Part 16
Danach vergingen einige Tage. Eines Tages verliebte sich seine Frau in einen Jüngling. Als eines Abends in ihrem Haus kein Fremder war, lud sie den Jüngling in ihr Haus ein. Sie vergnügten sich bis zum Morgen. Außer dem Papagei merkte niemand im Hause etwas davon. Nach einiger Zeit kam der indische Kaufmann von seiner Geschäftsreise zurück, unterhielt sich mit seiner Frau und fand im Hause alles in schönster Ordnung. Dann trat er an den Käfig des Papageis und fragte ihn, was im Hause passiert sei. Der sagte aber nichts von dem schimpflichen Verkehr seiner Frau mit dem Jünglinge. Aber der indische Kaufmann ahnte von dem Treiben seiner Frau aus den Witzreden und Spöttereien einiger treuer Freunde, denen er vertraute, und das Feuer der Eifersucht verbrannte sein Inneres. Er faßte den Entschluß, seine Frau zu töten, verheimlichte diesen Plan aber in seinem Innern und zeigte sich äußerlich freundlich gegen seine Frau. Diese schöpfte jedoch aus seinem Verhalten Verdacht, daß ihr Mann von dem Geheimnis wisse. Sie sagte zu sich: In diesem Falle hat sicherlich der Papagei es ausgeplaudert, da sonst niemand etwas davon weiß. Sie faßte einen Groll gegen den armen Papagei und wartete auf eine Gelegenheit, wie sie sich rächen konnte. Eines Tages stand sie auf, öffnete den Käfig des Papageis, nahm ihn heraus, rupfte ihm seine Flügel- und Schwanzfedern aus und warf ihn aus dem Fenster. Dann fing sie an zu schreien: „Die Katze hat den Papagei geholt.“
Von ihrem Geschrei wachte der indische Kaufmann auf und fragte seine Frau. Sie sagte wieder: „Die Katze hat den Papagei gefressen.“ Als der indische Kaufmann an den Papageien, den treuen Wächter seines Hauses dachte, wurde er sehr traurig und weinte.
Als der bedauernswerte Papagei ohne sein Verschulden vom Unglück betroffen wurde, befürchtete er, daß er, wie er aus dem Fenster geworfen wurde, noch in ein größeres Unglück geworfen werden und sterben könnte. In der Nähe jenes Hauses war ein großer Tempel. Dorthin ging er, blieb in einer Ecke, ernährte sich von den Überbleibseln der Mahlzeit der Mönche und von den Brocken, die sie wegwarfen, und verbarg sich dann wieder.
Nach einigen Tagen jagte der indische Kaufmann, der es nun nicht mehr aushalten konnte, seine Frau aus dem Hause. Aus Furcht vor dem indischen Kaufmann nahm niemand die Frau in sein Haus auf. Auch der Jüngling, der der Geliebte der Frau war, weit entfernt als Mann der Frau aufzutreten, kam nicht einmal aus dem Hause hervor. Da die Frau also von allen verlassen war, ging sie in den Tempel, der der Zufluchtsort aller Heimatlosen war, und diente dort Tag und Nacht dem Götzen.
