Part 8
Schwüle Stille herrschte auf den sonst so belebten Gassen. Viele Werkstätten blieben geschlossen, Fabriken stellten aus Mangel an Kräften die Arbeit ein; selbst auf der Börse stockte der gewohnte Verkehr. Dagegen verließen viele fleißige, ehrsame Bürger im Schutz der Dunkelheit die Stadt, von der mühsam erworbenen Habe nur so viel mit sich führend, als auf dem Saumroß oder auf dem Wäglein neben Weib und Kind Raum fand. Auch am Hafen mischten sich begüterte Familien unter die Schar der Fremden, die dort täglich auf und nieder wogte, um sich unbemerkt mit einzuschiffen nach irgend einem fernen Land, wo man auf Religionsfreiheit hoffen durfte.
Indessen ruhten die Feinde nicht. In besonders verdächtigen Häusern durchsuchten finstere Mönche jeden Kasten, jeden Winkel nach ketzerischen Büchern. Schon loderten auf öffentlichen Plätzen die Flammen, die sie verzehrten, während man die unglücklichen Eigentümer gefesselt in unterirdische Gefängnisse warf wie gemeine Verbrecher. Auch des Goldschmieds Haus hatte man durchsucht, aber nicht das geringste Verdächtige gefunden; und der kluge, hochbegabte Mann hatte so ruhig und geschickt auf alle Fragen geantwortet, daß man ihm nichts anhaben konnte. Da aber die Feinde mit drohenden, mißtrauischen Worten das Haus verlassen hatten, schickte er das Kind mit Frau Berta schleunig heraus ins Schlößlein. Weinend hing Annchen beim Abschied am Halse des Vaters, als könne sie sich kaum von ihm trennen. Er aber tröstete sie freundlich:
»Sei tapfer, mein Liebling! Ich hoffe, die Gefahr ist für diesmal vorüber. Dennoch glaube ich nicht, daß unseres Bleibens hier noch lange ist; nur noch einiges möchte ich ordnen um deinetwillen, mein Kind. Je ruhiger ich mein Geschäft fortführe, je offener ich mich zeige, desto weniger Verdacht wird man schöpfen. Aber höre! Sollte irgend etwas geschehen, das eilige Flucht nötig macht, so folge willig dem Boten, den ich dir sende, sei es bei Tag oder Nacht. Hier! Birg dies Beutelchen mit Goldstücken im Gewand und zeige es niemand, auch Frau Berta nicht. Sie ist verdrossen und übellaunisch, seit uns Gefahr droht. Weiber sind furchtsam! Du aber, Töchterlein, sei tapfer und treu! Hier, mein Sohn Gottfried, geleite das Kind hinaus und befiehl es Jungfer Grete zum besonderen Schutz. Dann aber kehre schleunig zurück; es gibt Arbeit für dich.«
Am nächsten Tage schlich Carlos behutsam durch die Gasse, an der das Haus des Goldschmieds stand. Ob er wohl geflohen war? »O, wenn er doch geflohen wäre!« rief eine leise Stimme in seinem Herzen. Aber nein! Die Werkstatt stand offen; die scharfen Augen des Spaniers erkannten ganz deutlich die hohe Gestalt seines guten Herrn, der emsig schreibend am Arbeitstisch saß, während Gottfried am Juwelenschrank zu schaffen hatte. »Nun wohl!« dachte der böse Bube. »Wenn du so kühn bist, deinem Schicksal zu trotzen, so soll es dich ereilen! O, der dumme Carlos ist klüger, als du denkst; er weiß dein Geheimnis! Mein letzter Pfennig ist vertan; die Zeit der Rache ist gekommen!«
Der finstere geistliche Herr, der neben dem Kaiser geritten, war nicht mit diesem wieder abgereist, sondern im Dominikanerkloster vor dem Stadttor geblieben, wo Thomas einst glückliche Schuljahre verlebt hatte. Seit dieser hohe Herr im Kloster weilte, waren die Mönche plötzlich sehr fromm geworden. Nichts von Behaglichkeit, nichts von Scherz, Spiel und losem Geschwätz war zu spüren; die leckeren Speisen und vollen Weinkrüge waren spurlos verschwunden. Jedermann wandelte mit niedergeschlagenen Augen einher, aufs allerstrengste die Ordensregel beobachtend. Dagegen strahlte die Kirche im reichsten Schmuck von Sammet und Seide, von goldenem und silbernem, mit funkelnden Edelsteinen besetzten Gerät. Herrliche, süße Gesänge erklangen vom Chor herab, und heute hörte der fremde Heilige selbst die Beichte.
