Türkische Märchen

Part 24

Chapter 243,933 wordsPublic domain

Ein frommer Mann hatte sich für das Opferfest einen Hammel gekauft, um dessen Hals einen Strick gelegt und führte ihn zu seinem Kloster. Unterwegs sahen einige Diebe das Schaf: Ihre Diebslust regte sich und sie gingen dem frommen Mann entgegen. Da sie nicht wie Wölfe oder Tiger mit gewalttätiger Hand die Beute nehmen konnten, wollten sie listig wie ein Fuchs zu Werke gehen und den frommen Mann in den Schlaf des Hasen [45] versetzen. Sie verfielen auf eine ganz besondere List, durch die sie das einfache und fromme Herz des Mannes zu fangen gedachten. Nämlich folgendermaßen: Sie gingen einzeln dem frommen Manne entgegen. Der erste sagte: „Scheich, was willst du mit dem Hunde machen?“ Der zweite: „Scheich, beflecke dein Gewand nicht mit dem Hunde.“ Der dritte: „Es sieht so aus, als ob du mit dem Hunde auf Jagd gehst.“ Ein anderer sagte: „Jäger, von wem hast du diesen Jagdhund gekauft?“ Ein anderer: „Der Scheich mit diesem Hunde sieht so aus wie ein Nachtwächter.“ Ein anderer: „Dieser Mann mit dem Jagdhund ist sicherlich ein Hundewärter des Kaisers.“ Kurz, alle die Diebe hatten sich auf dies Wort geeinigt, warfen ihm ein solches Wort zu und machten ihn zur Scheibe ihres Witzes.

Als der schlichte fromme Mann von ihnen allen übereinstimmend dies Wort hörte, kamen ihm Zweifel, ob sein Hammel ein Hund sei und er sagte zu sich: „Vielleicht war der Verkäufer ein Zauberer, der mich verzaubert hat, daß ich den Hund für einen Hammel halte. Das Beste ist es, ich lasse ihn fahren, gehe zum Verkäufer zurück und verlange mein Geld zurück, das ich ihm gegeben.“

In seiner Einfalt ließ er den Hammel los und ging zurück, um den Verkäufer zu suchen. Als die Diebe das sahen, stürzten sie sich wie Wölfe auf den Hammel und nahmen ihn mit sich.

56. DIE MAUS, DIE IN EIN JUNGES MÄDCHEN VERWANDELT WURDE

Ein Mönch, dessen Gebet Erhörung bei Gott fand, hatte sich am Rande eines Baches niedergelassen und sich ganz von den Dingen dieser Welt zurückgezogen. Eines Tages flog ein Weihe vorbei, der eine Maus gefangen hatte und im Schnabel hielt. Nach Gottes Willen fiel diese aus dem Schnabel des Weihes gerade vor den Mönch. Dieser sah sie und empfand Mitleid mit ihr, warf seinen Mantel über sie, nahm sie in sein Haus und trug einem seiner Schüler auf, sie wie seinen Sohn zu pflegen. Dann kam ihm in den Sinn, daß dies Tier in einer Menschenwohnung allerlei Unbequemlichkeit hervorrufen werde. Er bat daher Gott, daß er sie in ein junges Mädchen verwandele. Sein Gebet wurde erhört und sie wurde ein schönes Mädchen. Als der Mönch sah, daß sie die leibhaftige Grazie war, übergab er sie einem seiner Schüler und trug ihm auf, sie wie seinen leiblichen Sohn zu erziehen. Der Schüler folgte dieser Anweisung seines Meisters und erzog sie mit Eifer.

Nach kurzer Zeit war das Mädchen herangewachsen und der Mönch sagte zu ihr: „Liebes Herz, du bist nun herangewachsen und ich muß dich verheiraten. Ich überlasse die Sache dir. Was sagst du dazu? Du kannst dir deinen Gemahl aus den Menschen und Geistern und den Wesen der Ober- und Unterwelt aussuchen.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche einen Gemahl, der sich durch Kraft und Stärke besonders auszeichnet.“ Der Mönch erwiderte: „Ein Wesen, das alle diese Eigenschaften besitzt, wird schwer gefunden, aber vielleicht ist es die Sonne?“ Das Mädchen sagte: „Ja, das wäre ein passender Gemahl für mich.“

