Tirol

Part 13

Chapter 132,962 wordsPublic domain

Auf dem Toblacher Felde, wo dasselbe schon gegen Osten sich neigt, entspringt die Drau aus einem Felsen des Rohrwalds. Ihr Lauf geht nach Osten; wir folgen ihm und gelangen zunächst nach Innichen (Abb. 171). Hier thut sich im Süden das Thal von Sexten auf, nicht bloß durch seine Heilquellen (Schwefelwasser und anderes) bekannt, sondern auch durch die riesigen Kalkschroffen, welche seinen Hintergrund bilden, und in deren Felsenburgen begrünte Thäler führen; darunter besonders schön das Fischeleinthal (Abb. 170). Unter ihnen nimmt die Dreischusterspitze (3162 ~m~) die erste Stelle ein. Innichen selber, einst Pflanzstadt der Römer, ist ein alter und ehrwürdiger Platz, schon zur Zeit des Frankenreiches wichtiges Bollwerk gegen die südslavischen Wanderhorden. Seine Handelsbedeutung hat es freilich schon lange verloren.

[Sidenote: Lienz.]

Von Innichen ostwärts treten die Kalkschroffen der Südseite wieder in den Hintergrund; beide Thalwände sind wiederum Schiefer; und damit wird die Landschaft grün und abgeflacht. Die Bahn trägt uns, stärker abfallend, über Sillian und Abfaltersbach, an wenig besuchten Seitenthälern vorüber in eine ganz einsame Waldlandschaft. Die Kalkberge der südlichen Thalwand sind wieder näher getreten. Hinter Station Mittewald wird das Thal völlig düster und menschenleer; die Drau und die Bahn treten in die enge Lienzer Klause, die auch im Jahre 1809 blutige Kämpfe sah. Wo sie sich öffnet, liegt in weitem lachenden Thalgrunde Lienz.

[Sidenote: Tauern.]

Dieses schöne, wenn auch etwas stille Städtchen, der wichtigste Platz im Osten von Tirol, liegt nur mehr 673 ~m~ über dem Meere. Die Drau nimmt hier die weit stärkere Isel auf, die von Nordwesten aus den Tauern herabströmt. Wir haben im Drauthale nichts mehr zu suchen; denn die Grenze von Kärnten ist ganz nahe. Aber ein merkwürdiges und landschaftlich hoch interessantes Gebiet erschließt sich noch im Norden: die Tiroler Seite der Tauernkette.

Wir lassen das friedliche Lienz hinter uns mit seinen zerrissenen Kalkschroffen und wenden uns nach Nordwesten, in ein zunächst einförmiges Thal, aus dem uns die eisige Isel entgegenbraust. Nach etwa drei Stunden führt unser Sträßchen an der Mündung des Defereggenthales vorüber, das zwölf Stunden lang ohne besondere Landschaftsreize zwischen grünen Rücken in gerade westlicher Richtung sich erstreckt. Wir bleiben im Thale der Isel und erreichen nach weiteren drei Stunden das prächtig gelegene Windisch-Matrei (Abb. 172). Hier endet die Fahrstraße. Nach Norden zieht sich in engem, immer großartiger werdendem Thale der uralte Saumpfad zum Matreier Tauernhause und von da steil hinan zum Velber Tauern (2545 ~m~), an der Grenze Tirols gegen den Salzburgischen Pinzgau. Weit großartiger ist das Wandern vom Tauernhause westwärts in das Hochthal von Gschlöß (Abb. 173), wo der zerklüftete Schlatengletscher seinen mächtigen Eisstrom niederwälzt und der Großvenediger (3660 ~m~) seine blanke Eispyramide über seinen granitenen Unterbau erhebt (Abb. 174).

Das Hauptthal der Isel, nunmehr Virgenthal genannt, wendet sich von Matrei an gegen Westen. Auf kaum mehr fahrbarem Wege erreicht man hier noch das schlichte Alpendorf Prägraten und damit den letzten Ort im Iselthal. Vergletscherte Übergänge führen von hier noch ins Ahrnthal oder über das Massiv des Venedigers in den Pinzgau.

