Part 18
Dem König gefiel der Vorschlag seiner Vezire, und er dämpfte etwas seinen Zorn. Er rief den Antar und sagte: „Mensch, wenn deine Aussage nicht richtig ist, werde ich dich an ihrer Stelle töten.“ Antar antwortete: „Mein Padischah, ich habe selbst von meiner Schwester gehört, daß sie den Pfau umgebracht habe. Wenn du aber meinen Worten nicht glaubst, so bestimme zwei Männer. Ich werde sie irgendwo verbergen und werde sie die Worte meiner Schwester hören lassen.“
Der König gab dem Antar zwei Leute, denen er vertraute, mit. Antar versteckte einen jeden von ihnen in einem Kasten, verschloß sie und ließ sie von zwei Lastträgern in das Haus seiner Schwester bringen. Dann sagte er: „Schwester, ich muß irgendwohin verreisen. In diesen Kästen sind meine Kostbarkeiten, die ich fürchte in meinem Hause zu lassen. Sie sollen bei dir zur Aufbewahrung bleiben.“ Sie sprachen dann von allerlei Dingen, und er brachte das Gespräch auf den Pfau und sagte: „Ach, Schwester, wie wäre es, wenn du doch einen Sohn bekämst! Wie würden wir uns freuen! Aber erzähle mir doch noch einmal, wie ihr den Pfau in der Nacht habt fangen können. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Verzeih mir nur, daß ich das erste Mal, als du mir es erzähltest, nicht recht zugehört habe, weil ich zu aufgeregt war. Erzähle es mir, bitte, noch einmal!“
Zarife erzählte auch, von Anfang bis zu Ende, wie sie dorthin gegangen seien, ihn ergriffen, nach Hause gebracht und getötet hätten. Zum Schlusse sagte sie dann: „Es war gerade Morgen geworden, und ich wachte auf. Es war ein Traum. Aber da der Pfau ein bunter Vogel ist, so deutet das darauf hin, daß ich, wenn Gott will, einen schönen Sohn bekommen werde. Es muß ein guter Traum sein, denn wer im Traum einen Pfau sieht, deutet das so.“ Antar sagte: „Schwester, war das denn ein Traum, was du mir das erste Mal erzähltest?“ Zarife antwortete: „Bruder, weißt du nicht, daß ich nicht einmal einen Sperling töten kann, wie sollte ich wohl einen Pfau schlachten besonders, wenn es der des Königs ist. Du hast mich in deiner Aufregung nicht verstanden und hast angenommen, ich hätte dir ein wirkliches Ereignis erzählt.“
Antar war ganz bestürzt und hatte nicht die Kraft, wieder zum Könige zu gehen. Aber als die Vertrauensmänner des Königs wieder zu ihm geführt wurden, ließ man sie alles eins nach dem andern erzählen. Sie berichteten, wie sie gehört hatten: „O König, was die Frau sagte, war ein Traum. Sie sagte auch, daß es ein solcher sei. Dieser Mann hat es für Wirklichkeit gehalten.“ Der König sah ein, daß Antar nur aus Eigennutz gehandelt habe, und ließ ihn auf dem Richtplatze hinrichten. Der Zarife erwies er aber viele Gnaden und Wohltaten.
28. DSCHEMILE UND DIE DREI FREIER
Im Lande Chorasan lebte ein Asket, der seine Zeit nur der Askese und seinem Seelenheil widmete. Eines Tages beabsichtigte er die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Als er sich verabschiedete, sagte er zu seiner Frau und seinem Sohne: „Gott sei Dank, meine Tochter ist herangewachsen und heiratsfähig. Wenn, während ich auf der Pilgerfahrt bin, ein passender Freier kommt, so gebt sie ihm, da ich nicht weiß, ob ich wiederkomme.“
Er machte sich mit den Pilgern auf den Weg. Unterwegs traf er einen jungen Mann mit Namen Nedschib, mit dem er Kameradschaft schloß. Das Benehmen des jungen Mannes gefiel dem Frommen sehr, und er verheiratete ihm seine Tochter. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und machte die Pilgerfahrt mit ihm zusammen.
