Part 7
Das Thal setzt sich nach Osten fort; aber die Wasser, die vorher zum Inn flossen, suchen sich jetzt einen anderen Weg. Man hat unversehens eine niedrige Wasserscheide überschritten und gelangt in ein von Nord nach Süden führendes Thal. Es ist das der Großache, auch Kitzbühler Ache genannt. Dieser Bergstrom entspringt an der Grenze von Tirol und dem salzburgischen Pinzgau auf der sumpfigen Höhe von Paß Thurn und ergießt sich nach einem Laufe von 70 ~km~ in das weite Becken des bayerischen Chiemsees. Wo er am sagenumwehten Engpaß bei Klobenstein das Grenzgebirge durchbricht, ist der östlichste Zugang aus Bayern nach Tirol. Das Großachenthal enthält eine Reihe einsamer waldreicher Landschaften. Von seinem nördlichen Ende im Chiemseebecken zieht es durch das Kalkgebirge bis nach Kitzbühel; von hier aufwärts bis zum Ursprung der Ache durch Thonschiefer. Der nördlichste Tiroler Ort im Großachenthal ist Kössen, ein Straßenknotenpunkt, von wald- und almenreichen Hügeln umgeben. Rauchende Schlote verkünden gewerbliches Leben; sie gehören zu einem großen Eisenhüttenwerk.
[Sidenote: Großachenthal. Loferer Steinberge.]
Kössen ist ein Knotenpunkt, von welchem fünf Straßen nach verschiedenen Richtungen hin ausstrahlen: nach Norden und Osten zu über die Landesgrenze ins Bayerische; westwärts über Walchsee zum Inn; südlich durch einsame Waldthäler nach Sankt Johann und Kitzbühel. Bleiben wir im Hauptthal der Ache, um ihr Gebiet kennen zu lernen, so nimmt uns zunächst einförmige Landschaft auf; in einer Erstreckung von 10 ~km~ finden sich hier nur ein paar Bauernhöfe. Sonst nichts als Wald und abermals Wald. Erst in der Nähe von Erpfendorf wird die Gegend offener. Hier zieht sich eine für den Verkehr von Nordtirol nach den salzburgischen Landen wichtige Thallandschaft nach Osten hin. Bei Waidring gabelt sich dieses Thal; während ein Ast desselben sich nach Süden wendet, wo unter den weißgrauen Steilabstürzen des Loferer Steingebirgs der weltvergessene Pillersee in träumerischer Stille ruht, zieht sich ein anderer Ast nach Osten. Dahin fließen nunmehr auch die Wasser der Strubache. Die Landschaft gewinnt einen mächtigen Zug, den ihr die Abhänge der Loferer Steinberge verleihen. Dieser bedeutende, durch kühne Formen seiner treppenförmig ansteigenden Gipfel ausgezeichnete Gebirgszug bildet den nordwestlichsten Grenzpfeiler Tirols gegen Salzburg und erreicht im Birnhorn eine Höhe von 2634 ~m~. Das Thal der Strubache aber verengt sich zum felsummauerten Paß Strub, in dessen Tiefe eine einsame granitene Säule von jenen blutigen Kämpfen, die einst um den Grenzpaß tobten, Zeugnis gibt.
[Sidenote: St. Johann. Kitzbühel. Kaisergebirge.]
Von Erpfendorf aufwärts, im Hauptthal der Ache, wird das Gelände offener; die Straße führt nach Sankt Johann „in Tirol“ zum Unterschied von anderen gleichnamigen Orten (Abb. 54). Hier ist ein natürlicher Verkehrsmittelpunkt; Thäler öffnen sich nach vier Seiten; durch zwei derselben zieht der Eisenpfad der Giselabahn. Nach Südosten thut sich ein weiter grünender Thalgrund auf, der von Pramau, durch den in starker Steigung die Bahn aufwärts strebt nach Fieberbrunn und Hochfilzen. Bei letzterem, hart am Fuße des Leoganger Steingebirgs, erreicht sie die Wasserscheide zwischen Inn und Salzach, um in wilder und einsamer Landschaft beim Paß Griesen die salzburgische Grenze zu überschreiten. Im Südwesten von Sankt Johann hat der frühere Reichtum des Thonschiefergebirgs an silberhaltigen Kupfererzen einen merkwürdigen Bergbau entstehen lassen: die Gruben am Röhrerbühl, in denen ein Schacht gegen 1000 ~m~ unter die Erdoberfläche hinabstieg, als einer der tiefsten Schächte Europas. Der Metallreichtum, der nach der Sage drei Bauern im Traum erschienen sein soll, ward seit 1540 ausgebeutet, versiegte aber nach hundert Jahren allmählich.
Von Sankt Johann läuft im breiten Achenthal die Giselabahn nach dem anmutig und großartig gelegenen Städtchen Kitzbühel (Abb. 55). Dasselbe ist heute noch der wichtigste Platz im Achenthal, ehedem bedeutender wegen des Handelszugs über die Tauernpässe und nach Italien und wegen des Bergbaues auf Silber- und Kupfererze. Südlich von Kitzbühel zieht das Achenthal noch 14 ~km~ aufwärts in das einförmige Thonschiefergebirge und endet in einem Hochmoor bei Paß Thurn an der Grenze des salzburgischen Pinzgau.
Wir wenden uns wieder zurück an den Eingang des Innthals.
In schauerlicher Wildheit bauen sich unmittelbar über Kufstein die Kalkschroffen des Kaisergebirgs empor. Wir durchwandern von Kufstein aus, um in das Innere dieses Bergzuges einzudringen, eine Viertelstunde lang eine kleine grüne Fläche; dann stehen wir an einer schattigen Felsschlucht, durch welche der aus dem Kaiserthale kommende Kaiserbach herabschäumt. Von hier führt kein Fahrweg mehr in das Thal; nur ein treppenartig ansteigender Saumpfad. Sind wir aber eine Viertelstunde auf diesem emporgestiegen, so erschließt sich das Kaiserthal, grün und einsam, nur von sechs Bauernhöfen, den Kaiserhöfen, und von den in der Höhe droben sich sonnenden Almen belebt. So ist das Kaiserthal eine kleine Welt für sich, gegen Norden von der Welt abgeschnitten durch den massiven plateauartigen Aufbau des „Zahmen“ Kaisers; während im Süden der Wilde Kaiser seine lange, viel mächtigere Felsenmauer emportürmt. Die Kaiserhöfe liegen alle auf den schönen Matten der Sonnenseite, die hier, durch lichten Wald unterbrochen, allmählich ansteigen bis zur Hochfläche des Zahmen Kaisers. Immer großartiger und wilder wird die Landschaft, je weiter wir in das Thal eindringen; schroffer und unbezwinglicher erscheinen die gezackten Türme, die im Süden aufragen.
Hinter dem sechsten und letzten Kaiserhofe hört das Thal auf, dauernd bewohnt zu sein. Ein gut gebahnter Steig führt noch 1½ Stunde weiter zu einer reizenden Heimstätte für Alpenwanderer: dem Hinterbärenbad (Abb. 56). Diese Herberge ist nur im Sommer bewirtschaftet, weil sie nur als Standquartier für Bergfahrten dient. Gegen Süden erschließen sich hier jene grauenhaft öden schutterfüllten Felsmulden, aus denen lotrecht die zerrissenen Wände und Türme des Sonnenecks, des Treffauer Kaisers, der Karlspitzen, der Haltspitzen, der Ackerlspitze und Maukspitze sich erheben. Seinen Höhepunkt erreicht das Gebirge in der 2344 ~m~ hohen Elmauer Haltspitze. Zu ihr führt ein nur schwindelfreien Kletterern zugänglicher Steig, der an den bedenklichsten Stellen durch Eisenstifte, die man in den Fels getrieben hat, gangbar gemacht ist. Oben auf der schrecklichen Pyramide dieses Hochgipfels heulen die Stürme rüttelnd um einen winzigen Bretterbau, eine Zuflucht für Bergsteiger, die hier etwa von einem Hochgewitter überrascht werden.
[Sidenote: Thiersee.]
Einen sonnigen lachenden Gegensatz zur düsteren Größe des Kaiserthals bildet das Thal von Thiersee, in das westlich von Kufstein aus dem Innthal ein Sträßchen über den Rücken des Thierbergs führt. Die Thierseer Ache fließt aus zahlreichen Bergbächen zusammen, welche teils auf dem Tiroler, teils auf dem bayerischen Grenzgebirge entspringen, und ergießt sich etwas nördlich von Kufstein, bei der bayerischen Bahnstation Kiefersfelden in den Inn. Das Thal hat mehr den Charakter einer Hügellandschaft, als einer Hochgebirgsgegend: üppig grünende, sanft geschwungene Berghänge, die in den höheren Lagen bewaldet sind, klare Bäche und überall stattliche wohlhabende Gehöfte, nicht so nahe aufeinander gerückt, daß sie sich gegenseitig beengen könnten, und doch nahe genug zu allenfallsiger gegenseitiger Hilfeleistung. Man wird kaum eine Gegend in der Welt finden, wo sich die Lichtseiten einer freien unvermischten Bauernbevölkerung unverfälschter beobachten lassen, als in diesem Thierseer Thale. Das Herz der Landschaft ist Vorderthiersee, ein Dorf mit ziemlich zerstreuten Gehöften, in der Nähe des Thiersees, eines stillen, wiesenumrandeten Gewässers, um dessen Ufer die Glocken weidender Kühe und der im Bergwald rauschende Wind eine überaus friedliche Stimmung erklingen lassen (Abb. 57). Das war nicht immer so. Im Jahre 1703, und später wieder 1805 und 1809 zeigten die Thierseer den eindringenden Bayern und Franzosen den ganzen todverachtenden Mut der Tiroler Freiheitskämpfer; und Jakob Sieberer, ein Volksheld aus dem Thierseer Thale, wird rühmlich neben Hofer und Speckbacher genannt. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Bauern von Thiersee den Musen keineswegs abhold sind. Gesungen wird im Thierseethale, wie in dem benachbarten lebensfrohen Bayerisch-Zell; außerdem haben aber die Thierseer ihr eigenes Theater, einen ansehnlichen Bretterbau, in welchem während der Sommermonate allsonntäglich von bäuerlichen Liebhabern dramatischer Kunst gespielt wird.
[Sidenote: Thiersee. Kufstein.]
Die Bauern von Thiersee besitzen ein so ausgedehntes Gebiet an Bergweiden, daß dasselbe im Sommer nicht bloß ihre eigenen Rinder, sondern auch große von auswärts zugetriebene Herden ernährt. So zieht sich denn während der schönen Jahreszeit ein großer Teil des Lebens der Bevölkerung nach den Almen hinauf. Und die Mädchen von Thiersee, die als Senninnen droben auf den Almen hausen, sind berühmt wegen ihrer Schönheit. Auf diesen Almen kann man neben frohmütigem lachenden und blonden Weibervolk wohl auch jene dunklen rätselhaften Schönheiten sehen, bei deren Anblick man eher vermuten möchte, sie seien verkappte Berggeister. Alle aber verstehen sie’s, ihre hellstimmigen Jauchzer hinüberzusenden über des Landes Grenze zu den benachbarten bayerischen Almen, von wo die übermütige Antwort wiederklingt.
Zwei Ortschaften liegen noch höher droben im Thale: Hinterthiersee und Landl. Westwärts wird es dann ganz einsam und still; die grauen Wände des „Hinteren Sonnwendjochs“ umdüstern die Landschaft. Das einzige Sträßchen, welches das Thal durchzieht, wendet sich nordwärts, um durch waldige Schluchten, in denen noch die Erinnerungen längstvergangener Kämpfe geistern, hinaus nach dem lustigen Bayerisch-Zell zu ziehen, über das der liederreiche Wendelstein sein Felsenhaupt erhebt.
Erst nachdem wir diese, dem Haupteingang Tirols nebenliegenden Gebiete kennen gelernt haben, betrachten wir uns die Eingangspforte selber: das alte Grenzstädtchen Kufstein (1900 Einw.; Abb. 60) mit seiner ragenden Feste. Eingekeilt liegt es zwischen dem Innstrom und den Ausläufern des Kaisergebirges, beherrscht von der auf einem isolierten Felsklotz erbauten Festung. Stadt und Feste waren im früheren Mittelalter bayerischer Besitz; im Jahre 1503 aber, gelegentlich eines bayerischen Erbfolgestreites, gerieten sie in die Hände des Kaisers Max ~I.~, der damals eigenhändig seine schwersten Geschütze gegen sie richtete und ihren ungehorsamen, aber tapferen Befehlshaber Pienzenauer enthaupten ließ. Seit jener Zeit gehörte Kufstein zu Tirol. Während des Krieges von 1703 ward es von den Bayern vorübergehend genommen; ebenso wieder 1809. Damals ward es von seiner bayerischen Besatzung mit zäher Tapferkeit gehalten, obwohl der kühne Speckbacher selber seine ganze List und Verwegenheit daran setzte, die Feste zu gewinnen.
