Tirol

Part 10

Chapter 103,044 wordsPublic domain

Ein mächtiges, 15 ~km~ breites Delta haben sich der Rhein und die Bregenzer Ache bei ihrer Mündung in den Bodensee geschaffen. Höher aufwärts wird das Rheinthal zwar schmaler, behält aber bis Feldkirch immer noch eine Breite von 8–10 ~km~. An den beiderseitigen Thalhängen, dem österreichischen wie dem schweizerischen, laufen Bahnlinien thaleinwärts; zwischen ihnen sucht sich der Rhein in der weiten Thalebene mit großen Windungen seinen Weg.

Wenn wir auf der Vorarlberger Bahnlinie Bregenz verlassen, überschreiten wir bald die Bregenzer Ache und gelangen bei Lautrach, von wo eine Verbindungsbahn über Sankt Margareten nach Rorschach führt, ins Rheinthal, welches hier schon einen großen landschaftlichen Zug hat. Weit über die fruchtbare Thalniederung sieht man die teils bematteten, teils felsig kahlen Hänge der schweizerischen Thalseite, mit ihren fernen Ortschaften; hoch über ihnen im Südwesten die steil aufgerichteten Appenzeller Berge: Kamor und Säntis, und die zackigen Churfirsten. Höher aufwärts im Thale sieht man inselgleich waldige Felshöhen aufragen; manchmal tritt auch von der östlichen oder westlichen Thalwand ein steiler Vorsprung ins Thal heraus, der eine weithin schimmernde Wallfahrtskirche oder eine Ruine mit klangvollem Namen trägt.

Über Schwarzach, wo die Hauptstraße in den Bregenzerwald nach Osten hinaufführt, gelangen wir nach dem lang gestreckten, gewerbsfleißigen Dornbirn. Mit 9800 Einwohnern ist es der größte Ort Vorarlbergs, überaus thätig in Spinnerei, Weberei, Färberei. Auch Metall- und Holzindustrie ist hier vertreten. Auch von hier führt eine Straße in den Bregenzerwald. Bald hinter Dornbirn zeigt sich eine Ortschaft, die am Fuße eines mächtigen, lotrecht abfallenden Felsklotzes liegt. Es ist Hohenems; und auf dem Felsen droben sonnen sich die Trümmer der alten Burg Hohenems. Sie war der Stammsitz der Grafen von Hohenems, eines feudalen Geschlechts, das wie kaum ein zweites seinen Namen in die Ritterabenteuer und Schlachtengeschichten des Mittelalters eingezeichnet hat. Hinter Hohenems scheint das Thal bei Götzis sich verengen zu wollen; aber es ist nur ein Ausläufer der östlichen Thalwand, der sich hier wie eine Insel weit nach Westen vorschiebt, in vorgeschichtlicher Zeit vielleicht von den Wellen des Bodensees bespült, wie die Sage meldet. Um den Westabfall dieser Insel, des Kummenberges (663 ~m~), rauscht der Rhein; aber auch auf seinem anderen Ufer steht solch’ ein verengender Inselberg. An den alten Schlössern Neuburg und Montfort vorüber zieht die Bahn, dann am gewerbfleißigen Rankweil vorbei, das äußerst anmutig an der Mündung des vom Bregenzerwalde niedersteigenden Laternser Thales liegt. Hinter Rankweil zeigen sich wieder Inseln in der Rheinebene: der Ardetzenberg und der Schellenberg. Wo die von Südosten aus dem Gebirge herabschäumende Ill mit ihren Gletscherwassern den Ardetzenberg, der sich ihr entgegenstellt, durchbrochen hat, liegt das Städtchen Feldkirch im Mittelpunkte von vier natürlichen Hohlgassen.

[Sidenote: Feldkirch. Bludenz.]

Feldkirch, durch die Natur zur Festung gemacht, ist ein hübsches Städtchen mit 3600 Einwohnern und mancherlei alten Bauwerken, einer schönen gotischen Pfarrkirche, einem alten Bürgerspital und Ritterhause und einem berühmten Jesuitenstift. Industriell ist es nicht in dem Grade wie andere Orte Vorarlbergs. Im Laufe der Geschichte ist dieser „Schlüssel von Tirol“ vielfach umkämpft worden, und seine Lage als Grenzstadt und am Zugang zu einer wichtigen Alpenbahn sichert ihm dauernde Bedeutung (Abb. 110).

