Part 12
[Sidenote: Schlern. Eggenthal. Bozen.]
Zu einer finsteren Schlucht treten nunmehr die Porphyrwände des Eisackthales zusammen; Leben und Ansiedelung haben sich nach der Höhe hinaufgezogen. In einem kleinen Nebenthale liegt hoch oben Seis (Abb. 150) und das kleine Bad Ratzes. Rasch eilen wir an den Stationen Atzwang und Kastelruth und an dem, in luftiger Höhe von der alten Ritterburg Prösels überragten Blumau vorbei. Dann wird die hohle Gasse etwas lichter. Auf schroffem Fels zeigt sich zur Linken droben die Burg Karneid, um deren Fuß die Straße ins Eggenthal (Abb. 151) und nach dem jetzt viel besuchten Karersee (Abb. 152 u. 153) sich windet. Von Blumau zieht sich das Tierser Thal hinauf bis in die Felswände der Rosengartengruppe, wo in einsamer Höhe die wohnliche Grasleitenhütte (Abb. 158) den Wanderer aufnimmt. Karneid aber schaut schon hinaus in den herrlichen weiten Thalboden von Bozen; die Bergwände zur Rechten treten ganz zurück; nach Süden und nach Westen hin wird der Ausblick frei; die Landschaft gewinnt mit ihrer reichen Fülle von Sonnenschein, mit ihrer üppigen Pflanzenwelt ein paradiesisches Gepräge; und vor uns liegen in einem weiten, blühenden Garten die Häusermassen und Türme von Bozen (Abb. 154 bis 157).
Bozen, mit 12000 Einwohnern, ist in den Winkel, den der Eisack und der Talferbach zusammenfließend bilden, gebaut. Durch die Eisackschlucht sieht man im Osten die Dolomitgestalt des Rosengarten aufragen; den Westhorizont verschließt der lang gestreckte Rücken der Mendel; nach Süden geht der Ausblick ungehindert durch das Etschthal hinaus; im Norden liegt die wellenförmige Landschaft des Sarnthales. Die ganze Lage der Stadt ist wunderbar geschützt gegen die Rauheiten des Alpenklimas.
[Sidenote: Ritten. Gries. Sarnthal.]
Bozen war schon römische Niederlassung; nach kurzer Herrschaft der Ostgoten und Langobarden war es bayerische Grenzfeste; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Trientiner Bischöfen und den Tiroler Rittergeschlechtern, bis es den Grafen von Tirol gelang, sie dauernd an sich zu reißen. Früh zur wohlhabenden Handelsstadt aufgeblüht, hat Bozen diese Stellung sich zu erhalten und zu befestigen gewußt. Die Häuser und Straßen der Stadt zeugen von Wohlstand, Geschmack und Sinn für Behaglichkeit; die Hauptstraße ist von belebten Bogengängen (Lauben) gesäumt, in denen die Kaufläden sich befinden; durch die älteren Straßen laufen Gräben mit fließendem Wasser. Sehenswert sind die alte gotische Pfarrkirche, einige prächtige Privatgärten; in der Umgebung der aussichtreiche Kalvarienberg. Überaus reich und mannigfaltig ist die Landschaft um Bozen. Nordöstlich erstreckt sich eine mit vielen Gehöften und Sommerfrischorten besetzte wellige Berglandschaft, der Ritten genannt (Abb. 159), wo die schönen Ortschaften Oberbozen und Klobenstein den Bozenern während der heißesten Jahreszeit zum Aufenthalte dienen. Jenseits der Talfer, unmittelbar an Bozen anstoßend, bietet der berühmte Kurort Gries den Kranken einen milden, sonnigen Aufenthalt. Auch im Nordwesten lagert eine freundliche Hügellandschaft, wo die Ortschaft Jenesien einen ähnlichen Charakter hat wie Oberbozen. Zwischen dem Ritten und den Hügeln von Jenesien strömt der Talferbach aus dem gerade nordwärts sich hinaufziehenden Sarnthal hervor. In diesem, elf Stunden (35 ~km~) langen Thale verliert sich, namentlich in seinem unteren Teile, den Charakter der Hochgebirgslandschaft völlig. Es bildet eine abgeschlossene Welt, die eigentliche Mitte von Tirol, mit charakteristischer, durchaus deutscher Bevölkerung. Zahlreiche Burgen schmücken das Thal; der ganze Zauber mittelalterlicher Romantik durchweht heute noch die Mauern von Runkelstein (Abb. 160). Hauptort des Thales ist Sarnthein. Aus den obersten Thalgründen führen nur mehr Jochsteige westwärts in das Passeier, ostwärts nach Sterzing. Herrschende Gesteinsarten sind im Süden der Sarnthaler Berge der rote Porphyr; nördlicher folgen Glimmerschiefer und Gneis.
