Tirol

Part 5

Chapter 53,014 wordsPublic domain

Von den ehemaligen Rhätiern sind fast nur noch Ortsnamen übriggeblieben; diese aber reichen vom Zillerthal bis nach Trient und nach Vorarlberg. Im Unterinnthal grüßen uns als rhätisch schon Ortsnamen wie Schwaz, Terfens, Volders; sie finden sich sehr zahlreich im Oberinnthal, im Vintschgau, am Eisack. In den höher gelegenen Seitenthälern werden sie seltener; von den Bergnamen sind wohl nur die wenigsten rhätischen Ursprungs. Daraus schließt man mit Recht, daß die rhätische Ansiedelung sich so ziemlich auf die Hauptthäler beschränkt haben muß.

Auf die Rhätier folgte die Romanisierung des Landes. Und die Rhätoromanen scheinen viel weiter in die entlegeneren Thäler und nach den Höhen zu vorgedrungen zu sein. Die romanischen Ortsnamen sind sehr zahlreich; sie zählen nach Tausenden, sind ohne Schwierigkeit zu deuten und hängen mit dem landschaftlichen Charakter der Gegend zusammen. So wird jeder Lateiner Campiglio mit ~campus~, Vals mit ~vallis~, Vill mit ~villa~, Pontigl mit ~ponticulum~ in Zusammenhang bringen.

[Sidenote: Germanisierung Tirols.]

Der rhäto-romanischen Zeit folgte endlich die bajuwarische Einwanderung, im Oberinnthal die der Alemannen. Die Germanisierung des Landes begann; aber nur langsam. Unter die romanischen Ortsnamen mischten sich immer mehr deutsche, wie Hall, Innsbruck, Landeck, Steinach u. a. Im Vintschgau hielt sich das Romanische zäher, als im Innthal; am zähesten in Enneberg und Gröden. Der slavische Zuzug von Osten her ward durch die Bajuwarier zurückgedrängt; an ihn erinnern nur einzelne Ortsnamen im Iselthale: vor allem Windisch-Matrei; auch das Frosnitz- und Teischnitzthal, der Mulwitz- und Laberwitz-Gletscher; wohl auch der Name des Pusterthales (früher ~pustrizza~, ~bystrica~). So liegen die Schichten der Bevölkerung übereinander, Verdrängtes, Verschollenes und Neugewordenes; mancherlei Mischung. Das Ladinische wird wohl immer weniger gesprochen werden; an seiner Stelle muß entweder italienisch oder deutsch gelernt werden; aber die ladinischen Namen werden sich erhalten.

In ihrer äußeren Erscheinung sind die Tiroler ein prächtiger Menschenschlag, an körperlicher Schönheit von keinem deutschen Volksstamm übertroffen, ja kaum erreicht. Selten wird man bei einer Bevölkerung so viele athletisch gewachsene Männer mit klassisch-ernsten Zügen, so viele Mädchen von überraschender Eleganz des Gesichtsschnittes finden, als in den Tiroler Thälern. Hervorragende Männererscheinungen finden sich im Pusterthale und dessen nördlichen Seitenthälern, im Zillerthale und in Passeier wohl am häufigsten; da kann man im Bauerkittel Männer mit lockigen Häuptern und wehenden Bärten sehen, germanischen Helden gleich; und mancher Schafhirte auf einsamer Hochalm erinnert an ein hellenisches Götterbild. Die Tiroler Mädchen sind teils, wie im Zillerthal, wahre Walkürengestalten; man findet aber auch viele feingliederige und zart gebaute; durchweg aber haben sie sehr lebhafte Augen, deren Glanz selbst im Alter nicht verlischt, und in der Jugend eine entschieden vornehme und graziöse Haltung. Und die Körperschönheit scheint um so hervorragender zu werden, je höher man in die einsamsten Thäler hinauskommt. Am wenigsten bevorzugt in körperlicher Hinsicht zeigen sich die alemannischen Volksbestandteile im Nordwesten. Im Süden findet man sehr häufig schon ausgeprägt italienische Typen.

[Sidenote: Volkscharakter.]