Es dauerte geraume Zeit, ehe er die lange Reihe der Andächtigen abgefertigt hatte. Er gähnte mächtig in seinem seidenen Lehnstuhl, und war ganz und gar nicht befriedigt. Statt der vielen Anklagen auf Ketzerei, die er erwartet, waren nur zwei oder drei erfolgt. Der biedere, freundliche Charakter der Niederländer neigte wenig zum Verrat. Da nahte sich noch zuletzt ein blasser Jüngling in sehr vernachlässigter Kleidung. Er sah hungrig und übernächtig aus und schien in großer, innerer Erregung. Als er einige kindische Verfehlungen gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatte, bat er noch einmal um Gehör und sprach lange in wachsender Erregung. Der Priester gähnte nicht mehr, sondern horchte gespannt, und seine dunkeln Augen leuchteten unheimlich, wie die eines Raubtiers, das reiche Beute wittert. Die Gestalt des Jünglings aber zitterte wie im Fieber, und kalte Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, als er seinen Bericht zu Ende brachte:
»Ich ahnte schon längst, was da oben vorging, konnte aber lange nichts Sicheres entdecken. Einmal aber, es war im letzten Winter, hatte man des kalten Windes wegen die dichten Vorhänge zugezogen, und es gelang mir, unbemerkt hinter einen derselben zu schlüpfen. Zitternd stand ich, denn wehe mir, wenn man mich entdeckt hätte! Aber die heilige Jungfrau beschützte mich. Ganz harmlos sah ich sie hereinkommen, sechs an der Zahl, lauter vermögende, angesehene Männer. Zuletzt den Leutpriester Thomas, den Goldschmied und meinen untreuen Gefährten Gottfried. Einer nach dem andern verschwand in der Oeffnung; sie schloß sich, und bald hörte ich das leise murmelnde Geräusch, das mir aufgefallen war, als ich vor Jahren meinen Groschen suchte. Im Schutz der nächsten Nacht entdeckte ich die verborgene Feder, die den Raum erschließt, und bin bereit, als Führer zu dienen. -- Wie schwer es mir wird, ehrwürdiger Vater, den zu verraten, dessen Brot ich, wenn auch in Mühsal und Verachtung, gegessen habe, werdet Ihr mit mir fühlen. Aber der Gehorsam gegen die heilige Kirche -- --«
»Es ist genug, mein Sohn. Durch Schweigen hättest du dich schwer versündigt! Aber sage mir, weiß das Mägdlein von der Ketzerei?«
»Gewiß! Seit Jahren hat der Leutpriester ihre junge Seele vergiftet. Aber sie ist fast noch ein Kind! Wenn's möglich ist, gönnt ihr das Leben!«
»Wohl! Sie war es, die dem Kaiser das Kränzlein zuwarf; das soll sie retten. In strenger Zucht frommer Klosterschwestern kann ihre Seele wohl noch genesen. Du aber melde dich in der Gastherberge; Obdach und Nahrung soll dir nicht fehlen, bis das Werk vollbracht ist. Morgen abend sollst du es ausführen helfen. Gehe hin in Frieden!«
In Frieden! Ja, wenn er gesagt hätte, in Qual, Angst, Unruhe und Schrecken, da hätte er die Wahrheit gesprochen! Das gute Essen, das man Carlos in der Herberge reichte, verzehrte er gierig, da er sehr hungrig war. Den Tag über lungerte er in den Höfen umher, allerlei sehend und hörend, um es im nächsten Augenblick wieder zu vergessen. Zeitig warf er sich auf sein Lager, wälzte sich aber lange umher, ehe der Schlaf ihn umfing. Endlich machte sich die Erschöpfung geltend; die heißen Augen schlossen sich, und bald kam ein Traum geflogen aus ferner Vergangenheit. Ihm träumte, er sei noch ein kleiner Knabe, und säße mit Gottfried auf einem Bänkchen am Lehnstuhl von Annchens Mutter. In die Kissen zurückgelehnt, hielt sie ihr holdes Töchterchen auf dem Schoß und erzählte den lauschenden Kindern vom Leiden und Sterben des Heilandes. »Aber einer unter den zwölf Jüngern«, sprach sie, »hieß Judas, und er war ein Verräter!