Part 22
Ein Reiher hatte sich am Rande eines Baches niedergelassen und hatte all sein Bemühen auf den Fang von Fischen gerichtet. Jeden Tag fing er, soviel er brauchte, und brachte so sein Leben in Behaglichkeit zu. Als die Zeit des Alters kam, ließ seine Kraft nach. Infolgedessen wurde er schwach, und seine Körperkräfte wurden von Tag zu Tag geringer. Die Jagd auf Fische unterblieb und, gefangen von Kummer und Gram, tadelte er sich und sagte: „Wehe, daß des Lebens Jahre wie eine Karawane entschwinden, von der man nicht einmal den Staub mehr sieht! Weh, daß ich mein Leben wie ein Spielzeug betrachtet und seinen Wert nicht erkannt habe. Ich habe mir für das Alter keine dauernden Vorräte gesammelt. Jetzt ist meine Kraft gebrochen und mir die Erwerbung von Unterhalt nicht mehr möglich. So ist es das Beste, daß ich das Gebäude meines Tuns auf List und Trug gründe, das Netz des Betrugs und der Heuchelei auswerfe und im Hause der Schlauheit und Täuschung wohne. Vielleicht kann ich auf diese Art meinen Lebensunterhalt haben.“
Er ließ sich also mit traurigem Jammern und heftigem Weinen, wie die Bekümmerten und Sorgenvollen tun, am Rande des Baches nieder. Da sah ihn gerade ein Krebs von weitem, kam zu ihm, redete ihn freundlich an und sagte: „Freund, ich sehe dich sehr bekümmert. Was ist die Veranlassung? Ich sehe dein Gesicht mit dem Staube der Traurigkeit und des Ärgers bedeckt, was ist der Grund?“ Der alte Reiher antwortete: „Wie sollte ich nicht traurig sein? Warum sollte ich nicht mit der Hand der Sorge meinen Kragen zerreißen? Du weißt ja, daß mein ganzer Lebensunterhalt auf diesen Bach beschränkt war. Jeden Tag fing ich mir einige Fische, die mir als Nahrung genügten. Die Fische hatten auch nicht übermäßig Schaden davon, und ich konnte ruhig und zufrieden leben. Heute gingen zwei Fischer am Ufer dieses Baches und erzählten sich, daß in diesem Wasser unendlich viel Fische seien, die sie fangen wollten. Der andere sagte: ‚In dem und dem Teiche sind noch viel mehr, wollen erst die erledigen und uns dann zu diesem wenden.‘ Bei diesen Verhältnissen muß ich auf die Süßigkeit des Lebens verzichten und mich mit dem Gifte des Todes begnügen.“
Als der Krebs dies hörte, ging er schleunigst zu den Fischen und erzählte es ihnen. Die Fische wurden von dieser schrecklichen Nachricht ganz aufgeregt und zitterten wie ein Weidenblatt. Schließlich einigten sie sich, gingen mit dem Krebs zum Reiher und sagten: „Dieser unser Freund hat uns von dir eine traurige Nachricht gebracht, durch die unser Verstand aus Rand und Band gekommen ist. Je mehr wir die Sache betrachten, um so mehr schwanken wir hin und her wie die Kompaßnadel. Wir sind nun zu dir gekommen, um uns mit dir zu beraten, denn es heißt ja: ‚Derjenige, der um Rat gefragt wird, ist zuverlässig.‘ Der Verständige darf, selbst wenn er ein Feind ist, wenn man sich an seinen Rat und gesundes Urteil wendet, nicht mit seinem Rate zurückhalten, besonders in dieser Sache, mit der auch sein eigener Nutzen verbunden ist. Denn du selbst hast ja zugegeben, daß der Bestand deines Lebens an die Dauer unseres Daseins gebunden ist. Was hältst du also für richtig in dieser unserer Angelegenheit, und was kannst du uns für unsere Rettung raten?