Den äußeren Zügen entsprechen die des inneren Volkscharakters. Genügsamkeit, Einfachheit der Sitten, Frömmigkeit, Heimatliebe, Unterthanentreue, heldenmütige Tapferkeit: das sind des Tirolervolkes Haupttugenden. Die Fehler, die diesen Vorzügen gegenüber stehen, werden erklärlich durch die Natur des Landes. Die Abgeschlossenheit vieler Landschaften bedingt auch einen Abschluß der Geister gegen außen. Daher die unschwer zum Fanatismus zu steigernde Leidenschaftlichkeit in religiösen Fragen, Einseitigkeit des Urteils und Argwohn gegen das, was von außen kommt.

Übrigens findet man nicht leicht bei einem Volksstamme so große Verschiedenheiten und Gegensätze, wie bei dem Volk von Tirol. Diese Verschiedenheiten und Gegensätze sind bedingt durch die großen Unterschiede in der Wohnlichkeit, Wohlhabenheit und Verkehrsfähigkeit der Landschaften. Liegen doch da bei einander Thalgründe, in denen eine freigebige, sonnige Natur eine geradezu üppige Lebensart beinahe herausfordert, und wiederum Landschaften, wo die Natur ihre wildesten, rauhesten Seiten herauskehrt und beständigen todesmutigen Kampf gegen ihre Schneestürme und Lawinen, Steinströme und verheerende Wildwasser verlangt. So findet man denn oft hart nebeneinander aufgeklärten Freisinn und harten Fanatismus, weit blickenden Spekulationsgeist und beschränktes Festhalten am Althergebrachten, leutseliges Entgegenkommen gegen den Fremden und mißtrauische Abgeschlossenheit.

[Sidenote: Religion und Gemüt.]

Tirol ist ein streng katholisches Land. Die Glaubenseinheit ward bis in die jüngste Zeit als ein kostbares nationales Kleinod hochgehalten, und es bedurfte langer Kämpfe, bis die erste protestantische Kirche auf dem Boden Tirols erstehen konnte. Nur langsam, und keineswegs überall, konnten die Tiroler überzeugt werden, daß unter den Protestanten ebenso gute, fromme und gerechte Menschen sein können, als unter Katholiken. Der wilde Heldenmut, mit dem das Tiroler Volk im Jahre 1809 sich gegen die bayerische Herrschaft aufbäumte, war zu einem guten Teile darin begründet, daß das Volk wähnte, sein Glaube sei in Gefahr; und der große Freiheitskampf war nicht bloß ein politischer, sondern zugleich ein religiöser Krieg. Hatte doch gerade damals die bayerische Regierung Klöster aufgehoben und eine Reihe von Maßregeln gewaltsamer Aufklärung angebahnt.

Dieser Glaubenseifer der Tiroler offenbart sich in ihrem Haus und in ihren Kirchen. Jede Wohnstube hat ihr kleines Heiligtum: eine Ecke, wo ein Kruzifix und einige Heiligenbildchen hängen. Vor und nach jeder Mahlzeit wird gebetet. Die Dorfkirche steht überall auf dem schönsten Platze und leuchtet weit ins Thal, umgeben von der Mauer des kleinen Friedhofes, in dem die Toten des Thales ihre ewige Ruhe gefunden haben. Jeden Sonntag wird die Messe gehört, zu der sich die Thalbewohner aus stundenweiter Ferne einfinden. Selbst die Bergführer versagen an Sonn- und Feiertagen ihre Dienste, ehe sie die Messe gehört haben. Auch das Fastengebot wird streng gehalten, ja oft auch der fremde Reisende zu seiner Einhaltung genötigt. Neben den Dorfkirchen gibt es zahlreiche einzeln stehende Kapellen und Wallfahrtskirchen; Wallfahrerzügen und Bittgängern kann man an Sonntagen häufig begegnen. Die Wallfahrt ist übrigens für den Tiroler nicht bloß eine religiöse Übung, sondern zugleich die einzige Veranlassung, aus dem engen Gesichtskreise seines Thales heraus unter fremde Menschen zu kommen und zu sehen, daß hinter den Bergen auch noch Leute leben.

