Türkische Märchen

Part 20

Chapter 204,031 wordsPublic domain

Eines Tages kam ein Weltreisender. Als er das Bild sah, verfiel er in Nachdenken und Staunen. Der Vezir fragte ihn nach der Ursache seines Staunens. Der Reisende sagte: „Ich wundere mich darüber, daß dieses Bild der Tochter des Kaisers von Rum gleicht.“ Als der Vezir dies vom Reisenden erfuhr, wurde er froh und erkundigte sich nach diesem Mädchen. Der Reisende sagte: „Dies ist das Bild der Prinzessin von Rum. Obgleich sie sehr schön ist, will sie doch nicht heiraten. Der Grund dafür ist der, daß, als sie eines Tages in einem Garten saß, in einem Gebüsch ein Pfauenpaar Junge ausbrütete. Zufälligerweise entstand ein Brand in dem Gebüsch. Als der männliche Pfau das Feuer sah, verließ er das Weibchen und die Jungen. Das Weibchen blieb aus Liebe zu seinen Jungen und verbrannte mit ihnen zu Asche. Als die Prinzessin die Treulosigkeit des Pfauenmännchens und die Liebe des Weibchens sah, gewann sie den Glauben, daß Treulosigkeit die Eigenschaft der Männer sei, und daß alle Treulosigkeit in der Welt von ihnen ausgehe. Infolgedessen darf in ihrer Gegenwart das Wort Mann nicht erwähnt werden. Noch viel weniger denkt sie daran sich zu verheiraten.“

Als der Vezir dies von dem Reisenden erfuhr, freute er sich, ging zu dem Kaiser Fagfur und erzählte ihm, was er gehört hatte, indem er sich verpflichtete, sie ebenso verliebt in den Kaiser zu machen, wie dieser sich in sie verliebt hatte.

Er bat um die Erlaubnis, nach Rum zu gehen, verkleidete sich gleichfalls als Reisender und machte sich mit dem genannten Reisenden zusammen auf den Weg. So kamen sie nach Rum, nach Konstantinopel. Der Reisende zeigte dem Vezir den kaiserlichen Garten. Der Vezir zog das Bild aus dem Busen und sah, daß es genau der paradiesische Ort war, den Fagfur im Traume gesehen hatte. Nun wußte er sicher, daß das Mädchen, in das sich der Kaiser verliebt hatte, die Prinzessin von Rum sei. Sie überlegten, was nun zu tun sei.

Der Vezir ließ sich in einer Karawanserei nieder und fing an, Bilder zu malen. Da diese von größter Feinheit waren, so wurde er bald so bekannt, daß man der Prinzessin und ihrem Vater, dem Kaiser, berichtete, daß ein großer Meister aus China gekommen sei. Die Prinzessin, die Neigung zu heiterer Lebensfreude und Kunstgenuß hatte, bat ihren Vater, den Kaiser von Rum, um die Erlaubnis, den Maler kommen und ihr Wohngemach ausmalen zu lassen. Dieser erlaubte es, und der Reisende rief den Vezir, dem die Ausmalung des Palastes der Prinzessin übertragen wurde. Er war sehr sorgsam in der Ausführung seiner Aufgabe und malte den paradiesischen Ort so aus, daß jeder erstaunt war. Als er mit der Arbeit fertig war, malte er noch an die Wand des Zimmers, in dem die Prinzessin am Tage saß und in der Nacht schlief, ein Gemälde von seltener Feinheit. In der Mitte war ein wunderbarer großer Garten mit lachenden Rosen, klagenden Nachtigallen, reifen Früchten und stattlichen Bäumen. In diesem Garten stand ein schöner Pavillon, auf dessen Throne malte er den Fagfur in seiner ganzen Schönheit und im Glanze seiner Macht und Pracht. Außerhalb des Pavillons stellte er eine Rasenflur dar, in deren Mitte ein prächtiger Garten war, bei dem man an das Koranwort: „Ihnen sind Gärten bestimmt, unter welchen die Flüsse fließen“ dachte. Das Wasser war so klar wie der Paradiesesbrunnen Selsebil. In diesem Wasser war eine männliche Antilope mit ihren Jungen ertrunken, während das Weibchen der Rasenflur gegenüber graste.