“ Der Reiher erwiderte: „Ja, ich habe diese Nachricht aus dem Munde der Fischer selbst gehört. Dagegen nützt nun kein Widerstand. Ich habe viel über die Lösung des Knotens nachgedacht. Das Beste, was mir eingefallen ist, ist folgendes: In dieser Gegend ist ein großer Teich, blank wie ein Spiegel, und an Reinheit wetteifert er mit dem Sonnenlicht. Infolge seiner Klarheit kann jedes Sandkorn auf seinem Grunde gezählt werden und jedes in ihm gesehen werden. Trotzdem hat die Einbildungskraft noch nicht bis zu seinem Grunde tauchen und der Verstand noch nicht von einem Ufer zum andern schwimmen können; noch ist die Angelrute eines Fischers je zu jenem Teiche gekommen. Die Fische dort kennen keine andere Fessel als die Kette des Wassers. Wenn ihr dorthin umziehen könntet, würdet ihr den Rest des Lebens in Ruhe, Sicherheit und Freude verleben.“ Sie antworteten: „Dieser Plan ist wohl das Beste, aber ohne deine Hilfe ist der Umzug nicht auszuführen.“ Der Reiher entgegnete: „Soweit ich vermag, soll es euch daran nicht fehlen. Aber die Zeit drängt. Ich fürchte, daß die Fischer unvermutet kommen, und daß dann die Gelegenheit versperrt ist und mein Plan nicht mehr nutzt.“ Die Fische baten ihn demütig unter vielen Tränen. Schließlich, nach vielem Bitten kam es zu einem Vertrage, daß der Reiher jeden Tag kommen sollte und von den Fischen, soviel er tragen könne, in jenen Teich hinüberbringe.
Der Reiher kam also jeden Tag und nahm von den Fischen, soviel er wollte. In dieser Gegend war ein Wald, dorthin trug er sie und bewahrte sie sich als Vorrat auf. Wenn er dann zurückkehrte, sah er, daß die andern am Rande des Teiches standen, in Aufregung warteten und jeder sich beeilte, vor dem andern hinübergetragen zu werden. Die Weisheit betrachtete ihre Dummheit und ihren Leichtsinn und nahm sich ein Beispiel daran, und die Zeit weinte aus hundert Augen über ihr Unglück. Jeder, der dem Feinde glaubt und den Listen und Betrügereien eines gemeinen und schlechten Menschen vertraut, wird so bestraft.
Als so einige Tage vergangen waren, befiel auch den Krebs die Sehnsucht und das Verlangen, den Teich kennen zu lernen, und er wollte möglichst schnell übersiedeln. Er bat also den Reiher darum. Dieser überlegte, daß dies sein schlimmster Feind sei, und daß es das Beste sei, ihn zu seinen Freunden zu bringen. Er ging also an den Rand des Wassers, nahm den Krebs an seinem Hals und brach mit ihm nach dem Ruheplatze der Fische auf. Als der Krebs aus der Ferne die Gräten der Fische sah, ahnte er, wie die Sache stehe und sagte überlegend zu sich: „Der Verständige, der, wenn ein Feind ihn töten will, ihm nicht Widerstand leistet zu der Zeit, da er in der Lage dazu ist, beschleunigt seinen Tod und begeht Selbstmord und, wenn er sein Geschick erfüllt, hat er zwei Möglichkeiten, entweder hat er Erfolg, dann gräbt er seinen Namen in Marmor, und sein Mut steht in den Blättern der Geschichte, oder er unterliegt, dann ist er entschuldigt, und Mangel an Mut und Tapferkeit kann ihm nicht vorgeworfen werden.“ Der Krebs legte sich also wie ein Ring um den Hals des Reihers und drückte ihm fest die Kehle zu. Da der Reiher alt und schwach war, so verlor er schon bei dem geringen Drucke die Kräfte, und das Leben entwich aus seinem Körper. Der Krebs verließ den Hals des Reihers, kehrte um und erzählte den Fischen die ganze Geschichte, indem er das Beileid für die toten Freunde mit dem Glückwunsch für die lebenden vereinte. Als die Fische die Kunde vernahmen, wurden sie erfreut und glücklich und sahen den Tod des Reihers für sich als ein neues endloses Leben an.
