Thomas, der Leutpriester

Part 7

Chapter 73,676 wordsPublic domain

»Laßt uns beim Kindlein wachen, Ihm tausend Freuden machen; Wollt' Gott, wir könnten's loben Hier zeitlich und dort oben. O JEsulein süß, o JEsulein süß!«

Den beiden an der Krippe gefiel das Wiegen so wohl, daß sie gar nicht aufhören wollten, und erst durch einen Wink des Leutpriesters erinnert werden mußten, daß ihre Rolle aus sei. Kaum hatten sie sich entfernt, als auch schon ein schlanker, hübscher Knabe, als Hirte gekleidet, mit Tasche und Stab hinter dem Altar vorgewandert kam und sich umschaute, als suche er etwas. Jetzt gewahrte er das Kripplein, tat einen Freudensprung und lief darauf zu. Eine Weile stand er, darüber hingebeugt, in Anschauen und Anbetung versunken; dann wendete er sich den Kindern zu und sprach:

»Als ich bei meinen Schafen wacht', Ein Engel mir gute Zeitung bracht'. Des bin ich froh! froh! froh! +Benedicamus domino!+

Er sagt', es soll geboren sein Zu Bethlehem ein Kindelein. Das Kindlein lieg' in einem Stall, Sollt' doch die Welt erlösen all.

Als ich nun kam zum Stall hinein, Das Kind fand ich gewickelt ein. Das Kind die Augen zu mir wandt'; Mein Herz gab ich in Seine Hand.

Als ich wollt' heim, das Kind wollt' mit, Und wollt' von mir abscheiden nit; Es legt sich selbst an meine Brust Und macht mir da viel Herzenslust.

Den Schatz muß ich bewahren wohl, So bleibt mein Herz der Freuden voll. Des bin ich froh! froh! froh! +Benedicamus domino!+«

Als der Hirte wieder verschwand, begannen die Kinder zu singen:

»Das Heil der Welt, ein kleines Kind, Man jetzo hier auf Erden find't. Drum singen wir alle mit Schalle, Mit Fröhlichkeit, mit Innigkeit Dem Kindelein in Ewigkeit! O JEsu! O JEsu!

Gegrüßet seist Du, JEsus Christ, Der uns zum Heil geboren ist! Drum singen wir alle mit Schalle, Mit Fröhlichkeit, mit Innigkeit Dem Kindelein in Ewigkeit! O JEsu! O JEsu!«

Schon während des letzten Gesanges begannen die Kleinsten etwas unruhig zu werden, mochten auch wohl an die Füßlein frieren. Darum war's Zeit, daß nun noch das Beste kam. Die Kinder standen alle auf, bildeten, einander an den Händen fassend, eine lange Reihe, und zogen nun fröhlich in tanzendem Schritte beim Kripplein vorbei und rings um den Altar herum. Dabei sangen sie ganz lustig:

»Seid fröhlich und jubilieret JEsu, dem Messiä; Der die ganze Welt regieret, Ist ein Sohn Mariä, Und liegt im Krippelein Beim Ochsen und Eselein. Jauchzt und klinget, singt und springet! Aus der Höh', aus der Höh', aus der Höh' Ist gekommen Christ, das Söhnlein Mariä, Mariä, Mariä! Und hat von uns weggenommen Alles Weh, alles Weh, alles Weh! Hilf, daß wir bald zu Dir kommen, o Christe!«

Als sie zum zweitenmal hinter dem Altar hervorzogen, war indes vor der Krippe etwas Herrliches erschienen. Ein wunderschöner Engel stand da! Er trug ein langes schneeweißes Gewand und hatte goldene Flügel, die fast noch heller glänzten als die langen Locken, die ihm um die Schultern wallten. Ihm zu Füßen standen zwei große Körbe; einer war mit leckeren braunen Küchlein gefüllt, aus dem andern lachten den Kindern die schönsten rotbäckigen Aepfel entgegen. Mit heller, lieblicher Stimme sprach der Engel:

»Ihr Kinderlein, kommt all' herbei, Und füllet eure Händchen frei Mit Aepfeln aus dem Paradies, Mit feinen Küchlein, honigsüß!