« Da schwand der Traum; Carlos fuhr vom Lager empor, und mit dem Schlaf war's vorbei. »Er war ein Verräter!« klang's um ihn her, wie von tausend Stimmen gerufen, die ganze, lange, dunkle Nacht! Nun, wenn nur erst alles vorüber war, wollte er diese Stimme schon zum Schweigen bringen. Fort, weit, weit fort wollte er, übers unermeßliche Meer nach den Inseln, wo es immer Sommer war, wo man ohne Arbeit reich ward und die Kinder des Landes unter die Füße trat! Von einem Genuß zum andern eilend würde er bald alles Vergangene vergessen. --
Am nächsten Abend ward es zeitig dunkel in der Stadt, da der Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt war, die, vom Sturme gejagt, in wilden, unheimlichen Gestalten einherflogen. Tiefe Stille herrschte auf den sonst so belebten Gassen. Kein fackeltragender Diener geleitete seine geputzte Herrschaft zu festlicher Mahlzeit; kein Mägdlein winkte der Nachbarin, um ihr in der Haustür ein Geheimnis mitzuteilen; kein Lautenspiel ertönte vom Balkon; kein junger Bursche stahl sich heimlich zur Weinschenke. Alles war totenstill, als läge ein Bann auf der Stadt.
Auch des Goldschmieds Haus lag in Ruhe und Dunkelheit. Gottfried, der noch in der Werkstatt beschäftigt war, hatte den schweren Laden vorgeschoben, so daß kein Schein seines Lämpchens auf die Gasse fiel. Die Fenster des Saales im Oberstock befanden sich auf der Rückseite des Hauses. Lautlos, in dichte Mäntel gehüllt, huschten drei Gestalten die Gasse entlang und verschwanden in der Haustür, die sich leise öffnete und schloß.
»Nur drei?« fragte der Goldschmied seine Gäste.
»Ja! Zwei unserer Brüder haben die Stadt verlassen; der dritte ist furchtsam, vielleicht gar wankend geworden. Auch wir halten's für besser, eine Zeitlang unsere Versammlungen einzustellen. Heute sind wir wohl noch sicher, da man dein Haus durchsucht hat. Ist Pater Thomas da?«
»Ja; treu und fest wie immer, beschämt er uns alle.«
Leise stiegen sie die Treppe hinauf und verschwanden im Saale.
Auch im verborgenen Gemach sprach man nur wenig und leise, denn schwerer Druck lag auf den Gemütern. Thomas aber schlug die Bibel auf und las die Worte des 56. Psalms: »Wider die Verfolger.« Bei den Schlußworten erhoben sich die gesenkten Häupter seiner Zuhörer und ihr trüber Blick hellte sich auf. »Auf Gott hoffe ich, und fürchte mich nicht; was können mir Menschen tun? Ich habe Dir, Gott, gelobet, daß ich Dir danken will. Denn Du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, daß ich wandeln mag vor Gott im Lichte der Lebendigen.« --
Horch! Was war das? Geräusch im Hause! Es mußte schon stark sein, wenn man es hier hörte! Nun war wieder alles still. Aber jetzt, o Schrecken! Jetzt glitt das geheime Pförtchen geräuschlos zurück, und in der Oeffnung erschien ein totenbleiches, von wirrem schwarzen Haar umrahmtes Antlitz. Carlos, der Verräter! Im Nu war er hinter seinen Begleitern verschwunden, und diese, handfeste Klosterknechte, drangen in den engen Raum, gefolgt von mehreren Mönchen.
