Tirol

Part 9

Chapter 93,042 wordsPublic domain

Gleich hinter Vent, das heutzutage während der Sommerzeit einer der besuchtesten Standplätze für Hochgebirgswanderer ist, spaltet sich das Thal abermals in zwei Äste. Nach Süden steigt das Niederthal hinan in einen mächtigen Eiscirkus, wo die zerklüfteten Eismassen von vier großen Gletschern einen wunderbaren Thalschluß bilden und der vereiste Jochsteig über das Niederjoch ins Schnalser Thal führt. Noch weit ausgedehnter sind die Eislandschaften des südwestlichen Thalastes. In ihm liegen noch, 2004 ~m~ hoch, die Höfe von Rofen, die höchsten, dauernd bewohnten Ansiedelungen Tirols, in deren bergumfriedeter Sicherheit einst Herzog Friedrich mit der leeren Tasche schützende Zuflucht fand. Höher und höher steigt der Bergpfad empor über die Moräne des verderbendräuenden Vernagtgletschers, der schon wiederholt mit seinem Eise die von anderen Gletschern herabkommenden Wildwasser zum See aufstaute, der dann, seinen Eisdamm durchbrechend, grauenhafte Verwüstungen im ganzen Ötzthal anrichtete. Und noch eine Stunde zieht der schmale Steig hinan bis zur letzten sommerlichen Zufluchtstätte: dem Hochjochhospiz (Abb. 94), von wo über den breiten Eishang des Hochjochferners ein viel begangener Übergang in das jenseitige Schnalserthal hinüberleitet, während im Westen der lang gedehnte Hintereisferner niedersteigt vom schimmernden Eispalaste der Weißkugel (3776 ~m~), die dort in weltferner Wildnis groß und schweigend erglänzt (Abb. 95).

[Sidenote: Pitzthal.]

Wir lenken den Wanderschritt zurück, dahin, wo die Ötzthaler Ache in das Innthal mündet, das nun zur engen Schlucht wird, und suchen uns den Weg in diesem weiter stromaufwärts. Erst bei der Station Imst wird die Landschaft wieder offener; hier münden zwei Thäler. Nach Süden zu zieht sich das Pitzthal, parallel mit dem Ötzthale, zu den Ötzthaler Fernern empor. Zwei Stunden von dem schluchtartigen Thaleingange liegt, noch in wohlangebauter offener Gegend, der Hauptort Wenns. Das Pitzthal weist nicht jene schauerlich wilden Scenerien auf, wie das benachbarte Ötzthal, zeigt auch nicht dessen stufenförmige Absätze, sondern steigt allmählich, aber stetig an. Bei dem letzten bewohnten Hofe, Mittelberg (1733 ~m~, elf Wegstunden von Imst, Abb. 96) wird das Thal durch den riesigen, vielfach zerklüfteten Eiswall des Mittelbergferners abgeschlossen, welcher von den Schultern der Wildspitze niedergeht. Er ist wohl der schönste Gletscher Tirols neben seinem Nachbarn, dem Taschachferner, zu welchem eine westliche Seitenschlucht führt.

[Sidenote: Imst. Fernpaß. Landeck.]

Gegenüber der Mündung des Pitzthales dehnt sich eine wohlangebaute Terrassenlandschaft zu den Gehängen der nördlichen Kalkalpen. Hier lagert, eine halbe Stunde vom Inn entfernt, der schöne Markt Imst (Abb. 97), im Mittelalter durch den von Augsburg nach Italien über den Fernpaß führenden Handelsweg reich und blühend geworden. Auch Bergbau ward in der Umgebung getrieben; ein ganz eigentümlicher Industriezweig der Imster wurde die Zucht von Kanarienvögeln, die von hier aus nach allen europäischen Ländern ausgeführt wurden. Die Innthaler- und Brennerbahn ließ den Fernpaß veröden; darunter mußte auch Imst erheblich leiden, nachdem es schon durch die Franzosenkriege und durch einen fürchterlichen Brand im Jahre 1822 fast völlig vernichtet worden war.

Hinter Imst zieht sich die uralte Paßstraße durch ein breites Thal zwischen dem Tschürgant und dem Zuge der Hochkalkalpen aufwärts nach dem romantischen Nassereit (Abb. 98); und von da, an dem prächtigen kleinen Fernsteinsee (Abb. 99), in dessen grünem Gewässer sich die Trümmer der Sigmundsburg spiegeln, vorüber in kühnen Windungen zur Höhe des Fernpasses.

