Part 4
Die Jagd ist in Tirol nicht bedeutend. Sie war so lange frei gegeben, und die Tiroler waren stets so gute Schützen, daß das jagdbare Wild recht zusammengeschmolzen ist. Noch gibt es in den höchsten Steinwildnissen Gemsen und Murmeltiere, Adler, Geier, Stein- und Schneehühner; auch wandert wohl alle zehn Jahre einmal ein Bär aus den Wäldern Graubündens nach Tirol herein. Aber der eigene Waldgürtel Tirols ist arm an Jagdwild, mit Ausnahme jener Thäler, wo sorgfältig gehegt wird, wie etwa in einzelnen Seitenschluchten des Zillerthales oder im Karwendelgebirge. An der Nordgrenze, die sich an die wildreichen bayerischen Staatsforsten lehnt, blüht die Jagd noch am lustigsten; und die Tiroler Wildschützen streifen wohl nicht selten auf bayerischen Jagdgrund hinüber. Sie sind aber gutartiger als die vom Nachbarlande; jene todbringenden Zweikämpfe zwischen Wilderern und Jägern, die in Bayern an der Tagesordnung sind, kommen in Tirol nicht vor. Jene ausgedehnten, mancherorts äußerst selten betretenen Steingefilde, welche zwischen der Grasregion und der ewigen Schneeregion liegen, sind die Heimat zahlreicher Schnee- und Steinhühner, die auf den Tiroler Tischen sehr häufig zu finden sind. Auch die Schneelerche läßt in den Gletscherhöhen noch einsam ihre zarten Triller erschallen; in den Trümmern der alten Burgen und in den Klüften der tieferen Thäler nisten zahlreiche Uhus, in Tirol Buhin genannt. Um die höchsten Felstürme und Eisgrate tummelt sich noch in kleinen Schwärmen die Alpenkrähe, deren goldgelbe Füßchen oft im Schnee ihre Spuren lassen; aber die stolzesten Bewohner der wilden Höhe sind der Steinadler und der Lämmergeier oder Gemsgeier. Die Gewässer Tirols sind nicht sehr fischreich; doch finden sich häufig in den kleinen Hochseen und in den weniger wilden Abschnitten der Thalbäche die edelsten Süßwasserfische: der Saibling und die Steinforelle, die auch mit zu den regelmäßigen Leckerbissen der Tiroler Tafel gehören. Die Mannigfaltigkeit der Insekten ist bei der großen Verschiedenheit der Pflanzenwelt erklärlich, namentlich in Südtirol, wo auch Spinnentiere vorkommen, die in Deutschland völlig fremd sind, wie der Skorpion. Weit verbreitet ist in den sonnseitigen Einzelgehöften die Bienenzucht.
Während in Deutschtirol der kleine Singvogel unbehelligt seine Lieder zwitschert, sieht man in den südlicheren Teilen Welschtirols überall die verabscheuungswürdigen Anstalten zum Fang der armen Vögel. Dieser grausame und herzlose Sport vergällt dem Deutschen jeden Spaziergang an den herrlichen Ufern des Gardasees.
~IV.~
Geschichtliche Übersicht.
[Sidenote: Älteste Geschichte Tirols.]
Die Geschichtsforschung hat über die Urbewohner Tirols widerstreitende Ansichten aufgestellt, die aber doch darin übereinstimmen, daß vor der jetzigen Bevölkerung ganz Tirol vom Stamme der Rhätier oder Rhasener, der den Etruskern verwandt war, besiedelt gewesen sei.
Frühzeitig schon hatten die Römer den eroberungslustigen Blick auf Südtirol gerichtet; aber erst im Jahre 36 v. Chr. konnte der Konsul Munatius Plancus das Trentino erobern, und im Jahre 12 v. Chr. drangen Drusus und Tiberius mit ihren Legionen bis in das Innthal vor. Die Kolonisation begann; Tridentum, Pons Drusi (Bozen), Sabiona (Säben), Vipitenum (Sterzing), Matrejum (Matrei) und Veldidena (Innsbruck) wurden Festungen und Pflanzstädte, durch Heerstraßen mit Italien und, über Scharnitz und Partenkirchen, auch mit Augusta Vindelicorum (Augsburg) verbunden. Von Sterzing führte auch eine wichtige Heerstraße über Loncium (Lienz) nach Aquileja; eine andere von Veldidena durch das Innthal herab nach den Kolonialstädten Bojodurum (Passau) und Laureacum (Lorch). Schon frühzeitig läßt die Legende Südtirol christlich werden; nachweisbar aber ist das Eindringen des Christentumes erst gegen das Ende der Römerherrschaft, im ~IV.~ und ~V.~ Jahrhundert.
