Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
Part 12
»Jeder andere Junge,« dachte Tom zähneknirschend, »jeder andere Junge in der ganzen Stadt, nur nicht _der_. So 'n geschniegelter Aff', der sich für Gott weiß was hält, und meint, er sei viel besser als unser einer. Na, gut! Hab' ich dich am ersten Tag durchgedroschen, als du kaum in die Stadt hereingerochen hattest, du Tugendspiegel, werd' ich's auch jetzt noch fertig bringen. Wart', wenn ich dich mal allein erwisch', dann setzt's was!«
Im Eifer hieb er um sich, als ob er den Feind jetzt schon unter den Fäusten hätte, -- fuchtelte in der Luft umher und schlug mit Händen und Füßen aus.
»Na, bist du nun zufrieden, Kerl, he? Schrei ›genug, genug‹ sag' ich dir! Da lauf' und das nächste Mal hüt' dich!«
Damit endete die eingebildete Züchtigung sehr zur Zufriedenheit Toms.
In der Mittagspause flüchtete sich Tom nach Hause. Er konnte Annys Glückseligkeit nicht mehr mit ansehen und die Qualen der Eifersucht nicht länger ertragen. Becky hatte sich von neuem an das Bilderbesehen mit Alfred gemacht, als aber Minute auf Minute verrann und kein Tom sich zeigte, um sich ärgern zu lassen, da verringerte sich ihr Triumph und es lag ihr nichts mehr an der Sache. Erst wurde sie ernst und zerstreut, dann tief niedergeschlagen. Zwei- oder dreimal spitzte sie die Ohren, als sich ein Schritt näherte, jedesmal aber war's vergebliches Hoffen. Zuletzt wurde ihr ganz erbärmlich zu Mute und sie wünschte innigst, es nicht so weit getrieben zu haben. Der arme Alfred, welcher sah, daß sie sich ihm unmerklich entzog, munterte sie fort und fort auf: »Sieh' mal, hier ist 'was Schönes, sieh' doch nur her,« bis ihr zuletzt die Geduld ausging und sie mit dem unwilligen Rufe: »Was liegt mir dran, laß mich in Ruhe,« in Thränen ausbrach und davonrannte.
Alfred hielt sich ritterlich an ihrer Seite und versuchte sie zu trösten. Sie aber schleuderte ihm entgegen:
»Laß mich in Frieden; ich kann dich nicht ausstehen!«
So blieb denn der Junge zurück und sann hin und her, was er ihr wohl gethan haben könne, denn vorher hatte sie ihm doch versprochen, während der ganzen Mittagspause Bilder mit ihm anzusehen. Sie aber rannte weiter, immerzu weinend. Alfred schlich sich nachdenklich in das einsame Schulzimmer zurück; er war sehr gedemütigt und ärgerlich, denn jetzt ging ihm ein Licht auf, daß das Mädel ihn nur benutzt habe, um ihren Aerger an Tom Sawyer auszulassen. Diese Ueberzeugung trug nicht dazu bei, ihm Tom lieber zu machen. Er sehnte sich nach einer Gelegenheit, diesem etwas einzubrocken, natürlich ohne sich selber bloßzustellen. Da fiel ihm Toms Lesebuch ins Auge und ein Gedanke schoß ihm plötzlich durch den Kopf. Er schlug das Buch an der Stelle auf, die sie am Nachmittag brauchen würden, und goß Tinte drüber. Becky, die im selben Moment hinter ihm zum Fenster hereinlugte, sah alles mit an, verriet sich aber nicht. Sie wandte sich heimwärts in der Absicht, Tom aufzusuchen und ihm alles zu erzählen, dann würden sie schnell wieder gut Freund sein. Ehe sie aber halbwegs zu Hause war, hatte sie sich anders besonnen. Der Gedanke daran, wie Tom sie behandelt, als sie von ihrem Picknick gesprochen, überfiel sie plötzlich wieder mit glühender Beschämung. Sie beschloß, ihm seine Prügel für das verschmierte Buch zu gönnen und ihn obendrein von Herzen zu hassen und zu verabscheuen für immer und ewig.
Achtzehntes Kapitel.
Tom kam sehr verdrießlich zu Hause an, und die ersten Worte, mit denen ihn seine Tante begrüßte, zeigten ihm, daß hier nicht viel Trost für seinen Kummer zu holen sein werde.
»Tom, ich möchte dir wahrhaftig das Fell über die Ohren ziehen.«
»Ei, Tante, was hab' ich denn gethan?«
»Meiner Treu! Fragt der Bursch' auch noch! Geh' ich da hin zu der Harpern, der alten Einfaltspinselin, will ihr von deinem Traum erzählen und ihr beweisen, daß Träume gar kein Unsinn sind, und seh' mir einer, lacht sie mir grad' ins Gesicht und sagt, sie hab's aus dem Joe herausgekriegt, daß du hier gewesen seist und alles selber gehört und gesehen habest an dem Abend. Ich denk' mich rührt der Schlag! Tom, was soll denn aus 'nem Jungen werden, der so was thun kann? Ich könnt' mir meine letzten paar grauen Haare ausreißen, wenn ich dran denk', daß du mich hast hingehen lassen zu der Harpern, um mich lächerlich zu machen, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.«
Das zeigte Tom die Sache allerdings in einem anderen Lichte. Seine Pfiffigkeit vom Morgen war ihm wie ein guter Scherz erschienen, wie ein Geniestreich sogar. Jetzt kam ihm sein Verhalten erbärmlich und gemein vor. Er hing den Kopf, kein Wort der Entschuldigung wollte ihm einfallen. Endlich stammelte er:
»Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht gethan -- ich hab' aber wirklich nicht so dran gedacht.«
»Ach, Kind, du denkst ja nie. Denkst nie an die andern, immer nur an dich und dein Vergnügen. Daran hast du wohl gedacht, den ganzen Weg von der Jackson-Insel hierher zu machen, nur um über uns und unsern Jammer zu lachen. Und daran hast du auch gedacht, deine alte Tante mit dem verlogenen Traum zum Narren zu machen, _daran_ aber denkst du nicht, wie du uns Spott und Schande und Kummer ersparen kannst.«
»Tantchen, jetzt weiß ich, wie erbärmlich es von mir war, aber so hab' ich's nicht gemeint, weiß Gott, wahrhaftig nicht! Und dann bin ich auch nicht herüber geschwommen, um mich über euch lustig zu machen.«
»Warum sonst?«
»Nur um dir zu sagen, daß du dich nicht um uns sorgen solltest, da wir nicht ertrunken seien.«
»Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Seele in der weiten Welt, wenn ich wirklich glauben könnte, du hättest _den_ guten Gedanken gehabt. Aber so war's gewiß nicht, Tom, so war's nicht, und das weißt du auch selber, Tom.«
»Weiß Gott, Tante, so war's, weiß Gott! Ei, ich will gleich tot umfallen, wenn's anders war.«
»O, Tom, lüg' nicht, -- thu's nicht, Kind. Es macht ja nur alles tausendmal schlimmer.«
»Es ist nicht gelogen, Tante, es ist die reine Wahrheit. Ich wollte nur nicht, daß du dich so grämen solltest, einzig und allein deshalb kam ich.«
»Ich gäb' die ganze Welt drum, wenn ich das glauben könnte, -- es würde fast alle deine Dummheiten aufwiegen, Tom. Ei, ich wollte gar nichts davon sagen, daß du so schlecht gewesen und davongelaufen bist, wenn ich _das_ nur glauben könnte. Aber, Kind, Kind, es kann ja nicht sein, 's geht gegen alle Vernunft; warum hättest du's mir dann damals doch nicht gesagt und wärst so davongeschlichen?«
»Warum? Ja, siehst du, Tantchen, als ihr vom Trauergottesdienst und all dem spracht, da schoß mir der Gedanke durch den Kopf, zu kommen und uns unterdessen in der Kirche zu verstecken und ich war so voll davon, daß ich mir's nicht verderben wollte. 's war doch auch kapital, gelt? So drückte ich mich denn heimlich davon und steckte meine Rinde wieder ein.«
»Welche Rinde?«
»Ei, die Rinde, auf die ich geschrieben hab', daß wir als Piraten davongelaufen seien. Ich wollt' jetzt, du wärst wach geworden, wie ich dich geküßt hab', wahrhaftig ich wollt's!«
Der strenge Ausdruck im Gesicht der Tante ließ etwas nach, plötzliche Zärtlichkeit strahlte warm aus den treuen Augen.