Der fromme Sinn der Bevölkerung spricht auch aus unzähligen Wegkapellen, Wegkreuzen und Gedenktäfelchen, hier Bildstöckeln oder Marterln genannt. Die Wegkapellen aber haben nicht bloß den Sinn, zu einem kurzen Gebet einzuladen; sie sind zugleich, da immerhin ein paar Menschen in ihnen Platz haben, Zufluchtstätten bei wilden Unwettern, wie etwa die Kapelle auf dem Velber Tauern, auf dem Kitzbühler Horn und andere. Bildstöckel finden sich zahllos, an den Straßen wie an den schmalen Bergpfaden, selbst auf vergletscherten Jochen. Dem einsamen Wanderer in wilder Höhe erscheinen sie als ein Gruß menschlicher Teilnahme; meist aber sind sie Erinnerungszeichen für Menschen, die vom jähen Tod an der Straße ereilt wurden, von Lawinen erdrückt, von Gletscherbächen fortgerissen, von stürzenden Bäumen und Felsen zerschmettert, im Schneesturm verweht. Die meisten dieser Täfelchen zeigen auf einem, etwa mit drei Händen zu bedeckenden Raum eine bildliche Darstellung des Unglücks, einen frommen, oft gereimten Spruch und die Bitte an den Wanderer um ein kurzes Gebet.

Bei seinem starken Glauben hat das Tiroler Volk auch recht viel Abergläubisches. Daß man eine kranke Kuh lieber von einem Kapuziner segnen läßt, als daß man den gelernten Tierarzt befragt, schadet heute noch der Tiroler Viehzucht; auch der kranke Mensch wallfahrtet lieber zur Muttergottes von Absam, als zum berühmtesten Kliniker. Wetterbeschwörungen und Wetterläuten sind noch an der Tagesordnung und ungebrochen die Wunderkraft von Amuletten und Reliquien.

Die Gemütsart des Tirolers ist im ganzen eine vortreffliche. Ehrlichkeit und Treuherzigkeit ist ein Grundzug derselben. Nur ist der Tiroler doch so schlau, daß er, wenn er den Fremden damit beeinflussen kann, sich noch treuherziger und ehrlicher stellt, als er wirklich ist. Der durch seine rauhe Natur dem Volke anerzogene Mut steigerte sich früher, namentlich im Unterinnthal und Zillerthal nicht selten zur Rauflust, wobei es auf einige ausgedrückte Augen und abgerissene Ohren nicht ankam. Jetzt ist man in diesem Punkte gesitteter geworden. Grausamkeit und Wildheit mochten wohl während des Freiheitskampfes gegenüber dem Feinde vorkommen, erklären sich aber aus der Rauheit der Zeit. Der Familiensinn ist unter den Erwachsenen nicht besonders stark, hingebend und aufopferungsfähig aber gegenüber den Kindern.

[Sidenote: Sagen. Volkstrachten.]

Reich und großartig ist der Sagenschatz des Volkes. Das erklärt sich schon aus der ganzen Natur des Landes. Die vielen gewaltigen Berggipfel, die, entweder von ewigem Eis umpanzert oder aus fast lotrechten Felsschroffen bestehend, in die Thäler herabschauen, und von denen eine große Zahl im Laufe unseres Jahrhunderts zum erstenmal von kühnen Wanderfüßen betreten wurden, mußten ja wie von selber zu Hochburgen der Geisterwelt werden. So findet man durch ganz Tirol die Sage von den Wildfrauen oder Saligen Dirnen, die hoch droben in unzugänglichen Felswänden hausen, aber dann und wann herabsteigen in die Thäler, den Menschen jahrelang friedlich und willig als Mägde dienen und Segen in die Häuser bringen, auf einmal aber durch geheimnisvolle Erscheinungen und Botschaften abgerufen werden und mit leidvollem Gruß für immer verschwinden. Die Lawinen, Bergstürze und Schlammströme, die in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit so viele Häuser und Ortschaften verwüsteten und so manche Stätte langen Menschenglückes spurlos verschwinden ließen, mußten Veranlassung werden zu den Sagen von verschütteten Thälern, von versunkenen Städten und eisübergossenen Weideländereien. Die ausgedehnten Räume, die der Mensch nicht selber bewohnte, weil sie unbewohnbar waren, bevölkerte er wenigstens mit den Gestalten der Phantasie; er ließ diese Gestalten in Wetterwolken die Gipfeltürme umreiten und gab ihnen eine Heimat in den zahllosen öden Thalwinkeln, die nur mit Felstrümmern und alten Lawinenresten erfüllt sind. Wo eine einzelne Felsbildung von besonders auffallender Gestalt erscheint, wird sie von der schöpferischen Einbildungskraft mit Ereignissen und geheimnisvollen Lebewesen bedacht, die sie umgeistern. Dazu liefern weiteren Stoff die zahllosen Burgen, die, teils völlig zertrümmert, teils noch halb erhalten, ihre freundlichen oder wilden Schatten beherbergen müssen. Es ist eben dem Volksgemüt unfaßbar, daß gar nichts mehr in jenen Mauerresten wohnen soll, die so düster und rätselhaft von ihren Felsen herunterschauen. Dazu kommen dann noch spurlos sich verlierende Wege, zerfallene Brücken, verlassene Häuser, unkenntlich gewordene Denkmäler, an die sich Sagen heften. Vieles auch, was einst Geschichte war und aus dem Gedächtnis der Menschen wich, ist Sage geworden; Sage die eine oder andere Erinnerung an die Zeit der alten Rhätier und der Römerherrschaft; Sage die Erinnerung an die Kämpfe zwischen Germanen und Römern, zwischen Franken und Longobarden, zwischen Bajuwaren und Slaven. Groß und herrlich hebt sich aus all’ diesen Gestalten eine hervor: die des unerreichten Dietrich von Bern, des großen Ostgotenkönigs, den die Tiroler Heldensage sieghaft einreiten läßt in den Zaubergarten des Zwergkönigs Laurin. Und dieser Zaubergarten leuchtet ja heute noch im Abendsonnenfeuer mit seinen Dolomittürmen so märchenhaft über die Thäler hin!

