Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

Part 7

Chapter 73,795 wordsPublic domain

»Nee, Tom, so leicht geht das nicht! Das ist freilich gut genug für kleine, lumpige Sachen, -- besonders, wenn man was mit Mädchen hat, die dummen Dinger verklatschen einen doch immer, wenn sie mal in der Patsche sitzen, -- bei so was Großem aber, wie das, muß was Schriftliches dabei sein -- und Blut!«

Tom war mit Leib und Seele bei dieser Idee. Sie war tief, düster, unheimlich, -- mit der Zeit, dem Ort, den Umständen im Einklang. Er hob eine reine Holzschindel auf, die dort im Mondlicht lag, nahm ein Endchen Rotstift aus der Tasche, setzte sich so, daß der Mond die Schindel beleuchtete und kritzelte darauf folgende Zeilen, jeden Grundstrich mit einem krampfhaften Druck der Zunge gegen die Zähne betonend, der bei den Haarstrichen mechanisch nachließ:

»_Huck Finn und Tom Sawyer, die schwören, daß sie hierüber den Mund halden wollen und wollen auf der stelle tot umfallen, wann sie's jehmals ausblautern._«

Huckleberry war voll Staunen und Bewunderung ob Toms Gewandtheit im Schreiben und der Erhabenheit seines Stils. Flink zog er eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter und wollte sich eben sein Fleisch ritzen, als Tom rief:

»Wart', thu's nicht. So 'ne Nadel ist von Messing und da könnt' Grünspan dran sein.«

»Grünspan? Was ist das für 'n Span?«

»Gift ist's, -- weiter nichts. Schluck's nur mal runter, wirst schon sehen!«

Tom langte dann eine von seinen Nähnadeln vor, wickelte den Faden ab und jeder der Jungen stach sich damit in den Ballen der Hand und quetschte einen Tropfen Blut hervor.

Mit Geduld, nach oftmaligem Quetschen, brachte denn auch Tom seine Initialen zustande, wozu er die Spitze des kleinen Fingers als Feder gebrauchte. Dann zeigte er Huckleberry, wie dieser ein ~H~ und ein ~F~ zu machen habe und der Eidschwur war gültig. Sie vergruben die Schindel dicht an der Mauer, unter Anwendung von allerlei unheimlichen Zeremonien und Zauberformeln, und die Fesseln, die ihre Zungen banden, wurden als fest geschlossen, der Schlüssel dazu als weggeworfen betrachtet.

Eine Gestalt schob sich in dem Moment verstohlen durch eine Lücke am andern Ende des verfallenen Gebäudes, die Jungen aber bemerkten sie nicht.

»Tom,« flüsterte Huckleberry, »werden wir nun niemals nichts von der Geschichte sagen können, niemals?«

»Natürlich nicht. Was auch kommen mag, wir müssen den Mund halten. Sonst fielen wir ja gleich tot um, hast du das schon vergessen?«

»Nee, -- aber -- ja, du hast recht.«

Eine Zeit lang flüsterten sie noch leise zusammen. Plötzlich schlug ein Hund ein langgezogenes, unheimliches Geheul an, dicht vor ihrem Schlupfwinkel, vielleicht zehn Schritte von ihnen entfernt. Die Jungen umklammerten einander in Todesangst. Ihr Aberglaube hatte wieder die Oberhand.

»Wen von uns meint er wohl?« ächzte Huckleberry.

»Weiß ich's? -- guck' durch den Ritz, schnell!«

»Guck' du, Tom!«

»Ich kann nicht -- kann's nicht, Huck!«

»Bitte, Tom, bitte! Da -- da ist's wieder!«

»Ach, Gottchen, wie dank' ich dir,« flüsterte Tom. »Ich kenn' die Stimme, 's ist Harbisons Tyras seine.«

»Das ist 'n Glück, Tom, ich sag' dir, ich war halb tot vor Schreck; dacht' schon, 's sei ein fremder Hund.«

Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz abermals bis in die unterste Zehenspitze.