~XI.~
Pusterthal und Tauern.
Wir wenden uns wieder ins Herz von Tirol zurück, nach Brixen. Es gilt, jenen großen Felsspalt kennen zu lernen, der ganz Osttirol in eine nördliche und eine südliche Hälfte scheidet: das Pusterthal.
[Sidenote: Pusterthal.]
Das Pusterthal besteht aus einem breiten, gerade in westöstlicher Richtung verlaufenden Einschnitt, dessen Sohle ihre höchste Erhebung im Toblacher Felde erreicht, von dem die Drau nach Osten, die Rienz nach Westen abläuft. Die Gebirgsarten des Thales sind an seiner Nordseite Granit und Schiefer; an der Südseite Thonschiefer, hinter dem die Dolomitberge aufragen, die an ein paar Stellen, beim Toblacher Feld und bei der Lienzer Klause, bis an das Thal heraustreten.
Eine römische Heerstraße führte auch durch Pusterthal und verband Aquileja mit den norischen Ortschaften Loncium (Lienz) und Aguntum (Innichen). Heute ist die Bevölkerung des Thales deutsch; nur in dem großen südlichen Seitenthale Enneberg wird ladinisch gesprochen und im Flußgebiet der Drau erinnern vereinzelte Berg- und Wassernamen an die verdrängte slavische Bevölkerung. Das Klima ist bei der hohen Lage des Pusterthales ein fast rauhes; trotzdem haben Fleiß und Mäßigkeit den Pusterthalern zu ausreichendem Wohlstand verholfen; und in der Geschichte der Tiroler Heldenkämpfe stehen sie mit in erster Reihe.
Der moderne Weltverkehr strömt ins Pusterthal von der Station Franzensfeste an der Brennerbahn. Hier zweigt die Pusterthalbahn ab, indem sie, den Eisack auf luftiger Brücke überschreitend, nach Osten hin abbiegt, den Höhenzug, der vom untersten Laufe der Rienz den Eisack trennt, durchschneidet und den ersten Pusterthaler Ort Mühlbach erreicht. Der dem Pusterthal entfließende Bergstrom, die Rienz, mündet südlicher, bei Brixen, in den Eisack; sein unterster Lauf ist aber unwegsam. Die erste Ortschaft thaleinwärts ist Mühlbach, an der Mündung des granitischen Seitenthales Vals. Bis hierher reicht noch der Weinbau. Auf der gegenüber liegenden Seite des Rienzthales baut sich der Rodenecker Berg mit seinen Getreidefluren, die ihm den Namen des „Goldenen Berges“ verschafft haben, auf; an seinem äußersten Vorsprunge gegen die Rienzschlucht trägt er die stattliche Burg Rodeneck. Hat man, von Mühlbach thaleinwärts, die Engen der Mühlbacher Klause überwunden, so zeigt sich in einer Thalerweiterung Station und Dorf Vintl. Hier kommt das Pfundersthal von Norden herab, aus dessen einsamen Schluchten selten begangene Jochsteige nach dem Pfitscher- und Ahrnthale führen. Angesichts der Burgruine Baumgarten, des Schlosses Ehrenberg und der Trümmer von Sonnenburg zieht die Bahnlinie nach dem Marktflecken Lorenzen, wo einst das römische Litanum lag.
[Sidenote: Gaderthal.]
Südlich von Lorenzen öffnet sich eine schmale Bergpforte, aus welcher ein Bach, die Gader, strömt. Ein weit verzweigtes System von Thälern liegt hinter diesem unscheinbaren Eingang. Wir müssen dieses Thalsystem kennen lernen; denn seine Verzweigungen führen uns tief ins Innere jener merkwürdigen Bergwelt, die man als die südtiroler Dolomite bezeichnet.
