Part 8
Ich weiß nicht, wie ich heimkam. Ich weiß nur noch, daß ich auf einem Meilenstein saß und den Brief las und ihn in die Tasche steckte, worauf ich bis zu einem anderen Meilenstein ging und wiederum dasselbe tat. *Schreiben* Sie nicht. Aber durfte ich denn also kommen und vielleicht mit ihr sprechen? Dieser kleine hübsche Bogen Papier und diese flüchtigen, feinen Buchstaben! Ihre Hände hatten diesen Brief gehalten, er hatte unter ihren Augen gelegen, ihren Atem gefühlt. Und am Schluß war ein Gedankenstrich, der eine Welt bedeuten konnte.
Ich kam nach Hause, lieferte die Post ab und ging in den Wald. Die ganze Zeit träumte ich und betrug mich wohl ganz unbegreiflich für meinen Kameraden, der mich ein über das andere Mal einen Brief lesen und ihn wieder zwischen meinen Geldscheinen verwahren sah.
Wie schnell hatte sie mich gefunden! Sie hatte wohl den Briefumschlag gegen das Licht gehalten und den Namen des Lensmannes unter den Marken gelesen, dann hatte sie ihren herrlichen Kopf geneigt und gedacht: Er arbeitet jetzt auf Hersaet beim Lensmann .....
Als wir am Abend wieder zu Hause waren, kam der Lensmann zu uns heraus, sprach über Verschiedenes und fragte:
Haben Sie nicht gesagt, Sie hätten bei Kapitän Falkenberg auf Övrebö gearbeitet?
Ja.
Er hat eine Maschine erfunden, wie ich sehe.
Eine Maschine?
Eine Baumsäge, -- steht in den Zeitungen.
Es gibt mir einen Ruck. Er hat doch wohl nicht *meine* Baumsäge erfunden?
Das muß ein Irrtum sein, sage ich; denn der Kapitän hat die Säge nicht erfunden.
Nicht?
Nein. Aber die Säge ist bei ihm in Verwahrung gegeben.
Ich erzählte dem Lensmann alles. Er holte die Zeitung, und wir lesen beide: Neue Erfindung .... Unsern Mitarbeiter hingesandt ..... Die Konstruktion der Säge, die von großer Bedeutung für die Waldeigentümer werden kann ..... Die Maschine geht von folgenden .....
Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie die Säge erfunden haben?
Doch, so ist es.
Und der Kapitän will sie stehlen? Na, das ist ja eine schöne Geschichte, wirklich eine schöne Geschichte. Vertrauen Sie nur auf mich. Sah jemand Sie an der Erfindung arbeiten?
Ja, sämtliche Dienstleute des Kapitäns.
Gott straf mich, das ist aber doch wahrhaftig das Frechste, was ich je gehört habe, Ihre Erfindung stehlen. Und das Geld -- das kann eine Million werden!
Ich mußte zugeben, daß ich den Kapitän nicht verstehe.
Aber ich verstehe ihn, nicht umsonst bin ich Lensmann. Nein, seit langem habe ich den Mann schon ein wenig im Verdacht, zum Teufel, er ist nicht so reich, wie er tut. Nun werde ich ihm einen kleinen Brief senden, einen ganz kurzen Brief, was meinen Sie dazu? Hahaha. Vertrauen Sie nur auf mich.
Jetzt aber kamen mir Bedenken, der Lensmann war zu hitzig, es konnte ja möglich sein, daß der Kapitän schuldlos war, und daß der Zeitungsmann ungenau berichtet hatte. Ich bat den Lensmann, mich selbst schreiben zu lassen.
Und dann darauf eingehen, mit dem Spitzbuben zu teilen? Niemals. Sie legen das Ganze in meine Hand. Überhaupt, wenn Sie selbst schreiben, können Sie doch die Worte nicht so setzen wie ich.
Aber ich ging ihm so lange um den Bart, bis ich den ersten Brief selbst schreiben durfte, danach sollte er eingreifen. Ich erhielt wieder einen Briefbogen von ihm.