»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons Tyras. Guck' doch mal, Tom.«

Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor Furcht, und legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war kaum verständlich, als er zurück fuhr mit einem:

»Huck, 's ist _ein fremder Hund_!«

»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?«

»Er muß uns beide meinen, -- wir stehen dicht zusammen.«

»Tom, dann sind wir hin, ich sag' dir's. Wo ich hinkommen werde, für mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin so oft gottlos gewesen.«

»Ach Huck, das kommt davon, wenn man die Schule schwänzt und immer thut, was verboten ist. Ich hätt' grad' so gut und brav sein können wie Sid, -- aber natürlich, das paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit heiler Haut davon komme, so schwör' ich, daß ich mein Lebenlang in die Sonntagsschule gehen will, -- ich Elender!«

Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die Augen zu reiben.

»Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, Tom Sawyer, du bist Gold, reines Gold, sag' ich dir, gegen mich. Ach, Gottchen, Gottchen, Gottchen, -- ja, wenn ich nur halb die Gelegenheit gehabt hätt', gut zu sein, wie du, Tom, ich --«

Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig:

»Sieh' doch, Huck, sieh'! Er kehrt uns ja den _Rücken zu_!«

Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen.

»Weiß Gott, so ist's! Hat er denn vorher das auch schon gethan?«

»Ei, freilich; ich Esel hab' aber gar nicht drauf acht gegeben. Na, das ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?«

Das Geheul verstummte. Tom spitzte die Ohren.

»Scht, -- was ist das?« flüsterte er.

»'s klingt wie -- na, wie Schweinegrunzen. Doch nein, -- da schnarcht einer, Tom!«

»Wahrhaftig, so ist's! Woher kommt's wohl, Huck?«

»Ich glaub' von dort, vom anderen Ende. 's klingt wenigstens so. Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, Herrgott, wenn _der_ schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich glaub' auch nicht, daß der je wieder hierher kommt.«

Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele der Knaben.

»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich voran gehe?«

»Viel Lust hab' ich nicht, Tom. Wenn's nun der Indianer-Joe wäre?«

Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich die Versuchung wieder mit aller Macht und die Jungen kamen überein, die Sache zu untersuchen, aber Fersengeld zu geben, sowie das Schnarchen aufhöre. So stahlen sie sich denn auf den Zehenspitzen, einer hinter dem andern, dem Orte zu, von wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher entfernt, trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach. Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß sein Gesicht sich dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. Den Jungen hatte das Herz still gestanden, als der Mann sich regte, nun aber schwand ihre Angst. Auf den Zehen schlichen sie hinaus durch die geborstene Mauer und blieben in geringer Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu tauschen. Wieder erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die Nachtluft hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur ein paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, diesem den Kopf zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel deuten.

»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem.

»Sag' mal, Tom, 's hat mir einer erzählt, daß um dem Johnny Miller sein Haus 'n fremder Hund herumgeheult hätt' vor 'n paar Wochen und daß 'ne Eule sich auf dem Dach gezeigt hat, und doch ist noch keiner tot dort.«

»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am selben Sonnabend die Grace Miller auf den Herd gefallen und hat sich schrecklich verbrannt?«

»Wohl, aber tot ist sie doch nicht -- im Gegenteil viel besser.«

»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der Muff Potter dort sterben muß. So sagen die Nigger und die wissen Bescheid in den Geschichten, Huck!«

Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken.

Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war die Nacht beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten Vorsicht und fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen Glück dazu wünschte, daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug etwas gemerkt habe. Armer, blinder Tom! Er selbst hatte nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der sanft schnarchende Sid wachte, wach gewesen war seit einer Stunde.

Als Tom am andern Morgen die Augen aufschlug, war Sid angekleidet und fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich einen späten Schein, es lag was Spätes in der ganzen Atmosphäre. Tom erschrak. Warum hat man ihn nicht gerufen, -- ihn nicht geplagt wie gewöhnlich, bis er auf war?

Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb fünf Minuten war er in den Kleidern und die Treppe hinunter, noch ganz schwindelig und müde. Ihm war nicht wohl zu Mute. Die Familie saß noch um den Tisch, das Frühstück war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs erhob sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen des armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte sich nieder, versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das aber war verlorne Liebesmüh'. Kein Lächeln, keine Antwort kam; auch er verfiel in Schweigen und sein Herz sank in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung und Bekümmernis.

Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom lebte sichtlich auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente Züchtigung vom Stapel laufen würde. Dem aber war nicht so. Tante Polly fing an zu weinen, fragte, wie er es über sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz beinahe zu brechen, und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur hingehen, sich zu Grunde richten und ihre grauen Haare mit Schande in die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle es auch gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und vergebens. Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel und Toms Herz war nun noch matter und elender als sein Körper. Er weinte, bat um Verzeihung, gelobte Besserung wieder und wieder und wurde schließlich entlassen mit dem beschämenden Gefühl, doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen in seine Gelöbnisse gefunden zu haben.

Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste gegen Sid, den Verräter, zu spüren, und so war des letzteren hastige Flucht durch die Hinterthüre unnötig. Trübselig und traurig machte er sich nach der Schule auf und nahm mit Joe Harper zusammen seine Tracht Prügel für das Schulschwänzen entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele schlimmeres Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser Welt. Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in die Wand und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen erreicht hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellenbogen ruhte auf irgend etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig seine Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es war in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener, ungeheurer Seufzer folgte ... Es war jener Messingknopf, den er Becky gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte den Becher seiner Trübsal zum Ueberfließen.

Zehntes Kapitel.

Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen plötzlich wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. Es bedurfte nicht des Telegraphen, von dem man sich damals überhaupt noch nichts träumen ließ; die Nachricht flog von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von Haus zu Haus, mit kaum geringerer Schnelle, als der elektrische Funke. Natürlich gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm das Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war dicht bei dem Gemordeten gefunden worden und jemand hatte es als dem Muff Potter gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. Auch sollte ein Bürger, der sich verspätet hatte, auf Potter gestoßen sein, wie er sich im Bache wusch, gegen ein oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt sah, eiligst davon schlich, -- lauter verdächtige Momente, namentlich das Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. Die ganze Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach dem ›Mörder‹ (das Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis und Urteilsspruch), er sei aber nirgends zu finden. Reiter waren nach jeder Richtung abgesandt und der Sheriff war überzeugt, daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht einfangen werde.

Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms Herzensnot schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er nicht tausendmal lieber wo anders gewesen wäre -- aber eine unheimliche, unerklärliche Zauberkraft lockte und zog ihn dorthin. Am Schreckensorte angekommen, schob und zwängte er seine kleine Person durch die dichte Menge und stand bald vor dem gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein Menschenalter her, seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand zwickte ihn am Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die Huckleberrys. Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, den sie sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem Flüsterton und hatte genug zu thun mit dem furchtbar-schauerlichen Ereignis, dessen Schauplatz man umstand.

»Armer Bursche!« »Armer, junger Mensch!« »Dies sollten alle Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter muß baumeln dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten die Bemerkungen, die fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das war ein Gottesgericht, -- hier sehen wir die Hand des Herrn.«

Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick war auf das stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. Im selben Moment begann die Menge zu schwanken und zu drängen und einzelne Stimmen riefen: »Da ist er, da ist er, dort kommt er selber!«

»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen.

»Muff Potter!«

»Da, jetzt halten sie ihn an! Er dreht sich um -- haltet, haltet fest, laßt ihn nicht durchbrennen!«

Leute, die in den Aesten der Bäume saßen, über Toms Kopf, meinten, Muff versuche gar nicht zu entrinnen, -- er sähe nur ganz dumm und verblüfft aus.

»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl noch mal in Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft zu finden!«

Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter am Arme haltend. Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich eingefallen aus und aus den Augen starrte das Entsetzen, das ihn gebannt hielt. Als er vor dem Gemordeten stand, schüttelte es ihn, wie ein Krampf, er barg das Gesicht in den Händen und brach in Thränen aus.

