Part 6
»Ja, seht«, fuhr die Gesprächige fort, »von meinem Jungen wollt' ich erzählen. Das ist ein Prachtbub! Sechzehn Jahre alt und größer als ich! Und wie klug und geschickt im Handwerk! Meister Groot nannt' ihn neulich einen kleinen Künstler! Klein ist er ja nimmer, aber noch gar kindlichen Gemütes. Ihr werdet ihn oft sehen, denn er hält sich auch Sonntags am liebsten zu seinem Herrn und zu dem Kinde. Der andere aber, der Carlos, der Spanier, das ist ein Nichtsnutz. Hab' in einer Woche mehr Verdruß mit ihm, als mir mein Bub im ganzen Jahre macht. Hat rein nichts gelernt, trotzdem er die Schul' und die Lehre gehabt hat wie sein Kamerad. In der Werkstatt tat er nur Schaden! Jetzt dient er in Haus und Hof, macht aber auch da noch viel Verdruß. Der Herr ist allzu gut: er hätt' ihn längst fortjagen sollen. ›Du nimmst noch ein Ende mit Schrecken‹, sag' ich oft zu ihm, und, was gilt's, ich behalte recht!«
Nach diesem Herzenserguß vertieften sich die beiden Frauen wieder in häusliche Angelegenheiten, fanden viel Wohlgefallen aneinander, und freuten sich schon auf häufige Zusammenkünfte beim Spinnrocken und Nähzeug. --
»Mach' ja die Gartentür fein zu, daß das Hühnervolk nicht hereinkommt«, hatte Grete zu dem Bruder gesagt, als er mit Hacke und Rechen bewaffnet hinausgegangen war. Daß er ein Buch unterm Rocke trug, ahnte sie nicht. Die vordere Tür gewissenhaft schließend, ging er mit großem Eifer an die Arbeit, und gönnte sich erst nach einer Stunde ein wenig Rast bei seinem lateinischen Buche, das auf der Bank in der kleinen Laube lag. Hier draußen studierte sich's prächtig, besonders am Vormittag, wenn Grete in der Küche gut aufgehoben war. Gedankenvoll ließ er das Buch sinken, und den Blick über den Garten schweifen.
Aber was war denn das? Auf den frischbepflanzten Beeten wimmelte es ja von jungen Hühnerchen, die mit viel Geschick wieder herauskratzten, was er eben gepflanzt! Vater Hahn und drei Hennen sahen wohlgefällig dem Zerstörungswerk zu. Wie waren sie nur hereingekommen? Ach, es gab ja auch noch eine hintere Gartentür, und die hatte Thomas, als er ein paar Hände voll Unkraut hinauswarf, weit offen gelassen. O weh, o weh! Was würde Grete sagen? Nun jagte er die Hühner, aber nicht gegen die offene, sondern gegen die geschlossene Tür, aus einem Winkel in den andern. Im ganzen Garten rannten sie herum, gerieten sogar über sein Buch und versuchten es von der Bank zu zerren.
Atemlos vertrieb der Leutpriester die Unverschämten, und bemerkte plötzlich, daß er einen Kampfgenossen bekommen hatte. Eine helle, schlanke Gestalt war wie durch Zauberei erschienen, flog wie ein Vöglein die Wege auf und nieder und wußte mit ihrem buntseidenen Schürzchen, ja mit den langen Bändern, die ihre blonden Zöpfe schmückten, die kleine freche Gesellschaft so geschickt zu scheuchen, daß sie endlich in Reih' und Glied durch die weitgeöffnete Vordertür abzog. Erhitzt stand das Kind dem Manne gegenüber, faßte sich aber sofort, neigte sich zierlich und sprach den gewohnten Gruß:
»Gelobt sei JEsus Christ!«
»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte Thomas mechanisch.
Er wußte jetzt, wer das Mägdlein war! Vor elf Jahren hatte er ihm die Rose gebracht, und es hatte ihn geküßt! Ja, wenn er nicht schon heiß und rot gewesen wäre, würde er's jetzt geworden sein. Aber er war ja ein geweihter Priester; was ging ihn das Kind an?