Der Papagei sah immer, in welcher Lage sich die Frau befand. Eines Abends kam die Frau wieder nach ihrer alten Gewohnheit. Beim Gebet sprach sie unter Weinen und Jammern von ihrer Lage. Da gerade niemand im Tempel war, ging der kluge Papagei hinter das Götzenbild und sprach mit lauter Stimme: „Frau, ich habe dein Gebet erhört und dich meines Erbarmens für wert erfunden. Ich werde das Herz des Kaufmanns wieder in Neigung und Liebe dir zuwenden, und er wird bereuen, was er getan. Aber du tue gehorsam, was ich dir befehle. Rasiere dir Brauen, Wimpern und Haar, damit du deinen Wunsch erreichst.“ Sofort zog die Frau ein Rasiermesser hervor und wollte ihre Brauen, Wimpern und Haare rasieren. Da erschien der Papagei hinter dem Götzenbild und sagte: „O du Unverständige, mit diesem schwachen Verstande glaubtest du Freund und Feind unterscheiden zu können! Du hast deinen dir wohlwollenden Freund in diese Not und dich selbst in dieses Unglück gebracht! Also bei dem erhabenen Gott, dem Kenner des Verborgenen! Ich habe von dem bewußten Geheimnis niemandem etwas verraten und dem indischen Kaufmanne nur Gutes von dir gesagt. Wenn du mich nicht so der Verachtung preisgegeben hättest, hätte ich dir nützlich sein können, denn der Kaufmann würde mich nach dem bewußten Geheimnis gefragt haben und ich hätte ihn mit allerlei Listen beruhigt, und so wärest weder du in ein solches Unglück durch deinen Mann gekommen, noch hättest du deinen Geliebten verloren. Doch ich will nicht bei dem verweilen, was du getan hast, und will nicht vergessen, daß ich dir durch deine früheren Wohltaten verpflichtet bin. Dies Unglück ist mir ja auch durch ewigen göttlichen Ratschluß bestimmt gewesen. Deine Schuld ist es nicht, denn dich habe ich äußerst unverständig erfunden. Wenn du nur eine Spur von Verstand hättest, würdest du nicht Götzen angebetet und von ihnen Hilfe erhofft haben und hättest nicht geglaubt, daß meine Worte ein Götze gesprochen habe. Kann Stein oder Holz reden? Nur mit Gottes Erlaubnis haben sie als Wundertat für die Propheten geredet. Nun, komme, gib den Aberglauben auf, nimm den wahren Glauben an, bereue deinen Unglauben und bitte Gott um Verzeihung. Ich werde hingehen und veranlassen, daß der indische Kaufmann seine Tat bereut und dir wieder seine Liebe zuwendet.“
Die Frau war damit einverstanden und trat zum Islam über. Der Papagei ging sofort in das Haus des Kaufmanns. Als der Kaufmann den Papagei sah, stand er sofort auf, faßte ihn mit größter Freude, küßte und liebkoste ihn und fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Papagei sagte: „Ich war zwar gestorben, aber der allmächtige Gott hat mich mit neuem Leben beschenkt.“ Der Kaufmann sagte: „Wie kann ein Gestorbener wieder lebendig werden?“ Der Papagei sagte: „Hast du die Geschichte Abrahams — Heil sei über ihm — nicht gehört?“ Der Kaufmann sagte: „Ich habe sie nicht gehört. Erzähle, damit ich zuhöre, wie die Geschichte ist.“
