Part 19
„In alter Zeit hatte jemand ein Kamel, das so räudig geworden war, daß infolge seiner Fieberhitze das rote Fleisch zum Vorschein gekommen war. Da kein Mittel helfen wollte, so trieb der Besitzer das Kamel in die Wüste. Als es nun allein in der Wüste ging, lag ein Schakal im Hinterhalt vor einem Mauseloch und wartete auf Mäuse. Als er es sah, gab er die Mäuse auf und folgte dem Kamel, denn er dachte, daß es seine Beute werden würde. Seine Genossin, das Schakalweibchen, warnte ihn und sagte: ‚Gib aus Habgier nicht die Beute, die du in der Hand hast, auf! Begnüge dich mit wenigem! Es ist sehr wahrscheinlich, daß du, während du Größeres suchst, auch das Kleinere nicht erlangst und dann enttäuscht dastehst.‘
Der Schakal antwortete: ‚Sich mit Geringem zu begnügen, ist nur etwas für gewöhnliche Leute, aber ich habe ein hohes Streben. Eine so große Beute aufzugeben und Mäuse zu fangen, kommt mir nicht in den Sinn, und ich begnüge mich nicht mit so niedriger Beute.‘
Er folgte dem Kamel zwei bis drei Tage, erreichte aber nicht seinen Wunsch und hatte die nahe Beute auch aus der Hand gelassen, so daß er mit leerer Hand und hungrigem Magen zu seinem Weibchen zurückkehrte. Diese sagte zu ihm: ‚Mit deiner täglichen Nahrung warst du nicht zufrieden, deswegen hast du nun Elend und Mühe ausstehen müssen.‘“
Der Seidenspinner bereute nun seine Habgier und war mit dem zufrieden, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war.
32. DER BEDUINE UND DER KALIF MAMUN
Eines Tages kam ein Beduine zum Kalifen Mamun und sagte: „Beherrscher der Gläubigen, ich möchte die Pilgerfahrt nach Mekka machen, habe aber kein Geld.“ Mamun antwortete: „Da du kein Geld hast, bist du auch nicht verpflichtet, die Pilgerfahrt zu machen. Warum willst du dich unnütz quälen?“ Der Beduine sagte: „Beherrscher der Gläubigen, ich wollte dir meine Armut klagen. Wenn ich sagte: ‚Ich muß die Pilgerfahrt machen, habe aber kein Geld‘, so hoffte ich auf ein Geschenk von dir. Du erklärst mir aber theologische Streitfragen, indem du von der Notwendigkeit der Pilgerfahrt sprichst.“ Der Kalif Mamun freute sich über den Witz des Beduinen und gab ihm reiche Geschenke.
33. DER LUCHS UND DER LÖWE
Vor alten Zeiten lebte in einer Prärie ein Löwe, der einen Affen als Haushofmeister hatte. Einst mußte der Löwe weggehen, und er übertrug die Bewachung des Ortes dem Affen. Aber dieser war dazu nicht in der Lage, denn bisweilen betraten Fremde den Ort. Einst kam der Luchs dorthin und sah, daß es ein angenehmer Platz und eine entzückende Stelle war. So beschloß er sich dort niederzulassen.
