Tirol

Part 11

Chapter 113,182 wordsPublic domain

Das Passeier, eins der meistgenannten Tiroler Seitenthäler, erstreckt sich über 30 ~km~ lang von Meran nordwärts bis zur Gletscherwelt der Stubaier und Ötzthaler Gruppe, von der eisfrischen Passer durchströmt. Nur der unterste Teil des Thales zeigt noch den üppigen Landschaftscharakter von Meran (Abb. 124). Die zerstörungslustige Passer mit ihren häufigen Überschwemmungen hat die Ansiedelungen genötigt, mehr nach den Thalwänden hinaufzusteigen. Von der Kellerlahn, einem brüchigen Berghang an der Ostseite des Thales, wälzen sich nach jedem Regengusse verheerende Schlammströme herab, um dann von der Passer thalauswärts gerissen zu werden. Hinter dem Dorf Sankt Martin, etwas rechts von der Straße, liegt das Sandwirtshaus (Abb. 125), aus dem Andreas Hofer hervorging, um seine kurze glänzende Heldenlaufbahn und seinen frühen Tod zu finden. Nicht ohne Rührung schaut der Wanderer hinüber zu dem schlichten weißen Hause. Hauptort des Thales ist Sankt Leonhard, unter den Ruinen der Jaufenburg. Hier spaltet sich das Thal; ein Ast zieht nordöstlich gegen den einst viel begangenen Jaufenpaß, über den ein Saumweg nach Sterzing führt. Der Hauptast aber wendet sich nach Westen. Die Straße wird zum Saumpfad. Bei Moos zweigt sich abermals ein Seitenthal ab: Pfelders. In ihm liegt, schon 1628 ~m~ hoch, noch die kleine Ortschaft Plan, eins der echtesten und ärmsten Hochgebirgsdörfer Tirols mit seinen wettergebräunten Hütten. Gletschersteige führen von hier über den Ötzthaler Kamm nach Gurgl. Das Passeier aber wendet sich von Moos wieder nach Norden. Man betritt das Hinterpasseier; eine der unwegsamsten weltentlegensten Gegenden Tirols. Der zum schlechten Steig gewordene Weg leitet noch zu den kleinen Ansiedelungen Seehaus, Rabenstein und Schönau; hier ist das Passeier zu Ende. Nach links führt ein kaum mehr erkennbarer Jochpfad zum Timbler Joch, zwischen der Ötzthaler und Stubaier Gruppe; nach rechts steigt man aufwärts zum ehedem erzreichen Grubengebiet des Schneeberges, das geographisch zum Passeier gehört, obwohl sein Verkehr nach anderer Richtung, nach Ridnaun und Sterzing hin gerichtet ist.

[Sidenote: Ultenthal.]

Ein anderes großes Seitenthal des Etschthals, auch bei Meran sich öffnend, ist Ulten, durch das die Valschauer fließt. Es zieht in südwestlicher Richtung hinan zur Ortlergruppe. Der Eingang in das Thal führt durch einen schönen, mit alten Kastanien geschmückten Naturpark und durch Rebengärten an den alten Schlössern Braunsberg und Eschenloh vorüber, durch deren Gemäuer sagenhafte Schatten schwanken und über denen in den granitenen Thalwänden die Ultner Sage Hexenschwärme sich umtreiben läßt. Weiter einwärts findet man Thonschiefer- und Porphyrbildungen; dort liegt als Hauptort von Ulten Sankt Pankraz und hoch darüber auf luftiger Berghalde Sankt Helena. In einer Enge zeigt sich weiterhin das viel besuchte Mitterbad (946 ~m~), ein vitriolhaltiger Eisenquell. Nun steigt der Weg steiler im Thalgrund hinan; es folgen noch ein paar kleine Ortschaften; endlich als letzte Sankt Gertrud (1470 ~m~). Von hier laufen noch Jochsteige in die Nachbarthäler: nordwestlich über einen vergletscherten Grat ins Martellthal; südwestlich am einsamen Corvosee vorüber zu den vielbesuchten Bädern von Rabbi im Val di Sole (Sulzberg). Das ganze Ultner Thal ist durchaus deutsch, neben welscher Nachbarschaft; nur ihre alten Volkstrachten hat die Bevölkerung gegen die wohlfeilen Italienerkittel vertauscht, trotz ihrer Wohlhabenheit. Allgemein gelten die Ultner als das lustigste Völkchen in Südtirol.

