Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
Part 8
Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. Der Junge aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis zum Rande.
Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krise hörte sie zum erstenmal von einem Universal-Wundermittel, ›Schmerzenstöter‹ genannt. Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form. Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern und ›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat. Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ war gebrochen. Hätte sie ein Feuer unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres Interesse zeigen können.
Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung wurde es am Ende doch monoton. Er sann daher auf Aenderung seiner Lage und verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den ›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank, daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der That, ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere.
Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daher kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blicks den Löffel beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte:
»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.«
Peter deutete an, daß er's brauche.
»Ueberleg's nochmal, Peter.«
Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß.
»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn _so_ bin ich nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so mach' niemand 'nen Vorwurf, außer dir selber.«
Peter war einverstanden und so sperrte ihm Tom das Maul auf und goß den ›Schmerzenstöter‹ hinunter. Peter sprang ein paar Meter hoch in die Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul aus, setzte wie toll im Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, schmiß Blumentöpfe u. dergl. um und richtete eine allgemeine Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf die Hinterfüße, begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei er den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in schallenden Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen that. Dann fing der tolle Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung folgte seinen Spuren. Tante Polly trat eben noch zur Zeit durch die Thüre, um zu sehen, wie Peter ein paar doppelte Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges Schluß-Hurrah ausstoßend, durch das offne Fenster segelte, wobei er den Rest der Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen, stand die alte Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber lag am Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen.
»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?«
»Weiß ich doch nicht, Tante,« stieß der Junge, nach Luft schnappend, hervor.
»So was hab' ich ja im Leben noch nicht gesehen. Was ist denn der Katze in den Leib gefahren?«
»Weiß ich wahrhaftig nicht, Tante. Die Katzen machen's immer so, wenn's ihnen wohl in der Haut ist.«
»So? Machen sie's immer so?« Es war etwas in ihrem Ton, das Tom mit bangem Ahnen erfüllte.
»Ja, Tante, das heißt, ich -- ich glaub' wenigstens, daß sie's so machen.«
»Du glaubst?«
»Ja--a -- Tante.«
Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie mit von Furcht geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo sie hinaus wollte. Der Stiel des verräterischen Löffels war eben noch sichtbar unter den Fransen der Tischdecke. Tante Polly griff darnach und hielt ihn empor. Tom schien verlegen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne Umstände an dem gewöhnlichen Henkel, -- seinem Ohr, -- zu sich herauf und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden Klapps.
»Jetzt, Junge, gesteh', warum hast du der armen, unvernünftigen Kreatur so mitgespielt?«
»Ich -- ich hab's nur aus Mitleid gethan, -- Peter hat ja keine Tante.«
»Hat keine Tante! -- du Dummkopf. Was hat denn das damit zu schaffen?«
»Alles. Denn wenn Peter 'ne Tante hätte, so hätt' ihn die gewiß ausgebrannt, hätt' ihm die Eingeweide geröstet bei lebendigem Leib, ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er ein Mensch gewesen wäre.«
Tante Polly fühlte plötzliche Gewissensbisse. Das zeigte die Sache in einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine Katze war, konnte doch vielleicht auch Grausamkeit gegen einen Jungen sein. Sie begann weich zu werden, es that ihr leid. Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die Hand auf Toms Kopf und sagte sanft:
»Tom, ich hab's nur gut gemeint und -- es hat dir auch gut gethan, Tom.«
Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise blitzte der Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste erwiderte:
»Ich weiß, daß du's nur gut gemeint hast, Tantchen, ich hab's aber _auch_ mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat's auch gut gethan, im Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren --«
»Ach, heb' dich fort, Tom, eh' du mich wieder bös' machst. Und probier's doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge sein kannst; und -- Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.«
* * * * *
Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet haben, daß dies Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig stattgefunden. Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit kurzem, trieb er sich am Thore des Schulhofes herum, anstatt wie sonst mit seinen Kameraden zu spielen. Er sei krank, sagte er und sah auch so aus. Er versuchte den Anschein zu erwecken, als schaue er überall anders hin, als gerade da, wohin er wirklich schaute, -- den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. Einen Moment starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. Als Jeff herankam, redete ihn Tom an, suchte listig das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff aber, der einfältige Kerl, wollte niemals den Köder sehen und anbeißen.
Tom schaute und schaute, -- voller Hoffnung, wenn wieder ein wehender Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn dann die Eigentümerin desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt kamen keine Röcke mehr und hoffnungslos sank er in sein dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein, vor den andern, das leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter zu dulden. Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Thor, hoch auf schlug Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er draußen und geberdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit Gefahr für Leib und Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den Kopf, kurz, er verrichtete unzählige Heldenthaten und hielt dabei immer sein wachsames Auge auf Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nähme. Sie aber schien sich seiner Gegenwart völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin. Konnte es möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe? Nun begann er seine Heldenthaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß einem Jungen die Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf das Dach des Schulhauses, brach dann gewaltsam durch einen Haufen Jungen hindurch, die nach allen Richtungen umpurzelten, fiel dabei selber zappelnd dicht vor die Nase Beckys hin, diese beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber wandte sich, hob das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen:
»Ph -- ph! 's giebt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten, -- immer müssen sie sich zeigen!«
Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich davon, gedemütigt, vernichtet.
Zwölftes Kapitel.
Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken voll. Er kam sich als verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand liebte. Wenn sie erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben, würde es ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, das Rechte zu thun, gut zu sein, sie ließen's ja nicht zu. Da sie ihn denn durchaus los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben; natürlich würden sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, -- aber so ist's immer! Hat ein Freudloser und Verstoßener das Recht zu klagen? Jetzt, da sie ihn zum Aeußersten getrieben, wollte er das Leben eines Verbrechers führen. Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen war er weit über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche die Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er schluchzte jetzt bei'm Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen altvertrauten Ton vernehmen solle, -- es war hart, so furchtbar hart, aber -- sie zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen in die kalte, unbarmherzige Welt, so mußte er sich drein ergeben, -- aber er verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker, erschütternder.
In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten Freund -- Joe Harper, der finster blickend daher trottete, augenscheinlich einen schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner Seele herumwälzend. Hier waren offenbar ›zwei Seelen und ein Gedanke!‹ Tom, der sich die Augen mit seinem Aermel wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes hervor zu stottern, von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem Mangel an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er Joe bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren.
Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe hatte bitten wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, Tom aufzuspüren. Seine Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken haben sollte, von dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber -- was bleibe ihm da anders übrig, als sich darein zu ergeben? Möge es ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen hinausgetrieben zu haben in die kalte, gefühllose Welt, um da zu leiden und schließlich zu sterben.
Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, schlossen sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht voneinander zu lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse von ihrem Jammer. Dann begannen sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, ein Eremit zu werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finstern Höhle zu leben und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er aber Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein Heil zu probieren.
Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, wo der Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag eine lange, schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank an der Spitze. Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit drüben gegen das andere Ufer zu, das mit einem ausgedehnten, menschenleeren, fast undurchdringlichen Walde bestanden war. Das schien ein Ort wie gemacht für das Unternehmen, und so wurde denn die Jackson-Insel gewählt. Welches die Opfer sein sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in den Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo auf, der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm recht, er war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet hatten, trennten sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des Flußufers, zwei Meilen oberhalb des Städtchens, wieder zu treffen, um Mitternacht, zu ihrer Lieblingsstunde. Dort wußten sie von einem kleinen Holzfloß, das sie sich anzueignen gedachten. Jeder von den dreien wollte eine Angelrute und Haken mitbringen, dazu solche Eßvorräte, deren er sich auf möglichst versteckte und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte, wie es Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch der Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher Wonne voll, im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, es werde sich in Bälde etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, die diesen Wink erhielten, bekamen zugleich die Mahnung, zu schweigen und abzuwarten.
Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken und noch sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des steilen Uferabhangs, das zum Sammelplatz bestimmt worden. Es war sternklar und totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, in friedlicher Ruhe da. Tom lauschte einen Moment, kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Er ließ ein leises, langgezogenes Pfeifen ertönen, das von unten erwidert wurde; zweimal noch pfiff Tom, beidemale wurde das Signal in derselben Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme:
»Wer naht sich dort?«
»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt Eure Namen!«
»Huck Finn, die ›blutige Hand‹ und Joe Harper, der ›Schrecken der See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblings-Litteratur geschöpft.
»Gebt das Feldgeschrei!«
In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang von zwei Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende Nacht hinein:
»_Blut!_«
Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und ließ sich selber nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich verletzte. Wohl gab's einen leichten, bequemen Pfad, den Abhang hinunter und am Ufer entlang, dem aber fehlten jene unerläßlichen Eigenschaften von Schwierigkeit und Gefahr, die ein Seeräuber vor allen andern schätzt.
Der ›Schrecken der See‹ hatte eine riesige Speckseite geliefert und sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. Finn, der ›Blut-Händige‹, hatte einen Kochkessel gestohlen, dazu eine Portion halbgetrocknete Tabaksblätter und einige Maiskolben, um Pfeifen draus zu machen. Keiner der Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als nur er selber. Der ›Schwarze Rächer der spanischen Meere‹ meinte, man könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne Feuer an Bord zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt man sofort zur That. In der Entfernung glimmte ein Feuer auf einem großen Floße, dahin schlichen sie nun und verschafften sich einen Holzbrand. Aus dieser Expedition machten sie sich mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein gefährliches Abenteuer zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute an, sagten ›Pst‹ und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände umfaßten eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert, daß, wenn der ›Feind‹ sich rege, er ›kalt gemacht‹ werden müsse, denn ›tote Menschen plaudern nichts mehr aus!‹ Die Jungen wußten freilich mit Bestimmtheit, daß die Flößer unten in der Stadt waren, entweder um Vorräte einzukaufen, oder um zu zechen, das war aber für sie kein Grund, sich weniger piratenmäßig bei der Sache zu benehmen.
Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuer-Raubzug, stießen sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, Huck saß am hinteren Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf dem Floße. Finster blickend, mit über der Brust gekreuzten Armen, erteilte er seine Befehle in leisem, strengem Flüsterton.
»Luven! Vor den Wind!«
»Geluvt ist, Kap'tän.«
»Stet, Jungens, ste--e--et!«
»Stet ist's, Kap'tän.«
»Einen Strich rechts abgehen!«
»Ein Strich ist's!«
Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte des Stromes zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß alle diese Befehle nur der Form halber erteilt wurden und weiter gar nichts zu bedeuten hatten.
»Welche Segel führt das Boot?«
»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap'tän.«
»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, 'n halb' Dutzend an die Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!«
»Eh, eh, Kap'tän!«
»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, Jungens.«
»Eh, Kap'tän!«
»Ruder nach Lee -- hart an Backbord. Backbord -- Backbord! Nun Leute, frisch drauf los. Stet -- ste--e--et!«
»Stet ist's, Kap'tän!«
Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und auf das andere Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze desselben die rechte Richtung und zogen dann die Ruder ein. Kaum ein Wort wurde gewechselt während der nächsten halben Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen Städtchen vorüber. Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo dasselbe lag, in süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser endlosen, ungeheuren, sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von dem tief eingreifenden Ereignis, das soeben im Begriff war sich abzuspielen. Der ›Schwarze Rächer‹ stand da mit gekreuzten Armen, einen letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, ›Sie‹ könnte ihn jetzt sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und dem Tode ins Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen seinem Untergang entgegengehend. Seiner Einbildungskraft war es ein Geringes, die Jackson-Insel aus der Gesichtsweite des Städtchens weg zu versetzen, und so sandte er demselben denn seinen ›letzten Blick‹, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die andern Piraten sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so anhaltend und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch beizeiten entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt gethan. Etwa um zwei Uhr morgens trieb das Floß an der Sandbank auf, ungefähr hundert Meter oberhalb der Spitze der Insel, und die Jungen wateten nun durch das Wasser hin und zurück, bis sie ihre Ladung glücklich gelandet und in Sicherheit gebracht hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes Segel, welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, wie es solchen Ausgestoßenen der Menschheit zukam.
Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, alten, abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig Schritte weit in der düstern Tiefe des Waldes stand, brieten sich Speck zum Abendessen und ließen sich's köstlich munden. Herrlich, unbeschreiblich schön war das wilde, freie Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten, unbewohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren sich, nimmermehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das aufglimmende Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, auf das schimmernde Laub und die alles umrankenden, wilden Reben. Als die letzte knusperige Speckschnitte verschwunden, die letzte Brotkrume aufgezehrt war, streckten sich die Jungen auf dem Moose aus, erfüllt von köstlichstem Behagen. Wohl hätten sie ein kühleres Plätzchen finden können, aber sie mochten sich das romantische Gefühl nicht versagen, am leise flackernden Lager-Feuer zu rösten.
»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe.
»Famos,« bestätigte Tom.
»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen könnten!«
»Sagen? Ei, die ließen sich tot schlagen, wenn sie nur hier sein könnten, -- he, Huckchen?«
»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens gefällt's und ich wünsch' mir nichts anderes. Für gewöhnlich krieg' ich nicht satt -- hier kann mich auch keiner herumstoßen und seine Stiefel an mir abputzen, danke!«
»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens braucht man nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich nicht zu waschen und all den andern dummen Firlefanz. Siehst du nun, Joe, ein Pirat hat gar nichts zu thun, so lang er am Lande ist, ein Eremit aber, der muß beten, beten, beten bis er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen, immer so allein für sich.«
»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab' eben nicht weiter drüber nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber sein, seit ich's probiert hab'.«
»Außerdem,« belehrte Tom, »giebt man heutzutage nicht mehr so viel auf Eremiten, wie früher in alten Zeiten, während ein Pirat überall geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer auf dem allerhärtesten Platz schlafen, den er finden kann, muß Asche auf sein Haupt streuen und --«
»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck.
»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie -- alle Eremiten thun's. Du hättst's auch zu thun, wenn du einer wärst.«
»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck.
»Na, was thät'st du denn?«
»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf sicher nicht.«
»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da drum herum kommen?«
»Ei, ich würd's eben nicht leiden. Ich risse aus!«
»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von einem Eremiten, weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die andern!«
Der ›Blut-Händige‹ gab keine Antwort, da er Besseres zu thun hatte. Er war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben auszuhöhlen; nun befestigte er einen Binsenhalm dran, stopfte den Kolben mit Tabak, legte eine glühende Kohle darauf und hüllte sich in eine Wolke lieblich duftenden Dampfes. Man sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten Stadium wollüstigen Behagens befand. Die andern Piraten neideten ihm den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer Weile fragte Huck:
»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu thun?«
Worauf Tom erwiderte:
»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe und verbrennen sie, nehmen alles Geld weg und vergraben's an ganz schrecklich gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo's Geister und solche Wesen giebt, die den Schatz bewachen. Dann töten sie jedermann auf den Schiffen -- lassen alle über die Planken springen --«
»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte Joe, »die töten sie nicht.«
»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu sind sie zu edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.«
»Und was für Kleider sie tragen! 's ist 'ne wahre Pracht; alles voll Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz begeistert ein.
»Wer?« fragte Huck.
»Nun die Piraten doch!«
Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter.
»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten geschaffen,« bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in der Stimme, »ich habe aber keine anderen nicht!«
Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider würden schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer auszöge. Sie gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen Lumpen für den Anfang genügen sollten, obgleich gut gestellte Seeräuber für gewöhnlich in passender Garderobe auszögen.