Als der Affe den Luchs dort sah, sagte er: „Luchs, was für eine Unverschämtheit begehst du, und warum streckst du dich in Überhebung nicht nach der Decke? Nach dem Worte: ‚Gott erbarmt sich über den, der bescheiden ist und nicht hoch hinauswill‘, geziemt es sich für jeden, daß er sich richtig einschätzt und nicht seine Grenze überschreitet. Dieser Platz gehört dem Löwen, dem Könige der Tiere. Seiner Macht und Kraft kann niemand entgegentreten. Wie kannst du in deiner Dummheit dies wagen? Fürchtest du dich nicht vor der Gewalt seiner Tatzen?“ Der Luchs antwortete: „Du bist das dümmste Wesen der Welt, daß du so grundlos unnütze Reden führst. Wie hat der Löwe diesen Platz erworben, und welches Anrecht hat er darauf? Seit alten Zeiten habe ich ihn von meinem Vater geerbt. Mögen Löwen, ja sogar Tiger kommen, ich will mit ihnen kämpfen. Wofür hältst du mich? Glaubst du, daß ich mich vor einem Löwen fürchte? Denkst du, ich sei nur ein Luchs? Wenn man jenen den Löwen nennt, so nennt man mich den Löwenbezwinger. In meiner Küche wird nur Löwen- und Tigerfleisch gekocht. Was ist das für ein Hund, den du Löwe nennst? Er mag nur kommen. Ich werde ihn schon in seine Schranken weisen und ihn lehren, anderer ererbten Besitz sich anzueignen.“
Der Affe war von den mutigen Worten überwältigt, wandte sich und ging weg, aber das Weibchen des Luchses sagte: „Wir können nun doch nicht länger hier bleiben. Wir müssen uns vor den Tatzen des Löwen in acht nehmen, und es ist verständig, sich möglichst bald davon zu machen.“ Der Luchs antwortete: „Fürchte dich nicht! Vielleicht ist dies gar nicht der Platz des Löwen, und selbst, wenn es der Fall sein sollte, könnte es durch Gottes Güte doch möglich sein, daß ihm dort, wohin er gegangen ist, ein Unfall zugestoßen sei und er nicht zurückkäme, und wenn er kommt, so ist es immer noch möglich, durch eine List sich vor ihm zu retten. Wollen den heutigen Tag als Gewinn ansehen und ihn fröhlich genießen. Für morgen wird Gott schon sorgen.“ Die Luchsin sagte: „Ich zweifle nicht, daß dieser Platz dem Löwen gehört, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er keinen Unfall erleidet und hier erscheint, außerdem wird man ihm erzählen, wie frech du von ihm gesprochen hast. Und wenn du sagst, du würdest bei seiner Ankunft eine List anwenden, so ist List auch nicht immer angebracht. Bisweilen stürzte der Listige in sein Verderben, wie der Wolf, der den Schakal überlisten wollte, durch seine List selber umkam.“ Der Luchs fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Die Luchsin antwortete: „Ich habe gehört, daß einst ein Wolf die Höhle eines Schakals leer fand. Er ging hinein, um den Schakal, wenn er komme, zu fangen. Als der Schakal kam, sah er am Eingang der Höhle außer seinen noch fremde Fußspuren. Vorsichtig ging er nicht hinein, sondern beschloß, bevor er sie betrete, vorsichtig zu verfahren. Er rief daher vor der Tür: ‚Mein Haus, mein liebes Nest!‘ Als aus dem Hause keine Antwort kam, sagte er: ‚Liebes Haus, sonst hat doch immer ein Gespräch zwischen uns stattgefunden. Jedesmal wenn ich zu deiner Tür kam, rief ich, und du antwortetest. Jetzt habe ich gerufen, du hast aber nicht geantwortet. Es wäre schön, wenn du antwortetest, sonst müßte ich dich verlassen und mir eine andere Wohnung suchen.‘