[Sidenote: Bozener Thalkessel.]

Von Meran abwärts ändert die Etsch plötzlich ihre Richtung; sie fließt nunmehr nach Südsüdosten bis in den Bozener Thalkessel, von wo sie eine rein südliche Richtung einschlägt. Das Etschthal von Meran bis Bozen heißt auch das Mutterländchen; es ist der Kern, an den das übrige Tirol nach und nach hinzugewachsen ist. Hier breitet die Natur schon jenen üppigen Segen aus, der sich dann durch das ganze übrige Etschland fortsetzt. Das Thal ist offen, mit flacher Sohle; Leben und Bevölkerung haben sich aber, diese Ebene vermeidend, an ihren beiden Seiten zu den Thalgehängen hingezogen. Hier liegt eine ganze Reihe von malerischen, wohlhabenden, rebenumrankten Ortschaften, überragt von prächtigen alten Burgen. Die Bahn und die Etsch drängen mehr nach der linksseitigen Thalwand hin, wo auch die Poststraße läuft, an den alten Burgen von Gargazon und Maultasch und dem rebengesegneten Terlan vorüber, und längs der roten Porphyrwände, von denen aus luftiger Höhe auch die Burgtrümmer von Greifenstein herunterleuchten. Am rechten, südwestlichen Thalgehänge ist das Gestein anfangs Granit, später auch Porphyr, von steilen Schluchten durchschnitten; auch Sandstein und vorgedrängtes Dolomitgeröll. An dieser Thalwand ragen die Schlösser Lebenberg und Helmsdorf, Thurn, die epheuumsponnene Maienburg und Brandis; dazwischen Bergschluchten, Weingärten und Haine von Edelkastanien und wiederum alte Burgen: Leonburg, Fahlburg, Katzenzungen, Wehrburg, Schwanburg und Nalsburg und viele andere. Man wird wohl kaum auf einem anderen Fleck Erde so viel Naturschönheit, mittelalterliche Romantik und gesundes Volkstum vereint finden, wie hier. Dabei wohnt in den sonnigen Dörfern eine rein deutsche Bevölkerung, hoch gewachsen und schön, treuherzig und an alter Sitte hangend.

~X.~

Sillthal, Brenner und Bozen.

[Sidenote: Sillthal oder Wippthal.]

Wir kehren wieder zur Landeshauptstadt zurück, um jenen merkwürdigen Thalspalt kennen zu lernen, der von Innsbruck aus durch das Sillthal, über den Brenner und das Eisackthal bis in den Bozener Kessel zieht. Heute tragen uns die Züge der Brennerbahn durch diesen Thalspalt dem sonnigen Süden zu. Gleich hinter dem Bahnhofe Innsbruck und dem ehrwürdigen Stift Wilten beginnen die mächtigen Bauwerke dieser Bahn, wo uns jene finstere Felsenpforte entgegengähnt, die den Berg Isel durchbohrt. Hoch über uns türmt der einst so viel umkämpfte Bergwall sich empor, dessen blutgetränktem Boden jetzt fröhlich grünender Wald entsproßt. Dahinter nimmt uns das einsame Sillthal auf, an dessen östlicher Thalwand die Bahn bergan steigt. Kaum hat dieselbe den Iseltunnel verlassen, so erscheint gegenüber eine von einem kühnen Brückenbogen überspannte Thalöffnung. Es ist der Eingang ins Stubaithal.

[Sidenote: Stubaithal.]

Das Stubaithal zieht sich, in seiner unteren Hälfte offen, bevölkert und wohlangebaut, im oberen Teil in almenreiche Hochthäler gespalten, hinauf zur Kette der Stubaier und Lisenzer Ferner. Die charakteristischen Bergformen des Kalkes und des Thon- und Glimmerschiefers treffen hier zusammen und schaffen ein reiches und großartiges Landschaftsgesicht, das sich schon am Eingang des Thales zeigt. In diesem liegt zu unterst das lebhafte Dorf Mieders (Abb. 126); von der jenseitigen grünen Höhe schauen freundlich die weißen Häuser von Telfes herab. Weiter thaleinwärts führt das Sträßchen nach dem bevölkertsten Orte des Thals: Vulpmes (Abb. 127), wo ein lebhaftes Eisengewerbe blüht. Mit Sensen, Sicheln, Äxten und anderen groben Eisenwaren versorgt das Stubaier Schmiedehandwerk einen weiten Umkreis. Das letzte Dorf in dem nur wenig ansteigenden Thal ist Neustift (Abb. 128). Hier verzweigt das Thal sich in zwei große Äste. Einer von ihnen, das Oberbergthal, wendet sich mehr westwärts in die großartige Wildnis der Alpeiner Alp empor, wo um die mächtigen firnumkleideten Felsriesen des „Wilden Turmes“, des Schrankogl und der Ruderhofspitze ein Eismeer sich ausdehnt, dessen nordöstliche Abdachung als „Alpeiner Ferner“ in das Thal niedersteigt. Das Hauptthal aber, Unterbergthal genannt, zieht noch fünf Stunden weit bis zu jenem Kranz gigantischer Eisberge, die man schon am Eingange des Stubaithals den Thalschluß mit leuchtendem Glanze überdachen sieht. Hier erheben sich neben dem 3511 ~m~ hohen „Zuckerhütl“, in dem die Gruppe kulminiert, der wilde Pfaff, die Sonklarspitze, die Schaufelspitze, der Botzer, der wilde Freiger, die Wildspitze, der Daunkogl und andere über 3000 ~m~ erhabene Gipfelhöhen aus einem weit gedehnten Eismeer, das zahlreiche prächtige Gletscherzungen in die obersten Verzweigungen des Thals herabhängen läßt. Zahlreiche vergletscherte Joche, unter denen das Bildstöckeljoch am meisten begangen ist, führen in die benachbarten Thäler, in das Ötzthal, ins Pflersch- und Ridnaunthal, selbst bis in die fernen obersten Gründe von Passeier.

[Sidenote: Brenner. Gossensaß.]

Kehren wir zur Brennerbahn zurück. Sie erreicht die erste größere Ortschaft des Sillthales, das lang an der Straße hingestreckte Matrei (Abb. 129). Das Thal wird auch Wippthal genannt, der Name kommt von Vipitenum, wie einst Sterzing genannt ward. Unter dem alten Schloß, das Matrei überragt, führt in einem Tunnel die Bahn, dann in ebenem Gelände fort bis zu dem malerischen Steinach (Abb. 130), Geburtsort Martin Knollers, des bedeutendsten Tiroler Malers -- vor Defregger. Von hier beginnt die eigentliche Steigung der Bahn. Diese hebt sich an der östlichen Thalwand höher und höher empor und biegt, weil sie auf gerader Linie die Steigung nicht bewältigen kann, weit in das Schmirner und Valser Seitenthal (Abb. 131) ein, indem sie in halbkreisförmigem Tunnel einen Berg durchbricht. Tief unter ihr liegt nun die Thalsohle und das letzte Dorf im Wippthale, Gries, über welches der Blick des Reisenden in ein stilles Seitenthal, das Obernbergthal, hinüberschweift. Noch eine letzte Steigung an kahler Felswand überwindet die Lokomotive keuchend und stöhnend; dann schlingt sich der Eisenpfad um einen grünen träumerisch zwischen Bergwäldern schlafenden See und erreicht die Paßhöhe.

