Part 25
Es gab einmal einen großen König. Dieser legte eines Tages sein Haupt auf das Sterbebett, ließ seine drei Söhne allein zu sich kommen und sprach zu ihnen: „In den und den Winkel meines Palastes habe ich eine Schachtel voll kostbarer Edelsteine hingesetzt; wenn ich gestorben sein werde, so nehmt sie hervor und teilt sie unter euch!“ Nachdem der König noch drei Tage gelegen hatte, empfahl er am vierten Tage seine Seele Gott. Während man nun für den König die Leichenfeierlichkeiten veranstaltete, ging einer von den Söhnen und nahm jene Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen heimlich für sich weg. Als nach einiger Zeit alle drei die Schachtel von ihrem Orte hinwegnehmen wollten, fanden sie dieselbe nicht mehr vor. Deshalb entstand unter ihnen Streit, welcher solange währte, bis sie endlich vor den Kadi traten und diesem das Sachverhältnis auseinandersetzten. Der Kadi, von dem Hergange der Sache belehrt, sprach zu ihnen die Worte: „Zuvörderst will ich euch eine Geschichte erzählen — hört darauf — und dann eure Streitsache entscheiden.“ Sie erwiderten: „Geruhe nur anzufangen.“ Der Kadi sprach: „Es liebten sich einmal in früherer Zeit ein Jüngling und ein Mädchen. Das Mädchen hatte aber einen anderen jungen Mann zum Bräutigam. Der in dieses Mädchen verliebte erstere junge Mann hörte nicht auf in einem fort zu seufzen und zu schluchzen. ‚In jener Nacht,‘ sprach er, ‚wo du das Hochzeitsbett besteigen wirst, — was wird da aus mir werden?‘ Das Mädchen erwiderte: ‚Ich werde in jener Nacht niemandem eher die Hand geben, als ich mich vorher mit dir zusammengefunden habe!‘ Dies versprach sie ihm. Als nun in der Nacht der Heimführung die junge Frau mit ihrem Manne allein war, erzählte sie ihm, was für ein Versprechen sie jenem Jünglinge gegeben habe, und erbat sich von ihrem Manne die Erlaubnis, zu ihm hinzugehen. Der Gemahl erwiderte: ‚Mache dich auf und gehe!‘ Die junge Frau ging in aller Stille hinaus und traf unterwegs einen Dieb. Als dieser sah, daß sie eine hübsche und liebenswürdige Frau sei, die unter ihren Zeitgenossinnen nicht ihres Gleichen habe und sich Hals und Ohr reich mit Goldperlen behangen hatte, umarmte er sie wie ein Lamm, das in die Gewalt eines hungrigen Wolfes geraten ist. Er fragte die junge Frau: ‚Wer und was bist du?‘ Sie erzählte ihm ihre Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der Dieb diese gehört hatte, sprach er: ‚Jetzt ist es Zeit, sich als Ehrenmann zu zeigen, auch ich will dir nichts tun — wohlan, komm, ich will dich zu deinem Geliebten bringen!‘ Mit diesen Worten nahm er sie bei der Hand, brachte sie an die Tür ihres Geliebten und sprach: ‚Bis du wieder herauskommst, will ich hier stehen bleiben.‘ Als die junge Frau bei ihrem Geliebten eintrat, traf sie den Jüngling an und sprach: ‚Siehe, ich habe dir hiermit mein Versprechen erfüllt.‘ Dieser sprach: ‚Bei Gott, welche ritterliche Gesinnung hat dein Gemahl jetzt gegen mich an den Tag gelegt, daß er dich zu mir geschickt! Ich würde sie ihm schlecht vergelten, wenn ich jetzt noch nach dir die Hand ausstrecken wollte! Stehe auf und kehre zu deinem rechtmäßigen Ehegatten zurück.‘ Mit diesen Worten schickte er die junge Frau zurück. Diese stand auch sogleich wieder auf und ging hinaus, wo sie der Dieb wieder bei der Hand nahm und ihrem rechtmäßigen Ehegatten zurückbrachte. Er selbst aber ging seines Weges.“ — Der Kadi sprach: „Sagt nun, ihr Prinzen, welchen von diesen dreien, d. h. den Gemahl, den Geliebten oder den Dieb, haltet ihr für den größten Ehrenmann?“ Der eine von ihnen erwiderte: „Meiner Ansicht nach dürfte der Gemahl der größte Ehrenmann sein.“ Der zweite erwiderte: „Der Geliebte dürfte es sein“, und der dritte meinte: „Der Dieb.“
Als der Kadi diese Antworten der Prinzen gehört hatte, sprach er zu demjenigen von ihnen, welcher gemeint hatte, daß der Dieb der größte Ehrenmann sei, die Worte: „Du hast wahr und richtig gesprochen. — Du hast dir die Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen genommen; also gib sie her, denn der Geliebte hilft dem Geliebten, der Biedere dem Biederen und der Dieb dem Diebe!“
Der Prinz, welcher seiner Tat überführt war, brachte beschämt die Schachtel mit den Edelsteinen und gab sie hin.