Wir wollen nun die beiden ihre Pilgerfahrt machen lassen und uns den anderen zuwenden! Zunächst der Sohn des Asketen. Dieser war in Geschäftsangelegenheiten in ein anderes Land gegangen und traf dort einen jungen Mann mit Namen Zarif, dessen Benehmen ihm gefiel. Gemäß der Anweisung seines Vaters gab er diesem seine Schwester Dschemile in Abwesenheit zur Ehe. In der Heimat hatte die Frau des Asketen einen für ihre Tochter passenden jungen Mann, mit Namen Nazif, gefunden. Da sie mit ihm einverstanden war, versprach sie sie ihm, nur sollte die Hochzeit bis zur Ankunft ihres Sohnes oder ihres Mannes verschoben bleiben.
Nachdem der fromme Mann die Pilgerfahrt vollzogen hatte, kehrte er nach seiner Heimat Chorasan zurück, und an demselben Tage, an dem er ankam, traf auch sein Sohn von der Geschäftsreise ein. So waren nun drei Schwiegersöhne in seinem Hause. Der Vater, die Mutter und der Sohn waren in größter Verlegenheit, und da niemand dem andern etwas vorwerfen konnte, so wußten sie nicht aus noch ein. Nedschib sagte: „Da der Vater mir das Mädchen versprochen hat, so komme ich in erster Linie in Betracht.“ Zarif sagte: „Mir hat sie ihr Bruder an Stelle und mit Erlaubnis des Vaters gegeben, deswegen habe ich ein größeres Anrecht als ihr auf sie.“ Nazif sagte: „Mir hat die Mutter sie gegeben, und das Mädchen war damit einverstanden, und das geschah mit Einwilligung des Vaters und Sohnes. Also ist mein Recht stärker als das eurige.“ So entstand ein großer Streit zwischen den drei Schwiegersöhnen. Der fromme Mann war in Verlegenheit und wußte nicht, wem er das Mädchen geben sollte, und konnte den Rechtsfall nicht entscheiden. Die Geschichte wurde in der Stadt bekannt und wurde von Gesellschaft zu Gesellschaft getragen. Als das Mädchen Dschemile die Sache hörte, kam sie vor Kummer und Traurigkeit an den Rand des Todes. Sie wurde schließlich vor Gram krank, lag einige Tage zu Bett, leerte eines Nachts den Todeskelch und zog aus dieser Welt der Vergänglichkeit in die Stadt der Ewigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter jammerten und wehklagten; jedoch, da die Sache nun einmal so lag, sorgten sie für Leichentuch und Waschung, und begruben sie.
Mehr als alle klagten die drei Liebhaber. Als es Abend wurde, besuchten sie gemeinsam das Grab des Mädchens. Während sie am Grabe standen, sagte Nedschib: „Brüder, ich war in die Schönheit des Mädchens verliebt. Nun ist sie gestorben, ohne daß es mir vergönnt war, ihr Gesicht zu sehen. Statt bis zur Auferstehung zu warten, möchte ich wenigstens einmal das Gesicht der Toten sehen, denn ich kann es nicht mehr aushalten und kann meine Sehnsucht nicht bis zum Jüngsten Tage hinhalten.“ Zarif und Nazif sagten: „Bruder, wenn du sie sehen willst, tue es jetzt! Denn wer sollte sie dir am Tage der Auferstehung geben, und welches Anrecht hättest du auf sie?“
Nedschib, obwohl schwach, machte sich sogleich daran, das Grab zu öffnen und den Leichnam herauszuholen. Während er voll Sehnsucht auf ihr Gesicht blickte, sah Zarif auch hin. Nun war Zarif ein sehr geschickter Arzt, und, während er hinschaute, sah er, daß noch Zeichen von Leben an ihr waren. Er sagte daher: „Freunde, es kommt mir so vor, als ob dieses Mädchen noch lebt, nur sind infolge des Blutandranges die Glieder gelockert, und ihre Körperkräfte sind dem Einfluß der Kälte ausgesetzt gewesen. Das Mittel dagegen ist nun, daß sie zur Ader gelassen wird und ihre Glieder geschlagen werden, damit das schlechte Blut aus ihren Adern herauskommt und infolge des heftigen Schlagens das Leben wieder in den Körper kommt und die angeborene Wärme die Kälte vertreibe. Aber wer vermöchte diesen zarten, rosengleichen Leib zu schlagen?“ Da sagte Nazif: „Ich kann es, denn schlagen ist nicht schlimmer als sterben. Sollte es mir etwas ausmachen, sie zu schlagen, da ihr geduldig ausharren wollt?“ Dann faßte er einen Stock und schlug die Dschemile derart, daß ihr zarter Körper rot wie eine Rose wurde und schließlich sich zu bewegen anfing. Dann ließ man sie an den Stellen, wo es nötig war, zur Ader, und nach Gottes Willen kam wirklich die Seele von neuem in ihren Körper, und sie wurde zu neuem Leben erweckt.