»Habet Dank für Eure schnelle Hilfe, Jüngferlein«, sprach er so würdig als möglich.
»Ich heiße Annchen«, erwiderte die Kleine. »Aber die Beete sind arg zertreten!«
»Freilich«, seufzte Thomas sorgenvoll; »was ist da zu tun?«
»Glatt machen! Gebt mir nur den Rechen! Ich kann's! Hab's daheim in meinem winzigen Gärtlein im Hofe oft getan.«
Ja, sie konnt' es so gut und flink, daß Thomas ihr staunend zusah. Als sie dann mit vereinten Kräften die Pflänzchen wieder eingesetzt, und sich am Trog die Hände gewaschen hatten, ruhten sie wie gute Gesellen auf der Bank in der Laube. Das Kind, das in der Küche still und scheu gewesen war, plauderte jetzt ganz zutraulich, da nichts so schnell verbindet, als gemeinsame Arbeit. Endlich schlug es sogar das Buch auf, das neben ihm lag.
»Das kannst du nicht lesen«, sagte Thomas, »es ist ja lateinisch.«
»O doch!« erwiderte die Kleine. »Mein Vater hat längst angefangen, mich's zu lehren; doch werd' ich im Sommer vieles vergessen. Aber horcht, Herr Pater; Muhme Berta ruft mich! Sie mag nicht gern warten.«
Noch ein zierliches Knixchen, und das Vöglein flog zum Garten hinaus.
6. Gute Freundschaft.
Am nächsten Samstag machte sich Grete viel im Kirchlein zu schaffen mit Lüften, Fegen, Abstäuben und Putzen. Thomas war wieder einmal zu gar nichts zu gebrauchen; er saß in sein Buch vertieft, und wandelte abends noch lange nachdenklich auf und nieder. Er meinte, der Goldschmied werde wohl das ärmliche Kirchlein gar nicht betreten, sondern die Frühmesse in der Stadt besuchen, ehe er sich auf den Weg machte. Aber er war doch da, und blickte während der Predigt mit seinen großen traurigen Augen so forschend zur Kanzel empor, daß es Thomas fast ein wenig ängstlich ums Herz ward. Wie, wenn er von den Priestern der Marienkirche beauftragt wäre, nach Ketzerei zu suchen? Doch faßte er sich schnell und war bald so vertieft in seine Predigt, daß er den fremden Zuhörer ganz vergaß. Zuerst hatte er schlicht und kurz die Geschichte von dem Schäflein erzählt, das in die Dornen fiel, und von dem guten Hirten gesucht, gefunden und auf der Achsel heimgetragen wurde. Dann sprach er von den Dornen der Sünde, in denen wir alle von Natur verstrickt liegen. Da griff er tapfer ins Leben ein und zeigte dem Fischervolk ganz unverzagt die Sünden, die sie besonders gefangen hielten. Selbst heraushelfen konnten sie sich nicht durch Messe hören, fasten, beten, Almosen geben. Sie verstrickten sich nur tiefer in die Dornen, indem sie meinten, Gott einen Dienst zu tun mit solchen äußerlichen Werken. JEsus allein sei der gute Hirte, der das Schäflein sicher heraushebt und heimträgt in den Stall, das heißt, ins Himmelreich. »Ja, Er trägt es! Es braucht nicht etwa blutend und mühsam nebenher zu laufen. Es muß sich nur tragen lassen! Der Hirte schert ihm auch nicht die Wolle ab, um sich bezahlt zu machen für seine Hilfe! O nein; das Schäfchen braucht gar nichts zu tun oder zu geben. Im Gegenteil; der Hirte hat es gewiß gefüttert, geliebkost und ihm im Stall ein warmes Lager bereitet. Aber gelt, es wird ihm dankbar gewesen sein? Es ist gewiß nicht sobald wieder davongelaufen, sondern gehorsam dem Hirten nachgefolgt und hat auf seine Stimme gehört. Seht, so kommen auch die guten Werke ganz von selbst, lustig und ohne Zwang, wenn man nur erst durch den Glauben JEsu Schäflein geworden ist.«
Das Schlafen während der Predigt hatten sich die Fischersleute ziemlich abgewöhnt, und nur noch wenige waren ganz stumpf und gleichgültig geblieben. Etliche horchten gespannt und sichtlich bewegt; andere blickten sich verstohlen um, ob nicht etwa ein zorniges Mönchsgesicht in irgend einem Winkel zu sehen sei. Denn daß Thomas anders dachte und lehrte als die Klosterleute, hatten sie längst gemerkt. Jedenfalls aber lebte sich's auch besser mit ihm, als mit seinem geizigen, habsüchtigen Vorgänger. Der hatte die Schäflein zwar nicht getragen, aber das Scheren sehr wohl verstanden! Einige musterten auch den vornehmen Gast mit forschenden Blicken. Aber er sah aus, als gefalle ihm die Rede wohl, als sei sie so recht nach seinem Sinn!