Zwischen den östlichsten Ausläufern der Stubaier Gebirgsgruppe und dem Westabfall der Zillerthaler Gruppe ist, 1362 ~m~ über dem Meere, ein grünes Hochthal eingeschnitten: der Brenner. Als geräumige, alte, sturmfeste Herberge für Wanderer und Fuhrleute steht hier das stattliche Haus der Brenner Post, auf der Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria, an einer der wichtigsten Heer- und Völkerstraßen Europas.

Minutenlang rasten hier die mächtigen Lokomotiven, die keuchend ihre Züge heraufgeschleppt haben bis zur kühlen Paßhöhe. Aber es ist nicht viel zu sehen auf der berühmten Thälerscheide: den Ausblick in die höhere Gebirgswelt verdeckend schiebt sich von Westen her dunkles Waldgehäng, während man nach Osten zu auch nur grün bewachsene unscheinbare Bergrücken erblickt, die sich vom Tuxer Kamme herabziehen. Wer vom Süden heraufkam, nimmt hier Abschied von einer sonnigeren Welt; wen aber der Bahnzug oder das leichte Stahlrad -- andere Fahrzeuge sieht man hier nicht mehr -- von Innsbruck hergeführt hat, der kann wohl oft genug, wenn im Norden graue Nebel die Berge umrauchen, hoffnungsfreudig nach Süden schauen, wo durch ein Eckchen im Thalspalt jener wärmere Himmel blau aufglänzt, der ihn erwartet.

Hinter dem Brennerposthause stäubt durch den Bergwald ein zierlicher Wasserfall herab. Es ist der Ursprung des Eisack (Abb. 132). Und dann laufen sie, zunächst vorüber am stillen Wildbad Brenner (Abb. 133 u. 134), durch das stundenlange Wiesenthal friedlich nebeneinander her: die Eisenlinie der Brennerbahn, die alte Heerstraße und der krystallklare Eisack. Aber bei der Station Schelleberg gewinnt die Landschaft rasch ein anderes Gesicht. Das Thal öffnet sich weit; steil zieht die Heerstraße hinab nach Gossensaß; in wilden Sprüngen wirft sich neben ihr der Eisack in die Tiefe, und die Bahnlinie schwenkt nach rechts ab, um mittels eines langen Umweges durch das seitliche Pflerschthal die Tiefe von Gossensaß zu gewinnen. Nur ein bewunderungswürdiger Bau hat ihr dies möglich gemacht. Hoch oben zieht sie sich an der nördlichen Thalwand von Pflersch in das Thal hinein, bohrt sich ein tiefes gekrümmtes Loch in die Bergwand, um Raum zur Umkehr zu finden und zieht dann an demselben Hang absteigend nach Gossensaß hinaus (Abb. 135).

Gossensaß -- der Sitz der Goten! War’s ein Wachtposten, den der große Theodorich hier zurückgelassen hatte, als er in die italischen Gefilde mit Heeresmacht hinabgestiegen war, um auf den Trümmern der römischen Weltmacht sein Gotenreich zu begründen? Oder war’s ein Rest versprengter Helden, die nach König Tejas tragischem Schlachtentod hier eine Zuflucht fanden? Heut ist Gossensaß eine der besuchtesten Sommerfrischen Tirols, mit vorzüglichen stattlichen Gasthäusern; nur durch seinen Namen klingt noch ein Ton wie Schwertergeklirr und Heerruf herauf aus den Tagen der Völkerwanderung.

[Sidenote: Pflerschthal.]