Nun entstand wieder zwischen den Dreien Streit und Zank. Nedschib sagte: „Mir kommt sie zu, denn ich habe das Grab geöffnet. Wie hättet ihr sie sonst sehen können?“ Zarif sagte: „Wenn ich ihr nicht als Arzt ins Gesicht geblickt, ihre Krankheit erkannt und Spuren des Lebens festgestellt hätte, wie hätte sie dann zum Leben zurückkehren können? Natürlich gehört sie mir.“ Nazif sagte: „Ihr hattet nicht den Mut, sie zu schlagen. Ich habe den Stock genommen und sie geschlagen. Hätte ich das nicht getan, so wäre sie nie geheilt worden. Mir kommt sie zu.“
Ihr Streit artete in Tätlichkeiten aus. Das Mädchen sagte in ihrer Verlegenheit: „Ihr Muslime, während meines Lebens bin ich durch euch ohne mein Zutun in das Gerede der Leute und in Verruf gekommen, im Tode werde ich euch auch nicht los und bin wieder der Gegenstand eures Streites. Seid doch so gut und führt mich zu meinen Eltern! Dann wollen wir sehen, was sich machen läßt.“
Sie taten, wie das Mädchen gesagt hatte. Als der Asket seine Tochter wieder am Leben sah, dankte er Gott, und die Mutter und der Bruder priesen Gott, den Höchsten, und freuten sich sehr.
Darauf sagte das Mädchen: „Gottes Güte und Gnade hat mir von neuem das Leben gegeben, aus Dankbarkeit dafür will ich ganz dieser Welt des Streites entsagen und den Rest meines Lebens dem Dienste Gottes weihen.“ Mit diesen Worten scherte sie ihr Haupt, legte den Derwischmantel an und gab sich in dem Kloster ihres Vaters gottesdienstlichen Übungen hin und entsagte den vergänglichen Genüssen. Möge Gott ihr die ewige Seligkeit schenken!