Bei Feldkirch mündet von Südosten her das Illthal. In seinem unteren Teile ist es, bis Bludenz aufwärts, breit und wohlangebaut und führt hier den Namen Wallgau. Zwischen Rebenhügeln und freundlichen Dörfern liegen alte zertrümmerte Burgen, aber auch die vielfenstrigen Burgen moderner Großindustrie: Baumwollspinnereien, Türkischrotfärbereien, Webereien, Kattundruckereien. Unbewohnte Thäler ziehen südlich aufwärts in die Hochalpenregionen der Rhätikonkette; im Hauptthal aber steigt die Arlbergbahn allmählich empor. Ein wichtiges Seitenthal ist das aus den Hochkalkalpen, die das oberste Lechthal umsäumen, herabkommende Walserthal, wo einst der heilige Gerold Christentum und Kultur in die jungfräuliche Wildnis trug. Jetzt arbeiten an seinem Eingange große Baumwollpaläste.

Hauptort des Illthales ist Bludenz, schön gelegen, mit 3300 Einwohnern. Es war eine alte Ansiedelung schon zu Kaiser Ottos ~I.~ Tagen (Abb. 111). Auch hier schauen sich alte Burgtrümmer und moderne Fabrikschlote seltsam an. Durch das benachbarte Brandnerthal führt ein Steig in die Wildnisse des Rhätikongebirges empor, das, aus Kalk und Schiefer aufgebaut, kühne und eigenartige Berggestalten aufweist, deren stolzeste, die Scesaplana, ihr 2969 ~m~ hohes Felsenhaupt aus einem Gletscher erhebt und hinunterschaut auf den romantischen Spiegel des Lünersees (Abb. 112).

[Sidenote: Klosterthal. Montafun.]

Bei Bludenz spaltet sich das Illthal. Sein nach Osten hinziehender Ast heißt nun das Klosterthal. In ihm steigt die Arlbergbahn empor, höher und höher, auf zahllosen Viadukten und durch viele Tunnels an der nördlichen Thalwand. In der Station Dalaas hat sie schon eine Höhe von 931 ~m~ erklettert; weit blickt der Reisende hier, rückwärts schauend, bis zum Säntis. Und immer höher klettert der erstaunliche Bau am schwindelnden Abgrund, bis zur Station Langen (1217 ~m~). Hier verläßt die Bahn das einsam und rauh gewordene Klosterthal. Sie tritt in den 10240 ~m~ langen Arlbergtunnel ein, um jenseits der Wasserscheide, im Stromgebiet des Inn, wieder zum Vorschein zu kommen. Die alte Arlbergstraße dagegen windet sich aufwärts zu einem letzten kleinen Dorfe und dann zu der rauhen, öden Paßhöhe des Arlberges.

Hierher aber sind wir schon von Osten, aus dem Oberinnthal, angestiegen.

Das Hauptthal der Ill, von Bludenz aufwärts Montafun (Montavon) genannt, strebt in südöstlicher Richtung empor zu den Gletschern und Hochgipfeln der Silvrettagruppe. 40 ~km~ lang, mit mildem Klima, prächtigen Matten und Wäldern, ist es die Heimat einer freien Bauernschaft, die keine Zwingburgen duldete. Nur der unterste Teil des Thales gehört noch dem Kalkgebirge an; höher oben beginnen Schiefergesteine. Kurze, steile Seitenthäler ziehen in südlicher Richtung zu den Zackengipfeln der Rhätikongruppe hinauf; durch einige führen Jochsteige nach dem schweizerischen Prättigau. Hauptort des Montafun ist Schruns, ein stattliches, in den Sommermonaten von Städtern viel besuchtes Dorf, berühmt durch seine mächtigen Kirschbäume (Abb. 113 u. 114). Hier öffnet sich gegen Osten das gewundene, einst erzreiche Silberthal, mit Jochpfaden zum Arlberge, überragt von der schneidigen Patteriolspitze. Von Schruns aufwärts liegen im Thal noch die Orte Gallenkirch, Gaschurn und als letztes Dorf Patenen oder Parthennen. Hier beginnt die Almenregion. Nach Osten führt ein Steig über das viel begangene Zeinisjoch nach dem obersten Paznaun; das Illthal selber zieht in südlicher Richtung noch ansteigend fort bis zum großen Vermuntgletscher, aus dessen Eisschlünden die Ill hervorströmt. Von hier führen vergletscherte Jochpfade zum Prättigau und in das felsumschattete Engadin.

