Tirol

Part 8

Chapter 83,179 wordsPublic domain

Das bedeutendste unter den Zweigthälern des Zillerthales ist aber das Zemmthal, das sich von Mayrhofen an in die großartigste Wildnis der Centralalpenkette 25 ~km~ lang hinaufzieht. Schon wer hinter Mayrhofen die felsentief eingerissene Zugangsschlucht, durch welche der Zemmbach seine eisigen Fluten wirft, betritt, muß ahnen, welche Züge die Landschaft haben wird, durch die er hier zu wandern hat. Es ist eine ununterbrochene Folge grandioser Hochlandsbilder. Das zwischen dem Tuxer Kamme und dem Zillerthaler Hauptkamm entlang ziehende Zemmthal ist wohl diejenige Landschaft, wo weniger menschliche Ansiedelungen auf gleichem Flächenraume sich finden, als sonst irgendwo in Tirol. Kaum irgendwo sonst sind die Thalwände so steil, die Bergbäche so wild, die in Schluchten verlorene Einsamkeit so düster und groß wie hier. Nur zweimal, bei dem Alpendörfchen Ginzling (Abb. 69), drei Wegstunden hinter Mayrhofen, und abermals zwei Stunden weiter, bei den paar Hütten von Breitlahner, öffnet sich diese gigantische Schluchtenwelt zu kleinen grünen Thalkesseln. Dann gabelt sie sich in zwei Äste. Einer von ihnen, der Zemm- oder Schwarzensteingrund, führt nach Südosten in einen wundervollen Cirkus von eisgepanzerten Felshörnern und zerklüfteten Gletschern. Hier, wo ewige Eisluft weht, auf den höchsten Matten, bietet noch die Berliner Hütte (Abb. 70) einer schaulustigen Schar von Bergfreunden ihre schirmende Unterkunft. Noch höher droben, wo die Eislawinen vom Thurnerkamp und Greiner niederdonnern, oder wo der märchenhafte Schwarzsee zwischen Schneefeldern liegt, sieht man wohl mitunter noch einen verwegenen Edelsteinsucher -- Granatenklauber nennt man sie hier --, der mit seinem Hammer an den vielfarbigen Felswänden hinklettert, um nach kostbaren Mineralien zu suchen, die hier in geheimen Spalten und Höhlungen funkeln. -- Der südwestliche Zweig des Zemmthales, Zamser Grund genannt, steigt als trümmererfüllte Schlucht von der Wegteilung bei Breitlahner noch vier bis fünf Wegstunden empor, immer höher und wilder. An der gastlichen Dominicushütte und dem Eingange des vergletscherten Schlegeisthales vorüber klettert der Felsensteig empor zu der öden Schuttwüste des Pfitscher Joches, wo bei drei kleinen eisigen Seen noch eine Unterkunftshütte steht. Zu den Füßen des Wanderers liegt der grüne Thalgrund von Pfitsch und weit von Westen her grüßt ihn der Eispalast des Ortlers.

[Sidenote: Achensee. Tratzberg.]

Wir aber kehren zurück an den Eingang des Zillerthales, um die Wanderung durch das Innthal fortzusetzen, dessen nördliche Thalwand immer großartigere Formen gewinnt. Das nächste Seitenthal ist das bei Jenbach (Abb. 71) sich öffnende Thal des Achensees (Abb. 72). In prachtvollem Blau liegt er zwischen dem Gebirgsstocke des Sonnwendjochs und den östlichen Ausläufern der Karwendelketten eingebettet, ein märchenschönes Landschaftsbild, dem allerdings während der Sommermonate der allzu lebhafte, von Zahnradbahn und Dampferfahrt geförderte Fremdenverkehr die Poesie der Einsamkeit genommen hat. Aber er ist trotzdem noch entzückend schön, der träumerische Seewinkel an der Pertisau, wo über der erfrischend plätschernden Seefläche die seltsamen Felshörner des Sonnwendjoches mit ihren grünen Matten aufzacken und im Westen verborgene Steige in die Bergwelt des Karwendelgebirges sich verlieren (Abb. 73)! Der Achensee wirft sein Wasser nicht in den benachbarten Inn. Der Weg dahin ist ihm in unvordenklichen Zeiten durch einen ungeheuren Bergsturz zugeschüttet worden; so ward er gezwungen, sich durch seinen Abfluß, die Walchen, in nordwestlicher Richtung auf bayerisches Gebiet und in die Isar zu wenden.

