Part 23
Die Schildkröte sagte: „Das überlasse ich wieder eurer Einsicht, und die Lösung dieser Schwierigkeit hängt von eurem Scharfsinn ab. Was könnte ich mit meinem schwachen Geist, der durch den Abschiedsschmerz krank und durch die Trennung von den Freunden ganz gebrochen ist, herausfinden?“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund, wir haben schon an eine Möglichkeit gedacht, aber da wir wissen, daß du etwas leichtsinnig bist, so kannst du wahrscheinlich nicht so, wie wir denken, handeln.“ Die Schildkröte sagte: „Wäre es möglich, daß ich, während ihr zu meinem Besten einen Plan ausdenkt, mein Versprechen nicht halten sollte, obgleich es zu meinem Nutzen ist?“ Die Enten sagten: „Wir können dich unter der Bedingung durch den weiten Himmelsraum tragen, daß du weder Hand noch Fuß rührst und kein Wort sprichst. Denn es werden uns Leute begegnen, die uns irgendein Wort zurufen oder sich sonst irgendwie bemerklich machen. Da ist es nötig, daß du, magst du auch hören und sehen, was du willst, deinen Mund fest unter Siegel hältst.“ Die Schildkröte sagte: „Ich tue, wie ihr befehlt.“
Die Enten brachten einen Stock und steckten die Mitte davon der Schildkröte in das Maul. Sie faßten an beiden Enden an und hoben ihn hoch. Als sie so flogen, kamen sie über ein Dorf. Alle Leute, jung und alt, groß und klein, sahen dies Ereignis und verließen, um es sich genauer anzusehen, die Häuser, wunderten sich und riefen von allen Seiten: „Die Enten tragen eine Schildkröte.“ Eine Zeitlang war die Schildkröte ruhig, dann konnte sie es nicht mehr aushalten und antwortete auf das Gerede der Leute: „ja.“ Sobald sie zur Antwort den Mund geöffnet hatte, fiel sie vom Himmel zur Erde.
Die Enten sagten tadelnd: „Du Unverständiger, du Leichtsinniger, vom Boten verlangt man nur, daß er seine Botschaft überbringt, von den Freunden, daß sie raten, und von den Verständigen, daß sie zuhören und demgemäß handeln.“
51. DIE BEIDEN GESCHÄFTSFREUNDE
Es waren einst zwei Geschäftsgenossen, der eine klug, der andere leichtsinnig. Der eine war in dem Maße schlau und gewandt, daß er durch seinen Zauber, seine Künste und Listen das Wasser vom Fließen und den Vogel vom Fliegen abhielt und durch seinen Scharfsinn aus den Blättern des Heute die Ereignisse des Morgen lesen konnte. Dieser hieß Tizhūsch. Der andere konnte bei seinen Mängeln und seiner Einfältigkeit nicht einmal zwischen Gewinn und Verlust entscheiden. Der hieß Hazim. Diese befiel die Lust zu reisen und Handelsgeschäfte zu treiben und sie machten sich in Kameradschaft auf den Weg.
Sie zogen von Station zu Station. Unterwegs fanden sie durch Gottes Fügung einen Beutel mit vollwichtigen Goldstücken. Diesen sahen sie als einen großen Gewinn und ausreichenden Lebensunterhalt an und machten Halt. Der kluge Gefährte sagte: „Lieber Freund, es gibt viel Gewinn in der Welt, der noch nicht nutzbringend verwendet ist. Ich halte es für das Beste, unsere Reiselust aufzugeben und uns mit diesem Sack Gold zu begnügen, mit diesem Lebensunterhalt zufrieden zu sein und in Ruhe und Gesundheit nach Hause zu gehen.“
Sie kehrten also um und rasteten nahe vor der Stadt. Der einfältige Genosse sagte: „Bruder, wollen diese Beute teilen, wollen unser gemeinsames Geschäft auflösen und von unserm Anteil leben.“ Der Kluge, der allerhand listige Pläne schmiedete, antwortete: „Jetzt ist der Gedanke der Teilung abwegig. Das Richtige ist es, jetzt soviel davon auszugeben, wie wir brauchen, und den Rest mit größter Vorsicht in einem Loche zu deponieren. Nach einigen Tagen kommen wir und nehmen uns so einen bestimmten Teil und verwahren den Rest wieder. So ist es am wenigsten gefährlich und am sichersten.“ Der törichte Genosse ließ sich täuschen und nahm das listige Angebot an. Sie nahmen in dieser Weise, soviel sie brauchten, heraus und vergruben den Rest am Fuße eines Baumes. Dann gingen sie in die Stadt ein jeder in sein Haus.