65. DER UNSICHTBARE TURBAN
Es gab einst einen großen König. Eines Tages kam zu ihm ein Mann und sprach: „König, ich will einen Turban weben, welcher dem legitimen Sohne sichtbar, dem illegitimen aber nicht sichtbar sein soll.“ Der König wunderte sich sehr über diese Rede und ließ sich von ihm den Turban weben. Der junge Mann bezog nun vom Könige zur Bestreitung der Kosten das nötige Geld, ging in einen Laden und hielt sich da einige Zeit auf. Eines Tages faltete er die eine und die andere Seite eines Papiers zusammen, nahm es und brachte es vor den König. Er sprach: „O König, siehe, ich habe dir den Turban gewebt.“ Der König öffnete das Papier und sah, daß nichts darin war. Alle Vezire und Fürsten, welche zugegen waren, erblickten ebenfalls in dem Papiere nichts. Da sprach der König zu sich: „Siehst du, da muß ich wohl ein Bastard sein.“ Alle Vezire und Fürsten waren sehr bestürzt, daß sie auch Bastarde sein sollten. Der König sprach nun zu sich: „Ich kann mir nicht anders helfen, als das ich sage: ‚Ein schöner Turban, er gefällt mir.‘“ Darauf sprach der König: „Alle Wetter, Meister, das hast du sehr schön gewebt.“ Der Weber sagte: „O König, befiehl, daß man eine Mütze bringe, ich will den Turban darum wickeln.“ Man brachte eine Mütze herbei. Der junge Mann nahm das Papier vor sich, tat so, als ob er den Zipfel der Kopfbinde nehmen und sie darum wickeln wollte und bewegte seine Hand hin und her. Er hatte aber gar nichts in der Hand. Als er fertig war, setzte er sie dem Könige auf. Alle umstehenden Vezire und Fürsten sagten: „Alle Wetter, o König, was für ein schöner, feiner Turban ist das!“ und lobten und priesen den jungen Mann. Dann stand der König auf, ging mit seinen Veziren in ein Nebenzimmer und sprach: „O meine Vezire, bin ich ein Bastard, daß ich den Turban nicht sehe?“ Die Vezire erwiderten: „O König, bei Gott, wir sehen auch nichts und wissen nicht, was das ist.“ Endlich sahen sie aber ein, daß es nichts war und daß jener junge Mann ihnen nur irdischen Vorteils wegen einen Streich gespielt habe.
66. DER VIELGEPRÜFTE PRINZ
Es gab einen großen König. Die sieben Erdgürtel waren unter seiner Botmäßigkeit. Er besaß jedoch weder Sohn noch Tochter. Opfer und Gelübde verrichtete er, um sich Gott geneigt zu machen. Eines Tages nahm dann auch Gott der Erhabene sein Opfer wohlgefällig an und schenkte ihm aus seiner Gnadenfülle einen Sohn, der an Schönheit ein zweiter Joseph war. Darüber ward der König sehr froh und veranstaltete an diesem Tage ein großes Festgelage, schenkte dabei dem einen Ehrenkleider, dem andern Geld und verehrte andere Gnadengeschenke. Darauf ließ er die Sterndeuter kommen und sie nach dem Geburtsstern des Prinzen schauen. Als sie das getan hatten, sprachen sie: „O König, in betreff des Geburtssternes des Prinzen hat man in der astronomischen Tafel sowohl als in dem Traumbuche und nach den Astrolab folgende Prophezeiung aufgestellt: ‚Von seinem dreißigsten bis zu seinem sechzigsten Jahre wird sich seines Geburtssternes Glück und Heil in Unglück und Unheil verwandeln, und er wird in fremden Ländern von Not und Mühsal heimgesucht werden.‘ Nur Gott kennt die verborgene Zukunft.“ Als der König dies hörte, wurde er sehr betrübt.