Das Innthal wird von Imst aufwärts wieder breiter und bevölkerter und erweitert sich bei Landeck zu einem prächtigen grünen Thalkessel, in den von Norden her neben ihren bedeutenden Nachbarn die Parseierspitze als stolzeste 3038 ~m~ hohe Erhebung der nördlichen Kalkalpen niederschaut, während sich im Westen das Arlbergthal aufthut. Landeck selber (Abb. 100) liegt unmittelbar am Inn, bewacht von der alten, aber noch erhaltenen Feste Landeck.

Von hier müssen wir, ehe wir dem Innthale weiterfolgen, zunächst in die westlichen Gebiete des Paznaun- und Stanzer Thales eindringen.

Von Landeck aus zieht die Arlbergbahn mit einer Reihe kühner Bauten westwärts, indem sie das Innthal verläßt und in das engere Thal der Sanna einbiegt. Wo an der Mündung des Paznaunthales die Sanna aus der Rosanna und Trisanna zusammenfließt, wird die letztere auf einem 86 ~m~ hohen, sehr merkwürdigen Viadukt von der Bahn überschritten.

In das Hochthal Paznaun führt von der schönen Arlbergstraße ab ein Sträßchen bis nach Galtür. Nur die unterste Stufe des Thales duldet noch Ackerbau; die oberen Stufen sind bloß Weidelandschaften, aber offen, sonnig und grün. Daher bildet auch die Viehzucht so ziemlich den einzigen Erwerb der außerdem zu mancherlei Wandererwerb genötigten Bevölkerung. Die oberen südwärts sich abzweigenden Seitenschluchten des Paznaunthales, das Timberthal, Larainthal, Jamthal und Vermuntthal steigen in die Region des ewigen Eises empor; sie sind umschlossen von den wild zerzackten Glimmerschieferhörnern und Gneiswänden der Silvrettagruppe (Abb. 2) oder Jamthaler Ferner, und von deren ausgedehnten Firnfeldern und Gletschern. Durch diese Thäler steigt man empor zu den Hochgipfeln des Piz Linard (3414 ~m~), des Verstanklahorns (3301 ~m~), des Piz Buin (3312 ~m~) und des lange wegen seiner Gefahren berüchtigt gewesenen Fluchthorns (3408 ~m~). Westwärts führen aus dem obersten Paznaun viel begangene Pässe über das Zeynesjoch und durch die Vermuntthäler nach Montafun; südlich kann man über dick vereiste Kämme nach dem schweizerischen Engadin oder dem Prättigau gelangen.

[Sidenote: Arlberg.]

Im Parallelthal von Paznaun, dem Stanzer Thale, läuft neben der alten Poststraße her eine der schönsten und vielgestaltigsten Strecken der Alpenbahnen, zum Arlberge. Sie hat im Norden die schön geformten Gipfel der Hochkalkalpen, im Süden die aus krystallinischen Schiefern bestehenden zerrissenen Berggestalten der Fervallgruppe, deren kleine steile Gletscher fast über die Bahn hereinhangen und die in der Kuchenspitze (3170 ~m~) kulminiert. Mehrmals den durch das Thal herabschäumenden Gletscherstrom, die Rosanna, überschreitend, erreicht die Bahnlinie über Flirsch, Pettneu und Sankt Jakob (Abb. 101) das letzte Dorf des Rosannathales, Sankt Anton (1302 ~m~, Abb. 102). Für den Eisenbahnreisenden ist hier Tirol zu Ende; er fährt in den 10 ~km~ langen Arlbergtunnel ein und verläßt denselben erst wieder jenseits der Wasserscheide, in Vorarlberg.

