Part 17
Die Reihe kam an den Zimmermann, während die anderen drei sich hinlegten und schliefen. Beim Stillsitzen überwältigte den Zimmermann die Müdigkeit, so daß er, um sie zu vertreiben, sein Zimmermannshandwerkzeug in die Hand nahm. Er fällte einen geraden Baum, schnitzte ihn sauber aus, machte Kopf, Hände und Füße und formte eine Mädchengestalt. Danach kam die Reihe an den Goldschmied. Auch ihm kam beim Nichtstun der Schlaf. Da fiel sein Blick auf das Mädchen vor ihm, das der Zimmermann gemacht hatte. Er lobte die Kunstfertigkeit des Zimmermanns und, um den Schlaf zu bannen, wollte er auch seine Kunst zeigen. Er machte der Gestalt Ohrringe, Armbänder und anderen Frauenschmuck. Als er mit seiner Wache fertig war, kam die Reihe an den Schneider. Als dieser aufstand und die wunderbare Gestalt sah, war er sehr erstaunt und rief aus: „Da muß ich meine Kunst in würdiger Weise zeigen.“ Er machte ihrer ganzen Figur entsprechend prächtige Gewänder und bekleidete sie damit von Kopf bis zu Füßen. Wer sie ansah und nicht wußte, daß sie eine Figur war, hätte sie für ein lebendiges Wesen gehalten, gleich als ob sie geformter Geist sei. Als die Wache des Schneiders zu Ende war, weckte er den Asketen und legte sich selbst schlafen. Als der Asket aus dem Schlaf die Augen öffnete und das geformte Bild erblickte, da wurde er wie einer, dem in Abgeschiedenheit von der Welt das göttliche Licht erscheint, und er trat näher an die Figur. Was sieht er da? Eine Gestalt, die selbst Asketen verführte, ein wunderbares Bild, dessen gewölbte Augenbrauen die Gebetsrichtung der Liebenden und dessen rubinrote Lippen die Nahrung für Herz und Seele sind. Sofort hob er seine Hände zu dem Schöpfer der Geister und betete: „O Herr der Stärke und Allmacht, o Gewaltiger, der du das reine Wesen Adams aus dem Dunkel des Nichtseins in das Gefilde des Seins gebracht hast und aus dürrem Holze die Früchte wachsen läßt, o Gott bei deiner großen Güte bitte ich dich, daß du mich vor meinen Genossen nicht beschämst und diese seelenlose Figur beseelen, ihr durch deine Gnade Leben schenken und ihre Zunge dich zu loben und zu preisen lösen mögest.“ Als er so bat, da schenkte Gott der Ewige, weil der Asket ein heiliger Mann war, dessen Gebet Erhör fand, in seiner Güte dieser Figur Seele und Leben und sie wurde ein glückliches, junges Mädchen, das wie eine schlanke Zypresse daherwandelte und wie ein Papagei sprach. Als es Morgen wurde und durch den Strahl der Sonne die Welt erleuchtet wurde, da fiel der Blick der vier Gefährten auf das herzraubende Götterbild, und sie wurden alle durch die Fesseln ihrer Locken gefangen und umflatterten wie ein Schmetterling das Licht ihrer Schönheit. Es entstand ein heftiger Streit und Zank unter ihnen. Der Zimmermann sagte: „Da ich sie geschaffen, so gehört sie mir; ihr habt kein Anrecht darauf.“ Der Goldschmied sagte: „Ich habe Gold und Schmuck an sie verwandt und Geld, das die Hälfte der Seele ist, für sie geopfert. Deswegen gehört sie mir.“ Der Schneider sagte: „Da sie durch meine Bemühungen zu höchster Schönheit und Vollendung gelangte und liebenswert wurde, so bin ich die Veranlassung, daß sie fähig wurde, den Lebensodem zu erlangen. Deswegen kommt sie mir zu.“ Der Asket sagte: „Dieses Mädchen gehört mir. Sie ist ein Werk meiner tiefen Frömmigkeit und ist mir eine Probe der im höchsten Himmel weilenden Hūrīs. [36] Mein Recht ist klar.“