[Sidenote: Groß-Glockner. Etschthal.]

Das Iselthal hat ein nach Norden abzweigendes Seitenthal, das uns noch zu einem anderen großartigen Grenzsteine Tirols leitet: das Thal von Kals. Hier liegt Kals (1322 ~m~, Abb. 175), eines der berühmtesten Hochgebirgsdörfer, am Fuße des Großglockners. Nicht leicht mag man das Leben und Volkstum eines Tiroler Hochgebirgsdorfes schärfer ausgeprägt finden, als in den schlichten Hütten von Kals, hinter deren Mauern doch so athletische und kühne Männer wachsen können, wie es die Kalser Führer sind. Scharf und mit zerrissenen Gräten, an allen Seiten von steil abfallenden Gletschern umhangen, hebt sich der gewaltige Bau des Glockners (3798 ~m~, Abb. 1) über die grünen Matten von Kals empor. Aber die Begeisterung der Alpenfreunde hat auch seine wilden Höhen gangbar gemacht. So hoch überragt sein scharfes Gipfelhorn die ganzen Ostalpen, daß seine Rundschau von der Berninagruppe bis zum Triglav und vom Böhmerwalde bis zur Adria reicht. Dafür hat auch mehr als einer von denen, die ihre Kraft an ihm versuchten, hier einen jähen Bergtod gefunden. Aber man muß nicht einmal auf den Glockner steigen, um dieser Gefahr ins starre Auge zu schauen; auch um die Tauernpässe, die über seine Schultern führen, geistern die Schatten Verunglückter durch die eisigen Höhen.

~XII.~

Etschthal von Bozen bis Verona.

Breit und großartig wird das Etschthal von Bozen abwärts, bis zu den Engen der Veroneser Klause, wo es Tirol verläßt: ein fruchtbarer, von prächtigen Bergen umgebener Thalgrund mit zahllosen Ortschaften, einzelnen Häusern, Kirchtürmen und alten Schlössern (Abb. 176 u. 177). Die Berge zeigen nur mehr spärliche Waldbedeckung; schärfer und plastischer kommen ihre Formen zum Vorschein, als im Norden. Die Ebene, streckenweise versumpft, weist zwar die Spuren verheerender Überschwemmungen auf; ist aber dort, wo sie dagegen geschützt war, mit üppiger Pflanzenpracht bedeckt. Die Farben des Etschthals sind heiß und feurig: rötlich und gelblich schimmernde Bergwände mit tiefblauen Schatten. Die Gesteinsart ist noch bis gegen Neumarkt hin der rote Porphyr mit seinen grün bewachsenen rundlichen Kuppen und Schwellungen; aus ihm ragt an der Westseite das lang gestreckte Dolomitgerüst der Mendel empor. Auf dieser Strecke des Etschthales vernimmt der Reisende mehr und mehr italienische Laute; wir nähern uns der Sprachgrenze; die Tiroler Tracht verschwindet; an die Stelle des Holzbaues treten steinerne Häuser, an die des rauschenden Bergwalds niedriges Gestrüpp; statt der Wiesen und Getreidefelder sehen wir in der Tiefe Mais- und Maulbeerpflanzungen; alles verwelscht sich.

[Sidenote: Überetsch. Mendel.]