Der schlaue Genosse ging zum Baume und nahm den Schatz vollständig in eigenen Besitz. Der andere, der nichts davon ahnte, war damit beschäftigt sein Geld auszugeben. Als er damit fertig war, mußte er notgedrungen zu dem klugen Partner gehen, teilte ihm die Sache mit und sagte: „Bruder, komm, wollen uns aus dem Schatz für unsere Ausgaben einen Teil holen. Ich brauche es nötig.“ Tizhūsch stellte sich so, als ob nichts passiert sei, und sagte: „Ob Not oder nicht, ist einerlei, komm, wir wollen hingehen.“ Sie gingen an den bekannten Platz und suchten emsig und eifrig, fanden aber vom Schatz keine Spur. Tizhūsch wurde zornig, packte Hazim am Kragen und sagte: „Natürlich hast du das Geld genommen. Kein anderer außer dir wußte darum.“ Wie sehr der Arme auch jammerte und schwur, es nützte ihm nichts. Kurz, vom Streit kam es zum Prozeß. Der kluge Partner führte den andern vor den Kadi und erzählte diesem die Sache. Hazim sagte nur: „Gott soll mich bewahren.“ Der Kadi forderte von Tizhūsch Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptung. Dieser sagte: „Kadi, außer dem Baum, an dessen Fuße das Gold vergraben wurde, habe ich keinen Zeugen. Ich hoffe, daß der allmächtige Gott jenem Baume die Macht der Rede geben wird und ihn gegen den Betrug dieses gemeinen Menschen, der sich den ganzen Schatz genommen und mich um meinen Anteil gebracht hat, Zeugnis ablegen lassen wird.“
Der Kadi wunderte sich über diese Worte und nach langem Hin- und Herreden kam man überein, daß am nächsten Morgen der Kadi persönlich am Fuße jenes Baumes anwesend sein würde und die Zeugnisabgabe des Baumes mit ansehen werde. Sollte das Zeugnis für Tizhūsch günstig sein, würde er dementsprechend das Urteil fällen.
Der kluge Partner ging nach Hause und erzählte seinem Vater die Sache ganz offen. „Vater, ich vertraue dir. Deswegen habe ich diesen Gedanken mit dem Zeugnis des Baumes vorgebracht und in der Hoffnung auf deine Zustimmung habe ich den Setzling dieser List in den Garten des Kadis gepflanzt. Das Gelingen dieser Sache ist an deine Mitwirkung geknüpft. Wenn du einverstanden bist, gewinnen wir so viel Geld und noch mehr und können den Rest unseres Lebens in Behaglichkeit und Zufriedenheit zubringen.“ Der Vater antwortete: „Was soll ich in dieser Sache tun und was ist an meine Mitwirkung geknüpft?“ Der Sohn erwiderte: „Der Baum ist in seinem Innern hohl, und zwar in einem Grade, daß zwei Personen sich darin verbergen können. Du mußt in dieser Nacht hingehen und dich im Innern verstecken. Morgen, wenn der Kadi kommt und das Zeugnis vom Baume fordert, legst du ein ordentliches Zeugnis ab.“ Der Vater sagte: „Sohn, gib die List und den Betrug auf. Selbst wenn du die Leute täuschest, wie willst du es mit Gott machen? Und selbst wenn du mit deinen Betrügereien auf den Richter der Stadt Eindruck machst, wie willst du den Richter des Weltgerichts täuschen?“ Der Sohn antwortete: „Vater, rede nicht soviel und mache dir nicht solche Sorgen! Denn die Sache verursacht nur wenig Mühe und bringt großen Nutzen.“
Schließlich zog die Gier nach Geld und die Liebe zu seiner Familie den armen Vater von dem Ruheplatz des Glaubens und der Frömmigkeit in die Wüste der Ungerechtigkeit und des Verbrechens und das Wort des Korans: „Euer Vermögen und eure Kinder sind eine Versuchung“ erfüllte sich. Er ließ den Weg des Edelmuts beiseite, rollte den Teppich der Ritterlichkeit gänzlich zusammen und fand es für passend, eine solche Sache, die sowohl im göttlichen wie im Gewohnheitsrecht verboten ist, zu begehen. In jener dunklen Nacht ging der ungerechte Vater zu dem Baume, und da er sein Inneres hohl fand, versteckte er sich in der Höhlung. Am Morgen, als der leuchtende Richter, die Sonne, im Gerichtssaal des Himmels erschien und die Täuschung des Morgengrauens [43] den Menschen klar wie der Tag wurde, da fanden sich der Kadi und die übrigen Notabeln der Stadt am Fuße des Baumes ein, und das Volk in Scharen stand in Reihen und schaute voll Neugier auf den Baum.
