Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

Part 14

Chapter 143,805 wordsPublic domain

Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt geboten wurde.

»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe den Herrn Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und jetzt, mein Sohn, erzähl' du mir alles, was du gesehen hast, erzähl's ganz schön auf deine Art, verbirg uns nichts, vergiß nichts und vor allem fürcht' dich nicht.«

Tom begann -- stotternd, zögernd im Anfang, da er sich aber mit seinem Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter und leichter. Nach ein paar Momenten erstarb jedes andere Geräusch im ganzen, weiten Saale, nur der Laut der klaren, hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge war auf den Jungen gerichtet, offnen Mundes, mit verhaltenem Atem folgte man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen der Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen Schilderung der grausigen That. Die atemlose Erregung der Versammlung hatte ihren Höhepunkt erreicht, als der Junge sagte: »Und wie der Doktor mit dem Brett auf den Muff Potter einhieb und der umfiel, da sprang der Indianer-Joe mit dem Messer auf und --«

Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit einem Sprung emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm im Weg Stehenden zur Seite schleudernd, und ehe man zur Besinnung kam, hatte er sich hindurchgeschwungen und -- war verschwunden!

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt geworden, -- ein Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name wurde sogar durch den Druck unsterblich gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in vielen Lobpreisungen seiner Heldenthat. Einige seiner Mitbürger dachten allen Ernstes dran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident zu werden -- d. h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde.

Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt Muff Potter jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte ihn so ausgiebig, wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr dies Verfahren im Grund aber zur Ehre gereicht, wollen wir's nicht weiter tadeln.

Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, seine Nächte dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen Träumen, Tod und Vernichtung standen ihm im Gesichte geschrieben. Keine Versuchung, noch so groß, gab es nun, die den Jungen hätte bewegen können, nach Einbruch der Nacht sich hinaus zu wagen. Der arme Huck befand sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem Verteidiger von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet und Huck zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte doch noch ruchbar werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe Flucht die Qual eines öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart hatte. Der arme Bursche hatte freilich den Herrn Verteidiger beschworen, reinen Mund zu halten, und dieser hatte es ihm auch versprochen; aber welche Sicherheit bot ihm das? Seit die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger bei Nacht und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht erschüttert, ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende Dankesbeweise Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und allnächtlich wünschte er inständig, das Geheimnis bewahrt zu haben. Einmal fürchtete Tom, man möchte den Indianer-Joe niemals erwischen, dann wieder entsetzte ihn der Gedanke, daß man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit Bestimmtheit, daß er keinen ruhigen Atemzug mehr thun könne, ehe dieser Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe.

Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht worden, aber kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte eines jener allwissenden, scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, einen Detektiv aus St. Louis, verschrieben. Der schnüffelte umher, schüttelte sein weises Haupt, sah geheimnisvoll aus, und hatte denselben erstaunlichen Erfolg, den die meisten Angehörigen seines Berufes erringen, das heißt, er entdeckte, wie er sagte, ›den Schlüssel zum Rätsel‹. Da man aber besagten Schlüssel nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte sich Tom, nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor.

Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber nahm ein jeder neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst mit sich hinweg, die auf dem armen Knaben lastete.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Es naht einmal eine Zeit in dem Leben eines jeden Jungen von echtem Schrot und Korn, wo er ein rasendes Verlangen empfindet, nach verborgenen Schätzen zu graben. Dies Verlangen nun überfiel eines Tages unsern Tom mit Allgewalt. Er wollte sich gleich mit Joe Harper in Verbindung setzen; dieser war jedoch nicht zu finden. Dann schaute er sich nach Ben Rogers um, und der war fischen gegangen. Zufällig stieß er auf Huck Finn, den ›Rot-Händigen‹, und in Ermangelung der andern war ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite an einen geheimen Ort und teilte ihm im Vertrauen den Plan mit. Huck war einverstanden. Huck war immer bereit, die Hand zu irgend einem Unternehmen zu bieten, welches Vergnügen versprach und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen Ueberfluß von der Zeit, die _kein_ Geld ist.

»Wo sollen wir graben?« fragte Huck.