An diesem Abend kam ich nicht zum Schreiben. Es war ein so bewegter Tag gewesen, und mein Inneres war noch in Unruhe. Ich grübelte und dachte nach. Um der gnädigen Frau willen wollte ich nicht direkt an den Kapitän schreiben und dadurch vielleicht auch ihr Unannehmlichkeiten bereiten, dagegen wollte ich meinen Kameraden Falkenberg mit einigen Worten bitten, die Maschine doch im Auge zu behalten.
Nachts hatte ich wieder Besuch von der Leiche, dieser traurigen, mit einem Hemd bekleideten Frau, die mir wegen ihres Daumennagels niemals Ruhe ließ. Gestern war ich in einer so tiefen Gemütsbewegung gewesen, heute Nacht schien ihr der rechte Zeitpunkt, zu kommen. Von Schrecken durchschauert, sehe ich sie hereingleiten, mitten im Zimmer stehenbleiben und mir die Hand entgegenstrecken. An der andern Wand, mir gerade gegenüber, lag mein Kamerad aus dem Wald in seinem Bett, und es war mir wunderbar erleichternd zu hören, wie auch er stöhnte und unruhig war, so daß wir also der Gefahr zu zweit ausgesetzt schienen. Ich schüttelte den Kopf: ich hätte den Nagel an einem friedlichen Ort begraben und könne nun nichts mehr tun. Aber die Leiche blieb immer noch stehen. Ich bat sie um Verzeihung; plötzlich aber erfaßt mich der Ärger, ich werde zornig und erkläre ihr, daß ich mich nicht mehr länger mit ihr abgeben wolle. Ich hätte mir ihren Nagel damals nur in aller Eile ausgeliehen, ihn aber bereits vor Monaten wieder begraben und damit meine Schuldigkeit getan ..... Da gleitet sie seitlich bis zu meinem Kopfkissen und versucht, hinter meinen Rücken zu kommen. Ich werfe meinen Oberkörper nach vorne und stoße einen Schrei aus.
Was ist denn? fragt der Knecht von seinem Bett her.
Ich reibe mir die Augen und antworte, daß ich nur geträumt habe.
Wer war denn eigentlich hier? fragt der Knecht.
Ich weiß nicht. War jemand da?
Ich habe jemand hinausgehen sehen .....
31.
Ein paar Tage vergingen, dann setzte ich mich ruhig und überlegen hin und schrieb an Falkenberg. Ich hätte eine kleine Sägekonstruktion auf Övrebö stehen, schrieb ich, sie könne vielleicht einmal einige Bedeutung für die Waldbesitzer bekommen, und ich hätte vor, sie in allernächster Zeit abzuholen. Sei so gut und behalte sie im Auge, damit nichts daran verdorben wird.
So milde schrieb ich. Das war am würdigsten. Es sollte ein durch und durch feiner Brief sein, wenn Falkenberg, der natürlich in der Küche davon sprechen würde, ihn vorzeigte. Aber er war durchaus nicht lauter Sanftmut und wieder Sanftmut und nichts anderes, ich setzte ein bestimmtes Datum fest, um meinen Ernst zu zeigen: Montag, den elften Dezember, will ich kommen und die Maschine abholen.
Ich dachte, diese Frist ist klar und bestimmt: Ist die Maschine an diesem Montag nicht da, dann wird also etwas geschehen.
Ich trug den Brief selbst fort und verklebte wieder den Aufdruck auf dem Umschlag mit einem Streifen Briefmarken .....
Mein schöner Rausch dauerte immer noch an, ich hatte den köstlichsten Brief der Welt bekommen, ich trug ihn hier in der Brusttasche, er war an mich gerichtet. *Schreiben* Sie nicht. Nein, gut, aber ich konnte kommen. Und hinter dem Ganzen stand ein Gedankenstrich.
Es war doch wohl kein Mißverständnis mit dem unterstrichenen Wort: es sollte doch nicht nur das Verbot im allgemeinen verschärfen? Die Damen hatten die üble Angewohnheit, alle möglichen Worte zu unterstreichen und überall Gedankenstriche zu machen. Aber sie nicht, nein, sie nicht!