29. DER GREIS, DER NIE VERLIEBT WAR
Der erhabene Heilige Bajezid Bistami hielt einst in der Moschee eine Predigt. Alle Anwesenden, groß und klein, waren von seinen Worten begeistert. Als die Begeisterung am höchsten war, trat ein Opiumraucher an seine Kanzel und sagte: „Meister, durch die Macht deiner glänzenden Rede führst du alle Welt auf den Pfad Gottes. Ich habe eine Bitte an dich. Mir ist mein Esel verloren gegangen, sage mir, wo er ist.“ Bajezid Bistami sagte: „Gedulde dich nur! Ich werde ihn finden.“ Darauf fing er wieder zu predigen an. Während der Predigt wandte er sich an die Anwesenden und fragte: „Gemeinde Muhammeds, ist einer unter euch, der nie verliebt gewesen ist? Wenn das der Fall ist, so stehe er auf.“ Da stand ein Greis auf und sagte: „O Scheich, in der Wissenschaft der Liebe bin ich ein Laie. Seit meiner Kindheit bis zum Greisenalter bin ich nie verliebt gewesen. Was Liebe ist, weiß ich nicht. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was das ist, was du Liebe nennst. Sei doch so freundlich und erkläre es mir!“ Da sagte Bajezid Bistami zu dem Opiumraucher, der seinen Esel verloren hatte: „Mann, das ist der Esel, den du verloren hast. Nimm ihn mit!“
30. DER KAUFMANN UND DER KÖNIG DER TIERE
In den Märchenbüchern steht geschrieben, daß im Gebiete von Kedscherwan ein Kaufmann, Namens Sadri, lebte. Nach Gottes Ratschluß verschlechterte sich seine Lage von Tag zu Tag, so daß er ganz arm wurde. Nach dem Sprichwort: „Sich regen bringt Segen“, beschloß er sich auf Reisen zu begeben. Er machte sich also auf den Weg und kam in einen Wald. Nun hatte ein Löwe sich diese Gegend unterworfen, und kein Fremder durfte sie betreten. Die Antilope und die Gazelle waren seine Vezire und leiten den Löwen auf den Pfad des Rechts. Durch Gottes Gnade waren die Antilope und die Gazelle gerade in der Nähe des Löwen.
Als der Kaufmann Sadri den Löwen sah, war er ganz verwirrt, fing an zu zittern und stand ratlos da. Wenn er zurückging, würde der Löwe ihn von hinten einholen und töten, wenn er geradeaus ging, würde er aus freien Stücken an den Ort des Verderbens eilen. Da er schließlich nicht wußte, was er tun sollte, schaute er verlegen vor sich hin.
Die Antilope und die Gazelle waren von gutmütigem Charakter und freundlichem Benehmen. Als sie den armen Sadri sahen, hatten sie Mitleid mit ihm und griffen zur List, denn sie wußten, daß der Löwe ihn nicht schonen, sondern töten würde. Um Sadri zu retten, gingen sie zum Löwen, lobten ihn ins Gesicht und sagten: „Möge Gott, der Höchste, dem Könige der Tiere langes Leben und Macht geben! Da sogar die Menschen gehört haben, daß alle Tiere unter dem Schutz deiner Gerechtigkeit zufrieden und froh leben, so ist ein Mensch zu deiner Schwelle gekommen und hofft auf deine Güte. Aber vor deiner Majestät ist er verwirrt und wagt nicht, ohne Erlaubnis einzutreten. Wenn du die Erlaubnis gewährst, will er den Staub deiner Füße küssen.“
Der Löwe freute sich sehr über ihre Rede und gab die Erlaubnis. Auf Anweisung der Antilope und der Gazelle ging er zum Empfang bei dem Löwen, küßte verwirrt den Erdboden und erfüllte die Erfordernisse der Hofetikette.
Nun hatte der Löwe in einem Engpaß mehrere Karawanen vernichtet und ihr Geld und ihre Edelsteine geraubt. Er schüttete diese vor Sadri aus und sagte: „Nimm dir davon, soviel du willst!“ Dieser nahm von dem Gelde, soviel er konnte, und kehrte wieder in seine Heimat zurück. Er verkaufte davon so viel, um seine Schulden zu bezahlen, und vergrub den Rest in einem Winkel seines Hauses.
In seiner Habgier bereute er es, nicht alles Gold und alle Edelsteine, die der Löwe hatte, genommen zu haben, und ging wieder an die Stelle, wo sich der Löwe befand, ohne zu bedenken, wie trügerisch das Schicksal ist, und daß der Habgierige schließlich enttäuscht wird. Kurz, er befand sich an der bewußten Stelle dem Löwen gegenüber.
