet nicht, nein, allerdings; aber er, der bei ihr über mir stand, war aus dem Wege geräumt.
Am Abend ging ich auf den Friedhof und setzte mich hin. Wenn jetzt nur Fräulein Elisabet käme! dachte ich. Eine Viertelstunde verging, dann kam sie. Ich erhob mich plötzlich, ganz schlau tat ich als wolle ich fliehen, schien aber hilflos verwirrt und ergab mich darein. Da jedoch verließ mich meine Schlauheit, ich wurde unsicher, weil sie mir so nahe war, und sagte:
Erik, denken Sie, gestern ist ihm ein Unglück zugestoßen.
Ich weiß, sagte sie.
Er wurde verletzt.
Ach ja, er wurde verletzt. Warum erzählst du mir von ihm?
Ich glaubte ..... Nein, ich weiß nicht. Aber er wird natürlich wieder gesund, sicherlich. Dann wird wohl alles wieder gut.
Freilich, freilich.
Pause.
Es klang so, als hätte sie mich nachgeäfft. Plötzlich sagte sie und lächelte dabei:
Du bist ein sonderbarer Kauz. Warum gehst du immer diesen weiten Weg und setzt dich an den Abenden hierher?
Das ist mir eine kleine Gewohnheit geworden. Ich vertreibe mir die Zeit bis zum Schlafengehen.
Und du hast keine Angst?
Ihr Scherz machte mich freier, ich fühlte wieder Grund unter den Füßen und antwortete:
Das ist es ja gerade, ich möchte das Gruseln wieder lernen.
Das Gruseln? Du hast also dieses Märchen gelesen?
Ich weiß nicht mehr. Mir ist wohl einmal ein Buch in die Hände geraten.
Pause.
Warum willst du nicht Knecht bei uns werden?
Ich würde dazu nicht taugen. Ich will mich jetzt mit einem anderen Kameraden zusammentun, wir wollen wandern.
Wo wollt Ihr hin?
Das weiß ich nicht. Nach Osten oder Westen. Wir sind Wanderer.
Pause.
Das ist schade, sagte sie. Ich finde, das solltest du nicht tun ... Nein, wie, sagtest du doch, steht es mit Erik? Deshalb kam ich hierher.
Er ist krank, es steht gewiß ziemlich schlecht um ihn, aber --
Glaubt der Doktor, daß er durchkommen wird?
Das glaubt er sicherlich. Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.
Na, dann gute Nacht also.
Wer doch nun jung und reich und schön und berühmt und mit den Wissenschaften vertraut wäre ..... Dort geht sie .....
Bevor ich den Friedhof verließ, fand ich einen brauchbaren Daumennagel, den ich zu mir steckte. Ich wartete ein wenig, starrte nach allen Seiten und lauschte, -- alles war still. Niemand rief: der gehört mir!
12.
Falkenberg und ich wandern fort. Es ist Abend, kühles Wetter und ein hoher Himmel, an dem die Sterne aufglühen. Ich überredete meinen Kameraden, den Weg über den Friedhof zu nehmen, in meiner Lächerlichkeit wollte ich sehen, ob in einem kleinen Fenster unten im Pfarrhof Licht sei. Wer jetzt jung und reich und .....
Wir gingen einige Stunden lang. Schwer zu tragen hatten wir nicht, und außerdem waren wir beiden Wanderer einander noch ein wenig neu und konnten zusammen schwätzen. Wir waren durch den ersten Handelsort gegangen und kamen zu einem anderen, in dem hellen Abend sahen wir den Turm der Annexkirche.
Aus alter Gewohnheit wollte ich auch hier in den Friedhof gehen, ich sagte:
Was meinst du, wollen wir hier nicht irgendwo über Nacht bleiben?
Da wären wir schön dumm! erwiderte Falkenberg. Jetzt gibt es in jeder Scheune Heu, und wenn wir aus den Scheunen herausgejagt werden, dann ist es im Wald noch wärmer.
Und Falkenberg übernahm wieder die Führung.
Er war ein Mann von einigen dreißig, groß und gut gebaut, hielt jedoch den Rücken ein wenig gebeugt; seine langen Schnurrbartenden hingen herunter. Er sprach lieber wenig als viel und war erfinderisch und geschickt, überdies sang er mit der schönsten Stimme und war überhaupt ein ganz anderer Kerl als Grindhusen. Beim Sprechen mischte er ganz sinnlos Worte aus den Dialekten von Drontheim und Valdres und aus dem Schwedischen ein, so daß man nicht hören konnte, woher er stammte.
Wir kamen zu einem Hof, auf dem die Hunde bellten und die Leute noch auf waren, Falkenberg bat, mit dem Bauern sprechen zu können. Ein junger Bursche kam heraus.
Ob er für uns Arbeit habe?
Nein.
Aber der Zaun längs des Weges sei so schlecht, ob wir ihn nicht ausbessern dürften?
Nein. Er habe jetzt in der Herbstzeit selbst nichts anderes zu tun.
Ob wir die Nacht über hierbleiben dürften?
Leider --
In der Scheune?
Nein, dort schlafen noch die Mädchen.
So ein Racker! murmelte Falkenberg, als wir uns entfernten.
Wir gingen quer durch einen kleinen Wald und schauten uns nach einer Schlafstätte um.
Und wenn wir jetzt wieder zum Hof zurückgingen -- zu den Mädchen? Die würden uns vielleicht nicht hinauswerfen?
Falkenberg überlegte.
Die Hunde würden bellen, antwortete er.
Wir kamen an eine Wiese, auf der zwei Pferde grasten. Das eine hatte eine Glocke um.
Das ist mir ein feiner Bauer, der die Pferde noch nachts auf der Weide und die Mädchen in der Scheune schlafen läßt, sagte Falkenberg. Wir erweisen den Tieren geradezu eine Wohltat, wenn wir sie ein bißchen bewegen.
Er fing sich das Pferd mit der Glocke ein, stopfte Moos und Gras in die Schelle und stieg auf. Mein Pferd war scheuer, und ich bekam es schwerer zu fassen.
Wir ritten über die Weide, fanden ein Gatter und kamen auf den Weg hinaus. Jeder von uns hatte eine Decke zum Sitzen, Zaumzeug aber hatte keiner.
Es ging gut, ungewöhnlich gut; wir ritten eine lange Meile und kamen in eine andere Gemeinde. Plötzlich hörten wir Leute vor uns auf dem Weg.
Jetzt müssen wir Galopp reiten, rief Falkenberg zu mir zurück.
Aber der lange Falkenberg war kein Held im Reiten, er hielt sich am Glockenriemen fest, später warf er sich vornüber und umklammerte den Hals des Pferdes. Einmal sah ich sein eines Bein gegen den Himmel, das war, als er herunterfiel.
Wir liefen glücklicherweise keine Gefahr, es waren nur zwei junge Leute, die spazierengingen und schwärmten.
Nachdem wir eine halbe Stunde geritten und beide mürbe und zerschlagen waren, stiegen wir ab und jagten die Pferde heim. So waren wir nun wieder zu Fuß.
Gakgak, Gakgak! schreit etwas weit weg. Ich kannte den Ton, es war die Wildgans. Als Kinder hatten wir gelernt, die Hände zu falten und still zu stehen, damit wir die Wildgans nicht erschrecken sollten, wenn sie vorbeizog -- ich habe nichts zu versäumen und mache es so wie in meiner Kindheit. Eine weiche, mystische Stimmung durchflackert mich, ich halte den Atem an und starre vor mich hin. Da kommen sie, der Himmel liegt hinter ihnen wie ein Kielwasser. Gakgak! schreit es über unsern Köpfen. Und der herrliche Flug gleitet unter den Sternen weiter .....
Schließlich fanden wir auf einem stillen Hof eine Scheune und schliefen dort mehrere Stunden; am Morgen überraschten uns die Hofleute, so tief schliefen wir.