Schließlich wollten sie alle, um ihre Ansprüche zu entscheiden, vor Gericht gehen. Da sahen sie, daß ein Wanderderwisch im Derwischmantel daher kam. Einmütig setzten sie den Derwisch zum Richter ein. Sie wollten mit seiner Entscheidung, wie sie auch ausfalle, zufrieden sein. Sie riefen ihn also heran und setzten ihm die Angelegenheit genau auseinander. Kaum hatte aber der Derwisch das Mädchen gesehen, als er sich in sie verliebte und wie eine Flöte zu klagen und zu seufzen anfing. Der Derwisch, nur in Gedanken, seinen eigenen Kummer zu lindern, schaute die Vier an und sagte: „Ihr Muslime, es ist ja reiner Unsinn, was ihr da sagt. Fürchtet ihr euch nicht vor Gott, derartig häßliche Taten zu begehen und meine legitime Frau mir zu nehmen, indem der eine behauptet, er habe sie aus Holz geschnitzt, und der andere, er habe für sie gebetet. Sagt doch etwas, das Verstand und göttliches Gesetz erlauben. Diese Frau gehört mir und die Sachen, die sie trägt, habe ich ihr machen lassen. Vor einigen Tagen ist zwischen uns ein kleiner Streit entstanden, und in der vergangenen Nacht ist sie aus Ärger aus meinem Hause gegangen. Ich habe mich, um sie zu suchen, auf den Weg gemacht und sie mit Gottes Hilfe gefunden. Macht euch nicht lächerlich vor den Leuten mit derartigen sinnlosen Reden. Das ist ja Unsinn.“
Der Derwisch bestand noch mehr als die anderen auf seinem Anspruch. So gingen sie alle fünf mit ihren Ansprüchen in die Stadt direkt zum Stadtvoigt und erzählten ihm ihren Fall. Als der Stadtvoigt das Mädchen sah, verliebte er sich noch tausendmal mehr als sie und sagte: „Ihr verruchten Räuber, dies Weib ist die Frau meines älteren Bruders. Räuber haben ihn umgebracht und seine Frau entführt. Gott sei Dank, das Blut bleibt nicht ungerächt. Ihr habt euch selber gestellt.“ Er bestand also noch mehr als sie alle auf seinem Anspruch und führte sie vor das Gericht zum Kadi. Als ein jeder dem Herrn Kadi seinen Anspruch auseinandergesetzt hatte, blickte der Kadi auf das Gesicht des Mädchens.
Ein reizendes Mägdlein vor Augen er sah, Anmutig vom Haupt zur Zeh stand sie da! Ihr Wuchs jeden Schauenden liebekrank machte, Verderben ihr stolzer Zypressengang brachte. Den Erdball mit Not ihre Wimper bedroht, Ihr gottloses Blinzeln mit Hölle und Tod.
Wo Markttag sie hielt auf der Liebe Basar, Da bot man als Preis tausend Seelen ihr dar. Wo die Flut ihrer Reize das Herze bestürmte, Kein Damm widerstand, kein Verstand da beschirmte. Der Ehrbarkeit Burg ward vom Gießbach verheert, Von Liebe des Anstandes Grundbau zerstört!
