Unter Herbststernen

Part 2

Chapter 23,979 wordsPublic domain

Das Fräulein warf mir einen neugierigen Blick zu und begann sofort mit Harald zu flüstern. Die gnädige Frau fuhr fort mich auszufragen: Würde das wirklich eine Leitung werden wie in der Stadt, wo man an einem Hahn drehe und wo dann das Wasser käme? Und gleich bis in den ersten Stock? Zweihundert Kronen? Ich finde, das solltest du machen! wandte sie sich zu ihrem Mann.

Ja, wirklich! Kommt, dann gehen wir noch einmal hinauf und peilen alle miteinander.

Wir gingen auf die Anhöhe, ich stellte das Rohr ein und ließ sie alle peilen.

Wie merkwürdig ist das! fand die gnädige Frau.

Die Tochter sagte kein Wort.

Der Pfarrer fragte:

Aber gibt es hier denn auch Wasser?

Sehr verständig antwortete ich, daß es schwierig sei, dies mit Sicherheit zu sagen! Aber es ließen sich gute Anzeichen dafür feststellen.

Was für Anzeichen? fragte die gnädige Frau.

Die Beschaffenheit des Erdbodens hier. Außerdem wächst hier sowohl Weide wie Erle. Und die Weide will naß haben.

Der Pfarrer nickte und sagte:

Er versteht seine Sache, der Bursche, Marie.

Auf dem Heimweg war die gnädige Frau auf dem unhaltbaren Standpunkt angelangt, sie könne, wenn sie die Wasserleitung ins Haus bekäme, eines der Mädchen entbehren. Um sie nicht im Stich zu lassen, bemerkte ich:

Besonders vielleicht im Sommer. Und das Bewässern des Gartens würde durch eine Wasserschlange besorgt, die man durch das Kellerfenster führen könne.

Nein, hast du so etwas gehört! rief sie aus.

Und noch wagte ich nicht von einer Wasserleitung bis zum Stall zu sprechen. Die ganze Zeit hatte ich daran gedacht, daß die Stallmagd, wenn man den Brunnen doppelt so groß graben und einen Seitenarm der Leitung bis zum Stall legen würde, die gleiche Erleichterung haben könnte, wie die Köchin. Aber das mußte die Kosten ungefähr verdoppeln. Es war nicht ratsam, einen so großen Plan zu entwerfen.

Schon wie die Sache jetzt stand, mußte ich darauf eingehen, auf Grindhusen zu warten. Der Pfarrer sagte, er wolle erst noch einmal darüber schlafen.

7.

Nun mußte ich meinen Kameraden darauf vorbereiten, daß der Brunnen oben auf der Anhöhe gegraben werden sollte. Um ihn nicht mißtrauisch zu machen, schob ich alle Schuld auf den Pfarrer, er sei zuerst darauf gekommen, ich aber hätte ihn bei diesem Plan unterstützt. Grindhusen war zufrieden, er erfaßte sofort, daß das Ganze mehr Arbeit für uns bedeutete, da wir nun auch einen Graben für die Leitung herstellen mußten.

Es traf sich so glücklich, daß der Pfarrer am Montag früh mit folgenden, halb scherzhaften Worten sich an Grindhusen wandte:

Dein Kamerad und ich haben beschlossen, den Brunnen da oben auf der Anhöhe zu graben und eine Leitung herunterzulegen, was sagst du zu diesem verrückten Plan?

Ja, Grindhusen fand dies eine sehr gute Idee.

Als wir aber länger darüber sprachen und die Stelle besahen, wo der Brunnen angelegt werden sollte, schöpfte Grindhusen den Verdacht, ich hätte mehr mit dem Plan zu tun, als ich zugeben wollte. Er meinte, der Graben für die Leitung müsse wegen des Frostes sehr tief sein --

Einen Meter dreißig, höchstens, unterbrach ich ihn!

-- und daß es eine teure Sache werden würde.

Alles in allem ein paar hundert Kronen, meint dein Kamerad, erwiderte der Pfarrer.

Grindhusen verstand sich nicht im geringsten auf Berechnungen und konnte deshalb nur sagen:

Ja ja, zweihundert Kronen sind ja auch ein schönes Geld.