Falkenberg wandte sich sofort an den Bauern und bot Bezahlung an. Wir seien gestern abend so spät gekommen, daß wir niemand hätten wecken wollen, erklärte er, aber wir seien keine Ausreißer. Der Mann wollte keine Bezahlung annehmen, sondern ließ uns noch obendrein in der Küche Kaffee geben. Arbeit aber hatte er nicht für uns, die Ernte war jetzt vorbei, und er und sein Knecht hatten selbst nichts anderes zu tun, als die Zäune in Ordnung zu bringen.
13.
Drei Tage lang wanderten wir und konnten keine Arbeit bekommen, wir mußten im Gegenteil für Essen und Trinken bezahlen und wurden mit jedem Mal ärmer.
Was ist jetzt dir und mir noch geblieben? Auf diese Weise kommen wir nicht vorwärts, sagte Falkenberg und schlug vor, wir müßten anfangen ein wenig zu stehlen.
Wir überlegten uns das eine Weile und beschlossen noch abzuwarten. Um das Essen brauchte uns nicht Angst zu sein, ein oder zwei Hühner konnten wir uns immer mausen; aber uns war nur mit Geld richtig geholfen, und so mußten wir uns eben Geld verschaffen. Ging es nicht auf die eine Art, dann mußte es eben auf eine andere gehen, wir waren keine Engel.
Ich bin kein Engel des Himmels, sagte Falkenberg. Hier sitze ich nun in meinen besten Kleidern, die ein anderer als Werktagskleider tragen würde. Ich wasche sie im Bach und warte, bis sie trocken sind, und wenn sie zerreißen, flicke ich sie zusammen, und verdiene ich einmal ein wenig mehr als das Nötigste, dann kaufe ich mir neue. Anders ist es nun einmal nicht.
Aber Jung-Erik sagte, du seist ein so übler Trinker?
Der grüne Spatz! Ja, gewiß trinke ich. Essen allein ist so langweilig ..... Jetzt wollen wir einmal einen Hof mit einem Klavier suchen.
Ich dachte mir: ein Klavier auf einem Hof setzt einen gewissen allgemeinen Wohlstand voraus, dort werden wir also mit dem Stehlen anfangen.
Am Nachmittag kamen wir zu einem solchen Hof. Schon vorher hatte Falkenberg meine städtischen Kleider angezogen und mir sein Bündel zu tragen gegeben, so daß er selbst frei und ledig dahinging. Ohne weiteres stieg er sofort die Haupttreppe des Hauses hinan und blieb eine Zeitlang fort. Als er wieder herauskam, sagte er: Ja, er solle das Klavier stimmen.
*Was* solle er?
Schweig, sagte Falkenberg. Ich habe das früher schon getan, ich schneide nicht auf.
Und als er aus seinem Bündel einen Stimmschlüssel hervorzog, wurde mir klar, daß es ihm ernst war.
Mir befahl er, mich in der Nähe des Hofes aufzuhalten, während er stimmte.
Ich schlenderte umher und vertrieb mir die Zeit, manchmal, wenn ich an die Südseite des Hauses kam, hörte ich, wie Falkenberg an dem Klavier beschäftigt war und es bearbeitete. Er konnte keinen ordentlichen Ton anschlagen, aber er hatte ein gutes Gehör; wenn er an einer Saite schraubte, paßte er gut auf, daß er sie wieder genau so weit zurückschraubte, wie sie früher gewesen war. Das Instrument wurde auf die Weise wenigstens nicht schlechter als vorher.
Ich kam mit einem der Knechte des Hofes, einem jungen Burschen, ins Gespräch: Er habe zweihundert Kronen Lohn im Jahre -- ja, und dann die Kost, sagte er. Um halb sieben Uhr morgens müsse er aufstehen, um die Pferde zu füttern, während der Felderbestellung um halb sechs. Arbeit den ganzen Tag über, Feierabend um acht Uhr. Aber er sei gesund und zufrieden bei dem ruhigen Leben in dieser kleinen Welt. Ich erinnere mich noch an seine schönen Zähne und an das hübsche Lächeln, mit dem er von seinem Mädchen sprach. Er hatte ihr einen Silberring mit einem goldenen Herzen darauf geschenkt.