Wir lassen das fleißige und heitere Jenbach hinter uns und fahren im Innthal weiter. Zur Rechten über der Straße leuchtet Schloß Tratzberg (vgl. Abb. 44 bis 46); weiterhin gähnt die schluchtartige Tiefe des Stallenthales mit dem hochgelegenen Kloster St. Georgenberg; dann zeigt sich auf der Thalsohle das ausgedehnte Gemäuer des reichen Stiftes von Viecht. Und am jenseitigen, südöstlichen Innufer, malerisch auf dem ansteigenden Thalhang hingelagert, das alte Bergstädtchen Schwaz (Abb. 74).

[Sidenote: Schwaz. Hall.]

Dieses Städtchen, römischen Ursprunges, hat mannigfache, nicht immer frohe Schicksale gesehen. Als im Jahre 1409 die reichen Silber- und Kupferschätze des Schwazer Erzberges aufgeschlossen wurden, nahm der Ort einen fast beispiellosen Aufschwung. Es gab Zeiten, in denen in den Schwazer Gruben 30000 Bergleute arbeiteten. Diese Schwazer Grubenleute waren weit berühmt; im Jahre 1529 schützten sie als Minengräber Wien gegen die türkischen Belagerer. Eine Zeitlang war Schwaz die reichste Ortschaft in Tirol. Aber der Segen nahm ein trauriges Ende. Religiöse Kämpfe während der Reformationszeit, Pest und Erdbeben, endlich im Jahre 1809 der Einbruch der bayerischen Armee, suchten die unglückliche Stadt heim. Mancher Bau, namentlich die schöne Pfarrkirche, zeugt noch vom einstigen Reichtum. Aber heute sind die Silbergruben erschöpft, nur Eisen- und Kupfergruben noch in Betrieb. Über dem Orte erhebt sich der alte Turm von Freundsberg, das Stammschloß Georgs von Freundsberg, des Siegers in der Schlacht von Pavia. Gegenüber von Schwaz mündet, aus dem Karwendelgebirge herabziehend, das Vomper Thal; es ist das finsterste und wildeste unter den Thälern der nördlichen Kalkalpen, umstarrt von den Riesenwänden der Bettelwurfspitze, Grubenkarspitze und des Hochglück.

Der eilende Bahnzug trägt uns an diesem sonnenlosen Felsschlunde, der wie ein Aufenthalt von Drachen und bösen Geistern blauschattig herübergähnt, vorbei, im offenen Innthale aufwärts. Wieder liegt eine Stadt vor uns, deren schöne alte Türme mit grünem Edelroste bedeckt sind und um deren Mauern, Balkone und lauschige Winkelgärtchen Epheuranken sich schlingen: es ist das freundliche Hall (Abb. 75). Wie in Schwaz Kupfer und Silber, so war es hier das schon im ~VIII.~ Jahrhundert aus dem Felsenbauche des Haller Salzberges gewonnene Salz, das der Stadt zu schnellem Ruhm und Reichtum verhalf. Aber zermalmende Schicksalsschläge warfen sich auch auf das schöne Hall. Schon im ~XIV.~ Jahrhundert waren die Bürger zu schweren Kämpfen wider die bayerischen Herzöge genötigt; 1447 zerstörte eine Feuersbrunst einen Teil der Stadt. Dann kamen religiöse Zwistigkeiten, wiederholte Pestseuchen, in den Jahren 1670–1672 langdauernde Erderschütterungen. Während des spanischen Erbfolgekrieges ward die von den Bayern besetzte Stadt durch die Tiroler Bauern erstürmt; später wüteten wiederholt schwere Schadenfeuer und endlich der große Krieg von 1809, während dessen Hall dreimal von den Bayern und dreimal von Speckbachers Tirolern erobert ward.