Aber an diesem Tage befanden sich bei dem Löwen von seinen Hofleuten der Wolf und der Schakal. Da diese von Natur böswillig waren, so leiteten sie den Löwen nie zum Guten. Um den Löwen aufzureizen, sagten sie: „König der Tiere, warum beschützt du nicht diese Gegend? Was ist das für eine Unachtsamkeit, daß die Menschen ohne Erlaubnis deine Residenz betreten und die Regeln, die deine Majestät vorgeschrieben, verachten? Die Menschen sind überhaupt ein unverschämtes Geschlecht, und ihre Schlechtigkeiten auf der Erde sind viel, so daß es zu deinen dringendsten Aufgaben gehört, sie in die Schranken zu weisen.“ So brachten sie den Löwen in äußerste Wut, so daß er Sadri angriff, um ihn zu zerreißen und zu zerstückeln.
Als Sadri sah, daß die Antilope und die Gazelle nicht bei dem Löwen waren und der Wolf und der Schakal mit ihrer Tücke den Löwen gegen ihn aufgebracht hatten, da erkannte er, daß er in sein Verderben gerannt war. Er kletterte aus Furcht für sein Leben auf einen Baum und erreichte das Gestade der Sicherheit.
Der Löwe war sehr zornig und schlug den Baum mit seinem Schweife, um ihn auszureißen. Da erschien die Antilope und die Gazelle, und der Wolf und der Schakal zogen sich zurück, da ihre Gegenwart nicht mehr so erwünscht war. Die Gazelle und die Antilope sahen, daß der Mann aus Habgier wiedergekommen war und sich den Zorn des Löwen zugezogen hatte. Sie wußten ganz klar, daß der Löwe ihn in Stücke reißen würde.
Deswegen regte sich ihr Mitleid und sie bemühten sich, ihn zu befreien. Sie traten vor den Löwen, küßten ehrfurchtsvoll den Erdboden und sagten: „Mächtiger König und Kaiser, Gott dem Höchsten sei Dank, daß er seiner Diener Gebete erhört hat und daß uns durch ihn soviel Erfolg beschert wurde. Kann es eine größere Gnade Gottes geben als, daß auf der ganzen Erde Tiere und Menschen dich loben und preisen und für die Dauer deiner Herrschaft beten, aber auch die in der Luft fliegenden Vögel und die in den Höhen schwebenden Engel steigen auf die Zweige der Bäume als Kanzeln, um deine Güte und Gnade zu preisen, und loben mit beredten Worten deine Herrschaft.“
Als der Löwe diese besänftigenden Worte hörte, legte sich sofort sein Grimm und er sagte: „Möge Gott es euch vergelten! Wenig fehlte und ich hätte dem Worte der andern vertrauend diesen unschuldigen armen Kaufmann getötet. Sagt ihm, er soll sich nicht fürchten und für mich weiter beten.“ Dann wandte er sich seiner Wohnung zu. Die Gazelle und die Antilope ließen Sadri entwischen. Ohne ihre Bemühungen wäre er sicher wegen seiner Habgier umgekommen.
31. DER HABGIERIGE SEIDENSPINNER
In einer Stadt Iraks lebte ein Seidenspinner. Er konnte ein Haar in vierzig Strähnen teilen und war jeden Augenblick an der Arbeit. Trotz seines Eifers konnte er nicht mehr verdienen, als er gerade für den Tag brauchte. Er hatte einen Freund, der Wollkrempler war. Eines Tages besuchte er ihn und fand sein Haus mit allerlei Kostbarkeiten angefüllt und seine Kleider und Wertsachen in Menge vorhanden. Hierüber wunderte er sich und sagte zu sich: „Ich gehe Tag und Nacht zu Königen und Fürsten und arbeite ihrer würdige Sachen, dieser Wollkrempler dagegen reinigt nur Baumwolle und Wolle. Während er zu solchem Reichtum gelangt ist, bin ich vor Armut nahe am Sterben. Was kann Gott damit bezweckt haben?