Was sagte sie, als du ihr den Ring gabst?
Sie war sehr erstaunt, das kannst du dir denken.
Und was sagtest du?
Was ich sagte? Das weiß ich nicht. Ich sagte: Wohl bekomm’s. Eigentlich wollte ich ihr auch einen Kleiderstoff geben, aber --
Ist sie jung?
Ja. Sie schwätzt genau wie eine kleine Mundharfe, so jung ist sie.
Wo wohnt sie denn?
Das sage ich nicht. Denn dann wird es in der Gemeinde bekannt.
Wie ein Alexander stand ich vor ihm und war der Welt so sicher und verachtete sein armseliges Leben ein wenig. Als wir uns trennten, schenkte ich ihm die eine meiner wollenen Decken, weil sie so schwer zu tragen war; er erklärte sofort, daß sein Mädchen sie bekommen solle, damit sie eine warme Decke habe.
Und Alexander sagte: Wäre ich nicht ich, wollte ich du sein .....
Als Falkenberg mit seiner Arbeit fertig war und wieder herauskam, hatte er so feine Gesten und eine so dänische Aussprache, daß ich ihn beinahe nicht verstand. Die Tochter des Hauses begleitete ihn. Wir sollten jetzt auf dem Nachbarhof anfragen, sagte er, dort sei gewiß auch ein Klavier, das nachgesehen werden müsse. Ja, leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Fräulein!
Sechs Kronen, Junge! flüsterte er mir zu. Auf dem Nachbarhof sechs, macht zwölf.
So gingen wir weiter, und ich trug unsere Bündel.
14.
Falkenberg hatte richtig gerechnet, man wollte auf dem Nachbarhof nicht zurückstehen, das Klavier sollte gestimmt werden. Die Tochter des Hauses war auf einem Ausflug, aber die Arbeit sollte in ihrer Abwesenheit als eine kleine Überraschung für sie ausgeführt werden. Sie hatte sowieso schon oft über das verstimmte Klavier geklagt, auf dem es fast nicht mehr möglich war zu spielen. Ich wurde wieder mir selbst überlassen, Falkenberg hielt sich im Zimmer auf. Als es dunkel wurde, bekam er Licht und stimmte weiter. Sein Abendessen verzehrte er drinnen, nach der Mahlzeit kam er heraus und verlangte seine Pfeife.
Welche Pfeife?
Dummkopf! Die Faust!
Ungern gab ich meine kunstvolle Pfeife her, sie war gerade fertig geworden, war mit dem Nagel, dem goldenen Ring und einem langen Rohr versehen.
Daß der Nagel nicht zu heiß wird! flüsterte ich, er könnte sich vielleicht werfen.
Falkenberg zündete die Pfeife an, protzte damit und ging hinein. Aber er sorgte auch für mich gut und verlangte Essen und Kaffee für mich in der Küche.
Ich suchte mir einen Schlafplatz im Heu.
Nachts wachte ich auf, Falkenberg stand mitten in der Scheune vor mir und rief mich an. Es war Vollmond und klares Wetter, deutlich sah ich das Gesicht meines Kameraden.
Was ist los?
Da hast du deine Pfeife.
Die Pfeife?
Ja, nicht um alles in der Welt möchte ich sie länger behalten. Sieh her, der Nagel löst sich ab.
Ich nahm die Pfeife und sah, daß der Nagel sich aufgebogen hatte.
Falkenberg sagte:
Sie grinste mich gleichsam im Mondschein an. Und da fiel mir ein, woher der Nagel gekommen war.
Glücklicher Falkenberg .....