»Na, so 'n bißchen überall.«

»Was? giebt's denn überall 'nen Schatz?«

»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an ganz besonderen Plätzen. Mal auf 'ner Insel, dann in 'ner alten, verfaulten Kiste, die unter einem alten, vermoderten Baumstamm verscharrt ist, grad' da, wo der Schatten um Mitternacht hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz unter'm Boden eines Hauses, in dem's spukt.«

»Wer steckt 'n denn da hin?«

»Wer? Ei, Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa 'n Vikar, der die Sonntagsschule hält, was?«

»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd' den Schatz nicht irgendwo vergraben, wenn er mein wär', sondern nehmen und ausgeben und lustig damit leben.«

»Ich auch. Räuber aber machen's anders, die vergraben ihn immer und lassen ihn liegen.«

»Und gucken gar nie mal danach?«

»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen vergessen, oder sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der Schatz da 'ne Ewigkeit und wird rostig. Und dann nach einiger Zeit entdeckt mal einer ein altes, gelbes Papier, auf dem steht, wie man die Zeichen finden kann, ein Papier, an dem man 'ne Woche lang und länger 'rum buchstabieren und entziffern muß, denn 's steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle Krakelfüße und Hieroglyphen.«

»Hiero -- was?«

»Hieroglyphen -- Bilder und Gekritzel und solches Zeug, von dem man meint, es habe keinen Sinn.«

»Hast _du_ denn so 'n Papier, Tom?«

»Nee.«

»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?«

»Zeichen? Ich brauch' keine Zeichen. Ich weiß ja genau, daß der Schatz immer unter 'nem Spukhaus, oder auf 'ner Insel, oder unter 'nem alten, abgestorbenen Baum liegt, der noch einen Ast in die Höhe streckt. Na, wir haben ja die Jackson-Insel schon mal 'n bißchen abgesucht, dort können wir's noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten, abgestorbenen Bäumen überall, -- Haufen, sag' ich dir!«

»Na, und unter allen liegt einer vergraben?«

»Unsinn! Du fragst wie du's verstehst. Natürlich nicht.«

»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?«

»Ei, wir probieren's eben überall.«

»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.«

»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber 'nen alten Topf mit hundert blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder 'ne Kiste voll Diamanten, dann wärst du nicht böse?«

Hucks Augen glühten.

»Das -- das wär' 'n Fressen für mich; das Geld genügte mir, die Diamanten ließ ich dir!«

»Schon recht. Ich werf' sie nicht weg, sag' ich dir, Dummkopf! Ei, einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, 's giebt keinen, der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents oder 'nen Dollar gilt.«

»Nee! Wahrhaftig?«

»Na, das kann dir 'n Wickelkind sagen! Hast du denn nie mal einen gesehen, Huck?«

»Nee. Nicht daß ich wüßte!«

»O, Könige haben ganze Haufen davon.«

»Na, ich kenn' aber keine Könige, Tom.«

»Glaub's wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, könnt'st du sie in Scharen 'rumhopsen sehen.«

»Hopsen die denn?«

»Hopsen? -- Bist wohl verrückt? Nein, hopsen thun sie nicht.«

»Na, was sagst du's denn?«

»Däsbartel! Ich wollt' ja nur sagen, dann könnt'st du sie _sehen_, -- nicht hopsen, natürlich, -- weshalb sollten sie denn hopsen? Ich meinte nur, so im allgemeinen würdest du 'ne Menge davon sehen, überall 'rum. Zum Beispiel den alten, buckeligen Richard.«

»Richard -- wie heißt er weiter?«

»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige haben nur einen Rufnamen.«

»Wahrhaftig?«

»Weiß Gott, sie haben nur einen.«

»Na, wenn's ihnen recht ist, Tom, mir kann's eins sein. Ich möcht' aber kein König sein und nur so einen lumpigen Namen haben, grad' wie 'n elender Nigger. Aber sag' mal, wo wollen wir denn zuerst graben?«

»Weiß selber nicht. Wie wär's, wenn wir uns mal zuerst an den alten Baum machten, da drüben auf dem Hügel über'm Stillhausbach?«

»Mir recht!«

So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke und Schaufel und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. Heiß und außer Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen in den Schatten einer benachbarten Ulme, holten ihre Pfeifen hervor und dampften wacker drauf los.

»So mag ich's,« sagte Tom.