“ Mit diesem Gedanken kam er nach Hause zurück und setzte sich hin, versunken in das Meer des Nachdenkens und der Aufregung. Seine Frau kam zu ihm und fragte ihn nach seiner Traurigkeit. Der Seidenspinner erzählte ihr den Grund seines Nachdenkens und sagte zu ihr: „Frau, ich bin nun entschlossen, diese Stadt zu verlassen und in ein anderes Land zu gehen, denn in dieser Stadt kann ich meinen Unterhalt nur mit Mühe verdienen. Ich will also in eine Stadt gehen, die meine Kunstfertigkeit zu würdigen weiß, und dort werde ich bequem leben. Außerdem sagen auch die Weisen: ‚Wenn der Halbmond nicht wandert, wird er kein Vollmond, und wenn die Perle nicht die Muschel verläßt, wird ihr Wert nicht erkannt.‘“ Seine Frau sagte: „Seidenspinner, deine Gedanken sind töricht und sinnlos. Gott hat im Koran gesagt: ‚Wir haben einem jeden seinen Unterhalt zugeteilt‘, und jedes Tier hat seine Nahrung, gemäß dem Koranverse: ‚Jedes Tier hat seine Nahrung von Gott.‘ Niemand kann durch Eifer und Sorgfalt mehr als seine ihm zugewiesene Nahrung erwerben. Wenn du dich einer Sache, die dir bestimmt ist, entziehen wolltest, so würde sie dich doch erreichen, und wenn du dich jahrelang bemühen würdest, mehr, als dir zugedacht ist, zu erreichen, so wirst du es nie erlangen. Die Geschichte des Ibrahim Edhem, des Königs von Balch — Gott habe ihn selig! —, der sich mit dem begnügte, was die ewige Vorsehung ihm zuwies, und in das Reich der Seligen einging, indem er sein Königtum aufgab, ist für alle, die sie hören, eine ernste Mahnung und Warnung.“
Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“
Darauf erzählte die Frau:
„Ibrahim Edhem, der König von Balch, ging einst während seiner Regierung auf die Jagd. Während er im Freien aß, sah er, daß plötzlich eine Biene kam, ein Stück Brot vom Tische nahm und wieder davonflog. Ibrahim Edhem wurde durch diesen Vorgang in seinem Innern bewegt und folgte der Biene, die zu einem Baume flog und sich an dessen Fuße niederließ. Ibrahim Edhem sah, daß am Fuße ein blinder Sperling saß. Als dieser das Summen der Biene vernahm, öffnete er seinen Schnabel, und die Biene brach das Brot, das sie vom Tische genommen hatte, in drei Teile und steckte eins nach dem andern dem blinden Sperling in den Schnabel. Dann flog die Biene wieder davon.
Als Ibrahim Edhem dies wunderbare Wirken Gottes sah, da entsagte er ganz der Welt und wandte sich Gott zu.
Sollte daher, mein Gatte, — fuhr die Frau fort — Gott, der Allernährer, der einem blinden Sperling in der Wüste seine Nahrung sendet, dir nicht auch deinen Unterhalt geben? Warum gibst du dich also so bösen Gedanken hin?“
Der Seidenspinner antwortete: „Was du sagst, Frau, das ist Ergebung in den Willen Gottes. Das ist auch etwas Gutes, aber eigenes Bemühen ist etwas anderes und das begreifst du nicht. Man sagt: ‚Der angebundene Löwe erjagt kein Wild‘ und ‚das Pferd, das nicht läuft, kommt nicht zum Ziel und gewinnt nicht den Wettpreis.‘ Ich für mein Teil bin entschlossen, in ein anderes Land zu gehen.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seiner Frau und machte sich auf den Weg.