»Im Namen des geistlichen Gerichts, ihr seid Gefangene«, rief einer derselben. »Auf frischer Tat ertappt in verbotener Versammlung, beim Lesen ketzerischer Bücher! Bindet die Verfluchten, und sammelt die heillosen Schriften, daß man sie verbrenne.«
Da jeder Widerstand vergeblich, Flucht aber ganz unmöglich war, ergaben sich alle, bleich und verstört, aber doch mit männlichem Mut in ihr Schicksal.
»Bald wird unsere Seele wandeln im Lichte der Lebendigen«, sprach der Goldschmied, die Arme um des Leutpriesters Hals schlingend. »Gott stärke dich im letzten Kampf, Thomas, mein geliebter Sohn!«
»O wie süß klingt es mir, daß du mich so nennst!« flüsterte der Leutpriester, dem helle Tränen über die Wangen liefen. »Dein Töchterlein wird Gott behüten; eine innere Stimme sagt mir's.«
Da riß man sie voneinander, band ihnen die Arme auf den Rücken und steckte ihnen, als den Sprechern der kleinen Schar, einen Knebel in den Mund. So schleppte man diese edlen Männer, die zu den Besten und Vornehmsten der Stadt gehörten, wie gemeine Verbrecher die Treppen hinab. Im Hausflur stand Carlos, an allen Gliedern zitternd.
»Sprachst du nicht von einem Jüngling?« fuhr ihn einer der Mönche an. »Wir fanden keinen unter den Verfluchten.«
Der Verräter aber konnte kein Wort hervorbringen; ein Blick des Goldschmieds hatte ihn vollends aller Fassung beraubt. Da packte ihn der Mönch und stieß ihn zur Tür heraus. Nun durchsuchte man die unteren Räume, fand aber alles leer, denn das wenige Gesinde hatte tödlich erschrocken das Weite gesucht, von Gottfried aber war keine Spur vorhanden.
8. Die Flüchtlinge.
Als Gottfried das gewaltsame Oeffnen der Haustür und die rauhen Stimmen der Klosterknechte gehört hatte, war er einen Augenblick wie gelähmt gewesen vor Schreck und Grauen. Ach, er ahnte sogleich, was nun oben vorgehen werde. »Ich will mit meinem lieben Herrn sterben!« war sein erster Gedanke; doch gedachte er gleich darauf des Kindes, das der Vater oft seinem Schutze anbefohlen hatte. »Sollte ich den Feinden in die Hände fallen«, hatte er gesagt, »so bringe mein Kind nach Magdeburg in Herrn Burkhardts Haus. Wohl ist die Reise weit; doch werden euch Gottes Engel geleiten!« Ja, das wollte er tun! Aber es war ja stockfinster um ihn her, da er beim ersten Schlag an die Tür sein Lämpchen gelöscht hatte. So erbrach er im Finstern mit aller Macht die Schublade, wo das Geld verwahrt lag, griff hinein und füllte die geheime Tasche seines Wamses. Aber wie sollte er aus dem Hause kommen? Horch! Laute Stimmen ließen sich im Hausflur vernehmen.
»Habt ihr die Verfluchten?« rief es die Treppe herauf.
»Ja, aber nur fünf! Den Leutpriester und den Goldschmied bringen wir gleich gefesselt herab. Schiebt den Karren dicht vor die Tür, daß wir sie hineinwerfen; schnell! Ein Bube sollte noch bei der Rotte sein; wir fanden keinen!«
»Ihr sollt ihn auch nicht finden, ihr Grausamen!« dachte Gottfried. Behende kletterte er zum hinteren Fenster hinaus in den Hof, erklomm eine Mauer, und war gleich darauf mit gewaltigem Sprung im engen Hintergäßchen angelangt. Oft hatte er im Knabenspiel diesen Weg genommen, jetzt lief er in heißer Todesangst die öden Gassen entlang bis zum Stadttor. Es war geschlossen, aber im Häuschen des Torwarts brannte noch Licht. Er war ein Freund der neuen Lehre, aber ein furchtsamer, wollte auch nicht hören, was der Jüngling zu sagen hatte. Doch öffnete er ihm willig das kleine Nebenpförtchen und löschte sofort sein Lämpchen, damit niemand Verdacht schöpfen möge.