In einigen Tagen würde die Arbeit beim Lensmann ein Ende nehmen, es paßte gut, alles war ausgerechnet, am elften würde ich auf Övrebö sein! Das war vielleicht nicht eine Minute zu früh. Wenn der Kapitän wirklich Pläne mit meiner Maschine hatte, dann galt es, schnell zu handeln. Sollte mir ein Fremder meine sauer erworbene Million stehlen dürfen? Hatte nicht ich mich dafür geplagt? Schon begann ich, meinen sanften Brief an Falkenberg so halb und halb zu bereuen, er hätte bedeutend schärfer sein dürfen, vielleicht glaubte er jetzt gar nicht, daß ich sehr streng sein konnte. Du wirst sehen, es kann ihm sogar noch einfallen, gegen mich zu zeugen, zu zeugen, daß nicht ich die Maschine erfunden habe. Hoho, mein lieber Freund Falkenberg, das sollte mir nur fehlen! Dann würdest du erstens die ewige Seligkeit verlieren; -- wenn dir aber das nichts weiter ausmachen sollte, dann werde ich dich wegen Meineids bei meinem Freund und Wohltäter, dem Lensmann, verklagen. Weißt du, was das für Folgen hat?
Natürlich müssen Sie reisen, sagte der Lensmann, als ich mit ihm sprach. Und kommen Sie nur mit der Maschine zu mir zurück. Sie müssen Ihren Vorteil wahren, hier handelt es sich vielleicht um große Summen.
Am nächsten Tag brachte die Post eine Nachricht, die mit einem Schlag die Lage veränderte: der Kapitän teilte von selbst in der Zeitung mit, daß es auf einem Mißverständnis beruhe, wenn die Konstruktion der neuen Baumsäge ihm zugeschrieben würde. Der Erfinder sei ein Arbeiter, der eine Zeitlang auf seinem Hof beschäftigt gewesen sei. Über die Maschine selbst möchte er sich nicht weiter aussprechen. Kapitän Falkenberg.
Der Lensmann und ich sahen einander an.
Was sagen Sie jetzt? fragte er.
Der Kapitän ist auf jeden Fall unschuldig.
So. Wissen Sie, was ich meine?
Pause. Der Lensmann ist vom Scheitel bis zur Sohle Lensmann und durchschaut Intrigen.
Er ist *nicht* unschuldig, sagt er.
Wirklich nicht?
So etwas bin ich schon gewöhnt. Jetzt zieht er zurück, Ihr Brief hat ihn gewarnt. Hahaha.
Ich muß dem Lensmann gestehen, daß ich mich durchaus nicht an den Kapitän gewandt, sondern nur einen kurzen Brief an den Knecht auf Övrebö gesandt hätte, und daß dieser Brief noch nicht einmal angekommen sein könne, da ich ihn erst gestern abend aufgegeben habe.
Da verstummte der Lensmann und versuchte nicht mehr, Intrigen zu durchschauen. Dagegen schien er von diesem Augenblick an Zweifel an dem Wert der ganzen Erfindung zu hegen.
Es ist ja schließlich möglich, daß die Maschine gar nichts taugt, sagte er. Gutmütig fügte er jedoch hinzu: ich meine, daß sie vielleicht verändert und verbessert werden muß. Sie sehen ja, wie oft man an den Kriegsschiffen und an den Flugzeugen etwas ändern muß ..... Wollen Sie immer noch reisen?
Ich hörte nichts mehr davon, daß ich zurückkommen und meine Maschine mitbringen solle; aber der Lensmann gab mir ein gutes Zeugnis. Er würde mich gerne länger behalten haben, stand darin, aber die Arbeit mußte abgebrochen werden, weil ich an anderer Stelle private Interessen wahrzunehmen hätte .....
Als ich am nächsten Morgen gehen will, steht vor dem Hof ein kleines Mädchen und erwartet mich. Olga. So ein Kind, sie muß seit Mitternacht auf den Beinen gewesen sein, um so früh hier sein zu können. Da stand sie in ihrem blauen Rock und in ihrer Jacke.
Du bist es, Olga? Wo willst du hin?
Sie wollte zu mir.
Woher wußte sie, daß ich hier sei?
Sie hatte meinen Aufenthalt erfragt. Ob es wahr sei, daß die Nähmaschine ihr gehören solle? Aber es sei doch nicht zu erwarten --
Doch, die Maschine gehöre ihr, ich hätte sie gegen das Bild eingetauscht. -- Näht sie gut?