So kam er nach der Stadt Nischapur. Als er einige Zeit seinem Gewerbe nachgegangen war, erwarb er nach Wunsch Geld und sagte zu sich: „Wenn ich von heute ab noch vierzig bis fünfzig Jahre lebe, so kann ich bequem in meiner Heimat, ohne zu arbeiten, glücklich damit auskommen.“ Er brach von Nischapur auf, um nach dem Irak aufzubrechen. Unterwegs mußte er an einem gefährlichen Orte zu Nacht bleiben. Der Schlaf überwältigte ihn. Im Schlaf sah er zwei schön gestaltete Vögel sich auf die Erde niederlassen, und der eine fragte den andern: „Wer bist du?“ Die beiden schienen sich nicht zu kennen. Da sagte der eine Vogel: „Ich bin das Abbild des Fleißes und Eifers dieses Seidenspinners.“ Der andere sagte: „Ich bin das Abbild seines Glückes. In seinem Schicksalsbuch steht geschrieben, daß er nie weltliche Schätze, die er aufsparen und vergraben könnte, haben wird. Denn Gott, der Allmächtige und Allweise, ist seinen Dienern gegenüber barmherziger als Vater und Mutter. Da sein ewiges Wissen alles umfaßt, was eines jeden Charakteranlage passend ist, so schenkt er seinen Knechten allerlei Gnadengaben, wie sie ihm heilsam sind. Wessen Charakter rein und bei wem der Spiegel seines Herzens von Aufrichtigkeit glänzt, wessen Frömmigkeit, je mehr sein Reichtum wächst, um so mehr an Milde und Würde zunimmt, dem setzt Gott die Königskrone auf und bekleidet ihn mit dem Königsmantel, von wem er aber weiß, daß sein Charakter zur Zeit des Reichtums zum Übermut neigen würde, dem gibt er sein tägliches Brot ratenweise, damit die Armut ihm heilsam sei und er vor Übermut bewahrt bleibe. Also du, Seidenspinner, willst du mit deinem Gelde gehen und dich deinem Schicksal entgegenstellen?“ Mit den Worten des Korans: „Es gibt niemand, der Gottes Beschluß rückgängig machen oder seine Entscheidung umstoßen könnte“, ergriff er seinen Geldbeutel und rief den Ibn almirrich herbei. Sofort erschien jemand, der wie der Mars (Mirrich) und wie ein Henker aussah. Diesem lud er das Geld auf, und die drei verschwanden aus den Augen des Seidenspinners.
Als er aus diesem schrecklichen Traume aufwachte, sah er mit eigenen Augen, daß die Geschichte Wirklichkeit war, und daß sein Geld mit dem Beutel verschwunden war. Der arme Seidenspinner war hierüber entsetzt, suchte überall, fand aber keine Spur von seinem Gelde. Aus Scham vor seiner Frau und den anderen Leuten konnte er nicht nach der Stadt im Irak gehen und wandte sich wieder nach Nischapur und widmete sich seinem Gewerbe. Nach kurzer Zeit hatte er mehr Geld als das erste Mal verdient und wollte nun ins Irak, in seine Heimat, zurückreisen. Wieder mußte er übernachten. Während er schlief, hatte er denselben Traum. Das Abbild des Glücks sprach zu dem des Fleißes: „Du Tor, quäle dich doch nicht nutzlos, mehr zu erwerben, als der Herr der Welten in seiner ewigen Weisheit bestimmt hat. Das hatte ich dir schon vorher gesagt. Warum begehst du die Torheit und Sünde, Gott zuwider zu handeln?“ Da entschuldigte ihn das Abbild des Fleißes und sagte: „Verzeihe, wir haben die Gewohnheit, daß wir jeden, der arbeitet und unser Gewand flehend anfaßt, in seinen Bestrebungen nicht schädigen und auf jeden Fall sein Ziel erreichen lassen. Wenn er dann deine Hilfe hat, so hat er Erfolg, wenn nicht, so nützt unser Eifer nichts. Jedes Verlangen hängt von dir ab. Wer dein Wohlwollen hat, braucht sich nicht zu bemühen. Mag er auch ein noch so großer Verschwender sein, sein Vermögen vermindert sich nicht.“
Als der Seidenspinner aufwachte und von seinem Gelde nichts vorfand, wußte er, daß sein Traum Wirklichkeit war. Da sagte er sich, daß es Sünde sei, auf dem Wege der Widersetzlichkeit weiter zu wandeln, und daß er mit dem, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war, zufrieden sein müsse. Er ging also in seine Vaterstadt und erzählte das, was ihm passiert war, seiner Frau. Diese sagte: „Wie oft hatte ich dich gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Dir ist das gleiche passiert, wie dem Schakal in der Geschichte.“
Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Die Frau erzählte: