Tirol

Part 6

Chapter 63,253 wordsPublic domain

Ganze Dorfschaften sowohl als auch Einzelngehöfte lagern vorzugsweise an dem sonnseitigen Abhang der Thäler. Denn da kommt nicht bloß der Lenz früher, auch der Tag ist länger mit seinem Sonnenschein. Darum findet man bei allen in ostwestlicher Richtung sich dehnenden Thälern die nach Süden geneigten Thalwände besiedelt, wenn es die Steilheit der Hänge erlaubt, während die nach Nord schauende, also südlich liegende Thalwand, dem finsteren Wald überlassen bleibt. In den von Nord nach Süd streichenden Thälern dagegen setzt sich die Ansiedelung dorthin, wo das sanfteste Gehänge ist oder wo der Thalgrund zu kleinen Ebenen sich ausweitet. Das ist zumeist dort der Fall, wo in ein größeres Thal Seitenthäler münden. Und auch das einzelne Haus liebt es, seine Vorderfront nach Süden zu kehren, wenn das irgendwie angeht. In der Regel suchen die Ansiedelungen die Thalsohle auf; ist diese aber versumpft, so streben die Gehöfte an die Berglehnen hin und um so höher an diesen empor, je sanfter, sonniger und fruchtbarer das Gehänge, die Neigung der Berglehnen sich erweist. In manchen Thälern sieht man darum Dörfer und Einzelnhöfe stundenweit über der Thalsohle liegen, in welcher der Thalbach entweder durch sumpfige Erlenniederung fließt oder durch Schluchten sich ein wildes Bett gebahnt hat; und wenn unten schon lange die Schatten des Abends liegen, glänzen hoch oben die Dörfer mit ihren Kirchen noch im Sonnenlichte. Nicht ungern haben sich auch die Ansiedelungen auf jene flachen Schuttkegel hingelegt, die in längstvergangener Zeit dort entstanden, wo aus den Seitenschluchten verheerende Schlammströme hervordrangen und ihren festen Bestand im Hauptthale ablagerten.

[Sidenote: Bauweise.]

Die Bauweise wird um so steinerner, je weiter man nach Süden kommt. Zugleich streben die Häuser mehr in die Höhe. Aber auch in Welschtirol besteht ein starker Unterschied zwischen den ladinischen und den italienischen Thälern. Die Häuser in den ladinischen Thälern unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im mittleren und nördlichen Tirol; nur der Holzverbrauch daran ist geringer. In den italienischen Dörfern sehen auch die Häuser italienisch aus; mehrstöckig steigen sie auf, schmutzig und verwahrlost. So sieht man sie namentlich in Judicarien. Solange die Seidenzucht blühte, gehörte hier das oberste Stockwerk den Seidenwürmern, die man da droben verpflegte. Jetzt, nachdem dieser Betriebszweig stark zurückgegangen ist, füllen die Judicarier auch die obersten Stockwerke mit zweibeinigen Würmern an; aus allen Fenstern kreischen zerzauste Italienerinnen und kleine, schwarze, schmutzige Italiener.

Eigenartig wie die Bauart der ländlichen Häuser ist auch jene in den Städten, soweit sie alt ist. Man kann in Tiroler Städten heute noch zahllose Häuser finden, die viel eher als kleine Ritterburgen, Miniaturklöster oder erweiterte Hexenküchen wie als bewohnbare Häuser erscheinen. Ja, manche Städte, wie Rattenberg, Sterzing, Klausen, sind fast nur aus solchen Häusern zusammengesetzt. Die Eingangsthüren dieser Häuser sind meist mit marmornen Bogen überwölbt; dann geht es aber hinab, statt hinauf, in ein finsteres, kerkerartiges Gewölbe, das als Vestibül dient. Finster ist auch die steinerne Stiege, die in irgend einem Winkel in die Höhe führt. Die alten Tiroler Baumeister scheinen das Ideal des Hauses in der Unregelmäßigkeit gesehen zu haben; wo es immer möglich war, wichen sie von der wagrechten und senkrechten Linie ab. Fluren, Zimmerböden, die Decken der Gänge und der Zimmer heben und senken sich nach Willkür. Zimmer und Gänge liegen häufig in ungleichen Höhen; es geht beständig treppauf, treppab. Manche Zimmer erhalten ihr Licht durch ein Loch aus einem höher gelegenen Zimmer oder Flur, und man würde sich nicht wundern, einmal in einem Raum zu stehen, der das Fenster im Boden und die Thüre im Plafond hat. Malerisch aber sind alle diese Häuser, von denen manches an seiner Außenseite die Spuren verblichener Freskomalerei trägt; und so auch die Gäßchen, wo verirrte Sonnenstrahlen zwischen Schattenwinkeln umherhuschen und die roten Nelkenköpfchen hinter den Gitterfenstern küssen.

[Sidenote: Bauern und Hirten.]

Die ländlichen Bestandteile des Tiroler Volkes sind Bauern und Hirten. Der Arbeit des Bauern sind die Thaltiefen und die bewohnbaren niedrigeren und sanfter abgedachten Berghänge überlassen; jener des Hirten die höher gelegenen Hänge und Mulden des Gebirges. Diese verschiedenen Arbeitsfelder gehen ineinander über; so auch die Volksklassen, die darauf leben. Im Winter muß auch das Hirtenvolk zum Bauernvolk werden (Abb. 48 bis 50).

Die bäuerliche Bevölkerung wohnt, je nachdem es die Ansiedelungsflächen gestatten und nötig machen, bald in Dörfern, bald in Einödhöfen. In den Dörfern drängt sich Wohlhabendes und Ärmeres zusammen; da wohnen neben den Bauern auch manche Kleinhäusler. Die einzeln liegenden Gehöfte gehören meist wohlhabenderen Bauern. Da sitzt der Bauer auf seinem Hofe oft mit 10–12 Ehehalten (Dienstboten), die alle an seinem Tische essen und unter seiner Leitung arbeiten. Jener Teil des Jahres, der nicht von der Feldbestellung und von den Erntearbeiten beansprucht ist, gehört den Arbeiten im Walde und auf der Viehweide. Zu jedem ordentlichen Bauernanwesen gehört auch ein ansehnliches Stück Wald und Almländereien; wichtige Winterarbeiten sind der Transport von Holz und Streu aus den Wäldern, von Heu aus den Heustädeln der höher gelegenen Bergwiesen nach den Gehöften.

Im Frühjahr wandert ein Teil des Gesindes mit dem Vieh nach den Höhen, um bis zum Herbste als Hirtenvolk droben zu leben. Bloß in einzelnen Teilen Nordtirols werden die Almen von Sennerinnen bezogen; im größten Teile des Landes von Männern, die entweder Senner (Melcher) oder Ochsner sind. Senner und Sennerinnen haben die Milchkühe zu versorgen, Milch, Butter, Schmalz und Käse zu gewinnen, und, was sie davon nicht selber verbrauchen, ihrem Bauer ins Thal hinabzutragen. Die Ochsner hüten jene Herden von Jungvieh, welches, zur Handelsware bestimmt, im Frühsommer auf die Almen getrieben wird, um sich droben mit den kräftigen Gräsern und Kräutern des Hochgebirges zu nähren. Die Arbeit der Senner verlangt mehr Kenntnis und Sorgfalt, auch größere Reinlichkeit. Darum sind die Hütten der Senner, und ganz besonders der Sennerinnen, wohnlicher und sauberer; jene der Ochsenhirten und noch mehr der Schafhirten dagegen erscheinen als die denkbar urwüchsigsten menschlichen Behausungen, ohne Spur von Bequemlichkeit; nur ein Heulager und eine oft nicht einmal über den Erdboden emporragende Feuerstätte unter einem Dache und zwischen Wänden, durch die der Bergsturm heult. Wege freilich müssen zu all’ diesen Hütten führen; aber bloß um der Tiere, nicht um der Menschen willen.

Eine eigentümliche Art von Wanderung veranlaßt auch die Zeit der Heumahd auf den Alpenwiesen. Jene großen ergiebigen Grasflächen, welche nicht als Weideland benützt werden, sondern deren Heu man in die Gehöfte herabbringen will, um es als Winterfutter zu benützen, können, wenn sie von den Dörfern entfernt liegen, nicht an einem Arbeitstage gemäht werden, sondern verlangen mehrtägige Arbeit. Da wandert denn ein großer Teil der Dorfbevölkerung mit Sensen, Rechen und Heugabeln nach den Höhen hinauf; auch Kochgeschirr und Nahrungsmittel werden mitgenommen, und es beginnt eine Zeit froher Arbeit unter blauem Himmel, angesichts der prachtvollen Bergwelt. Dabei kommen allerlei Übermut, Scherz und Gesang und auch die Liebe zu ihrem Recht; übernachtet wird auf duftendem Heulager.

Technisch sind die Tiroler erfinderische Köpfe. Man kann in ganz abgelegenen Thälern sehen, wie der Erfindungsgeist mit der rauhen Natur kämpft und ihre Kräfte dienstbar zu machen sucht. Der Hirt, dem der Gletscherbach den Steg zu seiner Hütte fortgerissen hat, muß sich eine neue Brücke bauen; er muß sein eigener Ingenieur sein. Als Naturkraft ist überall das fließende Wasser zu haben. Man nützt es aus, indem man durch kleine Mühlrädchen Butterfässer und Drehbänke, ja selbst Kinderwiegen in Bewegung setzt. Kleine, mit Dünger beladene Wagen werden auf steile Bergwiesen durch ein Seil hinaufgezogen, das über eine von einem Mühlrad getriebene Welle läuft. So braucht man überall die Bergbäche zum Betrieb von Mühlen, Hammerwerken, Sägen und dergleichen.

[Sidenote: Industrie, Handel und Verkehr.]

Die industrielle Thätigkeit des Tiroler Volkes ist weit vielseitiger, als der Reisende, der das Land nur auf Dampfesflügeln durcheilt, anzunehmen geneigt ist. Für ihn verschwindet sie nur im Vergleich zu der kolossalen Natur, unter deren Riesengebilden die Gestaltungen des menschlichen Gewerbfleißes notgedrungen etwas zwerghaft erscheinen müssen. Die mineralische Rohproduktion entringt den Eingeweiden der Erde Eisen, Kupfer, Blei, Zink und Braunkohlen. Wichtiger als all’ dies zusammen ist das in den Salinen von Hall gewonnene Salz. Hochachtbar ist ferner die Erzeugung von Cement und hydraulischem Kalk in der Umgebung von Kufstein und Kirchbichel; die Produkte derselben gehen nach Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und den Donautiefländern. Auch die Marmorbrüche von Trient und Laas führen einen Teil ihres Erzeugnisses aus. Die Metallindustrie ist von alters her eine blühende im Unterinnthale, namentlich für landwirtschaftliche Werkzeuge, Sensen, Sicheln, auch Äxte, Sägen und dergleichen. Die Nahrungsmittelindustrie liefert konservierte Gemüse und Früchte; letztere in unerreichter Güte; große kaiserliche Tabakfabriken arbeiten in Schwaz und Sacco (Etschthal). Die Baumwollindustrie ist in Vorarlberg mit glänzenden Erfolgen und in großen Etablissements thätig; sie umfaßt Spinnereien, Webereien, Kattundruckereien, chemische Bleichen und Färbereien (Türkischrot). Im Innthale werden neben Baumwollwaren auch Leinen- und Schafwollwaren erzeugt; eine Specialität ist der unverwüstliche Tiroler Lodenstoff. An die Stelle dieser Zweige der Textilindustrie tritt in Südtirol, von Bozen abwärts, die Seidenindustrie, mit dem Centrum Rovereto; leider in starkem Rückgange wegen der Seidenraupenkrankheit; so daß 1886 noch 1500000 ~kg~ Rohseide erzeugt wurden, 1892 nur mehr 662500. Fabriken für Seidenstoffe arbeiten zu Ala und Rovereto. Die Holzschnitzerei ist als Hausindustrie im Grödener Thal verbreitet und genießt eines vortrefflichen Rufes.

Die Lage Tirols zwischen Deutschland und Italien machte das Land schon im Mittelalter zu einem wichtigen Durchzugsgebiet und weckte bei den Anwohnern der Hauptverkehrswege einen gewissen Handelsgeist. Aber bei der Armut und der Einfachheit der Bedürfnisse, die in den abgelegeneren Thälern herrscht, konnte von einer lebhafteren Entwickelung des Binnenhandels nicht die Rede sein; Bozen ist die einzige Handelsstadt; die übrigen Plätze beschränken sich meist auf Specialitäten. Die, namentlich früher, recht unvollkommenen Verkehrsgelegenheiten mußten dem Hausierhandel eine erhöhte Bedeutung zuweisen; so stellten denn die Tiroler einen ansehnlichen Beitrag zum internationalen Hausiergewerbe und waren vordem als Teppichhändler überall in Deutschland und Oesterreich gesehen. Diese Teppichhändler kamen zumeist aus dem Defferegger Thale; aus dem Zillerthale die Handschuh- und Viehhändler; mit Holzschnitzereien wanderten die Grödener, mit Südfrüchten die Passeirer und Vintschgauer. Die Bewohner anderer Thäler unternehmen als Arbeiter Wanderungen nach Deutschland, Österreich und Italien. So findet man allenthalben in diesen Ländern Tiroler als Maurer, Steinmetzen und Stuckateure, Ziegelarbeiter, Hausknechte, Holzarbeiter. Glänzende Reichtümer werden selten heimgebracht; doch sind einzelne Leute in ihr heimisches Thal mit ansehnlichen Vermögen zurückgekehrt; und alle diese Wanderarbeiter verdienen in der Fremde mehr, als sie daheim erwerben könnten.

Die denkbar schroffsten Gegensätze weist in Tirol das Verkehrswesen auf. Durch das Innthal, über den Brenner, durchs Puster- und Brixenthal, über den Arlberg, und durch die Veroneser Klause donnern die Eilzüge mit ihren bequemen Schlafwagen. Aber von manchen Stationen dieser Bahnen führt keine Straße mehr weiter, sondern nur Saumwege. Und aus dem Fenster des dröhnenden Eisenbahnwagens sieht man gegenüber an den Felswänden Steige, die nur der schwindelfreie Älpler zu begehen vermag. Die Tiroler Poststraßen sind fast durchgängig vortrefflich, einzelne von ihnen wahre Meisterwerke des Straßenbaus, wie etwa die Straße von Landeck über Finstermünz und die Malser Heide nach Mals, die Stilfser Jochstraße, der kühne Straßenzug über die Mendel, der Fernpaß und andere. So wie man jedoch die Poststraßen verläßt, werden die Wege dürftig. Die kurzen Anfangsstrecken, die in die Seitenthäler hineinführen, sind noch zur Not fahrbar; oft hört aber bei der ersten Thalstufe schon der Wagenverkehr auf; die Saumpfade beginnen und die letzten Verzweigungen der Wege sind schwindlige Fußsteige, an Abgründen entlang führend und zuletzt in Fels- und Eiswüsten endend. Und nicht bloß Fußsteige und Saumwege; auch Fahrstraßen werden oft genug im Frühjahr durch Lawinen, im Sommer durch Gewitterregen streckenweise ungangbar gemacht, zerrissen, mit Schlamm- und Steinströmen überschüttet. So ist der Verkehr zwischen den hoch gelegenen Gebirgsdörfern und den tieferen Thallandschaften schon in der guten Jahreszeit oft erschwert, im Winter wochenlang unmöglich, bis durch den tiefen Neuschnee Bahn geschaffen ist.

[Sidenote: Tiroler Kunst.]

Der stark ausgeprägte künstlerische Sinn des Tirolers bethätigt sich zunächst in seiner Architektur. Daß das Tiroler Bauernhaus weit interessanter und mannigfaltiger in seiner Erscheinung ist, als das fränkische oder niedersächsische, hat seine guten Gründe. Die von der Natur aufgenötigte Verschiedenheit des Baumaterials, die Unebenheit des Bodens, das Streben nach der Sonnenseite und nach der Front des Thalwegs: alle diese Bedingungen wiesen den Tiroler Baumeister seit den ältesten Zeiten auf eine Mannigfaltigkeit der Bauformen hin, die eben in der Ebene nicht notwendig ist und sich deshalb auch nicht ausbildet. Zu diesen natürlichen Bedingungen der Entwickelung des Kunstsinns kamen noch geschichtliche Verhältnisse: die Einflüsse der römischen Kunst in den Zeiten der Römerherrschaft, der Anregungen aus Italien seit dem Mittelalter. Der Bau des Bauernhauses mußte wieder auf den Bau der Kirchen einwirken, womit dann weiter deren innere Ausschmückung, Plastik und Malerei, zusammenhängen. Frühzeitig mußten die Tiroler zu der Empfindung kommen, daß ihre Häuser, Kirchen, ja die ganzen Ortschaften nicht bloß architektonisch, sondern auch landschaftlich wirkten. Die Plastik, für kirchlichen Schmuck und für die kleinen Heiligtümer des Hauses arbeitend, konnte namentlich auf Holzbildhauerei sich werfen; die Malerei, ebenfalls zumeist für kirchliche Zwecke schaffend, ward mit Vorliebe Heiligen- und Historienmalerei. Der berühmteste unter den Tiroler Malern ist Franz von Defregger geworden, ein Bauernsohn aus dem Pusterthale, dessen künstlerische Kraft sich aus den Stoffen und Zuständen seiner Heimat unerschöpfliche Jugend sammelt. Neben ihm steht würdig Mathias Schmid aus Paznaun (Abb. 51 und 53). Daß die Künstler Tirols ihre Werkstätten nach auswärts verlegten, hat seinen guten Grund; die Kunst bedarf jenes geistigen Luftzuges, der durch die große Welt, nicht durch die engen Thäler weht. Darum hat auch die Dichtkunst keine rechte Heimstätte in Tirol gefunden. Wohl rühmt sich das Land, daß des edlen Minnesängers Walther von der Vogelweide Heimathaus auf luftiger Höhe über dem Eisack steht (Abb. 52); aber auf die neuere und neueste Entwickelung deutscher Sprache und Dichtung hat Tirol keinen Einfluß genommen. Das liegt indessen nicht am Volke, sondern an seinen bisherigen Erziehern, die der Freiheit des Denkens und Empfindens nicht jenen Spielraum ließen, dessen sie zu litterarischen Großthaten bedurft hätte. Der Tiroler wird in seinen Thälern wohl zu einem frommen und patriotischen Empfinden erzogen, aber nicht zu jener Weltumschau und geistigen Flugkraft, die man vom modernen Schriftsteller verlangt. Beda Weber und Hermann von Gilm sind die hervorragendsten Dichter Tirols aus diesem Jahrhundert; aber sie sind außerhalb Tirols kaum genannt. Das Land muß seinen Klassiker noch gebären; aber daß es ihn aus seinem Felsenboden hervortreten lassen wird, ist sicher bei einem Volke, dessen Phantasie dereinst die glanzvollen Gestalten des deutsch-langobardischen Sagenkreises schuf und von dessen Burgen so reich der Minnesang erklungen ist.