Als die Sonne am Morgen aufging, stellte der Asket ihr die Sache dar und sagte: „Das Mädchen ist sehr schön und einem Engel zu vergleichen. Ich will sie jetzt verheiraten, aber sie verlangt jetzt von mir einen starken, angesehenen Gemahl, deswegen möchte ich sie dir als Dienerin übergeben und die Ehe zwischen euch beiden abschließen.“ Als die Sonne dies hörte, wurde sie vor Scham bald bleich, bald rot. Schließlich gab sie folgende Antwort: „Mönch, ich will dir jemand nennen, der stärker als ich ist. Das ist die Wolke, denn sie kann mit ihrer Schleppe mein leuchtendes Gesicht verhüllen und meinen Anblick dem Menschen fern halten.“

Der Mönch wandte sich also an die Wolke und trug sein Anliegen vor. Die Wolke versank vor Scham und sagte: „Wenn du mich wegen meiner Kraft und Stärke wählst, so ist der Wind in dieser Beziehung mir überlegen, denn er treibt mich dorthin, wohin er es will, und mein Wille ist ganz in seiner Hand.“ Der Mönch gab dies zu und wandte sich an den Wind. Er schilderte ihm die Schönheit seiner Tochter und erzählte die Geschichte von der Wahl des Schwiegersohnes genau wie vorher. Der Wind kam in Verlegenheit über diese Worte und sagte: „Wenn ich auch noch so mächtig und kräftig bin, so ist doch der Berg noch mächtiger, denn er steht fest und majestätisch. Meine Kraft macht gerade soviel Eindruck auf ihn wie der Ton einer Posaune auf das Ohr eines Tauben oder der Tritt einer Ameise auf einen harten Fels.“

Als der Mönch dem Berge seine Absicht auseinandergesetzt hatte, rief dieser mit lauter Stimme: „An Kraft und Stärke ist die Maus mir überlegen, denn sie nagt mich von allen Seiten mit ihren scharfen Zähnen an, macht in meinem Innern lauter Löcher und Nester und hat meine Brust und meinen Körper mit ihren erbarmungslosen Zähnen zu einem Sieb gemacht.“ Als das Mädchen dies hörte, regte sich in ihr ihre Herkunft und sie sagte: „Du sagst die Wahrheit, denn die Maus ist mächtiger als er, und eine Heirat mit der Maus wäre für mich das passendste.“ Der Mönch war damit einverstanden und setzte einer Maus sein Anliegen auseinander. Die Maus fühlte infolge der Verwandtschaft Zuneigung zu ihr und sagte: „Ich wünsche mir schon seit langem eine Geliebte, die mir Gefährte und Genosse sein könnte, aber da zwischen den Gatten Gleichwertigkeit vorhanden sein muß, so muß ich eine Gemahlin haben, die von meiner Rasse ist.“ Das Mädchen sagte: „Das ist leicht. Der fromme Mann muß zu Gott beten, daß ich eine Maus werde und dich mit den Armen der Liebe umarme.“ Da der Mönch sah, daß auf beiden Seiten Zuneigung vorhanden war, so hob er seine Hände empor und bat Gott, sie wieder zur Maus zu machen. Sein Gebet wurde sofort erhört und der Spruch: „Jedes Ding kehrt zu seinem Ursprung zurück“ bewahrheitete sich wieder. Das Mädchen wurde wieder eine Maus, was sie vorher gewesen, und der Mönch gab sie der anderen Maus zur Ehe.

57. DIE BEIDEN SPERLINGE UND DIE SCHLANGE

Zwei Sperlinge hatten ein Nest auf dem Dach eines Hauses und brachten ihr Leben zu, indem sie zufrieden waren mit dem, was sie sich erwarben. Nachdem sie durch Gottes Willen Junge bekommen hatten, flogen sie immer beide aus, um für ihre Jungen Nahrung zu holen. Eines Tages als der Vater von einem Fluge heimkehrte, sah er, daß die Mutter in Aufregung um das Nest flog, laut schrie und jammerte. Er rief aus: „Was machst du und was jammerst du?“ Sie antwortete: „Warum sollte ich nicht wehklagen? Als ich nach kurzer Abwesenheit zurückkehrte, sah ich, daß eine schreckliche Schlange an unser Nest herankroch. Wie sehr ich auch bat und flehte, es nützte nichts.“ Sie sagte: „Dein Schreien macht auf meine schwarze Seele keinen Eindruck.“ Ich antwortete: „Gut, aber fürchtest du dich nicht davor, daß wir beide uns an dir rächen und dich zu töten versuchen werden?“ Die Schlange antwortete unter Lachen: „Was sollte ich von dir befürchten?“ Da blieb mir nichts anderes übrig als um Hilfe zu rufen. Aber niemand hörte mich und die Schlange hat unsere Jungen gefressen und sich in unser Nest gelegt.“