Nachdem er mit seiner Malerei fertig war und man das Schloß mit Teppichen und Möbeln ausgestattet hatte, führte man die Prinzessin hinein. Als sie das Bild sah, war sie erstaunt und sah es sich immer wieder an, dann rief sie den Vezir und fragte ihn, was das alles zu bedeuten habe. Dieser erkannte, daß jetzt die Gelegenheit für ihn günstig sei, und daß er sie nicht aus der Hand lassen dürfe, und fing an zu erzählen: „Dieser Garten ist der des jetzigen Kaisers von China, und der, der auf dem Thron sitzt, ist er selbst. Da in diesem Garten sich eine merkwürdige Sache ereignete, meidet er das weibliche Geschlecht.“ Die Prinzessin fragte: „Was ist die Ursache davon?“ Der Vezir sagte: „Eines Tages saß der Kaiser Fagfur nach alter Gewohnheit in diesem Pavillon und genoß die Aussicht. Da kam ein Antilopenpaar, um Wasser zu trinken. Da schwoll das Wasser plötzlich an und führte die Jungen mit sich fort. Als das Männchen dies sah, warf es sich aus Liebe zu seinen Jungen in das Wasser, um sie zu retten, und ertrank mit ihnen zusammen. Das Weibchen aber kümmerte sich gar nicht darum, dachte nur an seine eigene Rettung und ließ das Männchen und seine Jungen im Stich. Als der Kaiser Fagfur die weibliche Antilope so treulos sah, da glaubte er, daß das ganze weibliche Geschlecht so treulos sei, und mied gänzlich den Umgang mit Frauen.“

Als die Prinzessin diese Geschichte hörte, sagte sie zu sich: „Bei Gott, ich dachte, daß Treulosigkeit nur dem männlichen Geschlechte eigen sei. Sie kommt also auch bei dem weiblichen vor.“ Dann versank sie in Nachdenken und wandte sich dann mit folgenden Worten an den Vezir: „Dieser Kaiser Fagfur, den du gemalt hast, paßt zu mir. Es ist, als ob Gott mich seinetwegen bisher vor einer Heirat bewahrt hat. Solch einen würdevollen Mann wünsche ich mir, und ich zweifle nicht, daß ich ihm auch als Gattin angenehm bin.“

Als ihr Vater kam, bat sie ihn, sie mit dem Fagfur von China zu verheiraten. Der Kaiser hatte nur auf den Wunsch seiner Tochter gewartet, um sie zu verheiraten. Er schrieb sogleich einen Brief und schickte einen Gesandten ab. Der Vezir ging als Reisender mit dem Gesandten nach China zurück und erzählte dem Kaiser alles.

Als dann der Gesandte vorgelassen wurde, zeigte sich Fagfur äußerlich etwas zurückhaltend, aber da es seinen Wünschen entsprach, sagte er: „Ich hatte auf diese Liebe schon verzichtet, aber aus Rücksicht auf den Kaiser willige ich ein.“ Er schickte sofort eine Antwort ab. Den Vezir schätzte er noch mehr als früher und gab ihm Geld und Macht ohne Ende. Nach einiger Zeit kam die Prinzessin mit ihrer ganzen Aussteuer glücklich in China an, und der Kaiser von China erlangte alles, was er sich gewünscht hatte.

37. DER HOLZHAUER, DER ZUR UNZEIT TANZTE

In Kerdifan ging ein Holzhauer einst ins Gebirge, um Holz zu fällen. Als er auf dem Berge an einen schönen Platz gekommen war, sah er dort fünf bis zehn Mann sitzen, und vor ihnen stand ein Krug, aus dem sie Speisen und Wein, soviel sie wollten, nahmen und nach Herzenslust sich satt aßen.