Das Gaderthal erstreckt sich, etwa 30 ~km~ lang, gerade nach Süden, anfangs in einer Enge zwischen Glimmerschieferbergen. Dann spaltet sich das Thal in zwei Äste. Von diesen heißt der nach Südosten führende Enneberg, mit dem Hauptort Sankt Vigil, in reizvoller Lage. Hier wird schon überall die grüne Mattenlandschaft von mächtigen steil aufgerichteten Dolomitzacken überragt. Der Boden um Sankt Vigil ist ein gefährlicher; verheerende Bergstürze haben hier mehrmals gehaust. Noch höher oben führt dieser Thalast den Namen Rauhthal; die Ortschaften hören auf; vereinsamte Fußsteige nur führen durch ausgedehnte Weidegebiete nach den Paßhöhen, über welche man ins Pragser und Ampezzothal gelangt.
Viel bedeutender und belebter ist der gerade nach Süden sich erstreckende Hauptast des Gaderthales. Wandern wir in ihm aufwärts, so gelangen wir allmählich aus der Region des Glimmerschiefers in die des Dolomits, der uns in der imponierenden Gestalt des Peitlerkofels begrüßt. Das Thal führt in seinem weiteren Verlaufe den Namen Abteithal. An den Ortschaften Picolein und Sankt Martin mit der Burg Thurn, an die sich blutige Erinnerungen aus der Zeit des Faustrechtes knüpfen, führt die Straße vorbei. Kurze Seitenthäler öffnen sich zur Rechten und zur Linken der Straße; am spärlichen Häuserhaufen von Pederoa vorüber zieht sich diese bis zum Hauptorte des Thales, Sankt Leonhard, auch Abtei oder, mit italienischem Namen, Badia genannt. Mit lotrechten Wänden hängt der Kreuzkofel über die grüne Thalfläche herein. Überaus reich ist die Kalk- und Sandsteinkruste der Erde hier an Versteinerungen. Noch zwei Stunden über dem Dorfe, unter den Schroffen des Kreuzkofels, liegt die Wallfahrtskirche Heiligkreuz (2038 ~m~). In dieser Wildnis büßte ein Graf Otwin von Pusterthal einst seine Sünden als Eremit. Bald hinter Sankt Leonhard spaltet sich das Thal abermals. Nach Südosten zweigt sich der versteinerungsreiche Thalast von Sankt Cassian ab, von wo höchst interessante und eigenartige Jochübergänge nach der Ampezzaner Straße und nach Buchenstein führen. Im Hauptthale dagegen läuft das Sträßchen stets ansteigend nach den obersten Ortschaften Corvara und Colfuschg (1643 ~m~). Hier ist man in einem der innersten Heiligtümer der Dolomitgebirge. Trotz der hohen Lage wird noch Getreide gebaut; lohnender ist die Viehzucht auf den prächtigen Alpenmatten. Den großartigen Thalschluß des obersten Gaderthales bildet der ausgedehnte Felsenbau der Sellagruppe (vgl. Abb. 10), die in der Boëspitze (3152 ~m~) gipfelt. Durch die märchenhaften und einsamen Trümmergassen dieser unbegreiflichen, farbenreichen und formenschönen, versteinerten Welt führen, auf- und niedersteigend, halb verlorene Wege nach Buchenstein, Fassa und Gröden. Wer einen dieser Wege geht, der erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Bilder, die sich da erschließen; über diese, wie aus der grünen Thalwelt hervorgezauberten, in allen Farben leuchtenden Felspaläste, deren jeder für sich der Sitz eines Reiches von Berggeistern zu sein scheint.
[Sidenote: Bruneck. Ahrnthal.]
Lassen wir uns von diesen Geistern wieder nach dem Norden zurückversetzen ins kühle, grüne Pusterthal. Die Bahn führt uns eine Station weiter nach Bruneck (Abb. 162), mit seinem ragenden Schlosse, das, einst durch die Macht der Brixener Bischöfe erbaut, jetzt als Gefängnis dient. Die Landschaft hier ist weit, offen, gut angebaut; Edelsitze liegen um die Stadt, in deren Umgebung der Tiroler Aufstand des Jahres 1809 ausbrach und erlosch.
[Sidenote: Taufers.]
