Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
Part 13
und andre dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen Leseübungen und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des Buchstabierens. Die magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit Ehren. Dann nahte der Hauptakt des ganzen Abends, -- der Vortrag von selbstgefertigten Aufsätzen und Gedichten der ›jungen Damen‹. Der Reihe nach trat jede an den Rand der Estrade, räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen Band umschlungenes Manuskript, und begann zu lesen mit dem nötigen Aufwand von Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie sie ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet hatten: ›Freundschaft‹ -- ›Erinnerungen früherer Tage‹ -- ›Die Religion in der Geschichte‹ -- ›Das Land der Träume‹ -- ›Die Vorteile der Kultur‹ -- ›Vergleiche und Verschiedenheiten der politischen Regierungsformen‹ -- ›Melancholie‹ -- ›Kindliche Liebe‹ -- ›Herzenswünsche‹ -- u. s. w., u. s. w.
Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke Vorliebe für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung erhabener Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls ein gemeinsamer Zug, ebenso das gewaltsame Herbeiziehen allgemein bekannter und beliebter Phrasen und Zitate. Den Schluß bildete hier wie dort unweigerlich eine möglichst stark aufgetragene moralische Nutzanwendung. Einerlei, was der behandelte Gegenstand gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne Unterschied in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß auf die Tugenden der schönen Mahnerin gestattete.
Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: »_Dies also ist das Leben?_« Vielleicht hat der Leser Geduld genug, einen Auszug hieraus nachzulesen:
»Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens entgegen. Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft rosenfarbene Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich die jugendliche Schöne als ›Dame von Welt‹, inmitten des wogenden, festlichen Getriebes, scherzend, lachend, umkost, umworben, gefeiert, ›schauend und geschaut‹! Ihre anmutige Gestalt gleitet in wehenden, weißen Gewändern auf den Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, ihr Auge strahlt am hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der ganzen heiteren Gesellschaft. Unter solch' gaukelnden, lockenden Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte Stunde erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll in jene elysische Welt, die solche Wonneträume zu wecken vermag. Wie zauberisch erscheint dem geblendeten Auge Alles und Jedes! Jede neue Scene ist reizender, lockender als die vorhergegangene. Doch kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald zeigt es sich, daß unter der glänzenden Außenseite Hohlheit sich birgt. Die Schmeichelei, die einst die Seele fesselte, verletzt nun das Ohr mit schrillem Klang, der Ballsaal verliert seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, verbitterten Herzens wendet sich das ›Kind der Welt‹ ab, die Ueberzeugung tief im Busen bergend, daß irdische Freuden das Verlangen der unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande sind!«
Und so weiter.
Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den Vortrag. Ein: ›wie schön‹! ›gut gesagt‹! oder ›wie wahr‹! ließ sich deutlich unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders erhebenden Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall ordentlich enthusiastisch.
Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes Mädchen, dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von Pillen und schlechter Verdauung herrührt, und las ein ›Gedicht‹ vor. Folgende Verse desselben mögen genügen:
Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama.
»Leb' wohl, Alabama, dich liebe ich, Und doch muß lassen, muß meiden ich dich. Es naget die Trauer am Herzen mein, In heißer Sehnsucht gedenk' ich dein. Wie hab' ich die blum'gen Wälder durchstreift, Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift, Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht, In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht. Nicht scheu verberg' ich mein übervoll Herz, Erröt' nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz. Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land, Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt. Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück; Alabamas Thäler ersehn' ich zurück. Ach, nun ich's verloren, erkenn' ich's zu spät: Dort wurzelt mein Leben, mein Herz, -- zu spät!«
Zunächst erschien eine schwarzäugige und schwarzhaarige junge Dame auf dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, nahm eine tragische Haltung an und begann gemessenen, ausdrucksvollen Tones vorzulesen:
Eine Vision.
»Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte oben flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden Ohre, während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die wolkigen Himmelskammern durchrasten und der Macht zu spotten schienen, die der große Franklin sich über sie angemaßt. Selbst die stürmischen Winde kamen einmütig hervor aus ihrer geheimnisvollen Höhle und schnaubten und tosten einher, als wollten sie durch ihre Gegenwart die tolle Scene noch toller machen. Zu eben solcher Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos und entsetzungsvoll, schrie einst mein ganzes Sein nach dem Balsam menschlichen Mitgefühls. Umsonst! Da plötzlich:
›Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat, Mein Glück im Gram, mein All' an meine Seite trat.‹
Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden, anmutbeschwingten Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich die sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der Schönheit, nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit angethan und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut rief er hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein ganzes Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet mir ihre Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern sich dem Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten, unbemerkt und ungesucht. Gleich eisigen Thränen auf dem Gewande des Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit auf den geliebten Zügen, als sie, ernst auf die draußen kämpfenden Elemente hinweisend, mich die beiden durch dieselben dargestellten Wesen betrachten hieß.« --
Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder, hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der Aufsatz den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste Leistung des Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des Städtchens überreichte der glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher Ansprache den Preis, indem er sagte, es sei bei weitem ›das Beredteste, Pathetischste‹, was er je gehört, ja daß der große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein dürfen.
Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, in denen das Wort ›wunderbar‹ mit Vorliebe angewendet und der menschlichen Erfahrung als ›einer Seite im Buche des Lebens‹ erwähnt wurde, den üblichen Durchschnitt erreichte.
Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends so sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe an Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte dem Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel eine Karte von Amerika zu entwerfen, um die Geographie-Uebungen daran vornehmen zu können. Seine unstäte Hand aber wollte ihm nicht parieren bei der Sache, ein unterdrücktes Gekicher lief durch das Haus. Er wußte, was es bedeutete und nahm alle Kraft zusammen, um sich mit Ehren herauszuziehen. Er fuhr mit dem Schwamm über die mißlungenen Linien und machte sich geduldig auf's neue dran, nur um sie mehr und mehr zu verrenken, und das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und ganzer Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen, sich durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren; er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch dauerte das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und Grund genug dazu war vorhanden. Im oberen Stock befand sich eine Dachkammer, in deren Fußboden eine Klappe angebracht war, unter der just eben der Lehrer stand. Durch diese Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um die Hinterbeine geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu hindern. Als sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach oben und versuchte sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, umsonst! Sie griff mit den Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose Luft. Das Gekicher schwoll und schwoll. Die Katze war jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des ahnungslosen Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine Spanne und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen zur Klappe, die Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! Des Schulmeisters kahler Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, zauberischer Pracht, -- der Sohn des Anstreichers hatte denselben _vergoldet_!
Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen waren gerächt, -- die Ferien da!
_Anmerkung._ Die oben angeführten sog. ›Aufsätze‹ sind ohne Veränderung einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa und Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach dem bekannten ›Schulmädchen-Muster‹ sind sie infolgedessen weit glücklichere Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein können.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon acht Tage nach dem Beginn sich in endloser, öder Weise vor ihm zu dehnen begannen. Er wußte kaum, was er mit sich anfangen sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky Thatcher war mit ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen der Freiheit dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl in dieser endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von Beckys Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige Masernepidemie erbarmte sich der gelangweilten Jugend, bot aber in ihrem milden Charakter nicht einmal die Aussicht, daß man zur Abwechslung hie und da um das gefährdete Leben irgend eines Kameraden zittern konnte. Auch sie verlief langweilig und eintönig wie alles andre.
Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der Mordprozeß kam vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen Stadtgespräches. Er benahm Tom alle Ruhe. Jede neue Erwähnung der Mordthat sandte ihm einen Schauder zum Herzen. Sein böses Gewissen und seine Angst ließen ihn in jeder darauf bezüglichen Bemerkung einen ›Fühler‹ wittern, den man ausgestreckt, um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei näherer Ueberlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen Mitwisser der That vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht wohl bei der Sache; fortwährend überlief es ihn, bald heiß, bald kalt. An einsamem Ort nahm er Huck beiseite, um sich mit diesem zu besprechen. Welche Erleichterung mußte es gewähren, das Siegel auf den Lippen nur für eine kleine Weile zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines Mitfühlenden, eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag Tom daran, sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen zu verschaffen.
»Huck, hast du jemals irgend einem Menschen davon erzählt?«
»Von was?«
»Du weißt schon selber.«
»Ach so! Na, natürlich nicht.«
»Kein Wort?«
»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst du?«
»Na ich -- ich hatte Angst.«
»Weißt's ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären kalt nach drei Tagen, wenn das heraus käme!«
Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause:
»Huck, gelt, 's kann dich keiner zwingen, was zu sagen, oder?«
»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der Indianer-Hund ersäufte, ja, dann wär's möglich, daß ich's sage -- sonst nicht!«
»Na, dann ist's gut! Ich denk', wir sind sicher, so lang wir reinen Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. Ich mein', 's ist sicherer!«
»Meinethalben.«
Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen Eid.