Am Nachmittag, als das Fischervolk in wohlverdienter Sonntagsruhe in der milden Frühlingsluft vor den Hütten saß, wandelte der reiche Goldschmied mit dem armen Leutpriester freundlich grüßend durchs Dorf, und man sah sie lange auf und nieder gehen in eifrigem Gespräch. Mitten drin zog Thomas das Goldstück aus der Tasche und hielt es lächelnd dem Goldschmied hin, mit kurzen Worten an den Tag erinnernd, da er es erhalten. Lange betrachtete es der ernste Mann mit Tränen in den Augen. Dann reichte er Thomas die Hand und sprach:
»Aus dem sinnigen Knaben ist ein sinniger Mann geworden. Laßt uns Freunde sein, lieber Leutpriester!«
Nach dem Vespergottesdienst mußten Thomas und Grete mit hinauf ins Schlößlein kommen zur Abendkost. Annchen begrüßte den Leutpriester gar sittsam; doch flog dabei ein Lächeln über ihr Gesicht, als gedenke sie noch der lustigen Hühnerjagd. Grete war nicht zu bewegen, mit zu Tische zu sitzen; sie leistete Frau Berta in der blanken Küche Hilfe und Gesellschaft. Als Gottfried die Schüsseln abgetragen und zwei goldene Becher mit Würzwein vor die Männer gestellt hatte, entfernte er sich; Annchen aber ward vom Vater zurückgehalten.
»Ich höre, Herr Pater«, begann er, »daß Ihr Euch der Schule wacker angenommen, und wirklich einiges Licht in die harten Bubenköpfe gebracht habt. Ihr seid ein geschickter Lehrer! Darum möchte ich wegen dieses Kindes mit Euch sprechen. Ich habe es selbst unterrichtet; es ist im Deutschlesen und Schreiben wohlbewandert, zeigt auch sonst einen guten Verstand. Zwar soll es sich den Sommer über viel im Freien tummeln, muß aber doch etwas Ernstes zu tun haben, da es sonst leicht übermütig wird. Würdet Ihr es wohl im Lateinischen, worin es schon einen guten Anfang gemacht hat, ein wenig fördern? Ich schätze diese Sprache besonders hoch. Zeige doch dem Herrn Pater, was du kannst, Töchterlein! Rede ihn lateinisch an, und bitte ihn, dich zu lehren.«
»Lasset mir Zeit, Herr Vater, daß ich mich bedenke«, bat das Kind und zog sich in ein Fenster zurück.
Ein schelmisches Lächeln spielte um seinen Mund, als es nach einer Weile wieder hervortrat und einen Reim sprach, der deutsch etwa so lauten würde:
»Half ich Euch lustig die Hühner vom Garten verjagen, Sollt Ihr Euch nun mit der schlechten Lateinerin plagen. Ist uns das erste in munteren Sprüngen gelungen, Wird wohl das zweite in redlicher Mühe bezwungen.«
Nun aber ward dem Kinde die Erinnerung an die verzweifelten Sprünge des Paters gar so stark, daß es in ein helles, harmloses Lachen ausbrach. Thomas ging es ebenso; doch faßte er sich schnell und berichtete dem Goldschmied kurz und schlicht das kleine Erlebnis. Das Kind aber wünschte, sich zierlich verbeugend, gute Nacht und verließ das Zimmer.
Als Gottfried in recht später Stunde mit leuchtender Fackel die bescheidenen Gäste heim geleitete, war Thomas sehr, sehr ernst geworden, so daß er das harmlose Geplauder seiner Schwester kaum beachtete.
Im Leutpriesterhäuschen ward es nun lebendiger. Zweimal in der Woche erschien das Englein, wie Grete die Tochter des Goldschmieds nannte, und blieb den ganzen Nachmittag, da die eingebrockte Milch, die es zum Abendessen gab, viel besser schmeckte als alle Leckerbissen, die ihr Frau Berta bereitete. Zuerst ward lateinische Stunde gehalten, der Grete mit Spinnrocken oder Nähzeug staunend beiwohnte; ja, sie merkte sich selbst zuweilen lateinische Worte, um den Bruder damit zu überraschen. Ward aber endlich das dicke Buch zugemacht, und das Schreibgerät weggeschoben, ließ auch sie die Hände ruhen und lauschte gespannt, wie ihr kleiner Thomas zu dem Kinde von himmlischen Dingen sprach, mutiger und klarer, als er's in der Kirche zu tun wagte, und ganz, ganz anders, als sie es von Jugend auf gehört. Aber schön und tröstlich war es; es brachte Frieden ins Herz, nahm die Sündenangst weg, und alle Furcht vor dem Tode. JEsus, der Sohn Gottes, den man ihr dargestellt als »schrecklichen Richter, auf einem Regenbogen sitzend«, erschien ihr nun als der gute Hirte, der Heiland der Sünder, der Erlöser aus aller Not. Wo mochte nur der Bruder, den sie zwar immer herzlich geliebt, aber doch für einen Träumer, für einen jungen, unerfahrenen Menschen gehalten hatte, diese wunderbare Weisheit hernehmen?
Es war ein schöner, freundlicher Sommer für alle! Schlößlein und Leutpriesterhaus standen in stetem Verkehr, und auch in den Hütten rühmte man die Wohltätigkeit der Stadtgäste. Klein-Annchen war bald im ganzen Dorfe bekannt, da ihr das freie Umherlaufen gar wohl gefiel, nachdem man sie in der Stadt fast allzu ängstlich gehütet hatte. Mit den Alten und Kranken plauderte sie freundlich, erquickte sie wohl auch mit allerlei Leckerbissen, die sie sich selbst vom Munde absparte. Am besten gefielen ihr aber die kleinen Kinderlein, die noch in der Wiege lagen und ihr so freundlich zulachten, wenn sie das Wiegenband zog und so lieblich dazu sang:
»Dort oben auf dem Berge, Da rauschet der Wind, Da sitzet Maria Und wieget ihr Kind; Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand, Dazu braucht sie kein Wiegenband.«
Die große Nürnberger Puppe, die ihr Herr Burkhardt einmal mitgebracht, ward gegen diese lebendigen Püppchen sehr zurückgesetzt, erregte aber desto mehr die Bewunderung der kleinen Dorfmädchen, die noch nie etwas so Prächtiges gesehen hatten. Daß ihr Kopf nur von Holz, ihre früher sehr roten Wangen verblichen, ihr Näschen bestoßen, und das Werg, das die Stelle des Haares vertrat, arg verfitzt war, störte die Kleinen gar nicht. Trug sie doch ein prächtiges Brokatkleid mit langer Schleppe, ein rotes Sammetmieder, mit Goldlitzen verziert, und eine große, von Frau Bertas kundiger Hand verfertigte Spitzenhaube, die den häßlichen Wergschopf verbarg. Wenn Annchen sie spazieren trug, folgten ihr die Dorfmägdlein staunend nach, und wer sie ein wenig halten durfte, war stolz und glücklich. Je mehr aber Annchen bei Pater Thomas lernte, desto seltener kam die schöne »Adelheid« zum Vorschein. Des Kindes Geist entwickelte sich in dieser Zeit sehr schnell, und es entwuchs dem Puppenspiel.