~IX.~

Vintschgau.

[Sidenote: Reschen-Scheideck.]

Der oberste Thalgrund der Etsch ist der Vintschgau. Hier liegt auf der Paßhöhe des Reschen-Scheidecks der grüne Reschensee, aus dem die Etsch abfließt (Abb. 103). Das armselige Dörfchen Reschen am Nordende des Sees bezeichnet die Wasserscheide zwischen Inn und Etsch. Rauh und großartig ist die Landschaft hier oben. Bei dem Dorfe Graun, das ebenfalls noch am Reschensee liegt, öffnet sich ostwärts das Thal Langtaufers. Ein wilder Gletscherbach strömt aus ihm hervor; er ist der Abfluß des mächtigen Langtauferer Ferners, der im Hintergrunde des Thales herabsteigt, umstarrt von den eisigen Höhen der Weißseespitze, Vernagtwand, Weißkugel und Freibrunner Spitze. Aus dem Langtauferer Thale und seinen grünen Matten führen selten begangene Jochsteige und Gletscherpässe hinüber in die Nachbarthäler, nach Radurschel, ins Kaunserthal und ins Ötzthal. Unter diesen Pässen ist das Weißseejoch in der Kriegsgeschichte berühmt geworden dadurch, daß es 1799 vom österreichischen General Laudon mit einer Heeresabteilung überschritten ward.

Der Langtauferer Bach wirft sich in einen zweiten kleinen See, den Mittersee, über welchem man im Süden die eisgepanzerte Berggestalt des Ortlers aufragen sieht. Am südlichen Ende dieses Sees liegen die alten Häuser von „Sankt Valentin auf der Heide“. Dies ist einer der eigenartigsten Plätze in Tirol, eine Landschaft, in den größten kühnsten Zügen gezeichnet. Im ~XII.~ Jahrhundert ward hier ein Hospiz begründet zur Aufnahme von hilfsbedürftigen Wanderern. Hier beginnt die berühmte Malser Heide. Noch liegt ein dritter See auf der Höhe, der Heidersee; dann senkt sich die Heide wie ein mächtiges Dach thalabwärts; ihr oberes Ende liegt um 400 ~m~ höher als das untere. Diese Heide ist ein riesiger Schuttkegel, gebildet durch Schlammströme, die aus den östlichen Seitenthälern Plawen und Planail einst hervordrangen. Über sie zieht in vielen Windungen die prächtige Jochstraße herab. Wer über die Heide herabsteigt, den grüßt von felsiger Höhe, am Westhang des Gebirges gelegen, das Benediktinerstift Marienberg. Es ist eine altehrwürdige Abtei, in deren Geschichte aber ein blutiger Griffel schrieb; denn im Jahre 1304 ward das Kloster von seinem eigenen Schirmvogt, einem der wilden Ritter von Matsch, überfallen und sein Abt erschlagen. Den Mörder fand man nachmals ermordet und verscharrte ihn in ungeweihter Erde.

Tiefer und tiefer senkt sich die Heide. Und je mehr man sich ihrem unteren Ende naht, um so belebter wird die Landschaft. Zur Rechten und zur Linken der Heide, wie an ihrem Fuße, erheben sich Burgen und Kirchtürme; vor sich sieht man den stattlichen Flecken Mals, überragt vom Eisbau des Ortlers. Mals ist ein uralter Ort römischen Ursprungs, mit ehrwürdigen Burgtrümmern, durchbraust von dem wilden Punibach, dessen Wasser in grauer Vorzeit die Schuttmassen der Malser Heide aus höheren Gebirgslagen herabgewälzt haben.

[Sidenote: Ober-Vintschgau]

Noch senkt sich auch unterhalb von Mals das Gelände stark nach abwärts. Aber der Charakter der Heide ist verschwunden; zahlreiche Ortschaften beleben das Thal; Burgen schauen von den Vorsprüngen der Berghänge; weiße Häuser schimmern unter Obstbäumen; überall zeigen sich die Spuren fleißiger Menschenhände. Noch ein halbes Stündchen tiefer, wo die Thalsohle ganz flach wird, liegt das uralte graue Städtchen Glurns (Abb. 115). Hier ist der Ober-Vintschgau zu Ende; der zahmere Unter-Vintschgau beginnt; die Landschaft wird, wenn auch aus der Höhe kahle Felsschroffen und Eisspitzen hineinragen, gartenähnlich; die Etsch, so wild sie auch über die Malser Heide herabtobte, wälzt sich hier in wohlgeregeltem Bette hin.

Glurns macht einen Eindruck, als sei es aus längst vergangenen Jahrhunderten gespensterhaft emporgestiegen in den Sonnenglanz des Vintschgaues. Bemooste Mauern und Türme pressen die kleine Häusermasse des Städtchens zusammen; die paar Gassen, die es enthält, sind wie ausgestorben. Im Jahre 1499 durch die Graubündener, 300 Jahre später durch die Franzosen völlig verwüstet, ist es noch wie ein malerischer Steinhaufen liegen geblieben im blühenden Thale.

[Sidenote: Münsterthal. Matscher Thal.]

Zwei Seitenthäler münden hier ins Etschthal. Nach Südwesten zieht sich das Münsterthal gegen die Schweizer Grenze hinauf. Sein Eingang ist ein viel umkämpftes Schlachtfeld; der letzte Tiroler Ort in seinem Inneren ist Taufers, geschmückt von den Trümmern der Burgen Rotund, Helfmirgott und Reichenberg. Vom Turm zu Helfmirgott sprang einst eine, von einem wüsten Ritter von Rotund bedrängte Jungfrau; im Sturze rief sie: „Helf mir Gott!“ und gelangte unversehrt zur Erde.

Eine Viertelstunde thalabwärts von Glurns, bei Schluders, mündet das Matscher Thal, das sich sechs Stunden lang gegen die Gletscher der Ötzthaler Gruppe in nordöstlicher Richtung hinaufzieht. Über dem wilden, schluchtartigen Ausgange des Thales liegen die zerfallenen Reste der Burgen Unter-Matsch und Ober-Matsch, einst Sitze der fehdelustigen und raubgierigen Grafen von Matsch, eines der mächtigsten Tiroler Rittergeschlechter. Gegenüber, am nördlichen Thalhang, sonnen sich zwischen grünen Matten die Häuser des Dorfes Matsch. Der Ort wird schon in langobardischer Zeit genannt; sein erster Pfarrer soll der heilige Florinus gewesen sein. Wer das Thal hinauf wandert, sieht, rückwärts gewendet, die Eiswelt des Ortlers riesenhaft aufsteigen. Zwischen herrlichen Matten zieht sich das Thal stundenlang eben dahin, bis es in einen wilden Schluchtencirkus endet, aus dem nur noch vereiste Kletterpfade in die Nachbarthäler führen, und über den als Königin die Weißkugel ihre eisgepanzerten Schultern hebt.

[Sidenote: Stilfser Joch. Suldenthal.]

Kehrt man aus dem Matscher Thale zurück ins Etschthal, so trifft man in Neu-Spondinig auf einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Das Thal wendet sich hier vollständig nach Osten und wird zum Unter-Vintschgau, dessen nördliche Umwallung durch die Gehänge der Ötzthaler Alpenwelt gebildet wird, während von Süden her die Abhänge der Ortleralpen ins Thal schauen, dessen Sonnenseite zunächst kahle, sonnverbrannte, pflanzenleere Steinmauern bilden, während auf der Schattenseite dunkle Waldung sich hoch emporzieht. Bei Neu-Spondinig zweigt von der Vintschgauer Straße die Stilfser Jochstraße ab und zieht heiß und sonnig quer durch das Thal, um bald darauf durch die Thalschlucht des Trafoibaches als kühnster Straßenbau der österreichischen Monarchie zum Stilfser Joch (Abb. 116) anzusteigen. Wie mächtig ihre Steigung ist, geht daraus hervor, daß Neuspondinig auf der Sohle des Etschthales nur 885 ~m~, die Stilfser Jochhöhe dagegen 2760 ~m~ hoch liegt.

[Sidenote: Ortler.]