Der Papagei sagte: „Es wird berichtet, daß einst Abraham der Gedanke in den Sinn kam: ‚Wie können wohl die voneinander getrennten und verstreuten Gliedmaßen wieder vereinigt werden? Ach, Gott, zeige es mir, damit mein Herz ruhig sei!‘ Sofort kam von Gott, dem Herrn der Welten, die Antwort: ‚O Abraham, nimm vier Vögel, schneide ihnen die Köpfe ab, mische die Teile durcheinander, schütte sie ordentlich durcheinander und bringe sie in Unordnung. Danach mache aus den ungeordneten Gliedmaßen vier Teile, trage sie auf vier Berge und behalte die Köpfe davon bei dir. Dann sollst du ein Wunder erleben.‘ Abraham — Heil sei über ihm — tat, wie ihm befohlen. Sofort kamen die Vögel ohne Kopf zu Abraham und ihre zerstreuten Glieder hatten sich vereinigt und neues Leben erhalten, wie dies im heiligen Koran deutlich erzählt wird. Gott, der Allmächtige, kann die Toten wieder ins Leben rufen und alles, was er will, beleben. Auch mir hat er aus seiner Gnadenfülle heraus neues Leben geschenkt.“
Der indische Kaufmann sagte: „Was muß das für ein großer Gott sein, der Tote ins Leben rufen kann! Ist er etwa größer als unsere Götter?“ Der Papagei antwortete: „Ach, Herr, Eure Götzen sind aus Stein oder Holz gearbeitete, seelenlose Dinge, deren Schöpfer Gott, der Allmächtige, ist.“
Der indische Kaufmann sagte: „Ach, Papagei, tu mir den Gefallen und führe mich zu ihm.“ Der Papagei lehrte ihn die Worte des Glaubensbekenntnisses. Der indische Kaufmann wurde Muslim und sagte zum Papagei: „Ich weiß jetzt, daß Gott, der Allmächtige, die Toten auferwecken kann, aber was war der Grund, dich zu erwecken?“
Der Papagei sagte: „Ach, Herr, nachdem mich dies betroffen und ich gestorben war, wurde deine Gattin der Gegenstand einer Verleumdung, an die zu glauben dich ihre Feinde veranlaßten. Du wurdest zornig auf deine Gattin und brachtest sie in Unehre. Die arme Frau kam in den Götzentempel und betete dort. Da ihr unrecht geschehen war und sie schuldlos war, so wurde sie durch göttliche Leitung Muslimin. Hierdurch wurde sie froh, und ihr verwüstetes Herz fand wieder Frieden. Danach flehte sie zu Gott: ‚Ach, Gott, du kennst alle Geheimnisse und Heimlichkeiten, du weißt auch, wie es mir ergangen ist. Mein Gemahl hat dem Worte der Feinde geglaubt und mich in diese Lage gebracht. Auch der Papagei ist nicht mehr am Leben, der meine Unschuld bezeugen und meinen Gatten bewegen könnte, mich wieder anzunehmen. Ach, Gott, bei deiner Gnadenfülle flehe ich dich an, erwecke den Papagei wieder zum Leben.‘ Als sie so sprach, gab mir Gott, der Höchste, sofort durch den Segen der Reinheit deiner Frau neues Leben. Ich bezeuge also die Reinheit jener unschuldig Verfolgten. Kein Fremder hat ihr reines Gewand gesehen. Durch den Segen ihres Gebetes bin ich wieder lebendig und du Muslim geworden. Auf diese Weise sei überzeugt, daß deine Frau rein ist, ja du hast die deutlichsten und zwingendsten Beweise, daß sie eine Heilige ist.“
Der indische Kaufmann glaubte diesen Worten, ging sofort in den Tempel, küßte seiner Frau Hände und Gesicht, flehte sie um ihre Fürbitte und bat sie, ihm sein Vergehen zu verzeihen. Da lobte und pries die Frau den Verstand, die Klugheit, Weisheit und Treue des Papageien und bereute die unwürdige Behandlung, die sie ihm vorher zugefügt hatte.