Der Kadi redete den Baum an, legte die Klage des Klägers und die Leugnung des Beklagten dar und fragte um Rat hinsichtlich der Angelegenheit. Da kam aus dem Innern des Baumes eine Stimme: „Hazim hat das Geld genommen und dieser Übeltäter hat Tizhūsch unrecht getan.“ Der Kadi war erstaunt und überlegte ein Zeitlang, dann erkannte er durch seinen Scharfsinn, daß im Baum jemand verborgen war, den er mit List herausbringen müsse. Darum befahl er, daß man Holz sammele und rings um den Baum anzünde. Der habgierige Alte hielt es einige Zeit aus, als er aber sah, daß es ihm ans Leben gehe und das Messer bis auf die Knochen ging, da bat er um Gnade. Der Kadi gewährte sie und als der alte Mann heraus kam, gab er ihm gute Worte und fragte ihn nach der Angelegenheit. Der halbverbrannte Alte erzählte den ganzen Sachverhalt. Als der Kadi ihn erfahren hatte, erklärte er Hazim für unschuldig und setzte den Leuten Hazims Ehrlichkeit und Tizhūschs Betrügerei auseinander. Währenddessen starb der betrügerische Alte, da er die Schande nicht ertragen konnte, und brachte die Last seiner Seele aus dieser vergänglichen Welt in die Ewigkeit und aus der Feuerhitze dieser Welt in das ewige Höllenfeuer. Der lügnerische Sohn, der schwere Strafe erfuhr, nahm seinen toten Vater auf die Schulter und brachte ihn in die Stadt, wo jeder, der ihn sah, die Geschichte vom Vater und Sohn den Leuten erzählte. Hazim aber erlangte durch seine Ehrlichkeit und Rechtlichkeit seinen Anteil von dem Gelde und lebte seinen Angelegenheiten.
52. DER GÄRTNER UND DER BÄR
In alter Zeit lebte ein Gärtner, der sein Leben mit der Pflege seines Gartens zubrachte. So hatte er einen Garten geschaffen, der dem Paradiese glich. Da er mit jedem Baum so eng verbunden war, war aus seinem Herzen jedes Gefühl für Vater, Frau und Sohn entschwunden, und er brachte in dem Garten lange Zeit Tag und Nacht einsam und verlassen zu. Schließlich wurde er von der Verlassenheit so bekümmert, daß er in die Ebene wanderte. Als er am Fuße eines Berges, der sich unendlich wie die Hoffnung dahinstreckte, spazieren ging, kam ihm durch Gottes Fügung ein häßlicher, scheußlicher Bär entgegen, der gleichfalls aus Furcht vor der Einsamkeit von der Höhe des Berges in die Ebene herabgestiegen war. Sogleich entstand zwischen beiden eine Liebe, und das Herz des Landmannes war geneigt, mit dem Bären Freundschaft zu pflegen.