Zwei Stunden vom Eingange des Trafoithales, an dem die belebte Poststation Prad den Zugang bildet, spaltet sich das Thal bei der kleinen Gebirgsfestung Gomagoi. Der linke Thalast zieht hinauf in die Eiswelt des Ortlers. Es ist das Suldenthal -- heut’ eine der vom Fremdenverkehr zumeist gesuchten Hochgebirgslandschaften (Abb. 117 u. 118). Was Zermatt oder Chamonix für die Schweiz, ist Sulden für Tirol. Seit ein paar Jahren erst ist die Fahrstraße in das Suldenthal vollendet, aber schon steht neben einigen kleineren ein riesenhaftes Hotel in dem ehemals weltverlorenen Bergdorf Sankt Gertrud. Ein schimmernder Kranz von Eisbergen umgibt das Thal: der gewaltige Ortler (Abb. 4), die geisterhaft schöne Königsspitze mit ihren Eiswänden (Abb. 5) und der Cevedale mit seinem makellos weißen Schneekleide. Sankt Gertrud ist nunmehr ganz Touristen- und Führerdorf geworden. Seit der kühne Passeirer Jäger Joseph Pichler im Jahre 1804 als erster die Spitze des Ortlers betreten hatte, sind mancherlei Wege auf diese höchste Zinne Österreichs, die sich 3902 ~m~ über den Meeresspiegel erhebt, gefunden worden. Die gangbarsten derselben führen von Sulden oder von Trafoi aus zur Payerhütte. die auf dem vom Ortler nach Norden ziehenden Tabarettakamm erbaut ist, und von hier über den oberen Ortlerferner zur Spitze. Der Berg selber ist eine aus Kalk bestehende massive Pyramide von kühnen, energischen Formen, aus der ganzen Gebirgsgruppe, der sie angehört, nach Norden zwischen die Thäler Sulden und Trafoi vortretend. Von seinen Schultern fließen der untere und obere Ortlerferner, der Marltferner, der Ende-der-Welt-Ferner und der mächtige Sulden-Ferner in die Tiefe.

Wandert man von Sankt Gertrud aus thaleinwärts, so gelangt man in einen großartigen Gletschercirkus, in dessen Innerstem die Schaubachhütte des Alpenvereines einen unvergleichlichen Ausgangspunkt für Alpenwanderungen bietet. Gletschersteige, nur für schwindelfreie und kniefeste Kletterer gangbar, führen von da auf die Hochgipfel des Ortlers, der Königsspitze und des Cevedale, sowie über vereiste Felsjoche nach den italienischen Thälern Val Zebru und Val Cedeh, und in das tirolische Martellthal.

[Sidenote: Stilfser Joch.]

Kürzer als das Suldenthal ist jenes von Trafoi (Abb. 119), in welchem die Stilfser Jochstraße mit ihren zahllosen Windungen zur tirol-italienischen Grenze hinansteigt. Prachtvoll ist der Einblick in die Eiswelt des Ortlers von Trafoi (~Tres fontes~) aus, wo in tiefster Bergeinsamkeit die „Heiligen drei Brunnen“ sprudeln, während hoch über ihnen die blaugezackten Gletschermassen des Trafoier und des Ortler Ferners hangen. Immer kühner wird der Straßenbau, immer fremdartiger und öder die Umgebung; der letzte dünne Wald bleibt zurück; die Straße zieht durch eine dürre Steinwüste so hoch hinauf, daß die Gletscher hart an sie herantreten, und erreicht endlich die Jochhöhe und die Grenze bei einer Steinsäule in einer Meereshöhe von 2760 ~m~.

[Sidenote: Oberer Vintschgau.]