Bei Gossensaß erschließt sich das Pflerschthal, das gegen Westen hinanzieht zu den Stubaier Fernern, die hier am weitesten gegen die Thalfurche des Brenners vortreten. Berühmt wegen seines, trotz seiner hohen Lage und seiner eisigen Umwallung milden Klimas, ist das kurze Thal reich an landschaftlicher Schönheit (Abb. 136). Diese wird ihm verliehen durch die unbeschreiblich finstere und trotzige Berggestalt des Tribulaun, der seine braunen zerhackten Dolomitwände zwischen dem Pflersch- und Gschnitzthale aufbaut; sowie durch den schönen Feuersteingletscher, der, schon von der Bahn aus sichtbar, von den eisbedeckten Gipfeln der Feuersteine tief in das Thal herabzieht. Der Bergbau, der einst auf silberhaltige Bleierze im Thal betrieben ward und gegen 300 Knappen beschäftigte, ist eingegangen; nur das Eis der Gletscher schimmert noch in Mondnächten silbern aus den Höhen. Gletschersteige führen hinüber nach Stubai, Gschnitz und Ridnaun und in das ferne Ötzthal.

[Sidenote: Sterzing. Ridnaunthal.]

Von Gossensaß zieht sich Bahn und Straße durch eine enge Schlucht hinab nach Sterzing. Von der Höhe links schauen die Reste der Ruine Straßberg; zur Rechten sieht man ein Meisterwerk der Ingenieurkunst: einen Felsentunnel, den man für den wildschäumenden Eisack brechen mußte, weil der Schienenstrang durch das vormalige Bett des Stromes geleitet ward. Weit öffnet sich dann der sonnige Thalkessel von Sterzing (Abb. 137 u. 138).

Sterzing, das Vipitenum der Römer, liegt 948 ~m~ hoch an einem Punkte, wo von Ost und von West große Seitenthäler in das Eisackthal münden. Eine offene Thalebene hat sich hier gebildet, das Sterzinger Moos, von den alten, aber erhaltenen Schlössern Thumburg, Sprechenstein und Reifenstein überragt. Am Nordende dieser Ebene liegt Sterzing, das eigentliche Herz von Tirol. Altertümlich sind seine Gassen; winkelig die Häuser mit den tiefen dämmrigen Thorbogen. Die Quellen des Wohlstands dieser Stadt waren einst der reiche Bergbau der Nachbarschaft und ein überaus lebhafter Fuhrwerksverkehr.

Zwei Seitenthäler münden hier ins Eisackthal. Nach Westen zu erschließt sich das Ridnaunthal (Abb. 139), das sich etwa 20 ~km~ lang in die Eisgefilde der Stubaier Gebirgsgruppe hinaufzieht. Wo ihm, von der stolzen Firnpyramide der Sonklarspitze herabsteigend, der Übelthalferner mit seinem breiten Eisgeklüft entgegentritt, gabeln sich die letzten, kaum mehr sichtbaren Steige. Einer derselben führt empor zu einer der höchsten Schutzherbergen der Alpen, dem „Kaiserin Elisabeth-Haus“ auf dem Becher (3173 ~m~), von wo aus man auf Gletscherpfaden ins Ötzthal, nach Stubai oder Passeier wandern kann (Abb. 140). Aus Ridnaun steigt man auch hinauf zu dem merkwürdigen Bergwerksgebiete des Schneeberges (2356 ~m~). Hier liegt noch die kleine Kirche von Sankt Martin. Der einst sehr reiche Bergsegen (silberhaltige Blei- und Kupfererze) ist heute sehr gering.

[Sidenote: Pfitscher Thal.]

Bei Sterzing, gegenüber dem Ridnaunthal, mündet auch das Pfitscherthal, in nordöstlicher Richtung zur Zillerthaler Berggruppe hinaufziehend. Durch eine schauerliche, zertrümmerte Felsengasse gelangt man in das eigentliche Thal, das sich eben und wohnlich, von hohen Glimmerschieferhörnern umrahmt, in deren Lücken Eiszungen sichtbar sind, erstreckt. Bei den letzten Häusern des Thales trennen sich die Steige; in nördlicher Richtung leitet der meist begangene von ihnen zum Pfitscherjoche und ins Zillerthal; die anderen verlieren sich in den Gletscherwildnissen, die zur Eisburg des Hochfeilers hinanziehen. In keinem anderen Thale Tirols hat die Natur einen größeren Schatz kostbarer Mineralien in den Bergklüften verborgen, als hier in Pfitsch.