Sogleich faßte ihn das Verlangen, das Mädchen zu besitzen und er sagte: „Freunde, dieser Prozeß ist nichtig. Dieses reine Mädchen ist in meinem Hause aufgewachsen und seit ihrer Kindheit an wie ein Kind von mir gehalten. Sie ist meine Sklavin. Den Schmuck und die kostbaren Kleider, die sie trägt, hat sie von mir erhalten. Durch Taugenichtse verführt, hat sie mich verlassen. Durch Gottes Güte ist sie durch eure Bemühungen gefunden, und meine Absicht ist erreicht. Euer Liebesdienst wird bei Gott nicht vergessen bleiben, ihr werdet von ihm euren Lohn erhalten.“ Als er so sprach, sahen die vier Genossen, daß der Kadi über sie großes Unglück, vor dem sie sich nicht schützen könnten, bringen würde. Der Asket wendete sich zum Kadi und sagte: „Mewlana [37], geziemt es sich, indem du Anspruch darauf erhebst, auf dem Teppich des Propheten zu sitzen, daß du einen Prozeß von Muslimen nicht nach dem göttlichen Recht entscheidest, sondern selbst Ansprüche auf dieses Mädchen erhebst und sie uns mit Gewalt entreißen willst, indem du erklärst, sie sei deine Sklavin. In welcher Rechtsschule ist das denn gestattet? Und wie willst du dich dereinst vor Gottes Richterstuhl verantworten?“ Da antwortete der Kadi: „Du Betrüger, um die Leute zu täuschen, hast du durch Fasten dein Aussehen verändert, damit die Leute sagen sollen, aus Gottesfurcht ist er so krumm wie ein Bogen geworden. Nun gibt es ein bekanntes Sprichwort: Der Lügner muß ein gutes Gedächtnis, scharfen Verstand und Einsicht haben. Du hast aber weder das eine noch das andere. Du Narr, wenn du schon eine verrückte Lüge vorbringst, so darf sie doch nicht ganz ungereimt sein. Kann ein Mensch aus Holz entstehen? Gebt also diesen Prozeß auf und geht weg. Wenn nicht — wie ihr wollt. Ich habe meine Sklavin wiedergefunden.“
Der Asket sagte: „Fürchte dich vor Gott und schäme dich vor dem Propheten und entscheide den Prozeß nach dem göttlichen Recht.“ Der Kadi und der Asket sagten sich gegenseitig Worte, wie sie ihnen gerade auf die Zunge kamen, und es entstand ein großer Streit. Ihr Zwiegespräch änderte sich in Zwiespalt. Diese sieben Leute waren aus Liebeskummer nahe am Blutvergießen und rüsteten sich zum Kampf. Da traten die Verständigen der Stadt zusammen in der Absicht, sie zu versöhnen, und sagten: „Ihr Gläubigen, euer Prozeß läßt sich nicht entscheiden und die Schwierigkeit kann niemand lösen, wenn nicht der Allmächtige in seiner Güte ihn erledigt. In einem Ausspruch des Propheten heißt es: ‚Wenn ihr in Zweifel seid bei den Dingen, so sucht Hilfe bei den Begrabenen.‘ So wollen wir denn mit euch auf den Kirchhof gehen. Ihr betet und wir wollen Amen sagen. Es ist zu hoffen, daß Gott der Erhalter dies Geheimnis offenbar mache.“ Alle erhoben sich und gingen auf den Kirchhof. Der Asket erhob die Hände und sprach: „O, du Mächtiger und Allwissender, du kennst den Grund dieses Prozesses. So löse in deiner großen Güte diese Schwierigkeit, damit deutlich werde, wer recht hat.“ So betete er unter heftigem Weinen, und alle Leute sprachen: Amen.
Während des Gebetes hatte sich das besagte Mädchen an einen großen Baum gelehnt. Plötzlich teilte sich jener Baum und nahm das Mädchen in sich auf. Dann schloß sich der Baum wieder, und das Geheimnis des Spruches: „Jede Sache kehrt zu ihrem Anfang zurück“ wurde klar.
Aller Streit und alle Feindschaft waren beseitigt und alle Welt wußte, daß jene vier Leute die Wahrheit gesagt hatten. Ihre Wahrhaftigkeit war sonnenklar. Die drei anderen waren Lügner; ihre Lügenhaftigkeit war offenbar, und sie selbst ein Gegenstand der Verachtung geworden. Die aber das Mädchen, das jetzt zu seinem Ursprunge zurückgekehrt war, geliebt hatten, waren betrübt und verstört.
25. DER LÖWE UND DAS SCHAF
In den Märchenbüchern ist geschrieben und auch von den Weisen der Vorzeit ist erwähnt worden, daß einst in dem Hafen einer Insel ein großes Schiff, das von Menschen verlassen war, geblieben war. Dieses Schiff war vorher von einem Sturm betroffen und an das Ufer geschleudert worden und alle darin befindlichen Lebewesen waren umgekommen. Nur ein Schaf war gerettet worden. Dies Schaf verließ bisweilen das Schiff, weidete am Ufer, ging des Abends wieder in das Schiff und schlief dort.