Als wir am nächsten Morgen weitergehen wollten, war die Tochter des Hauses heimgekommen. Wir hörten sie einen Walzer auf dem Klavier hämmern, kurz danach kam sie heraus und sagte: Ja, das ist jetzt ein Unterschied! Vielen Dank.
Sind Sie zufrieden, mein Fräulein? fragte der Meister.
Ja. Das ist jetzt etwas ganz anderes.
Und wohin sollen wir jetzt gehen? Was würden Sie uns raten?
Nach Övrebö, zu Falkenbergs.
Zu wem?
Zu Falkenbergs. Sie folgen von hier aus der geraden Straße, und wenn Sie anderthalb Viertelmeilen weit gekommen sind, steht rechts ein Pfosten. Dort gehen Sie den Hang hinauf.
Da setzte sich Falkenberg einfach auf die Treppe hin und fragte das Fräulein kreuz und quer über Falkenbergs auf Övrebö aus. Nein, daß er hier auf seine Verwandten treffen und sozusagen heimkommen sollte! Vielen, vielen Dank, Fräulein. Das war ein großer Dienst, den Sie mir da geleistet haben.
Dann gingen wir wieder weiter, und ich trug die Bündel.
Als wir in den Wald gekommen waren, setzten wir uns hin und überlegten. War es ratsam, daß ein Falkenberg als Klavierstimmer zum Kapitän auf Övrebö kam und ein Verwandter von ihm war? Ich war am besorgtesten und machte auch Falkenberg unsicher. Aber es konnte ja auch lustig werden.
Hatte er denn nicht Zeugnisse bei sich, in denen sein Name stand?
Doch, aber zum Teufel, dort steht ja nur, daß ich ein brauchbarer Arbeiter bin.
Wir dachten nach, ob wir die Zeugnisse ein wenig fälschen könnten; aber es war vielleicht besser, ein ganz neues zu schreiben. Es konnte von einem Klavierstimmer von Gottes Gnaden handeln und auf den Namen Leopold statt Lars lauten. Das stand uns frei.
Kannst du so ein Zeugnis schreiben? fragte er.
Ja, das kann ich.
Jetzt aber begann meine arme, unbändige Phantasie mit mir durchzugehen und alles ins Scherzhafte zu treiben. Klavierstimmer, das war nichts, ich wollte ihn zum Mechaniker machen, zu einem Genie, das schwere Aufgaben gelöst hatte, er sollte eine Fabrik --
Ein Fabrikant braucht keine Zeugnisse, unterbrach mich Falkenberg und wollte nicht mehr auf mich hören. Nein, es war wohl überhaupt nichts zu machen.
Mißmutig und niedergeschlagen gingen wir weiter und kamen an den Pfahl.
Du gehst also nicht hinauf? sagte ich.
Geh du hinauf, antwortete Falkenberg hitzig. Da hast du deine Kleiderfetzen wieder.
Als wir jedoch an dem Pfosten vorbeigekommen waren, verlangsamte Falkenberg seine Schritte und murmelte:
Es wäre aber doch zu ärgerlich, wenn nichts daraus werden sollte. So eine gute Gelegenheit.
Ich finde doch, du solltest hinaufgehen und die Leute begrüßen. Es ist ja gar nicht unmöglich, daß du doch mit ihnen verwandt bist.
Schade, daß ich nicht erfahren konnte, ob er einen Neffen in Amerika hat.
Hättest du in diesem Fall englisch sprechen können?
Schweig, sagte Falkenberg, halts Maul. Ich möchte wissen, warum du dich so aufspielst.
Er war nervös und zornig und begann auszuschreiten. Plötzlich blieb er stehen und sagte:
Ich tu es. Leih mir deine Pfeife wieder. Ich werde sie nicht anzünden.
Wir gingen die Anhöhe hinauf. Falkenberg tat groß, deutete mit der Pfeife umher und sprach sich über die Lage des Hofes aus. Es ärgerte mich ein wenig, daß er so hochmütig einherging und mich die Bündel tragen ließ. Ich sagte:
Willst du hier wieder den Klavierstimmer machen?