[Sidenote: Franzensfeste.]

Brennerbahn und Brennerstraße führen, von Sterzing abwärts, durch sehr einsame Waldgegend über Freienfeld und Mittewald neben dem Eisack dahin. Schon meint man, die enge Waldschlucht nehme kein Ende; da zeigt sich plötzlich die Station Franzensfeste mit ihrem für Minuten erwachenden internationalen Fremdentreiben; und dann, etwas tiefer, die weißgrauen Granitmauern der gleichnamigen Festung, deren Feuerschlünde das Thal absperren. Die Bahn aber zieht auf luftigem Brückenbau mitten durch die Festung. Und dann ändert sich wie mit einem Schlage die Natur. Statt in enger Waldschlucht sich beängstigt zu fühlen, führt der Blick in ein weites, offenes Thal; lauer wehen hier die Lüfte; Rebengärten erscheinen an den sonnigen Thalhängen; dazwischen die dunklen Kronen der Edelkastanie und das hellere Laub der Nußbäume; überall schimmernde Häuser. Da ist der sonnige Süden, und vor uns liegt mit ihren Türmen die Stadt der Fürstbischöfe von Brixen (Abb. 141 bis 143).

[Sidenote: Brixen. Klausen.]

Brixen, am Zusammenflusse der Rienz und des Eisack gelegen, mit 5500 Einwohnern, erscheint schon in karolingischer Zeit; Kaiser Ludwig das Kind schenkte hier ein Gehöft dem Bischof von Säben. Seitdem ward Brixen ein Hauptsitz geistlichen Wesens, aber auch von manchen Streitigkeiten zwischen geistlichen und weltlichen Mächten berührt. Die Stadt ist reizvoll gelegen, von zahlreichen kirchlichen Bauten und Kunstwerken geschmückt, erfüllt von klösterlicher Ruhe.

Durch die gartenähnliche Umgebung von Brixen wälzt sich der, durch die Rienz bedeutend verstärkte Eisack, langsameren Laufes dahin. Nicht lange erfreut man sich des freundlichen Bildes; bald trägt uns die Bahn wieder in eine Stromenge, wo neben dem grollenden Strome Straße und Schienenweg kaum Platz finden.

Hier zieht sich nach Osten hin ein ansehnliches Seitenthal: das Villnösthal, in welches eine Fahrstraße bis nach Sankt Magdalena führt. Für die geologische Bildung des Landes ist es charakteristisch, weil hier jenes merkwürdige Gestein erscheint, der Porphyr, der mit seinen roten Felswänden weite wellige Plateauflächen bildet, aus welchen weiter östlich die schroffen Türme und Zähne des Dolomits aufragen, und der bald auch an der Westseite des Eisackthales sich zeigt. Im Hintergrunde des Villnösthales, aus welchem Jochpfade in die Thäler Enneberg und Gröden führen, ragen schon mächtige Dolomitgipfel: die Geislerspitzen und der Peitlerkofl.