Durch einen breiten Thalspalt fliegt von Bruneck aus der Blick nach Norden, zu den eisbedeckten Gipfeln der Centralalpen. Es ist eines der größten Seitenthäler des Pusterthales, das sich hier erschließt: das etwa 45 ~km~ lange Ahrnthal. Aus ihm ziehen zwei sehr ansehnliche Nebenthäler nach entgegengesetzten Richtungen; und eine Anzahl von kleinen Seitenschluchten steigen, reich an den großartigsten Naturbildern, in die Eiswelt der Zillerthaler-, Venediger- und Rieserfernergruppe hinauf. Der Eingang des Ahrnthales ist ungewöhnlich breit; zwischen Getreidefeldern und Obstbaumhainen liegen hier, am Rande der Bergwälder, anmutige Dörfer und Edelsitze; dazwischen zeigen sich die Spuren alter Überschwemmungen und Schlammbrüche. Randgestein des unteren Thales ist Granit, der später in Glimmerschiefer übergeht. Am nördlichen Ende des untersten Thalbodens liegt dessen Hauptort, Sand, mit schönen Marmorbrüchen; unweit davon, am Anfang einer Thalenge, die überaus malerische Burg Taufers (Abb. 161). Einem Dornröschenschlosse gleich ragt das alte Gemäuer grau und gespenstig aus der Waldnacht; über ihm steht, im Hintergrunde des Thales, die blinkende Eispyramide des Schwarzenstein, zur Zillerthaler Gruppe gehörig. Die Ritter von Taufers erscheinen schon im Harnischglanz des ~XII.~ Jahrhunderts, starben aber 1340 aus. Wie das Ortlergebiet und das Ampezzothal ist Taufers eine wichtige Stätte für Heranbildung erprobter Bergführer (Abb. 163).
[Sidenote: Mühlwaldthal. Reinthal.]
Unweit von Taufers münden die zwei größten Seitenthäler des Ahrnthales: das Mühlwaldthal und das Reinthal. Das Mühlwaldthal zieht in einem Bogen erst westlich, dann nördlich. Sein schmaler und steiler Zugang schließt es vom Verkehr ab; der schlechte Fahrweg, der hineinführt, endet schon in dem ansehnlichen Dorfe Mühlbach. Höher droben liegt noch die Berggemeinde Lappach; über ihr ein ausgedehntes Alpengebiet, wo die Thalbäche aus den Abflüssen des mächtigen Neveserferners und von den Eishängen des Hochfeilers her zusammenfließen. Nur geübte Gletscherwanderer mögen sich hier noch die Pfade über vereiste Grathöhen nach dem Pfitscherthale und nach dem Zillerthale suchen.
Das Reinthal steigt von Taufers nach Osten zu in die Rieserfernergruppe hinan. Die Zugänge zum Thale sind wild und beschwerlich; stundenlang führt der Pfad steil neben den stürzenden und tobenden Wasserfällen des Thalbaches aufwärts zwischen brüchigen Wänden. Es ist ein düsterer, unheimlicher Steig. Hoch droben an der nördlichen Thalwand liegt ein Gehöft, beim Kofler genannt, zu dem man aus der Schlucht nur über Felsentreppen und Leitern gelangt. Drei Stunden einwärts von Taufers spaltet sich das Thal; hier liegt die einzige Ortschaft: Rein oder Sankt Wolfgang, aus wenigen zerstreut liegenden braunen Hütten bestehend, 1596 ~m~ hoch. Im Osten umstarrt das Thal ein leuchtendes Amphitheater von Eisbergen; hier erheben sich der Schnebige Nock oder Ruthner-Horn (3360 ~m~), der Hochgall (3440 ~m~) und der Wildgall (3272 ~m~). Die letztgenannten beiden Berge gehören zu den schroffsten Eisgipfeln Tirols; als die ersten Versuche zu ihrer Ersteigung gemacht wurden, behaupteten die Leute von Rein, man könne auf den Wildgall nur, wenn man sich Steigeisen an die Kniee und an die Ellenbogen bände. Zwischen dem Reinthal und dem Ahrnthal streicht eine Kette von finsteren zertrümmerten Felsbergen entlang, an deren Fuß man durch das unbeschreiblich öde Knuttenthal in die obersten Gebiete des Defereggenthales gelangt. Die Namen dieser Berge lauten zumeist auf Nock aus: Mostnock, Hirbanock, Zintnock, Klausnock.
[Sidenote: Ahrnthal.]