Das Thal ist so breit, daß sich zwischen seinem östlichen und westlichen Hang ein niedriges Mittelgebirg hineinlegen konnte, aus Porphyr bestehend, welches eine Hochebene trägt. So haben wir von Bozen bis zu dem 23 ~km~ entfernten Neumarkt einen doppelten Weg zur Auswahl: entweder den östlichen, der uns mit der Bahn durch das breite, von Kanälen durchschnittene Etschthal führt, oder einen westlicheren, wo eine schöne Straße über die Hochfläche von Eppan oder Kaltern zieht, welch’ letztere auch „Überetsch“ genannt wird. Dieser westliche Weg ist der interessantere. Die nördliche Ecke des im Etschthale liegenden Mittelgebirgs ist von der stolzen Feste Sigmundskron geschmückt, die von umbuschter Höhe ins Etschthal niederschaut. Hier stand schon eine Römerburg, Formicaria genannt; Sigmundskron ist die großartigste Ruine Tirols. An Sankt Pauls vorüber wendet sich die Straße auf der Hochfläche nach Sankt Michael oder Eppan. Die prachtvoll gelegene Ruine Hohen-Eppan, einst Sitz eines der mächtigsten Tiroler Adelsgeschlechter, liegt etwas seitab. In Eppan zweigt eine der schönsten neueren Kunststraßen ab: die Mendelstraße (Abb. 178). Sie steigt in vielen Windungen, mit glanzvollen Aussichtspunkten am steilen Ostabfall des Mendelgebirgs empor bis zur Höhe des Mendelpasses (1360 ~m~). Köstliche, leicht erreichbare Aussichtspunkte haben den Mendelpaß und sein vorzügliches Hotel zu einer internationalen Berühmtheit erhoben (Abb. 179). Hier droben auf der sonnigen Höhe ist auch die Sprachgrenze; das jenseits absteigende Thal des Nonsbaches ist welsch.

[Sidenote: Etschthal. Trient.]

Von Eppan gelangt man durch prächtige weinreiche Landschaft, die von teils erhaltenen, teils zerfallenen Burgen überragt und mit üppigen Kastanienwäldern geschmückt ist, nach Kaltern. Dabei überall lachende Zeugen des hiesigen Wohlstandes und entzückende landschaftliche Ausblicke. Unter Kaltern liegt das heitere Becken des Kalterer Sees, an dessen Ufern der edelste Tirolerwein wächst. Mit ihm vergleichbar ist nur der benachbarte von Tramin, das schon wieder in der Tiefe des Etschthals, am Abhang des Mendelgebirges sich zwischen seinen Rebengeländen ausbreitet. Aus Tramin gelangt man wieder durch die Etschebene nach der Bahn bei Neumarkt. Hier ist der Charakter der deutschen Ortschaft schon stark mit italienischen Elementen durchsetzt; eine höchst malerische Kunststraße zieht sich von Neumarkt in vielen Windungen, mit einer bis zum Ortler reichenden Rundsicht, nach einer Paßhöhe hinauf und von dort in das Thal des Avisio hinab. Die letzte deutsche Ortschaft am Ostufer der Etsch ist Salurn, 31 ~km~ von Bozen. Am westlichen Ufer reicht die deutsche Sprachgrenze etwas weiter nach Süden, bis nach Deutschmetz. das die Italiener Mezzo Tedesco nennen.

Die Bahn überschreitet den Nonsbach und dann die Etsch; bei San Michele ist sie schon in Welschtirol. Dann übersetzt sie bei Lavis den Avisio, der aus dem Fleimser- und Fassathal hervorströmt. Ortschaften und Menschen tragen hier schon die bezeichnenden Züge des Italienertums. Die Häuser sind hoch, steinern, aber schmutzig und verwahrlost und deshalb malerisch; zerlumpt und schäbig, aber lebhaft und intelligent sehen die Einwohner aus.

Durch das fruchtbare, mit Maulbeerbäumen und Reben bepflanzte Etschthal trägt uns im Fluge der Wagenzug dahin, während von den Berghängen zahlreiche Kirchen, Schlösser und Landhäuser schimmern. Dann sehen wir vor uns das ganze Thal von Häusermassen erfüllt, aus denen eine hohe Domkuppel und ein mächtiger Kastellbau emporragen: wir sind in Trient, der uralten Römer- und Bischofstadt (Abb. 180 bis 182).

[Sidenote: Trient.]

