Part 12
»Da, faß meine Hand«, rief der Retter. »Gelt, die fühlt sich nicht traumhaft an? 's ist alles wahr, und ich will dir erzählen, wie's gegangen ist. Schau' dich doch um! Du bist ja auf hoher See! Dort drüben liegt, kaum noch sichtbar, deine alte Heimat und der Schauplatz deiner Leiden. Dies gute Schiff aber bringt dich nach Hamburg, wo du viele Glaubensgenossen findest, die dich lieben und pflegen werden. Auch der Schiffsherr und alle seine Leute sind dem neuen Glauben zugetan, und mich armen Kerl verlangt wenigstens, ihn kennen zu lernen. Für was mein Thomas sein Leben einsetzt, das muß was Gutes sein. Aber dumm bin ich noch, jämmerlich dumm in allem, was geistlich ist; du sollst mich lehren. Denn wo du nun bleibst, du einziger Freund, den ich je auf Erden hatte, da bleib' ich auch. Los wirst du mich nimmer!«
Der schwarze Kopf senkte sich, und Thomas vernahm ein Schluchzen. Aber gleich darauf rief Dietrich befehlend:
»Hübsch liegen geblieben, daß dich nicht das garstige Seeleiden überfällt! Kannst mich noch oft um den Hals fassen, wenn du wieder auf den Beinen bist! Sieh, da schickt dir der Schiffsherr ein Essen von seinem eigenen Tische. Es wird dir guttun!«
Nachdem der Gerettete sich an der sehr einfachen, aber kräftigen Speise gelabt, erzählte Dietrich:
»Weißt auch noch, wie ich damals bei der Aepfelernte Reißaus nahm? Ich hatt' erst nicht daran gedacht; aber als ich vom hohen Baum herab in die Welt guckte, kam's auf einmal über mich! Wie der Wind hinab auf die Mauer und heruntergesprungen ins Feld, ohne daß es jemand gesehen! Dann fortgerannt durch dick und dünn, bis ich des Klosterlandes quitt war. Dann lang' in einer Höhle gelegen, und bei armen Hüttenvolk ein bißchen Brot erbettelt, bis ich wußte, daß das Nachsuchen nach dem wilden Dieter wohl nun aufgehört habe. Dann aber fort! In die weite Welt, meinst du wohl? O nein, so dumm war ich doch nicht, daß ich nicht gewußt hätte, daß ich viel zu kindisch und jung sei, mich durchzufinden. Nein! Geradeswegs in die gute Stadt Antwerpen, und dort herumgedient und gelernt bei allerlei Leuten und unter allerlei Namen, um mich nur satt essen zu können. Da bin ich so ziemlich alles gewesen, was ein so dummer Kerl, wie ich, werden konnt'. Gelernt und geholfen hab' ich beim Bauer, beim Schneider, beim Metzger und Bäcker, beim Schmied und beim Schlosser, und sogar beim Quacksalber und Apotheker. Dies letzte war dein Glück; denn ich hab' gestern dem Kerkermeister und den andern Knechten ein Pülverlein in den Abendtrunk geschüttet, daß sie gewiß bis zum hellen Morgen geschnarcht haben wie die Bären.