Das Ahrnthal wird für eine halbe Stunde zur engen Waldschlucht, nach Nordwesten gewandt, erweitert sich aber bei Luttach, um sich nunmehr nach Nordosten zu wenden. Seine südliche Wand bilden die vorhin genannten Trümmerberge; die nördliche besteht aus dem Zillerthaler Hauptkamm, zu welchem zwölf kurze, steile Seitenthäler hinansteigen. An den untersten Hängen dieser nördlichen Thalwandung liegen, da sie die Sonnenseite hat, die Gehöfte stundenweit zerstreut über der Thalsohle; man hat sich hier sorgsam bemüht, das Wasser der Wildbäche zum Teil in kleine Bewässerungskanäle abzuleiten und dadurch nutzbar zu machen. Über dieser Zone anmutiger Ansiedelungen, die fast alle weit ins Thal hinabschauen, beginnen steile Bergwälder; dann Felswände und furchtbare Trümmerfelder, endlich die meist steil abfallenden Gletscher und Firnfelder.
Bei Luttach steigt gegen Westen das Weißenbachthal mit seinen Seitenschluchten zu den ausgedehntesten Gletschergebieten der Zillerthalerferner empor. Im Ahrnthale, das von hier auf eine Ausdehnung von drei Stunden seinen ebenen und bevölkerten Charakter beibehält, gelangt man auf guter Straße weiter nach Sankt Martin und Steinhaus. Letzteres ist oberhalb Taufers der wichtigste Ort des Thales, mit weithin leuchtender Kirche. Jedes der nördlichen Seitenthäler gewährt einen Einblick in die Eiswelt.
[Sidenote: Ahrnthal. Pusterthal.]
Bei Sankt Peter gewinnt das Thal einen anderen Charakter; es verengert sich zu einem düsteren brüchigen Schlunde, durch den die Straße zum letzten Thalboden ansteigt, der die Prettau genannt wird. Hier liegen noch in einer Hochgebirgslandschaft, in die von Osten schon die eisigen Ausläufer der Venedigergruppe herüberglänzen, die Ortschaften Sankt Valentin und Kasern. Bei Sankt Valentin endet der Fahrweg; hier zeigt sich auf einmal, völlig fremd anmutend, industrielles Leben: das Kupferwerk der Ahrner Gewerkschaft. In den Chloritschiefern, welche die Kupfererze dieser Gruben führen, finden sich auch sehr schöne Quarzkrystalle und Magneteisen. Kasern, der letzte Ort des Ahrnthales, liegt schon 1624 ~m~ hoch; ein altes sturmfestes Tauernhaus bietet hier eine bescheidene, aber mit echter Tiroler Liebenswürdigkeit gereichte Unterkunft. Und das ist wohl notwendig; denn die Wege, die von hier noch weiterführen, sind lang und anstrengend, in der schlechteren Jahreszeit von todbringenden Gefahren umdroht. Es sind die Jochsteige über das Merbjoch nach Defereggen; über das Heiligengeistjöchl in den Zillergrund; über den Krimmler Tauern oder über die Birnlücke nach Krimml im Pinzgau und über das vergletscherte Umbalthörl (Abb. 164) in die schweigsamen Einöden des Umbalthales. Auf dem zuletzt genannten Wege ging einst ein ganzer Wallfahrerzug im Eise verloren. So erzählt uns ein greiser Führer droben auf der eisigen Paßhöhe.
Setzen wir aber die Fahrt durchs Pusterthal fort. Von Bruneck aufwärts überwindet die Bahn durch kunstvolle Bauten die Hindernisse, die das verengerte felsige Stromthal ihr bot. Mehrmals die Rienz überschreitend, gelangt sie nach Olang. Hier sind wir am Eingange des Antholzerthales, das nach Norden zu in die Rieserfernergruppe hinansteigt, und in dessen Innerem in träumerischer Bergeinsamkeit einer der schönsten Seen Tirols, der Antholzersee, sich eingebettet hat. Über sein klar blaugrünes Wasser hängt schweigsam eine bleiche Gletscherzunge herein.
[Sidenote: Pusterthal.]
Weiterhin im Pusterthale zeigen sich über der Station Welsberg das Schloß Welsberg und die Burgtrümmer von Thurn; dann die Mündung des Pragserthales. Dieses besteht aus zwei Ästen. In dem westlicheren derselben schuf der von den Wänden des Seekofel überragte dunkelgrüne Pragser Wildsee (1496 ~m~, Abb. 165) eine der prächtigsten Dolomitlandschaften; im östlichen Thalaste liegt das lebhaft besuchte Bad Alt-Prags (Abb. 166) in einem Rahmen mächtiger Dolomitberge. Ein aussichtsreicher und bequemer Jochpfad führt von Prags über die Plätzwiesen nach der Ampezzaner Straße.