Gottfried aber stand im Finstern auf der öden Landstraße, legte die Hand aufs klopfende Herz und rang nach Fassung. Ach, nun war es da, was man schon lange gefürchtet! O wie traurig, wie schrecklich war es! Mit Grauen und bitterem Jammer dachte er an das Schicksal der beiden edlen Männer, die er so sehr liebte und ehrte! Kein Mensch konnte sie retten! O, wenn sie nur erst droben wären vor Gottes Thron! Welch schrecklicher, schmach- und schmerzvoller Weg stand ihnen bevor! Aber Annchen und die brave Grete konnten, ja sie mußten noch gerettet werden; und er mußte es tun! Darum vorwärts, vorwärts! O, wenn er nur Flügel hätte! Der Weg war so weit, so uneben, so schwer zu finden im Dunkeln! Im Laufen gedachte er auch seiner Mutter, die ihn früher so liebreich, in der letzten Zeit so kalt behandelt hatte. Was würde sie nun tun? Und welch ein Kampf stand ~ihm~ wohl bevor? Im Laufe fiel er mehrmals zu Boden, über Steine und Wurzeln stolpernd, geriet auch in schmutzige Pfützen, daß sein Gewand übel zugerichtet ward. Aber jetzt! Jetzt zerteilten sich die Wolken, und das Mondschifflein glitt leuchtend dazwischen hervor! Nun konnte er eilen; ja, er flog dahin wie ein Wettläufer im Kampfspiel! Es galt ja Annchen zu retten! Wie kam es doch, daß er jetzt erst merkte, wie lieb sie ihm war?
Indessen war's draußen im Leutpriesterhäuschen friedlich und still. Die kleinen Vorhänge waren zugezogen. Grete ließ fleißig das Spinnrad schnurren; auf einem Schemel daneben, das Köpfchen an ihren Schoß gelehnt, saß Anna. Frau Berta war nicht zu sehen. Jetzt erhob sich das Mägdlein und bat:
»Bringt mich nun heim, liebe Grete; es wird spät. Ach, könnt' ich doch bei Euch bleiben! Frau Berta ist nimmer wie früher. Heute schalt sie mich sogar eine Ketzerin, und drohte, mich und den Vater zu verlassen. Zu Euch will sie nie mehr kommen, seit Euer Bruder am Sonntag so herrlich gepredigt hat vom heiligen Sakrament. Mir gefiel es so gut! Und es muß doch recht und wahr sein, da der Heiland selber gesagt hat: ›Trinket ~alle~ daraus!‹ Er ist doch ein Herr über alles; wie durften die Priester Seine Worte ändern?«
»So bleib doch bei mir, Kind«, erwiderte Grete. »Thomas kehrt erst morgen früh heim. Ach, was ist das jetzt für eine Zeit der Angst und Unruhe! Ehemals war's doch so friedlich.«
»Vater sagt, der Friede des Herzens bleibe uns doch, mitten im Kampf! Aber nun bringt mich heim, ehe Frau Berta kommt, um mich zu holen, und noch mehr erbittert wird.«
»So zieh das Tuch dicht übers Köpfchen, mein Liebling; die Nacht ist kühl! Horch! Da schlägt ja der Hund an! Hallo! Wer ist so spät noch draußen?«
»Oeffnet schnell«, klang es leise zurück. »Ich bin's, Gottfried! Ich bringe wichtige Botschaft!«
Wenn auch der wackere Bursche gefaßt und ruhig eintrat, bewies doch sein erhitztes, nach und nach aber erbleichendes Antlitz, sein angstvoller Blick und die beschmutzte Kleidung, daß er den Weg in höchster Erregung zurückgelegt hatte.