Ja, sie näht gut.
Wir hatten kein langes Gespräch miteinander. Ich wollte sie von hier wieder forthaben, ehe der Lensmann herauskäme und fragen würde.
Ja, geh nun heim, mein Kind. Du hast einen langen Weg.
Olga legt ihre Hand in meine, in der sie ganz verschwindet, und läßt sie darin liegen, solange ich will. Dann dankt sie mir und trabt wieder munter davon. Und die Zehenspitzen stehen einwärts und auswärts, wie es sich gerade trifft.
32.
Ich bin beinahe am Ziel.
Sonntag nacht schlafe ich bei einem Bauern in der Nähe von Övrebö, um am Montag morgen schon früh auf den Hof kommen zu können. Um neun Uhr mußten ja alle schon auf sein, da würde ich wohl das Glück haben, die zu treffen, die ich suchte.
Ich war sehr nervös geworden und stellte mir die schlimmsten Dinge vor: ich hatte einen anständigen Brief an Falkenberg geschrieben und keine starken Worte gebraucht, aber der Kapitän konnte sich doch an dem verfluchten Datum, an der Frist, die ich ihm gestellt hatte, stoßen. Wollte Gott, ich hätte keinen Brief geschrieben!
Als ich mich dem Hof nähere, ziehe ich den Kopf immer mehr ein und mache mich klein, obwohl ich nichts Schlimmes begangen habe. Ich weiche vom Weg ab und mache einen Bogen, um zuerst zu den Nebengebäuden zu kommen, -- dort treffe ich Falkenberg. Er wäscht den Wagen. Wir begrüßen einander und sind die gleichen Kameraden wie früher.
Ob er heute ausfahren müsse?
Nein, er sei eben erst gestern abend heimgekommen. Sei auf der Bahnstation gewesen.
Wer ist denn abgereist?
Die gnädige Frau.
Die gnädige Frau?
Die gnädige Frau, ja.
Pause.
So? Wo ist sie denn hingereist?
In die Stadt.
Pause.
Es ist einmal ein fremder Mann hier gewesen und hat dann etwas von einer Maschine in die Zeitung geschrieben, sagt Falkenberg.
Ist der Kapitän auch verreist?
Nein, der Kapitän ist zu Hause. Er rümpfte die Nase, als dein Brief kam.
Ich veranlaßte Falkenberg, mit mir in unsere alte Dachkammer zu gehen, ich hatte immer noch zwei Flaschen Wein im Sack, die ich jetzt hervorholte. Holla, diese Flaschen, die ich Meile auf Meile hin und zurück geschleppt hatte und so vorsichtig hatte tragen müssen, jetzt brachten sie ihren Nutzen. Ohne sie hätte Falkenberg nicht so viel gesagt.
Warum verzog der Kapitän wegen meines Briefes das Gesicht? Bekam er ihn zu sehen?
Das ging so zu, sagt Falkenberg: Die gnädige Frau stand in der Küche, als ich mit der Post kam. Was ist das für ein Brief mit den vielen Marken? fragte sie. Ich öffnete ihn und sagte, daß er von dir sei, und daß du am elften kommen wolltest.
Was sagte sie da?
Weiter nichts. Am elften kommt er? fragte sie nur noch einmal. Ja, am elften, antwortete ich.
Und ein paar Tage später wurde dir befohlen, sie zur Bahnstation zu fahren?
Ja, das war wohl einige Tage später. Da dachte ich: wenn die gnädige Frau von dem Brief weiß, wird ja wohl auch der Kapitän davon wissen. Weißt du, was er sagte, als ich damit zu ihm kam?
Ich antwortete nicht darauf, sondern dachte und dachte. Hier steckte vielleicht etwas dahinter. War sie vor mir geflohen? Ich war verrückt, die Frau des Kapitäns auf Övrebö floh doch nicht vor einem ihrer Arbeitsleute. Aber alles sah so sonderbar für mich aus. Ich hatte die Hoffnung gehegt, mit ihr sprechen zu dürfen, da mir verboten wurde zu schreiben.