Als einige Jahre vorüber waren, gab der König den Knaben in die Schule und ließ ihn die Wissenschaften aller Art lernen. Als der Prinz zur Mannbarkeit herangereift war, ließ er ihn sich verheiraten und verschaffte ihm die Tochter eines großen Sultans zur Frau. Mit der Zeit wurden ihm auch zwei Söhne geboren. Als sie heranwuchsen, gingen sie auch in die Schule und erlernten die Wissenschaften aller Art. Von Zeit zu Zeit pflegten sie mit ihrem Vater spazieren zu gehen. Nun geschah es eines Tages, daß der Prinz, ihr Vater, mit ihnen am Meeresstrande spazieren ging, sodann ein Schiff herbringen ließ und auf demselben mit seinen kleinen Söhnen in die hohe See hinausfuhr. Nach Gottes Ratschluß und Befehl kam ihnen unterwegs ein fränkischer Seeräuber entgegen, welcher sowohl den Prinzen und seine beiden Söhne als auch vierzig Sklaven, welche der Prinz mit sich hatte, sämtlich gefangennahm. Den Prinzen und die vierzig Sklaven verkaufte er an menschenfressende Neger, die kleinen Söhne des Prinzen hingegen verkaufte er nicht, sondern nahm sie mit sich fort. Die Neger hielten den Prinzen und seine Leute für eine angenehme Nahrung und fütterten sie. Jeden Tag schlachteten sie einen von ihnen in der Küche des Königs und setzten ihn ihm als Gericht vor. Als nun von diesen vierzig Sklaven alle abgeschlachtet waren, kam die Reihe an den Prinzen. Man nahm ihn, führte ihn in die Küche und wollte ihm die Kehle abschneiden. Als der Prinz dies gewahr wurde, flehte er zu Gott dem Erhabenen, strengte sich an und zerriß die um seine Hände gelegten Bande, entriß demjenigen, der gekommen war, ihm die Kehle abzuschneiden, das Schlachtmesser, stach damit auf ihn ein und zerhieb ihn in zwei Stücke. Nicht minder erstach er alle sonst in der Küche befindlichen Leute, stellte sich dann an die Türe derselben und tötete jeden, der noch auf ihn los kam.
Von diesem Ereignis gelangte alsbald die Nachricht zu dem Könige dieser Wilden. Als der König daraus ersah, was für eine Herzhaftigkeit der Prinz bewiesen habe, kam er herbei und erteilte ihm Sicherheit des Lebens, indem er sprach: „Ich will dir etwas sagen. Ich habe eine Tochter, die will ich dir zur Frau geben und dich zu meinem Eidam machen. Ich will hiermit diesen Vertrag mit dir geschlossen haben.“ Da der Prinz diesem Wunsche des Königs nicht widersprechen konnte, so nahm er seine Tochter zur Gattin an und heiratete sie. Er lebte mit ihr einige Jahre zusammen und befand sich wohl. Eines Tages starb seine Frau. Nun bestand unter diesen Wilden die Sitte, daß, wenn ein Mann gestorben war, mit ihm seine Frau, und, wenn eine Frau gestorben war, mit derselben ihr Mann lebendig in einen großen, tiefen Brunnen hinabgelassen und ihnen ein Laib Brot und ein Krug Wasser mitgegeben wurde. Dann pflegte man auf die Mündung des Brunnens einen großen schweren Stein zu legen und fortzugehen. In denselben Brunnen ließ man nun den Prinzen mit seiner Frau hinunter und gab ihm einen Laib Brot und einen Krug Wasser mit, legte dann einen großen Stein auf die Mündung des Brunnens und ging fort.