»Ich auch.«

»Sag' mal, Huck, wenn wir hier 'nen Schatz finden, was willst du dann mit deinem Teil anfangen?«

»Ich? Ei, ich eß' jeden Tag Kuchen und Pasteten, und trink' Wein und Sodawasser dazu. Und dann geh' ich in jeden Zirkus, der kommt und -- na, ich will mir schon ein vergnügtes Leben machen!«

»Und sparen willst du dir gar nichts?«

»Sparen? Zu was?«

»Ei, um später was zum Leben zu haben.«

»Würd' mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß mal wieder zum Vorschein, und wenn ich's nicht vorher thät', hätt' der bald genug mit allem aufgeräumt, darauf wett' ich. Was willst du denn mit deinem Teil anfangen, Tom?«

»Ich? ich kauf' mir erst mal eine neue Trommel und ein richtiges Schwert und eine rote Krawatte und 'ne junge Bulldogge und dann -- dann verheirat' ich mich.«

»Verheirat'st dich?«

»Jawohl.«

»Tom, du -- bist wohl übergeschnappt?«

»Wart' nur -- dann sollst du's erleben.«

»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du thun kannst. Nimm nur mal meinen Alten und meine Mutter an. Nichts als Keilerei! Die haben immerzu aufeinander losgedroschen, das weiß ich noch ganz gut.«

»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat', prügelt sich nicht herum.«

»Tom, glaub's nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen versteht 'ne jede. Ueberleg' dir's noch ein Weilchen, sag' ich dir -- überleg' dir's. Wie heißt denn das Mädel?«

»'s ist kein Mädel -- es ist ein Mädchen.«

»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, 's ist ganz dasselbe, gehupft wie gesprungen. Na also, wie heißt sie, Tom?«

»Will dir's vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.«

»Mir auch recht. Nur werd' ich, wenn du dich verheirat'st, noch viel alleiner sein als je.«

»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. Na, jetzt laß uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.«

Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein Erfolg. Noch eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. Derselbe Erfolg. Jetzt sagte Huck:

»Liegt so 'n Schatz immer so tief drunten?«

»Manchmal, -- nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben eben vermutlich nicht den richt'gen Platz getroffen.«

Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. Etwas weniger rasch als im Anfang ging die Arbeit von statten, doch machten sie Fortschritte. Stillschweigend mühten sie sich eine Weile ab. Schließlich stützte sich Huck auf seine Schaufel, wischte sich mit seinem Aermel die Schweißtropfen von der Stirn und fragte:

»Wo gehen wir nachher hin, wenn wir hier fertig sind?«

»Ei, an den alten Baum, denk' ich, der dort auf dem Cardiff-Hügel hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.«

»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz nicht wegnehmen? Der Baum steht doch auf ihrem Boden.«

»_Die_ uns wegnehmen? Sollt's mal probieren! Wer so 'nen Schatz findet, dem gehört er auch. 's kommt gar nicht drauf an, wo er gefunden wird.«

Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt voran. Endlich sagte Huck:

»Hol's der Geier! 's muß wieder der falsche Platz sein. Was meinst du?«

»Sonderbar ist's, Huck, ich versteh's nicht recht. Manchmal steckt Hexerei dahinter. Vielleicht ist's jetzt auch hier so.«

»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.«

»Wahr ist's, daran hab' ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß ich, was schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man muß ja doch erst wissen, wo der Schatten des Baumes um Mitternacht hinfällt, und da liegt der Schatz.«

»Na, dann hol's der Teufel! Dann ist ja die ganze Graberei umsonst gewesen. Hol's der Henker, alles mit'nander, müssen also in der Nacht den scheußlich weiten Weg noch einmal machen! Kannst du los kommen?«

»Freilich kann ich. Heut' nacht muß es jedenfalls sein, denn wenn einer kommt, und sieht die Wühlerei und die Löcher, dann weiß er gleich, was los ist, macht sich selber dahinter und schnappt uns am Ende die Bescherung vor der Nase weg.«