[Sidenote: Innsbruck.]

Aber an der schicksalsreichen Stadt werden wir heute im Fluge vorübergetragen. Immer mächtiger steigen vor uns die schneebedeckten Gipfel der Stubaier Alpen empor. Durch eine grünende Aue geht es eilend hin; im Süden zeigen sich auf bewaldeter Höhe die Türme des stolzen Schlosses Ambras (Abb. 76 bis 78); zur Rechten türmt sich über waldigen Vorbergen die weiße Zackenmauer des Solstein empor. Der Schienenweg überschreitet den Inn, und vor uns liegt, in ihren weiten prachtvollen Hochgebirgskessel eingebettet, Innsbruck, die Landeshauptstadt von Tirol (Abb. 79, 80, 82).

Innsbruck, das heute 30000 Einwohner zählt, füllt mit seinen Vorstädten die ganze Breite des Innthales aus. Die günstige geschützte Lage in einer der geräumigsten Weitungen des Innthales, am nördlichen Ausgang eines der gangbarsten Alpenpässe, veranlaßte schon die Römer nach der Eroberung der Alpenprovinzen, hier eine Pflanzstadt, Veldidenum, anzulegen, von der heute noch Stift und Vorstadt Wilten den Namen haben. Schattenhafte Erinnerungen aus römischer Zeit wie aus den Tagen des großen Gotenkönigs Theodorich durchgeistern die Stadt und mit ihnen die Romantik des Mittelalters, getragen durch die Gestalten Friedrichs mit der leeren Tasche, Kaiser Maximilians ~I.~, der schönen Philippine Welserin; und dazwischen meint man den Schlachtenlärm aus den Tagen der Reformationskriege, des spanischen Erbfolgekrieges und des großen Tiroler Freiheitskampfes zu vernehmen. Aber all das ist lange vorüber; nur in halb verklungenen Lauten, in schönen Bauten und ehrwürdigen Denkmälern sprechen noch jene Erinnerungen zur Gegenwart, die Innsbruck in eine hübsche, moderne und thätige Stadt verwandelt hat.

Aber man empfindet diesen Zauber voll und ganz, sobald man in das hervorragendste Bauwerk der Stadt eintritt, in die Franziskaner- oder Hofkirche (Abb. 81), deren Inneres vollständig beherrscht wird durch ein weltberühmtes Kunstwerk: das Grabdenkmal Kaiser Maximilians. Wer diesen marmornen Aufbau mit seinen zahlreichen Erztafeln und Erzfiguren betrachtet, erstaunt ebensosehr über die freie, edle und graziöse Erfindung, wie über die vollendete Technik, in der das Grabmal selber und seine 28 überlebensgroßen ehernen Wächter ausgeführt sind.

Außer dem Kaiserdenkmal haben auch die Gräber der Tiroler Freiheitshelden, Andreas Hofers, Speckbachers und Haspingers, eine Stätte in der Hofkirche gefunden. Und treten wir aus ihrer schweigenden Halle hinaus in die sauberen und heiteren Straßen, so sehen wir fast allerwärts über den Enden derselben die riesenhaften Bauwerke emporragen, die hier die Meisterin Natur aufgetürmt hat. Über das „goldene Dachl“, jenen zierlichen Erker mit dem Golddach, den Herzog Friedrich aus Trotz gegen die Spötter seiner Armut erbaute, hängt der Solstein herein und von der stolzen Fensterfront der kaiserlichen Hofburg aus schweift der Blick das weite Innthal hinab in duftige Fernen. Während wir durch die Hauptstraße der Stadt, die Maria-Theresiastraße, wandern, findet unser Auge an der stattlichen Triumphpforte, die zu Ehren der Kaiserin hier errichtet ward, vorübergleitend, den viel umkämpften Iselberg und die schöne Felspyramide der Waldrasterspitze.