Nun wohnte in dem Walde jener Insel ein großer Löwe. Alles Wild jener Gegend gehorchte ihm. Eines Tages machte er eine große Jagd, und nachdem er und alle, die unter seinem Schutz lebten, sich gesättigt hatten, fiel der Blick des Löwen, als er am Ufer spazierenging, auf das Schiff. Er betrat sofort das Schiff, das ihm sehr gefiel, und während er alles betrachtete, sah er das Schaf. Da er satt war, hatte er Mitleid mit dem Schaf, schenkte ihm das Leben, lud es zu sich ein, behandelte es sehr freundlich, zog es in seine nächste Umgebung, ließ ihm von niemandem Unrecht tun, da es fremd in dieser Gegend war, versorgte es mit allem Nötigen und gewährte ihm Sicherheit. Das Schiff machte er zu seinem Palast, lud sein ganzes Gefolge nach dem Nachmittagsgebet dorthin ein und ließ dort Diwan [38] abhalten. Das Schaf verkehrte auch ohne weitere Förmlichkeiten bei dem Löwen. Eines Tages hatte der Löwe mit seinem Gefolge bis zum Abend gejagt, aber kein Wild gefunden. Am folgenden Tage fanden sie gleichfalls nichts. Als sie am dritten Tage auch keine Beute fanden, war sowohl der Löwe wie auch sein Gefolge vor Hunger am Ende ihrer Kräfte. Seine Vezire beschlossen einstimmig den Tod des Schafes und gingen zum Löwen. Dieser sagte: „Ich will lieber vor Hunger sterben, als mein Wort brechen und einem schuldlosen Wesen, dem ich Sicherheit versprochen habe, einen Schaden zufügen.“ Seine Vezire sagten: „Jawohl, das Wort des Königs der Tiere ist Wahrheit, und seine Rede ist die absolute Weisheit, aber heute ist Euer erlauchter Körper vor Hunger nahe am Tode. Nun, was macht es, wenn ein Sklave sich für das Wohl der Untertanen des Königs opfert? Schon die Weisen sagen: ‚Der Schaden des einzelnen ist besser als der Schaden der Gesamtheit.‘ Statt daß alle deine Diener umkommen, ist es besser, daß einer deiner Sklaven sich opfere. Es ist billig, daß du für das Wohl so vieler Seelen dieses Schaf uns als Mahlzeit gibst.“
Der Löwe hörte auf ihre Rede und wollte das Schaf töten, konnte aber keinen Vorwand finden. Während er nach einem Grunde suchte, kam das Schaf nach Gottes Ratschluß zum Löwen. Dieser sagte: „Du ungebildetes Tier, nimmst du gar keine Rücksicht auf Könige? Jedesmal wenn du kommst und gehst, dich hinsetzt und aufstehst, machst du meinen Thronsaal voll Staub.“ Das arme Schaf, das die wahre Sachlage nicht ahnte, sagte: „O Löwe, du Unvergleichlicher, unterlasse doch, bitte, derartige unverständige Scherze. Ist wohl auf einem Schiffe im Meere Staub, daß durch meine Bewegungen dein Thronsaal staubig werden könnte?“ Als der Löwe dies hörte, schwieg er, aber der Fuchs, der von allen seinen Günstlingen unter den Tieren besondere Gunst genoß, trat hervor und sagte: „Du Schaf, dein Benehmen ist schon an und für sich sinnlos und schmachvoll, aber diese Entschuldigung ist die reine Gemeinheit und wird allerlei Buße nach sich ziehen, denn gibt es eine größere Sünde als den Königen gegenüber das Wort zu ergreifen und ihre Perlen ausstreuende Rede Lügen zu strafen? In deiner großen Dummheit begreifst du nicht einmal deine Schuld und widersprichst dem Könige. Diese unverständige Entschuldigung ist wie die Entschuldigung, die der Stallknecht seinem Herrn gegenüber vorbrachte. Deine Entschuldigung ist schlimmer als dein Vergehen.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Der Fuchs antwortete:
„Es wird erzählt, daß ein angesehener Mann eines Nachts aus einer Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Während er die Treppe hinaufstieg, hörte sein Stallknecht, der im Stall war, das Geräusch der Schritte. Er kommt heraus und sieht, daß in der Dunkelheit jemand die Treppe emporsteigt. Nun war der Stallknecht jedesmal von der jungen Hausherrin beehrt worden. Er dachte also, es sei die junge Frau, kam herbeigesprungen, um ihr unter die Arme zu greifen.[20] Er konnte aber nicht abwarten, bis er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte und drückt den Knöchel seines Herrn, aber da er diesen Knöchel nicht so weich wie sonst fand, faßt er Verdacht und schaut genauer auf das Gesicht. Da sieht er, daß der Knöchel, den er im Glauben, es sei der der jungen Frau, gedrückt hatte, der seines Herrn ist. Aus Furcht fängt er an um Verzeihung zu bitten und zu schwören: ‚Bei Gott, ich wußte nicht, daß Sie es waren, ich dachte, es sei die junge Frau. Jedesmal, wenn sie kommt, beehrt sie mich an der Treppe. Ich dachte, sie sei gekommen. Darum seien Sie mir, bitte, nicht böse und zürnen Sie mir nicht.‘ Mit diesen Worten entschuldigte er sich. Nun, die Entschuldigung des Schafes gleicht ihr. Deshalb muß es auch seine Strafe erhalten.“
Der Löwe zerriß sogleich mit diesem Vorwand das arme Schaf.
26. DER LÖWE UND DER KATER
Im fernsten Indien war ein Weideland, das Blüten und Bäume ohne Zahl und Wild ohne Ende hervorbrachte. In dieser Gegend hatte sich nun ein Löwe niedergelassen. Was an wilden und reißenden Tieren vorhanden war, stand in seinem Dienst, führte seine Befehle mit Vergnügen aus und hielt seinen starken Schutz für die Ursache ihres glücklichen Lebens. So vergingen einige Monate und Jahre, und der Frühling der Jugend des Löwen veränderte sich in den Herbst des Greisenalters; seine körperliche Kraft wurde schwach und sein Körper wurde vor Alter matt, so daß seine Augen nicht mehr zum Sehen und seine Zähne nicht mehr zum Essen der Speisen taugten. Ja es kam so weit, daß jedesmal, wenn er seine Beute verzehrt hatte und eingeschlafen war, infolge des Alters seine Lippen, wie der Mund eines Opiumrauchers nach dem Rausch, schlaff herunterhingen und sein Rachen geöffnet war. Dann kamen alle dort vorhandenen Mäuse und holten die Fleischreste, die zwischen seinen Zähnen saßen, heraus. Infolge der Belästigung der Mäuse konnte der Löwe nicht ruhig schlafen und wachte jede Stunde auf. Es war auch nicht möglich, so viele Mäuse zu fangen, denn sobald der Löwe eingeschlafen war, sammelten sich die Mäuse um ihn, so daß er trotz seiner Macht und Stärke ihnen gegenüber machtlos blieb.
Der Wolf, der den Rang eines Vezirs innehatte und des näheren Umganges mit dem Löwen gewürdigt wurde, trat eines Tages in das Privatgemach des Löwen. Dieser erzählte ihm, was für Not er von den Mäusen leide. Der Wolf antwortete: „Mächtiger Löwe, deine Lage gleicht ganz genau der Geschichte von dem Kalifen von Bagdad und dem Gottesgelehrten.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Der Wolf erzählte:
„Einer von den Abbasidischen Kalifen war durch seine Gewalt berühmt und durch seine große Macht bekannt geworden. Eines Tages ließ sich in seinem Empfangszimmer ein tugendreicher Gottesgelehrter, der Stolz der Bagdader Gelehrten, nieder. Aber da es Sommer war, belästigten und quälten die Fliegen den Kalifen über die Maßen. Der Kalif wandte sich zum Gelehrten und sagte: ‚Warum sind wohl diese Fliegen geschaffen? Was kann Gottes Weisheit damit bezweckt haben? Abgesehen davon, daß sie unnütz sind, sind sie auch unrein und schmutzig.‘ Der weise Gelehrte sagte: ‚Kalif der Welt, Gott der Herr der Welten hat nichts Unnützes geschaffen. Er hat in seiner Weisheit die Fliegen geschaffen, um den Mächtigen ihre Ohnmacht zu zeigen. Trotz ihrer Kraft und Macht sind sie doch nicht in der Lage, ein so schwaches Heer zu besiegen. Aus diesem Grunde sind dem Allmächtigen die Fliegen äußerst nötig!‘
Der Kalif freute sich sehr über die weise Rede des Gelehrten und gab sich zufrieden.