23. DIE GESCHICHTE VOM GOLDSCHMIED UND ZIMMERMANN
In den Geschichtsbüchern wird folgendes berichtet. In einer der Städte Azerbaidschans lebten ein Goldschmied und ein Zimmermann, die miteinander sehr befreundet waren. Nun kam es, daß in diesem Lande ihre Arbeit wenig begehrt wurde, ihr Verdienst in die Winde ging und sie in die äußerste Not gerieten. Sie kamen daher überein, daß sie beide das Land verlassen wollten und beschlossen, nach Rūm [33] zu wandern. An der Grenze von Rūm trafen sie eine große Kirche und ließen sich dort nieder. Sie sahen dort Götzenbilder, die die Ungläubigen verehrten. Da der Zimmermann in seinem Handwerk ein geschickter Meister war, so schnitzte er aus Holz Bilder nach Art der Götzen, und überall, wohin sie kamen, verkauften sie diese, und lebten davon. Sie hatten die Tracht der ungläubigen Geistlichen angenommen, aber in ihrem Innern waren sie dem wahren Glauben treu geblieben. Des Geschäftes wegen und um sich der Not zu erwehren, hatten sie die Kleider der Ungläubigen angezogen und die Tracht der ungläubigen Mönche und Asketen angenommen. Da sie tatsächlich die verschiedensten Wissenschaften verstanden, so predigten sie in den Ländern, durch die sie kamen, zu den Ungläubigen und ermahnten sie. Deswegen wurden sie sehr geehrt und geachtet. Sie wohnten meistenteils in den Kirchen und sahen die Götzenbilder aus Gold und Silber, deswegen regte sich in ihnen das Verlangen und sie sagten: „Ach, wenn wir doch bei Gelegenheit eins davon stehlen und so unsere Armut lindern und die Krankheit der Not heilen könnten!“ Sie durchzogen das ganze Land Rūm und kamen zu einer Kirche in der Umgegend von Konstantinopel. Einige Zeit beteten und fasteten sie darin nach den religiösen Gebräuchen der Ungläubigen und erteilten Rat und Ermahnung den Ungläubigen, so daß hoch und niedrig an sie glaubte, sich an ihrem Gebet erfreute und sich von ihnen bepusten ließ. Viele wurden ihre Schüler und hielten ihre Fürbitte für nutzbringend und ihr Bepusten für gleichwertig mit dem wunderbaren Atem des Messias. [34]
Eines Tages gab der Kaiser ein großes Fest und lud das ganze Volk und alle Geistlichen dazu ein. Auch sie wurden besonders eingeladen. In ihrer Antwort sagten sie: „Wir wollen durch das Fest nicht unser Fasten unterbrechen und wollen während des Gottesdienstes nicht an weltlichen Genüssen teilnehmen. Wir dienen andauernd Gott und widmen unsere Zeit dem Gebete für das Glück des Kaisers.“ Die Geistlichen kamen, küßten ihnen die Hand und gingen zum Gastmahle des Kaisers. Die beiden blieben jenen Tag allein in der Kirche.
Nun war in jener Kirche ein großer Götze, aus reinem roten Golde gearbeitet. Auf den hatten die beiden Diebe es abgesehen. Als es Abend wurde und die Dunkelheit herrschte, nahmen sie den Götzen von seinem Platze, trugen ihn aus der Kirche, gruben an einer geeigneten, menschenleeren Stelle eine Grube und legten den Götzen hinein. Dann kamen sie wieder zurück, blieben jeder an seinem Orte und widmeten sich dem Gottesdienst und dem Fasten.
Nach einiger Zeit kamen die Kirchendiener und suchten den Götzen. Der wertvolle Götze war nicht zu finden, an seiner Stelle wehten die Winde. Unter den Geistlichen entstand ein Streit, und sie verdächtigten sich gegenseitig. Aber der Verdacht gegen den Goldschmied und den Zimmermann kam ihnen nicht einmal in den Sinn, denn da diese so fromm und enthaltsam waren, so war es ungereimt, ihnen eine derartige Betrügerei zuzumuten, und ganz unmöglich, daß sie ihn gestohlen haben könnten. Jedoch berichteten die Geistlichen ihnen von der Geschichte, erzählten ihnen von dem Kummer ihres Herzens und sagten, daß der Götze verschwunden sei. Da enthüllten diese ihr Haupt, rissen sich Haupt- und Barthaare aus, schlugen sich mit den Händen auf die Knie und weinten so sehr, daß allen Bewohnern des Götzentempels ihr Herz brannte. Der Goldschmied und der Zimmermann sagten: „Schon seitdem wir hierherkamen, rechneten wir mit dieser Möglichkeit und ahnten, daß er euch verlassen werde, denn ihr habt es an Ehrfurcht und Hochachtung fehlen lassen, indem ihr ihn nicht genug geehrt habt und Tag und Nacht ihn allein gelassen habt. Wir sagten immer zueinander: ‚Unser Gott wird unvermutet aus Zorn über sie sich in den Himmel zurückziehen und sich beim Messias beschweren.‘ Nun hat sich also unsere Befürchtung erfüllt. Ihr habt den hohen Götzen beleidigt und er hat aus Zorn euch jetzt verlassen und ist zum Himmel emporgestiegen. Ihr müßt nun mit seinem Groll rechnen. Von jetzt ab wird kein Heil und Segen in diesem Lande sein und kein Gebet erhört werden. Wir werden nun nicht länger in diesem Lande bleiben. Wir werden es verlassen und in ein anderes gehen.“ Alle Geistlichen baten und flehten sie unter Wehklagen an, daß sie aus Mitleid mit ihnen nicht ihr Land verlassen möchten, da Hoffnung sei, daß durch den Segen ihrer geheiligten Anwesenheit die Buße angenommen und der Gott wiederkommen werde, während nach ihrer Abreise die Lage sehr schwierig würde.