[Sidenote: Tirol bis ins ~XI~. Jahrhundert.]
Den Sturm der Völkerwanderung konnten die Bergwälle des Landes nicht aufhalten. Wie schon frühzeitig, wenn auch nur vorübergehend, die Cimbern durch Tirol bis nach Italien vorgedrungen waren, so fielen im ~III.~ Jahrhundert, von Nordwesten her, die Alemannen in das Land. Nach dem Sturze der Römerherrschaft wurde Rhätien eine Provinz des Gotenreiches unter König Theoderich; aus seiner Zeit rühren noch zum Teile die alten Mauerwerke von Trient her. Nach dem Untergange der glanzvollen, aber kurzen Gotenherrschaft verklingt auch der Name Rhätien; das Land wird die Beute zweier Germanenstämme: der Longobarden, die von Süden her das jetzige Welschtirol in Besitz nahmen, und der Bajuwarier, die von Norden aus das jetzige Deutschtirol, bis in die Gegend von Bozen, zu ihrem Eigentume machten. Die Longobarden gaben rasch ihre germanische Stammeseigentümlichkeit auf; sie wurden verwelscht; die Bajuwarier aber verbreiteten deutsche Mundart und Sitte im größten Teil des Landes, nur im Westen mit den stammesverwandten Alemannen rivalisierend. Das währte während der Herrschaft der Agilolfinger in Bayern. In dieser Zeit gelang es dem kriegerischen Herzog Tassilo ~II.~ nicht nur, die am Anfange des ~VII.~ Jahrhunderts an der Drau bis in das Pusterthal vorgedrungenen Südslaven zurückzuwerfen, sondern noch das benachbarte Kärntnerland seinem bayerischen Herzogtume einzufügen.
Karls des Großen Staats- und Kriegskunst zertrümmerte das Reich der Longobarden und jenes der Bayernherzoge. Tirol zerfiel zunächst in eine Anzahl von Grafschaften, die von Grafen verwaltet wurden. Sie gehörten zum Herzogtume Bayern, das aber zunächst nicht mehr von einer eigenen Dynastie, sondern von den Karolingern regiert ward. In Trient dagegen ward im Jahre 1027 der dortige Bischof politischer Herrscher und deutscher Reichsfürst; seine Stellung als solcher wurde durch Kaiser Barbarossa gefestigt und gesichert.
Unter den schwächeren Nachfolgern Karls des Großen gelang es indessen in Tirol dem dortigen Adel, sich rasch eine größere politische Gewalt und Selbständigkeit zu verschaffen. Namentlich waren es die mächtigen Geschlechter der Grafen von Tirol, von Eppan und von Andechs, die nach und nach den größten Teil des Landes unter ihre Herrschaft brachten.
[Sidenote: Besitz der Bischöfe.]
Für die Deutschen Kaiser mußte Tirol, als kürzester und bequemster Durchgang nach Italien, wertvoll sein. Ihnen mußte daran gelegen sein, die Alpenthäler in ganz zuverlässige Hände zu bringen. Die sächsischen und fränkischen Kaiser suchten sich als politische Stützen namentlich die Bischöfe. So Konrad ~II.~ den Bischof von Trient, dem er die Grafschaften Trient, Bozen und Vintschgau verlieh; Heinrich ~IV.~ den Bischof von Brixen, dessen Besitzungen, mit denen ihn der Kaiser belehnte, von Klausen über den Brenner bis ins Unterinnthal und durch das Pusterthal bis zur Freisingschen Herrschaft Innichen reichten.
[Sidenote: Tirol im ~XII.~ Jahrhundert.]
