Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

Part 15

Chapter 153,676 wordsPublic domain

»Was giebt's?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend.

»Sscht! Da! Hörst du?«

»Ja! O, du meine Güte! Laß uns rennen!«

»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen grad' auf die Thür los.«

Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit den Augen durch die Astlöcher in den Dielen und warteten zitternd vor verhaltener Furcht und Erregung.

»Sie bleiben stehen -- nein -- sie kommen -- da -- da sind sie. Kein Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch mit heiler Haut aus der Patsche!«

Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu sich selber:

»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in der letzten Zeit ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, -- den andern kenn' ich nicht.«

›Der andere‹ war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen Gesicht nicht eben einnehmend war. Der Spanier war in seine ›Serape‹ gehüllt, er hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; langes, weißes, wehendes Haar stahl sich unter seinem breiträndigen Hute vor, dazu trug er grüne Augengläser. Als sie herein kamen, redete eben ›der andere‹ mit leiser Stimme auf ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht der Thüre zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Der Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je länger er sprach, desto mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen und desto lauter wurden seine Worte.

»Nein,« sagte er, »ich hab's mir überlegt, aber ich mag nicht. 's ist mir viel zu gefährlich.«

»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum größten Erstaunen der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!«

Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und nach Atem ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe.

Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser:

»Was giebt's wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, das ich dort drüben geliefert, -- damit wies er mit dem Finger nach der Richtung der Stadt, -- und ist da vielleicht was 'raus gekommen dabei?«

»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein anderes Haus in der Nähe! Wie soll überhaupt etwas 'raus kommen, wenn wir keinen Erfolg gehabt haben.«

»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierher kommen? Ei jedem, der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.«

»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von neulich war kein Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude hier! Hab's gestern schon gewollt, nur nutzte es nichts, da die verteufelten Jungens da oben beim alten Baum vor unserer Nase ihr Spiel trieben.«

Die ›verteufelten Jungens‹ erbebten bei dieser Bemerkung und beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags erinnert und beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie wünschten sie jetzt, statt eines Tages ein Jahr gewartet zu haben! Die zwei Männer kramten nun Nahrungsmittel aus und machten sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer langen, gedankenvollen Pause sagte der Indianer-Joe:

»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder flußaufwärts, wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von mir Nachricht hast. Ich schleich' mich noch mal in die Stadt, geh's wie's will, und halt' Umschau. An das ›gefährliche Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich die Zeit dazu für gekommen halte. Dann auf und davon nach Texas!«

Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch. Die Männer begannen zu gähnen und Joe sagte:

»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!«

Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen. Sein Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. Alsbald begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer und tiefer, nun schnarchten beide Männer.

Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom wisperte:

»Jetzt gilt's, komm!«

Huck erwiderte:

»Ich kann nicht. Ich fiel' geradeswegs tot hin, wenn sie aufwachen.«

Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig und leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. Beim ersten Schritt aber, den er vorwärts that, krachte die alte, morsche Diele so laut und drohend, daß er plötzlich halbtot vor Schreck wieder umsank. Einen zweiten Versuch wagte er nicht. So lagen denn die Jungen und zählten die träge sich dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten, alle Zeit müsse aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden sein, und sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die Sonne sich zu neigen begann.

Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der Indianer-Joe richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig über seinen Kameraden, dessen Kopf auf die Kniee gesunken war, stieß ihn mit dem Fuße an und sagte:

»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Uebrigens einerlei, 's ist ja nichts passiert.«

»Meiner Treu, -- ich hab' doch nicht -- hab' ich wirklich geschlafen?«

»So 'n bißchen, sollt' ich denken. Na, Zeit zum Abzug für uns, Kamerad! Was thun wir mit dem bißchen Baren, das wir noch haben?«

»Weiß ich's? Hier lassen, wie wir's immer gemacht haben, das wird wohl am besten sein. Können's doch nicht herumschleppen, bis wir nach dem Süden gehen. Sechshundertundfünfzig Dollars ist 'ne ordentliche Last!«

»Na gut, -- schon recht! Liegt ja auch nichts dran, wenn wir noch mal hierher müssen.«

»Nee, aber dann möcht' ich doch raten in der Nacht zu kommen, wie früher, 's ist doch besser für alle Fälle!«

»Ganz gut, aber hör' mal zu. Es kann 'ne gute Weile dauern, eh' sich die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, das wir vorhaben. 's könnt' uns was zustoßen. 's ist an gar keinem so sehr guten Orte hier. Wir wollen's ordentlich vergraben, -- tief vergraben.«

»Das ist 'ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer durch den Raum auf's Kamin zu, kniete nieder, hob einen von den hinteren Steinen desselben in die Höhe und nahm einen Beutel heraus, worin es bei der Berührung vielversprechend klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig Dollars für sich selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte dann den Beutel dem Letzteren, der in einer Ecke auf den Knieen lag und mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte.

Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend in einem Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten sie jeder Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben überstieg jede Einbildungskraft! Sechshundert Dollars waren ja Geld genug, um ein halbes Dutzend Jungen reich zu machen. Das nannte man Schatzgraben unter den glücklichsten Umständen, da gab's keine hindernde Ungewißheit, wo man eigentlich nachzugraben habe. Sie stießen einander beständig an, mit beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die einfach bedeuten sollten: »Herrgott, bist du nun nicht froh, daß wir hier sind?«

Joes Messer stieß auf etwas Hartes.

»Holla,« sagte er.

»Was giebt's?« fragte der andre.

»Eine verfaulte Diele, -- nee 's ist 'ne Kiste, glaub' ich. Schnell, pack' an und wir wollen bald dahinter kommen, was die hier soll. Laß gut sein, ich hab' 'n Loch hinein gebrochen.«

Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus.

»Mensch, 's ist Geld!«

Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. Es war Gold. Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie die zwei Strolche unten.

Joes Kamerad sagte:

»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt 'ne alte, rostige Hacke in der Ecke, drüben auf der andern Seite des Kamins. Ich hab's eben gesehen.«

Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der Jungen herbei. Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie kritisch, schüttelte den Kopf, murmelte etwas in sich hinein und machte sich dann an die Arbeit.

Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, mit eisernen Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen zu sein, ehe der Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer starrten in glückseligem Schweigen nieder auf den gleißenden Schatz.

Endlich flüsterte Joe:

»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.«

»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich mal 'nen Sommer hier herumgetrieben hätte,« bemerkte der Fremde.

»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner Treu, ganz danach aus.«

»Jetzt können wir auch das andre Stückchen aufgeben, was!«

Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er:

»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um die sich's handelt. 's ist mir diesmal nicht um's Stehlen, -- 's ist Rache, die ich haben will.« Dabei flammten seine Augen in grellem Feuer auf. »Dazu brauch' ich dich und deine Hilfe. Wenn wir das hinter uns haben -- dann auf nach Texas! Und jetzt mach' dich heim zu deiner Hanne und deinen Bälgern und wart' bis ich dich rufe.«

»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem da an -- vergraben's wieder?«

»Ja. (Ueberwältigendes Entzücken oben.) Nein! Beim Henker, nein! (Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) Beinah' hätt' ich's vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! (Den Jungen wurde wind und weh vor Schreck und Angst.) Was hat 'ne Hacke und Schaufel hier zu thun? Gar mit frischer Erde dran? Wer hat sie hergebracht -- und wo sind die Kerls hin? Hast du was gehört -- jemand gesehen? Was! Wieder vergraben, damit die Kerls nachher kommen und sehen, daß der Grund frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm sind wir nicht. Wir schleppen's in meine Höhle!«

»Na, natürlich. Hätt' früher daran denken können. Meinst du Nummer Eins?«

»Nein, Nummer Zwei, unter dem Kreuz. Der andre Platz ist nichts wert, -- zu gewöhnlich.«

»Mir auch recht! Bald wird's dunkel genug sein, um abziehen zu können.«

Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu Fenster, immer vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er:

»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am End' sind sie oben!«

Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte die Hand an das dolchartige Messer, das in seinem Gürtel steckte, hielt einen Moment überlegend inne, und wandte sich dann der Treppe zu. Die Jungen dachten an den Wandschrank, aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen. Schon krachten die Tritte auf der Treppe, -- die fast unerträgliche Not ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, -- eben wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich ein Splittern und Krachen der morschen Balken vernehmen ließ und der Indianer-Joe inmitten der Treppentrümmer schleunigst wieder unten landete. Fluchend raffte er sich auf, und sein Kamerad sagte:

»Zu was all den Umstand. Wenn's wirklich jemand ist und sich einige da droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr Vergnügen, was liegt dran? Wenn sie 'runter springen wollen und mit uns anbinden, so mögen sie nur kommen. In fünfzehn Minuten ist's dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie wollen, mir sollt's recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls, welche die Sachen hier ablegten, wer's nun immer gewesen sein mag, uns erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was gehalten und sind davon gerannt. Die rennen noch, ich möcht' fast wetten.«

Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte er seinem Gefährten bei, daß sie das noch übrig bleibende Tageslicht benutzen müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu setzen. Kurz danach schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus dem Hause und schlugen mit ihrer kostbaren Last die Richtung nach dem Flusse ein.

Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie erlöst, und starrten den Männern durch die Spalten nach, die sich in den Wänden des Hauses befanden. Ihnen folgen? Das fiel ihnen nicht ein. Sie waren zufrieden, ohne gebrochenen Hals den sicheren Boden wieder zu erreichen, und wandten sich ohne Zögern dem über den Hügel nach der Stadt führenden Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu beschäftigt damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die bodenlose Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und liegen zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals Verdacht gefaßt. Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde verscharrt, bis er seine ›Rachepläne‹ ausgeführt gehabt, und dann wäre ihm die überraschende Entdeckung geworden, daß beides verschwunden: Silber wie Gold! Schweres, bittres Verhängnis, daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen mußten! Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich, um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder in der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach ›Nummer Zwei‹ zu folgen, wo es auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein entsetzensvoller Gedanke:

»Rache? Wenn er uns damit meint, Huck!«

»Red' nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor Schreck beinahe umfiel.

Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als sie daheim anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht sonst irgend jemand im Auge haben, oder wenigstens doch nur Tom meinen könne, da ja Tom allein gegen ihn gezeugt hatte.

Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein in Gefahr zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, würde die Sache wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich in seiner Unschuld; Huck aber schien andrer Meinung zu sein.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Am nächsten Morgen beim Erwachen erschienen Tom die Erlebnisse des verflossenen Tages wie ein böser, schwerer Traum. Er grübelte und sann, und je mehr er nachdachte und überlegte, desto mehr kam es ihm vor, daß er geträumt habe. So viel Geld auf einmal beisammen zu sehen konnte ja gar nicht Wirklichkeit sein. In seinem bisherigen Leben hatte er nie mehr als fünfzig Dollars auf einem Brett vor sich gesehen. Tausende von Dollars aber auf einem Haufen, das überstieg seine ausschweifendsten Vorstellungen, selbst von verborgenen Schätzen.

Noch ganz benommen von seinen Hirngespinsten kleidete er sich an, schlang wie geistesabwesend sein Frühstück hinunter und machte sich alsbald auf, Huck zu suchen und sich von ihm die Bestätigung zu holen, daß alles nur Traum und Schaum gewesen. Er fand diesen am Ufer des Flusses in einem Nachen, mit den Beinen über den Bootrand baumelnd und mürrisch vor sich hin starrend.

»Morr'n, Huck.«

»Morr'n, Tom. Verdammtes Pech, das, mit der Hacke und Schaufel!«

Also war's doch kein Traum, sondern greifbare, wirkliche Wirklichkeit! Tom erzählte Huck von seinen Gedanken diesen Morgen.

»Schöner Traum!« brummte der als Antwort, »hätt' was Niedliches werden können, wenn die Stiege nicht zusammengekracht wär'. Mir hat's auch die ganze Nacht geträumt, aber nur von dem Teufel von Spanier und von seiner ›Nummer Zwei‹.«

In Bezug auf diese rätselhafte Nummer ergingen sich die Jungen in allerhand Vermutungen. Schließlich kamen sie überein, es solle wohl die Nummer des Zimmers in irgend einer Herberge bedeuten, und Tom machte sich auf den Weg, es auszukundschaften.

Nach einer halben Stunde kam er zu Huck zurück und erzählte diesem, daß von den beiden Wirtshäusern der Stadt wohl nur eins in Frage kommen könne, denn in Nummer Zwei des einen wohne schon seit lange ein allgemein bekannter und geachteter junger Mann. Nummer Zwei des andren Wirtshauses dagegen sei selbst dem Sohn des Hauses ein Geheimnis. Der sage, es werde immer geschlossen gehalten und nur bei Nacht höre er zuweilen Geräusch und sehe Licht darin. Er habe immer gedacht, es müsse dort spuken.