Als der Holzhauer dies sah, trat er zu ihnen und mischte sich ins Gespräch. Da ihnen seine Gesellschaft sehr gefiel, sagte einer von ihnen zu ihm: „Sage uns, wenn du irgendeinen Wunsch hast. Wir werden ihn erfüllen.“ Sie waren nämlich Gelehrte aus dem Feengeschlecht. Der Holzhauer wünschte sich den Krug. Sie antworteten: „Du kannst ihn bekommen, aber es ist schwer, ihn zu behüten. Es wäre schade um dich, denn, wenn er zerbrochen ist, läßt er sich nicht wieder machen, und du hast nichts mehr von ihm zu erwarten und wirst auch alles verlieren, was du durch ihn erworben hast. Wünsche ihn dir lieber nicht und fordere etwas, das dir nützlicher ist.“

Der dumme Holzhauer hörte aber nicht auf ihren Rat, sondern sagte: „Ich wünsche doch den Krug. Ich werde ihn schon, soweit es möglich, beschützen und ihn wie meinen Kopf halten.“ So gaben sie ihm den Krug.

Der Holzhauer wurde in kurzer Zeit sehr reich. Eines Tages hatte er seine Freunde zu einer Gesellschaft eingeladen. Als die Eingeladenen diesen wunderbaren Zauberkrug sahen, waren sie sehr erstaunt. Der Holzhauer stand im Übermaß seiner Freude auf, setzte den Krug sich auf den Kopf und fing vor Freuden an zu tanzen, indem er sagte: „O du Kapital meines Wohlstandes, du Glanz meines Lebens.“ Während des Tanzes glitt er aus, fiel aufs Gesicht, der Krug fiel ihm vom Kopfe und zerbrach in tausend Scherben. Sogleich schwand sein großer Reichtum und Wohlstand dahin, und er wurde wieder so arm wie vorher. Alles, was er bis zu diesem Tage an Geld gesammelt hatte, verschwand.

38. DIE CHINESISCHE SKLAVIN UND DER JÜNGLING VON BAGDAD

In Bagdad lebte ein Jüngling, der Kaufmann war und so viel Vermögen besaß, daß selbst er es nicht genau kannte. Eines Tages verliebte er sich in eine chinesische Sklavin und kaufte sie sich, indem er unermeßlich viel Geld für sie bezahlte. Sein ganzes Vermögen, daß er besaß, gab er für dies Mädchen aus, so daß er schließlich nichts mehr besaß.

Eines Tages sagte das Mädchen zu ihm: „Zur Zeit des Wohlstandes hast du dein Vermögen verschwendet, jetzt besitzt du nichts. Es ist aber eine sehr schwere Sache, durch das Feuer der Armut verbrannt zu werden. So haben wir keinen Genuß an unserm Beisammensein. Der Genuß der Vereinigung entsteht nur bei frohem Herzen. Wenn du also die Trennung von mir ertragen kannst, so verkaufe mich und nimm den Kaufpreis als Kapital, denn wie es im Sprichwort heißt: ‚Das Wasser fließt da, wo es schon einmal geflossen ist.‘ Ich werde die Trennung ertragen, so gut ich kann, und wenn nicht, mich töten und mich vor den Kümmernissen der Welt retten. Auf diese Art wirst du wenigstens wieder zu Wohlstand kommen.“

Notgedrungen nahm der Jüngling dies an und führte das Mädchen am folgenden Tage auf den Sklavenmarkt, um es zu verkaufen. Es war gerade ein haschimitischer Kaufmann von Basra nach Bagdad gekommen. Als er die Sklavin sah, gefiel sie ihm, und er kaufte sie für zweitausend Goldstücke.

Der Jüngling nahm das Geld und ging nach Hause, aber Tag und Nacht seufzte er und war wie ein lebloser Körper. Als es Abend wurde und das Licht derjenigen, die sein Herz erleuchtete, nicht mehr mit dem Glanz ihrer Schönheit sein Haus erhellte, da konnte er es nicht länger aushalten und beschloß, das Mädchen sich zurückzukaufen. Da er nicht bis zum Morgen aushalten konnte, verließ er um Mitternacht sein Haus. Als er infolge des Suchens nach dem haschimitischen Kaufmann müde und matt geworden war, verblieb er an einem öden Platze. Dort belauerte ihn ein herumlungernder Dieb, der die Gelegenheit benutzte, dem Jünglinge, als er schlief, das Geld aus dem Busen stahl und flüchtete. Als der Jüngling aufwachte, das Geld nicht mehr vorfand, vermehrte sich der Kummer seines Herzens. Es lastete wie ein Berg auf ihm. Da er nun auch nicht mehr die Mittel hatte, um den Kauf rückgängig zu machen, ging er wie ein Verrückter in die Berge.