Die Tiroler Bischöfe aber behielten diese Gebiete nicht lang in eigener Verwaltung, sondern belehnten mit denselben weltliche Große. So in Südtirol ein mächtiges, dem Welfenhause verwandtes Geschlecht, das seit 1116 unter dem Namen der Grafen von Eppan auftrat und bald eine Stellung errang, die weit über die von bischöflichen Beamten hinausging. Größere Bedeutung noch gewannen die Grafen von Tirol. Sie stammen vermutlich von Adalbert, einem ehemaligen Dienstmann des Hochstiftes Brixen, der mit ausgedehnten bischöflichen Ländereien belehnt ward und dessen Söhne Albert und Berthold seit 1140 sich Grafen von Tirol nannten. Albert von Tirol war’s, der im Jahre 1158 den Feldzug des Kaisers nach der Lombardei mitmachte und, ungepanzert, nur mit Schild und Speer bewehrt, im Zweikampf einen mailändischen Ritter niederwarf.
[Sidenote: Tirol im ~XIII.~ und ~XIV.~ Jahrhundert.]
Die Grafen von Andechs, vordem von Dießen und Wolfratshausen benannt, ein mächtiges bayerisches Rittergeschlecht, erhielten 1165 vom Bischofe von Brixen ausgedehnte Grafschaften im Pusterthal und Unterinnthal zum Lehen. Die Besitzungen der Andechser reichten bald aus Franken und von Passau bis nach Istrien und Krain, sieben reiche Grafschaften. So waren bis zum ~XIII.~ Jahrhundert die meisten Tiroler Grafschaften in den Händen der Grafen von Tirol und der Grafen von Andechs vereint. Und als der Mannesstamm der Andechser im Jahre 1248 ausstarb, gelang es dem thatkräftigen Grafen Albert von Tirol, teils mit geharnischter Faust, teils durch diplomatische Schachzüge, so ziemlich den größten Teil des heutigen Landes Tirol seiner Herrschaft zu unterwerfen. Alberts Schwiegersöhne, die Grafen von Hirschberg und von Görz, teilten nach seinem Tode das Land; aber dem Sohne des letzteren, Meinhard ~II.~ von Görz, gelang es, das Ganze wieder in seiner Hand zu vereinen. Dieser einsichtsvolle und thatkräftige Herrscher, der auch im Jahre 1286 mit dem Herzogtum Kärnten belehnt ward, wurde der erste Landesfürst in Tirol. Seine Enkelin, Margareta, die Maultasche zubenannt, wurde für die Geschichte Tirols entscheidend, indem sie nach mannigfachen Schicksalen, kinderlos, Land und Herrschaft an ihren österreichischen Vetter, Herzog Rudolph ~IV.~, abtrat (im Jahre 1363).
So war Tirol an das Haus Habsburg gekommen. Rudolfs ~IV.~ Erbe ward sein Bruder Leopold und, als derselbe in der Schlacht bei Sempach 1386 gefallen war, dessen jüngster Sohn, Herzog Friedrich mit der leeren Tasche: eine der lichtesten und edelsten Erscheinungen seiner Zeit. Schon am Anfange seiner Herrschaft ein entschiedener Freund von Bürger und Bauer gegenüber dem Adel, ward er von schweren Schicksalen heimgesucht, als er wegen seines Verhaltens auf dem Konzil zu Konstanz in die Reichsacht fiel und eingekerkert ward, aus dem Kerker entfloh, auf den Rofner Höfen im Ötzthal Zuflucht fand, bis er, der Treue seines Volkes sicher, in Landeck seine Verkleidung von sich werfen und unter seine Tiroler treten konnte, die ihn jauchzend empfingen. Als endlich Reichsacht und Kirchenbann von ihm genommen waren, schuf er durch den Erlaß der landständischen Verfassung Tirols, den Fürsten des Mittelalters um Jahrhunderte voraus, seinem Volk einen freien Bauern- und Bürgerstand. Die ganze heldenhafte Treue, die das Volk der Tiroler späterhin seinen Herrschern erwies, ist wohl zum größten Teile herausgewachsen aus dem Verhältnis, das unter Herzog Friedrich zwischen Fürst und Volk entstand.
[Sidenote: Tirol vom ~XVI.~ bis ~XVIII.~ Jahrhundert.]