45. DER WOLF, DER HASE UND DER FUCHS
Ein hungriger Wolf durchstreifte eine Steppe und suchte nach Nahrung. Plötzlich sah er einen Hasen in tiefem Schlafe in einem Gebüsch liegen. Der Wolf sah ihn als gute Beute an und ging leise an ihn heran. Der Hase fuhr bei seinem Schnauben und bei seinem Tritte auf und wollte entfliehen. Der Wolf kam ihm entgegen und sagte: „Komm, komm, ich kann ohne dich nicht leben; lauf nicht weg, lauf nicht weg, denn die Trennung würde mich töten.“ Der Hase war aus Furcht vor dem Wolf ganz erschreckt, fing an, ihn demütig zu bitten und sagte unterwürfig: „Ich weiß, daß das Feuer des Hungers des Königs der Tiere brennend und die Glut der Leidenschaft schrecklich ist. Aber ich bin mit meinem schwachen, elenden Körper nur ein Bissen für ihn. Wie sollte der als Nahrung ausreichen, und wie sollte sein Hunger dadurch gestillt werden. Aber in dieser Gegend ist ein Fuchs, der infolge seines Fettes nicht mehr laufen mag und infolge seines vielen Fleisches sich nicht mehr bewegen mag. Ich vermute, daß sein Fleisch an Feinheit des Geschmackes mit dem Lebenswasser wetteifert und sein Fett dem süßesten Scherbet gleichkommt. Wenn also der Herr geruhen und die Mühe auf sich nehmen wollte, dessen abgeschiedenes Heim mit seinem Besuche zu beehren, so werde ich den Fuchs mit den Schlingen der List fangen und vor meinen Herrn bringen. Wenn er dann mit diesem Bissen zufrieden ist, so ist es gut, wenn nicht, so bin ich da und warte auf meinen Tod.“
Der Wolf ließ sich durch den Hasen täuschen und durch seine List verführen und ging zu der Höhle des Fuchses. Dieser war so schlau, daß er in der Betrügerei selbst den Teufel lehren konnte und in der List alle Einbildung übertraf. Der Hase hatte einen alten Streit mit dem Fuchs. Da es sich nun so traf, wollte er die Gelegenheit benutzen und sich an ihm rächen. Als sie zum Hause des Fuchses gekommen waren, ließ er den Wolf draußen und trat selbst durch das Loch ein. Er begrüßte ihn, und der Fuchs empfing ihn mit aller Ehrerbietung. Der Hase sagte: „Wie lange ist es her, daß ich dich besuchen wollte, aber die Ungunst der Zeiten hat mir dieses Glück nicht gegönnt. Jetzt ist nun ein frommer Mann nach seinen gesegneten Fahrten in diese Gegend gekommen. Er hat von deiner Frömmigkeit gehört und hat mich als Mittelsperson benutzt ihn bei dir einzuführen. Wenn du es erlaubst, so ist es gut; wenn irgendein Hindernis vorliegt, kann er zu anderer Zeit kommen.“ Der kluge Fuchs sah unter dieser Rede die List und erkannte auf dem Spiegel dieser Worte das Abbild des Betruges und sagte zu sich: „Das Beste ist es, in dieser Sache ebenso zu verfahren wie sie und ihren Gifttrank ihnen selbst zu trinken zu geben.“ Er begann daher mit Schmeicheleien und Begrüßungsworten und sagte: „Ich stehe immer den Reisenden zu Dienst und halte meine Tür für sie geöffnet, damit ich durch sie gesegnet werde. Besonders gegen einen so frommen Mann, wie du ihn beschreibst, und einen so heiligen Scheich, wie du ihn darstellst, lasse ich es nie an Gastfreundschaft fehlen. Aber ich hoffe, du wirst diesen Heiligen benachrichtigen, daß er so lange warten möge, bis ich meine Wohnung ausgefegt und einen Teppich, für den Gast passend, ausgebreitet habe.“
Der Hase dachte, daß seine List bei dem Fuchse Erfolg gehabt habe, und daß dieser bald mit dem Wolfe sprechen würde, und antwortete: „Der Ankömmling ist ein fremder Mann und legt keinen Wert auf Äußerlichkeiten, aber wenn du nicht davon lassen willst, so will ich dich nicht hindern.“ Mit diesen Worten ging er hinaus und berichtete dem Wolf genau die Angelegenheit und brachte die frohe Nachricht, daß der Fuchs sich habe täuschen lassen, und nach dem Satze: „Jede Neuigkeit bereitet Vergnügen“ schilderte er von neuem das Fleisch und das Fett des Fuchses sowie seine Zartheit und Feinheit. Dem Wolfe lief das Wasser im Munde zusammen, und der Hase hoffte, durch diesen Dienst sich das Leben gerettet zu haben.