Ich meinte:

Da braucht der Herr Pfarrer weniger zu vergüten, wenn er einmal fortkommt.

Vergüten? Ich gehe von hier nicht fort, sagte er.

Dann wird der Herr Pfarrer hoffentlich ein langes Leben hindurch Freude an der Wasserleitung haben, entgegnete ich.

Da sah mich der Pfarrer an und fragte:

Wie heißt du?

Knut Pedersen.

Wo bist du her?

Aus dem Nordland.

Ich aber begriff, warum mir diese Fragen gestellt wurden, und nahm mir vor, nicht mehr in solchen Romanausdrücken zu reden.

Jedoch -- der Brunnen und die Leitung wurden beschlossen, und wir gingen an die Arbeit ...

Jetzt kamen viele ganz lustige Tage. Zuerst war ich sehr gespannt, ob sich an der betreffenden Stelle Wasser finden würde, und einige Nächte lang schlief ich schlecht. Als aber diese Spannung vorbei war, gab es nur noch angenehme und ungestörte Arbeit. Wasser war hier genug; nach ein paar Tagen mußten wir es jeden Morgen mit Eimern ausschöpfen. Der Grund war lehmig, und wir beschmutzten uns sehr in der weichen Grube.

Als wir eine Woche lang geschafft hatten, fingen wir an, Steine für die Mauer zu sprengen; mit dieser Arbeit waren wir beide von Skreia her vertraut. Dann gruben wir wieder eine Woche lang und waren endlich tief genug. Das Erdreich war so weich, daß wir nun sofort mit dem Ausmauern beginnen mußten, um das Einfallen der Lehmwände zu verhindern, die uns sonst leicht hätten verschütten können.

So gruben wir und sprengten und mauerten, und Woche auf Woche verging. Es wurde ein großer Brunnen und war eine wohlgelungene Arbeit; der Pfarrer war zufrieden. Grindhusen und ich kamen wieder in ein besseres Verhältnis zueinander, und als er erfuhr, daß ich keinen höheren Lohn haben wolle als den eines guten Handlangers, obwohl ich bei dieser Arbeit oftmals der Leiter war, wollte auch er mir wieder etwas Gutes tun und fing an, sich bei den Mahlzeiten besser zu benehmen. Schöner als jetzt kann ich es nicht mehr haben, und niemals würde mich jemand wieder in die Stadt locken können, dachte ich mir.

Am Abend schlenderte ich durch den Wald oder ging auf den Friedhof, las die Inschriften auf den Gräbern und dachte allerhand. Ich suchte auch einen Nagel von einer Leiche. Ich brauchte diesen Nagel, es war eine Einbildung von mir, eine kleine ausgemachte Spielerei. Ich hatte eine schöne Birkenwurzel gefunden, aus der ich einen kleinen Pfeifenkopf in Form einer geballten Faust schnitzen wollte; der Daumen sollte den Deckel bilden, und ich wollte einen Nagel einsetzen, um ihn recht lebensgetreu zu machen. Um den Ringfinger wollte ich einen kleinen goldenen Ring biegen.

Durch solche Spielereien wurde mein Kopf gesund und ruhig. Es gab keine Hast mehr in meinem Leben, und ich versäumte nichts mit meinen Träumereien, die Abende gehörten mir. Wenn möglich wollte ich auch versuchen, mir das Gefühl für die Heiligkeit der Kirche und die Furcht vor den Toten anzueignen; aus weit, weit zurückliegender Zeit entsann ich mich noch dieser tiefen und inhaltsreichen Mystik und wollte wieder daran teilhaben. Vielleicht würde es, wenn ich den Nagel fand, aus den Gräbern rufen: Der gehört mir! Worauf ich ihn schreckerfüllt fallen lassen und davonlaufen würde.

Nein, wie doch der Wetterhahn schreit, konnte Grindhusen mitunter sagen.

Hast du Angst?

Nicht eigentlich Angst; aber es schaudert mich bei der Nacht, wenn ich daran denke, daß ich so nahe bei den Leichen schlafe.