Friedrichs kinderloser Sohn Sigismund trat die Herrschaft über Tirol an seinen Vetter, den nachmaligen Kaiser Maximilian ~I.~, ab. Dieser liebte das Land, verbesserte dessen Verwaltung und Wehrverfassung und vergrößerte es durch Hinzufügung des Pusterthales aus der Erbschaft der Grafen von Görz; ferner durch die Herrschaften von Kufstein, Rattenberg und Kitzbühel, die ihm von den bayerischen Herzogen abgetreten wurden; ein siegreich gegen die Venetianer 1508–1513 geführter Krieg vermehrte das Land um südtirolischen Besitz: insbesondere Riva, Rovereto, Peutelstein und Ampezzo.
Maximilians Enkel, Kaiser Karl ~V.~, brachte dem Lande weniger Segen. Er überließ die Regierung von Tirol und den österreichischen Erbländern seinem Bruder Ferdinand ~I~. Als während des Schmalkaldischen Krieges Karl in Innsbruck weilte und seine Gegner über die Ehrenberger Klause in Tirol eingefallen waren, war der Kaiser genötigt, durchs Pusterthal nach Kärnten zu entfliehen. Unter Ferdinands Herrschaft hatte auch die Reformationsbewegung angefangen, in Tirol ihre Wellen zu schlagen; Kirchen- und socialpolitische Bewegungen wurden aber im Keim erstickt. Ferdinands Nachfolger ward dessen Sohn, Ferdinand ~II.~, seit 1563. Er unterdrückte die Reste der reformatorischen Bewegung, ließ die Jesuiten in Tirol ein und gestaltete die Verfassung des Landes um. Mit seiner durch ihre Schönheit berühmten Gemahlin, Philippine Welser (Abb. 19), einer Augsburger Patricierstochter, die er zuerst in heimlicher Ehe geheiratet hatte, residierte er zumeist auf Schloß Ambras bei Innsbruck.
Unter den späteren Herrschern Tirols aus dem Hause Österreich gerät die Geschichte des Landes in ruhigen Fluß; Zwistigkeiten der Landesherren mit den Bischöfen, mit den unruhigen Italienern im Süden und den Graubündnern im Westen hören auf. Seit 1665 hat Tirol keine eigenen Landesherren mehr, sondern ist Bestandteil der österreichischen Länder.
Erst im Jahre 1703, während des spanischen Erbfolgekrieges, tritt Tirol wieder in den Rahmen der Weltereignisse. Der zum Kampfe gegen Österreich mit den Franzosen verbündete bayerische Kurfürst Max Emanuel war über Kufstein und über Ehrenberg in Tirol eingefallen und hatte sich Innsbrucks bemächtigt, während Marschall Vendome aus Südtirol vordringen sollte. Da erhob sich wie ein Löwe der Tiroler Landsturm, warf die Bayern auf dem Brenner und im Innthal aus ihren Stellungen, vernichtete an der Pontlatzer Brücke eine bayerische Abteilung in mörderischem Kampfe und zwang den Kurfürsten zum Rückzug. Auch Vendome, der vergeblich Trient belagerte, mußte sich zurückziehen.
Tiefe Ruhe kehrte wieder in Tirol ein, das sich in der Folgezeit den Reformversuchen Kaiser Josephs ~II.~ völlig abgeneigt erwies.
Den ganzen Heldenmut und die unvergleichliche Treue der Tiroler aber sehen wir wieder während der Napoleonischen Kriege erwachen. Das geschah schon im Jahre 1797, als in der Schlacht von Spinges der Tiroler Landsturm ein französisches Heer unter General Joubert in die Flucht geschlagen hatte. Aber das Größere sollte erst zwölf Jahre später kommen.
[Sidenote: Tiroler Unabhängigkeitskampf.]
Im Jahre 1805 war Tirol durch den für Oesterreich so unglücklichen Preßburger Frieden an Bayern abgetreten worden; bayerische Behörden hatten die Verwaltung übernommen. Mancherlei Maßregeln der bayerischen Regierung standen im Widerspruch mit den alten Gewohnheiten des Volkes, dessen religiöser Eifer auch durch seine Geistlichen gegen die aufgedrungene Herrschaft entflammt ward. So konnten, als im Jahre 1809 der Krieg zwischen Österreich und Napoleon wieder ausbrach, in Tirol sofort die Flammen des Aufstandes hoch emporschlagen. Andreas Hofer, der Sandwirt von Passeier (Abb. 17 u. 18), ward zum begeisterten Führer der Tiroler Landesverteidiger, Joseph Speckbacher, ein Bauer aus Rinn im Unterinnthal, zum geistigen Leiter der kriegerischen Thaten, dessen Adlerblick und verwegener Mut die schwersten Situationen beherrschte. Der Kapuziner Haspinger half mit entflammender Rede. Im Pusterthal entbrannte der Aufstand zuerst; dort ward schon im April eine kleine bayerische Abteilung zurückgedrängt nach Sterzing, wo sie von Hofer gefangen ward. Am 12. April ward die Besatzung von Innsbruck durch Speckbacher überwältigt; die Hauptmacht der Bayern und Franzosen, die sich, 4600 Mann stark, über den Brenner gegen Innsbruck zurückgezogen hatte, mußte bei Wilten kapitulieren.