[Sidenote: Gesang und Dichtung. Wohlstand.]

Der künstlerische Sinn des Volks zeigt sich auch im Volksgesang. Es ist aber merkwürdig, wie ungleichartig die Freude am Singen verbreitet ist. Die klingende jauchzende Heimat des Tiroler Volksliedes ist das Zillerthal mit seinen grünen Matten und seinen schneidigen lebensfrohen Menschen. Hier schallt aus jeder Hütte das zur Musik gewordene Denken und Fühlen des Volks. Von hier aus hat die sangeskundige Familie der Rainer ihre Liederfahrten um die Welt gemacht und sich Ehren und Reichtum erworben, ohne ihrer Tiroler Heimat darüber zu vergessen. Es ist freilich nicht mehr alles, was man im Zillerthale hört, reiner Volksgesang; verführt vom Beifall der großen Welt, haben die Tiroler sich zu ihren alten Liedern manches hinzugesungen und hinzukomponieren lassen, was nicht echt ist. Aber echt ist ihre Freude am Gesang, echt ihr Talent. Außer dem Zillerthal singt man auch gern im ganzen Unterinnthal und in all’ den Thälern, die an die almenreichen bayerischen Berge angrenzen. Auch im Pusterthale wird gesungen; aber da mischen sich in den jauchzenden übermütigen Klang der Lieder jene eigentümlichen schwermütigen Motive, die dem Kärntner Volkslied eigen sind und wohl südslavischen Gesängen entstammen oder nachempfunden wurden. In den übrigen Thälern Tirols singt man nur, wenn der Wein die Zungen löst -- ausgenommen im liederfrohen Ultner Thale.

Der Gesang verbindet sich entweder mit dem Trinken oder mit der Liebe. In den Nordtiroler Wirtshäusern wird gesungen, wenn sich die Bursche, jeweils auch Bursche und Mädchen an Sonntagen versammeln. Dann lösen Gesang und Tanz sich ab. Auch in den Almhütten beim Herdfeuer und auf den Bergwiesen bei der Heumahd wird gern gesungen. Seine trutzigsten Lieder singt der junge Tiroler, wenn er vom „Gasselgehen“ heimkehrt. Das Gasselgehen ist der Gang an Liebchens Fenster, ein Gang, der in allen Alpenländern und auch anderwärts vorkommt. Führt er den jugendlichen Wagehals in ein fremdes Dorf, so ist er nicht ganz gefahrlos; denn es kann dem Eindringling leicht begegnen, daß er von eifersüchtigen Gegnern „heimgescheitert“, d. h. mit Baumästen, Holzscheiten und Zaunpfählen während seines Rückzugs geworfen wird, wobei schon mancher feurige Liebhaber auf dem Platze geblieben sein soll. -- Eine durchaus bodenständige Kunst, aber merkwürdigerweise nur im Unterinnthal und dessen Nachbarschaft, ist das volkstümliche Drama. Man muß die Bauerntheater in Thiersee, in Brixlegg, in Erl gesehen haben, um darüber zu staunen, mit welchem sicheren künstlerischen Bewußtsein eine kleine bäuerliche Dorfbevölkerung sich einen Tempel dramatischer Muse schafft, ihn mit Gestalten belebt und ihn mit herzlicher Zuneigung zur Blüte ihres Genußlebens macht. Auf den Tiroler Bauerntheatern werden, durchwegs von Bauern, Stücke gespielt, deren Inhalt der Leidensgeschichte Christi, aber auch der christlichen Legende, der deutschen Volkssage, der Geschichte des romantischen Mittelalters, dem Tiroler Freiheitskriege und dem bäuerlichen Leben der Gegenwart entnommen ist.