Außer der Hofkirche sind sehenswert die Jesuitenkirche mit ihrer bedeutenden Kuppel und Gemälden von Albrecht Dürer und anderen Meistern; die durch Erdbeben verwüstete und dann wieder aufgebaute Pfarrkirche, das alte Kapuzinerkloster mit seinem schönen Garten, das Servitenkloster und andere kirchliche und klösterliche Bauten. Ein schöner Renaissancebau beherbergt die Sammlungen des Landesmuseums; hier sind ansehnliche Schätze von Altertümern, Kunstwerken und Naturgegenständen vereinigt, welche die Natur, die Geschichte und Kultur des Tiroler Landes spiegeln: vorrömische und römische Altertümer, ethnographisch und kulturgeschichtlich wichtige Dinge, Erinnerungen und Trophäen aus den Tiroler Volkskriegen, Handschriften, Bücherschätze, Skulpturen, Modelle und Werke der Kleinkunst, Metallarbeiten und Münzen, Gemälde von älteren und modernen, namentlich Tiroler Meistern; Kupferstiche und Handzeichnungen, sowie Naturaliensammlungen. Wer seine Anschauungen über die Natur des Tirolerlandes vervollständigen will, darf aber auch den Besuch des mehr als 600 Alpenpflanzen enthaltenden botanischen Gartens nicht versäumen, ebensowenig den des Gartens im Pädagogium, wo eine 90 ~qm~ große Reliefkarte von Tirol, unter freiem Himmel aus den entsprechenden Gesteinsarten aufgebaut, einen ganz eigenartigen Einblick in die Orographie und Hydrographie des Landes bietet.

Innsbruck ist kaum als Industrie- und Handelsstadt zu bezeichnen. Es ist politischer und geistiger Mittelpunkt eines spärlich bevölkerten und keineswegs reichen Landes und muß als solcher beurteilt werden. An Handelsbedeutung ist ihm Bozen von altersher überlegen. Als Sitz der obersten Landesbehörden, einer achtungswerten Universität und ansehnlicher Garnison drängt es immerhin mannigfache Interessen in sich zusammen, wenn es auch keinerlei bodenständige Großindustrie hat, sondern mit den Produkten seines Kleingewerbes nur die eigene Einwohnerschaft und das benachbarte Nordtirol versorgt. Mit dem lebhaften Fremdenverkehr hängt auch mancherlei Erwerbsthätigkeit zusammen, namentlich das Geschäft der im Sommer oft überfüllten Gasthöfe. So macht die Stadt entschieden den Eindruck des Aufschwungs, zu welchem das Zusammentreffen der wichtigsten Tiroler Bahnlinien am meisten beitragen mochte. Diesen Aufschwung beweisen die vielen stattlichen Neubauten, welche die Stadt in den letzten Jahrzehnten bereicherten, und die Verdoppelung der Bevölkerung, welche sie seit einem Menschenalter erfuhr. Dabei gibt es in Innsbruck keine armen verkommenen Stadtteile, wie sie in anderen Städten von gleicher Volkszahl so oft zu finden sind; das Leben und Treiben der Bevölkerung ist ein behäbiges und gemütliches, zumal in ihr die städtischen und ländlichen Elemente sich reichlich durchdringen. Das zeigt schon ein Blick in die Gassen, in denen zwischen den Trachten der Städter und den schmucken Gestalten der Kaiserjäger sehr zahlreich noch die Gewänder der Landbewohner aus dem oberen und unteren Innthal, aber auch manches Etschländers und Pusterthalers erscheinen (Abb. 83 bis 85).