Als der Prinz sich in diesen Zustand versetzt sah, wurde er ganz verdutzt und verblüfft und seufzte: „Ach, Gott, was ist das?“ und flehte demütig zu Gott dem Erhabenen um Errettung. Er sah sich in dem Innern des Brunnens weiter um und bemerkte, daß eine hübsche und liebenswürdige Frau dasaß. Er fragte sie: „Wer bist du?“ Sie erwiderte: „Bei Gott, ich bin eine junge Frau. Vor kurzem starb mein Mann. Da hat man mich nun samt meinem Manne in diesen Brunnen lebendig hinuntergelassen.“ Ein weiterer Blick in dem Brunnen herum zeigte dem Prinzen, wie einige jener Beigesetzten schon verwest waren, andere eben erst geendet hatten, andere noch in den letzten Zügen lagen. Plötzlich kam von einer Seite des Brunnens her ein Geräusch, welches einem Scharren mit den Füßen glich. Der Prinz erkannte, daß es von einem Tier herrührte, machte sich sogleich mit der jungen Frau auf und ging mit ihr nach jener Seite zu. Hier trafen sie auf ein Loch, in welches sie hineintraten. Der Grund dieses Loches war aber tief. Sich bückend und in dieser Stellung kriechend gingen sie einige Zeit vorwärts, bis sie endlich an den Abhang eines Berges gelangten und am Ufer eines großen Wassers herauskamen. Hier dankten sie ihrem Schöpfer für ihre glückliche Errettung und wurden munter und froh. Zufälligerweise trafen sie daselbst ein Schiff an. Sie sammelten sich eine Menge von des Berges Früchten und füllten damit ihr Schiff an. Nachdem sie dieses bestiegen hatten, nahm sie die Strömung des Wassers selbst bis dahin mit sich fort, wo sich der Fluß am Bergesabhange in ein Loch verlor. Als sie sich dieser Stelle näherten, konnten sie ihres Schiffes nicht Herr werden, sondern das Wasser nahm sie auf demselben unter den Berg mit sich fort. Als der Prinz dies gewahr wurde, seufzte er und sprach: „O Gott, was ist das?“ Sie verbrachten da eine lange Zeit und wußten nicht, ob es Tag oder Nacht wäre. Sie flehten in einem fort Gott um Errettung, bis endlich der Fluß unter dem Berge wieder hervor an das offene Land heraustrat.
Der Prinz wurde hierüber froh, und sie beide brachten nun ihr Schiff an das Ufer und stiegen aus demselben hinaus. Als sie sich von des Berges Früchten einige pflückten und sie aßen, sah der Prinz, indem er weiter lustwandelte, daß es hier ein großes weißes gewölbtes Gebäude gab, dessen Kuppel bis in die Wolken reichte. Als sie beide dorthin kamen, traten sie ein und sahen, daß das Gebäude einem Schlosse glich. In dem Innern dieses Schlosses stand geschrieben: „Wer dieses Tor zu öffnen und diesen Talisman zu lösen gedenkt, der möge ein fünffüßiges Tier hierherbringen und es vor diesem Tore töten, damit sich die Schlösser an diesem Talisman erschließen!“ Der Prinz blieb darüber verdutzt und verblüfft stehen und fragte sich verwundernd: „Gibt es denn in der Welt überhaupt ein fünffüßiges Tier?“ Mit diesen Worten setzte er sich an das Tor dieses Schlosses hin. Die Läuse plagten sie entsetzlich und sie fingen an, sich von diesem Ungeziefer zu reinigen. Der Prinz tötete eine Laus. Bei der zweiten fielen auf einmal mit lautem Geklirr und Gerassel die Schlösser an dem Tore des Schlosses herunter und sie erkannten hieraus, daß das fünffüßige Tier die Laus war. Darauf standen sie auf und gingen hinein. Sie sahen da — es gab in der Welt nichts dem Ähnliches — einen Garten voll fließender Gewässer und verschiedener Früchte, spürten bald große Lust darnach und gingen hin, um eine davon zu essen. Da erblickten sie dann, daß jene Bäume sämtlich von Gold und ihre Früchte wertvolle Steine waren. Am Fuße der Bäume lagen herabgefallene Edelsteine und Flußkiesel. Als sie weiter vorwärts in das Gebäude eindrangen, sahen sie, daß es sehr groß war. Man hatte es von Bergkristall gebaut und seine Tür offengelassen. Als sie hier eintraten, bemerkten sie, daß es noch ein Gebäude darin gab. Es bestand aus rotem Gold. Als sie hier eintraten, sahen sie weiter, daß es abermals ein Gebäude darin gab, dessen Wände sämtlich aus Rubinen und Perlen gebaut waren. Als sie endlich hier eintraten, gewahrten sie, daß in einem mit Rubinen und Perlen geschmückten Sarge ein Toter lag, über dessen Haupte sich eine Tafel befand, welche folgende Inschrift enthielt: „Jeder, der hierherkommt und mich sieht, wisse, daß ich ein König war. Die ganze Welt stand unter meiner Botmäßigkeit: Menschen, Dämonen und Peris waren mein Heergefolge. Ich lebte tausend Jahre und dachte nie zu sterben und dem Todesgeschosse zu erliegen. Plötzlich wurde ich aber eines Tages krank, fiel auf das Sterbebett und sah ein, daß ich bestimmt sterben würde. Deshalb ließ ich dieses Gebäude, welches du hier siehst, in drei Tagen erbauen und erwählte es mir zum Mausoleum. Oberhalb meines Hauptes gibt es zwei Quellen; trinke daraus und verrichte für mich eine Fürbitte!“ Der Prinz wurde bald diese beiden bezeichneten Quellen gewahr und trank aus einer derselben. Sie enthielt Milch und die andere Zuckerscherbet. Noch eine lange Zeit hielten sie sich in diesem Gebäude auf, nährten sich von dieser Milch und tranken von diesem Scherbet. Zuletzt nahmen sie sich eine große Menge Edelsteine, füllten damit ihr Schiff an, bestiegen dasselbe von neuem und fuhren in die hohe See hinaus.