[Sidenote: Volkstrachten. Volksnahrung.]

Eigenartige Volkstrachten haben sich nur im deutschen Teile Tirols, in einzelnen ladinischen Thälern noch bei den Frauen erhalten. In Deutschtirol hat jedes Thal gewisse Besonderheiten seiner Tracht. Diese Besonderheiten verschwinden allmählich in den vom Verkehr am meisten berührten Landschaften. Charakteristisch für den Deutschtiroler ist die kurze Lodenjoppe. Die Beinkleider sind, wo man noch an alter Tracht festhält, kurz; sie reichen nur bis unter das Knie, sind bei den Wohlhabenderen von Leder, bei Ärmeren von braunem Loden. Unter dem Knie beginnen Strümpfe, weiß oder grau; die Füße stecken in starken Schuhen, die den Knöchel frei lassen. Barfüßig oder in Holzschuhen sieht man den Tiroler kaum; das leidet sein Boden nicht. Die örtlichen Unterschiede machen sich zumeist an den Hüten geltend. Der Tuxer trägt einen anderen Hut als der Zillerthaler, und der Pusterthaler bedeckt sein Haupt mit etwas anderem als der Passeirer (Abb. 20 bis 24). Am schärfsten ausgeprägt ist die Volkstracht noch um Meran, im Sarnthal, in den nördlichen Seitenschlünden des Pusterthales (Abb. 25 bis 29). Namentlich in der Umgebung von Meran sieht man noch jene behäbigen Männer mit den breitkrempigen Spitzhüten, den breiten farbigen Hosenträgern und schneeweißen Kniestrümpfen. Für die Erhaltung der männlichen Volkstracht ist das Schützenwesen von Bedeutung (Abb. 30). Die in den größeren Thälern gebildeten Schützencompagnien konnten keine praktischere und kleidsamere Uniform finden, als die alte Volkstracht; dadurch ist die letztere zum Ehrenkleid geworden und in dauernden Zusammenhang gebracht mit der vom Tiroler so sehr geliebten Waffe. Die Männertrachten der einzelnen Thäler sieht man daher am besten bei Festlichkeiten, wenn die Schützencompagnien ausrücken. Da sieht man auch, daß zur Landestracht außer Joppen, Kniehosen und Strümpfen auch ein silberbordierter Brustfleck (statt der Weste) und ein gestickter breiter Ledergürtel gehören.