»Ich hab's wahrhaftig nicht gethan, Freunde,« schluchzte er, »auf mein Ehrenwort, ich hab's nicht gethan.«

»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme.

Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in die Runde gehen, qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da sah er den Indianer-Joe und rief:

»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie --«

»Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff das Mordwerkzeug unter die Nase.

Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und sachte zu Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er:

»Hab's mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das -- Messer --« Ein Schauder überlief ihn, dann winkte er mit der kraftlosen Hand dem Indianer-Joe und flüsterte tonlos:

»Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen, alles -- 's ist ja doch umsonst.«

Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie der hartherzige Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit jedem Moment erwarteten sie, daß der klare Himmel sich öffnen und der gerechte Gott seine Zornesblitze auf das Haupt des ruchlosen Lügners schleudern müsse; jeder weitere Moment der Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes Staunen. Und als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor ihnen stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder, den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen Leben zu retten. Solch ein Missethäter, wie Joe, mußte sich ja, das war ihnen jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben haben. Sich mit dieser Macht aber in einen Kampf um deren berechtigtes Eigentum einzulassen, konnte allzu verhängnisvoll werden.

»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst du hierher zurück?« fragte einer den mutmaßlichen Mörder.

»Ich konnt' nicht anders, konnt' nicht anders,« stöhnte dieser. »Ich hab' ja durchgehen wollen, aber 's hat mich immer wieder hierher getrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend.

Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso ruhig und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später bei der Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, sahen die Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich dem leibhaftigen Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen nun zum Gegenstand des schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, wie sie es bis dahin noch niemals empfunden, und ihre Blicke hingen wie gebannt an seinem Antlitz. Sie beschlossen innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts namentlich, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen Hoffnung, einen verstohlenen Blick auf seinen schauerlichen Herrn und Meister thun zu können.

Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen Wagen heben, der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein Flüstern durch die Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten begonnen. Huck und Tom hofften schon, dieser glückliche Umstand möchte den Verdacht auf die richtige Fährte lenken und fühlten sich daher sehr enttäuscht, als einer der Zuschauer bemerkte:

»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, da hat's freilich bluten müssen!« --

Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen störten ihm den Schlaf für länger als eine Woche nach diesem Vorfall. Eines Morgens beim Frühstück sagte Sid:

»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so laut im Traum, daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.«

Tom erbleichte und senkte die Augen.

»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. »Was hast du auf dem Herzen, Tom?«

»Nichts, Tante, ich weiß von nichts.« Aber des Jungen Hand zitterte so, daß er den Kaffee verschüttete.

»Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute nacht hast du gesagt: ›Blut ist's, Blut und gar nichts andres!‹ Und das hast du immer und immer wieder gesagt. Und dann hast du auch gesagt: ›Quäl' mich doch nicht so -- ich will's ja gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn gestehen?«

Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, was nun hätte geschehen können, wäre nicht plötzlich der forschende Blick aus Tante Pollys Auge geschwunden und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe gekommen, indem sie ausrief:

»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht. Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab' schon geträumt, ich wär's selber gewesen!«

Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufrieden gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange, lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle zurück schob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. -- Es war Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten, gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen.

Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während dieser Zeit der Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte Kerkerfenster zu schleichen und dem ›Mörder‹ allerlei kleine Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln. Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu erleichtern.

Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben. Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub einzugestehen, der dieser voran gegangen war, und so hielt man es für das Klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu bringen.

Elftes Kapitel.

Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm. Becky Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an _sie_ aus dem Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus herum, wobei ihm ganz elend zu Mute war. _Sie_ war krank. Wenn sie nun sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu. Sie war eine von denen, die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören, die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte, denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wie viel und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, -- um ein bekanntes Bild zu gebrauchen -- mit dem Sensenmann im Sattel auf dem fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des Trostes, der Balsam des Herrn in Person.

Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte ihn unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren heraus kamen,« wie Tom sagte.