Als der männliche Sperling diese Schreckenskunde vernahm, war er wie vom Blitze getroffen. Während dessen war der Besitzer des Hauses damit beschäftigt Licht anzuzünden und hielt einen in Öl getauchten brennenden Docht in der Hand. Der Sperling packte den Docht und warf ihn auf sein Nest. Um einen großen Brand zu verhindern, stieg der Hausherr auf das Dach und wollte das Nest mit einer Hacke vom Dache herunterschlagen. Als die Schlange vor sich die Feuerfunken und über sich die Schläge der Hacke merkte, steckte sie aus einem Loch den Kopf heraus und wurde von der Hacke erschlagen.

58. DER DERWISCH UND DER ZERSCHLAGENE KRUG

Ein frommer Mann lebte neben einem Kaufmann, der ihn in den Dingen dieses Lebens um Rat fragte. Der Kaufmann verkaufte Öl und Honig und gewann dabei sehr viel. Der fromme Mann widmete sich ganz dem Dienste Gottes. Deswegen schenkte der Kaufmann ihm in allem Glauben, hatte die Sorge für seinen Unterhalt übernommen und schickte ihm jeden Tag eine bestimmte Menge Öl und Honig. Der Derwisch gebrauchte davon etwas für seinen täglichen Unterhalt, den Rest sparte er sich auf. Im Lauf der Zeit sammelte er sich davon einen Krug an und kam auf den Gedanken, ihn mit Gewinn zu verkaufen. Als er ihn sich eines Tages ansah und in Gedanken versunken war, überlegte er, wieviel Maß Honig und Öl er wohl fasse. Er schätzte ihn auf zehn Maß und sagte: „Das Beste ist, daß ich ihn für zehn Dirhem verkaufe und mir für das Geld zehn Schafe kaufe. Diese werden nach sechs Monaten Junge bekommen und jedes wird zwei Lämmer haben. In einem Jahre werden es vierzig bis fünfzig sein und in zehn Jahren werden daraus Herden entstehen. Davon werde ich einige verkaufen und reich werden. Dann werde ich ein schönes junges Mädchen aus vornehmer Familie heiraten. Diese wird in neun Monaten mir einen Sohn, wie ein Engel, gebären. Nach einiger Zeit werde ich ihn in allen Wissenschaften und Künsten unterrichten. Wenn er dann heranwächst, kann es vorkommen, daß er nicht tut, was ich will. Dann werde ich ihn züchtigen, und zwar werde ich das mit diesem Stocke in meiner Hand tun.“ Er hob den Stock hoch und war so in seine Träumerei versunken, daß er seinen ungehorsamen Sohn vor sich zu haben glaubte, und schlug stark auf den Krug ein. Nun stand der Krug oben auf einem Brett, und er saß darunter. Als er auf den Krug einschlug, zerbrach dieser, und das Öl und der Honig floß ihm über Haar und Bart.

59. DER KÖNIG UND SEIN FALKE

In alter Zeit lebte ein König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König hatte einen Falken, der im Fluge jedes Wild einholte. Der König liebte diesen Falken über die Maßen und fütterte ihn immer mit eigener Hand. Eines Tages jagte er mit ihm auf einer Wiese und plötzlich erschien ein Hirsch. Der König verfolgte ihn ohne Überlegung mit größtem Eifer und ließ seinem leichtfüßigen Pferde die Zügel schießen. Es rannte so schnell, daß selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblicke durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge einer nach dem anderen zurück und die Diener trennten sich von ihm. Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der König mußte die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durste gequält wurde, durcheilte er die Wüste, um Wasser zu suchen, nach allen Richtungen. Schließlich kam er an den Fuß eines Berges und sah, daß von dem Berge klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise herabfloß, voll. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit seinem Flügel an den Becher, so daß das Wasser ausfloß. Als der König ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von neuem füllte und trinken wollte, geschah dasselbe wie vorher.

Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem Augenblick kam der Steigbügelhalter des Königs heran und fand den Falken tot und den König durstig. Er holte eine Feldflasche hervor, füllte den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sagte: „Ich möchte von diesem Wasser haben, das von dem Berge herabtröpfelt, aber da es nur tropfenweise fließt, so macht es viel Mühe den Becher zu füllen. Du mußt hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis für das Wasser ist, und den Becher füllen.“ Der Steigbügelhalter sagte: „Zu Befehl“ und stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur tropfenweise Wasser gab und vor der Quelle lag eine tote große Schlange und durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest und ihr Gift hatte sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der Steigbügelhalter lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter, nachdem er vorher seine Feldflasche mit dem kalten Wasser gefüllt hatte, und erzählte dem König, was er gesehen. Der König erquickte sich an dem kühlen Wasser, während aus seinen Augen Tränen flössen. Der Steigbügelhalter fragte ihn nach dem Grunde der Tränen. Der König erzählte die Geschichte und sagte: „Ich weine darüber, daß ich den Falken zu unrecht getötet habe.“ Der Steigbügelhalter erwiderte: „O König, dieser Falke hat dich vor einem großen Unglück bewahrt, und das ganze Volk des Landes ist ihm zu großem Danke verpflichtet. Es wäre besser gewesen, wenn der König nicht so eilig gewesen wäre, ihn zu töten und wenn er die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde gedämpft hätte.“ Der König antwortete: „Ich bereue meine Handlung, aber die Reue nützt nichts und, so lange ich lebe, werde ich stets durch Gewissensbisse gequält werden.“

60. DIE RÄUBER UND DIE KRANICHE

In der Stadt Rakka lebte ein Derwisch, der reich an lobenswerten Tugenden und schätzenswerten Eigenschaften war, mit Namen Danadil. Alle Leute in der Stadt liebten ihn.

Einst entschloß er sich, die Pilgerreise nach Mekka zu machen, und trat ohne Freund und Genossen die Reise durch die Wüste an. Unterwegs beabsichtigten einige Räuber ihn zu töten, da sie bei ihm Geld vermuteten. Als Danadil ihre Absicht merkte, sagte er: „Ich habe nicht mehr Geld bei mir, als gerade für die Pilgerfahrt genügt. Wenn euch das genügt, so nehmt ohne Zaudern alles, was ich habe, aber laßt mich frei, damit ich die Pilgerfahrt beendige und meine Absicht erreiche.“ Die Räuber, die sich fürchteten, ihn am Leben zu lassen, beschlossen, ihn ohne Erbarmen zu töten. In seiner Not schaute der Arme sich nach allen Seiten um, und wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so sah er überall nach Hilfe aus. In dieser Einöde war aber kein lebendes Wesen zu erblicken außer einer Herde Kraniche, die über ihnen durch die Luft flogen. Als Danadil sie hörte, rief er aus: „Ihr Kraniche, ich muß in dieser Wüste von den Händen dieser Räuber sterben und außer Gott weiß niemand etwas davon. Ich hoffe, daß ihr mein Blut nicht ungerächt laßt und mich an diesen Blutgierigen rächen werdet.“ Als die Räuber dies hörten, lachten sie und fragten ihn spöttisch nach seinem Namen. Auf seine Aussage, daß er Danadil [46] heiße, sagten sie: „Der Name paßt für dich gar nicht, denn wie kannst du Danadil heißen, wenn du nicht einmal weißt, daß die Vögel dich nicht verstehen? Für uns ist es ausgemacht, daß du ganz dumm bist. Und einen Dummen umzubringen, ist keine Sünde.“ Sie töteten ihn und nahmen das wenige, das er bei sich hatte. Als die Kunde seines Mordes in der Stadt bekannt wurde, trauerten alle sehr um ihn und bemühten sich, die Mörder ausfindig zu machen. Schließlich, nach langer Zeit, waren die Bewohner der Stadt bei dem Opferfest auf dem Betplatze vereinigt und die Mörder des Danadil waren auch dabei. Währenddessen flog eine Schar Kraniche über den Köpfen der Mörder und schrie so laut, daß die Leute in ihren Gebeten innehielten. Da sagte einer von den Räubern spöttisch lächelnd zu seinen Genossen: „Diese verlangen wohl das Blut des Danadil?“

Nach Gottes Fügung hatte einer von den Leuten aus der Stadt, der neben ihm stand, dies gehört. Er meldete den Vorfall dem Oberhaupt der Stadt und sofort wurden Wachen und Boten ausgeschickt. Alle Räuber wurden ergriffen und erfuhren die Vergeltung nach dem göttlichen Recht für ihre Untat.