~VII.~

Nordwesttirol.

[Sidenote: Innsbruck. Oberinnthal.]

Von Innsbruck stromaufwärts reicht das Oberinnthal bis zur Schweizer Grenze beim Finstermünzpaß. Wie dieser Thalabschnitt landschaftlich ernster, enger, düsterer ist, als das Unterinnthal, so sind auch seine Bewohner verschlossener, weniger frohmütig und weniger aufgeklärt.

Gleich hinter Innsbruck erweitert sich zwar die Gegend in der Höttinger Au nochmals. Aber dann tritt die Martinswand (Abb. 86), in deren Höhlung ein Kreuz die Stelle weist, wo einst Kaiser Max bei der Gemsjagd sich verstieg, scharf gegen die südliche Thalumwallung vor; und von nun an behält das Thal fortwährend den Charakter düsterer Größe.

Gegenüber der Martinswand erschließt sich nach Süden hin zwischen waldigen Vorbergen das Thal Selrain. Es sind sanft gerundete Glimmerschieferberge, in denen es emporzieht. Nach einigen Stunden, bei dem Dorfe Gries, gabelt sich das Thal und verliert seinen Namen. Ein westlicher Thalast, das Grieser Thal, verästelt sich vielfach; wenig begangene Jochsteige führen aus ihm ins Ötzthal. Ein anderer Ast, das Melachthal, streckt sich direkt nach Süden in die Gletschergebiete der Lisenzer oder Alpeiner Ferner, deren weiße Kämme und Spitzen hinausleuchten bis nach München, von wo sie an klaren Tagen noch sichtbar sind. Über dem prächtigen Eisgebilde des Lisenzer Ferners erhebt der Fernerkogl sein 3300 ~m~ hohes Haupt.

Der nächste größere Ort im Innthal aufwärts ist Zirl (Abb. 87), von wo ein wichtiger und alter Straßenzug steil über den Zirler oder Seefelder Berg hinanführt, an den Trümmern von Schloß Fragenstein vorbei auf die Hochfläche von Seefeld. Hierher aber werden wir auf anderem Wege gelangen. Einstweilen lassen wir uns vom Bahnzuge durch das Innthal weitertragen. Dieses scheint sich verflachen zu wollen; die Kette der nördlichen Kalkalpen wird zum Hügelland. Aber es ist bloß eine breite Lücke, die in ihren Zug hier eingerissen ist; bald steigt sie wieder um so trotziger empor, und läßt über dem freundlichen gewerbfleißigen Telfs die „Hohe Munde“ als riesigen kahlen Kalkklotz 2661 ~m~ hoch anssteigen. Von Telfs aufwärts ändert sich das Landschaftsbild. Zwischen die Kette der Hochkalkalpen und die tiefe Innfurche hat sich ein niedriges Hügelland, der Achberg, und weiter westlich ein isolierter lang gestreckter Berg, der Tschürgant, eingelagert. Dadurch sind zwei Parallelthäler entstanden: südlich das Innthal und nördlich von ihm die von der Poststraße durchzogene waldige Thalweitung, in welcher die Ortschaften Miemingen, Obsteig, Nassereit und Tarrenz liegen.

Die Bahnlinie bleibt im Innthale. An den südlichen Berghang lehnt sich ein ehrwürdiger, weitläufiger Klosterbau: das Cisterzienser-Stift Stams, das im Jahre 1271 von Elisabeth, der Mutter des letzten Hohenstaufen Konradin, im tiefen Schmerz über den Tod ihres Sohnes gegründet ward. Es ist die letzte Ruhestätte seiner Stifterin und der meisten Fürsten Tirols geworden; hier empfing auch Kaiser Max die Gesandtschaft des Sultans Bajazet, die um die Prinzessin Kunigunde, des Kaisers Schwester, zu werben gekommen war. Von dem uralten Eichenwalde, der einst das Kloster umgab, sind nur noch Reste vorhanden. Weiter stromaufwärts sieht man auf einem Felsenhügel die zerfallenen Mauern der alten Burg Petersberg oder Welfenberg. Und dann, aufwärts von Silz, zieht sich die Bahn durch jenes öde aussichtslose Trümmergebiet, welches den Ausgang des Ötzthales bezeichnet.