Na, endlich hatt' ich mich groß gegessen und wollt' was von der Welt sehen, aber nit zu Fuß, sondern zu Roß! Da ward ich, da ich doch, dir sei's gedankt, ordentlich lesen und schreiben konnte, ein Postreiter, und verdiente einen guten Groschen! Doch war der Dienst streng, und -- na -- es kam eine Zeit, wo ich ein wilder Kerl ward, und manches tat, was mich jetzt reut. Wenn ich dann nach wüst verlebter Nacht auf dem Lager ruhte, mußt' ich oft an die Zeit denken, als du neben mir lagst. Und einmal stand mir's klar vor Augen: Du wandertest wohl stracks gen Himmel als ein frommer Mönch, und ich, ach, ich taumelte nur so zur Hölle hinab! Was sollt' ich tun? Da ward ich ein Klosterknecht, und hoffte, wenn ich des Herrn Abts Rosse wohl hielte, werde vielleicht was abfallen für mich von der überschüssigen Heiligkeit der Geschorenen. Aber 's war nichts damit! O, ich lernte sie kennen! --
In jener Zeit hab' ich dich ein paarmal laufen sehen mit dem Bettelsack auf dem Rücken. Endlich erfuhr ich, daß du der Leutpriester im Fischerdorf seiest, von dem sie munkelten, er wäre ein Ketzer. Andere sagten, er sei ein Heiliger. Da bin ich einmal, ein einzigmal, in deinem Kirchlein gewesen; ganz hinten im Winkel hab' ich gestanden, in einen alten Mantel gewickelt. Ach Thomas, da fiel ein Licht in meine Seele, das niemand auslöschen kann! Du sprachst mehrmals die Worte aus: ›Mein Heiland, mein Erlöser!‹, und mahntest uns, sie nachzusprechen, und fest zu glauben, daß JEsus auch alle, alle unsere Sünden getilgt habe. O Thomas, da ward mein Herz weich; und heiße Tränen rannen mir in den Bart!
Und ein paar Wochen darauf! O Schrecken, da sah ich dich geknebelt, gefesselt vor mir im Kahne liegen, und hätte fast laut aufgeschrien vor Jammer! Von da an strebt' ich danach, Turmwächter auf der Insel zu werden, und endlich gelang es. Vor kurzem hatte man Gefangene aus hohem Stand in den Turm gebracht, die viel mächtige Freunde in der Stadt hatten. Darum führte man bewaffnete Nachtwachen ein, und ich kam auch dann und wann an die Reihe. Aber es gab ja so viel vorzubereiten auf die Befreiung und Flucht, daß du, armer Thomas, noch lange im Loch stecken mußtest, denn ich hatte selten einen freien Tag zum Umherlaufen. Ach, wie gern hätt' ich deinen edlen Freund auch mit gerettet, aber 's ging nicht an! Nun, endlich war mit List und Mühe alles bereit, und der brave Schiffsherr versprach, uns bei Morgengrauen aufzunehmen! Aber sieh, wie nützlich war mir jetzt, daß ich die Nase in allerlei Handwerk gesteckt hatte! O wie werden sie sich die Köpfe zerbrechen, um zu erraten, wie du herausgekommen bist!«
»Wenn nur dem Kerkermeister kein Leid geschieht«, sprach Thomas; »er hat mir viel Gutes getan!«
»Das sieht dir ähnlich, du frommes Lamm, auch noch um den Kerkermeister zu sorgen! Da sei ganz ruhig! Sie werden ein feines Märlein erdenken, wie dich der Teufel lebendig geholt, und mit dir zum engen Gitterloch hinausgefahren ist. Aber nun ist's genug geschwätzt, und du mußt ruhen! Ich will irgendwo mit angreifen, daß ich doch mein Essen verdiene.«
So sehr auch Thomas um den teuern heimgegangenen Freund trauerte, so sehnsüchtig er nach der Gegend zurückschaute, wo er im Fischerdorf so glücklich gelebt und gearbeitet, ja so freudig er auch den Märtyrertod erduldet haben würde, so erwachte doch gar bald die Lust zum Leben und die Freude an Gottes schöner Welt in seinem jungen Herzen. O wie herrlich war's, den klaren blauen Himmel über sich zu haben statt der feuchten, mit Schmutz und Spinnweben reichlich behangenen Balken des Gefängnisses! Wie frei folgte sein Blick dem weißen Seevogel, der sich in der frischen Luft wiegte! Wie munter klang der rauhe Gesang der Schiffer in sein Ohr! Und endlich quoll ein inniges, von heißen Freudentränen begleitetes Dankgebet aus seinem übervollen Herzen.
Bald konnte er sich erheben und den Tag über auf dem Verdeck umhergehen, während er des Nachts in einem engen, ja sehr engen Raume mit dem Freund auf einem Lager ruhte, wie ehemals in der Klosterschule.
Auch die Segelschiffe legen jetzt bei günstigem Winde ihren Weg viel schneller zurück, als zu jener Zeit, da ihre Bauart weit schwerfälliger war. Darum verging mancher Tag, ehe man den Hafen von Hamburg erreichte.