Der Kaufmann war mit dem Mädchen in ein anderes Land gezogen, um Handelsgeschäfte zu machen. Aber da die Sklavin ihn jeden Tag mit harten Worten anredete, so wurde ihm das Leben zur Qual. Von einer Vereinigung mit ihr war schon gar nicht die Rede, aber in Herzensruhe ihr ins Gesicht zu sehen, wurde ihm nicht einmal zuteil. Aber da er Interesse für das Mädchen hatte, hoffte er, daß sie ihren ersten Liebhaber vergessen werde, und überließ sie sich selbst. So reisten sie zu Wasser und zu Lande umher, aber die Glut des Mädchens (nach ihrem früheren Liebhaber) beruhigte sich nicht, sondern nahm von Tag zu Tag zu. Schließlich schwur der haschimitische Kaufmann in seiner Not: „Wenn ich deinen früheren Herrn, der dich mir verkauft hat, wiederfinde, will ich auf die bezahlten zweitausend Goldstücke verzichten und dich ihm wiedergeben. Ich hatte gedacht, du würdest mich mit Musik und Reden unterhalten, wenn ich mich langweilte, aber du nimmst mir durch dein Seufzen bei Tag und Nacht die Ruhe.“ Das Mädchen verging vor Seufzen und Wehklagen.

Der Jüngling war wie ein Wahnsinniger über Berge und Felder gestreift, um seine Liebste zu suchen. Eines Tages kam er an das Ufer des Meeres, traf ein Schiff, das mit Kaufmannsgütern angefüllt war. Durch Gottes Fügung war der Haschimit und die Sklavin auch auf diesem Schiffe, aber sie ahnten nichts voneinander. Als sie so einige Tage gefahren waren, rief der Haschimit das Mädchen zu sich, gab ihr eine Laute in die Hand und bat sie, ein Lied zu singen. Das Mädchen nahm weinend die Laute zur Hand und sang ein Liebeslied, daß alle Mitfahrenden beim Anhören weinten und mit ihrer Lage Mitleid empfanden. Dann legte sie die Laute wieder hin und fing wieder an zu klagen.

Als der Jüngling von Bagdad die Stimme des Mädchens hörte, wußte er, daß zu seinem Glück der Kaufmann und das Mädchen, gleich dem Planeten Jupiter und Venus in glückbringender Konstellation, auf dem Schiffe seien. Trotzdem geduldete er sich und verriet sich nicht. Am folgenden Tage gingen die Mitfahrenden ans Land, um Lebensmittel und Wasser zu holen. Als das Schiff etwas leerer geworden war, benutzte er die Gelegenheit, nahm die Laute des Mädchens und stimmte sie in einer anderen Tonart, die nur das Mädchen kannte, da sie sie von ihm gelernt hatte. Am Abend bat der Haschimit wieder das Mädchen, etwas zu spielen. Das Mädchen nahm die Laute zur Hand. Kaum hatte sie sie mit dem Plektron berührt, als sie alles begriff. Sie legte die Laute aus der Hand und schwur, daß ihr früherer Herr, der Bagdader Kaufmann, auf dem Schiffe sei. Der Haschimit sagte: „Das wäre ja schön. Wenn er doch nur hier wäre, dann würde ich euch beide vereinigen und mir einen Lohn in der anderen Welt und Glück in dieser verdienen.“ Das Schiff wurde durchsucht und der Jüngling von Bagdad gefunden. Er rief ihn zu sich, behandelte ihn mit großer Achtung und sagte: „Ich habe deine Sklavin nicht angerührt. Da ich gesehen habe, daß deine Liebe zu ihr und ihre Liebe zu dir nicht übertroffen werden kann, so schenke ich dir auch ihren Kaufpreis. Vergeßt nicht, meiner im Gebete zu gedenken.“

Alle Mitfahrenden waren verwundert über die Liebe des Mädchens und des Bagdader Jünglings und lobten den Großmut des Haschimiten. Danach fragte dieser den Jüngling, wie es ihm gehe. Der fing an, ihm sein Abenteuer zu erzählen. Zuerst habe er in Wohlstand gelebt und sei in Bagdad ein sehr reicher Kaufmann gewesen, dann habe er sein ganzes Vermögen wegen dieser Sklavin ausgegeben, und als er schließlich ganz arm geworden, habe er sie an ihn verkauft. Während er in der Nacht an einer öden Stelle schlief, habe ihm dann ein Dieb sein Geld gestohlen. Alles erzählte er eingehend. Als der Haschimit dies hörte, flössen ihm blutige Tränen aus den Augen, und er sagte: „Von heute ab sei nicht mehr traurig. Ich habe keine Söhne und keine Familie. Mein Vermögen genügt für euch und mich.“ Er faßte das Mädchen bei der Hand und gab sie dem Jünglinge.

Die beiden Liebenden freuten sich am gegenseitigen Anblick und dankten dem Haschimiten. Nachdem sie so einige Tage in Freude genossen hatten, landete ihr Schiff wieder an der Küste, um Proviant einzunehmen. Jedermann ging an Land, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er hielt sich aber zu lange auf, und als er an das Ufer kam, hatte sich ein günstiger Wind erhoben und die Schiffer hatten die Segel entfaltet und waren davon gefahren. Der Jüngling von Bagdad fing in seiner Verzweiflung an zu schreien, aber umsonst.

Der Haschimit kam mit der Sklavin nach Basra und sagte zu ihr: „Ich hatte es übernommen, dich deinem früheren Herrn zu geben und mein ganzes Vermögen euch zu schenken. Nun hat das Geschick es anders gefügt, und der Jüngling ist verschwunden. Sage mir, was du nun für das Richtige hältst. Ich will tun, was du willst.“

Das Mädchen antwortete: „Meine Absicht ist, daß du mir ein Kloster baust, dort für den Jüngling von Bagdad ein Grab graben läßt und darüber einen Sarkophag aufstellst. Dort will ich mich in der Abgeschiedenheit religiösen Übungen hingeben und, wenn ich gestorben bin, begrabt mich dort.“ Der Haschimit erfüllte den Wunsch des Mädchens und tat, wie sie gesagt.

Als der Jüngling von Bagdad am Ufer des Meeres drei Tage gewartet hatte, kam am vierten Tage ein Schiff, das, um Wasser zu holen, dort anlegte. Er besprach sich mit dem Kapitän und bestieg das Schiff. Nach verschiedenen Schwierigkeiten kam er nach Basra, fragte nach dem Hause des Haschimiten und fand es nach einiger Mühe.

Als dieser ihn gesehen, fiel er ihm um den Hals und erwies ihm allerlei Freundlichkeit. Der Jüngling fragte ihn, wie es dem Mädchen gehe. Der Haschimit erzählte ihm, was geschehen war, und gab ihm einen Diener mit, der ihn dorthin führte, wo das Mädchen sich befand.

Als die beiden treuen Liebenden sich wiederfanden, umarmten sie sich und weinten so sehr, daß alle Leute sich wunderten und sich fragten, ob es denn solche Liebe auf der Welt noch gebe. Nachdem sie ihn begrüßt hatten, erfüllte der Haschimit sein Versprechen, wies ihnen das Kloster zur Wohnung an und übernahm es, für ihren Unterhalt zu sorgen. So lebten sie alle bis zu ihrem Tode sich gegenseitig beglückend.

39. DIE GESCHICHTE VON DEM KLUGEN LANDMANNE

In alter Zeit pflügte einst ein Landmann seinen Acker, als plötzlich ein eiserner Ring zum Vorschein kam. Der Landmann grub die Erde um den Ring aus und sah, daß es der Ring von dem Deckel eines Vorratsraumes war. Mit tausend Mühen und Anstrengungen hob er den Deckel und stieg in den Raum hinein. Da sah er, daß das Innere bis zum Rande mit gelbem Weizen angefüllt war. Es war jedoch eine Art von Weizen, von der jedes Korn die Größe eines Pfirsichkernes hatte. Als er dies sah, war er erstaunt und meldete dies dem Gouverneur der Stadt. Auch der wunderte sich, und in der Annahme, daß dies etwas merkwürdiges sei, schrieb er an den Kaiser einen Bericht und schickte auch eine Probe von dem Weizen mit.