Ich dächte, ich hätte bewiesen, daß ich ein Klavier stimmen kann, erwiderte er kurz. Das also kann ich.
Aber wenn nun die Frau des Hauses sich ein wenig darauf versteht? Und wenn sie das Klavier hinterher nachprüft?
Falkenberg verstummte, ich sah, wie er überlegte. Nach und nach sank seine Brust zusammen, und er ging gebeugt weiter.
Es ist vielleicht doch nicht ratsam. Da, nimm deine Pfeife wieder, sagte er. Wir gehen hinauf und fragen recht und schlecht nach Arbeit.
15.
Es traf sich, daß wir uns gleich bei unserem Kommen nützlich machen konnten. Eine neue Flaggstange sollte aufgerichtet werden und es waren nur wenige Leute da. Wir griffen zu und stellten die Stange mit Glanz auf. In allen Fenstern erschienen Frauengesichter.
Ist der Herr Kapitän zu Hause?
Nein.
Die gnädige Frau?
Frau Falkenberg kam heraus. Sie war blond und groß, freundlich wie ein junges Fohlen und beantwortete unseren Gruß mit sehr viel Liebenswürdigkeit.
Ob sie irgendeine Arbeit für uns habe?
Ich weiß nicht. Nein, ich glaube nicht. Mein Mann ist leider nicht zu Hause.
Ich hatte den Eindruck, daß es ihr schwer werde, Nein zu sagen, und griff schon zur Mütze, um ihr nicht zur Last zu fallen. Falkenberg aber mußte ihr fremdartig vorgekommen sein, weil er so ordentlich gekleidet war und einen Träger bei sich hatte, neugierig sah sie ihn an und fragte:
Was für eine Arbeit?
Jede Art Arbeit im Freien, entgegnete Falkenberg, wir können Zäune machen und Gräben ziehen, auch mauern können wir --
Für solche Arbeit ist es heuer schon ein bißchen spät, sagte einer der Männer bei der Flaggstange.
Ja, das ist es allerdings, bestätigte auch Frau Falkenberg. Ich weiß nicht, -- es ist jetzt Zeit zum Mittagessen, wollen Sie vielleicht hineingehen und etwas essen? Was wir eben haben.
Vergelt’s Gott! antwortete Falkenberg.
Da aber ärgerte ich mich über seine Antwort, weil sie so ungebildet war, und weil er uns dadurch herabsetzte. Hier mußte ich eingreifen.
_Mille Grâces, Madame, vous êtes trop aimable!_ sagte ich in edler Betonung und nahm meine Mütze ab. --
Sie wandte sich um und sah mich einen Augenblick an. Ihr Erstaunen war komisch.
Wir wurden in die Küche gewiesen und bekamen eine ausgezeichnete Mahlzeit. Die gnädige Frau verließ uns. Als wir gegessen hatten und gehen wollten, erschien sie wieder; Falkenberg war jetzt wieder keck geworden und wollte ihre Freundlichkeit ausnützen, er bat, ihr Klavier stimmen zu dürfen.
Können Sie das auch? fragte sie und machte große Augen.
Ja, das kann ich. Ich habe auch auf den Nachbarhöfen gestimmt.
Aber ich habe einen Flügel. Ich möchte nicht gerne --
Die gnädige Frau kann ganz ruhig sein.
Haben Sie irgendwelche .....?
Zeugnisse besitze ich nicht. Ich habe nie darum gebeten. Die gnädige Frau kann ja zuhören.
Nun, also bitte schön!
Sie ging voran, und er folgte ihr. Als sie hineingingen, konnte ich viele Bilder an den Wänden des Zimmers sehen.
In der Küche schwänzelten die Mädchen hin und her und beobachteten mich, den fremden Mann; eines der Mädchen war sehr schön. Ich saß da und freute mich darüber, daß ich mich heute rasiert hatte.