Das Hüpfen und Springen im Freien tat ihm aber an Leib und Seele wohl; darum entfaltete sich an jedem schönen Abend munteres Leben auf dem grünen Platze zwischen Kirche und Pfarrhäuslein. Da sammelte sich die Kinderschar zu fröhlichem Reigentanz; Pater Thomas, Grete und Frau Berta, zuweilen sogar der Goldschmied saßen auf der Bank und ergötzten sich an der harmlosen Kinderlust. Annchen aber wußte immer neue Spiele anzugeben und Liedlein zu singen, die sie in vergangenen glücklichen Tagen von der Mutter gelernt. Bald schallte es im munteren Chor:
»Es sitzt eine Frau im Ringelein Mit sieben kleinen Kinderlein. Was essen's gern? Fischelein! Was trinken's gern? Roten Wein! Sitzt nieder!«
Oder ein Mägdlein mußte trauernd in der Mitte sitzen als gefangene Prinzessin, während die andern ringsum tanzend sangen:
»Kling, klang, Gloria! Wer sitzt in diesem Turme da? Sitzt eine Königstochter inn', Lehrt uns feine Seide spinn'; Ist so arg belauert, Ist so stark vermauert Mit Stein, mit Bein, Sitzt sie ganz allein!« --
Manchmal ward auch ein ganz weiter Kreis gebildet, und Annchens bunter Ball flog lustig von einem zum andern. Da konnte es geschehen, daß Pater Thomas ihn geschickt wegfing und in seiner Tasche verschwinden ließ. Das gab einen Jubel! Doch waren nur die Kleinsten keck genug, sich um ihn zu drängen, und das Spielzeug unter Lachen und Jauchzen wieder zu erobern.
Sank endlich die Sonne mit Purpurschein tiefer und tiefer über der fernen Flut nieder, so stiegen die Läuteknaben zum Kirchturm empor und ließen das Betglöcklein ertönen. Dann traten alle um den Pater her und sprachen andächtig die Abendgebete. Die Schulknaben sangen auch wohl einen lateinischen Hymnus, dessen Uebersetzung so lautet:
»Christe, der Du bist Tag und Licht, Vor Dir ist, HErr, verborgen nichts: Du väterliches Lichtes Glanz, Lehr' uns den Weg der Wahrheit ganz.
Wir bitten Dein' göttliche Kraft, Behüt' uns, HErr, in dieser Nacht; Bewahr' uns, HErr, vor allem Leid, Gott Vater der Barmherzigkeit.
Gedenk', o HErr, der schweren Zeit, Darin der Leib gefangen leit; Die Seele, die Du hast erlöst, Der gib, HErr JEsu, Deinen Trost.«
Allen war es leid, als im Herbst das Schlößchen wieder leer stand. Grete aber brummte wieder einmal ernstlich, daß der Bruder in allem Wind und Wetter zweimal die Woche zur Stadt wanderte, um Annchens Unterricht fortzusetzen. Hatte das Kind nicht schon übergenug gelernt? Und wie lange blieb er aus! Was konnte einem so schwachen, weltfremden Menschen nicht alles passieren, wenn er noch nach Sonnenuntergang auf der Landstraße wandelte! Als sie ihn aber darüber zur Rede setzte, sprach er lächelnd:
»Ob ich schon wanderte im finstern Tale, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich.«
Ja, das klang lieblich! Er redete jetzt öfter in dieser Weise, als sei er ein Dichter geworden. --
Der Winter war eingezogen, und Grete wirtschaftete emsig im Keller und auf dem Boden umher, um Aepfel und Birnen, Rüben und Kohlköpfe vor dem Erfrieren zu schützen. Da kam einst Thomas, der sich sonst herzlich wenig um die Hauswirtschaft kümmerte, ganz dreist mit einem großen Korbe dazwischen, prüfte erst genau, in welchem Strohhaufen die besten Aepfel verborgen waren, und füllte seinen Korb bis zum Rande.
»Die brauchst du nicht erst zu verwahren, die werden bald weggegessen«, sagte er ganz ruhig.
»Von wem denn?« fragte Grete, sich innerlich zum Kampf rüstend.