Am Vorabend der Ankunft stand Thomas etwas erhöht mitten unter der Schiffsmannschaft und hielt eine kurze, aus tiefstem Herzen quellende Predigt. Man hatte ihn darum gebeten, und er erfüllte gern den Wunsch. Gar andächtig lauschten alle, als er von jener Schiffahrt erzählte, die der Heiland mit Seinen Jüngern auf dem See Genezareth gemacht. »Die Wellen brausten und wollten das Schifflein verschlingen, der HErr aber schlief ruhig auf einem Kissen. Ach, so geht es oft im Christenleben! Wenn die Not am größten ist, und das arme Herz ganz verzagen möchte, da scheint der HErr zu schlafen, als gehe Ihn das arme verlassene Menschenkind nichts an. Aber die Jünger schrien: ›HErr, hilf uns; wir verderben!‹ Ja, sie wußten: Er konnte, Er wollte helfen! Und im Nu war der Sturm gestillt, und alle Not in Dank und Freude verwandelt.« Gar lebhaft und herzbewegend schilderte er das alles, denn er hatte es ja an sich selbst erfahren. Als er geendet, stimmten etliche, die der deutschen Sprache wohl mächtig waren, das herrliche Lutherlied an:
»Ein' feste Burg ist unser Gott, Ein' gute Wehr' und Waffen: Er hilft uns frei aus aller Not, Die uns jetzt hat betroffen. Der alt' böse Feind Mit Ernst er's jetzt meint, Groß' Macht und viel List Sein' grausam' Rüstung ist; Auf Erd' ist nicht seinsgleichen.«
Der Schiffsherr hatte dem Geretteten viel Ehre erwiesen und mit großer Aufmerksamkeit dem Bericht gelauscht, den er von seinem Schicksal gab.
»Gedenkt Ihr in Hamburg zu bleiben?« fragte er, als er ihn an diesem letzten Abend an seinem Tisch bewirtete.
»Nein«, erwiderte Thomas, »mein Sinn steht gen Magdeburg. Dort hoffe ich sicher, meine treue Schwester Grete und das holde Töchterlein des heimgegangenen Freundes zu finden. Für diese beiden zu sorgen soll mir eine Lust sein! Vielleicht kann man mich irgendwo zum Unterricht zarter Kindlein gebrauchen, da das so recht eigentlich meine größte Lust war!«
»Und wie gedenkt Ihr nach Magdeburg zu gelangen?«
»Auf einem Elbschiff«, entgegnete Thomas. »Dietrich, mein Retter, will gern für zwei arbeiten, um meine Fahrt mit zu verdienen. Ein wenig werd' ich ja auch mit angreifen können; bin nur leider zu solchen Geschäften recht ungeschickt.«
»Und meint Ihr wirklich«, erwiderte der Schiffsherr lächelnd, »die Hamburger Glaubensgenossen würden Euch, der so viel gelitten hat, ja kaum dem Märtyrertod entronnen ist, ganz still und ungeehrt Eures Weges ziehen lassen, wohl gar im groben Kittel eines Schiffsknechtes? Ihr seid ein gar bescheidener Mann; desto mehr soll man Euch ehren! Ihr müßt mit Eurem wackeren Befreier einige Tage bei uns bleiben, uns Eure Schicksale erzählen und ein wenig Pflege und Guttat von uns annehmen. O wie wohl wird's Euch tun, so frei Euren Glauben bekennen zu dürfen, die herrlichen Gottesdienste mit zu feiern, und die große Schar von Glaubensgenossen um Euch versammelt zu sehen! Für Eure Reise nach Magdeburg überlaßt mir die Sorge. Ich bin bekannt im Hafen, und werd' Euch das beste Fahrzeug und den wackersten Schiffer aussuchen.«