Für den Bergwanderer erschließen sich von Sankt Anton aus das Moos- und das Fervallthal, letzteres nochmals gespalten durch den stolzen Felsenobelisk der eisgepanzerten Patteriolspitze. Beide Thäler erstrecken sich ins Innerste der Fervallgruppe. Die alte Poststraße aus Tirol nach Vorarlberg aber zieht sich über dem Tunnel noch hoch empor in eine grüne Thalmulde, wo, überragt von grauen kahlen Kalkzinnen, das Hospiz Sankt Christoph liegt. Dasselbe verdankt seine Entstehung einem armen Hirtenknaben. Dieser, Heinrich das Findelkind genannt, stand im ~XIV.~ Jahrhundert als Hirt im Dienste eines Stanzer Bauern; tief ergriffen durch die Unfälle, die sich während des Winters auf dem Arlbergwege so häufig zutrugen, erbettelte er sich die Mittel zur Erbauung einer Schutzherberge, aus der das jetzige Hospiz hervorgegangen ist. Von diesem zieht sich die Straße noch einige Minuten empor und erreicht in dem dürren Hochthale des Arlberges bei 1802 ~m~ Seehöhe die Wasserscheide zwischen der Donau und dem Rhein. Heutzutage ist die einst so wichtige Straße unbeschreiblich einsam; der große Verkehr donnert und dröhnt weit unter ihr durch die Felsenhöhlung, die moderne Technik ihm durch den Paß gebohrt hat.

[Sidenote: Kaunser Thal. Oberinnthal.]

Wir wandern nun in der Tiefe des Innthales weiter, um eine der prachtvollsten Alpenstraßen kennen zu lernen: die von Landeck nach dem Reschen-Scheideck. Zwei Stunden hinter Landeck durchbricht der Innstrom eine einsame Felsenenge; hier spannt sich über ihn die berühmte Pontlatzer Brücke, um die in den Jahren 1703 und 1809 die erbittertsten Kämpfe zwischen Tirolern und Bayern gefochten wurden. Damals wiederhallten die braunen Felswände von Schüssen und der Strom wälzte die blutigen Toten thalabwärts. Bald erweitert sich das Thal wieder. Hoch droben an der westlichen Thalwand liegen die Trümmer der Burg Laudeck; noch höher die heilkräftigen Quellen des viel besuchten Bades Obladis. In der Thaltiefe vor uns aber zeigt sich das Dorf Prutz, am Eingange des Kaunser Thales. Dieses zieht sich erst zwei Stunden weit nach Osten, dann sechs Wegstunden lang, parallel mit dem Ötz- und Pitzthale, nach Süden, in die Eispaläste der Ötzthaler Ferner hinauf. Die Bevölkerung des Thales lebt in vielen zerstreuten Gehöften; Bannwälder an den steilen Gehängen gewähren ihr nur einen spärlichen Schutz gegen die in diesem Thale besonders häufigen Lawinen. Getreidebau und Ansiedelung enden bei den Häusern von See. Das Ende des Thales wird beherrscht von der größten Gletschermasse Tirols, dem 11 ~km~ langen Gepatschferner. So ausgedehnt diese Eiswüste ist, führen doch nach allen Richtungen Gletschersteige über sie hinweg.

Die Oberinnthaler Straße bleibt noch in der Tiefe am Inn bis zum Dorfe Pfunds, wo das kurze Radurschelthal sich nach Südosten hin abzweigt. Dann überschreitet sie den Strom und steigt an den lotrechten Schieferwänden höher und höher empor, mehrfach mittels Tunnels den Fels durchbrechend. Immer großartiger wird die Landschaft, immer gewaltiger der Abgrund an der Seite der Straße, bis bei dem Gasthause von Hoch-Finstermünz (1106 ~m~) der schönste Punkt des Straßenzuges erreicht wird. In schwindelnder Tiefe sieht man hier unter sich den grauen Turm des Passes von Alt-Finstermünz; und nach Südwesten gleitet der Blick hinein in die geheimnisvolle waldumrauschte Ferne des schweizerischen Engadin (s. Abb. 3).

Hier verlassen wir den Inn. Unsere Kunststraße windet sich durch eine enge Schlucht empor, an einer kleinen Bergfestung vorüber und erreicht in großen Schlangenwindungen das Dorf Nauders (1362 ~m~) mit der alten Burg Naudersberg. Das Dorf, das 1880 durch einen Brand völlig verwüstet ward, liegt fast an der Grenze des Getreidebaus; auf seinem kleinen Hauptplatze tummeln sich die österreichischen und schweizerischen Postwagen; denn eine musterhafte Kunststraße führt von hier in mannigfachen Windungen einen Bergrücken hinauf zur nahen Schweizergrenze und von dort hinab nach Martinsbruck im Engadin.