Daß das Schwergewicht nationaler Bedeutung für Tirol in den Dörfern, nicht in den Städten liegt, erklärt sich leicht. In den Städten hat man, seit sie bestanden, behaglich gelebt; den stählenden Kampf ums Dasein mußte seit Jahrhunderten der Bauer führen. Er mußte sein Besitztum und seine Arbeitsfrucht ununterbrochen einer erbarmungslosen Natur aus den Felsenzähnen reißen, während der Städter, von seinen Mauern und Thoren geschirmt, unter schützenden schattigen Lauben gefahrlosen Erwerbs sich freute, den der lebhafte Verkehr an den alten Welthandelsstraßen reichlich bot. Bozen mußte bei seinem milden Klima und seiner an Blüten und Früchten reichen Umgebung schon im Mittelalter eine Stadt des Wohlstands und des Genusses sein, die von der Natur mehr begünstigt war, als irgend eine andere Stadt im deutschen Sprachbereich. Und daß auch Innsbruck und die kleineren Tiroler Städte gern manches vom heiteren Lebensgenuß des Mutterländchens annahmen -- wen möchte das wundern? So finden wir in den Tiroler Städten nicht jene stahlklirrende Arbeitshast, jene nervenzerstörende Unrast, jenen freudlosen Erwerbseifer, wie in vielen gleich großen deutschen Städten. Man nimmt sich Zeit zum Leben hier in den alten behäbigen Bürgerhäusern; in den Amts- und Ratsstuben, wo gemütliche, nichts übereilende Würdenträger hausen; in den sauber getäfelten, zum langen Sitzen so geeigneten Speisezimmern der Gasthäuser, wo es so zarte Backhühner und so feurigen Kalterer Specialwein gibt!

~VI.~

Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft.

Unter den von Norden her nach Tirol führenden Zugängen ist bei weitem der wichtigste jenes breite Felsenthor, das sich der Innstrom zum Ausgang aus Tirol durch die nördlichen Kalkalpen gesucht hat. Wer auf der München-Innsbrucker Bahnlinie sich diesem Felsenthore nähert, sieht schon von der bayerischen Hochebene aus seine dunkel bewaldeten Eckpfeiler und hinter ihnen die Tiroler Berge: die bizarre Zackenmauer des Wilden Kaisers und die blinkende Schneepyramide des Großvenedigers. Die Bahn läuft, nachdem sie von der Hochebene in die Alpen eingetreten ist, noch eine Zeitlang auf dem linken, bayerischen Innufer stromaufwärts, während drüben auf dem rechten Ufer unter den waldigen Hängen des Grenzhorns schon das erste Tirolerdorf, Erl, sich zeigt.

[Sidenote: Walchsee.]

Gleich darauf, bei der bayerischen Bahnstation Oberaudorf, erschließt sich nach Osten hin das erste Seitenthal des Innthals: die freundliche Hügellandschaft der Sewi. Es ist offenbar ein vormaliges Seebecken, durch welches der Inn hier seine Fluten träge zwischen Erlenauen hinwälzt. Eine geräumige Mulde zwischen den bis zum Gipfel hinauf grün bematteten bayerisch-tirolischen Grenzgebirgen und dem schrofferen Felsenbau des Wilden Kaisers läßt hier Raum für mehrere Dörfer und zahlreiche Einzelnhöfe. Wer etwa in Oberaudorf dem Bahnzuge entsteigt und sich über den Inn setzen läßt, kommt in eine hügelige Ebene mit wohlhabenden Dörfern und stattlichen Gehöften. Den Mittelpunkt dieser Landschaft bildet das runde liebliche Becken des Walchsees. Nur die finstere Felsenburg des Kaisergebirgs, das im Süden sich aufbaut, mahnt hier daran, daß man sich in einem Hochgebirgslande befindet; sonst sind alle Höhen grün und sanft geschwungen.

[Sidenote: Kitzbühler Ache.]