»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, Huck? Ich hab' alles durcheinander gehört!«
»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts als Muff Potter, immer und ewig. Mir treibt's den kalten Schweiß aus, wenn ich nur den Namen höre. Am liebsten steckt' ich mir Baumwolle in die Löffel!«
»Gerad' so geht's bei mir, grad' so! Ich glaub' der ist verloren. Dauert er dich nicht auch manchmal?«
»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, aber er hat doch keinem 'was zuleid' gethan. Stibitzt wohl mal 'nen Fisch, um Geld für Schnaps zu kriegen und sich zu besaufen, und bummelt den ganzen Tag herum, aber -- Herrgott, -- das thut ja jeder -- wenigstens beinah' jeder. Aber er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir 'nen halben Fisch gegeben und sich selber an der andren Hälfte hungrig gegessen, und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo in der Patsche saß.«
»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken an der Leine festgemacht. Weiß Gott, ich wollt', wir könnten ihn freimachen! Ich gäb' was drum!«
»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, den hätten sie gleich wieder fest!«
»Das ist ja wahr, aber ich kann's gar nicht mit anhören, wenn sie so über ihn losziehen, als wär' er der leibhaftige Gottseibeiuns, und er's doch gar nicht gethan hat.«
»So geht's mir grad', Tom. Herrgott, da schwatzen sie daher, als sei er der blutdürstigste Hund im Land und nur aus Versehen nicht schon längst irgendwo aufgeknüpft.«
»Ja, weiß Gott, ich hab' sogar gehört, wie einer sagte, wenn sie den freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. O, du meine Güte!«
»Und das thäten sie auch, so wahr ich hier steh'!«
Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost brachte es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung herein und sie befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, in der uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick könne irgend eine Wendung zum Besseren herbeiführen, wodurch sie von ihrer Qual befreit würden. Es geschah aber nichts. Die Engel und alle guten Geister schienen ihre Hände von dem unglücklichen Gefangenen abgezogen zu haben.
Wie oftmals zuvor schon traten die Jungen zu dem kleinen Gitter heran und reichten Potter Tabak und Feuerzeug hindurch. Der lag am Boden und Wächter waren keine da.
Seine rührende Dankbarkeit hatte ihnen zuvor schon tief in's Herz geschnitten und that's diesmal mehr als je. Als feige, elende Verräter der schlimmsten Art aber fühlten sie sich, wie Potter sagte:
»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, -- besser als irgend wer in der Stadt. Und ich gedenk's euch, weiß Gott, ich thu's. Oft sag' ich zu mir selber: ›hast doch all deiner Lebtag den Jungen nur Guts gethan, hast den Schlingeln die Drachen geflickt und die besten Fischplätze gewiesen, aber nee, Dankbarkeit giebt's nicht, alle haben den alten Muff vergessen, der jetzt so tief in der Tinte sitzt, alle -- nur der Tom nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht vergessen,‹ sag' ich, ›und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht.‹ Seht, Jungens, ich hab' ja was Furchtbares gethan, so betrunken und verrückt wie ich war, nur so kann ich's mir erklären, jetzt soll ich baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht mir recht, sag' ich, und 's wird wohl auch das Beste für mich sein, glaub' ich. Na, wollen's gut sein lassen, nicht weiter davon schwatzen. Möcht' nicht, daß euch schwer um's Herz wird, weil ihr so gut gegen mich gewesen seid. Was ich nur sagen wollt', Jungens, betrinkt euch nie, wenn ihr groß seid, dann müßt ihr auch niemals hier sitzen, in dem schrecklichen Loch. Wie, stellt euch doch mal 'n bißchen so her, 's ist ein Gottestrost, freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der Patsche sitzt, und ich seh' weiter keine, als eure. Gute, freundliche Gesichter -- gute, liebe Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig' mal einer auf den andern, daß ich euch auch berühren kann, -- so! So ist's recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen Pfoten können ja durch's Gitter durch, meine Tatzen sind zu breit dazu. Kleine Hände, -- kleine, schwache Hände, haben dem alten Muff Potter 'ne Masse Gutes gethan und würden's noch mehr thun, wenn sie könnten, gelt Jungens? So, und nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen und das taugt nichts.«
Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine nächtlichen Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden Tag und den Tag darnach trieb er sich um den Gerichtssaal herum. Es zog ihn fast unwiderstehlich hinein, und er mußte sich mit aller Macht bezwingen, draußen zu bleiben. Huck ging es gerade so. Sie mieden einander nun geflissentlich. Sie liefen von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald von derselben unheimlichen Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen. Tom spitzte die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal verließ, hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der Beweise schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung hieß es, daß des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich gleich einer Mauer stünde, und darüber, wie das Verdikt der Geschworenen ausfiele, könne kaum noch ein Zweifel bestehen.