»Ei, von den Kindern! Ich hab' mir schon alles schön ausgedacht. Ich mach' am Christabend ein Fest; ganz herrlich! Und zuletzt kommt ein Engel, der teilt Aepfel und braune Küchlein an die Kinder aus.«
»Wo kriegst du denn die Küchlein her?«
»Ei, die mußt du backen!«
»Ich tu's nicht«, rief Grete sehr entschieden. »Alles willst du verschenken! Bringst uns noch an den Bettelstab! Von den neuen Hemden ist auch schon eins weg; gesteh's nur!«
»Gewiß! Es tat dem armen, kranken Peter gar sanft auf seinen wunden Leib. Aber wenn dich die Aepfel dauern, so behalt' sie nur! Ich eß dann freilich keinen. Und die Küchlein brauchst du auch nicht zu backen. Horch dann nur recht auf meine Mettenpredigt. Der leg' ich einen feinen Spruch zugrunde!«
»So? Wie heißt er denn?«
»Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen; der HErr ist nahe!«
Mit seiner allersanftesten Stimme hatte Thomas diese Worte gesprochen; dann ging er still hinab in sein Stübchen.
Es währte nicht allzulange, da steckte Grete den Kopf zur Tür herein und sprach leise zu dem eifrig Lesenden:
»Nimm nur die Aepfel, Thomas. Sie sind ja doch dein eigen! Und die Küchlein kriegst du auch; ich gönn' sie ja dem kleinen Volk. Aber wo nimmst du einen Engel her? Bengel gibt's genug im Dorfe; aber einen Engel sah ich nimmer.«
»Nicht?« rief der Bruder aufspringend und sie umfassend. »O du blinde Grete! Hat nicht ein Englein hier am Tisch die lateinischen Worte gelernt? Hat's nicht neben dir gesessen und mit süßer Stimme zum Schnurren des Spinnrads gesungen?«
»Das Annchen?« rief Grete erstaunt. »Thomas, Thomas! Du wirst mir allzu keck! Willst noch gar die Sterne vom Himmel holen! Was wird der reiche Herr dazu sagen?«
»Grete«, sprach der Bruder, »der reiche Herr ist mein Herzensfreund.«
»Ich merk's längst, daß ihr was miteinander habt«, entgegnete die Schwester. »Geb' nur Gott, daß es nicht Gefahr bringt! 's ist ja wohl manches nicht recht unterm Priester- und Mönchsvolk; aber ihr beiden werdet's nicht ändern.«
Der Leutpriester antwortete nicht; wohl aber brachte er von seinem nächsten Stadtbesuch die Nachricht mit, daß das Englein zu haben sei, und nach Kräften zur Verherrlichung des Festes beitragen, ja sogar die alte große Nürnberger Puppe in ein schönes Christkindlein umwandeln wolle.
Alsbald begannen die Vorbereitungen. Der alte Schullehrer genoß viele Ruhestunden, da Pater Thomas schwere Mühe hatte, den Kindern etliche Weihnachtslieder, die er als Chorknabe im Kloster gelernt, einzuüben. Endlich gelang es und beglückte jetzt schon das kleine Volk. Des Abends brannte das Lämpchen im Leutpriesterhaus sehr lange; die Fenster waren aber so gut verhangen, daß kein neugieriges Auge ergründen konnte, was da drinnen vorbereitet ward. Zwei Knaben und ein Mädchen, besonders brave Schüler, durften ein paarmal ins Stübchen kommen, um etwas Geheimnisvolles einzuüben, verrieten aber, stolz auf das Vertrauen, das man ihnen geschenkt, nicht das Geringste.