»Seid tapfer, Jungfer Grete«, sprach er, »und Ihr, liebes Annchen, gebt euch geduldig in Gottes Willen! Ihr müßt noch diese Nacht Haus und Dorf verlassen, da die Verfolgung täglich mehr überhandnimmt.«
»In der Nacht!« rief Annchen erschrocken. »O, warum kommt der Vater nicht, mich zu holen? Und wo ist Pater Thomas? O Gottfried, Gottfried, wie bleich bist du! Wie unheimlich funkeln deine Augen! O, sage mir schnell, wo ist mein Vater?«
»In der Stadt«, stammelte Gottfried, erschöpft auf die Bank niedersinkend.
Annchen aber trat zu ihm und sprach: »Gottfried, sprich die Wahrheit! Ich will alles tragen, was Gott schickt, aber die Wahrheit will ich wissen. Ist mein Vater gefangen?«
»Ihr sagt es!« stammelte der Bote, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut. »Ihn und unsern guten Leutpriester schleppte man gebunden aus dem Hause.«
Da schrie Grete laut auf, rang die Hände, warf sich nieder und gebärdete sich schier unsinnig.
Das Kind aber stand still weinend am Fenster, schaute gen Himmel und flüsterte: »Mütterlein, lieb Vater ist nun bald bei dir, und bald, bald komme auch ich.« Dann schlang sie die Arme um Grete und bat:
»O, schützet mich, gute Jungfer; ich bin ja nun ganz allein auf der Welt! O, laßt die schwarzen Klosterleute nicht kommen und mich wegholen! Ich fürchte mich vor ihnen!«
Da bezwang Grete ihren Schmerz, rang aber ratlos die Hände und fragte:
»Was sollen wir tun? Wohin sollen wir fliehen?«
»Eine weite Reise liegt vor uns; wir müssen nach Magdeburg zu Meister Burkhardt«, sprach Gottfried. »Ich sehe jetzt nach meiner Mutter. Indessen müßt Ihr ein Bündel schnüren, wie Wandersleute es tragen, auch für Anna geringere Kleidung schaffen und wohl auch für mich. Ihr, gute Jungfer, könnt in Eurem ländlichen Rock und Mieder wohl als unsere Mutter gelten. Bevor der Morgen graut, muß jede Spur von uns verlöscht sein. Unterdrückt Euer eigenes Leid, und gedenket nur des Kindes.«
Mitternacht war vorüber, als Gottfried bleich und traurig vom Schlößlein wieder herabstieg zum Leutpriesterhäuschen. All sein Bitten, Weinen und Mahnen war vergeblich gewesen; ja, zuletzt hatte sich die Mutter von ihm losgesagt als von einem verfluchten Ketzer. O wie schwer war ihm das Herz! Doppelt schwer, da er wohl wußte, daß seine Mutter der neuen, seligmachenden Lehre zuerst gern gelauscht, sich aber zurückgezogen hatte, sobald die Verfolgung ausbrach. O wie elend mußte sie sich fühlen, wie friedlos! Viel unglücklicher war sie, als die beiden edlen Männer in ihren Banden!
Gottfried aber fühlte, daß es jetzt Zeit sei, sein eigen Leid ganz zu vergessen und sich mit männlichem Mute der Rettung des Kindes hinzugeben. Grete hatte indes die Nachbarsleute geweckt, die für ihren Leutpriester durchs Feuer gegangen wären. Der verständige Mann riet, die Flucht zu Wasser zu beginnen, um sogleich jede Spur zu verlöschen. Während er seinen großen Kahn flott machte und allerlei drin barg, was gut für die Reisenden war, kleidete man Annchen in den Sonntagsanzug der ältesten Tochter. Auch für Gottfried fand sich ein bäurisches Wams und grobe Schuhe.