Dann lernt auch wacker, bleibet fromm, Bis übers Jahr ich wiederkomm'; Bis uns der Heiland allzugleich Einführt ins goldne Himmelreich!«

Zuerst waren die Kinder sehr zaghaft, so daß keines wagte, sich dem Himmelsboten zu nahen. Endlich faßte der kleine Hans, des Leutpriesters Liebling, ein Herz, trippelte auf den Zehen heran, tat einen scheuen Blick ins holde Engelsangesicht, stopfte schnell zwei Küchlein vorn ins Wämschen, nahm in jede Hand einen Apfel und sprang flugs zurück an seinen Platz. »Fürcht' dich nicht«, flüsterte er seinem Nebenmännlein zu. »'s ist ein braver Engel! Mir ist, als hätt' ich ihn schon einmal im Traum gesehn!« Da wagte es auch der kleine Freund, und damit war der Bann gelöst. Immer noch etwas bange, aber sehr glücklich, zog die ganze Reihe langsam vorüber, um sich das himmlische Geschenk zu holen. Indes waren die Lichtlein an der Krippe verlöscht, und bei sanftem Orgelspiel verließ jung und alt die Kirche.

7. Der Verräter.

»Was einmal recht schön war, wird nimmer wieder so schön.« Dieses Sprichwort traf in bezug auf die Weihnachtsfeier nicht ein, da man im Kirchlein noch zweimal mit lieblichem Gesang das Kindel wiegte, und der Engel noch zweimal süße Gaben austeilte; das letztemal sogar Zuckerkringel, die der Goldschmied aus der Stadt geschickt. Eins der kleinen Mädchen fragte daheim die Mutter, ob wohl das gute Essen dran schuld sei, daß der Weihnachtsengel so gar groß geworden wäre.

»Vielleicht ist's heut ein anderer gewesen«, sprach die Frau.

»Nein, nein; es war derselbe! Ich hab' ihn gleich wiedererkannt an den freundlichen Augen und der holden Stimme!«

Ja, Annchen war sehr gewachsen und viel ernster geworden. Sie hüpfte und sprang nicht mehr so munter, wie damals bei der Hühnerjagd. Es wäre auch in dem langen Kleide, das sie nun trug, gar nicht recht gegangen. Ihr blondes Köpfchen war jetzt mit einer kleinen goldgestickten Haube geschmückt, und nicht selten hingen die Schlüssel zu Speisekammer und Keller an ihrem Gürtel, da sie von Frau Berta fleißig in den Geschäften des Haushaltes geübt ward.

Obgleich sie sich redlich bemühte, im Verkehr mit dem Vater die sonnige Heiterkeit zu zeigen, die ihm so wohl tat, lastete doch schwere Sorge auf ihrem jungen Herzen. Kam sie abends in ihr Stübchen, so saß sie oft noch lange am Fenster und schaute, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll zu dem schmalen Streifen Sternenhimmel empor, der zwischen den Giebeln der hohen Häuser sichtbar war. Ach, es war wohl gut, daß lieb Mütterlein dort oben geborgen war im ewigen Frieden, da hier unten Angst und Furcht herrschte vor etwas Schrecklichem, das früher oder später kommen mußte! Als ihr Verstand reifte, und ihr Gemüt tiefe Empfänglichkeit zeigte für das, was Pater Thomas sie lehrte, hatte ihr der Vater gesagt, daß dies das wahre, seligmachende Evangelium sei, während man in den Kirchen der Stadt die armen Seelen auf falschen Weg führe. Sie wußte nun, daß viele ihrer Mitbürger, Männer, Frauen, ja sogar Kinder um des wahren Glaubens willen eines grausamen Todes gestorben seien. Hatte auch die Verfolgung in den letzten Jahren ein wenig geruht, so stand zu erwarten, daß sie bald desto heftiger wieder ausbrechen werde. Während das liebreiche Mägdlein an sich selbst nur wenig dachte, zagte sein Herz um den teuren Vater und den geliebten Lehrer. Auch an Gottfried, dem sie herzlich zugetan war, dachte sie mit schwerer Sorge.