Der Wolf im Innern der Höhle sagte zu sich: ‚Weiß Gott, es muß zu den Eigentümlichkeiten dieser Höhle gehören, zu antworten, wenn der Besitzer kommt. Wenn ich jetzt nicht antworte, so geht der Schakal weg, und all mein Bemühen war umsonst. Es ist also das Klügste, zu antworten.‘ Er antwortete also: ‚Zu Befehl.‘ Als der Schakal die Stimme des Wolfes hörte und wußte, wie die Sache stand, ging er zu einem Hirten, der in der Nähe war, und erzählte ihm, daß der Wolf in der Höhle sei. Der Hirt hatte schon oft von Gott eine solche Gelegenheit erfleht, denn der Wolf hatte ihm schon oft ein Schaf von seiner Herde geraubt. Er ging also sofort zu jener Höhle, legte vor ihre Öffnung einen großen Stein. Der arme Wolf starb drinnen vor Hunger und Durst, und die List, die er gegen den Schakal geplant hatte, traf ihn selber.“
Als der Luchs diese Geschichte hörte, antwortete er der Luchsin:
„Wie kannst du mich mit dem Wolf vergleichen? Der Wolf, wie du ihn nennst, ist ein dummer Hund. Wenn er Verstand gehabt hätte, würde er nicht aus dem Hause geantwortet haben. Der Kluge darf natürlich in seiner List keine Fehler machen. Aber das verstehst du nicht.“
Während der Luchs sich mit der Luchsin stritt, entstand plötzlich ein Lärm. Der Löwe war nämlich gekommen. Die Tiere standen auf und begrüßten ihn. Sein Hausmeister, der Affe, aber eilte allen voraus und erzählte, daß der Luchs gekommen sei und sich so unverschämt benommen habe. Da sagte der Löwe: „Affe, so viel Mut und Energie, wie du da erzählst, hat der Luchs gar nicht. Das ist gar kein Luchs, sondern ein wildes Tier, das mich an Kraft und Mut übertrifft, sonst hätte es dies nicht gewagt, deswegen muß ich vorsichtig sein.“
Als er dann nicht weiter vorging, sagt der Affe zu ihm: „König der Tiere, gibt es auf der Erde ein Wesen, das tapferer, mutiger und heldenhafter als du wäre? Warum tust du so? Ich habe ihn hundertmal gesehen und weiß ganz sicher, daß es ein Luchs ist. Darum laß dich, bitte, nicht von der Furcht überwältigen!“ Der Löwe antwortete: „Affe, ein Luchs hat nicht so viel Mut. Seine Art hat tausendfach meine gewaltige Faust kennen gelernt, aber nach dem Worte des Korans: ‚Über jeden Wissenden gibt es einen Allwisser‘, ist es nicht unwahrscheinlich, daß dies Tier zwar an Wuchs klein, aber an Mut mir überlegen ist. Es heißt ja auch: ‚Selbst den Löwen besiegt und schlägt er‘, und ein Sprichwort sagt: ‚Es ist besser, sich zur Flucht bereit zu halten als im Unglück zu bleiben.‘ Anstatt mit ihm zu kämpfen und, wenn ich keinen Erfolg habe, meine Ehre zu schädigen, ist es verständiger, sofort zu fliehen, ohne von ihm gesehen zu werden.“
Als der Löwe und der Affe so miteinander sprachen, näherten sie sich der Wohnung, immer sich nach rechts und links umschauend und auf die Flucht bedacht. Währenddessen sagte die Luchsin: „Was ich befürchtete, ist geschehen. Was willst du nun tun?“ Der Luchs antwortete: „Wenn der Löwe herankommt, dann bringe unsere Jungen zum Weinen und Jammern. Wenn ich dann dich frage: ‚Warum läßt du unsere Kinder schreien?‘, dann antworte: ‚Unsere Kinder sind gewohnt, Löwenfleisch zu essen. Zwar fehlt es durch deine, des Löwenbezwingers, Bemühungen in unserer Küche nicht an Tigerfleisch, aber da das Löwenfleisch zarter ist, so verlangen unsere Kinder dieses.‘“