An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen herum, kam durch's Fenster heim und befand sich in einem Zustand furchtbarster Aufregung. Stundenlang wälzte er sich auf seinem Lager, ehe er einschlafen konnte.
Des andern Morgens strömte die ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn heute war ja der große Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte. Beide Geschlechter waren zahlreich vertreten unter der dicht gedrängten Zuhörerschaft. Nach langer Pause des Wartens traten die Geschworenen in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Kurz danach brachte man Potter herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. Verschüchtert und hoffnungslos saß er da, während all die neugierigen Augen ihn erbarmungslos anstarrten. Ebenso fiel der Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig dreinstierte, wie gewöhnlich. Eine neue Pause folgte, dann erschien der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Verhandlung. Das übliche Köpfe-Zusammenstecken und Geflüster der Advokaten und das Rascheln und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in Verbindung mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine ebenso eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden Drama.
Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, daß er Muff Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der die Entdeckung der Mordthat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe am Bach wusch und sich sofort heimlich davon schlich, als er sich beobachtet sah. Nach einigen weiteren Fragen überwies der Staatsanwalt den Zeugen der beklagten Partei: »Der Herr Verteidiger hat das Wort.«
Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte sie aber sofort nieder, als sein Verteidiger sagte:
»Ich verzichte darauf.«
Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der Nähe der Leiche gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den Zeugen dem Verteidiger zu, und abermals verzichtete dieser auf jede Frage.
Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters gesehen zu haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum dritten Mal an den Verteidiger:
»Der Herr Verteidiger hat das Wort.«
Und zum dritten Mal erwiderte dieser ruhig und kalt:
»Ich verzichte!«
Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu machen. Wollte dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten ohne jeglichen Versuch zur Rettung preisgeben?
Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar schuldbewußt benommen, da man ihn zum Schauplatz der That gebracht. Auch sie konnten den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör verlassen.
Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an jenem denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden und deren sich jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen Zeugen erhärtet, nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf Potters Verteidiger auch nur dem kleinsten Verhör. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des Publikums hierüber gab sich in lautem Murren kund, was von Seiten des Vorsitzenden einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm der Staatsanwalt das Wort:
»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches Wort über jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns gezwungen, das Verbrechen, um das es sich hier handelt, dem unglücklichen Beklagten zur Last zu legen. Wir halten den Fall hiemit für erwiesen.«
Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter Brust, er schlug die Hände vor's Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her, im Uebermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, peinliches Schweigen herrschte im Hause. Manch hartes Mannesherz war bewegt, und der Frauen Mitleid bezeugte sich in Strömen von Thränen. Endlich ergriff der Verteidiger das Wort:
»Meine Herren Richter und Geschworenen. -- Bei Beginn dieser Verhandlungen gaben wir unsre Absicht kund, zu Gunsten unseres Klienten geltend zu machen, daß er die furchtbare That in dem Zustand eines durch Uebermaß geistiger Getränke herbeigeführten sinnlosen Deliriums beging, ein Zustand, der an sich schon jede Verantwortung ausschließen sollte. Wir haben diese Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf nicht weiter berufen.«
Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann:
»Man führe Thomas Sawyer vor!«
Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige Potters nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in steigendem Interesse an Tom, als dieser sich nun erhob und dem Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug sah der Knabe aus und war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das Verhör begann:
»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten Juni um die Mitternachtsstunde?«
Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos lauschte die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein paar Augenblicken jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang ihm, Gewalt über seine Stimme zu bekommen, soweit wenigstens, daß er einem Teil des Hauses verständlich wurde:
»Auf dem Friedhofe.«
»Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren also --«
»Auf dem Friedhofe.«
Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe.
»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des alten William?«
»Ja, Herr Anwalt.«
»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie nahe ungefähr waren Sie wohl?«
»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.«
»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?«
»Ich war versteckt.«
»Wo?«
»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.«
Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen.
»War noch sonst jemand mit Ihnen?«
»Ja, ich war dorthin gegangen mit --«
»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch nicht hören, darauf kommen wir später zurück. Hatten Sie etwas mitgebracht?«
Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder.
»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die Wahrheit zu reden ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du bei dir?«
Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines öffentlichen Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, der unsrem Helden gegenüber weit mehr am Platze war. Dadurch ermutigt stammelte dieser zögernd:
»Nur -- nur -- nur 'ne tote Katze!«