Ein bestimmter Abend in jeder Woche war besonders angstvoll für das Mägdlein. Da kamen im Schutz der Dunkelheit (von Straßenbeleuchtung wußte man damals noch nichts) einige wackere Männer ins Haus, dessen Tür der Vater selbst öffnete und sorgfältig wieder schloß. Leise stiegen sie die Treppe empor und verschwanden im großen Saale. Annchen wußte wohl, was sie dort trieben. Pater Thomas las mit ihnen die Bibel, die der Vater jetzt in der Landessprache besaß; auch wurden die Schriften Doktor Luthers eifrig studiert. Sehr leise mußte das wohl geschehen, da das Kind, als es einst, von unbestimmter Angst getrieben, ein wenig an der starken eichenen Tür lauschte, auch nicht das Geringste vernahm.

Der Winter war vergangen, und die Zeit des Umzugs nach dem Schlößlein nahte heran, doch konnte sich Annchen diesmal nicht so harmlos darauf freuen wie sonst. Ging doch auch Pater Thomas ernst und sorgenvoll einher. Wenn auch niemand offen davon sprach, so waren sich doch die Ernstgesinnten in seiner Gemeinde wohl bewußt, daß er, wenn auch noch zaghaft, die neue Lehre predigte, die von den Priestern in den Abgrund der Hölle verdammt ward. Auf der Kanzel tat er es zwar nur vorsichtig, bekannte sich aber in der Seelsorge desto freier dazu. Freilich ward nur eine kleine Schar ergriffen von der süßen Lehre des Evangeliums; bei der Menge ging eben alles zu einem Ohr hinein und zum andern wieder heraus. Jedenfalls dachte bis jetzt noch niemand daran, den stillen, freundlichen, wohltätigen Mann an die stolzen Klosterleute zu verraten. Es lebte sich ja so gut mit ihm! Und wenn man ihn einem grausamen Tode oder ewiger Gefangenschaft preisgäbe, was würde der Lohn sein? Man würde doch nur einen feisten, dummen, habgierigen Mönch zum Ersatz bekommen.

Trotzdem verrichtete Thomas sein Amt mit schwerem, angstvollem Herzen. Ach, er liebte seine Leute so sehr, die Großen wie die Kleinen; und es war ihm zumute wie einem Vater, der seine Kinder verlassen soll. Wenn ihn auch niemand anklagte, so durfte er doch nicht bleiben! Er hatte ja bisher noch die tägliche Messe gehalten, obgleich ihm immer klarer ward, daß sie ein Mißbrauch sei. Tat er aber das nicht mehr, so war er rettungslos verloren, wenn er nicht eilend entfloh. Dazu kam, daß ihn die gute Grete, so empfänglich sie sonst für die himmlische Wahrheit war, täglich mit Bitten bestürmte, diesen letzten Schritt noch ein wenig hinauszuschieben, nur noch ein ganz klein wenig!

Dagegen stärkte er sich an des Goldschmieds Mut. »Gott ist allmächtig; Er kann uns wohl hindurchretten«, sprach er. »Er kann auch des Kaisers Herz lenken, daß er die neue Lehre, die er in vielen deutschen Städten, ja in ganzen Ländern dulden muß, endlich auch hier freigibt. Er muß doch einmal erkennen, daß sie eine göttliche Kraft ist, der er nicht widerstehen kann. Laß uns nur immer fester werden in der Wahrheit! Will es Gott anders, nun, so sterben wir mutig und gehen ein zur himmlischen Herrlichkeit.«