61. DIE MUTTER UND DIE KRANKE TOCHTER

Eine alte Frau hatte eine wunderschöne Tochter, die plötzlich sehr krank geworden war. Die Mutter war immer am Bette der Tochter, vergoß Ströme von Tränen und sagte, indem sie voll Trauer zum Himmel blickte: „Liebes Kind, du bist mein alles. Wie gerne würde ich mein Leben für dich dahingeben. Nur mit dir habe ich Freude am Leben. Ohne dich nützt mir das Leben nichts. Ich will gern sterben, wenn du nur gesund wirst.“ So betete sie Tag und Nacht und war bereit, sich für ihre Tochter zu opfern.

Nun hatte die alte Frau eine schwarze Kuh. Diese war vom Felde heimgekommen und in die Küche gegangen. Angelockt durch den Geruch der Mahlzeit, hatte sie den Kopf in den Kessel gesteckt und alles, was sie fand, ausgefressen. Als sie den Kopf wieder herausziehen wollte, konnte sie den Kessel nicht loswerden und wurde dadurch ganz aufgeregt. Die alte Frau, die von diesem Vorgange nichts wußte, hörte gegen Abend eine schreckliche Stimme und sah diese merkwürdige Erscheinung. Da dachte sie, es sei der Todesengel, der gekommen sei, um ihre Tochter zu holen. Infolgedessen sagte sie unter Jammern und Wehklagen: „Engel des Todes, ich bin nicht die Kranke. Ich bin eine alte Frau. Die Kranke ist meine Tochter. Deren Seele hole.“

62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN

Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war alt, die andere zart wie ein Rosenblatt. Er selbst war über die Zeit der Jugend hinaus, und sein Haar und Bart fingen an grau zu werden. Er liebte beide Frauen und behandelte die eine wie die andere derart, daß er die eine Nacht bei der einen und die andere Nacht bei der andern zubrachte. Er hatte die Gewohnheit, des Morgens, bevor er aufstand, seinen Kopf seiner Frau auf den Schoß zu legen und noch etwas zu schlafen. Als er eines Tages so im Schoße der alten Frau schlief, sah diese, daß in seinem Bart einzelne weiße Haare waren. Sie sagte zu sich: „Ich werde ihm die schwarzen Haare herausschneiden und ihn des Schmuckes der Jugend berauben, damit die andere Frau, die ihn für jung hält, seiner überdrüssig wird, wenn sie das weiße Haar sieht, und damit er sich dann aus Ärger über diese Zurücksetzung ganz mir anschließt.“ In diesem Gedanken beseitigte sie, soweit als möglich die schwarzen Haare.

Am nächsten Morgen schlief er im Schoße der jungen Frau. Als diese unter den weißen Haaren einige schwarze sah, die der Schere der alten Frau entgangen waren, sagte sie: „Ich werde die weißen Haare entfernen, so daß er sich noch für jung hält, des Verkehrs mit der alten Frau überdrüssig wird und nur Verlangen nach mir hat.“ Sie schnitt also, soweit sie konnte, die weißen Haare ab. So verging einige Zeit. Eines Tages hörte er, daß einige Leute zueinander sprachen und sich über seinen Bart lustig machten. Er faßte nach seinem Barte und sah, daß überhaupt kein Haar mehr geblieben war.

63. DER JÄGER UND DIE BEIDEN STUDENTEN

Es gab einen armen Mann, der es im Fischen und Jagen zu einer großen Meisterschaft gebracht hatte. Eines Tages hatte er sein Netz auf einer Wiese ausgebreitet und saß im Hinterhalt. Nach langem Warten und mit vieler Mühe hatte er drei Vögel herangelockt. Als er die Schlinge zusammenzog, hörte er den Lärm von Stimmen. Damit nicht die Vögel hierdurch verscheucht würden, verließ er seinen Hinterhalt und sah, daß es zwei Studenten waren, die miteinander disputierten und zwar so, daß die Disputation schon in den heftigsten Streit ausartete. Der Jäger bat und flehte: „Seid einen Augenblick ruhig, daß die Vögel nicht verjagt werden und meine Arbeit nicht umsonst sei.“ Die Studenten sagten: „Wenn du uns von dieser Beute einen Anteil gibst und jedem von uns einen Vogel versprichst, so wollen wir dir zu Willen sein und uns nicht weiter streiten.“ Der Jäger erwiderte: „Ich bin ein armer Mann und habe eine Familie, die auf meinen Fang angewiesen ist. Wenn ihr nun schon zwei Vögel nehmt, so bleibt nur noch einer. Wie sollte der für die ganze Familie reichen?“ Sie sagten: „Du genießt immer diese Nahrung, wir müssen uns kümmerlich ernähren und haben noch nie Vogelfleisch bekommen. Es bleibt bei der Bedingung. Entweder schreien wir und jagen dir deine Beute weg oder du gibst einem jeden von uns einen Vogel.“ Was der Jäger auch alles dagegen sagte, sie blieben hartnäckig, und so mußte er die Bedingung annehmen. Er zog also das Netz zu und fing die drei Vögel. Dann fing er von neuem an zu flehen. Aber als nichts half, teilte er die Beute mit ihnen und sagte: „Da ich euch diesen Gefallen getan habe, so sagt mir wenigstens das Wort, worüber ihr euch gestritten habt. Lehrt es mich, damit ich wenigstens auch einen Nutzen von euch habe.“