[Sidenote: Tirols Befreiung.]
So war Tirol wiederum frei. Aber nur für kurze Zeit. Schon im Mai brach der bayerische General Wrede wiederum in Tirol ein, erkämpfte sich den tapfer verteidigten Paß Strub an der Salzburg-Tiroler Grenze, schlug die Tiroler bei Wörgl und bemächtigte sich Innsbrucks. Indessen hatte sich am Berge Isel der Tiroler Landsturm versammelt; wiederum kam es hier zur Schlacht, und abermals wurden die Bayern geschlagen und zum Rückzug aus Tirol gezwungen. Nur Kufstein, aufs tapferste verteidigt, blieb in ihren Händen. In Südtirol hatte eine österreichische Heeresabteilung die Franzosen vertrieben.
Aber nur kurze Zeit währte dies. Österreich hatte nach der unglücklichen Schlacht bei Wagram seine Truppen aus Tirol zurückgezogen und die Tiroler zur Ruhe aufgefordert, Napoleon den Marschall Lefebvre mit einem 50000 Mann starken bayerisch-sächsisch-französischen Heer nach Tirol geschickt. Nordtirol war entwaffnet. Aber in Südtirol rief Andreas Hofer zum drittenmal den Landsturm auf, der die Truppen des Marschalls in wiederholten Gefechten, insbesondere in einer blutigen Schlacht an der Pontlatzer Brücke, wiederum zurückdrängte nach Innsbruck. Das war in den ersten Tagen des August. Am 13. August ward die dritte und größte Schlacht am Berge Isel geschlagen; die Tiroler blieben siegreich; der Marschall verließ mit seinem Heere das Land. Der Sandwirt von Passeier aber saß in der Hofburg zu Innsbruck und regierte das Land als Oberkommandant.
[Sidenote: Andreas Hofers Tod.]
Erst im Oktober rückte wieder eine bayerische Armee in Tirol ein und erfocht einen Sieg gegen Speckbacher bei Melleck. Aller Heldenmut des Landsturms war umsonst. Am 14. Oktober schloß Kaiser Franz mit Napoleon den Wiener Frieden; Tirol ward abermals an Bayern abgetreten. Nun verließ auch den Sandwirt die Widerstandskraft; er ließ am Berge Isel den Landsturm auseinander gehen, da die Franzosen mittlerweile auch durchs Pusterthal eingerückt waren, und nahm die von Eugen Beauharnais den Tirolern gebotene Amnestie an, während Speckbacher nach Österreich entfloh. Falsche Nachrichten von österreichischen Siegen und vom Einmarsch eines österreichischen Heeres aber täuschten den tapferen Hofer, der vom Passeierthale zum letztenmal seinen treuen Landsturm aufbot. Ein paar Häuflein fanden sich noch zusammen und errangen einige Erfolge gegen kleine französische Abteilungen im Süden. Aber die Kraft des Tiroler Volkes war doch zu sehr erschöpft; neue französische Truppen rückten ins Land; Hofer mußte die Waffen niederlegen und ins Gebirge fliehen. Verrat lieferte ihn in die Hände der Franzosen; und am 20. Februar 1810 ward er zu Mantua erschossen. Tirol blieb bayerisch.
In schweigendem Grimm erduldeten die Tiroler ihr Schicksal, bis im Jahre 1814 ihr Land nach dem Sturze Napoleons von Bayern an Österreich zurückgegeben ward. Das Volk von Tirol hatte während seines Befreiungskampfes viel Kraft verausgabt, vielleicht mehr, als es ohne Schaden für seine Zukunft ausgeben konnte. So war’s nicht zu verwundern, daß die mächtigen Fortschritte des ~XIX.~ Jahrhunderts in den einsamen Bergthälern nur langsam eindrangen, daß nach dem großen Kriege mancherlei schwer begreifliches Sektenwesen in den Köpfen der Unterinnthaler und Zillerthaler seinen Spuk zu treiben begann, daß die schlichten Bauern sich oft zu widerstandslos der Führung durch die Bureaukratie und die Geistlichkeit, und den eigenen althergebrachten Vorurteilen überließen. Und was am meisten in der jüngsten Geschichte Tirols zu beklagen ist: daß das deutsch-tirolische Volk nicht die Kraft besitzt, der fortwährenden Italianisierung Südtirols genügenden Widerstand entgegenzusetzen.
~V.~
Bevölkerung.
[Sidenote: Bestandteile der Bevölkerung.]
Die Bevölkerung Tirols besteht zum größten Teile aus den deutsch redenden Nachkommen des bayerischen Volksstammes, der sich während der Völkerwanderung Tirols bemächtigt hatte. Im Oberinnthal aber und in Vorarlberg ist die dortige durchaus deutsche Bevölkerung aus dem Stamme der Schwaben und Alemannen.
Unter dieser heutigen Schicht des Tiroler Volkstums erkennt man teils aus einzelnen Dialektformen und Ausdrücken, teils aus Orts- und Bergnamen Reste der früheren Volksunterlage: der Rhätier und der römischen Kolonisation, in einem kleinen östlichen Landstrich auch der vordem eingedrungenen Südslaven. So ist die Tiroler deutsche Mundart keine einheitliche. Sie fließt an der Nordgrenze vollständig mit der bayerischen, an der Ostgrenze mit der Salzburger und Kärntner Mundart zusammen, während sie in Vorarlberg an die der Ostschweiz anklingt. Vom nächstverwandten bayerischen Dialekt unterscheidet sich der Tiroler durch die tiefen, ihm eigenen Kehllaute. Von den Vokalen klingt das A häufig wie O, das E und I wie Ö und Ü; die Konsonanten rollen dem Tiroler wie aus tiefen Bergschlünden hervor.
[Sidenote: Sprache und Ortsnamen.]
Neben der deutsch redenden Bevölkerung gibt es in Tirol auch eine romanische und italienische. Die romanische (altromanische, ladinische) ist wohl auf römische Niederlassungen mit beigemischten rhätischen Elementen zurückzuführen; sie wohnt in den Thälern Gröden und Enneberg, im Thal des Avisio und des Cordevole. Ihre Sprache ist ein fast zur Unkenntlichkeit verwildertes Latein. Von der Gesamtbevölkerung haben 60 Prozent die deutsche, 40 Prozent die italienische oder ladinische Umgangssprache. Übrigens verstehen und sprechen in den ladinischen Thälern die Männer alle auch deutsch.
Im allgemeinen kann man den Satz gelten lassen, daß in Tirol die Sprachgrenze auch eine Grenze verschiedener Lebensformen und socialer Zustände bedeutet. Aber im einzelnen erleidet dieser Satz viele Ausnahmen. Insbesondere bilden die Ladiner in mancher Hinsicht Übergänge. Sprachlich sind sie den Deutschtirolern ebenso fremd, wie die Italiener; an Bauart, Ansiedelungs- und Wirtschaftsweise, äußerer Erscheinung, Nahrung und Kleidung haben sie mehr Ähnlichkeit mit den Deutschtirolern. Die Bau- und Ansiedelungsweise der Deutschtiroler reicht weiter nach Süden, als ihre Sprache.
Gemeinsam haben die deutschen und welschen Thäler, daß im allgemeinen Wohlstand und Annehmlichkeit des Daseins am bedeutendsten in den untersten Gegenden der Thäler sind und von da nach aufwärts stufenweise abnehmen, so daß die höchstgelegenen Ansiedelungen die ärmsten und rückständigsten sind. Von dieser Thatsache, die zu naturgemäß ist, gibt es nur wenig Ausnahmen, wie etwa die Rofner Höfe im Ötzthal. Aber die Armut und Einfachheit der höchsten Ansiedelungen ist sehr ungleichartig; in manchen Thälern wirkt sie edel und würdig, in anderen abschreckend und bettelhaft.