Glücklicher Grindhusen!

Harald lehrte mich einmal, Tannen und Gesträuch zu pflanzen. Ich hatte diese Kunst noch nicht gekannt, in meiner Schulzeit war das noch nicht Brauch gewesen; nachdem ich aber das Verfahren gelernt hatte, wurde ich an den Sonntagen ein fleißiger Pflanzer. Als Gegenleistung lehrte ich Harald allerhand Neues für sein Alter, und wir wurden gute Freunde.

8.

Alles hätte jetzt gut gehen können, wenn das junge Fräulein nicht gewesen wäre. Mit jedem Tag wurde ich verliebter in sie. Sie hieß Elischeba, Elisabet. Sie war vielleicht keine besondere Schönheit, aber sie hatte einen roten Mund und einen blauen Jungmädchenblick, der sie schön machte. Elischeba, Elisabet, du bist gerade im ersten Morgendämmern, und deine Augen haben die Welt erspäht. Als du eines Abends mit Jung-Erik vom Nachbarhof sprachst, waren deine Augen von Reife und Zärtlichkeit erfüllt ....

Grindhusen aber hatte es leicht. In jungen Tagen war er wie ein Wolf hinter den Mädchen her gewesen, und noch jetzt ging er umher, blähte sich aus alter Gewohnheit auf und trug den Hut schief. Aber er war ganz zahm und still geworden, wie das auch zu erwarten war; das war der Lauf der Natur. Doch nicht alle folgten dem Lauf der Natur und wurden zahm, wie würde das mit diesen enden? Und da war die kleine Elisabet, die übrigens nicht klein war, -- sie hatte die Größe ihrer Mutter. Und auch die gewölbte Brust ihrer Mutter ....

Seit dem ersten Sonntag war ich nicht mehr zum Kaffee in die Küche eingeladen worden, und das war mir auch recht so, und ich trug selbst dazu bei. Noch war ich beschämt. Endlich aber kam eines der Mädchen mitten in der Woche mit dem Bescheid zu mir, ich solle nicht jeden Sonntagnachmittag in den Wald gehen, sondern zum Kaffee kommen. Die gnädige Frau wünsche es so.

Gut.

Sollte ich meine Staatskleider anziehen? Es konnte vielleicht nicht schaden, wenn das junge Mädchen eine kleine Ahnung davon bekam, daß ich aus eigenem Antrieb dem Stadtleben entsagt hatte und mir das Aussehen eines Knechtes gab, daß ich aber im Grunde ein technisches Talent sei und Wasserleitungen anlegen könne. Als ich aber angezogen war, hatte ich selbst das Gefühl, daß der Arbeitsanzug besser zu mir passe. Da zog ich die Staatskleider wieder aus und packte sie in mein Bündel.

Wer mich aber in der Küche empfing, das war tatsächlich nicht das Fräulein, sondern die gnädige Frau. Sie unterhielt sich lange mit mir und hatte unter meine Kaffeetasse ein weißes Tuch gelegt.

Das Kunststück mit dem Ei kommt uns schön teuer, sagte sie und lachte gutmütig. Der Junge hat jetzt schon ein halbes Dutzend Eier vertan.

Mit dem Kunststück verhielt es sich so: ich hatte Harald gelehrt, ein abgeschältes hartes Ei durch den Hals einer Karaffe zu treiben, indem man die Luft in der Karaffe verdünnte. Das waren ungefähr meine einzigen physikalischen Kenntnisse.

Aber das Experiment mit dem Stock, der in zwei Papierschlingen hängt und abgeknickt wird, ist besonders lehrreich, sagte die gnädige Frau weiter. Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, aber .... Wann wird der Brunnen fertig?

Der Brunnen ist fertig. Wir fangen morgen mit dem Graben an.

Wie lange wird das dauern?

Eine Woche. Dann kann der Rohrleger kommen.

Nein wirklich!

Ich bedankte mich und ging hinaus. Die gnädige Frau hatte eine Gewohnheit, die sie sicherlich aus früheren Jahren noch behalten hatte: sie sah einen hie und da von der Seite an, obwohl das, was sie sagte, durchaus nicht hinterhältig war ....