Wo der Same des Wortes Gottes ausgestreut wird, fällt er immer auf verschiedenen Acker. So ging es auch im Freundeskreis des Leutpriesters. Die brave Frau Berta hatte im Anfang gern zugehört, wenn das Kind ihr die schönen biblischen Geschichten erzählte und so lieblich von himmlischen Dingen zu reden wußte. Auch Pater Thomas' Predigten gefielen ihr wohl; es war ja recht und nötig, die rohen Fischersleute zum Guten zu ermahnen. Als er aber anfing tiefer zu gehen, und Christum als den Sünderheiland darstellte, der alles, alles für uns getan und gelitten hat, zog sie sich mehr und mehr zurück. War doch ihr Leben eigentlich nichts anderes als eine Kette von guten Werken. Von Jugend auf war sie sittsam, ehrbar, fleißig und wohltätig gewesen. Niemand sollte ihr diesen Ruhm rauben, auch Pater Thomas nicht! Schwächen und kleine Fehler hatte man ja, aber dafür opferte man seine Gebete und ein schönes Stück Geld! Sünder gab's allerdings in der Welt, Räuber, Mörder, Ehebrecher, nichtsnutzige Faulpelze wie der Carlos! Für solche wäre des Leutpriesters Predigt passender gewesen, als für sie, die feine, ehrbare Matrone!

Und nun hielt eine Anzahl braver, angesehener Männer gar noch heimliche Versammlungen bei ihrem Herrn! Ja, sie kannte sogar den Raum, in dem die Verblendeten zusammenkamen; keinem war er sonst bekannt! Nimmermehr würde sie ihren guten Herrn verraten; aber es galt doch, sich beizeiten zurückzuziehen von einer so gefährlichen Sache. Vor Jahren hatte sie einmal selbst gesehen, wie man Ketzer gefangen fortführte, mit Stricken gebunden und einen Knebel im Munde! Wer weiß, wie bald es wieder so weit kommen würde!

Darum besuchte sie wieder regelmäßig die Messe in der Marienkirche und sorgte dafür, daß sie auch gesehen ward. Vielleicht wär's das beste, dem Goldschmied den Dienst aufzusagen! Lag doch im tiefsten Grund ihrer Truhe ein schwerer Beutel voll Geld, reichlich genug, sich zur Ruhe zu setzen. Wäre nur ihr Herzblatt, ihr Gottfried, mit ihr eines Sinnes gewesen! Aber ach, der ging durchs Feuer für die neue Lehre, für seinen Herrn und besonders für das Kind! Tag für Tag verstrich, ohne daß es zur Kündigung kam. Wer würde das Essen so kochen, wie es dem Herrn schmeckte? Wer würde Annchens schönes Haar so gut pflegen? Wer würde ihr den Hustentee zur rechten Zeit kochen? Ein klein wenig hatte sie doch die schwache Brust von der Mutter geerbt!

Indessen hatte die warme Frühlingssonne den damals ganz bodenlosen Schmutz der Landstraßen getrocknet. Der Himmel strahlte so heiter und blau; Gärten und Felder begannen zu grünen, und in der Stadt war gar keine Zeit zu ernsten, trüben Gedanken. Alles befand sich in freudiger Aufregung, da ein Besuch des Kaisers angemeldet war. Alsbald begannen die großartigsten Vorbereitungen. Auch an des Goldschmieds Hause sollte der glänzende Zug vorbeikommen, und Frau Berta hatte mit den Mägden alle Hände voll zu tun mit Vorrichten der Teppiche, die man auf die Gasse breiten, der seidenen Banner und Bänder, mit denen man die Fenster und besonders den schönen Erker schmücken wollte, von dem aus der Hausherr und sein holdes Töchterlein den glänzenden Zug betrachten wollten. Für Annchen ward ein Kleid von himmelblauem Sammet gefertigt, dessen geschlitzte Aermel weißen Atlas durchschauen ließen. Das Leibchen war zwar tief ausgeschnitten, aber Brust und Hals zierlich und züchtig mit weißem Atlas und kostbaren Spitzen verhüllt.