»_Hast_ du mich geküßt, Tom?«
»Natürlich.«
»Hast du's wirklich gethan, Tom?«
»Gewiß, Tante, gewiß und wahrhaftig!«
»Warum hast du mich geküßt, Tom?«
»Weil ich dich lieb hab' und weil du da gelegen hast und geseufzt und gestöhnt, und das hat mir leid gethan.«
Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte ein Zittern in ihrer Stimme nicht ganz unterdrücken als sie sagte:
»Küß mich noch einmal, Tom -- und mach', daß du weg kommst, 's ist Zeit zur Schule, du hast mich genug geärgert.«
Im Moment, da er weg war, stürzte sie zum Schrank und riß die traurigen Ueberreste der Jacke hervor, in der er Seeräuber gewesen. Dann stand sie still, drückte die Lumpen an ihre Brust und flüsterte:
»Nein, ich wag's nicht. Armer Kerl, ich glaub' er hat gelogen, aber -- es war so gut und lieb gelogen, ordentlich tröstlich für mein altes Herz. Ich hoffe, der Herr, -- nein, ich _weiß_, der Herr wird ihm verzeihen, denn weiß Gott, diesmal hat mein Tom aus Gutherzigkeit geflunkert. Ich will auch gar nicht wissen, daß es geflunkert war, lieber seh' ich gar nicht nach.«
So legte sie die Jacke weg und stand noch eine Minute sinnend davor. Zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleidungsstück aus und zweimal zog sie dieselbe wieder zurück. Noch einmal wagte sie sich vor und sprach sich selber Mut zu mit dem Gedanken: Die Lüge war ja gut gemeint, von Herzen gut gemeint, es soll mich weiter nicht kümmern. Damit hatte sie die Hand in die Jackentasche versenkt. Einen Moment später las sie unter strömenden Thränen, was Tom auf jenes bewußte Rindenstück gekritzelt hatte und stammelte schluchzend:
»Jetzt könnt' ich dem Jungen verzeihen, und wenn er eine Million Sünden auf dem Gewissen hätte.«
Neunzehntes Kapitel.
In der Art und Weise, wie ihn Tante Polly küßte, lag etwas, das Tom wunderbar wohlthat. Seine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen und er fühlte sich urplötzlich wieder leichtherzig und froh. Er stürmte der Schule zu und hatte das Glück unterwegs auf Becky zu stoßen. Da er sich immer von seiner augenblicklichen Stimmung leiten ließ, so rannte er ohne einen Moment der Ueberlegung auf sie zu und rief treuherzig:
»Becky, ich war heute morgen ganz abscheulich gegen dich, ich will nie, nie wieder so sein, so lang ich lebe, nur sei wieder gut, willst du?«
Das Mädchen blieb stehen und sah ihm verächtlich in's Gesicht:
»Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Thomas Sawyer, wenn Sie mich in Zukunft mit Ihrer Gesellschaft verschonen wollten, ich werde nie wieder mit Ihnen reden.«
Sprach's, warf den Kopf zurück und schritt stolz von dannen. ›Herr‹ Thomas Sawyer war starr vor Staunen, daß er nicht einmal Geistesgegenwart genug hatte zu einem ›Wie Sie wünschen, Jungfer Patzig‹, und erst dran dachte, als es zu spät war. So sagte er denn kein Wort, war aber nichtsdestoweniger in heller Wut. Er schlich nach dem Schulhof und wünschte nur, sie wäre ein Junge und er könnte sie durchbläuen für diese unerhörte Beleidigung. Als er gerade in ihre Nähe kam, schleuderte er ihr eine beißende Bemerkung ins Gesicht. Sie entgegnete im selben Ton und der Bruch war vollständig. Becky konnte in ihrem Racheeifer kaum den Beginn des Unterrichts erwarten, so brannte sie darauf, Tom seine Prügel für das verschmierte Buch erhalten zu sehen. Wenn sie je noch den Schatten eines Zweifels in sich verspürt hatte, ob sie Alfred Tempel nicht doch angeben wolle, so war derselbe durch Toms letzte Liebenswürdigkeit auf Nimmerwiederkehr verscheucht.