Der Fuchs hatte aber schon früher in kluger Vorsicht in seinem Bau eine tiefe Grube gegraben, die Erde hinausgebracht und die Öffnung mit Reisig zugedeckt. Außerdem hatte er sich einen geheimen Ausweg gemacht, auf dem er zur Zeit der Not entfliehen konnte. Als nun der Hase hinausgegangen war, ging er zur Grube und ordnete das Reisig so, daß es auch bei der kleinsten Berührung nachgeben mußte. Dann rief er von dem geheimen Gang aus: „Bitte, geehrte Gäste, betretet mein niedriges Haus!“ Sofort bei ihrem Eintritt entwischte er durch das Loch. Der Hase in höchster Freude, der Wolf voll Hunger betraten in größter Eile die dunkle Wohnung und, sobald sie das Reisig betraten, befanden sie sich in der Grube. Der Wolf dachte, daß der Hase ihm einen Streich gespielt habe, zerriß den Armen sofort in Stücke und ging weg.
46. DER LÖWE UND DER HASE
In der Umgegend von Bagdad war eine Wiese, deren Erde wie Ambra duftete und deren sanfte Lüfte den Geist erquickten wie die klare Luft des Keyserbrunnens im Paradiese. Vom Reflex der Lichter und Blumen war das Firmament geblendet, die Zahl seiner Brunnen und Flüsse war ohne Ende, und auf jedem Zweige im Garten leuchteten tausend Sterne, über deren Anblick der Himmel schwindelig wurde.
Auf dieser Wiese hatten sich viele wilde Tiere wegen ihrer lieblichen Luft und ihres Reichtums an Wasser und Nahrung niedergelassen.
Hier lebte ein blutgieriger Löwe, der immer seinen unheilvollen Anblick diesen Armen zeigte und ihnen das Leben verbitterte. Jeden Tag erbeutete er sich ein paar von ihnen. Eines Tages kamen sie überein und gingen zu dem Löwen und sagten in aller Demut und Unterwürfigkeit: „Wir sind die Diener des Königs der Tiere. Wir sind jeden Tag in Aufregung, ob du wohl einen von uns erbeutest oder nicht, und du bist auch durch die Verfolgung belästigt. Wir sind also aus Rücksicht auf deine Bequemlichkeit und auf unsere Ruhe und Sicherheit auf den Gedanken gekommen, dir, wenn du uns weiter nicht verfolgst, jeden Tag zur Mahlzeit in deine Küche eine Beute zu schicken. Wir werden diese Verpflichtung gewissenhaft ausführen.“ Der Löwe war damit einverstanden.
Sie kamen also überein, daß jeden Tag das Los geworfen werde und daß der, den es träfe, in die Küche des Löwen geschickt werde. So verging einige Zeit. Eines Tages fiel das Los auf den Hasen. Dieser sagte nach einigem Nachdenken: „Wenn ihr mit meiner Absendung etwas warten wollt, so denke ich, daß ich wahrscheinlich euch alle von der gewaltigen Faust dieses Tyrannen befreien kann.“ Die Tiere waren alle damit einverstanden. Der Hase wartete so lange, bis die Stunde des Frühstücks vorüber war. Der Zorn des Löwen wurde durch den Hunger aufs äußerste erregt, bald stand er auf, bald setzte er sich hin und schlug die Zähne aufeinander. Sein Gebrüll drang bis zum Himmel. Da näherte sich der Hase leise dem Löwen. Dieser war sehr aufgeregt, schlug vor Zorn den Boden mit seinem Schweife und wollte den Vertrag lösen.