Nun gilbte da und dort ein Blatt im Wald, und Luft und Erde rochen herbstlich. Nur die Pilze standen noch zahlreich in den Wäldern, überall schossen sie auf und wuchsen schön und dick auf runden Stielen. Steinpilze gab es und Champignons und Reizker. Hie und da zeigte auch ein Fliegenschwamm seinen gesprenkelten Hut und stand in leuchtend roter Farbe da. Ein merkwürdiger Schwamm! Er wächst auf dem gleichen Boden wie die eßbaren Schwämme, nährt sich von der gleichen Erde und empfängt gleichermaßen Sonne und Regen vom Himmel herab, er ist fett und fest und schmeckt gut -- nur daß er voll frechen Muscarins ist. Ich wollte einmal ein altes herrliches Märchen vom Fliegenschwamm erfinden und sagen, ich hätte es in einem Buch gelesen.

Immer habe ich mit Interesse den Kampf ums Dasein aller Blumen und Insekten beobachtet. Wenn die Sonne warm war, erwachten sie wieder zum Leben und gaben sich einige Stunden lang der alten Freude hin; die großen, kräftigen Fliegen waren genau so lebendig wie mitten im Sommer. Es gab hier eine eigene Art von Erdflöhen, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. Sie waren klein und gelb, nicht größer als ein Komma in Petitschrift, aber sie hüpften viel tausendmal weiter als sie selbst spannen konnten. Welch ungeheure Kräfte hatte doch so ein kleines Geschöpf im Verhältnis zu seiner Größe! Hier läuft eine kleine Spinne mit einem Hinterteil, das wie eine hellgelbe Perle aussieht. Diese Perle ist so schwer, daß das Tier mit dem Rücken nach unten an den Halmen emporklettern muß. Wenn es auf Hindernisse stößt, über die es die Perle nicht hinüberziehen kann, läßt es sich einfach hinunterfallen und beginnt an einem neuen Halm. Eine solche Perlen-Spinne ist keine Spinne und damit Punktum. Wenn ich ihr ein Laubblatt hinhalte, um ihr zu festem Boden zu verhelfen, tastet sie eine Weile das Blatt ab und findet dann: Nein, da stimmt etwas nicht. Worauf sie vor einer solchen Fallgrube, wie sie in diesem Boden vermutet, rücklings zurückweicht ....

Ich höre, daß im Wald unten mein Name gerufen wird. Harald ist es, er will seine Sonntagsschule mit mir halten. Er hat mir etwas von Pontoppidan zu lernen aufgegeben und will mich jetzt überhören. Es rührt mich, die Religion wieder so verkündigt zu hören, wie ich sie selbst in meiner eigenen Kindheit verkündet haben würde.

9.

Der Brunnen war fertig, der Graben ausgehoben und der Rohrleger gekommen. Er wählte sich Grindhusen zum Helfer aus, und ich wurde angestellt, den Weg für die Rohre vom Keller bis hinauf in die zwei Stockwerke des Hauses zu bahnen.

Eines Tages, während ich unten im Keller am Graben arbeitete, kam die Pfarrerin zu mir herunter. Ich rief ihr zu, sie möge sich vorsehen, aber sie ließ sich nicht stören. Hier ist doch kein Graben? fragte sie und deutete auf eine Stelle. Und hier wohl auch nicht? Schließlich trat sie doch fehl, glitt aus und rutschte in den Graben zu mir herab. Da standen wir. Es war nicht hell bei uns, und für sie, die aus dem Tageslicht kam, war es ganz dunkel. Sie tastete den Graben ab und sagte:

Wie kann ich jetzt wieder hinaufkommen?

Ich hob sie hinauf. Das war nicht schwer, sie war so schlank, obwohl sie die Mutter eines großen Mädchens war.

Das muß ich sagen, rief sie und schüttelte die Erde von ihrem Kleid ab, das war eine rasche Abfahrt ... Du mußt mir einmal im ersten Stock bei etwas behilflich sein, willst du? Aber wir müssen warten, bis mein Mann im Annex ist, er liebt Veränderungen nicht. Wann werdet Ihr hier auf dem Hof fertig?