Das arme Ding -- sie ahnte nicht, welch' drohendes Unheil über ihrem eignen Haupte schwebte. Der Lehrer, Herr Dobson, ein Mann in mittleren Jahren, hegte einen übertriebenen, unerfüllbaren Ehrgeiz in der Brust. Der Traum seines Lebens war gewesen, ein Arzt zu werden, seine Armut aber hatte es gefügt, daß nur ein Volksschullehrer aus ihm wurde. Jeden Tag griff er, wenn die verschiedenen Klassen beschäftigt waren, zu einem geheimnisvollen Buche, in das er sich eifrig vertiefte. Dasselbe hielt er strenge unter Schloß und Riegel. Jedes seiner Schulkinder brannte vor Neugierde, einmal einen Blick hineinwerfen zu können, nie aber wollte sich die Gelegenheit hiezu bieten. Jedes der Kinder, Knaben und Mädchen, hatte seine eigene Ansicht über das Buch, aber niemals war es gelungen, Näheres zu erfahren. Als eben Becky an der offenen Thür des Zimmers vorüberhuschte, bemerkte sie, daß der Schlüssel des Pultes steckte. Das war ein köstlicher Moment, der ausgenutzt werden mußte. Sie blickte sich rasch um und sah sich ganz unbeobachtet; im nächsten Augenblick hielt sie das Buch in Händen. Das Titelblatt: ›Anatomie von Professor Soundso‹, diente nicht dazu, sie über den Inhalt aufzuklären, so begann sie denn hastig die Blätter umzuwenden. Gleich zu Anfang kam sie auf ein wundervoll koloriertes Bild, -- eine menschliche Figur. -- Im selben Moment fiel ein Schatten auf das Buch, Tom Sawyer trat zur Thüre herein und erhaschte noch einen Blick auf das Bild. Hastig wollte Becky das Buch schließen, hatte aber in ihrer Aufregung das Unglück, das Bild von oben bis beinahe zur Mitte durchzureißen. Das Buch flog ins Pult, sie drehte den Schlüssel um und brach in bittres Schluchzen aus vor Scham und Aerger.
»Tom Sawyer,« rief sie, »du bist doch so gemein wie du nur sein kannst. Einen so zu überfallen und auszuspionieren, was man thut!«
»Wie konnt' ich denn wissen, was du dir zu schaffen machst?«
»Du solltest dich vor dir selber schämen, Tom Sawyer; jetzt wirst du hingehen und mich verklatschen beim Lehrer und -- Herr du mein Gott, was fang' ich an? Ich bin noch niemals geschlagen worden in der Schule und heut' -- heut' haut mich der Lehrer sicherlich durch.«
Dann, als Tom nichts antwortete, stampfte sie mit dem kleinen Fuße auf und rief:
»Na, dann sei so gemein und verrat' mich, wenn dir's Spaß macht. Aber wart', dir blüht auch nichts Gutes, denk' nur an mich -- niederträchtig -- niederträchtig!« Und mit einem erneuten Strom von Thränen stürzte sie davon.
Tom stand ordentlich betäubt ob solch vulkanischen Ausbruchs. Dann sagte er zu sich selber:
»Was so'n Mädel für eine Närrin ist! Noch niemals Prügel gekriegt! Herrgott, was liegt mir an einer Tracht mehr oder weniger? So sind aber die Mädels, so dünnfellig und hasenfüßig. Es fällt mir gar nicht ein, sie zu verklatschen, aber 's kommt doch heraus. Der alte Dobson wird natürlich fragen, wer's war, und wenn keiner antwortet, fragt er einen nach dem andern, dann merkt er's schon am Gesicht. So'n Mädel verrät sich immer selber, da ist keine Schneid drin. Die Sache ist kritisch für das arme Ding, die Becky, kriegen thut sie's, da ist kein Zweifel. Na, mir kann's recht sein, die säh' mich auch von Herzen gern in derselben Klemme. Mag sie zusehen, wie sie's ausbadet!«
Tom gesellte sich dem Haufen der lärmenden Kameraden draußen wieder zu; bald drauf erschien der Lehrer und der Unterricht begann. Die Studien zogen Tom nicht sehr an. Jedesmal, wenn er zu den Mädchen hinüber sah, beunruhigte ihn Beckys Gesichtchen. Genau genommen hatte er gar keine Ursache, sie zu bemitleiden, und doch, mochte er thun was er wollte, er konnte sich des Mitleids nicht erwehren. Jetzt entdeckte der Lehrer das besudelte Lesebuch, wodurch Toms ganze Aufmerksamkeit für seine eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Das rüttelte auch Becky aus ihrer Gramversunkenheit auf und sie folgte den Vorgängen mit großer Aufmerksamkeit. Sie glaubte nicht, daß Tom imstande sein werde, sich herauszulügen, und sie hatte recht. Sein Leugnen schien die Dinge für ihn nur zu verschlimmern. Als dann die Verhandlung den Höhepunkt erreichte, trieb es sie förmlich, aufzuspringen und Alfred Tempel anzugeben, doch zwang sie sich zur Ruhe, denn sie sagte sich: »Tom klatscht doch, daß ich das Bild zerrissen hab'. Ich sag' kein Wort, und wenn's ihm an's Leben geht.«
Tom steckte seine Prügel ein und schritt auf seinen Platz zurück, durchaus nicht niedergeschlagen. Er dachte selber, es sei möglich, daß er die Tinte über's Buch geschüttet, ohne es zu wissen, dergleichen konnte ja passieren. Geleugnet hatte er's überhaupt nur der Form halber und weil's so Sitte war; dann hatte er aus Prinzip dabei beharrt.