Trient, italienisch Trento, das mittelalterliche Tridentum, mit 21600 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Etsch, in gartenähnlicher Landschaft. Wohl zeigt auch sie jene Spuren des Verfalls, die den meisten Städten italienischer Nation eigen sind; aber die vielen Türme und Paläste, die breiten gut gehaltenen Straßen machen doch einen stattlichen Eindruck. Die Stadt, die schon von den römischen Geographen genannt wird, soll etruskischen Ursprung haben und hat eine reiche Geschichte hinter sich. Auf die Herrschaft der alten Rhätier folgte hier jene der Römer; Theodorich der Große baute die Mauern der Stadt; um sie kämpften Goten, Langobarden und Franken, Trientiner und Venetianer. Hohes politisches Ansehen verschaffte der Stadt das in den Jahren 1545–1563 hier abgehaltene Tridentinische Konzil. Ehrwürdig ist der romanische Dom, an dessen mächtigem Bau durch vier Jahrhunderte gearbeitet ward, mit dem Grabmal des venetianischen Feldherrn Sanseverino, den die Trientiner in der Schlacht bei Calliano erschlugen; berühmt auch die Konzilskirche Santa Maria Maggiore mit einem großartigen Orgelwerk, dessen Meister nach der Vollendung geblendet worden sein soll, damit die Orgel einzig in ihrer Art bliebe. In der Peterskirche wird die Mumie eines heiligen Knaben, San Simonin gezeigt, der von Juden geschlachtet worden sein soll. Das hervorragendste weltliche Gebäude ist das Schloß Buon Consiglio; vormals fürstbischöfliche Residenz, jetzt Kaserne, überragt es mit feudalem Trotz die Stadt und die Landschaft. Aber auch in den Gassen selber ist mancher schöne alte Palast von aus langobardischen Geschlechtern abstammenden Trientiner Adelsfamilien eingebaut. Ein riesiger runder Turm soll römischen Ursprungs sein. Das heutige Trient ist immer noch eine wohlhabende Stadt, unter deren Gewerben die Gewinnung und Verarbeitung des berühmten Trientiner Marmors wohl in erster Linie genannt werden muß; daneben Zucker- und Branntweinindustrie. Vieles von dem, was als „Veroneser Salami“ in die Welt geht, hat seinen Ursprung in Trient. Eine östliche Straße führt von hier ins Valsugana (s. ~XIII~); eine westliche über das Gebirge nach dem Tobliner See und dem Sarcathale (s. ~XIV~).

Von Trient thalabwärts heißt die Landschaft Val Lagarina (Lägerthal), die Etsch Adige. Bahn und Straße halten sich am linken Ufer des nun schiffbar gewordenen Stromes; die jurassischen Bergwände erscheinen größtenteils kahl. Über dem viel umkämpften Calliano erscheint am Berghang Schloß Beseno; in der Nähe die Riesentrümmer eines Bergsturzes. Der Höhenzug an der Westseite des Etschthales ist der durch seine außerordentlich reiche Flora berühmte „Garten Abrahams“; an seinem Fußgestell grüßen die Trümmer der Burg Nomi herüber; weiter Pomarolo mit dem ansehnlichen Schloß Castelbarco. Dann hält der Wagenzug in Rovereto.

[Sidenote: Rovereto.]

Rovereto (Roveredo), ein lebhaftes Städtchen, mit 9000 Einwohnern, liegt am linken Etschufer in einer Thalweitung, an der Mündung des Lenothals (Abb. 183). Es ward nach dem Ende der Römerherrschaft Eigentum der Herren von Castelbarco; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Herrschern von Tirol und der venetianischen Republik. Im ~XVI.~ Jahrhundert wurde hier der Grund zur Südtiroler Seidenindustrie gelegt, deren Mittelpunkt jetzt Rovereto ist. Die von einem alten Kastell überragte Stadt enthält schöne Plätze mit plätschernden Brunnen und Palästen; an den Einwohnern von Rovereto rühmt man Eleganz der Sprache, Bildung und Liebenswürdigkeit. Die Umgebung ist eine üppige gartenähnliche Landschaft, aus deren Rebengeländen alte Burgen schauen. Zwischen dem helleren Grün der Weingärten, Maulbeerpflanzungen und Maisfelder zeigen sich schon ernst und dunkel vereinzelte schlanke Cypressen.

Die Bahn, immer am linken Etschufer bleibend, eilt weiter nach Mori, wo im Westen sich jener merkwürdige Thalspalt aufthut, durch den am einsamen Loppiosee vorüber die Straße und eine Zweigbahn nach dem Thale des Gardasees führen. Dann folgt San Marco mit den schauerlichen Resten jenes Bergsturzes, von welchen Dante im zwölften Gesang seiner Hölle sagt:

„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die Bahn Der Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...