„Wenn du also, mächtiger Löwe, die Belästigung dieser verächtlichen Tiere nicht ertragen kannst, so ist dies eine göttliche Mahnung und Belehrung. Aber für jeden Kummer gibt es ein Heilmittel und, wenn man sie nicht mit Gewalt vertreiben kann, muß man List anwenden. Gott hat für jede Sache eine Ursache geschaffen. Was der eine kann, kann der andere nicht. So z. B. kann man den Staub eines Hauses nicht mit einem Pfauenwedel beseitigen, dazu ist ein Besen nötig. So können wir auch die Mäuse vertilgen. Wir haben doch einen alten Diener deines Hofes, den Kater, der seit Jahren auf deine Befehle wartet. Wenn du befiehlst, wollen wir ihm die Bewachung deines Thrones übertragen.“
Der Löwe war damit einverstanden, und der Kater, der den Namen Flinkhand hatte, wurde vor den Löwen gerufen und ihm die Wache übertragen. Flinkhand übernahm dies Amt und sagte zum Löwen: „O König der Tiere, du hast mich zwar in deiner großen Güte zum Wächter ernannt. Aber ich war schon seit vielen Jahren an deinem Hofe, ohne daß ich eines gnädigen Blickes von dir für würdig erfunden wurde. Das ist um so merkwürdiger, als ich nicht nur ein alter Freund Euer Majestät bin, sondern auch Verwandtschaft zwischen uns beiden besteht.“ Der Löwe fragte: „Inwiefern?“ Darauf antwortete der Kater: „Als Noah in der Arche war, da waren alle Tiere machtlos gegen die Menge der Mäuse in der Arche und beklagten sich bei Noah. Infolge göttlicher Eingebung strich Noah mit der Hand über die Stirn des Löwen. Da kamen aus seinen zwei Nasenlöchern zwei Katzen zum Vorschein, die meine Ahnen sind. Alle Tiere in der Arche waren nun befreit von der Belästigung durch die Mäuse und hatten ihre Ruhe. Im Schutze deiner Herrschaft habe ich nun auch dieses Amt übernommen.“
Tatsächlich verschwanden alle Mäuse, wo Flinkhand sich zeigte. Aber er fing und tötete keine einzige, sondern verhinderte nur, daß sie sich vor dem Löwen zeigten. So hatte dieser seine Ruhe, und Flinkhands Ansehen vermehrte sich von Tag zu Tag.
Als Flinkhand auf diese Weise zu der nächsten Umgebung des Löwen gehörte, brachte er eines Tages seinen ältesten Sohn zu ihm, ließ ihn den Erdboden küssen und sagte: „König der Tiere, dies ist mein ältester Sohn. Er versteht gut die Hofetiquette und kann alle Dienste verrichten. Wenn ich bisweilen andere Geschäfte erledige, kann er mich vertreten und das Wächteramt übernehmen.“ Der Löwe gestattete es.
Eines Tages hatte Flinkhand anderweitig zu tun, ließ seinen Sohn an seiner Stelle zurück und ermahnte ihn, gewissenhaft seinen Dienst zu erfüllen. Als dieser nun das Wächteramt übernahm, verfuhr er nicht wie sein Vater mit Schonung, kümmerte sich auch nicht um das Geheimnis und den weisen Zweck der Milde, sondern tötete jede Maus, die sich zeigte. Er tötete so viele, daß er bis zum Morgen alle umgebracht hatte, ohne auch nur eine einzige übrigzulassen.