Eine ganze Stunde verstrich; nickend saß der Lehrer auf seinem Throne, das Summen der vor sich hin murmelnden, lernenden Kinder wirkte einschläfernd. Allmählich rappelte sich Herr Dobson in die Höhe, gähnte, schloß sein Pult auf, griff nach seinem Buch und fingerte dran herum, unentschieden, ob er es nehmen solle oder nicht. Schläfrig sahen die Schüler nach ihm hin, zwei derselben verfolgten sein Thun mit gespannten Blicken. Noch immer schien Herr Dobson nicht entschieden; endlich nahm er das Buch zur Hand und lehnte sich in seinen Stuhl zurück, um zu lesen.
Tom warf einen raschen Blick auf Becky. Diese starrte um sich wie ein gehetztes Reh, das den todbringenden Lauf auf sich gerichtet sieht, so hilflos, so verzweifelt. Im Moment war aller Groll dahin. Etwas mußte geschehen, aber sofort, mit Blitzesschnelle, sonst war's zu spät. Doch die dringende Nähe der Gefahr schien seine Erfindungsgabe völlig zu lähmen. Wenn er nun hinstürzte, dem Lehrer das Buch entriß, damit die Flucht ergriff? Eine einzige Sekunde überlegte er und -- hin war die Gelegenheit, der Lehrer öffnete das Buch. Wäre nur der verlorene Moment noch einmal zu erhaschen, Tom fühlte sich jetzt zu allem fähig. Zu spät! Becky war nicht mehr zu helfen. Im nächsten Moment traf des Lehrers Auge die aufschauenden Schüler, die Augen senkten sich vor seinem Blick, es lag ein Etwas drin, das selbst den Unschuldigsten unter ihnen mit Scheu und Furcht erfüllte. Eine Pause entstand, während welcher man wohl bis zehn zählen konnte. Der Lehrer schien Kraft sammeln zu müssen. Dann kam's:
»Wer hat dieses Buch zerrissen?«
Kein Laut. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Die beängstigende Stille dauerte an. Auf einem Gesicht nach dem andern suchte der Lehrer die Zeichen der Schuld.
»Benjamin Rogers, hast du das Buch zerrissen?«
Verneinung. Eine weitere Pause.
»Joe Harper, du?«
Erneute Verneinung. Toms Unbehagen stieg und stieg unter der langsamen Qual dieses Verfahrens. Der Lehrer ließ den Blick über die Reihen der Knaben schweifen, überlegte eine Weile und wandte sich dann den Mädchen zu:
»Anny Lorenz?«
Ein Schütteln des Kopfes.
»Grace Miller?«
Dasselbe Zeichen.
»Susanne Harper?«
Erneute Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky. Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen vor Aufregung; er empfand die ganze Hoffnungslosigkeit der Lage.
»Rebekka Thatcher« -- (Tom sah, daß ihr Gesicht vor Entsetzen blaß war wie der Tod) -- »hast du -- nein, sieh' mich an -- (sie hob die Hände in stummem Flehen) hast du dies Buch zerrissen?«
Ein Gedanke schoß wie ein Blitz durch Toms Gehirn. Er sprang auf und rief laut in die herrschende Stille hinein:
»_Ich hab's gethan._«
Sprachlos ob solcher unerhörten, unglaublichen Tollheit starrten ihn aller Augen an. Tom stand einen Moment regungslos da, um seine etwas aus der Fassung geratenen Lebensgeister zu sammeln, und als er dann nach dem Katheder schritt, seine Strafe in Empfang zu nehmen, strahlten ihm aus Beckys Augen Ueberraschung, Dankbarkeit, Anbetung in solch' reichem Maße entgegen, daß sie ihn für hundert vollwichtiger Trachten Prügel hätten entschädigen können. Begeistert durch den Edelmut seiner eignen That entschlüpfte ihm auch nicht der leiseste Schrei bei der nun folgenden Züchtigung, der unbarmherzigsten, die Herr Dobson in seinem Leben austeilte. Ja, als der Lehrer die Strafe noch durch zwei Stunden Nachsitzen verschärfte, nahm Tom auch dies mit dem äußersten Gleichmut hin, wußte er doch, wer außerhalb der Schulmauern auf ihn warten und jede Minute bis zu seiner Befreiung aus der Gefangenschaft zählen würde.