Falkenberg fährt ein wenig gedrückt fort:
Ich zeigte also dem Kapitän den Brief, obwohl du das nicht verlangt hattest. Hätte ich es nicht tun sollen?
Doch, es ist gleich. Was sagte er dazu?
Ja, paß nur recht gut auf die Maschine auf, sagte er und verzog das Gesicht. Damit keiner kommt und sie mitnimmt, sagte er.
Ist der Kapitän jetzt böse auf mich?
Nein nein. Das kann ich mir nicht denken. Ich habe seitdem nichts mehr davon gehört.
Das mit dem Kapitän konnte ja auch gleich sein. Als Falkenberg etlichen Wein getrunken hat, frage ich ihn, ob er die Adresse der gnädigen Frau in der Stadt wisse. Nein, aber Emma weiß sie vielleicht. Wir holen Emma, geben ihr Wein, reden über alles mögliche, nähern uns der Sache und fragen schließlich auf ganz feine Art. Nein, Emma wußte die Adresse nicht. Die gnädige Frau wollte Weihnachtseinkäufe machen und reiste zusammen mit Fräulein Elisabet vom Pfarrhof. Dort wußte man sicher die Adresse. Was wollte ich übrigens damit?
Ich hätte eine alte Filigranbrosche erstanden, und wollte sie fragen, ob sie mir die Brosche abkaufen wolle.
Zeig’ her.
Glücklicherweise konnte ich Emma die Brosche zeigen, sie war alt und sehr schön, ich hatte sie einem der Mädchen auf Hersaet abgekauft.
Die will die gnädige Frau doch nicht haben, sagte Emma. Und ich erst recht nicht.
O ja, wenn du mich dreinbekämst, Emma, sage ich und zwinge mich zum Scherzen.
Emma geht. Wieder horche ich Falkenberg aus. Falkenberg hatte eine gute Nase, er verstand sich bisweilen auf die Menschen.
Ob er der gnädigen Frau noch vorsinge?
O nein. Und Falkenberg bereute schon, daß er sich hier gebunden hatte; es schien, als solle es hier nun immer mehr und mehr Kummer und Tränen geben.
Kummer und Tränen? Waren der Kapitän und seine Frau nicht gut Freund miteinander?
Doch, zum Teufel, sie waren gute Freunde. Genau wie früher. Am letzten Samstag weinte sie den ganzen Tag.
Wer hätte geglaubt, daß es so kommen würde, sie sind doch gewiß rücksichtsvoll und rechtschaffen gegeneinander, sage ich und laure auf seine Antwort.
Aber sie haben sich so dick, sagt Falkenberg in seinem Valdresschen Dialekt. Sie hat auch schon sehr verloren, in der kurzen Zeit, seit du fort warst, ganz bleich und mager ist sie geworden.
Mehrere Stunden lang saß ich in unserer Dachstube und behielt das Hauptgebäude von meinem Fenster aus im Auge, aber der Kapitän zeigte sich nicht. Warum kam er nicht heraus? Es war aussichtslos, noch länger zu warten, ich mußte fort, ohne mich beim Kapitän entschuldigt zu haben. Ich hätte freilich gute Gründe zu meiner Verteidigung vorbringen können, hätte alles auf den ersten Artikel in der Zeitung schieben können, der mich ein wenig größenwahnsinnig gemacht habe, was ja auch richtig war. Jetzt konnte ich nichts anderes tun, als meine Maschine zusammenpacken, sie so gut als möglich mit meinem Sack zu verdecken und mich auf die Wanderschaft begeben.
Emma war in der Küche und stahl etwas Essen für mich, ehe ich fortging.
Wieder hatte ich einen langen Marsch vor mir. Zuerst mußte ich zum Pfarrhof, der im übrigen beinahe an meinem Weg lag. Und von dort aus zur Bahnstation. Es fiel ein wenig Schnee, der das Gehen erschwerte, und ich konnte mir nicht Zeit lassen, wie ich wollte, sondern mußte aus allen Kräften marschieren: die Damen in der Stadt wollten nur Weihnachtseinkäufe machen, und sie hatten bereits einen guten Vorsprung.