Die flache Einsenkung, in welcher Nauders liegt, zieht sich mit fast unmerklicher Steigung noch anderthalb Stunden aufwärts zur Paßhöhe von Reschen-Scheideck (1494 ~m~, Abb. 103). Hier müssen wir unsere Wanderung unterbrechen; denn was wir vor uns sehen, ist der Vintschgau -- Südtirol. Das zu schildern gehört späteren Blättern an. Wir haben hier noch eines Grenzgebiets zu gedenken, das sich als nördliche Vorlage des Innthales nach Bayern zu abdacht.

Zwei bayerische Bergströme, die Isar mit ihrem Zufluß, der Loisach, und der Lech, empfangen ihre größten Wassermengen aus Quellbächen, die in Tirol entspringen. Auch diese kleinen Stromgebiete sind des Durchwanderns wert.

[Sidenote: Hinterriß. Isarthal.]

Das Tiroler Stromgebiet der Isar reicht vom Achensee im Osten bis westwärts zum obersten Leutaschthale. Es gehört durchaus der Zone der Hochkalkalpen an. Ihren östlichsten Zufluß aus Tirol erhält die Isar in der Walchen, die aus dem Nordende des Achensees fließt, und durch einsame Waldthäler ihren Weg sucht. Höher aufwärts nimmt die Isar einen anderen Quellfluß auf: die Riß. Das Thal der Riß, nur in seinem untersten Verlauf zu Bayern, sonst zu Tirol gehörend, ist wohl das ödeste unter allen Thälern Tirols, da es bei einer Längenerstreckung von ungefähr 25 ~km~ nur ein paar Jagdschlösser und Unterkunftshäuser, außerdem bloß Alm- und Jagdhütten und ein kleines Franziskanerklösterchen enthält. Das Ganze ist eine prachtvolle Hochgebirgslandschaft, ein riesiges und sorgsam gehegtes Jagdgebiet, auf dessen grüne Matten (vgl. Abb. 73) und schöne Waldbestände in schauerlichen Felsabstürzen die zerrissenen Hochgipfel des Karwendelgebirges herniederdrohen.

Im Isarthal selbst betritt man, vom letzten bayerischen Orte Mittenwald aufwärts wandernd, den Boden von Tirol beim Felsenpaß von Scharnitz, einem uralten und viel umkämpften Eingangsthor von Norden her. In Römertagen hieß der Paß Scarbia; Herzogin Claudia von Tirol legte hier umfangreiche Festungswerke an, die jetzt in Trümmern liegen. In und bei der kleinen Ortschaft Scharnitz fließen verschiedene Quellbäche der Isar zusammen; nach Osten öffnen sich hier unbewohnte, in großartige Waldgefilde und Steinwüsten hinaufziehende Hochthäler: das Karwendel-, Hinterau- und Gleirschthal. Im Hinterauthal entspringt die Isar auf den grünen Matten des Hallerangers. Die alte Völker- und Heerstraße zieht von Scharnitz in einsamer Waldlandschaft noch hinan bis zum Sattel von Seefeld, wo die Wasserscheide zwischen Isar und Inn liegt, und dann hinab über den Zirler Berg ins Innthal. Seefeld liegt auf einer kleinen aussichtsreichen Hochebene (1176 ~m~). Seitenwege führen von hier in das große tirolische Leutaschthal, ein prächtiges, weites, waldreiches, von zwei Ortschaften bevölkertes Thal, das im Norden von der Wettersteinkette, im Südwesten von turmartigen Felskolossen der Mieminger Kette eingerahmt ist und dessen Wasser bei Mittenwald in die Isar fließen.

Der bedeutendste Zufluß, den die Isar empfängt, die Loisach, kommt ebenfalls aus Tirol. Sie fließt aus drei Quellbächen zusammen in dem großartigen Thalkessel von Lermoos (Abb. 104), über dem in furchtbaren Steilwänden die Westfront der Zugspitze abbricht. Zauberhaft schöne kleine Seespiegel, der Seebensee, Drachensee, Weißensee und Blindsee, schmücken die Umgebung von Lermoos; zwischen den letztgenannten hindurch schlängelt sich der altehrwürdige Straßenzug langsam ansteigend zum Fernpaß. Es ist landschaftlich der schönste Zugang aus dem Norden nach Tirol, reich an mannigfaltigen und wechselnden Bildern. Die einsame Höhe des Fernpasses umwehen Sagen und die trauernden Erinnerungen an König Ludwig ~II.~ von Bayern, der sich in dem südlich des Passes gelegenen Schloß Fernstein eine Stätte stiller Träumerei schuf.