Freilich wurden diese heiteren Geschäfte durch häuslichen Verdruß etwas gestört. Carlos, der in der letzten Zeit immer unnützer, träger und hochmütiger geworden war, verschwand plötzlich ganz spurlos, nachdem ihm der Goldschmied einen wohlverdienten Verweis gegeben. »Wenn du dich nicht besser beträgst«, hatte er endlich gedroht, »werde ich dich während der Festtage in deiner Kammer einschließen, so daß du von der ganzen Herrlichkeit nichts zu sehen bekommst. Jahrelang trug ich dein wüstes Wesen mit Geduld; jetzt ist sie zu Ende.« Ein böser, wilder Blick aus den kohlschwarzen Augen des unnützen Burschen hatte den milden Herrn fast erschreckt, so daß er begütigend hinzufügte: »Du bist nun bald ein Mann; so lege doch endlich die kindischen Unarten ab! Raffe dich auf, sei fleißig und gehorsam, so will ich's noch einmal mit dir versuchen und dich wieder in die Werkstatt nehmen. Fährst du aber in deinem bösen Wesen fort, so ist deines Bleibens in meinem Hause nicht mehr lange.« Da ward des Jünglings Gesicht glühend rot, er ballte die Faust, wandte sich ab und verließ das Gemach. Am andern Morgen war er nirgends zu finden, und hatte keine andere Spur hinterlassen, als ein tiefes Loch in der Wand hinter seinem Bett. Im Grunde war man froh, ihn los zu sein, und fürchtete mehr als daß man hoffte, er werde nach den Festtagen, von Hunger getrieben, plötzlich wieder erscheinen.

Endlich erscholl von Gase zu Gasse der Ruf: »Der Kaiser kommt!« Das Wetter war günstig. Tiefblau wölbte sich der Himmel über der herrlich geschmückten Stadt. Auf den Balkonen und in den Erkern harrten reichgekleidete Patrizierfrauen und holde Mägdlein des Augenblicks, da sie dem Herrscher einen Gruß zurufen sollten. Schon längst waren ihm die geistlichen und weltlichen Häupter der Stadt in reichen, goldgestickten Gewändern auf prächtigen Rossen entgegengeritten.

Endlich, endlich nahte sich der glänzende Zug. Voran des Kaisers spanische Leibwache, ernst und streng, mit blanken Schwertern in den Händen. Dann das Geleit der Stadt, und endlich der Kaiser selbst auf schneeweißem Roß in kleidsamer spanischer Tracht. Ueber ihm und seinen nächsten Begleitern wölbte sich, von vornehmen Jünglingen getragen, ein reichgestickter Thronhimmel.

Karl V. stand jetzt im kräftigsten Mannesalter. Hoch und stattlich saß er zu Roß; seine großen, sonst sehr ernsten Augen blickten heute lebhaft und heiter umher, und der Mund, dessen etwas zu dicke Oberlippe der dichte Bart verbarg, lächelte freundlich zu dem Jubelruf der Menge, der ihn am Tor begrüßte und immer von neuem wiederholt ward. Hier war er ja in seinem eigenen Erbland, wo er selbständig regierte, ohne daß ihm irgend ein eigenwilliger Fürst hereinreden durfte. Hier war ihm auch die Dankbarkeit des Volkes gewiß, dessen Handel zu Wasser und zu Lande er kräftig schützte, und dessen Wohlfahrt er auf alle Weise förderte. Es war ja sein Heimatland, dessen Sprache ihm schon das Herz erwärmte.

Sein Begleiter zur Rechten, ein frischer niederländischer Edelmann, war offenbar in derselben heiteren Stimmung. Er machte den hohen Herrn hier und da aufmerksam auf ein neues Gebäude, einen schönen Brunnen, oder eine Gruppe edler Frauen, die ihn vom hohen Balkon herab begrüßte. Stets erhielt er eine heitere, wohl gar scherzhafte Antwort im treuherzigen niederländischen Dialekt.