Bald zeigt sich ein höchst romantisches Bild: das alte, eng zwischen der Thalwand und dem Strome eingekeilte Städtchen Klausen (Abb. 144) und hoch über ihm, auf schwindelnd steiler Felswand, die weithin leuchtenden Fronten und Türme von Kloster Säben, einer der ehrwürdigsten Orte Tirols. Schon vor der römischen Eroberung eine Bergfeste der alten Rhätier, ward es von den Römern Sabiona genannt und vom ~VIII.~ bis ~X.~ Jahrhundert Sitz der Bischöfe von Säben, bis dieselben ihre Residenz nach Brixen verlegten. Mancherlei römische Denkmale und Funde geben Aufschluß über diese Zeit. Säben kam in ostgotischen und langobardischen Besitz, ward späterhin zu einer trotzigen Ritterburg und seit 1685 zu einem Kloster der Benediktinerinnen. Als 1809 die Franzosen das Kloster einnahmen, warf sich eine der Nonnen, um dem gierigen Feinde zu entrinnen, in den schauerlichen Abgrund; noch zeugt von ihrem Heldensinn ein an einen Turm gemaltes riesiges Kreuz, das ihrem Andenken gewidmet ist. Herrschendes Gestein hier ist Thonschiefer mit Diorit; auf den höheren Wellenplateaus desselben finden sich wohlangebaute Landschaften mit zahlreichen Ansiedelungen, kaum bemerkt von dem Reisenden, der durch die enge Eisackschlucht dahingetragen wird. Auch von den stolzen Ritterburgen, die hoch droben thronen, sieht man nur eine oder die andere; eine der schönsten ist Schloß Feldthurns oder Velthurns mit gediegener Zimmerarchitektur (Abb. 145).

[Sidenote: Grödener Thal.]

Bei Waidbruck (Abb. 146) öffnet sich gegen Osten das Grödener Thal, 25 ~km~ lang, zum größten Teil von fahrbarer Straße durchzogen. Oberhalb Waidbruck leuchtet der Vogelweidhof (Abb. 52) herab, die Heimat Walthers von der Vogelweide. Die Straße ins Grödener Thal führt durch eine finstere Enge von brüchigem Glimmerschiefer und Porphyr; dann aber weitet sich plötzlich das Thal zu einer wohnlichen, herrlich begrünten Sandsteinfläche, auf welcher der Hauptort, Sankt Ulrich (Abb. 148), liegt. Die Einwohner des Grödener Thales sprechen ladinisch, aber auch deutsch und bezeichnen ihr Thal mit dem Namen Gardena. Zierliche, reinliche Häuser liegen auf den prächtigen Matten, über welche in imponierender Größe die Dolomite, die den östlichen Thalschluß bilden, hereinragen. Die fleißigen und erfinderischen Grödener warfen sich, da ihr Thal für den Getreidebau wenig geeignet ist, schon im Anfange des ~XVIII.~ Jahrhunderts auf die Holzschnitzerei, die heute neben der Spitzenklöppelei einen Haupterwerbszweig bildet (Abb. 34–37). Weiter einwärts im Thale, überragt von den gigantischen Dolomitwänden des Langkofel (Abb. 11), liegt in tiefer Einsamkeit die zerfallene Burg Wolkenstein, einst Sitz des Minnesängers Oswald von Wolkenstein. Zwischen den Felszinnen des Langkofels, dem Grödener Thale, dem Schlern und der Eisackschlucht, liegt die merkwürdige Seiser Alpe (Abb. 43), berühmt durch ihre unvergleichlichen Alpenwiesen wie durch die Mannigfaltigkeit ihrer geognostischen Erscheinungen. Ihre Höhe wechselt von 1800–2200 ~m~; sie gehört größtenteils der Gemeinde Kastelruth (Abb. 147), welcher sie ein sehr bedeutendes Heuerträgnis liefert. Ihre Wasser fließen teils ins Grödener Thal ab, teils zum Eisack. Südwestlich grenzt sie an den mächtigen Dolomitwall des Schlern (2561 ~m~, Abb. 8), der auf seiner Höhe über furchtbar steil abfallenden Wänden ein blütenreiches Grasplateau trägt. Das oberste Ende des Grödener Thales ist einsam und wild (Abb. 149); Jochsteige führen von ihm aus durch rätselhafte Felsengassen, an den wechselndsten Landschaftsbildern vorüber, in das Abteithal und in den obersten Teil des Fassathales.