Am Abend desselben Tages ging Tom zu Bett, von finsteren Racheplänen gegen Alfred Tempel erfüllt. Becky hatte ihm voller Reue und Scham alles eingestanden, ja selbst ihre eigne Verräterei nicht verschwiegen. Der Durst nach Rache aber wich bald milderen Gefühlen, lieblicheren Bildern, und Tom fiel in Schlaf, während ihm Beckys letzte Worte noch träumerisch süß im Ohre nachklangen:
»Tom, wie _konntest_ du so edel sein?«
Zwanzigstes Kapitel.
Die großen Ferien rückten immer näher. Der Lehrer, ernst von Natur, wurde strenger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, sollte doch seine Schule Ehre einlegen am verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. Seine Rute und sein Lineal kamen gar nicht mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei den kleineren Schülern. Nur die großen Knaben und die jungen Damen von der Sonntagsschule entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons Prügel waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, so stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke seiner Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große Tag näher und näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm schlummerte, an's Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er die geringsten Versäumnisse und Fehler. Die Folge davon war, daß die Kinder ihre Tage in Schreck und Qual, ihre Nächte mit Schmieden finstrer Rachepläne verbrachten. Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen, der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem solchen kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig ›geschlagen‹ verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung und ein Plan wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. Die Verschwörer zogen den Sohn des Anstreichers in's Vertrauen, welcher Lehrling bei seinem Vater war, setzten ihm den Plan auseinander und baten um seine Hilfe. Der hatte nun wieder seine eignen Gründe, sich dem Racheplan anzuschließen, denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und hatte dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. Die Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem Besuche auf's Land gehen und so stand der Ausführung des Planes nichts im Wege. Der Lehrer pflegte sich zur würdigen Vorbereitung bei großen Gelegenheiten aus der Flasche nachhaltig Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge versprach, am Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Stadium des ›Mutes‹ erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen halte, ›die Sache schon besorgen zu wollen.‹ Knapp zur rechten Zeit wolle er ihn dann schleunigst wecken und in aller Eile zur Schule spedieren.
Als die Zeit erfüllet war, trat dann das große Ereignis ein. Um acht Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz der Kerzen und im Schmuck der Gewinde aus Laub und Blumen. Majestätisch thronte der Lehrer auf seinem Katheder, die schwarze Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden Seiten saßen die Eltern der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor dem Katheder dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben, die dermaßen gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das Unbehagen ansah, dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, sichtbar durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen Armen, blau und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu glänzen. Den Hintergrund bildete ›das Volk‹.
Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich und rezitierte mit einem Schafsgesicht:
»Kaum glaubt ihr, daß solch' kleiner Wicht, Wie ich, es wagt und zu euch spricht,« etc.
wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen Bewegungen einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, die etwas aus der Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte er sicher, wenn auch zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, klappte den Oberkörper verbeugend nach unten, bekam einen wahren Beifallssturm von dem dankbaren Publikum und zog sich aufatmend zurück.
Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr:
»Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee, Ging einstens auf die Weide,«
machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an Applaus und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin.
Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer Zuversicht, und begann mit donnerndem Pathos und verzückten Gebärden die berühmte Ode an die ›Freiheit‹ zu deklamieren. Aber wehe! In der Mitte etwa angelangt, -- verließ ihn just das Gedächtnis, das ›Lampenfieber‹ ergriff ihn, seine Kniee zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu ersticken. Wohl hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des Hauses Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, stotterte noch eine Weile, gab's dann auf und zog sich zurück, jeder Zoll ein geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, der sich erheben wollte, wurde im Keime erstickt.
Jetzt folgten:
»Auf brennendem Deck der Knabe stand.«
Dann:
»Hernieder kam einst Assurs Macht«