Eine Weile hatte der hohe geistliche Würdenträger, der zur linken Seite ritt, dies harmlose Gespräch geduldet. Alle Kleiderpracht verschmähend, trug er nur die Ordenstracht der Dominikaner; doch hing auf seiner Brust an schwerer goldener Kette ein prachtvolles goldenes Kreuz, mit funkelnden Edelsteinen besetzt, das ihm der »heilige Vater« zum Lohn für seinen Eifer in Verfolgung der Ketzer verliehen. Seinem finsteren Wesen und seiner Verachtung des Volkes behagte es nicht, daß der Kaiser so leutselig um sich blickte; darum suchte er ihn in halblaut geführtes ernstes Gespräch zu ziehen, was ihm auch endlich gelang. Des Kaisers Blick verdüsterte sich, und seine Züge wurden streng und hart. Da flog plötzlich ein Kränzlein zarter, frischer Frühlingsblumen durch die Luft, und blieb, von geschickter Hand geworfen, an dem kostbaren Zaumschmuck des kaiserlichen Rosses hängen. Lächelnd löste er es und blickte empor. Da stand im weitgeöffneten Erkerfenster eines stattlichen Bürgerhauses ein gar liebliches Mägdlein, kaum dem Kindesalter entwachsen. Es trug ein himmelblaues Sammetkleid, mit weißem Atlas ausgeschmückt. »Heil, Heil dem Kaiser!« rief es mit glockenheller Stimme; der mächtige Herr aber nickte ihm freundlich zu und bewegte grüßend die Hand.

Als der düstere Nachbar gleich darauf sein Gemurmel wieder begann, wehrte der Kaiser ungeduldig ab. »Nicht jetzt!« sprach er halblaut. »Erst will ich mich dieses Kränzleins freuen, als eines Liebeszeichens meiner Niederländer.«

Die Lust und Freude, die sich während der nächsten Tage in der reichen Stadt entfaltete, war ganz unbeschreiblich. Die sonst so emsige Arbeit ruhte. Die Maschinen standen still, die Werkstätten waren geschlossen; arm und reich, vornehm und gering gab sich der Festfreude hin. Während die Patrizier einander in ihren Häusern köstlich bewirteten, suchte das Volk seine Lust gern auf den Gassen und freien Plätzen. Auf dem Markte briet man an großem Feuer einen ganzen fetten Ochsen, um ihn dann der Menge preiszugeben. Schier unerschöpflich ward roter und weißer Wein aus mächtigen Fässern gezapft; an die Kinder wurden Brezeln und Kuchen ausgeteilt. Von hohen Tribünen erklang heitere Musik; alles lachte, spielte, hüpfte, aß und trank nach Herzenslust. Selbst die Schiffe im Hafen hatten bunte Wimpel aufgezogen, und geschmückte Kähne schaukelten sich auf der Flut.

Der aber, um deswillen alles so sang und sprang und sich schmückte, durfte sich keineswegs ungestörter Freude hingeben. Die Verhandlungen und Berichte im Rathause verliefen in gutem Frieden. Wenn Karl V. schwere Steuern von seinen Niederländern verlangte, nun, so hatte er sich ein Recht dazu erworben, indem er ihnen immer neue Wege des Handels und Gewinnes öffnete. Darum gab man ihm willig, was er begehrte. Man konnte es auch, da der Reichtum des Landes, besonders der Stadt Antwerpen, damals fast unermeßlich war. Auch sonst herrschte gute Ordnung, Frieden, Fleiß und Treue unter der emsig tätigen Bevölkerung.

Dagegen hatten die Diener, oder vielmehr die Herren der Kirche viel zu klagen. Ach, die Ketzerei schlich zwar heimlich, aber doch mächtig durch die gute Stadt! Wohl waren Kirchen und Beichtstühle immer noch gefüllt mit gehorsamen, gläubigen Seelen, dennoch war ihre Zahl im Abnehmen, während sich doch die Bevölkerung der Stadt von Jahr zu Jahr mehrte. Wer sollte aber bei dem steten Ab- und Zuzug der Menge, zu Land und zu Wasser, die Schafe von den Böcken scheiden? Und welche Menge von ketzerischen Büchern und Schriften mochten die kühnen deutschen Kaufleute, die vielleicht heute kamen, um morgen wieder zu gehen, heimlich unter das Volk verbreiten? War es da nicht die höchste Zeit, durch die strengsten Gesetze und die emsigste Nachforschung diesem Uebel zu wehren? --

Obgleich Karl V. kein grausames Herz hatte, wie sein Sohn Philipp II., so war er doch ein strenger Herrscher, und dazu ein eifriger Anhänger der alten Kirche. Daß er die Ausbreitung der Reformation in so vielen deutschen Städten und Ländern nicht hindern konnte, da mächtige Fürsten ihr zufielen, war ihm im tiefsten Grunde zuwider. Desto mehr fühlte er sich verpflichtet, die neue Lehre in seinen Erbländern mit allen nur möglichen Mitteln im Keim zu ersticken. Redeten ihm doch die Priester ein, daß er damit ein gutes Werk tue, seine eigenen Sünden bedecke und den Himmel verdiene!

Fröhlich war er in die gute Stadt eingezogen; finster, schweren Herzens und ganz in der Stille verließ er sie wieder.

Das wackere Volk aber ahnte bis jetzt noch nichts von der schweren Gewitterwolke, die sich über ihm zusammenzog. Es ging, als die Freudentage vorüber waren, mit erneuter Lust an die Arbeit.

Der schlanke, blasse Bursche in guter, aber arg vernachlässigter Kleidung, der dort mißmutig einherschlenderte, schien zur Arbeit gar keine Lust zu haben. Mit wilder Gier hatte er sich von einem Genuß in den andern gestürzt, war fast immer berauscht gewesen, und bemerkte nun erst mit Schrecken, daß seine Barschaft bald zu Ende sei. Es war Carlos. Noch wirr im Kopf von dem ganz ungewohnten Genuß des Weines, voll Wut über die leichtsinnigen Gefährten, die ihm im Würfelspiel nicht nur sein Geld, sondern auch alle die kleinen Spielereien und Kostbarkeiten, die er heimlich entwendet, abgewonnen hatten, fühlte er sich ganz ratlos und elend. Betteln war in der wackeren Stadt nur den Krüppeln und Altersschwachen erlaubt; wenn er arbeiten sollte, hätte er ebensogut beim Goldschmied bleiben können! Stehlen war allzu gefährlich; es brachte zu jener Zeit an den Galgen!

Horch! Tönte da nicht die Stimme eines Ausrufers? Ja, dort stand er, einen langen Zettel in der Hand, in der Mitte einer schnell wachsenden Menge. Carlos eilte herbei und horchte gespannt. Was war es doch, das der Mann mit lauter Stimme vorlas? Warum malte sich auf den Gesichtern der Zuhörer teils bleicher Schrecken, teils heimlicher Triumph? Es war ein Gesetz, das im Namen des Kaisers alles Lesen reformatorischer Schriften, alle Versammlungen zu heimlicher Erbauung, alles Singen ketzerischer Lieder, ja sogar das Sprechen über die neue, verfluchte Lehre bei den grausamsten Strafen verbot. Wem aber Leute bekannt seien, die sich solcher Todsünden schuldig machten, der solle ja nicht zögern, sie seinem Beichtvater anzuzeigen. Es solle ihm, als ein verdienstlich Werk, reich belohnt werden.

Da auch die Priester in den Kirchen dies schreckliche Gesetz verkündeten, ward es bald in der ganzen großen Stadt bekannt, und machte auf die Bevölkerung, die sich in den letzten Tagen harmloser Freude hingegeben, einen furchtbaren Eindruck. War doch dadurch der Feindschaft, der Rachsucht und der Mißgunst Tor und Tür geöffnet! Wer durfte unter solchen Verhältnissen noch dem Freunde, dem Nachbar, dem Geschäftsteilhaber trauen? Ein unbedachtes Wort, ein Scherz, das Lesen einer Schrift, das Singen eines Liederverses konnte ins Verderben stürzen.