Die Studenten lachten und sagten: „Wir sprachen von dem Hermaphroditen und von dem Erbrecht eines solchen.“ Der Jäger fragte: „Was ist ein Hermaphrodit?“ Sie antworteten: „Ein Hermaphrodit ist einer, der weder männlich noch weiblich ist.“ Der Jäger merkte sich das Wort, ging betrübt nach Hause und erzählte seiner Familie den Vorfall. Die begnügte sich diese Nacht mit dieser geistigen Nahrung. Am nächsten Morgen ging der Jäger fischen und warf sein Netz ins Meer. Nach Gottes Ratschluß fing er einen Fisch, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Nachdem er ihn eine Zeitlang voll Bewunderung betrachtet hatte, sagte er nach längerem Überlegen zu sich: „Kein Fischer hat einen solchen Fisch in seinem Netze gefangen, und einen zweiten so schönen Fisch gibt es nicht. Es ist das beste, ihn lebendig dem Könige zu schenken, damit er mich vor meinen Genossen ehre.“ Er setzte also den Fisch in einen Wasserbehälter und ging zum königlichen Palast. Nun war auf Befehl des Königs in dem Garten vor dem Schlosse ein Bassin aus Marmor gebaut und mit klarem Wasser gefüllt worden. Dort hinein hatte man Fische gesetzt und ein halbmondförmiges Schiff gebaut, um es auf der Oberfläche des Bassins schwimmen zu lassen. Jeden Tag, wenn der König Lust hatte, das Wasser und die Fische zu sehen, ging er an den Rand des Bassins. Als er hierbei beschäftigt war, kam der Fischer und zeigte diesen wunderbaren Fisch dem Könige. Dieser fand ihn sehr schön und ließ dem Fischer tausend Goldstücke anweisen.

Einer von den Veziren, der dem König besonders nahe stand und daher offen seine Meinung äußern konnte, sagte zu ihm warnend: „Euer Majestät weiß, daß es im Meere viele Fische gibt und daß die Zahl der Fischer ohne Ende ist. Wenn die goldspendende Hand des Königs für einen Fisch tausend Goldstücke gibt, dann werden weder der Schatz des Königs noch sämtliche Steuern des Landes ausreichen. Es ist ja bekannt, wie hoch der Preis für einen Fisch ist, und wie hoch die Belohnung für einen Fischer sein darf. Das Geschenk muß dem Gegenstand entsprechend und die Belohnung der Arbeit gemäß sein.“ Der König antwortete: „Du hast zwar recht, aber, nachdem ich es einmal versprochen habe, muß ich auch mein Wort halten.“ Der Vezir sagte: „Ich habe einen Plan, so daß du weder wortbrüchig zu werden brauchst noch das viele Geld ausgeben mußt. Das Beste ist, man fragt ihn, ob der Fisch ein Männchen oder Weibchen ist. Je nachdem er dann angibt, sagt man: ‚Geh und hole den Genossen, damit es ein Paar werde. Dann bekommst du das versprochene Geld.‘ Er wird dann stumm sein wie ein Fisch und mit dem wenigen, was er bekommen hat, zufrieden sein.“

Der König wandte sich zu dem Fischer und sagte: „Meister, ist dieser Fisch ein Männchen oder ein Weibchen?“ Der Fischender ein vielerfahrener Mann war, überlegte sich, was der König wohl mit dieser Frage beabsichtige. Nach längerem Nachsinnen fiel ihm das Wort ein, das er von den beiden Studenten gelernt hatte. Er antwortete also: „Dieser Fisch ist ein Hermaphrodit, das heißt, er ist weder Männchen noch Weibchen.“ Dem Könige gefiel die Antwort sehr. Er gab ihm zu den versprochenen Goldstücken noch tausend dazu und nahm ihn unter seine Hofleute auf.

64. DER KLUGE KADI