Am folgenden Nachmittag kam ich auf den Pfarrhof. Ich hatte mir ausgedacht, daß es am besten sei, wenn ich mit der Frau Pfarrer sprechen könnte.
Ich bin auf dem Wege zur Stadt, sagte ich zu ihr, und schleppe eine Maschine mit, darf ich die schwersten Holzteile hier einstellen?
Du willst in die Stadt? fragt die Pfarrerin. Aber du wirst doch wohl bis morgen bei uns bleiben?
Nein, vielen Dank, ich muß morgen in der Stadt sein.
Die Frau Pfarrer denkt nach und sagt:
Elisabet ist in der Stadt. Du könntest ein Paket für sie mitnehmen, sie hat etwas vergessen.
Jetzt erfahre ich die Adresse! dachte ich.
Aber ich muß es erst herrichten.
Dann könnte Fräulein Elisabet aber schließlich abreisen, ehe ich hinkomme.
Nein nein, sie ist mit Frau Falkenberg gereist, sie bleiben eine ganze Woche dort.
Das war eine erfreuliche Nachricht, eine herrliche Nachricht. Jetzt wußte ich sowohl die Adresse wie die Zeit.
Die gnädige Frau sieht mich von der Seite an und sagt:
Dann bleibst du wohl hier über Nacht? Ja, denn ich muß wirklich erst alles herrichten .....
Ich bekam ein Zimmer im Hauptgebäude, denn es war zu kalt, um auf dem Heu zu schlafen, und als am Abend alles zu Bett gegangen und das ganze Haus still war, kam die gnädige Frau mit dem Paket zu mir und sagte:
Entschuldige, daß ich jetzt komme. Aber du gehst morgen wohl so früh fort, daß ich noch nicht auf bin.
33.
Dann stehe ich wieder mitten im Lärm und Gedränge der Stadt, zwischen Zeitungen und Menschen, und da seit meinem letzten Hiersein viele Monate vergangen sind, ist es mir gar nicht so unangenehm. Ich schlendere einen Vormittag umher, kaufe mir neue Kleider und begebe mich zu Fräulein Elisabet. Sie wohnte bei ihren Verwandten.
Würde ich nun so glücklich sein, auch die andere zu treffen? Ich bin unruhig wie ein Knabe. Da ich an Handschuhe gar nicht mehr gewöhnt bin, ziehe ich sie aus; als ich aber die Treppe hinaufsteige, sehe ich, daß meine Hände nicht zu den Kleidern passen, und so ziehe ich die Handschuhe wieder an. Dann läute ich.
Fräulein Elisabet? Ja, wollen Sie bitte ein wenig warten.
Fräulein Elisabet kommt. Guten Tag? Haben Sie nach mir .....? Nein, Sie sind es.
Ich hätte ein Paket von ihrer Mutter abzugeben. Hier, bitte schön.
Sie reißt die Hüllen herunter und sieht, was es ist. Nein, Mama ist großartig! Das Opernglas. Wir sind schon im Theater gewesen ..... Ich habe Sie nicht sofort erkannt.
So. Aber es ist doch noch nicht so lange her.
Nein, aber ..... Sagen Sie mir, Sie wollen sicher gerne nach jemand anderem fragen? Hahaha.
Ja, sagte ich.
Sie wohnt nicht hier. Nur ich wohne hier, bei Verwandten. Sie ist im Hotel Viktoria.
Na, das Paket war ja auch für Sie, sagte ich und versuchte meiner Enttäuschung Herr zu werden.
Warten Sie ein wenig, ich will gerade in die Stadt, da können wir zusammen gehen.
Fräulein Elisabet macht sich fertig, verabschiedet sich durch die Türe und geht mit mir fort. Wir nehmen einen Wagen und fahren in ein stilles Café. Fräulein Elisabet findet es so lustig, ins Café zu gehen. Aber dieses hier sei nicht lustig.
Ob sie lieber in ein anderes wolle?
Ja. Ins Grand.
Ich fürchtete, daß ich dort erkannt werden könnte, ich war lange fortgewesen und mußte vielleicht Bekannte begrüßen. Aber das Fräulein verlangt das Grand. Der kurze Aufenthalt in der Stadt hatte sie schon ganz sicher gemacht. Früher aber hatte ich sie sehr gerne gehabt.