[Sidenote: Lechthal.]

Noch ein Gebiet von Nordtirol, ebenfalls dem Innthal nördlich vorgelagert, wollen wir flüchtig durchstreifen: das des Lechstromes. Bald hinter dem bayerischen Grenzstädtchen Füssen erreicht man, am Lech aufwärts wandernd, die Tiroler Grenze und nach ein paar Stunden den schönen Marktflecken Reutte (Abb. 106). Hier gehen nach mehreren Richtungen Straßenzüge auseinander. Nach Osten zu öffnet sich das Seitenthal des stillen, waldumrauschten Plansees (Abb. 105). Nach Südosten zieht am romantischen Trümmerwerk der alten Feste Ehrenberg und der Ehrenberger Klause vorüber die Straße nach Lermoos und zum Fernpaß. Gewaltige Schatten der Weltgeschichte hausen in diesen Trümmern, wo einst der Gotenkönig Theoderich Burg und Gerichtssitz begründet hatte. Während des schmalkaldischen Krieges nahm Schärtlein von Burtenbach die Feste; die Tiroler gewannen sie wieder. Zäh hielt sie sich gegen Kurfürst Moritz von Sachsen und im dreißigjährigen Kriege gegen Bernhard von Weimar und Wrangel. Erst im spanischen Erbfolgekriege ward sie wieder von bayerischen Truppen genommen, konnte aber nicht gehalten werden. Jetzt stehen die Trümmer, von Moos überwuchert, neben und über der Straße.

Das Lechthal wendet sich bei Reutte nach Südwesten. Der nächste Ort ist Weißenbach, wo sich gegen Südosten die abgelegenen Gründe des Rotlechthales aufthun, während nach Nordwesten hin der schmale Schluchtenweg von Paß Gacht in das offene, bevölkerte Thaunheimer Thal hinüberführt. Durch dieses fließt in großen Windungen die Vils, um sich, noch innerhalb Tirols, unweit von Füssen in den Lech zu werfen. Das Thal des Lech dagegen wird oberhalb Weißenbach still und öde; erst von der Mündung des von Westen her kommenden Hornthales aufwärts zeigen sich wieder häufigere Ansiedelungen; aber zur freundlichen, anmutigen Landschaft wird das Thal erst bei Elbigenalp. Höher und mächtiger wird die Umwallung des Thales: im Norden die Allgäuer Berge, im Süden die hohen Kalkschroffen, die hier die Wasserscheide bilden zwischen Lech und Inn und zu denen kurze, wilde Querthäler hinanziehen. Bei dem Dorfe Holzgau erreicht man den oberen Teil des Lechthales, bei Steg den höchst gelegenen Ort. Hier endet die Fahrstraße; aber das Thal zieht sich noch fünf Stunden weit gegen Westen hinan; aus seinen Seitenschluchten führen Jochsteige nördlich in das bayerische Allgäu, nordwestlich in den Bregenzer Wald, südlich zur Arlbergstraße.

Das ganze Lechthal bietet trotz seiner ansehnlichen Ausdehnung dem Fleiße seiner Einwohner nur spärlichen Spielraum; das Klima ist rauh, die anbaufähigen Flächen gering. Die intelligente alemannische Bevölkerung aber ist durch Sparsamkeit und Handelsgeist dennoch wohlhabend geworden.

~VIII.~

Vorarlberg.

[Sidenote: Vorarlberg.]

Das Ländchen Vorarlberg gehört politisch zu Tirol; geographisch und ethnographisch hat es mehr Verwandtschaft mit der benachbarten Schweiz. Denn seine Abdachung geht nach Westen; seine Wasser fließen zum Bodensee; von diesem aus ist die alemannische Bevölkerung in die Thäler hinaufgewandert und hat die keltische und rhätische Urbevölkerung zurückgedrängt. Römische Kultur hat im Vorarlbergischen festeren Fuß gefaßt als im übrigen Tirol.