Ich nannte eine Zeit, eine Woche oder so.

Wohin werdet Ihr von hier aus gehen?

Auf den Nachbarhof. Grindhusen hat zugesagt, dort Kartoffeln auszugraben .....

Dann ging ich in die Küche hinauf und sägte mit einer Stichsäge ein Loch in den Boden. Fräulein Elisabet mußte, während ich mit Sägen beschäftigt war, ebenfalls etwas in der Küche erledigen und, obwohl sie einen Widerwillen gegen mich empfand, überwand sie sich, sprach einige Worte zu mir, blieb stehen und sah ein wenig bei der Arbeit zu.

Stell dir vor, Oline, wenn du nur noch einen Hahn aufzudrehen brauchst! sagte sie zu dem Mädchen.

Aber Oline, die schon alt war, sah keineswegs entzückt aus. Es sei sündhaft, das Wasser bis in die Küche zu führen, fand sie. Zwanzig Jahre lang habe sie das nötige Wasser ins Haus getragen, was sollte sie dann jetzt tun?

Dich ausruhen, meinte ich.

Ausruhen? Der Mensch ist doch wohl zum Arbeiten geschaffen.

Und an deiner Aussteuer nähen, sagte das Fräulein lächelnd.

Das war jungmädchenhaft gesprochen, aber ich war ihr dankbar, weil sie an unserem gemeinsamen Gespräch teilnahm und eine Zeitlang in der Küche blieb. O Gott, wie gewandt wurde ich, und wie treffend sprach ich und führte mich wie ein Junger auf. Ich weiß es heute noch gut. Plötzlich aber schien Fräulein Elisabet darüber nachzudenken, daß es sich nicht für sie schicke, noch länger bei uns zu bleiben, und sie verließ uns.

Am Abend ging ich wieder, wie schon früher so oft, auf den Friedhof; als ich aber sah, daß das Fräulein schon vor mir dort war, trollte ich mich fort und ging in den Wald. Nachher dachte ich: Jetzt wird sie sicher ganz gerührt sein über meine Bescheidenheit und wird sagen: Der Ärmste, das war nun ein feiner Zug von ihm! Dann fehlte nur noch, daß sie mir in den Wald nachkommen würde. Überrascht würde ich mich dann von meinem Stein erheben und grüßen. Dann würde sie etwas verlegen werden und sagen: Ich ging hier nur vorbei -- es ist ein so schöner Abend -- was treibst du hier? Ich sitze nur so da, antworte ich und komme mit meinen unschuldigen Augen gleichsam von weit her. Und wenn sie hört, daß ich am späten Abend nur so dasitze, dann begreift sie, daß ich eine tiefe Seele und ein Träumer bin, und dann verliebt sie sich in mich ....

Auch am nächsten Abend war sie auf dem Friedhof, und der eitle Gedanke flog mir durch den Kopf: sie geht mir nach! Als ich aber näher zu ihr hinsah, zeigte es sich, daß sie an einem Grab beschäftigt war. Sie war mir also nicht nachgegangen. Ich schlich mich wieder zu dem großen Ameisenhaufen im Wald und beobachtete die Tiere, solange ich sehen konnte; später saß ich da und hörte zu, wie die Tannenzapfen und Vogelbeertrauben zur Erde fielen. Ich summte, flüsterte und dachte, dann und wann mußte ich aufstehen und der Kälte wegen ein wenig auf und ab gehen. Die Stunden vergingen, die Nacht kam, ich war ganz verliebt, ging barhäuptig und ließ mich von den Sternen anstarren.

Wie spät ist es? konnte Grindhusen fragen, wenn ich in die Scheune kam.

Elf Uhr, erwiderte ich dann. Obwohl es oft schon zwei und drei Uhr morgens war.

Findest du endlich, daß es Zeit ist, schlafen zu gehen? Ach, zum Teufel, weckt einen der Mensch, wenn man gerade so schön eingeschlafen ist!

Grindhusen wirft sich auf die andere Seite herum und schläft gleich wieder ein. Grindhusen hatte es leicht.