Am nächsten Tage kam sein Vater Flinkhand. Als er sah, daß Berge von getöteten Mäusen vorhanden waren, da geriet er außer sich und sagte zu seinem Sohn: „Du unverständiger Tor, diesen königlichen Posten, den ich nach allerlei Mühen am Ende meines Lebens erlangt hatte, hast du mir geraubt und mein Ansehen dem Staube gleich gemacht. Du Tor, du Dummkopf, wenn man uns Gutes tut, so ist es nur der Mäuse wegen. Wozu taugten wir, wenn es keine Mäuse gäbe?“ Also tadelte und schalt er ihn heftig.
Einige Tage danach sah der Löwe, daß von den Mäusen nichts mehr geblieben war, und sagte zum Wolf: „Nun wollen wir Flinkhand entlassen, denn der Grund für ein Amt liegt in der Beschäftigung und Arbeit. Wenn diese nicht vorhanden sind, einen Menschen in ein Amt zu setzen, ist genau dasselbe, als wenn man einem Blinden eine Nadel gibt. Flinkhands Amt war das Mäusefangen. Da keine Mäuse mehr vorhanden sind, so wäre es Dummheit, ihn noch zu den Beamten zu rechnen. Besonders da das Katzengeschlecht sehr blutgierig ist und ich auch von der Strafe, die sie wegen ihrer Grausamkeit trifft, mitgefaßt werden könnte. Das Verständigste ist also, ihn zu entlassen.“
Sofort wurde er entlassen. Er befand sich wieder in dem alten traurigen Zustande der Verabschiedung.
27. ZARIFE UND ANTAR
In der Stadt Tus lebte ein Mann mit Namen Sejjar. Dieser war sehr reich, aber er war sehr traurig, weil er keinen Sohn hatte. Jeden, den er traf, fragte er, ob er kein Mittel kenne, um einen Sohn zu bekommen. Eines Tages kam ein geschickter griechischer Arzt in sein Haus als Gast. Sejjar teilte auch ihm sein Verlangen nach einem Sohne mit und bat ihn, ihm ein Mittel zu geben. Der gelehrte Arzt nahm aus seinem Wunder bergenden Kasten eine feine Paste und sagte: „Zerstoße sie mit der Galle eines Pfaus, gib es deiner Frau zu trinken und dann vollziehe den Beischlaf mit ihr und, wenn Allah will, wirst du einen Sohn bekommen.“ Am anderen Tage verabschiedete sich der Arzt.
Es gab nun in der Stadt keinen Pfau. Nur der König hatte einen, den er sehr liebte und hütete. Sejjar beriet sich mit seiner Frau Zarife, und sie beschlossen, sich den Pfau auf irgendeine Art zu beschaffen. Eines Nachts gingen sie in den Garten, wo der Pfau war, holten den Pfau mit List heraus und brachten ihn in ihr Haus zu einer Zeit, wo kein Fremder dort war. Sofort schlachteten sie ihn, nahmen seine Galle, zerstießen sie mit der erwähnten Paste und tranken sie. Zarife hatte aber einen Bruder, mit Namen Antar. Zarife konnte aus übergroßer Freude, einen Sohn zu bekommen, nicht mehr an sich halten und erzählte dem Antar die ganze Geschichte. Als am nächsten Tage der Pfau vermißt wurde und der König davon erfuhr, befahl er, ihn zu suchen und versprach einem jeden, der ihn fände oder Kunde von seinem Leben oder Tod bringe, tausend Goldstücke zu geben.
Als dies durch Ausrufer bekannt gegeben wurde, und als Antar von den tausend Goldstücken hörte, da ging er zum König und erzählte ihm die Geschichte. Der König entbrannte vor Zorn über die Frau und befahl, sie zu töten. Seine Vezire sagten aber: „O König, ohne den wahren Sachverhalt der Angelegenheit erforscht zu haben, diese arme Frau umzubringen, ist dem göttlichen Recht zuwider, denn dem Worte eines Mannes, der vielleicht aus Eigennutz ausgesagt hat, darf man nicht vertrauen. Die Frau muß ordentlich ausgefragt werden. Wenn sie ihn wirklich genommen hat, soll sie ihre Strafe erhalten, wenn aber im Gegenteil dieser Mensch nur aus Eigennutz ausgesagt hat, soll er bestraft werden.“