Aber der Goldschmied und Zimmermann wiesen mit rauher Hand ihre Bitte zurück und hörten nicht darauf. Nach einigen Tagen verabschiedeten sie sich von den Geistlichen und gingen weg. Als es Abend wurde, kehrten sie um, holten den Götzen von der Stelle, wo sie ihn verborgen hatten und setzten ihre Reise fort. Nach einiger Zeit kamen sie wohlbehalten und reich nach Azerbeidschan.
Das Gold war bei dem Goldschmied, und sie führten beide ein bequemes Leben. Der Zimmermann sagte eines Tages zum Goldschmied: „Bruder, das Gold ist bei dir, führe sorgfältig Rechnung, daß keiner von uns zuviel erhalte.“ Der Goldschmied verwaltete es auch in Rechtlichkeit. Allmählich aber verführte ihn der Teufel und senkte die Habsucht in sein Herz. Er sagte zu sich: „Was ist das für eine Dummheit. Die ganze Geschichte von dem Golde kennt außer uns beiden niemand. Was ich bis jetzt dem Zimmermann an Geld gegeben habe, genügt. Wie wäre es, wenn ich den Rest ableugnete?“ Gedacht, getan. Als nun der Zimmermann nach seiner Gewohnheit zum Goldschmied kam und etwas Gold verlangte, sagte der Goldschmied: „Was für Gold willst du? Das ist alles ausgegeben und erledigt. Ich habe kein Gold mehr.“ So leugnete er es völlig ab, jedoch der Zimmermann war sehr klug und verständig. Er trat dem Goldschmied nicht entgegen, zeigte ihm auch nicht, daß er sich ärgere, sondern war wie früher freundlich mit ihm und sagte: „Schön, Bruder, wenn vom Gelde nichts mehr da ist, möge uns wenigstens die Gesundheit bleiben. Was wollen wir uns des Goldes wegen aufregen? Die Bestimmung des Goldes ist, ausgegeben zu werden. Das ist geschehen, und nun ist es zu Ende. Möge Gott uns am Leben erhalten. Betrübe dich deswegen nicht.“ Mit diesen Worten tröstete er den Goldschmied, aber im Innern war er fest davon überzeugt, daß der Goldschmied den Weg des Betruges betreten habe. Er sagte sich, daß es unmöglich sei, das Gold mit Gewalt zu erlangen, daß dazu viele Listen und viele Geduld nötig sei. Er veränderte also nicht sein Benehmen dem Goldschmied gegenüber und behandelte ihn äußerlich ebenso freundlich wie früher, und wenn er mit ihm sprach, war er liebenswürdig zu ihm. So verkehrten sie miteinander, ohne daß er lange Zeit etwas ahnen ließ. Der Goldschmied rechnete es dem Zimmermann als größte Dummheit an, daß er seinen Worten vom Ende des Goldes geglaubt hatte und ihm nicht entgegengetreten war, und dachte, er habe ihm wirklich geglaubt.