Als der Löwe sich ihnen näherte, brachte die Luchsin tatsächlich die Jungen zum Weinen, und als der Luchs mit lauter Stimme rief: „Warum läßt du die Jungen weinen?“, da antwortete sie, wie sie gelehrt war. Der Luchs rief: „In unserer Küche liegt Tigerfleisch bergehoch, aber wenn sie an Löwenfleisch gewohnt sind und Tigerfleisch nicht mögen, wo ist das Löwenfleisch geblieben, das ich neulich gebracht habe?“ Da antwortete die Luchsin: „Es ist zwar Löwenfleisch da, aber da unsere Kinder an frisches Löwenfleisch gewöhnt sind, so wollen sie das alte nicht essen und verlangen frischen Löwenbraten.“ Der Luchs rief: „Für den Augenblick sollen sie sich mit altem begnügen. Der Löwe, der in diesem Walde lebte, muß bald hierher kommen, denn, seitdem er gegangen ist, ist schon reichlich Zeit verflossen, er wird wahrscheinlich bald kommen. Wenn er mit Gottes Güte heute oder morgen kommt, werde ich ihnen von seinem Fleisch einen Braten machen.“
Als der Löwe diese Worte mit eigenen Ohren hörte, sagte er zum Affen: „Hast du es nun gehört? Sagte ich dir nicht, dies ist ein mächtiger Feind? Ein Luchs wagt so etwas nicht. Das Beste ist es nun, diesen Ort zu verlassen.“ Als er fliehen wollte, sagte der Affe: „König der Tiere, lasse dich durch Furcht doch nicht so verwirren! Jenes Tier ist ein schwaches, verächtliches Geschöpf. Wenn du nun einmal in diesem Wahn lebst, so lasse dich doch, bitte, in den Kampf ein, und du wirst den wirklichen Sachverhalt erfahren.“ Mit derartigen vielen Worten brachte er den Löwen wieder zur Umkehr und führte ihn wieder zum Luchs. Als dieser den Löwen sah, da wußte er, daß der Affe ihn durch sein Drängen zur Umkehr bewogen habe. Er ließ also wieder seine Jungen weinen, und, als auf seine Frage die Luchsin wie das erste Mal antwortete, sagte er: „Habe ich dir nicht gesagt, du solltest die Jungen für den Augenblick, soweit möglich, beruhigen? Wie ich höre, ist der Löwe, der auf dieses Haus Anspruch erhebt, soeben gekommen, und mein Freund, der Affe, ist auch da. Er hatte es übernommen, den Löwen, sobald er gekommen sei, durch List zu mir zu führen. Wenn Gott der Höchste den Plan des Affen, meines Freundes, zur Ausführung kommen läßt, werde ich dem Löwen, sobald er herangekommen ist, mit einen Angriff den Garaus machen. Dann werden wir selbst und die Jungen zu leben haben, und ich werde mich dem Affen für seine Bemühung dankbar erweisen und ihn in meine nächste Umgebung aufnehmen.“
Als der Löwe diese Worte des Luchses hörte, sagte er: „Du nichtsnutziger Affe, du wolltest mich mit List umbringen! Bevor du mich tötest, will ich dich töten.“ Mit diesen Worten zerriß er den Affen, und entfloh selbst mit aller Kraft von jenem Orte. Der Luchs aber, der durch seine List gerettet war, verbrachte den Rest seines Lebens dort mit Vergnügen.
34. DIE FRAU UND DER TIGER
Vor alten Zeiten hatte ein nichtsnutziger Mann eine verständige Frau, die Pelenkferib hieß. Da dieser Mann infolge seiner nichtsnutzigen Charakteranlage die Frau immer quälte und schlug, so konnte seine Frau, nachdem er sie einmal wieder geschlagen hatte, es nicht mehr länger aushalten und verließ in einer Nacht mit ihren zwei Kindern das Haus und kam in eine Wüste, die so schrecklich war, daß selbst Riesen und Wüstengespenster sich dort fürchteten. Plötzlich erschien vor ihr ein Tiger, der sie mit ihren Kindern zu verschlucken beabsichtigte. Die Frau sagte zu sich: „Wenn man ohne Erlaubnis seines Mannes wegläuft, da ist es nicht wunderbar, wenn einem derartiges passiert.“ Sie gelobte Gott mit aufrichtigem Herzen Buße und bat um Verzeihung und versprach nach diesem, die Gewalttätigkeiten ihres Mannes zu ertragen und ihm willfährig zu sein.