11. In Magdeburg.
Das Haus des Kaufherrn Burkhardt war eins der stattlichsten und schönsten in der reichen Stadt Magdeburg. Der mit allerlei feinem, sinnigem Bildwerk geschmückte Giebel war der Straße zugewendet. Ein großes Tor führte in den geräumigen Hausflur, ein anderes aus diesem in den weiten Hof, wo ganze Gebirge von Fässern, Säcken, Ballen und Kisten aufgespeichert lagen. Gar zu gern kletterten die sechs kleinen munteren Burkhardtsbuben darauf herum, versteckten sich dahinter, benutzten sie als Burgen und Festungen, und schossen mit kleinen, ungefährlichen Armbrüsten daraus hervor. Doch war das nur erlaubt, wenn der Hausherr sich auf Reisen befand, und der weißhaarige, nachsichtige Obergehilfe die Aufsicht führte. Dann durfte das kleine, unruhige Volk auch einmal zuschauen, wenn Warenproben aus fernen Ländern ausgepackt und geprüft wurden. Dabei gab's oft etwas zu naschen, ein paar Datteln oder Rosinen und Mandeln, ein Stück Zucker oder ein Zimmetstengelchen. War aber der Herr Vater daheim und saß vor dem großen Schreibtisch am Fenster des Hinterhauses, herrschte viel strengere Zucht. Da huschte die kleine, muntere Gesellschaft geräuschlos durch den Hof und verschwand durch das Hinterpförtchen, das zum Garten führte. Dort war's ja noch viel schöner als im Hofe! Jetzt freilich, im ersten Frühjahr, standen die Obstbäume noch kahl, das Gras begann hier und da zu sprossen, und einige zarte Blümchen streckten neugierig die Köpfchen hervor.
Aber heute schien die Sonne schön warm, und es war ein schulfreier Tag; darum waren alle sechs Jungen mit großem Eifer daran, ihr eigenes kleines Gartenstück umzugraben und zu besäen. Der zwölfjährige Franz, ein feiner, sinniger Knabe, wollte dies Jahr nur Blumen ziehen, um die Mutter damit zu erfreuen; Peter, Paul und Konrad stritten sich, ob Rettiche oder Erdbeeren auf ihrem Land wachsen sollten, denn etwas Eßbares mußte es jedenfalls sein. Die vierjährigen Zwillinge, Martin und Philipp, wühlten seelenvergnügt in dem kleinen Stücklein Land, das man ihnen überlassen, machten Berge und Täler und steckten Grashälmchen und Gänseblümchen ringsherum. Dazwischen verlangten sie aber immer wieder, das zarte, einzige Schwesterlein zu küssen, das von einem schlanken, schönen, aber sehr bleichen Mädchen im Sonnenschein auf und ab getragen ward.
Mit großer Geduld und Freundlichkeit hörte »Goldschmieds Annchen« auf das Geplauder der munteren Jungen, beantwortete ihre Fragen und gab ihnen guten Rat. Wenn sie aber, das Kindchen zärtlich im Arm wiegend, den langen Gang auf und nieder wandelte, schweifte der Blick ihrer ernsten, dunkeln Augen sehnsüchtig ins Weite, und dann und wann fiel eine Träne auf das weiße Kissen des zarten Kindleins. Das war den Zwillingsbrüderchen nicht entgangen. Sie suchten eifrig im jungen Grase, fanden wirklich einige halbgeöffnete Schneeglöckchen und Veilchen und reichten sie der Traurigen lächelnd hin. »Anna muß nicht mehr weinen«, baten sie. »Liebe, gute Herzensanna muß sich freuen! Es gibt ja wieder Blumen!«
Zärtlich erwiderte die Jungfrau, die sich auf eine Bank niedergelassen hatte, die Liebkosungen der Kleinen; aber ihre Tränen flossen unaufhaltsam! Ach ja! Alles ward nun mit neuem, frischem Leben erfüllt; aber wer im finsteren Kerker schmachtete, oder gar schon im verlassenen geschändeten Grabe lag, dem blühte kein Blümlein mehr!
Da kam Franz, der im Hofe gewesen war, eilig gesprungen.