Der Hase kam leise näher und grüßte mit aller Unterwürfigkeit. Der Löwe sagte: „Woher kommst du und was weißt du von den Tieren?“ Der Hase erwiderte: „Nach unserm alten Vertrage schickten sie mit mir einen Hasen in die königliche Küche. Während ich mit ihm unterwegs war, kam zufällig in dem und dem Walde ein wilder Löwe uns entgegen und nahm ihn mir aus der Hand. Wie sehr ich auch rief: ‚Dieser Hase ist die Nahrung des Königs der Tiere‘, er hörte gar nicht zu und kümmerte sich nicht um mich. Er gebrauchte Schimpfworte gegen mich und sagte: ‚Weißt du nicht, daß dieser Wald mein Jagdplatz ist und die Beute nur mir zukommt?‘ Er gebrauchte solche Worte und schmähte auch den König, daß ich erschreckt war. Schließlich lief ich weg und kam in Eile hierher, damit ich den Fall deiner hohen Einsicht unterbreite.“
Als der Löwe dies hörte, sagte er im höchsten Zorne: „Hase, kannst du ihn mir zeigen, damit du siehst, wie ich dir zu deinem Rechte verhelfe und mich räche?“ Der Hase antwortete: „Wie sollte ich das nicht können?“ und ging voraus. Der einfältige Löwe ließ sich von dem Hasen täuschen und folgte ihm. Der Hase führte den Löwen an den Rand eines tiefen Brunnens, dessen Wasser infolge seiner Klarheit die Spiegelbilder klar wie ein chinesischer Spiegel zeigte und die Hineinschauenden deutlich und ohne Fehler wiedergab. Dann sagte er: „König, dein Feind ist in diesem Brunnen. Ich fürchte mich vor ihm. Wenn der König mich zu sich nimmt, will ich ihm den Feind zeigen.“ Der Löwe nahm den Hasen in seinen Arm und schaute in den Brunnen. Als er sich und den Hasen im Wasser sah, dachte er, es wäre der böse Löwe und der Hase, der ihm selbst geschickt war. Sofort ließ er den Hasen los, stürzte sich in den Brunnen, versank und übergab seine Seele den Wärtern des Höllenfeuers. Der Hase kehrte wohlbehalten heim und erzählte den Tieren die Geschichte.
47. DIE SCHILDKRÖTE UND DER SKORPION
Eine Schildkröte und ein Skorpion hielten Freundschaft miteinander. Immer sprachen sie in Liebe und Eintracht, Aufrichtigkeit und Anhänglichkeit. Einst mußten sie notgedrungen ihre Heimat verlassen. Sie wanderten in Kameradschaft und Einmütigkeit an einen anderen sicheren Platz. Durch Gottes Fügung kam ihr Weg an einen großen Fluß, und sie planten ihn zu durchschreiten. Der Skorpion hatte Besorgnis, den Fluß zu überschreiten und war in Verlegenheit. Die Schildkröte sagte: „Lieber Freund, was ist die Veranlassung, daß du das Schiff des Nachdenkens auf den Fluß der Verlegenheit gesetzt hast, und was ist der Grund, daß du in das Meer der Sorge und des Kummers untergesunken bist?“ Der Skorpion erwiderte: „Bruder, der Gedanke, diesen Fluß zu überschreiten, hat mich in den Strudel der Aufregung geworfen. Es ist mir unmöglich, den Fluß zu überschreiten, noch kann ich die Glut des Feuers der Trennung (von dir) aushalten.“ Die Schildkröte sagte: „Sei nicht traurig, ich werde dich ohne weitere Unbequemlichkeiten auf meinem Rücken über dies Wasser bringen, meine Brust zum Ziele für den Pfeil deines Kummers machen und dich so aus dem Strudel ans Ufer bringen, denn man sagt: ‚Es ist schade, einen Freund, den man mit Mühe gewonnen hat, durch Leichtsinn zu verlieren.‘“ Die Schildkröte nahm den Skorpion auf ihren Rücken, ließ sich wie ein Schiff ins Wasser und machte sich auf den Weg. Während sie im Wasser schwamm, kam plötzlich ein unangenehmes Geräusch ihr zu Ohren, und sie merkte ein Kratzen und Picken auf ihrem Rücken durch die Bewegung des Skorpions. Sie fragte: „Bruder, was ist das für ein Geräusch, das ich höre, und womit beschäftigst du dich?“ Der Skorpion antwortete: „Bruder, ich erprobe die Spitze meines Stachels an der Rüstung deines Körpers.