Als der Tiger nun nahe herangekommen war, hatte sie eine göttliche Eingebung. Sie sagte zu sich: „Ich will jetzt eine List dem Tiger gegenüber anwenden. Wenn sie gelingt, ist es gut, und ich werde gerettet, wenn nicht, was macht es? Ich habe wenigstens nichts unversucht gelassen, um ihn fernzuhalten. Wenn ich jetzt schleunigst fliehen würde, so würde er mich doch einholen. Das würde mir nicht helfen. Es ist das Klügste, ihn zu überlisten. Ein anderes Mittel gibt es nicht.“
Sie rief also mit lauter Stimme: „Bleib stehen, Tiger, beeile dich nicht! Ich habe dir etwas zu sagen. Höre zu! Ich bin ja in deiner Hand, dann kannst du mit mir machen, was du willst.“ Der Tiger wunderte sich über diese Anrede, blieb stehen und fragte: „Was willst du mir sagen?“ Die Frau antwortete: „Ich bin aus dem Dorfe hier in der Nähe. Dieses Dorf beherrscht ein Löwe, der mit einem Sprunge die ganze Welt über den Haufen werfen könnte. Damit er nun nicht das ganze Dorf vernichte, haben die Bewohner aus Furcht vor ihm sich einmütig entschlossen, jeden Tag dreimal das Los zu werfen und, wen es trifft, in die Küche des Löwen zu schicken. Jetzt hat das Los meine beiden Söhne und mich getroffen. Nun bist du auch in der Hoffnung, daß ich dir als Nahrung diene, gekommen. Ich möchte dich nun nicht enttäuscht gehen lassen, das leidet meine Großmut nicht, aber es geht auch nicht an, den Löwen in seiner Nahrung zu schädigen. So ist es also billig, daß du einen von meinen Söhnen und die Hälfte von mir verzehrst und die andere Hälfte von mir und mein anderer Sohn für den Löwen verbleibt, damit weder du noch der Löwe leer ausgehen.“
Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich vor dem Löwen und sagte voll Bewunderung über die Großmut der Frau: „Pelenkferib, eine solche Großmut habe ich bis jetzt noch bei keinem Geschöpf gesehen. Du opferst dich für den Unterhalt deines Feindes. Ist wohl bis jetzt deines Gleichen auf der Erde gewesen?“ Die Frau antwortete: „Großmut besteht darin, Leib und Leben dahinzugeben, allein mit Geld ist es nicht getan. Es gibt viele hunderttausend Menschen in dieser Welt, die dem Feinde Wohltaten erwiesen haben. Da fällt mir eine passende Geschichte ein. Wenn du willst, werde ich sie dir erzählen.“ Der Tiger war sehr begierig sie zu hören und sagte: „Erzähle, was ist das für eine Geschichte?“ Pelenkferib erzählte:
„In den alten Geschichtsbüchern wird erwähnt: Als der Beste der Kalifen der Ommajaden, der kluge und verständige Omar ben Abdulaziz, regierte, da vergiftete diesen Gerechten einer seiner Diener, ein unglücklicher, verfluchter Bösewicht. Als seines Körpers Pflanze durch die Einwirkung des Giftes grün wie ein Garten wurde und die Angelegenheit allgemein bekannt wurde, da ließ der Kalife diesen Diener, der ihm das Gift gegeben, zu sich allein rufen und sagte: ‚Unglücklicher, sage mir die Wahrheit, ob dies Verbrechen allein von dir ausgeht.‘ Der Bösewicht sagte notgedrungen die Wahrheit, daß ihm einer von den Feinden des Kalifen viel Geld versprochen habe, und deswegen habe er die scheußliche Tat getan.
Der Kalife sagte: ‚Du Tor, ich werde mich von dieser Krankheit nicht erholen, sonst würde ich dir viel Gutes schenken. Aber nach meinem Tode wird mein Sohn, der Erbe meines Thrones, sicherlich deine Hinrichtung befehlen. Darum fliehe schleunigst, solange ich noch lebe, aus diesem Lande, daß du dich vielleicht rettest.‘ Er gab ihm unzählige Goldstücke und schickte ihn weg.“
Als die Frau mit der Geschichte fertig war, wandte sie sich an den Tiger und sagte: „Ich muß ja sterben, und da ist es mir einerlei, ob ich vom Löwen oder vom Tiger aufgefressen werde. Ich würde mich freuen, wenn ich dir zufiele, da wir nun schon so lange miteinander erzählt haben, und in Wirklichkeit habe ich auch in meinem Herzen eine Liebe zu dir. Deswegen will ich dir einen Rat geben. Wenn du den einen meiner Söhne und die Hälfte von mir verzehrt hast, halte dich hier nicht auf, sondern entfliehe schnell, denn ich habe eine Zauberin zur Schwester. Diese weiß noch nicht, daß ich durch das Los dem Löwen zugefallen bin. Wenn sie es erfahren wird, kommt sie hierher und steckt die ganze Gegend in Brand, und wer sich ihr nähert, verbrennt zu Asche. Wenn sie zufälligerweise auch von dir hört, möchte sie auch dir ein Leid antun.“
Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich sowohl vor dem Löwen wie auch vor der Zauberin. Da er außerdem Pelenkferibs Edelsinn bewunderte und Mitleid mit ihr hatte, so verließ er sie, ohne ihr etwas anzutun, und machte sich auf den Weg.