Endlich, endlich kam der Weihnachtsabend, und des Leutpriesters Feier mochte wohl Gott gefallen, denn Er schickte das allerschönste Winterwetter dazu. Es war nicht sehr kalt; eine leichte Schneedecke lag auf der Erde, und am blauen Himmel leuchtete ein Sternlein nach dem andern auf. Auch droben im Schlößchen war Licht zu sehen. Schon längst trappelten die Kinder unruhig zwischen den Hütten umher, doch war's ihnen streng verboten, vor dem Vesperläuten zur Kirche zu kommen. Endlich, endlich schallte die kleine Glocke feierlich durch die Dämmerung, und erwartungsvoll eilte alt und jung herbei. Nur die Erwachsenen durften in die Kirche, während sich die Kinder vor des Leutpriesters Häuschen zum festlichen Zuge ordneten. Ja, die rosigen Gesichter strahlten in Festfreude, und die hellen Augen glänzten erwartungsvoll; der Anzug aber war bei vielen nichts weniger als festlich. Gar seltsame Hüllen hatte man den Kleinen umgelegt, um sie vor der Kälte zu schützen. Das Tuch der Großmutter, die alte Mütze des Vaters, besonders aber der leere Sack spielte dabei eine große Rolle. Nun stellte sich Thomas an die Spitze seiner kleinen Schar, die singend herüber ins Gotteshaus zog:
»Es kommt ein Schiff, geladen Bis an den höchsten Bord, Trägt Gottes Sohn voll Gnaden, Des Vaters ewig Wort.
Das Schiff geht still im Triebe, Trägt eine teure Last; Das Segel ist die Liebe, Der Heil'ge Geist der Mast.
Der Anker schlägt zur Erden: So ist das Schiff am Land! Das Wort zu Fleisch soll werden, Der Sohn ist uns gesandt.
Zu Bethlehem geboren Im Stall ein Kindelein; Gibt sich für uns verloren: Gepriesen müss' es sein!
Und wer dies Kind mit Freuden Umfangen, küssen will, Der muß erst mit Ihm leiden Der Pein und Marter viel.
Danach auch mit Ihm sterben Und geistlich auferstehn, Das ew'ge Heil zu erben, Wie an Ihm ist geschehn.«[A]
[A] Die in der Weihnachtsfeier angeführten Verse waren mit Ausnahme der letzten schon vor der Reformation bekannt.
Wären die Kinder nicht schon recht gut gewöhnt gewesen, hätten sie gewiß mitten im Gesang aufgehört, um in einen Ruf der Bewunderung auszubrechen über das, was sie erblickten. Aber sie blieben fest und zogen singend in die vordersten Bänke ein, wo sie endlich mit gefalteten Händen saßen, die glänzenden Augen nach dem Altar gewendet.
Da war etwas ganz Wunderherrliches zu sehen! Auf weißbehangenem, mit immergrünen Zweigen geschmückten Tische stand eine Krippe. Es war ein mit Heu und Stroh gefüllter Korb, in einem hölzernen Gestell hängend. Darin lag, in schneeweiße Windeln gewickelt, das blonde Köpfchen mit einem goldenen Schein umgeben, das Christkindlein! Daß es Annchen van der Groots Puppe war, ahnte niemand; von weitem sah es wirklich aus, wie ein sehr kleines lebendiges Kindchen. Ochs und Esel, sauber aus Holz geschnitzt, standen dabei und schauten es aus großen Augen an; ja, es schwebten sogar Englein mit goldenen Flügeln und langen weißen Hemdchen ringsumher, von unsichtbaren Fäden gehalten.
Nun trat Thomas daneben, erzählte schlicht und einfach die Geschichte der Geburt des Heilandes, und ermahnte Große und Kleine, Ihm ihre Herzen zu öffnen. Während er sprach, waren ein Knabe und ein Mädchen zu der Krippe getreten und sangen, als er geendet hatte, das Körbchen sanft hin und her wiegend, abwechselnd:
»Laßt uns das Kindlein wiegen, Das Herz zum Kripplein biegen, Im Geist uns zu erfreuen, Das Kindlein benedeien.
Laßt uns dem Kindlein singen, Ihm unsre Opfer bringen; Laßt uns Ihm Ehr' erweisen Mit Loben und mit Preisen.
Laßt uns das Kindlein tränken, Laßt süße Milch Ihm schenken; Es wird uns wohl belohnen Im Himmel mit der Kronen.
Laßt volle Chöre schallen, Dem Kindlein zu gefallen, Ein Freudlein Ihm zu machen: Das Kindlein wird eins lachen!«
Nun fiel der ganze Chor ein: