Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
Part 9
Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die Lider der kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt den Fingern des ›Blut-Händigen‹ und er schlief den tiefen Schlaf des Gerechten und -- Müden. Der ›Schrecken der See,‹ ebenso auch der ›Schwarze Rächer der Spanischen Meere‹ hatten größere Schwierigkeit im Erlangen des Schlafes. Sie sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine Autorität zugegen war, die sie zum Knieen und lauten Aufsagen angehalten hätte. Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten, vor solchem Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus Furcht, es könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz nahe am Rande des tiefen Abgrunds, Schlaf genannt, lagen und schon darein zu versinken dachten, da nahte wiederum ein Etwas, ein Störenfried, der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen! Es überkam sie eine unbestimmte Ahnung des Unrechts, das sie begangen mit ihrem Davonlaufen, dann tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur begann. Sie versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft Anlehen an die Speisekammer der Ihren gemacht in Aepfeln und andern Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und unbestreitbar, wie sich die Thatsache nicht umgehen lasse, daß das Einstecken von Aepfeln, Süßigkeiten etc. nur ›krippsen‹ heiße, während das Wegnehmen von Speckseiten, Schinken und ähnlichen wertvolleren Gegenständen, einfacher, gewöhnlicher Diebstahl genannt werden müsse, -- wogegen es ein dräuendes Gebot in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie innerlich, daß, solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre Raubzüge nicht wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, schloß einen Waffenstillstand und unsre merkwürdig inkonsequenten ›Seeräuber‹ versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer.
Dreizehntes Kapitel.
Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, wo er eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und blickte um sich, dann überkam ihn die Erinnerung. Der Tag begann eben zu grauen, kühl und wonnig. Es lag ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens in der tiefen, alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken der großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. Eine Schicht weißer Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein dünnes, bläuliches Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. Joe und Huck schliefen noch. Jetzt erklang, weit drüben im Walde, der Ruf eines Vogels, ein andrer antwortete, dann hörte man das Hämmern eines Spechtes. Allmählich lüftete sich das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung, ebenso allmählich vermehrten sich die Töne, das neu erwachte Leben begann sich allenthalben kund zu thun. Das große Wunder, wie die Natur den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete sich vor den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne Raupe kam über ein taufrisches Blatt daher gekrochen, von Zeit zu Zeit dreiviertel ihres Körperchens in die Luft hebend und herum schnüffelnd, dann wieder vorwärts strebend. »Aha, die kommt zum Anmessen,« dachte Tom und als das Tierchen aus freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill, hoffend und bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber zuletzt, nach einem bangen Moment des Zweifels, während dessen es den gekrümmten Körper in der Luft hin und her bewegte, sich ganz entschieden auf Toms Bein gleiten ließ und die Reise längs desselben begann, da füllte Freude Toms Herz, denn das bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen würde, -- ohne Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien ein Zug von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit aus. Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, fünfmal so groß als sie selber, und lootste dieselbe direkt einen Baumstamm hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm die steile Höhe eines Grashalms, Tom beugte sich dicht zu demselben nieder und sang:
»Johanniskäferchen flieg', Der Vater ist im Krieg; Flieg, flieg, dein Häuschen brennt, 's sitzen sieben Kinderchen drin!«
Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und flog davon, um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs verwunderte, wußte er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig das dumme Ding sei, namentlich in Betreff der Feuersbrünste, und er hatte der kleinen Einfalt schon oftmals denselben Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im Gezweige der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms Kopf und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in den lichten Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, gleich dem Strahl einer blauen Flamme, setzte sich auf einen Busch, ganz dicht im Bereich des Knaben, legte den Kopf auf die Seite und beäugelte die Fremden mit lebhafter Neugierde. Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger Bursch aus der Fuchs-Familie kamen angerannt, setzten sich auf die Hinterbeine und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen gesehen und wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse oder freuen. Die ganze Natur war jetzt völlig wach und in Bewegung. Gleich blitzenden Lanzen drangen die goldenen Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte Laubwerk nah und fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen herbeigeflogen.
Tom ermunterte nun die beiden andern Piraten und eine Minute später trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer zu, warfen die Kleider ab und jagten und überpurzelten sich in dem seichten, lauen Wasser bei der Sandbank. Keine Spur von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da drüben, das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung des Stroms, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen nur zur Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam die Brücken zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen.
Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos, glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte das Feuer auf in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle frischen, kalten Wassers dicht beim Lager. Die Jungen machten sich Becher aus großen Eichen- und Ahornblättern und fanden, daß Wasser, durch solch eigenartigen, wilden Waldeszauber versüßt, der beste Ersatz für Kaffee sei. Während Joe sich eben anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden, riefen ihm Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus und ehe noch Joe Zeit hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück mit einem Vorrat an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht haben würde. Sie brieten nun Fische zusamt dem Speck und noch nie hatte ihnen ein Fisch so köstlich geschmeckt. Sie wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um so besser ist, je schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie nicht daran, welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das Bad und ein gehöriger Hunger abgaben.
Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während Huck sein Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine Entdeckungsreise auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie dahin, über modernde Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu Füßen der erhabenen Fürsten der Wälder, die von den Kronen bis zur Wurzel, als Zeichen ihrer Würde, mit dem Wundergerank der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel behangen waren. Hie und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige Plätzchen, die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert waren.
Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das ihnen seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht drei Meilen lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das Ufer, dem sie zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von etwa hundert Meter Breite von derselben geschieden war. Jede Stunde einmal erfrischten sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion und so war der Nachmittag schon weit vorgerückt, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu hungrig, um noch erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs beste am kalten Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das Moos, um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann ganz auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde lag, begann, zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter der Knaben zu bedrücken. Sie verfielen in Nachdenken. Eine Art unbestimmter Sehnsucht beschlich sie, die alsbald leise Gestalt annahm, -- es war aufkeimendes Heimweh. Selbst Finn, der ›Blut-Händige‹, träumte von seinen heimatlichen Treppenstufen und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sie sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken Worte zu geben.
Schon seit ein paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich bewußt, daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu ihnen herüberklang, gerade wie man das Ticken einer Uhr hört, ohne sich davon Rechenschaft zu geben. Jetzt aber gewann der geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte sich förmlich der Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen sich an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein dumpfes, dröhnendes ›Bum‹ aus der Entfernung über das Wasser herüber.
»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme.
»Möcht's selber wissen,« flüsterte Tom.
»Donner ist's keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, »denn Donner --«
»Still,« gebot Tom, »schwätz' nicht; horch lieber!«
Wieder warteten sie eine Zeit lang, die eine Ewigkeit schien, dann unterbrach dasselbe dumpfe ›Bum‹ die feierliche Stille.
»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.«
Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der Stadt gegenüber liegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die Büsche und lugten hinter denselben hervor auf das Wasser hinaus. Die kleine Dampffähre trieb, vielleicht eine Meile unterhalb der Stadt, mit der Strömung daher. Das breite Deck wimmelte von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um dieselbe herum oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die Jungen aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten thaten. Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauchs aus der einen Seite der Fähre hervor und als sie sich zu erheben und zerstreuen begann, erklang derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden Knaben.
»Jetzt weiß ich's,« rief Tom, »da ist einer ertrunken.«
»Das ist's, weiß Gott,« stimmte Huck bei, »so haben sie's vorigen Sommer grad' auch gemacht, als der Bill Turner ertrunken war. Da haben sie 'ne Kanone losgefeuert und da kommt dann der Tote herauf auf's Wasser. Ja, und sie nehmen auch große Brote und stecken Quecksilber hinein und lassen die schwimmen, und die schwimmen dann grad' drauf los, wo ein Ertrunkener liegt und halten da an, damit man ihn findet.«
»Ja, davon hab' ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher das Brot das wohl thut?«
»Na, das Brot selber thut's weniger, als das, was sie vorher drüber sprechen, den Zauber, mein' ich,« sagte Tom.
»Aber sie sprechen gar nichts drüber,« versicherte Huck, »ich war ja ganz nah' dabei und hab' alles gesehen.«
»Das wär' sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie's nur leise. Natürlich ist's so, das könnt' ein Kind wissen,« fügte er geringschätzend bei.
Die andern beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben könne. Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch irgend einen Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung betraut werde, könne man doch unmöglich viel Verstand erwarten.
»Weiß Gott, ich wollt', ich wär' drüben dabei,« rief Joe.
»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb' alles drum, wenn ich wüßt', wer da gesucht wird.«
Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte ein erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief:
»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist -- wir sind's!«
Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende Erinnerungen an Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch das Beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der ganzen Stadt. Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür lohnte es sich wahrhaftig, Pirat zu sein!
Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben sich nach ihrem Lager. Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten. Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung. Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden Ueberzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein Seufzer nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ vor, wie wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, -- nicht jetzt natürlich, aber --
Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der Schwankende suchte sich alsbald heraus zu reden, um sich mit einem möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen. Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt.
Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom, auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam. Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und kroch im Gras umher, beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las ein Stück weißer, cylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andre in Joes Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben Hut vertraute er dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball, drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes Kristall‹ ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach der Sandbank in Trab setzte.
Vierzehntes Kapitel.
Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch reichte ihm das Wasser kaum bis zur Brust, als er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt aber erlaubte die Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab er sich dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, als er selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu erreichen und an einer niederen Stelle desselben zu landen. Er fühlte in seiner Tasche nach dem Rindenstück, fand es sicher an seinem Platz und schritt nun mit triefenden Kleidern waldeinwärts am Ufer entlang. Kurz vor zehn Uhr kam er an einen freien Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen gegenüber, und sah die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer angekettet. Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser und schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das an der Seite der Fähre befestigt war. Dort streckte er sich unter die Ruderbank und wartete atemlos. Alsbald ertönte eine heisere Glocke und eine Stimme gab den Befehl zum Abstoßen. Eine bis zwei Minuten später wurde das Boot von der Fähre scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen. Tom beglückwünschte sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war die letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf oder fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte über Bord und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa fünfzig Meter unterhalb des Städtchens landend, aus Furcht, noch späten Herumschwärmern zu begegnen. Er flog durch einsame Gäßchen und befand sich nach kurzem am hintern Zaun von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers, in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe Harpers Mutter dicht zusammen und redeten. Sie saßen vor dem Bett und das Bett befand sich zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf den Hof führte. Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die Klinke zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein wenig mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den Spalt, bis er ihn für groß genug hielt, um sich auf den Knieen durchzuschieben. Dann steckte er den Kopf durch und begann mutig vorwärts zu kriechen.