Unterwegs traf er einen Fuchs, mit dem er befreundet war. Als dieser den Tiger aufgeregt aussehend fand, fragte er ihn nach dem Grunde. Der Tiger erzählte ihm das Abenteuer, das ihm passiert war. Der Fuchs tadelte ihn und sagte: „Die Weisen haben Recht, wenn sie sagen, alle Tapferen sind dumm, denn auch du bist zwar tapfer, aber unverständig. Was nützt dir also dein Mut? Du Dummkopf, die Menschen sind vom Kopf bis zum Fuß nur List und Trug. Sie meinen, daß wir Füchse uns besonders auf die List verstehen, aber die Menschen sind uns überlegen. An Stellen, wo wir es nicht erwarten, stellen sie Fallen und fangen uns und tragen nachher unsern Pelz. Auch diese Frau hat einen so Mutigen wie dich betrogen. Kein Verständiger hätte eine so fette Beute aus der Hand gelassen. Laß von dieser Dummheit, führe mich an die Stelle. Vielleicht komme ich unter deinem Schütze auch zu einem Braten.“
Der Tiger antwortete: „Wenn die Frau nun die Wahrheit gesagt hat, und ihre Schwester, die Zauberin, kommt und uns durch ihre Zauberei verbrennen will, dann kannst du dich schnell in Sicherheit bringen, da du leichtfüßig bist. Ich aber, der ich von schwerfälligem Körperbau bin, kann nicht entfliehen. Außerdem habe ich mit der Frau einen Vertrag abgeschlossen, und sein Wort muß man halten. Darum wollen wir nun die Sache ruhen lassen.“ Der Fuchs aber blieb hartnäckig und sagte: „Tiger, die Frau hat gelogen. Wenn sie aber wirklich die Wahrheit sollte gesagt haben, so reiße mich zuerst in Stücke, und, wenn du meinst, daß ich schnell entfliehen und mich in Sicherheit bringen kann, so binde ein Bein von mir an das deinige, und so wollen wir gehen.“
Der Tiger band also ein Bein des Fuchses an sein Bein, und so zogen sie zu der Stelle, wo die Frau war. Diese hatte, als der Tiger sie verlassen hatte, zu sich gesagt: „Wenn ich jetzt schleunigst fliehe und der Tiger das, was er getan, bereut und zurückkommt und mich verfolgt, dann würde ich mich, auch wenn ich tausend Leben hätte, nicht vor ihm retten können. Darum ist es das Klügste, sich nicht zu beeilen, sondern hier zu bleiben. Wenn er kommt, will ich, um ihn zu täuschen, alles Schilf hier anzünden.“ Sie zündete alles Schilf in der Gegend an und stieg auf einen Baum. Da sah sie auch, daß der Tiger kam mit dem Fuchs, den er an sein Bein gebunden hatte, als Weggenossen. Sie erriet, daß dieser den Tiger aufgereizt habe. Sie rief daher unter Wehklagen vom Baume: „Du unverständiger Tiger, infolge unserer langen Unterhaltung hatte ich Mitleid mit dir. Warum hast du meinen Rat nicht befolgt und dich in dieses Feuermeer gestürzt? Ich hatte dir doch vorher gesagt, daß meine Schwester kommen und die Welt in Brand setzen werde. Durch Zauberei hat sie sich in einen Fuchs verwandelt und geht neben dir, während du glaubst, daß er dein Freund sei. Sie wird dich nun vernichten. Komm nicht näher, sondern bringe dich schleunigst in Sicherheit.“
Es fehlte wenig, daß dem Tiger das Herz vor Angst im Leibe zersprang. Um sich möglichst schnell zu retten, lief er so schnell, daß er eine Tagesreise in einer Stunde zurücklegte, und während er lief, wurde der an sein Bein gebundene Fuchs mitgeschleift und in Stücke gerissen, so daß er umkam.