»Mutter ruft dich, liebes Annchen«, sprach er. »Du möchtest Klein-Mariechen zu Muhme Grete bringen und dann das Gastgemach rüsten helfen. Es ist ein Bote vom Landungsplatz gekommen; Vater wird zwei fremde Gäste mit heimbringen.«
Ueber Annas Gesicht flog ein schnelles Aufleuchten, als sie das Kindchen in ein behagliches Stüblein trug, wo die gute Grete eifrig nähend am Fenster saß. Sie war sehr gealtert; weißes Haar sah unterm Häubchen hervor, und ihre rüstige Kraft war gebrochen durch den Kummer um den geliebten Bruder. Aber der mächtige Korb voll hilfsbedürftiger Kleidungsstücke, der neben ihrem Armstuhl stand, bewies, daß sie nicht unnütz war in dem gastfreundlichen Hause.
»Ihr möchtet das Kindlein ein wenig hüten«, sprach Annchen mit bebender Stimme. »Herr Burkhardt bringt zwei fremde Gäste mit vom Hafenplatz.«
Ihre Stimme war so erregt, und die Hände zitterten so sehr, daß Grete ihr schnell das Kindlein abnahm.
»Armes Kind!« sprach sie zärtlich. »Hoffst du immer noch? Ach, gib doch unsere Geliebten in Gottes Hand! Gewiß haben sie längst überwunden und tragen das Lichtkleid droben im Himmel.«
»Es sind ~zwei~ fremde Gäste«, wiederholte das Mädchen halb träumend und ging still hinaus. --
Der Tisch im besten Gemach war aufs sauberste gedeckt, in der Küche duftete es nach allerlei guter, kräftiger Speise, auch war das Mittagläuten längst verklungen, aber auf den Hausherrn und die Gäste wartete man immer noch vergebens. Die Knaben hatten sich sauber waschen und in die Sonntagswämschen kleiden müssen, da der Vater es gern sah, wenn sie, sittsam und bescheiden am unteren Ende des Tisches stehend, an der Mahlzeit teilnahmen.
Endlich währte ihnen das Warten zu lange. »Dürfen wir wohl bis auf den Marktplatz laufen«, fragte Franz, »und sehen, wo der Herr Vater bleibt?«
»Ja, aber du allein«, entgegnete die Mutter; »Peter und Paul sind zu wild und möchten stören.«
Der Knabe enteilte, kehrte aber bald ganz aufgeregt zurück:
»O Mutter, sie kommen! Der Herr Vater führt einen ganz bleichen, abgemagerten Mann, und mit ihnen ist ein rauher schwarzlockiger Gesell in Schifferkleidung. Sie kommen nur langsam vorwärts, da sich viele Leute um sie drängen, um dem blassen Manne die Hand zu reichen. Aber sieh, Mutter, sieh! Was ist mit Annchen?«
Frau Burkhardt sprang eben noch schnell zu, um das Mädchen in die Arme zu schließen, das ohnmächtig umsank. Man brachte es in sein sauberes Kämmerlein, legte es ins schneeweiße Himmelbett, und die treue Grete übernahm die Pflege ihres Lieblings. Die Ohnmacht ging bald vorüber, und ein beruhigender Trank verschaffte dem Mägdlein einen langen Schlaf, aus dem es erst am späten Nachmittag erwachte.
Aber Grete saß nicht mehr am Lager; Frau Burkhardt hatte ihren Platz eingenommen, und war sichtlich bewegt, als Annchens große traurige Augen ängstlich fragend zu ihr aufblickten.
»Mein teures Kind«, begann sie endlich, »gib dich geduldig in Gottes Willen! Der bleiche Mann ist nicht dein geliebter Vater; es ist Pater Thomas, Gretes Bruder! In ihrem Stübchen sitzen sie jetzt zusammen und haben einander viel zu erzählen. Gelt, du gönnst es ihnen?«
»O wie sehr, wie sehr!« rief das Mädchen. »Aber wo ist mein lieber Vater?«
»Komm, lege deinen Kopf an meine Brust! Dein teurer Vater ist da, wo kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz mehr ist; nichts als Freude und Wonne, Lob und Preis!«
»Haben ihn die Grausamen getötet?« fragte das Mädchen leise.