Als der Weizen ankam, rief der Kaiser seine höchsten Beamten zusammen, die sich gleichfalls alle über die Größe des Weizens wunderten. Der Kaiser fragte, ob es einen Menschen gebe, der wüßte, von was für Menschen dieser Weizen gepflanzt sei, und worin das Geheimnis bestände. Wenn es solchen Menschen gebe, wolle er ihn um Rat fragen. Der Kaiser hatte einen sehr klugen und weisen Hofmann. Dieser sagte: „Mein Kaiser, in der und der Stadt deines Reiches lebt ein alter welterfahrener Landmann. Wenn jemand die Schwierigkeit lösen kann, ist er es.“ Alle fanden seine Worte verständig. So schickte man einen Boten, dem man eine Probe des Weizens mitgab, ab, um den Alten danach zu fragen.

Als der Bote sich schleunigst auf den Weg machte, traf er einen seiner Freunde. Dieser wünschte ihm glückliche Reise und fragte, wohin er gehe. Der Bote erzählte die ganze Sache und der Freund sagte: „Gott sei Dank! Es ist ein Segen, daß ich dich getroffen habe. Der Landmann, zu dem du gehen willst, ist sehr klug. Ich habe auch eine schwierige Frage. Nachdem du ihn nach der des Kaisers gefragt hast, frage ihn auch nach meiner. Du würdest mir damit einen großen Gefallen tun.“ Der Bote sagte: „Selbstverständlich, erzähle mir nur deine Frage.“ Der Freund sagte: „Erstens: Was ist die Ursache, daß, wenn der Mensch alt wird, Haar und Bart weiß werden und keine andere Farbe annehmen? Zweitens: Während beim Beischlaf der Genuß für Mann und Frau der gleiche ist, warum ist die Treue bei dem Mann größer als bei der Frau? Drittens: Warum wird der Mann, wenn er alt und sein Haar und Bart weiß werden, schöner, während bei der Frau das Gegenteil der Fall ist? Was mag Gottes Zweck dabei sein. Das sind die Fragen, die mir Schwierigkeiten machen.“

Sie verabschiedeten sich, und der Bote machte sich auf den Weg und erreichte auch die Stadt, wo der Landmann, den er suchte, wohnte. Nach einigem Fragen fand er ihn auch und sah, daß es ein hinwelkender Greis war, dessen Körper wie ein Bogen gekrümmt war, und dessen Brauen seine Augen bedeckten.

Der Bote setzte den Grund seiner Absendung auseinander, sagte, daß er vom Kaiser geschickt sei, und fragte, wie es sich mit dem Weizen verhalte. Der alte Landmann sagte: „Sohn, ich weiß nicht, wann dieser Weizen gewachsen ist, aber in der gegenüberliegenden Stadt wohnt mein älterer Bruder. Da er älter ist als ich, hat er vielleicht jene Zeit erlebt. Gehe hin und frage ihn.“

Der Bote ging dorthin, fand auch den Bruder. Dieser hatte einen grauen [39] Bart, und sein Körper war lebendig im Vergleiche zu dem seines Bruders. Voller Verwunderung fragte der Bote ihn nach dem, was der Weizen zu bedeuten habe. Der Landmann antwortete: „Ich weiß nichts davon. In meinen Zeiten ist so etwas nicht passiert. Aber in der gegenüberliegenden Stadt wohnt mein älterer Bruder. Gehe hin und frage den. Vielleicht weiß er es, denn er ist viel älter als ich.“

Der Bote ging in diese Stadt und fand ihn auch. Er war noch lebendiger und sah wie ein frischer junger Mann mit schwarzem Bart aus. Der Bote sagte: „Bei Gott, seine Brüder bezeichneten ihn als den ältesten von ihnen. Das ist doch höchst merkwürdig, daß er jünger und frischer als sie ist.“ Voller Verwunderung fragte er ihn nach dem Weizen und sagte, daß er eigens deshalb vom Kaiser gesandt sei.