Die Lage von Kufstein ist reizend. Das Flachland selber sieht man von hier nicht mehr, wohl aber die tiefe Einsattelung der nördlichen Kalkkette, hinter der es liegt. Im Osten streben die Felsenpfeiler des Kaisergebirges empor; im Westen die klotzige Pyramide des Pentlings; nach Südwesten schweift der Blick weit, weit thalaufwärts, bis zu den im Fernduft verschwindenden Stubaier Fernern.
[Sidenote: Unterinnthal.]
Von Kufstein aufwärts bis Innsbruck erstreckt sich das Unterinnthal, wohl die wichtigste Lebensader des ganzen Tirolerlandes. Seine Natur steht zwar an Üppigkeit und Freigebigkeit zurück hinter jener des unteren Etschlandes. Aber seine Bevölkerung ist gleichartig und von kraftvollem Schlage (Abb. 58 bis 62), den Bestrebungen der Aufklärung und des Fortschrittes nicht abhold, in lebhafterer Berührung mit dem stammverwandten Deutschland, angeregt von der großen Weltverkehrsader, von der das Thal durchzogen wird. Dabei hat dieses auf seiner breiteren Sohle und den sanfteren seiner Gehänge Raum zwar nicht für größere Städte, wohl aber für wohlhabende kleinere Orte und zahlreiche zerstreute Sitze eines freien Bauernstandes, der mit der Gemütlichkeit und schneidigen Kraft des Altbayern, dem er zunächst verwandt ist, einiges von der geschäftlicheren Gewandtheit des Alemannen verbindet. Ist doch der Typus des Unterinnthalers in Speckbacher zu suchen, dem kühnen und umsichtigen Generalstabschef Andreas Hofers, dem leitenden Geiste des großen Tiroler Volkskrieges. Die Unterinnthaler wären schon für sich allein, mit den Einwohnerschaften ihrer Seitenthäler, ein durchaus charakteristisches fertiges Völkchen, kraftvoll genug, um ein eigenes Staatswesen zu bilden und eine eigene Geschichte zu haben, wie vordem die Bevölkerungen der Schweizer Kantone sie hatten.
Wir setzen unsere Wanderung durch das Innthal, von Kufstein aufwärts, fort. Hat man die Strecke, wo der Innstrom den Zug der nördlichen Kalkalpen quer durchbricht, hinter sich, so verliert das Thal auf eine Länge von fast 20 ~km~ seine romantische Größe; seine beiden Umwallungen sind ziemlich einförmige, nicht schärfer charakterisierte Berglinien. Zwei Straßen laufen thalaufwärts, eine rechts und eine links vom Innstrom; zwischen beiden die Bahnlinie. Das Thal, das ziemlich eng erscheint, solange noch von Osten her die Felsenburg des Kaisergebirges hereindroht, erweitert sich allmählich. Seine Südostseite wird zu einer Terrassenlandschaft, welcher die Steinkohlengruben von Häring und die berühmten Cementwerke bei Kirchbichl einen stark industriellen Zug verleihen. Ländlicher ist die nordwestliche Thalwand geblieben. Hier hat sich, auf eine Ausdehnung von etwa 15 ~km~, von Langkampfen bis Brixlegg, zwischen das Strombett und die nordwestliche Thalwand ein Mittelgebirge eingelagert: eine niedrige Trümmerlandschaft, teils bewaldet, teils zu sanften Mulden ausgeweitet, in denen grüne Matten, kleine Waldteiche, Eichengruppen und schöne Bauernhöfe anmutige Landschaftsbilder bieten. Hier liegt auch der berühmte Wallfahrtsort Mariastein in idyllischer Stille. Es ist eine alte Ritterburg, durch ein wunderthätiges Marienbild, welches, mehrmals weggebracht, hartnäckig hierher zurückkehrte, zum Wunderplatze gefeit.
[Sidenote: Brixenthal. Wildschönau. Rattenberg.]
Auf der anderen Thalseite ist es lebhafter. Dort, bei der Station Wörgl, mündet in die Innthaler Bahnlinie, von Osten her kommend, die Giselabahn; das Thal hat sich zu einem breiten Wiesengrunde erweitert. In ihn öffnen sich zwei Thalspalten. Durch die nördliche derselben, das Sölland genannt, führt die wichtige Kaiserstraße unter dem Südabsturz des wilden Kaisers nach Sankt Johann. Dieser Straßenzug bezeichnet die geologische Scheide zwischen dem Kalkgebirge im Norden und dem Thonschiefer im Süden. Wichtiger für den Verkehr ist aber in neuerer Zeit die südlichere dieser Thalspalten geworden: das Brixenthal, durch welches die Giselabahn nach Kitzbühel und weiterhin nach Zell am See und Salzburg führt. Das Brixenthal hat zwar nur eine schmale Sohle, aber geringere Neigung seiner Thalwände, als die meisten anderen Thäler. Prächtige Matten erstrecken sich bis zu den Gipfeln der Berge hinauf, mit unzähligen braunen Heustädeln besetzt. Die Wälder aber sind, wenigstens in den unteren Lagen, schlecht und arg mißhandelt. Das Thal, in welchem die ansehnlichen Ortschaften Hopfgarten und Brixen und, schon jenseits der niedrigen Wasserscheide, Kirchberg liegen, empfängt seine Wasserzuflüsse aus langen einförmigen Seitengründen, die von den Thonschieferbergen im Süden herabziehen. Seine nördliche Vorlage bildet die hohe Salve, eine aussichtsreiche grünbemattete Kuppe, die jedoch, abgesehen von ihrer berühmten Rundsicht, als Berg an sich kein Interesse bietet.
Auf dem nur spärlich bevölkerten und teilweise versumpften rechten Innufer trägt uns die Bahn thalaufwärts nach Kundl. Der Ort soll seinen Namen von der heiligen Kunigunde, der Gemahlin Kaiser Heinrichs ~II.~, haben. Sicher ist, daß Kaiser Heinrich im Jahre 1012 die einsam an der Landstraße liegende Sankt Leonhardskirche erbaute. Hier öffnet sich nach Süden zu ein weltfremdes Thal, die Wildschönau, dessen Einwohnerschaft, in merkwürdiger Abgeschlossenheit dahinlebend, alte Sitten und Rechtsbräuche vielleicht am treuesten in ganz Tirol festgehalten hat. Uralte Bergbaue in dem einst erzreichen Gebirge der Wildschönau haben aufgehört; der Name des „Schatzbergs“, der sich 1898 ~m~ hoch über der Wildschönau erhebt, kündet noch von dem einstigen Silbersegen.
Reicher und bevölkerter wird das Innthal von Rattenberg aufwärts. Rattenberg selber zwar, das alte Schifferstädtchen (Abb. 63), unter dessen Burgtrümmern die Bahn in einem Tunnel hinzieht, macht mit seinen hart über dem Innstrom hängenden grauen Häusern den Eindruck des Verfalles. Solange die Schiffahrt auf dem Inn in Blüte stand, war hier starker Verkehr; seit die Lokomotive das Innthal durcheilt, hat dies aufgehört. Die bei Rattenberg und dem benachbarten Brixlegg (Abb. 64) von Norden und von Süden ins Innthal mündenden Thäler, das von Brandenberg und das Alpbachthal, haben für den Verkehr keine Bedeutung. Brixlegg selbst, wo sich, in eine Felswand gemeißelt, ein schönes Denkmal des um die Erschließung von Tirol verdienten Schriftstellers ~Dr.~ Steub findet, ist eine viel besuchte Sommerfrische; dabei ein kaiserliches Hüttenwerk und die alte Burg „Matzen“.
[Sidenote: Zillerthal.]
Von Rattenberg an entfaltet das Unterinnthal seine ganze Pracht. Breit und wohnlich liegt es vor uns da, mit den gigantischen Bergen, die es im Norden einschließen, mit dem Ausblick auf die Stubaier Ferner im Westen, mit seinen Städten, Burgen und Klöstern. Schon bei Brixlegg, auf welches von Norden die breit und charaktervoll vortretende Berggruppe des Sonnwendjochs niederschaut, ragen aus dem Stromthal umbüschte alte Ritterburgen empor. Und dann öffnet sich nach Süden zu eines der schönsten Seitenthäler Tirols: das berggewaltige liederreiche Zillerthal.
Offen und sonnig, bewacht von den riesigen Türmen der alten Feste Kropfsberg, erschließt sich der Eingang dieses Thales. Fünf Stunden lang fährt man auf fast ebener Landstraße thaleinwärts, ohne eine Ahnung von der wilden Größe des Thales zu erhalten, an dessen grüner Sonnenseite man bis hoch hinauf die Gehöfte leuchten sieht. Man fährt durch das freundliche Fügen (Abb. 65), aus dem einst die Sängerfamilie Rainer auszog, um den Tiroler Jodler jenseits des Oceans und in den großen europäischen Hauptstädten erklingen zu lassen und dann, reich an Ruhm und Gold, wieder in ihre Bergheimat zurückzukehren.
Weiter thaleinwärts liegt Zell am Ziller, der Hauptort des Zillerthales (Abb. 66). Näher ist hier schon der gewaltige Thalhintergrund getreten: die Gerloswand, der Tristenspitz und das vergletscherte Ingentkar. Aber immer noch erscheint die Landschaft freundlich und sonnig; um Zell gedeihen noch Weizen und Mais. Die vielen Herbergen, die Häuser der Kleingewerbsleute im Dorfe wie die umliegenden Bauernhöfe zeugen von Wohlhabenheit und Lebensfreude. Davon zeugt aber auch der mächtige Wuchs des Zillerthaler Volkes und seine Freude an Gesang und Zitherspiel, an der Liebe und am Raufen.
Bei Zell fängt das Zillerthal, welches bis hierher ohne nennenswerte Seitenthäler blieb, an, einen anderen Charakter zu gewinnen; die bisher sanft ansteigenden Thalgehänge verwandeln sich in dräuende Steilwände; die ganze Landschaft wird ernster, dunkler. Ein steiles Fahrsträßchen führt am Hainzenberge, dessen Goldgruben jetzt verlassen stehen, vorüber zu dem hochgelegenen Alpendorfe Gerlos und von dort hinab in den salzburgischen Pinzgau. Bleibt man im Zillerthale, so gelangt man nach einstündiger Fahrt in den herrlichen grünen Thalkessel, wo Mayrhofen (Abb. 67) liegt und alles Weitere wie vermauert scheint. In der That ist das eigentliche Zillerthal hier zu Ende, aber seine bedeutendste Hochgebirgsschönheit beginnt erst. Denn das Thal spaltet sich in vier schluchtenartige Gründe, die sich noch viele Stunden weit in das Innerste der Centralalpenkette hinauf erstrecken und aus denen nur beschwerliche, nicht mehr fahrbare Jochsteige weiterführen.
Der östlichste dieser Gründe ist der mit seinen Ausläufern über 20 ~km~ lange Zillergrund, dessen letzte Ausläufer sich in den Eiswüsten der Reichenspitzgruppe verlieren. Langwierige und mühsame Jochpfade führen aus diesem nur spärlich bevölkerten Hochthale hinüber in das jenseitige Ahrnthal. Fast völlig unbewohnt ist die ebenfalls bei Mayrhofen mündende Schlucht der Stillup, die in einer Längenerstreckung von 16 ~km~ nur mehr ein paar Alpenhütten und ein Jagdhaus herbergt und deren südliches Ende vom Eiskranz der Zillerthaler Hauptkette verschlossen ist.
Am bevölkertsten und wohnlichsten unter diesen Seitengründen ist das von Mayrhofen ostwärts hinaufziehende Tuxer Thal. Mit einer Längenerstreckung von 20 ~km~ windet sich dieses in großem Bogen um die eisbedeckte Kette des Tuxer Kammes. Es ist ein prächtiger grüner Alpengrund, der eine Reihe von kleinen Hochgebirgsdörfern mit braunen Holzhäusern enthält. Das höchst gelegene derselben ist Hintertux (Abb. 68), schon 1475 ~m~ über dem Meere, überragt vom schönen Eisgebilde der „Gefrorenen Wand“. Das Thal ist arm; von Bodenfrüchten gedeiht nur wenig mehr in solcher Höhe, aber dafür sind die Tuxer doch ein prächtiges, schönes und lebensfrohes Völkchen, das jauchzend und lachend seine mühsame Arbeit und den schweren Transport seiner Molkereiprodukte besorgt. Man rühmt ihnen auch nach, daß sie den reinsten verständlichsten Dialekt im Lande Tirol sprächen. Ein viel begangener Jochsteig führt von Mayrhofen über Hintertux und das Tuxer Joch in das Schmirnthal und an die Brennerstraße.
[Sidenote: Zemmgrund.]