[Sidenote: Ötzthal.]

Hier müssen wir den Schienenpfad verlassen, um das Ötzthal kennen zu lernen. Es ist das größte Seitenthal des Innthales, von seinem Eingange bei Ötz bis zu seinem Ende auf dem Hochjoch gegen 65 ~km~ lang. Eine stundenbreite Schuttlandschaft, mit Moos und breitästigen Kiefern bewachsen, zeigt, welche riesige Trümmermassen von vorgeschichtlichen Gletschern und ungeheuren Fluten aus dem Thale herausgewälzt wurden. Hat man diese Schuttlandschaft hinter sich, so erreicht man eine freundliche Thalweitung, in der das anmutige Dorf Ötz (Abb. 88) sich ausgebreitet hat. Die reiche Vegetation überrascht; man sieht prächtige Nußbäume, Felder mit Mais und Weinreben an den Häusern. Rasch ändert sich die Scenerie hinter Ötz; die Straße windet sich steil über eine Thalstufe, das „Gsteig“, empor, über das die Ötzthaler Ache sich in wildem Sturze niederwirft. Dann erreicht man wieder einen Thalkessel: den von Umhausen. Zur Linken der Straße drängt sich die sagenumgeisterte Engelswand, eine lotrechte Glimmerschiefermasse, dräuend in das Thal hinein. Etwa 5 ~km~ lang erstreckt sich dieser Kessel, dessen Bodenfläche durch alte und neuere Schuttströme, welche von den mächtigen und steilen Thalhängen herabgekommen sind, uneben gemacht wird. Am oberen Ende des Kessels liegt das freundliche Dorf Umhausen, schon 1036 ~m~ über der Meeresfläche, in dessen Nähe einer der schönsten Wasserfälle Tirols, der Stuibenfall, seine mächtige Wassermasse über eine dunkle Hornblendeschieferwand herabwirft (Abb. 89). Hinter Umhausen verläßt man das Gebiet dieser Gesteinsart und tritt in eine aus verwittertem Gneis geschaffene Landschaft, das sogenannte Maurach. Es ist eine Gegend, die an schauerlicher Wildheit ihresgleichen sucht: eine riesenhafte Moräne aus wild durcheinander geworfenen Blöcken, zwischen brüchigen, weißgrauen Wänden; und über dieses Trümmerfeld wirft die Ache ihre rasenden, zischenden Wirbel. Mühsam bahnt sich die Straße durch diese Wüste. Dann aber gelangen wir plötzlich wieder in einen 7 ~km~ langen, prächtig grünen Thalgrund. Es ist der von Längenfeld, berühmt durch seinen ausgedehnten Flachsbau. Diese ganze Gegend duftet unangenehm nach Leinöl; sie liegt schon 1164 ~m~ hoch. Abermals folgt eine, wenn auch nicht so düstere Enge; die Straße steigt stark an und leitet uns dann wieder in den grünen Thalkessel von Sölden. Hier sind wir abermals um 240 ~m~ höher; noch sehen wir zwar Getreidefelder und Kartoffeläcker; aber hart über ihnen zeigt sich nur mehr ein spärlicher Saum von Wald, über dem die nackten, zerfurchten Felswände, von zahlreichen Gletscherbächen überrauscht, emporragen.

In Sölden (Abb. 90 bis 92), 1401 ~m~ über dem Meere, endet die zuletzt schon recht beschwerlich gewordene Fahrstraße; nur Fußsteige führen noch im Thale weiter. Es folgt wieder eine enge und lange Schlucht, in der man höher und höher emporsteigt. Tief, tief unter den Füßen des Wanderers gurgelt und braust die Ache durch lichtlose Schlünde, hoch über sich und gegenüber sieht er brüchige Wände aufragen; mancherlei Gedenktäfelchen am Wege sagen von Unfällen, die vordem hier sich zutrugen. Eine Stunde lang steigt man auf diesem einsamen Steinpfad hinan; dann erschließt sich wieder eine kleine grüne Fläche mit den wenigen Häusern von Zwieselstein.

Hier gabelt sich das Thal. Ein einziger unvergletscherter Steig führt noch in südöstlicher Richtung zum Timblerjoche und über dasselbe ins hinterste Passeier Thal. Sonst läuft das Ötzthal von hier aufwärts nur mehr in eisumschlossene Hochthäler aus. Gerade nach Süden zieht sich der Thalast von Gurgl hinan, wo man bei 1900 ~m~ Seehöhe das höchst gelegene Dorf Tirols, Gurgl erreicht (Abb. 93). Grün bemattet ziehen sich noch die Berghänge hinan; aber überall zeigen sich schon zwischen und über ihnen weiße, dick beeiste Hochgipfel. Die Häuser des Dorfes sind arme braune Holzhütten; etwas thaleinwärts sieht man noch einen kleinen dunklen Zirbenhain: die letzten Bäume. Hinter denselben nur mehr einsame Hochgebirgswildnis. Die menschlichen Ansiedelungen haben ein Ende; nur dann und wann erblickt man noch die niedere Steinhütte eines Schafhirten. Im Hintergrunde des Gurgler Thales steigt mit blauen Klüften und Spalten ein 10 ~km~ langer Eisstrom, der Gurgler oder Ötzthaler Ferner, in das Thal herab. Seine Zunge verschließt dem benachbarten Langthaler Ferner den Abfluß; letzterer staut sich, und so entsteht alljährlich hier zur Zeit der Schneeschmelze ein 1500 ~m~ langer See, der Langthaler Eissee, auch Gurgler Lake genannt. Er ist eines der wunderbarsten Gewässer in der ganzen Alpenwelt, von blauen Eiswänden umgeben, mit seltsam geformten Eisinseln. Alljährlich um die Zeit der Sonnenwende sucht sich die Wassermasse einen Abfluß unter dem Eise des Gurgler Ferners hindurch. So unwirtbar die Landschaft der Gurgler Eiswelt erscheint, führen doch noch Gletscherpässe von hier über das 3050 ~m~ hohe Langthaler Joch in das Pfeldersthal und nach Hinterpasseier; und über das Gurgler Joch, 3300 ~m~ hoch, ins Schnalser Thal und zum Vintschgau. Mehr begangen ist der Übergang über das aussichtreiche Ramoljoch; aber all diese Eispfade können nur im Sommer, bei gutem Wetter und unter Leitung der tüchtigen Ötzthaler Führer begangen werden.

[Sidenote: Venter Thal.]

Eine der berühmtesten Alpenlandschaften ist der westliche Ast des obersten Ötzthales geworden: das Venter Thal. Dieses führt ins Innerste einer ganz großartigen Eiswelt; in einer Längenerstreckung von etwa 26 ~km~ enthält es mehr als zwanzig Gletscher. Seine untere Hälfte ist ziemlich einförmig. Der Baumwuchs ist hier fast zu Ende; an steinigen Graslehnen führt der Weg empor zu dem Alpendorfe Vent, 1892 ~m~ hoch gelegen. Die letzten Getreidefelder hat man schon zwei Stunden vorher hinter sich gelassen. Nur eine dürftige Ahnung erhält man hier von den riesenhaften Eisgipfeln, welche das Thal umstarren und unter denen die Wildspitze, 3776 ~m~, mit ihrer schlanken Doppelspitze als Königin der Ötzthaler Berge sich aus der prachtvollen Wildnis des Mittelbergferners erhebt.