»Das hab' ich entdeckt, Huck,« schloß Tom ganz erregt seinen Bericht. »Das ist so gewiß die Nummer Zwei, die wir suchen, so gewiß, wie ich hier vor dir steh'!«

»Wird wohl so sein, Tom. Was sollen wir aber thun?«

»Laß mich 'n bissel nachdenken.«

Und Tom dachte eine lange Weile nach, dann sagte er:

»Paß mal auf. Siehst du, die Hinterthür von der Nummer Zwei führt in den kleinen, engen Gang zwischen dem Wirtshaus und der alten Mausefalle von Ziegelbrennerei. Du kaperst nun alle Thürschlüssel, die du irgend erwischen kannst, und ich nehm' meiner Tante ihre, und in der ersten dunklen Nacht schleichen wir hin und probieren ob einer paßt. Daß du dich fein nach dem Spanier umsiehst! Der sagt ja, er wolle kommen und herumschnüffeln wegen seiner Rache. Und wenn du ihn entdeckst, dann folgst du ihm und siehst, ob er nach meiner Nummer Zwei geht, wenn nicht, ist's natürlich Essig! Also, heut' abend! Bring' nur brav Schlüssel mit!«

Am Abend waren Huck und Tom bereit zu ihrem Abenteuer. Sie trieben sich in der Nachbarschaft der Herberge herum, konnten aber nirgends etwas Verdächtiges erspähen. Um ungesehen das Experiment mit den Schlüsseln vornehmen zu können, war die Nacht viel zu hell, und so zog sich denn Tom bald nach zehn Uhr zurück, heimwärts, dem warmen Neste zu, während Huck, der etwas länger aushielt, gegen zwölf in einem leeren Zuckerfaß für die Nacht unterkroch.

Dienstag nacht verfolgte die Jungen derselbe Unstern, ebenso Mittwoch. Donnerstag endlich standen dicke Wolken am Himmel und versprachen eine schöne, dunkle Nacht. Beizeiten stellte sich Tom ein, bewaffnet mit der alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Handtuch, um dieselbe zu verhüllen. Er barg die Laterne in Hucks Zuckerfaß, und die Wacht begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde die Herberge geschlossen und ihre Lichter, die einzigen in der Nachbarschaft, ausgelöscht. Kein Spanier war gesehen worden. Niemand hatte den schmalen Gang auf der Rückseite des Hauses betreten oder verlassen. Alles schien dem Unternehmen günstig. Die schwärzeste Finsternis herrschte, und die Totenstille ringsum wurde nur hie und da durch fernes Donnerrollen unterbrochen.

Tom lief nach seiner Laterne, zündete sie an, hüllte sie fest in das Handtuch und die beiden Abenteurer tasteten sich durch die Finsternis nach dem Wirtshaus hin. Huck stand Schildwache und Tom schlich sich in den dunklen Gang hinein. Nun kam eine Pause unerträglich heimlichen, angstvollen Wartens, die auf Hucks Gemüt lastete, gleich einem erdrückenden Berge. Er begann sich heiß nach einem wieder auftauchenden Strahl der Laterne zu sehnen, der ihm zeigte, daß Tom noch am Leben sei.

Stunden schienen verflossen, seit Tom verschwunden war. Gewiß hatte er irgendwo das Bewußtsein verloren, war am Ende gar tot, vielleicht war ihm das Herz gebrochen vor Schreck und Aufregung. In seiner Angst rückte Huck dem Gäßchen näher und näher, den Kopf voll schrecklicher Befürchtungen und jeden Augenblick auf eine Katastrophe gefaßt, die ihm den Atem vollends benehmen würde. Viel Atem zum Wegnehmen blieb nicht übrig; er war kaum noch imstande, denselben fingerhutvollweise einzuziehen, und sein Herz mußte bei dem Tempo, in dem es schlug, baldigst ganz den Dienst versagen. Plötzlich blitzte ein Lichtstrahl auf, und Tom schoß keuchend an ihm vorüber.

»Fort,« schrie er, »fort, wenn dir dein Leben lieb ist.«

Ein Wiederholen der Warnung war unnötig, einmal genügte. Huck rannte mit Riesenschritten davon, als ob es hinter ihm brenne, Tom hinterdrein. So stürzten die Jungen unaufhaltsam davon, bis sie den Schuppen eines alten, unbenutzten Schlachthauses erreichten, am unteren Ende des Ortes. Gerade als sie unter dies Obdach geschlüpft waren, brach das Gewitter los und der Regen strömte nieder. Nachdem Tom zu Atem gekommen war, stöhnte er:

»Ach, Huck, 's war gräßlich. Ich probierte erst zwei von den Schlüsseln, so leise ich konnte, die machten aber 'n solchen Lärm, daß mir übel und weh wurde vor Angst. Ich konnte sie auch gar nicht im Schloß umdrehen. Dann, ohne selber zu wissen, was ich thu', faß' ich nach der Klinke, drücke und -- auf springt die Thür. Sie war gar nicht verschlossen gewesen! Ich hinein, werf' das Tuch von der Laterne und -- Heiliger Gott!«

»Was -- was war's, Tom?«

»Huck! Ich trat fast auf 'ne Hand, und wie ich näher hin seh', ist's dem Indianer-Joe seine.«

»Puh!« stöhnte Huck wortlos.