»Nein! Ganz sanft und friedlich ist er entschlafen, mit einem herrlichen Bekenntnis seines Glaubens auf den Lippen! Der Freund hat an seinem Grabe gekniet und darüber gebetet! Droben im Himmel trägt er die Krone der Ueberwinder; dort wirst du ihn wiedersehen, um nie, nie mehr von ihm getrennt zu werden!«
Lange lag das Haupt des Mägdleins an der Brust der Beschützerin, und die heißen Tränen flossen unaufhaltsam. Endlich aber richtete es sich auf und rief, die Hände emporhebend:
»O Gott, ich danke Dir! Sie durften ihn nicht martern, nicht zum Scheiterhaufen schleppen! Sie durften ihn nicht von dem Freunde trennen, der ihm solch ein Trost war! Und nun hat er auch lieb Mütterlein wieder, nicht wahr?«
»Gewiß! Sie sind vereint vor dem Thron des Heilandes!«
»So will ich jetzt aufstehen und den guten Pater Thomas grüßen. Er soll mir alles, alles erzählen vom lieben Vater!«
»Nicht heute abend«, mahnte Frau Burkhardt; »es möchte für dich und auch für ihn zuviel werden. Er sitzt jetzt mit Gottfried zusammen und läßt sich von eurer Flucht erzählen. Dann muß er zu Ruhe gehen, denn er ist sehr ermattet. Versuche ein wenig zu essen und dann schlafe wieder, mein armes Kind.«
Das Mädchen gehorchte. Aber am nächsten Tage, als die Knaben wohl aufgehoben waren bei dem strengen Magister, der sie täglich einige Stunden lehrte, saß es mit dem Leutpriester im stillen Erker und lauschte gespannt seinen Worten. Sie war sehr gewachsen in diesem Jahre, so daß Thomas sie mit tiefer Verneigung grüßte. »Ach, lieber Herr Leutpriester«, hatte sie ganz erschrocken gesagt, »ich bin ja das Annchen! Kennt Ihr mich denn nimmer?« Ach, er kannte sie nur zu gut! Er glaubte nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben, als dies edle und doch so kindliche Antlitz, diese herrlichen, ernsten Augen, diese feine, schlanke Gestalt. Aber jetzt erzählte er ihr vom Vater, und durchlebte dabei selbst die Leidenszeit noch einmal. Er sprach auch von dem himmlischen Trost, der ihnen so reichlich zugeflossen; er schilderte die innige Freundschaft, die ihn mit dem teuern Gefährten verbunden und alles Leid versüßt hatte. Wie nahe er nach dem Tode des Freundes der Verzweiflung gewesen und nur durch Gottes Gnade davor bewahrt worden sei, verschwieg er ihr nicht. Nur die eine leise, zögernde Frage, die er einst an den Leidensgefährten gerichtet, blieb sein Geheimnis. Es war noch nicht Zeit, die Antwort zu verraten, denn das treue, liebreiche Kindesherz meinte, das Leben werde nur noch ein Warten sein auf Wiedervereinigung mit den seligen Eltern.
»Werde ich die Geliebten auch erkennen?« fragte es, als Thomas seinen Bericht geendet. »Werde ich sie herausfinden aus der Menge der Seligen, die in weißen Kleidern den Thron des Lammes umgeben?«
»Gewiß, liebe Jungfer Anna! Erkannten doch die Jünger den Moses und Elias, deren verklärte Gestalten auf dem Berg Tabor erschienen! Hoffte doch David, zu seinem Söhnlein zu fahren, da es nicht wieder zu ihm kommen konnte!«
Anna schwieg eine Weile in tiefem Sinnen, dann begann sie zögernd:
»Zürnt mir nicht, lieber Pater Thomas, wenn ich noch mehr frage. Seht, der Vater war bereit, sein Leben zu opfern um des Glaubens willen. Wird er nicht droben unter der Schar der Märtyrer leuchten, so daß ich armes Kind gar nicht zu ihm gelangen kann?«
»Liebe Jungfer Anna«, erwiderte Thomas, »Ihr stellt Euch dies alles zu menschlich, zu irdisch vor! Bedenket doch, alle Seligen werden den Heiland schauen, alle werden vor Gottes Angesicht stehen! Wie sollten sie einander nicht kennen? Raum und Zeit werden ja nicht mehr sein; kein Harren, kein Sehnen, kein Warten! Was kein Auge gesehen, was kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist, ~das~ hat Gott bereitet denen, die Ihn lieben!«
»Das ist wohl herrlich«, erwiderte das Mädchen; »aber wenn ich nun in den Himmel komme, werde ich doch gleich Gott bitten, mich zu Vater und Mutter zu weisen. Gelt, das ist nicht unrecht?«
Auf diese kindliche Rede erwiderte Thomas nur durch leises Kopfschütteln, blickte noch lange nach der Tür, durch die das Mädchen verschwand, und seufzte tief.