Als der Bär diese Anhänglichkeit des Bauern sah, wurde er auch ihm in Freundschaft zugetan und folgte ihm auf den leisesten Wink in den paradiesesgleichen Garten, und da der Gärtner gemäß dem Worte „Ehret eure Gäste“ ihn freundlich behandelte, so wurde dadurch das Band ihrer Liebe fest, und auf dem Boden ihrer Herzen sproßte das Reis der Zuneigung.
Jedesmal, wenn der Gärtner müde war und sich im Schatten eines Baumes ausruhte, stand der Bär liebevoll neben seinem Kopfe und jagte ihm die Fliegen weg. Eines Tages schlief der Gärtner wieder in gewohnter Weise und der Bär verscheuchte die Fliegen. So oft er sie auch verjagte, immer kehrten sie wieder. Schließlich wurde er zornig, nahm einen schweren Stein und warf ihn, um die Fliegen zu töten, dem armen Bauern auf den Kopf. Die Fliegen erlitten keinen Schaden davon, aber der Gärtner starb daran.
Deswegen sagt man: „Ein kluger Feind ist besser als ein dummer Freund.“
53. DER UNWISSENDE ARZT
Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete.
Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte, hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem [44] davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden können.“
Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab ihr Leben auf.
Als der König dies sah, schickte er aus Schmerz über die Trennung Seufzer zum Himmel empor und gab den Rest des Trankes dem unwissenden Arzte, der auch daran starb.
54. DER KAMELREITER UND DIE SCHLANGE
Ein Kamelreiter war auf seiner Reise an einen Ort gekommen, wo eine Karawane gerastet und ein Feuer angezündet hatte. Nach ihrer Abreise hatte der Wind das Feuer angefacht und die Funken hatten alles Gestrüpp und Reisig in der Wüste in Brand gesetzt. Mitten darin lag eine große Schlange. Die Flammen hatten sie ganz eingeschlossen, daß sie nirgends hinaus konnte. Wohin sie auch schaute, nirgends sah sie einen Weg der Rettung und beinahe wäre sie von dem Feuer wie ein Fisch in der Pfanne gebraten. Als sie den Reiter sah, bat und flehte sie ihn an, sie zu befreien.
Der Reiter war ein barmherziger Mann. Als er den Hilferuf der Schlange hörte und ihre Not sah, sagte er zu sich: „Die Schlange ist zwar ein giftiges Tier und ein böser Feind, aber da sie jetzt in Not ist, wäre es doch wohl angebracht, Mitleid mit ihr zu haben. Das Beste ist es, daß ich sie jetzt aus diesem Strudel ziehe und den Samen eines guten Werkes, der in dieser Welt Glück und in der zukünftigen Segen als Früchte tragen wird, pflanze.“ Er nahm also den Ledersack, den er bei sich trug, band ihn an die Spitze seiner Lanze und hielt ihn der Schlange hin. Die Schlange legte sich hinein und der Reiter, im Glauben, ein gutes Werk zu tun, zog sie aus dem Feuer heraus. Nachdem er sie aus dem Sack hatte herauskriechen lassen, richtete er einige ermahnende Worte an sie und sagte: „Du weißt, aus einer wie großen Gefahr du befreit bist. So ist es nötig, daß du aus Dankbarkeit über diese Gnade dich jetzt in einen Winkel zurückziehst und hinfort kein Unrecht mehr tust, denn wer den Geschöpfen Gottes Übles zufügt, ist in dieser Welt übelberüchtigt und in der anderen unglücklich und hat keinen Anspruch auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Liebe der Menschen.“
Die Schlange antwortete: „Reiter, laß solche Worte. Ich will nicht von hier gehen, ehe ich dicht nicht gebissen habe.“ Der Reiter erwiderte: „Was ist das für eine unpassende Rede! Ich habe es nicht an Liebe und Erbarmen fehlen lassen und dich nicht im Feuer verbrennen lassen. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte der Strudel des Todes dein Leben vernichtet und die Feuerflamme dich verbrannt.“ Die Schlange sagte: „Ja, du hast es nicht an Menschlichkeit fehlen lassen, aber sie war nicht angebracht und deine Güte hat einen Unwürdigen getroffen. Du weißt, daß ich eine Quelle des Giftes und des Schadens bin. Alle Tiere und besonders die Menschen fürchten sich vor meinem Gift. Wenn du also einen so großen Schädling nicht im Feuer hast umkommen lassen, so kannst du von ihm als Belohnung jedenfalls nichts anderes als Unheil und Böses erwarten, denn den Schlechten Gutes tun ist ebensoviel wie den Guten Schlechtes tun. Vielleicht ist das erstere sogar noch schlimmer. Mich zu töten, wäre für dich eine religiöse Pflicht gewesen. Da du dem göttlichen Gesetz und den Erfordernissen des Verstandes zuwider gehandelt hast, so halte ich es für richtig, dich meinen Stachel kosten zu lassen, damit diejenigen, die es hören, sich abhalten lassen, dir zu folgen und sich dein Beispiel als Lehre nehmen.“ Der Reiter sagte: „Du böser Unhold, was für gottlose Reden führst du? Denke billig, in welcher Religion hat man wohl Böses als Vergeltung für eine Wohltat als passend angesehen? Kein Verständiger hält es für richtig, Gutes mit Bösem zu vergelten und selbst ein ungläubiger Richter glaubt nicht, daß man Nutzen durch Schaden vergelten darf.“ Die Schlange sagte: „Wie kannst du leugnen, daß bei den Menschen und in eurer Religion Gutes und Schlechtes, Wohltat und Böses als gleichwertig gelten. Darum will ich auch, wie ich es von euch gelernt habe, verfahren.“
Wie sehr sich auch der Reiter bemühte, sie zu überzeugen, es glückte ihm nicht. Die Schlange rief: „Wähle, ob ich zuerst dich stechen soll oder ob ich mit deinem Kamel anfangen soll.“ Schließlich kamen sie überein, daß die Schlange ihre Behauptung mit vertrauenswürdigen Zeugen beweisen und den Reiter zum Verstummen bringen solle, dann wolle er bereitwillig den Tod annehmen. Dann schaute sich die Schlange um und sah gerade einen Büffel in der Wüste weiden. Sie sagte: „Komm, Reiter, wollen die Schwierigkeit von diesem Braven lösen lassen.“ Der Kamelreiter und die Schlange gingen zu dem Büffel und die Schlange öffnete ihr giftspeiendes Maul und sagte: „Büffel, du wanderst nun so viele Jahre in der Welt herum. Was ist die Vergeltung für Wohltaten?“ Der Büffel antwortete: „Bei den Menschen ist die Belohnung für gute Taten Undank. Um das zu beweisen, genügt folgendes: Ich bin bei einem Menschen schon so lange im Dienst, habe ihm jedes Jahr ein kräftiges Kalb geboren, habe ihm Milch und Butter geliefert, habe für seinen Unterhalt und sein behagliches Leben gesorgt, indem ich auf seinen Dank hoffte. Als ich alt wurde und ihm keine Kälber mehr schenken konnte, sorgte er nicht mehr für mich, vergaß das, was ich ihm vorher getan, und ließ mich einsam und allein in dieser Wüste. Als ich auf dieser Weide graste und wieder fett wurde, ging eines Tages mein Herr hier vorbei, schaute mich prüfend an und stellte meinen guten Zustand fest. Als er sah, daß ich kräftig und fleischig war, kehrte er mit großer Freude nach Hause zurück, und am nächsten Tage kam er mit einem Fleischer zurück und verkaufte mich an ihn. Heute wird man mich ins Schlachthaus führen und mich schlachten. Das ist der Dank der Menschen für Wohltaten.“