Wir fahren wieder fort und kommen zum Grand. Es geht gegen Abend. Das junge Mädchen setzt sich mitten ins hellste Licht und strahlt selbst vor lauter Vergnügen. Ich lasse Wein bringen.
Nein, wie fein Sie geworden sind, sagt sie und lacht.
Ich könnte hier ja nicht mit der Arbeitsbluse gehen.
Nein, natürlich. Aber offen gestanden, die Bluse ..... Darf ich sagen, was ich meine?
Ja, bitte.
Die Bluse kleidete Sie besser.
Was Sie sagen! Der Teufel hole diese Stadtkleider! -- Ich saß da vor ihr, und mir brannten andere Dinge im Kopf, es lag mir nichts an diesem Gespräch.
Bleiben Sie lange in der Stadt? frage ich.
Solange Louise bleibt, mit den Einkäufen sind wir fertig. Nein, leider dauert es zu kurz ..... Dann wird sie wieder aufgeräumt und fragt lachend: Hat es Ihnen bei uns auf dem Land gefallen?
Ja, das war eine schöne Zeit.
Kommen Sie bald wieder? Hahaha.
Sie trieb sicher nur ihren Scherz mit mir. Sie wollte wohl zeigen, daß sie mich durchschaut hatte, daß die Rolle, die ich auf dem Lande gespielt hatte, nicht so ganz echt gewesen war. Das Kind! -- ich könnte jeden Arbeiter anleiten und bin in vielen Dingen Fachmann! In meinem eigentlichen Lebensberuf aber bleibe ich immer hinter dem zurück, was ich mir erträume.
Soll ich Papa bitten, im Frühjahr an dem Pfosten anzuschlagen, daß Sie alle Arten von Wasserleitungsanlagen übernehmen?
Sie schloß die Augen und lachte; sie lachte so herzlich.
Ich bin vor Spannung ganz zerrissen und leide unter diesen Scherzen, obwohl sie so gutmütig sind. Ich blicke im Café umher, um mich zu sammeln, da und dort wird ein Hut gezogen, und ich antworte und sehe alles wie aus weiter Entfernung. Die reizende Dame, mit der ich hier saß, machte alle auf uns aufmerksam.
Sie kennen also diese Leute, die Sie da grüßen?
Ja, einige .... Haben Sie es hier in der Stadt nett gehabt?
Großartig. Ich habe zwei Vettern hier, und diese haben ihre Kameraden.
Der arme Erik daheim! sage ich im Scherz.
Ach Sie mit Ihrem Erik. Nein, hier gibt es einen, der heißt Bewer. Aber zurzeit stehe ich mit ihm auf Kriegsfuß.
Das geht schon wieder vorbei.
Glauben Sie? Übrigens ist es ziemlich ernstlich. Passen Sie auf, ich erwarte eigentlich jeden Augenblick, daß er herkommt.
Dann müssen Sie ihn mir zeigen.
Als wir hierher fuhren, dachte ich mir aus, daß wir beide hier sitzen und ihn eifersüchtig machen könnten.
Ja, das wollen wir tun.
Ja, aber --. Aber da müßten Sie doch ein wenig jünger sein. Ich meine --
Ich zwinge mich zum Lachen. Oh, wir würden es schon schaffen. Verachten Sie uns Alten nicht, uns Uralten, wir können ganz unvergleichlich sein. Machen Sie mir nur auf dem Sofa Platz, damit er meinen Mond nicht sieht.
Oh, wie schwer ist es doch, den schicksalsschwangeren Übergang zum Alter auf eine schöne und stille Art zu finden. Eine gewisse Krampfhaftigkeit tritt ein, ein Zucken und Zappeln, Grimassen, der Kampf mit den Jüngeren, der Neid.
Hören Sie, gnädiges Fräulein, sagte ich und bitte sie von ganzem Herzen: Können Sie nicht telephonieren und Frau Falkenberg hierher kommen lassen?
Sie denkt nach.
Doch, das wollen wir tun, erwidert sie und ist barmherzig.
Wir gehen ans Telephon, rufen das Hotel Viktoria an und lassen Frau Falkenberg ans Telephon bitten.