Unmerklich hebt sich die Sohle des Pusterthales höher und höher; die Bahn berührt noch den stattlichen Markt Niederdorf (Abb. 167) und erreicht endlich bei der Station Toblach (Abb. 168) auf dem Toblacher Felde die Wasserscheide zwischen Drau und Etsch (1204 ~m~). Hier, wo von Süden her die Kalkberge mit ihren gewaltigen Stirnwänden bis ins Pusterthal hervortreten, klafft ein für den Völkerverkehr wichtiger Spalt des Gebirges im Süden auf, durch den der Ampezzaner Straßenzug nach Italien leitet. Hier war es auch, wo im ~VII.~ Jahrhundert die deutsche Schwertgewalt entschied, daß Tirol nicht den eingedrungenen Südslaven gehören sollte, sondern den Einwanderern bajuwarischen Stammes. Und nicht bloß über Tirol fiel damals die Entscheidung, auch über Kärnten und Steiermark. Denn mit jenem Siege begann das Zurückdrängen der Slaven.
Ein riesiges modernes Hotel steht breit am Zugang zur Ampezzaner Straße. Wir müssen, ehe wir die Fahrt durch das Pusterthal fortsetzen, auch diesen Straßenzug kennen lernen; denn er führt uns in das Quellgebiet der Rienz hinauf. Dieses Thal ist ganz anders geartet als die meisten anderen Tiroler Thäler. So trotzig und gewaltig auch die steilsten Felsberge gleich an seinem Eingang aufragen: sein Hintergrund ist nicht durch Gletscher oder Felskämme verschlossen, sondern offen, und über eine niedrige Wasserscheide führt eine ausgezeichnete Straße in die italienischen Gefilde. Dieser Thalspalt ist, von Toblach bis zur italienischen Grenze, 37 ~km~ lang und weist in stetem Wechsel eine Reihe der großartigsten Landschaftsbilder auf. Zunächst dem Pusterthale führt er den Namen Höhlensteinerthal. Hier durchfließt die Rienz den ernsten, dunkelgrünen Toblacher See. Kaum merkbar steigt die Straße an bis zum Posthause von Höhlenstein, italienisch Landro. Nach Südosten öffnet sich die Rimbiancoschlucht, durch welche die „Schwarze Rienz“ herabstürzt. Im Hintergrunde dieser schattigen Enge erscheinen, wie ein Märchengebilde, die „Drei Zinnen“. Eine der merkwürdigsten Schöpfungen dieser Kalkwelt, 3003 ~m~ hoch, sind sie mit ihren turmartigen Formen zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder der ganzen Alpen geworden (Abb. 15). Gleich hinter Höhlenstein zeigt sich dann in der Thaltiefe der manchmal während der Herbstzeit völlig austrocknende hellgrüne Dürrensee, in dem der schöne Monte Cristallo mit seinem Gletscher und seinen Zacken sich spiegelt (3199 ~m~, Abb. 14). Eine halbe Stunde weiter erreicht die Straße die wenigen Häuser von Schluderbach, einer der berühmtesten Sommerfrischen Tirols, in prachtvoller Lage, und steigt dann noch 2 ~km~ sacht an bis zur Wasserscheide „auf dem Gemärk“ (1544 ~m~). Von hier ab fließen die Gewässer zur Piave, nach Süden. Ueber das schön gelegene Ospitale erreicht die Straße den Felsen des gänzlich zertrümmerten Schlosses Peutelstein, steigt in Windungen in die Thaltiefe und wendet sich dann südlich, wo sich allmählich der prachtvolle Thalkessel von Cortina d’Ampezzo (Abb. 169) erschließt. Aber dieser nach dem Venetianischen gewandten Abdachung der Tiroler Alpen soll an anderer Stelle noch ausführlicher gedacht werden. Wir wenden uns zurück zur Wasserscheide des Toblacher Feldes, um den letzten Teil des Pusterthales, soweit es zu Tirol gehört, kennen zu lernen.
[Sidenote: Innichen.]