Die Schlange sagte: „Da hast du gehört, wie die Menschen Wohltaten vergelten. Bereite dich nun zum Tode und erfülle dein Versprechen.“ Der Reiter erwiderte: „Nach unserem Gesetz genügt ein Zeuge nicht. Bevor nicht alle Erfordernisse erfüllt sind, hat der Urteilsspruch keine Gültigkeit.“ Die Schlange sah sich um, erblickte einen Baum und sagte: „Komm, wollen diesen Baum fragen. Wollen sehen, was er dazu sagt.“ Sie gingen zusammen zu diesem Baum und die Schlange fragte ihn: „Was ist die Belohnung für Wohltaten?“ Der Baum antwortete: „In der Religion der Menschen ist Übeltat die Vergeltung für Wohltun, und ihrer Charakteranlage nach verfahren sie auch so. Als Beweis dafür diene folgendes: „Ich gebe hier in der Wüste allein Schatten und auf einem Fuße stehend diene ich allen Kommenden und Gehenden. Jeder von den Menschen, der in der Wüste von der Glut der Sonne gequält wird, findet unter meinem mächtigen Schatten Ruhe und Erquickung, so daß er sich von den Strapazen des Weges und den Unbilden der Witterung erholen kann. Wenn er mich aber ansieht, sagt er: ‚Aus jedem Zweige ließen sich soundsoviele Bündel Reisig und soviel Axtgriffe und aus seinem Stamm soviel Bretter und daraus soviel Türen herstellen.‘ Wenn sie Äxte hätten, würden sie sofort einige von meinen Zweigen abschlagen. Während sie nur Gutes von mir haben, wollen sie mir Übles antun.“
Die Schlange sagte: „Die Zeugenangelegenheit ist erledigt. Nun ist weiter kein Vorwand und du mußt die übernommene Bedingung erfüllen und dich meinem Stachel darbieten.“ Der Reiter machte Einwendungen und sagte: „Es war nötig festzustellen, daß die Zeugen glaubwürdig sind. Das ist nicht geschehen. Auf unrechtliche Art Blut zu vergießen, würde sich für dich nicht geziemen. Außerdem ist einem das Leben lieb und die Frucht des Lebens süß, und das Herz von den Dingen dieses Lebens zu reißen ist schwer. Ich habe nun noch eine Bedingung. Wenn du noch einen Zeugen in dieser Angelegenheit findest, will ich mich dem Geschick unterwerfen und mich dem Untergang preisgeben.“
Währenddessen kam ein Fuchs in diese Gegend, fand sie in diesem Streit und fragte sie, worum es sich handle. Als die Schlange ihn sah, sagte sie zu dem Reiter: „Komm, jetzt wollen wir den Fuchs fragen. Wollen sehen, was er sagt.“ Der Reiter hatte ihm kaum die Sache genau auseinandergesetzt, als der schlaue Fuchs ausrief: „Mensch, weißt du nicht, daß die Belohnung für eine Wohltat Böses ist? Aber hast du der Schlange denn etwas Gutes getan, daß du als Vergeltung Böses verdienst?“ Als der Reiter ihm den Vorgang erzählte, sagte der Fuchs: „Du gleichst doch sonst einem verständigen Mann, wie kannst du denn solchen Unsinn erzählen und Lügen auftischen?“ Die Schlange fiel ein: „Doch, er hat die Wahrheit gesagt. Da ist der Sack, in dem er mich aus dem Feuer gezogen hat.“ Der Fuchs fuhr fort: „Wie sollte man das glauben, daß ein so großes Tier in einen Sack ginge, der im Vergleich zu dir noch kleiner als ein Ochsenauge ist?“ Die Schlange sagte: „Das läßt sich leicht beweisen. Wenn du es nicht glaubst, kann ich in den Sack hineingehen.“ Der Fuchs erwiderte: „Wenn ich das mit eigenen Augen sehe, will ich die Angelegenheit entscheiden.“ Um die Behauptung zu beweisen, öffnete der Reiter die Öffnung des Sackes und die Schlange kroch im Vertrauen auf die Worte des Fuchses hinein. Als der Fuchs das sah, sagte er leise zum Reiter: „Junger Mann, jetzt hast du deinen Feind im Gefängnis, benutze die Gelegenheit und lasse ihn nicht wieder frei.“
Der Reiter hielt die Öffnung des Sackes fest zu und schlug ihn so stark auf den steinigen Boden, daß die Schlange starb, und die Menschheit von ihrem Gifte, und die Welt von ihrer Bosheit befreit wurde.
55. DER FROMME MANN UND DIE DIEBE