Zehn Minuten vergingen. Falkenberg hatte zu stimmen begonnen. Die gnädige Frau kam wieder in die Küche heraus und sagte:
Und Sie sprechen also französisch. Da können Sie mehr als ich.
Gott sei Dank, zu weiterem kam es also nicht. Ich hätte auch nicht mehr sagen können als Omelette, und Pardon, und sucht die Frau, und daß ich der Staat bin.
Ihr Kamerad hat mir seine Zeugnisse gezeigt, sagte Frau Falkenberg. Ihr scheint tüchtige Leute zu sein. Ich möchte fast meinem Mann telegraphieren und ihn fragen, ob wir nicht Arbeit für euch haben.
Ich wollte ihr danken, brachte aber kein Wort hervor, ich fing an zu schlucken.
Neurasthenie.
Dann trieb ich mich auf dem Hof und auf den Äckern umher, alles war gut gepflegt, und die Ernte war im Haus; sogar die Heinzen mit dem Kartoffelkraut, die an vielen Stellen noch draußen stehen bleiben, bis der Schnee kommt, waren schon eingefahren. Ich sah keine Arbeit für uns. Das waren gewiß reiche Leute.
Als es gegen Abend ging, und Falkenberg immer noch den Flügel stimmte, nahm ich ein wenig von unserem Mundvorrat und entfernte mich vom Hof, um nicht zum Abendessen aufgefordert zu werden. Mond und Sterne standen am Himmel, aber mir behagte es, mich in den Wald hineinzutasten bis dorthin, wo er am dichtesten war, und mich im Finstern hinzusetzen. Dort war es auch am wärmsten. Welche Stille auf der Erde und in der Luft! Es war jetzt kühl geworden, der Boden bereifte sich, hier und dort hörte man einen spröden Laut in den Halmen, eine kleine Maus pfiff, eine Krähe strich über die Baumwipfel hin -- dann schwieg wieder alles. Hast du je in deinem Leben schon einmal ein so helles Haar gesehen? Nein. Herrlich erschaffen von oben bis unten, der Mund ganz wundervoll und reif, und in ihrem Haar rieseln Glanzlichter. Wer doch ein Diadem aus seinem Wanderbündel nehmen und es ihr schenken könnte! Ich will eine blaßrosa Muschel suchen und einen Nagel daraus machen, dann überreiche ich ihr die Pfeife für ihren Mann, das tue ich .....
Falkenberg begegnet mir draußen auf dem Hof und flüstert mir rasch zu:
Sie hat schon Antwort von ihrem Mann, wir können im Wald Bäume fällen. Bist du das gewöhnt?
Ja.
Dann geh in die Küche, sie fragt nach dir.
Ich ging hinein und Frau Falkenberg sagte:
Wo waren Sie? Bitte kommen Sie zum Essen. Sie haben schon gegessen? Wo?
Wir haben Mundvorrat bei uns.
Das wäre nicht nötig gewesen. Wollen Sie auch keinen Tee haben? Wirklich nicht? ..... Ich habe von meinem Mann schon Antwort bekommen. Können Sie Bäume fällen? Das ist schön. Sehen Sie hier: Brauchen zwei Holzfäller, Petter soll Arbeit anweisen .....
Gott -- sie stand dicht neben mir und deutete auf das Telegramm. Ihr Atem duftete wie der eines jungen Mädchens.
16.
Im Walde. Petter, einer von den Knechten, hat uns den Weg gezeigt.
Als wir allein miteinander sprachen, war Falkenberg durchaus nicht so dankbar dafür, daß die gnädige Frau uns Arbeit verschafft hatte. Das ist nicht so dankenswert, sagte er, hier sind die Arbeiter anscheinend rar. Falkenberg war übrigens kein großartiger Holzfäller, ich hatte von anderen Orten in der Welt meine Erfahrungen und konnte zur Not hier die Arbeit leiten. Womit Falkenberg auch ganz einverstanden war.
Jetzt begann ich an einer Erfindung herumzubasteln.