»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. -- Tom beeilte sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die Thür ist ja offen, so viel ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die Schrecknisse gar kein Ende! Geh', Sid, mach' die Thür zu!«
Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. Da lag er mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann kroch er weiter vor, bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße berühren konnte.
»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war er nicht, was man so schlecht heißt, -- nur immer voller Tollheiten, voller Unsinn und immer oben hinaus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übel nehmen wie einem Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß Gott der gutherzigste Junge der lebte und --« sie begann zu weinen.
»Grad' so war mein Joe, -- immer voller Teufeleien und zu jedem tollen Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut dabei, wie nur möglich. Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, seine eigene Mutter, geh' hin und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den alten Rahm genommen, denk' nicht dran, daß ich den doch selber fortgeschüttet hab', weil er sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in dieser Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!« Und Frau Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen.
»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, »wenn er aber hier in manchem besser --«
»_Sid!_« -- Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick, das drohende Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich er's nicht sehen konnte.
»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun von uns gegangen ist. Der allmächtige Gott wird sich seiner schon annehmen, da brauchst du dich nichts drum zu kümmern. O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie ich's überleben soll, weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein ganzer Trost, obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus quälte!«
»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst vorigen Sonntag ließ mir mein Joe einen Schwärmer grad' unter der Nase platzen, worauf ich ihm eins versetzte, daß er umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald -- ach, Herr du meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich würde ihn an mein Herz drücken und küssen.«
»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß, weiß es ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein Tom dem unvernünftigen Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ eingegossen, den er selber hat nehmen sollen. Na, ich denk' die Katze reißt's Haus ein, so tobt die herum. Und ich, Gott verzeih mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den Kopf mit meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! Er hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört hab', waren, daß er mir vorwarf --«
Diese Erinnerung aber war zu viel für die alte Dame, sie brach vollständig darunter zusammen. Tom schluchzte jetzt selber, mehr aus Mitleid mit sich, als aus irgend einem andern Grund. Er hörte, daß Mary weinte und von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort über ihn dazwischen warf. Seine eigene Meinung von sich stieg um ein Beträchtliches. Der Kummer seiner Tante rührte ihn aber doch sehr und kaum konnte er der Versuchung widerstehen, hervorzubrechen aus seinem Hinterhalt und ihren Jammer in Freude zu verwandeln. Der theatralische Effekt, den solche Scene notwendig hervorrufen mußte, reizte ihn gewaltig, doch er erwehrte sich dessen tapfer und blieb still. Er fuhr fort zu lauschen und merkte aus allerlei Bruchstücken der Reden, die er zusammensetzte, daß man zuerst geglaubt hatte, er und die Kameraden seien beim Schwimmen verunglückt. Dann wurde das kleine Floß vermißt. Verschiedene Jungen gaben nun an, daß die Vermißten gesagt hätten, die ganze Stadt solle bald was Neues erfahren. Die ›weisen Häupter‹ der Gemeinde reimten sich nun verschiedenes zusammen und waren schließlich darin einig, daß die Jungen auf dem Floß davon gegangen und baldigst in der nächsten Stadt flußabwärts auftauchen dürften. Gegen Mittag aber war das leere Floß aufgefunden worden, das etwa vier Meilen unterhalb des Städtchens ans Ufer getrieben war, und da schwand jede Hoffnung. Sie mußten ertrunken sein, sonst hätte sie der Hunger vor Nacht nach Hause gejagt, wenn nicht noch früher. Man glaubte, die Suche nach den Leichen sei hauptsächlich deshalb erfolglos geblieben, weil die Ertrunkenen wohl mitten im tiefsten Wasser umgekommen sein mußten, denn die Jungen waren flotte Schwimmer und hätten sich sonst sicherlich ans Ufer gerettet. Das war am Mittwochabend. Wenn es nun nicht gelang, bis Sonntag die Leichen aufzufinden, so mußte man jeder Hoffnung entsagen, und es sollte an dem Tage ein Trauergottesdienst in der Kirche abgehalten werden. Tom schauderte.
Frau Harper schluchzte ein ›Gutenacht‹ und erhob sich zum Gehen. Von einem gemeinsamen Antrieb ergriffen, flogen die beiden verwaisten Frauen einander in die Arme, weinten sich ein paar Minuten aus und nahmen darauf Abschied. Tante Polly sagte Sid und Mary mit besonderer Zärtlichkeit ›Gutenacht‹, Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte aus Herzensgrund.
Jetzt kniete Tante Polly nieder und betete für Tom, so rührend, so eindringlich, mit solch maßloser Liebe in jedem Wort, jedem Ton ihrer alten, zitternden Stimme, daß der Missethäter unter dem Bett wieder förmlich zerfloß in Thränen, lange ehe sie geendet hatte.