Nachdem sie eine Weile gefahren waren, brachte der Wind ihr Schiff an eine Insel. Hier stiegen sie aus dem Schiffe heraus, um von des Berges Früchten zu essen. Plötzlich kam eine große Schar Menschen auf sie los und nahm sie gefangen. Der Prinz blickte auf und sah, daß jene keine Köpfe besaßen, ihren Mund auf ihrer Brust und ihre Augen auf den Schultern hatten und in ihrer Sprache wie Vögel zwitscherten. Sie beide wurden aber vor den König dieser Leute gebracht und blieben lange Zeit als Gefangene daselbst, bis sie endlich ihnen entflohen, jenes Schiff wieder bestiegen und auf die hohe See hinausfuhren. So kam der Prinz auf diesem Meere dreißig Jahre hindurch bald unter Menschen mit Schweinsköpfen, bald unter Menschen mit Vogelköpfen, von denen ein jeder dem Prinzen mannigfache Unbilden zufügte. Wiederum gab ihm Gott der Erhabene einen Ausweg an die Hand und ließ ihn entfliehen.
Auf Gottes Geheiß trieb der Wind sein Schiff an eine Insel. Als er hier herausstieg, sah er einige Menschen. Die Leute hielten ihn für einen Spion, nahmen ihn gefangen und brachten ihn vor ihren König. Dieser fragte ihn: „Wer und was bist du?“ Der Prinz erzählte ihm seine Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der König nun wußte, daß er ein Prinz war, ließ er ihm voller Freude Ehrenkleider anlegen, nahm ihn beiseite und sprach: „Ich kenne Euer Reich und deinen Vater; auch habe ich gehört, daß dich und deine beiden Söhne und vierzig Diener ein fränkischer Seeräuber auf dem Meere gefangen genommen habe. Wohin willst du nun gehen? Erzeige mir den Gefallen und bleibe bei mir, ich will dir meine Tochter geben.“ Der Prinz erwiderte: „Bei meiner Geburt haben mir die Sterndeuter dreißig Jahre Unglück prophezeit; ich fürchte daher, daß, wenn ich die Tochter des Königs nehme, diese in mein Unglück verwickelt werden wird.“
Der König ließ nun die Sterndeuter kommen und nach des Prinzen Geburtskonstellation schauen. Als sie dies getan hatten, sagten sie: „O König, wir bringen dir die frohe Botschaft, die unglücklichen dreißig Jahre sind vergangen und sein Geburtsstern ist jetzt zu Glück und Segen gelangt.“ Als der König dies hörte, freute er sich sehr und verheiratete seine Tochter mit dem Prinzen.
Der Prinz blieb einige Jahre daselbst, bis endlich der König starb und der Prinz an seiner Stelle König wurde. Eines Tages sagte man ihm: „O König, ein Franke ist gekommen und hat viele Waren mitgebracht. Darf er sie ausstellen?“ Der König gab dazu die Erlaubnis. Als er an der Seite des Franken zwei Knaben erblickte, regte sich sein Blut in Liebe und das Gefühl der Vaterschaft rührte sich. Er fragte den Franken: „In welchem Verhältnis stehen diese zwei Knaben zu dir?“ Er erwiderte: „Das sind meine Sklaven, die ich verkaufen will.“ Der König sagte: „Ich werde sie kaufen“, nahm sie in ein Nebenzimmer und fragte sie, wo der Franke sie gekauft habe. Alsbald erzählten sie ihm ihre Ereignisse vom Anfang bis zu Ende. Der König erkannte daraus, daß es seine beiden Söhne waren, drückte sie an seine Brust, küßte einen jeden auf die Augen und sprach: „Ich bin eurer Vater.“
Der König kam wieder heraus, nahm den Franken gefangen und ließ ihn unter tausend Qualen sterben. Nachher wurde er von neuem mit Glück gekrönt, indem er auch das Reich seines Vaters als König bekam.
ANMERKUNGEN
[1] Hodscha ist eigentlich der Titel für Geistliche, aber auch Quacksalber, die durch Besprechen, Bepusten und durch Amulette die Kranken heilen, werden damit bezeichnet.
[2] Der Ausdruck des Textes ist merkwürdig. Ich nehme an, daß ein Druckfehler für den Namen des Prinzen von Jemen vorliegt.
[3] Lala ist der Prinzenerzieher.
[4] Halwa ist eine sehr geschätzte Süßigkeit.
[5] Müezzin = Gebetsrufer.
[6] Mit dem Badezeug.
[7] Geste des Erstaunens.
[8] Häufige Redewendung, mit der sich der Märchenerzähler an einen besonders interessiert Aussehenden unter seinen Zuhörern wendet.
[9] Im türkischen Volksglauben werden darunter Riesen mit dämonischen Kräften verstanden.
[10] Die Peris sind im Türkischen fast immer böse Geister.
[11] = das, was mir bestimmt ist.
[12] Gedörrtes Rindfleisch.
[13] Türbe = Mausoleum.
[14] Er meint das andere Mädchen damit.
[15] Anka ist ein sagenhafter Vogel von gewaltiger Größe, sehr häufig unserem Phönix entsprechend.
[16] Um kahlköpfig zu erscheinen.
[17] Zuruf an den Taschendieb.
[18] Sefa bedeutet Freude, Dschefa Leid.
[19] Feredsche und Jaschmak sind der Überwurf und Schleier, die die türkischen Damen zum Ausgange anlegen.
[20] Ein Akt der Höflichkeit gegen Höherstehende beim Treppensteigen und dergl.
[21] Unübersetzbares Wortspiel. Im Türkischen wird das Wort für Pfirsich gleichzeitig für Kuß gebraucht.
[22] Die Buchstaben haben etwa die Form dieser Gegenstände.
[23] Ein Geldstück, etwa unserem Taler entsprechend.
[24] Ein Gewicht, etwa unserem Kilo entsprechend.
[25] Kayk = Boot.
[26] Batman ist ein Gewicht, das in den einzelnen Gegenden verschieden ist.
[27] Para etwa gleich ½ Pfennig.
[28] Kawaß = Diener. Gewöhnlich als Türhüter und zur Begleitung bei Ausgängen benutzt.
[29] Bej = Bey.
[30] Joghurt entspricht im Geschmacke unserer dicken Milch, nur wird es anders zubereitet. Gequirltes Joghurt mit Salz, Knoblauch oder Zucker vermischt gibt den Airan.
[31] Turan ist die sagenhafte Urheimat aller Türkstämme.
[32] Köschk = Gartenpavillon, Sommerhaus.
[33] Rūm bezeichnet das byzantinische Kaiserreich.
[34] Der Atem Jesu gilt als lebenspendend, Krankheiten beseitigend.
[35] Zeichen der Trauer.
[36] Die Paradiesesjungfrauen, die den Gläubigen im Himmel zu teil werden.
[37] Titel für Geistliche.
[38] = Gerichtssitzung.
[39] So ist zu lesen, wie sich aus der Antwort ergibt und nicht „schwarz“, wie der Text hat.
[40] D. h. sie sind gelb geworden, was unserem Bleichwerden entspricht.
[41] Der aus dem Alten Testament bekannte Korah. In der muslimischen Legende gilt er als Besitzer ungeheurer Reichtümer.
[42] Das Unglück tötete die Geduld.
[43] Das Morgengrauen hat gewissermaßen die Sonne vorgetäuscht und wird nun durch den wirklichen Sonnenaufgang als Betrüger entlarvt.
[44] Dirhem ist ein kleines Gewicht (etwa 3¾ Gramm) und früher auch eine Silbermünze von etwa 1 Frank.
[45] D. h. ihn, obgleich er die Augen offen hat, gleichsam schlafend und unaufmerksam machen.
[46] Danadil bedeutet „Klugherz“.
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