»Gut also. Ich werd' diese Nacht kommen und miauen.«

»Schön. Komm her, wir verstecken unsre Hacke und Schaufel im Gebüsch.« --

Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der Nacht an Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer Ort und eine von Alters her feierliche Stunde. Geister flüsterten im raschelnden Laube, Gespenster lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln, das dumpfe, tiefe Gebell eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem eine Eule mit hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle Feierlichkeit der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht da sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den Schatten des Baumes hinwarf, und begannen zu graben. Ihre Hoffnungen stiegen. Das Interesse wuchs, und der Fleiß hielt ehrlich Schritt. Das Loch wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, wenn sie die Hacke auf etwas Festes aufklingen hörten und ihnen das Herz voll freudiger Erwartung laut klopfte, war's nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war's gewesen, oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom:

»Es nutzt nichts, Huck, 's ist wieder der falsche Platz.«

»'s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten auf's Haar abgezirkelt.«

»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.«

»Was denn?«

»Ja sieh'. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. Am Ende war's zu spät oder zu früh.«

Huck ließ die Schaufel sinken.

»Das ist's, weiß Gott!« sagte er. »Da liegt der Hund begraben! Ich meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen wir je die richtige Zeit herausfinden, und außerdem -- 's ist so gruselig hier um die Zeit in der Nacht mit all den Geistern und Gespenstern, die nur so in der Luft herum flattern. Ich mein' immerzu, 's stünd' einer hinter mir, aber ich fürcht' mich herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein könnt', der nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh'. Seit ich hier bin, läuft's mir fortwährend eiskalt über den Rücken!«

»Mir geht's beinah' ebenso, Huck. Weißt du, meistens liegt auch bei so 'nem Schatz irgend ein toter Mensch vergraben, der Wache halten soll.«

»Herr, du mein Gott!«

»Ja, so ist's, das hab' ich oft gehört.«

»Tom, ich befaß' mich nicht gern mit den Toten. Die machen einem immer nur Ungelegenheiten.«

»Ich hab' auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk' mal, wenn der hier plötzlich seinen Schädel 'raus streckte und was sagen wollte.«

»Tom, Tom, hör' auf. 's ist schauerlich!«

»Das ist's, Huck. Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, sag' ich dir.«

»Komm, Tom, wir stecken's auf und graben mal wo anders.«

»Gut, 's ist am End' besser.«

Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann:

»Im Gespensterhaus. Das ist der richt'ge Ort!«

»Hol's der Geier. Ich mag keine Häuser, in denen's spukt, Tom. Weiß Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote Menschen. Die mögen meinethalben mal plötzlich, ohne daß man dran denkt, den Mund aufthun und einen erschrecken, aber die kriechen doch nicht herum in ihren Leichentüchern wie die Gespenster, und sehen einem plötzlich über die Schulter, wenn man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen und Beinern. Das könnt' ich nicht aushalten, Tom, -- kein Mensch könnt' so was.«

»Ja, aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. Am Tag werden sie uns dort am Graben nicht hindern.«

»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner hier gern dem Gespensterhaus nah' geht, bei Tag nicht und nicht bei Nacht!«

»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet worden ist. Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in der Nacht um das Haus herum, höchstens mal 'n blaues Licht am Fenster vorbeihuschen, -- keine richtigen Gespenster.«

»Na, wo du aber so 'n blaues Flämmchen siehst, Tom, kannst du Gift drauf nehmen, daß 'n Geist dicht dahinter ist. Das ist doch so klar wie was! Denn wer anders als Geister braucht so'n Licht?«

»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei Tag heraus. Also brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.«

»Gut, mir soll's recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus vornehmen. Aber -- aber ich glaub' riskiert ist's doch!«

Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels angelangt. Dort, inmitten des mondbeglänzten Thales, stand das ›Gespensterhaus‹, gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener Umzäunung. Ueppig rankendes Unkraut überzog Treppenstufen und Thürschwelle, der Schornstein war in Trümmer zerfallen; leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des Daches war eingesunken. Eine Weile blickten die Jungen unverwandt auf den gespenstischen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen Flämmchen hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen im Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann rissen sie sich los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem Bogen umkreisten, und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, welche die Rückseite des Cardiff-Hügels mit ihrem Grün schmückten.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die Jungen wiederum am Schauplatz ihrer nächtlichen Thaten ein, um ihr Werkzeug zu holen. Tom war sehr ungeduldig und konnte gar nicht schnell genug nach dem ›Gespensterhaus‹ kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte plötzlich:

»Sag' mal, Tom, weißt du, was heut' für 'n Tag ist?«

Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüber ziehen und hob dann den Kopf erschreckten Blickes:

»Ei, der Tausend, daran hab' ich gar nicht gedacht, Huck.«

»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel's mir siedend heiß ein, daß heut' Freitag sei.«

»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. Wir hätten schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit so was am Freitag angefangen hätten.«

»Hätten geraten können? Ich sag' _wären_ geraten! 's giebt Glückstage, aber der Freitag ist keiner!«

»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der erste bist, der das herausgefunden, Huck?«

»Hab' ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein ist noch nicht alles, -- hab' 'nen scheußlich schlechten Traum gehabt, heut' nacht -- hab' von Ratten geträumt.«

»Ist's möglich? Na, 'n sichres Zeichen von Pech. Bissen sie sich herum?«

»Nein.«

»Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, soll's nur bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt du. Da brauchen wir einfach nur die Augen gut aufzumachen und dem Pech aus dem Weg zu gehen. Auf jeden Fall aber wollen wir's heut' sein lassen und lieber spielen. Kennst du Robin Hood, Huck?«

»Nee, wer ist's?«

»O, der war einer der größten Männer, die je in England lebten, und der Beste dazu. Er war ein Räuber.«

»Patent! Wollt' ich wär's. Wen hat er denn beraubt?«

»Ei, nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die hatte er lieb. Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich geteilt.«

»Das muß ja 'n Staatskerl gewesen sein.«

»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der beste Mensch, der je gelebt hat. So giebt's jetzt gar keine Menschen mehr, sag' ich dir. Der konnte jeden Mann in England zwingen mit _einer_ Hand, man durfte ihm die andere festbinden. Und dann nahm er seinen Eiben-Bogen und traf jedes Zehn-Centstück auf anderthalb Meilen Entfernung.«

»Was ist denn ein Eiben-Bogen?«

»Was weiß ich? Eben irgend ein Bogen natürlich. Und wenn er dann das Geldstück nur am Rande traf, statt in der Mitte, da setzte er sich hin und weinte -- und fluchte. Komm', laß uns Robin Hood spielen, 's ist fein, sag' ich dir. Ich zeig's dir, wie.«

»Mir recht.«

So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, hie und da einen sehnsüchtigen Blick nach dem alten ›Gespensterhaus‹ da unten werfend und sich über die Aussichten und Möglichkeiten des folgenden Tages unterhaltend. Als die Sonne bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen sie den Heimweg ein, quer durch die langen Schatten, welche die Bäume nun warfen, und waren bald in den Wäldern des Cardiff-Hügels dem Auge entschwunden. --

Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich die Jungen wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst rauchten und schwatzten sie ein Weilchen im Schatten desselben, dann wühlten sie noch ein wenig in ihrem letzten Loch herum, nicht sehr hoffnungsvoll allerdings, sondern nur, weil Tom meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß man beim Schatzgraben dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung nahe gekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur damit ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die ganze Herrlichkeit entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, und so schulterten die Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, in dem erhebenden Bewußtsein, mit dem Glück nicht gespielt zu haben, sondern im Gegenteil jedes Erfordernis getreulich erfüllt zu haben, das zu dem Geschäft des Schatzgrabens gehört.

Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der sengenden Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der Einsamkeit und Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen Moment lang sich nicht getrauten hinein zu gehen. Dann schlichen sie nach der Thür und hielten zitternd Umschau. Sie sahen eine mit Unkraut überwucherte Stube vor sich, den Boden ohne Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit einem eingesunkenen Kamin, mit leeren Fensterhöhlen und einer halb verfallenen Treppe. Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten, verlassenen Spinngeweben herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen ein, beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres, bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt, um jeden Moment zum Rückzug bereit zu sein.

Bei näherer Bekanntschaft mit dem Ort verringerte sich allmählich ihre Furcht, und unsere beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer genauen und eingehenden Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre eigene Kühnheit zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten fertig, wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß so viel, als sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im Zuge, sich gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, und so warfen sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel und stiegen hinauf. Oben fanden sie dieselben Zeichen des Verfalls. In einem Winkel entdeckten sie einen Wandschrank, der irgend ein Geheimnis zu bergen versprach, -- dies Versprechen war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer. Der Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben waren sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als --

»Sscht!« sagte Tom.