Gottfried hatte ihn gestern begrüßt. Er wohnte im Hause des besten Goldschmieds der Stadt, in dessen Werkstatt er lohnende Arbeit gefunden. Ein bildhübscher Bursche war er immer gewesen, jetzt aber hatte er in männlicher Schönheit vor der abgemagerten Gestalt des armen Leutpriesters gestanden. Von klein auf war er Annchens Gespiele und ritterlicher Beschützer gewesen, und was hatte er im letzten Jahre für sie getan! Die alternde Mutter verlassen, auf sein Erbe verzichtet, alle Gefahren und Beschwerden der Flucht ertragen. Ja, er hatte ein treues Herz! Unaufhaltsam waren seine Tränen geflossen, als er gestern vom Tode seines geliebten Meisters hörte. Sollte er nicht den ersten Platz in Annchens Herzen einnehmen? Nun, es mußte sich ja bald entscheiden. Er wollte ganz still sein, und gern einsam durchs Leben gehen, wenn das Kind nur glücklich ward!
Aber was war denn aus Dietrich, dem wackeren Retter, geworden? Ei, der saß im Hofe unter den Knechten und Gehilfen und ließ sich ein gutes Frühstück von Brot, Käse und Bier gar trefflich schmecken. Am ersten Tage hatte man ihn genötigt, sich mit an die Herrentafel zu setzen, und ihm viel Ehre erwiesen. »Einmal macht man das wohl durch«, hatte er dann zu Thomas gesagt, »aber zum zweitenmal nicht.« Ich bin von grobem Holz und paß nicht zu Silber und Kristall. Daß ich dir aus dem Loch geholfen hab', ist mir eine Lust gewesen; aber nun ist's abgetan! Solang du bei Herrn Burkhardt bleibst, dien' ich ihm gern; wenn du fortgehst, geh ich mit. Wirst mich schon brauchen können.«
So griff er überall mit an, und trug Lasten, die sonst für zwei zu schwer waren, spielend auf dem breiten Rücken. Bald hingen alle sechs Jungen an ihm wie die Kletten, waren seines Lobes voll, ritten auf seinen Schultern und lauschten atemlos dem Bericht seiner unzähligen lustigen Abenteuer. Die Liedlein, die sie ihm ablernten, gefielen der Mutter freilich nicht immer und erschallten nur im Kinderwinkel des Gartens.
Bei der schnellen Ausbreitung der Reformation fehlte es oft, besonders auf dem Lande, an Predigern und Lehrern, die fähig waren, das arme, geistig so ganz vernachlässigte Volk zu unterrichten. Sehr viel war darin schon geschehen, so daß Luther rühmen konnte, die kleinen Knäblein und Mägdlein in den Schulen wüßten jetzt mehr von Gottes Wort zu reden, als früher alle Stifte und Klöster zusammen. Dennoch trafen immer neue Bitten um Prediger und Lehrer ein, und, ach, wie gern wäre Thomas recht bald einem solchen Rufe gefolgt! Da aber sein von Natur zarter Körper durch die Leiden des letzten Jahres erschöpft war, ließen es die Freunde noch nicht zu. Desto fleißiger besuchte er die Prediger der guten Stadt, unterredete sich mit ihnen, und brachte so viel große, dicke Bücher in sein Stübchen geschleppt, daß die Buben meinten, es müsse sich eine prächtige Festung daraus bauen lassen.