“ Die Schildkröte sagte voller Zorn: „Wie unfreundlich von dir. Ich habe mich deinetwegen dem Strudel entgegengestellt und mein liebes Leben und meinen schwachen Körper der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt. Während ich jetzt die Arbeit habe, sitzt du dort in Ruhe und überschreitest auf meinem Körper wie in einem Schiffe das Wasser. Wenn du dich nicht zu Dank verpflichtet fühlst und unsere alte Freundschaft so gering achtest, was soll denn dies Stechen, zumal doch klar ist, daß du mir damit keinen Schaden zufügst und dein Stachel durch meine dicke Haut nicht durchdringt.“ Der Skorpion antwortete: „Gott soll mich bewahren, daß mir derartige Gedanken je in meinem Leben gekommen sind. Diese Bewegung liegt nur in meiner Natur. Ich muß stechen und da ist es mir einerlei, ob es der Rücken des Freundes oder die Brust des Feindes ist.“ Die Schildkröte wunderte sich darüber, versank in Nachdenken und sagte zu sich: „Die Weisen haben mit Recht gesagt, daß Edelmut einem gemeinen und schlechten Menschen gegenüber dasselbe sei wie Disteln in der Schleppe und Schlangen im Kragen zu hegen.“
48. DER FALKE UND DER HAHN
Ein schneller Falke stritt sich einst mit einem lautkrähenden Hahn: „Du bist ein Vogel, der äußerlich zwar sanft, von Natur aber wild ist, freundlich erscheint, aber Feindschaft nährt. Warum habt ihr im Herzen keine Zuverlässigkeit und Treue. Was ihr tut, ist nur Unaufrichtigkeit und Undankbarkeit.“ Der Hahn antwortete: „Was für Treulosigkeit und Undankbarkeit hast du an uns gesehen?“ Der Falke sagte: „Gibt es wohl größeren Undank? Die Menschen sind zu euch so freundlich und bereiten euch euer Essen, daß ihr, ohne euch abzumühen, euer Leben lang ausreichend habt, sie kümmern sich immer mit derselben Sorgfalt um euch und beschützen euch, so daß ihr unter ihrem Schutz ruhig leben könnt. Wenn sie euch aber rufen, so flieht ihr und fliegt von Dach zu Dach. Wir Falken, die wir doch wilde Tiere sind, sind, wenn wir nur einige Tage mit den Menschen zusammen sind, dankbar und bringen ihnen die Beute, die wir gemacht haben, und wenn wir sehr weit von ihnen sind, fliegen wir auf einen Ton zu ihnen zurück.“ Der Hahn antwortete: „Du hast recht, aber euer Gehorsam und unser Ungehorsam kommt daher, daß ihr noch nie einen von euch in der Pfanne habt braten gesehen. Wir aber haben unsere Artgenossen am Roste braten gesehen. Wenn ihr das gesehen hättet, würdet auch ihr die Menschen meiden und, wenn wir von Dach zu Dach flüchten, würdet ihr von Berg zu Berg flüchten.“
49. DER JÄGER, DER FUCHS UND DER LEOPARD
Eines Tages streifte ein Jäger durch die Steppe und sah einen flinken Fuchs in schnellem Lauf die Ebene durcheilen. Da er in seinen Pelz verliebt war, so trieb ihn seine Leidenschaft an, den Fuchs zu verfolgen. Er kannte das Fuchsloch, grub darum einen Graben, deckte ihn mit Reisig zu, legte darauf ein Aas und verbarg sich im Hinterhalt, um abzuwarten, bis der Fuchs sich fangen würde. Zufällig kam der Fuchs aus dem Loch und wurde durch den Geruch des Aases, er mochte wollen oder nicht, an den Rand des Grabens gelockt. Als er das Aas auf dem Reisig liegen sah, da erkannte er die List und sagte zu sich: „Der Duft dieses Aases ist zwar sehr lieblich, aber das Leben ist auch etwas Schönes. Ein Weiser mischt sich nicht in eine Sache, die Gefahr in sich schließt, und ein Kluger läßt sich nicht in eine Angelegenheit ein, die die Möglichkeit des Schadens in sich birgt. Wenn es auch möglich ist, daß auf diesem Reisig ein Tier liegt, so ist es auch möglich, daß darunter eine Falle oder ein Mensch verborgen ist. Jedenfalls ist Vorsicht angebracht.“
Der Fuchs verzichtete in diesem Gedanken auf das Aas und wählte den sicheren Weg. Währenddessen kam ein hungriger Panther, getrieben von seiner Freßbegier, von einem hohen Berge herab. Der Geruch des Aases lockte ihn in diese Grube.