Inzwischen machte der Zimmermann in seinem Hause ein unterirdisches Gemach und schnitzte aus Holz eine Figur, die an Wuchs und Gestalt, Form und Aussehen dem Goldschmied glich. Diese Gestalt bekleidete er mit Kleidern, ganz wie sie der Goldschmied trug, und stellte sie in dem unterirdischen Gemache auf. Er fand zwei junge Bären, nahm sie mit und band sie in dem unterirdischen Gemache jener Figur gegenüber mit Ketten an. Jeden Tag, wenn die jungen Bären gefüttert werden sollten und sie sehr hungrig waren, legte er auf die beiden Schultern der vor ihnen stehenden Goldschmiedsfigur je ein Stück Fleisch. Sobald sie das Fleisch sahen, zerrten sie, um dort hinzugelangen. Wenn er sie dann von der Kette losgemacht hatte, sprangen sie auf die Figur, nahmen von jeder Schulter das Stück Fleisch und fraßen es auf. So wurden sie gefüttert und bekamen jeden Tag zweimal Fleisch. Deshalb gewöhnten sich ihre Augen an die Figur des Goldschmiedes. Selbst wenn sie angekettet waren, bewegten sie Kopf und Ohren nach der Figur und machten aus Gier nach dem Fleisch allerlei spaßhafte Bewegungen. So machte der Zimmermann die jungen Bären völlig mit der Figur des Goldschmiedes vertraut. Dann lud er eines Tages den Goldschmied nach der zwischen ihnen bestehenden Gewohnheit in sein Haus ein. Der Goldschmied hatte zwei Jungen, die er ohne weitere Förmlichkeiten mit zur Gesellschaft brachte. Man setzte sich nieder und unterhielt sich lange. Nach der Mahlzeit sagte der Goldschmied zum Zimmermann: „Bruder, ich will jetzt in meinen Laden gehen, schicke meine Söhne nach Hause.“
Als der Goldschmied gegangen war, nahm der Zimmermann die beiden Jungen, steckte sie in ein abgelegenes Zimmer seines Hauses und schloß die Tür zu. Dann brachte er die in dem unterirdischen Gemache befindliche Figur des Goldschmiedes anderswohin und ließ die jungen Bären ordentlich hungern.
Am Abend ging der Goldschmied von seinem Laden nach Hause und sah, daß seine Jungen noch nicht da waren. In Aufregung ging er im Dunkel in das Haus des Zimmermanns und sah, daß die Jungen auch dort nicht waren. Er fragte ihn, wo sie seien. Dieser antwortete: „Bruder, ich habe keine Ahnung. Sie sind bald nach dir gegangen. Ich habe sie nicht mehr gesehen und weiß auch nichts von ihnen.“ Der Goldschmied ging wieder nach Hause, indem er dachte, daß sie vielleicht, als er zum Zimmermann ging, einen anderen Weg nach Hause gegangen seien. Er sah überall nach, aber die Kinder waren nicht da. In seiner Aufregung konnte er nicht schlafen. Gegen Morgen ging er nach allen vier Himmelsrichtungen auf die Suche. Er ließ es auch durch Ausrufer bekannt machen. Aber niemand hatte sie gesehen.