»Weiß Gott! Da lag er am Boden und schlief ganz fest, mit dem alten Pflaster über dem einen Aug' und weit ausgestreckten Armen.«

»Um alles in der Welt, sprich, -- was hast du denn da gemacht? Ist er aufgewacht?«

»Nee, der rührt sich nicht. Er muß betrunken gewesen sein. Ich greif' nur flink nach meinem Tuch und stürz' davon.«

»Ich hätt' nicht mehr an das Tuch gedacht, das wett' ich.«

»Na, aber ich! Tante Polly hätt' mir 'nen feinen Tanz aufgespielt, wenn ich's verloren hätt'!«

»Hör' du, Tom, hast du die Kiste gesehen?«

»Huck, nach der hab' ich mich gar nicht umgeschaut. Hab' keine Kiste und hab' auch kein Kreuz gesehen. Nichts hab' ich gesehen, als 'ne Flasche und 'nen Zinnbecher am Boden neben dem Indianer-Joe! Ja, zwei Fäßchen und viele Flaschen hab' ich noch außerdem im Zimmer gesehen. Weißt du jetzt, was in dem Zimmer spukt?«

»Wieso?«

»Dickkopf! Schnaps spukt drin, Schnaps! Und der Wirt dort gehört zum Mäßigkeitsverein! Ob wohl alle die Mäßigkeitsvereinler so 'n Spukzimmer haben? he, Huck?«

»Wird wohl so sein! Wer hätt' aber so was gedacht? Sag' mal, du, Tom, wär' denn das nicht jetzt grad' die richt'ge Zeit, um die Kiste auszuführen? Wenn der Indianer-Joe doch betrunken ist.«

»Ei, so versuch's doch!«

Huck schauderte.

»Nee, lieber nicht!«

»Ich auch lieber nicht, Huck. Nur _eine_ Flasche leer neben dem Kerl, das ist nicht genug. Ja, wenn's drei gewesen wären, dann ließe sich weiter drüber reden!«

Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Dann sagte Tom:

»Paß mal auf, Huck. Ich mein', wir sollten das Ding gar nicht mehr probieren, bis wir sicher wissen, daß der Joe nicht drin ist. 's ist zu gruselig! Wir passen jede Nacht auf, und einmal muß er doch 'raus aus seinem Loch, dann wollen wir die Kiste schon kriegen, schneller als der Blitz.«

»Mir recht. Ich will jede Nacht wachen, die ganze Nacht durch, wenn du nur den Rest besorgen willst.«

»Gut, wollen's so machen. Du brauchst dann nur zu kommen und vor unsrem Haus zu miauen, und wenn ich schlaf', wirfst du mir 'ne Hand voll Kies ans Fenster, das wird mich schon wach kriegen!«

»Topp, 's gilt!«

»Jetzt ist's da draußen auch besser geworden, Huck, der Sturm hat aufgehört und ich muß heim. 's muß schon bald Morgen sein. Du gehst noch mal hin und wachst, willst du?«

»Ich hab's gesagt, Tom, daß ich's thu', und ich thu's auch! Und wenns 'n Jahr lang dauert, ich spuk' jede Nacht in dem Gäßchen dort herum. Bei Tag schlaf' ich und bei Nacht wach' ich.«

»Schön. Aber wo wirst du schlafen?«

»Auf Ben Rogers Heuboden. Der hat nichts dagegen und Onkel Jakob, -- weißt du, der alte Nigger, der im Hause ist -- auch nicht. Dem hab' ich schon oft 's Wasser geschleppt, und er giebt mir manchmal was zu essen, wenn er selber was hat. 's ist 'n guter Nigger, Tom. Der hat mich gern, weil ich nie thu', als ob ich was Besseres wär'. Manchmal hab' ich mich, weiß Gott, schon hingesetzt und mit ihm gegessen. Das brauchst du aber niemand zu sagen, Tom. Wenn einer so gräßlich hungrig ist, thut er manches, was er sonst für gewöhnlich nicht thät'!«[6]

[6] Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor Aufhebung der Sklaverei.

»Na, also Huck, wenn ich dich bei Tag nicht brauch', laß ich dich schlafen und stör' dich nicht weiter. Und wenn in der Nacht was los ist, springst du zu mir 'rüber und miaust.«

Sechsundzwanzigstes Kapitel.