35. DER ESEL IN DER LÖWENHAUT
In alten Zeiten lebte ein Kaufmann, der sehr reich war. Nach Gottes Ratschluß ging aber sein Reichtum von Tag zu Tag zurück, so daß ihm das Notwendigste fehlte. Nur einen Esel besaß er noch, der vor Hunger so schwach und elend geworden war, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Da sagte er aus Mitleid mit seinem Esel zu sich: „Anstatt ihn verhungern zu lassen, will ich ihn ins freie Feld lassen zum Grasen. Vielleicht hilft das ihm.“ Aber aus Furcht, daß die wilden Tiere wegen seiner Schwäche ihm leicht ein Leid zufügen konnten, legte er ihm ein Löwenfell auf den Rücken und ließ ihn so frei laufen.
Die wilden Tiere hielten den Esel für einen Löwen und flohen vor ihm. Nach einiger Zeit war der Esel ganz fett geworden. Als er einmal wieder herumstreifte, traf er einen Garten, in den er hineinging. Als die Gärtner den Esel sahen, hielten sie ihn für einen Löwen und kletterten auf einen Baum, während der Esel rechts und links alles fraß, was er im Garten fand. Währenddessen gingen draußen vor dem Garten einige Esel vorüber und schrieen; als der Esel im Löwenkleid die Stimmen seiner Genossen hörte, ließ er sein widerwärtiges Geschrei erschallen.
Als die Gärtner seine Stimme hörten, sahen sie, daß es ein Esel war und erkannten, daß ein Mensch in seiner List so gehandelt habe. Sie stiegen sofort von dem Baume, nahmen dem Esel das Löwenfell ab, verprügelten ihn ordentlich, legten ihm einen Tragsattel auf und beluden ihn.
36. DER KAISER VON CHINA UND DIE GRIECHISCHE PRINZESSIN
Einst herrschte über China ein mächtiger Kaiser, mit Namen Fagfur. Er hatte einen sehr klugen und weisen Vezir, der zu jeder Zeit und ohne besondere Erlaubnis das Gemach des Kaisers betreten durfte. Eines Tages betrat der Vezir nach alter Gewohnheit das Zimmer, wo der Thron stand, und traf den Kaiser Fagfur auf seinem Throne schlafend. Durch das Eintreten seines Vezirs wachte er auf, ergriff sein Schwert und stürzte auf den Vezir. Als er im Begriff war ihn zu töten, warfen sich die Hofleute dem Kaiser zu Füßen und befreiten den Vezir mit genauer Not.
Als sich nach einiger Zeit der Zorn des Kaisers gelegt hatte, befragte man ihn nach dem Grunde des Zornes. Da antwortete er: „Im Traume sah ich ein hübsches Mädchen, wie ich noch keins in der Welt gesehen; doch nicht nur ich, sondern auch das Firmament hat nie etwas derartiges gesehen. Als ich vor Wonne in ihren Anblick versunken war, kam der Vezir und weckte mich auf. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor Augen, und mein Herz denkt noch an sie.“
Der Vezir, der so klug und weise wie Aristoteles war, konnte mit einem klugen Gedanken tausend Schwierigkeiten lösen. Gleichzeitig war er ein so großer Meister in der Malerei, daß Mani und Behzad seine Schüler hätten sein können, und daß von ihm gemalte lebende Wesen wirklich lebten. Dieser Vezir bemühte sich nun, dem Kaiser in seiner Liebe zu helfen. Er fragte also den Kaiser nach seinem Traume aus und malte nach der Beschreibung und Darstellung des Kaisers ein Bild von dem Hause, das er im Traume gesehen, und von der Schönheit und Lieblichkeit und von der Gestalt des Mädchens. Dann erbaute er außerhalb der Stadt an einer Stelle, wo die Wege sich kreuzten, eine Herberge und fragte alle Ankommenden nach dem Orte und dem Mädchen, die das Bild darstellte.