Scharf abgegrenzt ist das Ländchen gegen Westen durch den Rhein, gegen Süden durch die hohe Kalkkette des Rhätikon, die es vom schweizerischen Prättigau scheidet. Die Nordgrenze Vorarlbergs gegen Bayern läuft durch die sanfteren Höhenzüge des Bregenzer Waldes; im Osten wird es durch die hohen Allgäuer und Arlberger Kalkgebirge von Bayern und Nordtirol, im Südosten durch die Samnaungruppe und die Silvrettagruppe von Tirol und der Schweiz geschieden. Das Klima ist milder als in Nordtirol, die anbaufähigen Bodenflächen verhältnismäßig ausgedehnter. Dies und angeborene Wirtschaftlichkeit haben bewirkt, daß Vorarlberg unter den österreichischen Alpenländern eine ausgezeichnete Stellung in Bezug auf Bodenanbau und Industrie sich erwarb, eine Stellung, die durch die günstigen Verkehrsverhältnisse nur noch gesteigert werden konnte. Durch die wichtige Spalte des Arlbergthales wird das Ländchen in eine nördliche und eine südliche Hälfte geschieden; die erstere ist wohnlicher, bevölkerter; die letztere durchaus großartige Hochgebirgslandschaft.

[Sidenote: Bregenz. Bregenzer Wald.]

Wir betreten Vorarlberg vom Verdeck des schönen Dampfers aus, der uns bei Bregenz in den Hafen gebracht hat. Hinter uns liegt der Bodensee mit seiner nach Westen zu scheinbar uferlosen Fläche. So klein Bregenz (Abb. 107 u. 108), zwischen dem Seeufer und den rot schimmernden Felswänden des Pfänder hingelagert, auch ist, besteht es doch aus drei Städten: einer modernen am See, wo die Schlote der Dampfer und der Lokomotiven qualmen, einer mittelalterlichen auf der Anhöhe, wo zwischen grauen Mauern und Thoren traumhafte Stille liegt, und einer uralten aus römischer Zeit, die unter dem Erdboden versunken ist und von den Römern Brigantia genannt ward.

Nach den Stürmen der Völkerwanderung erscheint die Stadt im Besitze der Grafen von Bregenz, später in dem des mächtigen Geschlechtes der Grafen von Montfort. Während des dreißigjährigen Krieges ward es von den Schweden erobert, die damals sogar eine kleine Kriegsflotte auf dem Bodensee unterhielten. Mannigfache Reste aus der Römerzeit werden im Vorarlberger Landesmuseum zu Bregenz aufbewahrt.

[Sidenote: Bregenzer Wald.]

Der schöne Pfänderberg, der sich, 1064 ~m~ hoch, unmittelbar über Bregenz erhebt, ist der nordwestliche Eckpfeiler des Bregenzer Waldes. Aus diesem strömt in viel gewundenem Laufe die Bregenzer Ache hervor und ergießt sich, eine halbe Stunde westlich von Bregenz, in den Bodensee. Der Bregenzerwald ist in seiner nördlichen, gegen das Flachland vorgeschobenen Hälfte, eine eigentümliche, mehr als ein Mittelgebirge wie als Alpengegend erscheinende Landschaft: lang gestreckte, aus Molasse, Sandstein und Kreide aufgebaute, zu Hochebenen abgeplattete Hügel, in denen die Zuflüsse der Bregenzer Ache schmale Gräben sich eingewühlt haben. Dieser Teil, auch der Vordere oder Äußere Bregenzerwald, ist dicht bevölkert und wohl angebaut. Südlicher erhebt sich die Kreideformation zu höheren, oft steil abfallenden Bergen und steigt noch südlicher als Innerer Bregenzerwald zu den Hochkalkalpen hinan. Im Äußeren Walde liegen die Ansiedelungen meist auf der Höhe der abgeplatteten Hügel, im Inneren drängen sie sich in den Thalweitungen zusammen. Den ganzen Bregenzerwald schmücken prächtige Forsten und Alpenmatten; seine thätige und wohlhabende Bevölkerung treibt eifrig Viehzucht und Holzgeschäft, daneben auch Weberei, die Weiber (Abb. 109) Stickerei. Der Haupteingang in den Bregenzerwald führt nicht durch das enge Thal der Ache, sondern von Schwarzach über die Bergrücken. Der letzte Ort im Thale der Ache ist das hoch gelegene „Schrecken“ (1260 ~m~), von wo noch Jochsteige über das Gebirge nach dem bayerischen Allgäu, nach dem tirolischen Lechthal und nach der Arlbergstraße führen.

[Sidenote: Rheinthal.]