Auf Schloß Lizzana bei San Marco verweilte Dante während seiner Verbannung aus Florenz; den gewaltigen Eindruck, den jene Landschaft auf den Dichter machte, hört man noch aus seiner großartigen Dichtung erklingen. Wahrscheinlich geschah der Bergsturz im Jahre 883; er soll eine ganze Stadt verschüttet haben.

Wir nähern uns der Grenze Tirols. Im Fluge noch folgt die zertrümmerte Sperrfeste Serravalle, dann noch das malerische Städtchen Ala, berühmt durch eine lebhafte Sammetindustrie. Die letzte österreichische Ortschaft ist Avio. Dann überschreitet die Bahn die italienische Grenze; die Thalwände senken sich, treten näher zusammen und bilden eine lange gewundene Felsengasse mit Steilwänden. Neben dem mächtig schäumenden Bergstrom windet sich die Bahn entlang: wir sind in der berühmten, seit grauen Tagen so oft umkämpften Veroneser Klause. Immer niedriger werden die Bergwände; plötzlich wird es licht und blau überall; der Bahnzug braust hinaus in offenes Hügelland. Wir haben die Alpen hinter uns; vor uns aber liegt mit seinen üppigen Gärten und gewaltigen Mauern das ehrwürdige Verona, die Stadt des Ostgotenkönigs Dietrich von Bern.

~XIII.~

Die südlichen Thäler der Dolomit-Alpen.

Eine Reihe von Landschaften des Tirolerlandes unterscheidet sich geographisch und ethnographisch von den bisher kennen gelernten. Es sind jene Thäler, welche von ihrem Ursprung an nach Süden zu sich abdachen, der Osthälfte Tirols angehören und eine fast durchgängig romanische Bevölkerung haben. Zuflüsse der Etsch, der Brenta und der Piave sind es, welche aus diesen Thälern abströmen. Die Besiedelung dieser Thäler hat von Süden her stattgefunden; ihre Bevölkerung ist teils altromanisch, teils italienisch; nur in den nördlichsten Ausläufern mit deutschen Elementen durchsetzt.

Diese Thäler sind, von Westen nach Osten gerechnet: das Fleimser- und Fassathal nebst seinem südlichen Nachbargebiet, dem Valsugana und dessen Seitenthälern, die Thäler von Canale und Primiero, das oberste Thal des Cordevole (Buchenstein) und das Ampezzothal. Fremdartig sind uns Deutschen die Landschaften, fremdartig die Orte und Häuser, fremdartig die Bewohner. Sagte es uns nicht die Karte, so wüßten wir nicht, ob wir in Tirol oder in Italien sind. Nur in den oberen Teilen dieser Thäler umrauscht uns noch der heimische Fichtenwald, grüßen uns noch deutsche Laute.

[Sidenote: Avisiothal]

Unter diesen Thälern ist das des Avisio das ausgedehnteste. Es mündet bei Lavis in das Etschthal und zieht, 75 ~km~ lang nach Nordosten, ins Herz der Dolomitalpen, im untersten Teile Val di Cembra (Zimmers), weiter aufwärts Val di Fiemme (Fleimserthal), im obersten Teile Fassathal genannt, berühmt durch seine merkwürdigen geologischen Erscheinungen und seine großartigen Landschaftsbilder. Bei seiner großen Längenerstreckung enthält es eine bedeutende Anzahl von Seitenthälern, von welchen die längeren und wichtigeren nach Süden und Osten ziehen. Die herrschenden Gesteinsarten sind roter Porphyr und Dolomit; aber man findet auch andere Kalksteinarten, ferner schwarzen Augitporphyr, Granit und Sandstein.

[Sidenote: Val di Cembra. Fleimserthal.]

Den Namen der untersten Thalstufe, des Val di Cembra, hat man mitunter von den Cimbern abgeleitet; in der That trägt die Bevölkerung deutsche Züge, obgleich sie italienisch spricht. Hier herrscht in der Landschaft der rote Porphyr, durch den der Avisio sich in schluchtenartigem Bette schäumend und grollend hindurchzwängt. Hauptort dieser Thalstufe ist Cembra, auf sonniger Hochfläche. Dieser Teil des Thales sieht keinen Fremdenzug; letzterer zieht gewöhnlich die schöne Kunststraße vor, welche aus dem Etschthale bei Neumarkt gleich in den mittleren Teil des Thales, ins Fleimserthal führt.