Als der Jäger das Geräusch der Falle hörte und die Bewegung eines Tieres merkte, glaubte er, es sei der Fuchs, und sprang gierig und ohne Überlegung in die Grube. Der Leopard, der dachte, daß er ihn an dem Genuß des Aases hindern wollte, sprang auf ihn zu und zerriß ihn in lauter Stücke.
Der gierige Jäger wurde in der Schlinge des Todes gefangen, der genügsame Fuchs entrann seinem Unheil dank seiner Genügsamkeit.
50. DIE ENTEN UND DIE SCHILDKRÖTE
In einem Bache, der wie ein Spiegel leuchtete und an Lieblichkeit und Süße mit der Quelle des Lebenswassers und mit dem Paradiesesbrunnen Selsebil wetteiferte, lebten zwei Enten und eine Schildkröte. Infolge ihrer Nachbarschaft war unter ihnen die engste Freundschaft entstanden. Plötzlich drohte das grimme Geschick, ihr Zusammensein zu trennen. In dem Teiche, in dem sie ihren Lebensunterhalt fanden, machte sich von Tag zu Tag eine Abnahme des Wassers bemerkbar.
Als die Enten ihre traurige Lage bemerkten, entschlossen sie sich, ihre ihnen liebgewordene Heimat zu verlassen und in die Fremde zu ziehen. In Niedergeschlagenheit gingen sie mit feuchten Augen zu der Schildkröte und sagten ihr Lebewohl. Als diese von der Abreise der Freunde hörte, jammerte und wehklagte sie: „Wie sollte ich ohne euch denkbar sein. Jetzt habe ich kaum die Kraft, euch Lebewohl zu sagen. Wie sollte ich die Trennung ertragen?“ Die Enten erwiderten: „Auch unser Herz ist von dem Stachel der Trennung verwundet und unsere Brust brennt von dem Feuer der Abreise. Aber der Wassermangel droht unser Leben zu vernichten, so müssen wir notgedrungen in die Ferne ziehen und den lieben Freund und das paradiesische Land verlassen.“
Die Schildkröte sagte: „Der Wassermangel berührt mich auch, denn ohne Wasser ist mein Leben verwüstet. Seid so freundlich und achtet die alte Freundschaft, laßt mich nicht in diesem Unglück allein. Wenn ihr geht, nehmt mich mit.“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund und alter Genosse, die Trennung von dir ist für uns die schlimmste Folter und die böseste Pein. Überall, wo wir in Ruhe und selbst in der größten Bequemlichkeit wohnen, wird unserem Auge der Glanz und unserer Brust die Ruhe fehlen, da wir von deinem lieben Anblick getrennt sind. Auch wir haben weiter kein Verlangen als deine Gesellschaft und weiter keinen Wunsch als deine Kameradschaft. Aber was sollen wir machen? Denn wir können nicht mit dir auf der Erde wandern und mit unserem schwachen Körper und schwachen Füßen Täler und Wüsten durchqueren und du wiederum kannst nicht die Weiten des Himmels durchfliegen. Wie soll da auf dieser Reise Begleitung und Genossenschaft zwischen uns möglich sein?“