Auch bei der Frauentracht sind die Kopfbedeckungen von Thal zu Thal verschieden: es sind bald spitzige, bald cylinderförmige hohe Hüte, bald niedrige Hütchen mit runden Köpfen, bald unförmliche Filzhauben, die auch dem schönsten Gesicht nicht zur Zierde gereichen (Abb. 31 bis 37). Charakteristisch ist das Mieder, das beim Festschmuck aus schwarzem Stoffe, oft aus Sammet und mit silbernen Ketten verschnürt ist; das Werktagsmieder besteht aus dunklem festen Stoffe, aus dem die faltigen Hemdärmel hervorquellen. Statt der Mieder oder über denselben werden auch kurze eng anliegende Jäckchen getragen. Wo die Ärmel nur bis zum Ellenbogen reichen, ist der Unterarm nicht selten mit einem sammetnen oder wollenen Halbärmel bekleidet, einem sehr kleidsamen Stück des Frauengewandes. Die Röcke sind überall, wie es zum Arbeiten und Bergsteigen gehört, kurz, von festen Stoffen. Zum Frauengewande gehört auch gern ein buntfarbiges seidenes Halstuch.

Sobald man den Boden Welschtirols betritt, hört überhaupt jede Nationaltracht auf. Da sieht auch der Landbewohner aus wie ein städtischer Proletarier. Die Männer in Welschtirol tragen mit Vorliebe groß karrierte Anzüge billigster Herkunft, die, wenn sie einigermaßen abgetragen sind, unglaublich zerlumpt aussehen, dazu zerdrückte Filzhüte oder Strohhüte vom dürftigsten Aussehen. Häufig sieht man bei den Männern auch Anzüge von schäbigem ordinären Sammet. Die Frauen Welschtirols, die meistens spärlich gewaschen und schlecht frisiert sind, würden in ihren Werktagsgewändern kaum anzuschauen sein, wenn ihnen nicht das göttliche Erbteil schön geschnittener Gesichter, feuriger Augen und graziöser Bewegungen geblieben wäre. Armut, zahlreiche Kinder und Arbeitsbürde drücken hier die äußere Erscheinung des schönen Geschlechts, das lernen muß, sich zu vernachlässigen. Manche Thäler machen anmutige Ausnahmen.

Die Volksnahrung ist höchst ungleichartig, je nachdem es sich um die Kost in den fruchtbaren Hauptthälern oder in den entlegeneren Hochgebirgsdörfern, in Bauernhäusern oder in Sennhütten handelt. Selbst wenn wir von den vortrefflichen Tischen der Bozener Stadtbürger absehen und bloß bei der Nahrung der eigentlichen Landbevölkerung bleiben, finden wir Gegensätze von einer fast üppig zu nennenden Ernährungsweise bis zu einer staunenswerten Bedürfnislosigkeit. In den Bauernhäusern des gesegneten Burggrafenamts (Umgebung von Meran) wird täglich dreimal warm gegessen; und in den Zwischenzeiten gibt es noch Wein und Brot. Da fängt man des Morgens mit einem kräftigen Frühstück, aus Brennsuppe und Milchbrei bestehend, an, hat vormittags (Halbmittag) Wein und Brot; mittags die beliebten mannesfaustgroßen Tiroler Knödel und dazu ein Gericht von frischem oder geräuchertem Fleische, nachmittags die „Marend“, d. h. Wein und Brot, bei schwerer Arbeit auch Käse; und abends wieder eine dicke, kräftige, reichlich mit Fleisch versehene Suppe. Dabei kann der Mensch bestehen und seine Kraft erhalten. Und selbst an Fasttagen hat man nicht bloß vortreffliche Mehlspeisen, sondern auch Delikatessen, insbesondere marinierten Aal, der in den Bauernhöfen des Burggrafenamts in staunenswerten Mengen vertilgt wird.

Ungleich bescheidener lebt man freilich in den braunen Holzhäusern der entlegenen Seitenthäler, wo auf dem Bauerntische das Fleisch um so seltener wird, je höher man in den Thälern hinaufsteigt. Und das Hirtenvolk droben auf den Almen hat vollends eine Nahrung, die nur eiserne und bedürfnislose Naturen vertragen: steinhartes Brot, einen für Städter kaum genießbaren grünlichen Käse aus Schaf- oder Ziegenmilch, und vielleicht einmal im Tage eine schwere, grobe Mehlspeise. Getrunken wird dazu das trübe eiskalte Wasser des Gletscherbaches.

Gewisse Nahrungsmittel aber kennt man in ganz Tirol, vom reichsten Bauern bis in die ärmste Hütte hinauf. Dahin gehören die Knödel: holperige massive Kugeln aus Mehl, Milch, Brot und Eiern, in Wasser gekocht. Sie werden mit Kraut oder gedörrtem Obst genossen. Ebenso allgemein verbreitet ist das „Geselchte“: geräuchertes Fleisch, das in allerhand phantastischen Formen im Rauchfang des Tiroler Bauernhauses hängt, bis es auf den Tisch des Hauses herabgeholt wird; schmackhaft und kräftig, wenn es vom Rind oder Schweine stammt, aber für jeden Nichttiroler ein Grauen, wenn es als „Böckernes“ seinen Ursprung der gehörnten Ziege oder gar deren bärtigem Gemahl verdankt.

In Welschtirol macht man nicht so viel Umstände mit der Nahrung als in Deutschtirol. Dort ist das gewöhnliche, ja fast einzige Nahrungsmittel die Polenta, jener dicke, geschmacklose Brei aus Maismehl, der in großen Mengen verschluckt werden muß, um nur überhaupt den Menschen bei Kraft zu erhalten. Der wohlhabende Südtiroler und der Fremde erhält dagegen zu mäßigen Preisen einen gut bereiteten und mannigfaltigen Tisch, dem der feurige Wein aus dem unteren Etschlande und die zarten Früchte, die den Nachtisch bilden (das Giardinetto), noch besonderen Reiz verleihen.

[Sidenote: Hausbau.]

Das Tiroler Bauernhaus ist aus Stein oder aus Holz, oft aus beidem. Die örtliche Bausitte nimmt eben, was sie findet. In den größeren Thaltiefen ist meist der Steinbau vorherrschend, besonders an der vorderen Hälfte des Hauses, die den Menschen zum Aufenthalte dient, während die Rückseite, die Stall und Scheune enthält, auch hier häufig aus Holz erbaut ist. Gemeinsam haben die steinernen und die hölzernen Häuser die Kleinheit ihrer Fenster und das flache, weit vorspringende Dach, das mit Schindeln belegt ist. Diese sind meist nicht festgenagelt, sondern durch steinbelastete Stangen festgehalten. Die steinernen Häuser haben häufig runde oder eckige Erker, die manchmal nur einem, manchmal mehreren Geschossen angehören. Nicht selten liegt die Eingangsthüre erhöht; dann führt eine Freitreppe mit alten Eisengeländern zu ihr empor. Die holzgezimmerten Häuser sind aus vierkantigen Balken, meist von Lärchen- oder Zirbenholz, welches im Alter eine prächtige feurigbraune Farbe gewinnt. Sie sind häufig mit Balkonen versehen, die um eine oder um mehrere Seiten des Hauses laufen, und mit Schnitzwerk verziert. Solcher Zierat ist freilich am reichsten an den behäbigeren Häusern der großen wohnlichen Thäler; seltener oder verschwindend in den ärmeren Hochthälern und nie so kunstvoll wie etwa an den stolzen Gehöften, die man im Berner Oberlande zu sehen bekommt. Die Gegensätze, die in Tirol die menschlichen Wohnungen aufweisen, sind recht groß; denn wenn manche Bauernhäuser im Unterinnthale oder im Meraner Burggrafenamt den Eindruck von lachenden Burgen des Wohlstandes machen, kann man dafür in den altersbraunen Holzhüttchen von Prägraten oder Pfelders oder in den trostlosen Steinhöhlen, die auf dem Reschenscheideck liegen, Wohnstätten erkennen, in welchen wohl nur äußerste Bedürfnislosigkeit zu hausen vermag (Abb. 38 bis 47).

So sind auch Hausgärten und Blumenschmuck nur in den tieferen Thälern zu finden. Im Innthale nicken rote Nelken von allen Balkonen, und aus den kleinen Bauerngärten schimmern Sonnenblumen und Rittersporn. Droben im Ötzthal und in den Tauerndörfern grüßt uns kaum eine Blume mehr; die Menschen, die da droben hausen, haben zu hart um ihr Dasein zu ringen, als daß sie noch an solchen Schmuck desselben denken könnten.

[Sidenote: Besiedelung.]