[Sidenote: Fleimserthal. Fassathal.]

Auch im Fleimserthale findet man deutsch aussehende Menschen; die Sprache ist italienisch. Diese Thalstrecke hat ein seltsam zusammengewürfeltes Gestein zur Unterlage: roten und schwarzen Porphyr, Granit und Sandstein; und auf dieser Unterlage ragen dann die Dolomitzacken empor. Hauptort von Fleims ist das stark bevölkerte Cavalese (Abb. 184) mit stattlicher gotischer Kirche. Die schöne Straße windet sich, von Cavalese thaleinwärts, an der nördlichen Thalwand hin, mit beständigem Ausblick auf den freundlichen grünen Thalboden und den Lauf des Avisio. So geht es über Tesero, Panchia und Ziano nach der fruchtbaren Thalweitung von Predazzo (Abb. 185). Dieses ist der geologisch merkwürdigste Punkt des ganzen Thales, mit einer ganz außerordentlichen Mischung von Gesteinsarten. Hier mündet von Osten her das Thal Paneveggio, fast völlig unbewohnt, aber mit einer hoch interessanten Jochstraße (Rollepaß) nach San Martino di Castrozza.

Das Fleimserthal wird von Predazzo aufwärts etwas enger und düsterer; in stundenweiten Entfernungen folgen die Ortschaften Forno und Moëna. Bei letzterer fängt das Thal an, den Namen Fassathal zu führen. Moëna ist wichtiger Knotenpunkt; ein Saumweg führt von hier westwärts über den Karerpaß (1758 ~m~) zu dem jetzt vielgenannten Karersee, von wo durch das Eggenthal die Straße nach Bozen hinabläuft. Ein streckenweit zur Not fahrbares Sträßchen zieht sich ostwärts durch das Pellegrinothal bis zur Grenze Italiens. Das Fassathal selber ist im Westen überragt von den turmförmigen Dolomitzacken des Rosengartens, jenes märchenhaften Gebirgsstocks, in dessen Zaubergeheg der Sage nach einst Dietrich von Bern den Zwergkönig Laurin einfing. Klettergeübte Bergwanderer mögen wohl über einen der Rosengartenpässe hinübersteigen ins Tierserthal, das nach Blumau zum Eisack hinuntersteigt. Wer im Fassathale bleibt, erwandert noch die Orte Vigo und Perra (Abb. 187). Hier erschließt sich zur Rechten das kurze Monzonithal, in dessen trümmerreichem Felsenamphitheater die Natur eine Fülle verschiedenartiger Mineralien ausgeschüttet hat: Feldspatkrystalle und Turmaline, grüne Hornblende und braune Granaten und anderes mehr. Landschaftlich überaus reizvoll ist Campitello, der letzte größere Ort im Fassathale (Abb. 186). Ein prächtiger Ort für den Bergwanderer; die interessantesten Jochsteige führen von hier nach allen Seiten. Das Fassathal wendet sich nun nach Osten. Es folgen noch die kleinen Ortschaften Gries, Canazei, Alba und Penia; dann steigen wir an den obersten Quellbächen des Avisio hinauf in das grüne Hochthal von Fedaja, wo ein schweigsamer kleiner Hochsee liegt, gerade unter dem blinkenden Eisfelde der Marmolada (3360 ~m~, Abb. 12), die als Königin der Dolomitberge unmittelbar über uns sich erhebt. Wer kniefest ist und schwindelfrei, mag wohl von dem Alpenwirtshause zu Fedaja aus die fünfstündige Wanderung antreten über den Gletscher und die Dolomitwände der Marmolada zu ihrem schneebedeckten Gipfel. Hier steht er auf einem der stolzesten Grenzpfeiler zwischen Tirol und Italien.

[Sidenote: Buchenstein. Cortina. Valsugana.]