Aber hier beginnt italienisches Gebiet; wir müssen zurück in die Tiefe des Etschthals. Dieses wird allmählich fruchtbarer; an den Trümmern zerfallener Ritterburgen vorüber wälzt sich der eisgraue Strom durch die Getreidefluren von Tschengels und Laas und dann um einen mächtigen Schuttkegel in eine tiefer gelegene Thalgegend. Hier nimmt er die starken Gletscherwasser auf, die ihm aus dem von den Ortleralpen herabziehenden Seitenthal Martell zufließen. Und immer reicher wird die Landschaft; auf den Glimmerschieferfelsen über dem Thale winken malerisch die Burgen von Schlandersberg und Annenberg, von Montan, Castelbell und Hochgalsaun; an den untersten Gehängen des Thals zeigen sich schon die prächtigen dunkelgrünen Haine der Edelkastanie zwischen kleinen Weingärten. Bei Staben mündet, von Norden herabziehend, wieder ein größeres Seitenthal: das Schnalser Thal. Hoch droben in diesem Thale liegt das ehemalige Kloster Kartaus, das, 1326 von König Heinrich von Böhmen gestiftet, späterhin wegen des unkirchlichen Lebenswandels seiner Mönche aufgehoben ward. Jetzt wohnen arme Leute in den ehemaligen Mönchszellen. Bei Kartaus gabelt sich das Thal. Nach Nordosten steigt das Pfossenthal hinauf, wild und mit jähen Wänden. Ein paar einsame Bauernhöfe liegen noch in ihm; vom höchsten und letzten derselben, dem Eishof, führen Gletscherpässe ostwärts nach dem Pfeldersthale und nordwärts über den großen Ötzthaler Ferner nach dem Ötzthale. Der Hauptast des Schnalser Thals wendet sich nach Nordwesten; höher oben in ihm liegt noch der Wallfahrtsort Unser-lieben-Frau (Abb. 121). Zwei, zwar vergletscherte, aber doch viel begangene Pässe leiten von da ins Ötzthal hinüber, dessen Gletscher an ihrem Südabhange meist in jähen Wänden abbrechen, während sie nach Norden mit langen Zungen hinabziehen. Diese Pässe sind das Hochjoch und das Niederjoch, zwischen denen die dick beeiste Finailspitze ihr blinkendes Haupt erhebt. Das Schnalser Thal ist eines der abgeschlossensten und deshalb echtesten Thäler Tirols, von etwa 1200 Seelen bewohnt, friedfertigen, treuherzigen und stattlichen Menschen, ohne jede Fahrstraße.

[Sidenote: Schnalser Thal. Etschthal. Meran.]

Das Etschthal zeigt von der Mündung des Schnalser Thals abwärts schon fast südliche Fülle und Schönheit. Über prachtvollen Kastanien und Nußbäumen trotzen die Burgen von Hochnaturns und Tarantsberg; Reben umranken jedes Haus, üppiges Schlinggewächs jeden Fels. Noch einmal verengt sich das Thal zu einer merkwürdigen Schlucht, der „Töll“, durch welche sich die Etsch über eine Höhe von fast 200 ~m~ hinunterdrängt in die Tiefe. Dem Wanderer aber erschließt sich plötzlich ein weiter wunderbarer Blick in einen offenen Thalgrund, mit blinkenden Ortschaften, Kirchen und Burgen; eine entzückende, lachende Gartenlandschaft: das gesegnete Burggrafenamt von Meran.

Meran selber (Abb. 120), vordem die Hauptstadt von Tirol, liegt in üppigem Weingelände, am Ufer der Passer, die sich eine Viertelstunde weiter in die Etsch ergießt. Sie hat heute 7200 Einwohner. Obwohl weder als Industrie- noch als Handelsplatz thätig, ist die kleine Stadt weltberühmt wegen ihres unvergleichlichen Klimas, das sie seit etwa sechzig Jahren zu einem Kurort ersten Ranges erblühen ließ. Um die Gasthöfe, Pensionen, Heilstätten und Krankenpromenaden dreht sich das ganze Leben der Stadt. Aber so frisch auch die Quellen von den Bergen rieseln, so üppig jeder Weg und jeder Stein von Blüten überrankt erscheint, so kühl der Schatten der prächtigen Kastanien, so entzückend der Blick auf die riesigen Berge der Umgebung, auf die weite Thalebene, die Rebengelände und die prächtigen alten Burgen an den Hügelsäumen ist: der gesunde Mensch flieht Meran; hier ist zu viel des Leidens und Sterbens, das wehmütig stimmt -- gerade bei dieser Vollpracht der Natur.

[Sidenote: Schloß Tirol. Passeier Thal.]

Ja -- man flieht aus den sauberen und sonnigen Straßen Merans und seiner Nachbarorte Ober- und Untermais; hinauf nach dem Schloß Tirol (Abb. 122), dem alten Felsenneste, wo einst die Grafen von Tirol saßen und aus dem alten Kaisersaale der entzückte Blick meilenweit durch das Etschthal hinunterschweift und hinauf bis zu den Laaser Fernern. Oder nach dem schönen Schloß Lebenberg mit seinem Schatze von mittelalterlichen Erinnerungen; nach Schloß Schönna (Abb. 123) oder der trotzigen Fragsburg. Oder noch weiter in eins der großen Hochgebirgsthäler, die bei Meran in das Etschthal münden: in das Passeier- oder das Ultenthal.