Da zerriß der Goldschmied sich seinen Kragen [35], ging zum Zimmermann und sagte zu ihm: „Jetzt schaffe mir meine Kinder herbei, denn ich habe sie bei dir gelassen.“ Sie wurden handgemein und die alte Freundschaft verwandelte sich auf einmal in Feindschaft. Schließlich gingen sie beide zum Kadi und erhoben einen Prozeß vor dem Gericht. Der Goldschmied berichtete dem Kadi die ganze Sache. Der Kadi fragte den Zimmermann, was er dagegen zu sagen habe. Dieser antwortete: „Ja, es ist richtig. Er hat die Jungen bei mir gelassen. Aber nachdem er gegangen war, sind sie zu Bären geworden. Ich habe sie in einem unterirdischen Gemache eingeschlossen. Da sind sie noch.“ Der Kadi sagte: „Rede nicht Unsinn. Im Islam gibt es keine Verwandlungen. Unter den früheren Propheten hat es Seelenwanderungen gegeben, aber seit dem Auftreten Mohammeds kommt etwas Derartiges nicht mehr vor. Suche die Knaben.“ Darauf antwortete der Zimmermann: „Ja, in den Büchern steht tatsächlich so, und die Gemeinde Mohammeds ist von solcher Seelenwanderung befreit. Aber Gottes Weisheit hat sich an den Kindern dieses Mannes gezeigt. Gott weiß, wegen welcher Schlechtigkeit dieses Mannes dies den unschuldigen Kindern passieren mußte.“ Der Kadi blickte auf die neben ihm Sitzenden und sagte: „Gläubige Gemeinde, tatsächlich kommt in der Gemeinde Mohammeds keine Seelenwanderung mehr vor, aber dieser Zimmermann redet sehr vernünftig, so müssen wir denn notgedrungen selbst hingehen und sehen.“ Die Zuhörer schlossen sich dem Kadi an und gingen mit dem Goldschmied in das Haus des Zimmermanns. Dieser öffnete das unterirdische Gemach und alle traten ein. Da die jungen Bären an die Gestalt des Goldschmiedes gewöhnt waren, so stürzten sie auf ihn, als sie den Goldschmied an Stelle der Figur sahen, und umschmeichelten ihn mit allerlei Freundlichkeiten und Spielereien. Sie schauten immer auf den Goldschmied, bewegten Ohren und Hals und benahmen sich in der Erwartung auf Fressen höchst sonderbar. Als dann der Zimmermann sie von der Kette befreit hatte, sprangen sie ihm jeder auf eine Schulter und leckten ihm Hals und Ohren.
Als der Kadi und alle Leute dies sahen, waren sie erstaunt und sagten: „Was sollen wir tun und sagen? Das ist Gottes Sache. Wir sind alle nicht im Zweifel, daß diese jungen Bären deine Kinder sind.“ Damit gingen sie fort. Der Zimmermann gab die Kette der jungen Bären dem Goldschmied in die Hand und sagte: „Da, Bruder, nimm deine Söhne.“
Da begriff der Goldschmied die Sache und sah ein, daß er, wenn es auch möglich wäre, äußerlich den Zimmermann zu besiegen, doch nur an Stelle seiner beiden Söhne zwei Bären zugesprochen erhalten würde. Er wußte, daß es eine List war, die ihm wegen seiner Habgier gespielt sei und, um das Geld von ihm zu erlangen, ins Werk gesetzt sei. Was sollte er tun? Er zog den Zimmermann in eine Ecke und sagte: „Bruder, dein Anteil von dem Golde ist bei mir. Komm, ich will dir, soviel du willst, und noch mehr von deinem Anteil geben. Mache mich nicht zum Gespötte der Welt.“ Der Zimmermann antwortete: „Bruder, deine Söhne sind bei mir. Bringe das Gold und nimm deine Söhne.“
Der Goldschmied brachte das gesamte Gold, empfing seine Söhne gesund und wohlbehalten und brachte sie nach Hause. Aber ihre alte Freundschaft hatte sich des Geldes wegen in Feindschaft verwandelt und in List und Trug verändert.
24. DAS HÖLZERNE MÄDCHEN UND SEINE LIEBHABER
In alten Geschichten wird zuverlässig berichtet, daß vier Leute: ein Zimmermann, ein Goldschmied, ein Schneider und ein Asket sich verabredeten, auf Reisen zu gehen. Sie machten sich also auf den Weg. Nachdem sie einige Zeit gereist waren, mußten sie nach Gottes Ratschluß eines Tages in einer gefährlichen bergigen Gegend übernachten. Sie hatten sich verabredet, daß sie aus Furcht vor schädlichen wilden Tieren nur abwechselnd schlafen würden.