Der alte Mann sagte: „Vor hundert Jahren lebte ein Volk, dem dieser Weizen als Wundergabe verliehen worden ist. Der Grund dafür ist der, daß sie fromm und gottesfürchtig waren. Deswegen schenkte ihnen Gott so reichliche Nahrung.“

Als der Bote die richtige Auskunft erhalten hatte, wollte er sofort umkehren, da kamen ihm aber die Fragen seines Freundes, den er unterwegs getroffen, in den Sinn. Er stellte also die vorher genannten drei Fragen, und der weise Mann antwortete: „Der Grund, daß Haar und Bart, wenn der Mann alt wird, nur weiß werden und keine andere Farbe annehmen, ist folgender: Zuerst ist das Haar vollkommen schwarz oder blond. Wenn der Mensch aber zur höchsten Vollendung gekommen ist und auch in der Farbe die Vollendung eingetreten ist, dann muß ebenso, wie überall nach der Vollendung der Verfall eintritt, ein Rückschlag zum Verfall eintreten. Der Grund dafür, daß es nach diesem Verfall nur weiß wird und keine andere Farbe annimmt, besteht darin, daß, wie das Zeichen der Jugend das schwarze oder blonde Haar ist, so ist das Zeichen des Alters wegen der Erleuchtung die weiße Farbe. Darum verändert sich das Haar nur in Weiß. Die Antwort auf die zweite Frage ist folgende: Da Gott, der Allweise, Ewige, der Frau die Kraft der Schwangerschaft, die Freundlichkeit bei der Haushaltung und alle die Mühen beim Säugen verliehen hat, so hat er aus Billigkeit dem Manne die Treue und Liebe verliehen. So hat Gott mit Gerechtigkeit beide ausgeglichen. Gottes weiser Zweck bei der dritten Frage ist folgender. Er hat unsern Vater Adam aus Erde geschaffen, unsere Mutter Eva aber aus dessen linker Seite. Deshalb wird das männliche Geschlecht seiner Herkunft gemäß schöner, denn wie die Erde, wenn sie steht, schöner wird, so auch der Mann. Wie aber Fleisch, wenn es steht, sich verändert, so wird die Frau im Alter häßlich. Das ist Gottes Weisheit dabei.“ Der Bote sagte: „O weiser Mann, dein Mund ist die Quelle der Weisheit. Du hast alle Schwierigkeiten gelöst. Nun habe ich noch eine Frage. Nimm, bitte, meine Unbescheidenheit nicht übel und löse mir diese Schwierigkeit.“ Der weise Mann fragte: „Worin besteht sie denn?“ Er antwortete: „Deinen jüngsten Bruder habe ich sehr alt und schwach gefunden und den mittleren als einen graubärtigen Greis, dich aber, der du doch der älteste von ihnen bist, als einen frischen jungen Mann. Erkläre mir doch, bitte, den Grund hierfür.“

Der weise Mann sagte: „Der Grund dafür, daß mein jüngster Bruder sehr alt geworden ist, liegt darin, daß er in seiner Landwirtschaft nicht recht vorwärts kommt und ziemlich arm ist. Außerdem hat er eine häßliche Frau, die auch eine böse Zunge besitzt. Da sich zwei große Unglücke bei ihm vereint haben, so ist er sozusagen schon in dieser Welt bei lebendigem Leibe in der Hölle. Deswegen ist er so alt und schwach geworden. Der Grund aber dafür, daß der mittlere Bruder im Verhältnis zu mir alt und im Verhältnis zu dem jüngsten Bruder jung ist, liegt darin, daß er in der Landwirtschaft viel Glück hat, aber eine häßliche Frau mit einer bösen Zunge besitzt. So hat er nur ein Unglück und sieht also frischer als unser jüngster Bruder aus. Ich habe, Gott sei Dank, in der Landwirtschaft Erfolg und habe in meinem Harem eine schöne und an Charakter einzigartige Frau, deswegen sehe ich frisch und heiter aus. Wer Wohlstand und eine gute Frau erlangt hat, der wird schon in dieser Welt der Paradiesesfreuden teilhaftig. Deswegen sagt man: Des Menschen Haus ist sein Paradies oder seine Hölle.“