Ach, wie sich doch ein bereits alternder Mann zum Narren macht, wenn er verliebt ist. Und wollte nicht gerade ich das Exempel statuieren, daß es möglich sei, Ruhe und Frieden zu finden?

10.

Ein Mann kam und verlangte sein Maurerwerkzeug zurück. Wie -- Grindhusen hatte es also nicht gestohlen! Wie langweilig und mittelmäßig war alles an Grindhusen, nichts an ihm rund und abgeschlossen, nichts an ihm eigenartig.

Ich sagte:

Du bestehst nur aus lauter Essen und Schlafen und Arbeiten, Grindhusen. Da ist nun ein Mann da und will das Werkzeug holen. Du hast es dir also nur ausgeliehen, du Armer.

Dummkopf, sagte Grindhusen beleidigt.

Und wie schon so manches frühere Mal besänftigte ich ihn wieder, indem ich darüber hinwegging und lachte.

Was sollen wir jetzt tun! sagte er.

Ich wette, du weißt es, antwortete ich.

Ich weiß es?

Ja. Wenn ich dich recht kenne.

Und Grindhusen war wieder versöhnt.

Als ich ihm aber in der Mittagspause das Haar schnitt, beleidigte ich ihn abermals, weil ich ihm riet, sich den Kopf zu waschen.

Daß ein so bejahrter Kerl wie du so verrückt sein kann, sagte er.

Und Gott weiß, ob Grindhusen nicht recht hatte! Er hatte noch sein ganzes rotes Haar auf dem Kopf, obwohl er Großvater war .....

Fing es denn jetzt an in der Scheune zu spuken? Wer war plötzlich eines Tages dagewesen und hatte alles geordnet und es gemütlich gemacht? Wir hatten jeder unsere eigene Liegestatt, Grindhusen und ich, ich hatte mir zwei Decken gekauft, er dagegen schlief jede Nacht in allen Kleidern, wie er ging und stand, er bohrte sich nur irgendwo ins Heu hinein. Seit nun meine beiden Decken schön hingelegt waren, sah mein Lager einem Bette täuschend ähnlich. Ich hatte nichts dagegen; da wollte mir wohl eines der Mädchen gute Sitten beibringen. Mir konnte das ja gleich sein.

Nun sollte ich im ersten Stock die Löcher in den Boden sägen, aber die gnädige Frau bat mich, bis zum nächsten Tag zu warten; der Pfarrer reise da in die Annexgemeinde und würde auf diese Weise nicht durch mich gestört. Als aber der nächste Morgen kam, wurde es wieder verschoben, Fräulein Elisabet stand fertig da und wollte zum Landhändler gehen und große Einkäufe machen, und ich sollte sie begleiten, um alles zu tragen.

Gut, sagte ich, ich werde nachkommen.

Das seltsame Mädchen! Hatte sie sich denn entschlossen, meine Begleitung zu dulden? Sie sagte:

Aber findest du denn den Weg allein?

Ja freilich. Ich bin früher schon da gewesen, wir kaufen unsere Lebensmittel dort.

Da ich in meinem lehmigen Arbeitsanzug nicht gut durch das ganze Dorf gehen konnte, schlüpfte ich in meine Staatshose, behielt jedoch die Bluse an. So begab ich mich auf den Weg. Es war über eine halbe Meile weit; im letzten Viertel sah ich Fräulein Elisabet hie und da vor mir, aber ich achtete darauf, daß ich ihr nicht zu dicht auf den Fersen war. Einmal drehte sie sich um; da machte ich mich winzig klein und drückte mich an den Waldrand.

Das Fräulein blieb im Ort bei einer Freundin zurück und ich kam gegen Mittag mit den Waren nach Hause. Ich wurde eingeladen, in der Küche zu essen. Das Haus war wie ausgestorben; Harald war fort, die Mädchen mangten Wäsche, nur Oline war in der Küche beschäftigt.

Nach dem Mittagessen ging ich in den Gang im ersten Stock hinauf und begann zu sägen.

Komm hier herein und hilf mir ein wenig, sagte die Pfarrerin und ging vor mir her.