Nun war alles bereit. Annchen hatte, bleich und still, alles mit sich machen lassen. Jetzt faltete sie die Hände und betete mit sanfter Stimme: »Der HErr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um Seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich.«
Den andern war es, als habe ein Engel vom Himmel gesprochen. Einen Blick warfen sie noch zurück ins freundliche Stübchen, nach dem Kirchlein und dem Schlößchen, dann ging's in Nachtstille und Dunkelheit hinab zum Strand. Wolken flogen über den Mond, so daß sein Licht nur dann und wann den Pfad erhellte. Aber nun begann Annchens Kraft zu erlahmen. Sie zitterte und schwankte; der Fischer hob sie empor und trug sie in den Kahn, wo Grete fürsorglich ein Kissen zurechtgelegt hatte. Da schwanden ihr die Sinne, und als sie endlich aus tiefer Ohnmacht erwachte, schaukelte das Schifflein schon weit draußen auf den Wellen. Zuerst war es dem Mägdlein, als habe es nur schwer geträumt; als es aber zu voller Besinnung kam, machte sich der Jammer in heißen Tränen Luft, und Grete weinte mit ihr, während Gottfried seinen Kummer männlich bezwang.
Aber in Zeiten besonderer Trübsal gibt Gott auch besondere Kraft; und wenn das Auge kein irdisches Glück mehr sieht, blickt es um so klarer in die himmlische Herrlichkeit hinein. Darum trösteten die drei Flüchtlinge einander mit lieblichen Sprüchen der heiligen Schrift, und befahlen sich und die teuern Gefangenen immer aufs neue in Gottes Hände. Dennoch war es eine schwere, jammervolle Fahrt!
Gegen Morgen kehrte der Fischer den Kiel dem Lande zu und ließ das Schifflein in eine kleine Bucht einlaufen.
»Sieh«, sprach er zu Gottfried, »Ihr müßt nun über den Ufersand jenem Wäldchen zustreben, dann findet Ihr leicht die Landstraße, die nach Morgen zu führt. Weiter kann ich Euch nicht raten, da ich nur ein unwissender Mann bin. Ihr aber seid zur Schule gegangen und findet Euch wohl auf der Welt zurecht?«
»So Gott will, ja«, erwiderte Gottfried. »Die Namen der Städte und Marktflecken, durch die man reisen muß, wenn man nach Magdeburg will, kenne ich wohl. Mein guter Herr hat sie mich gelehrt.«
»Auch mir erzählte er viel davon, der gute, liebe Vater«, sprach Annchen. »O, wenn wir nur schon bei Herrn Burkhardt wären! Denkt ihr, daß er etwas tun kann, den Vater und Pater Thomas zu retten?«
Niemand antwortete auf diese kindliche Frage. Aengstlich schaute Anna von einem zum andern, barg das Gesicht eine Weile an Gretes Brust und war dann wieder still und gefaßt.
»Nun behüte und geleite euch der starke Gott«, sprach der Fischer, als er die drei ans Land gebracht. »Ich fahre nun heim und rüste stille zur Auswanderung, werde auch nicht der einzige sein, der das tut. Wir mögen keinen dummen Mönch an der Stelle unseres treuen Hirten sehen!«
Lange blickten die Flüchtlinge dem Kahne nach, stärkten sich mit ein wenig Speise und wanderten dann dem Wäldchen zu. Dort ward das zarte Mägdlein von Müdigkeit übermannt und sank, treu behütet von den Gefährten, in einen langen, tiefen Schlaf.
Zu derselben Zeit ward es lebendig im Fischerdorf. Warum läutete wohl niemand zur Frühmesse? Warum blieb es so still im Pfarrhof? Das Hühnervolk war wohl noch eingesperrt im Stalle, dagegen heulte der Hund von Zeit zu Zeit ganz jämmerlich und zerrte an seiner Kette. Ein paar Männer machten sich auf, um nachzusehen. Tor und Türen fanden sie offen, und alles an seinem Platz, doch war kein lebend Wesen zu sehen. Was mochte wohl geschehen sein? So groß war die Angst vor dem geistlichen Gericht, daß man sich nur leise allerlei Vermutungen zuflüsterte, die sich nur zu bald bestätigten.