Wir kamen durch das Arbeitszimmer ihres Mannes und gelangten in das Schlafzimmer.

Ich möchte mein Bett umstellen, sagte die Pfarrerin. Es steht im Winter zu nah am Ofen, da ist es zu warm.

Wir rückten das Bett zum Fenster hin.

Glaubst du nicht, daß es hier besser sein wird? kühler? fragte sie.

Ich sah sie zufälligerweise an, sie hatte ihren schiefen Seitenblick. Oh! Und mein Fleisch und Blut machten mich ganz dumm, ich hörte sie sagen:

Bist du verrückt! Nein aber, Lieber -- die Türe --

Dann hörte ich, wie mein Name einigemal geflüstert wurde .....

Ich sägte draußen auf dem Gang mein Loch und brachte alles in Ordnung, die gnädige Frau war die ganze Zeit dabei. Sie wollte so gerne sprechen, sich erklären, aber sie lachte und weinte in einemfort.

Ich sagte:

Sollten wir nicht auch das Bild, das über Ihrem Bett war, umhängen?

Ja, du hast recht, antwortete die gnädige Frau.

11.

Dann war die ganze Leitung angelegt und die Hähne waren eingeschraubt; das Wasser spritzte mit großer Kraft in das Becken. Grindhusen hatte sich an anderer Stelle die notwendigen Werkzeuge geliehen, so daß wir die verschiedenen Löcher da und dort zumauern konnten, und als wir ein paar Tage später auch den Graben zum Brunnen wieder zugeworfen hatten, war unsere Arbeit auf dem Pfarrhof beendigt. Der Pfarrer war zufrieden, er erbot sich, an dem roten Pfosten ein Plakat anzuschlagen, daß wir Meister im Anlegen von Wasserleitungen seien. Da es aber schon spät im Jahre war, und der Frost jederzeit kommen konnte, hatte dies keinen Wert mehr für uns. Statt dessen baten wir ihn, sich im Frühjahr unser zu erinnern!

Wir zogen nun zum Nachbarhof hinüber, um Kartoffeln zu ernten. Vorher aber hatten wir noch versprechen müssen, uns im Pfarrhof wieder sehen zu lassen, wenn es sich gerade so gäbe.

An dem neuen Platz waren viele Leute, wir teilten uns in die Arbeit und hatten es schön und lustig. Aber das Ganze sollte kaum länger als eine Woche dauern, dann waren wir wieder frei.

Eines Abends kam der Pfarrer zu uns herüber und bot mir einen Platz als Knecht auf dem Pfarrhof an. Das Angebot war gut, und ich dachte einige Zeit darüber nach, entschloß mich dann aber doch, es abzuschlagen. Lieber wollte ich umherstreifen und mein eigener Herr bleiben, die Arbeit tun, die sich gerade bot, im Freien schlafen und mir selbst ein klein wenig zum Rätsel sein. Ich hatte hier auf dem Kartoffelacker einen Mann kennengelernt, mit dem ich mich zusammentun wollte, wenn Grindhusen und ich uns trennten. Der neue Mann war ein Gleichgesinnter und soviel ich von ihm sah und hörte, begriff ich auch, daß er ein guter Arbeiter war; Lars Falkberget hieß er, weshalb er sich Falkenberg nannte.

Jung-Erik war unser Vormann und Leiter bei der Kartoffelernte und fuhr den Ertrag ein. Er war ein schöner, zwanzigjähriger Bursche, reif und zuverlässig für sein Alter und stolz als Sohn des Hofes. Es herrschte wohl ein Einverständnis zwischen ihm und Fräulein Elisabet vom Pfarrhof, denn sie kam eines Tages zu uns auf das Feld und plauderte eine gute Weile mit ihm. Als sie ging, richtete sie auch ein paar Worte an mich: Oline fange nun an, sich mit der Wasserleitung daheim abzufinden.

Und Sie selbst? fragte ich.

Aus Höflichkeit gab sie mir zwar eine kurze Antwort, aber ich sah, daß sie sich in kein Gespräch mit mir einlassen wollte.

Sie war so schön gekleidet, sie hatte einen neuen hellen Mantel um zu ihren blauen Augen .....