Part 13
Wenn er dann zur Erholung im Garten auf und nieder wandelte, wo jetzt alles gar herrlich grünte und blühte, gesellte sich Annchen oft ganz harmlos zu ihm und wollte immer wieder vom lieben Vater erzählen hören. Ihre Trauer aber war milder geworden; der himmlische Trost haftete mehr und mehr in ihrem frommen Herzen, und auch die reiche Liebe, mit der sie umgeben war, beglückte sie. War doch im ganzen Hause niemand, der nicht versucht hätte, sie zu erfreuen und ihr jeden Wunsch zu erfüllen.
Wohl hatte sie schon bisher gar andächtig die schlichten evangelischen Predigten gehört, und fleißig an der Katechismuslehre teilgenommen, die mit jung und alt gehalten wurde. Aber gar oft war es ihr schwer geworden, ihre Gedanken recht zu sammeln. Gar so gern schweiften sie zurück in die glückliche Vergangenheit, oder flogen sehnsüchtig und ängstlich in die Ferne. »Wo mochte der liebe Vater wohl sein? Schon droben im Himmel oder noch im finsteren Gefängnis? Ach, er hatte ja gar nichts Böses getan, ringsum nur Liebe und Wohltat erwiesen! Sie mußten ihn ja bald freilassen!« So hatte ihr Herz zwischen Furcht und Hoffnung geschwankt; jetzt aber war das alles vorbei. Nun war ihr sehnlichster Wunsch, dort recht heimisch zu werden, wo der so sehr Geliebte jetzt wohnte. Wenn sie sich zum Kirchgang bereitete, klopfte ihr Herz freudig; es war ihr, als besuche sie den Vater. Wenn sie einstimmte in die herrlichen Lieder, die Luther und seine Gefährten der jungen Kirche geschenkt, da meinte sie oft, des Vaters Stimme im Chor zu hören. War es doch der Seligen schönstes Vorrecht, am Thron des HErrn Loblieder zu singen! Wenn ihr Blick auf die prächtigen Glasmalereien der Fenster fiel, ward sie erinnert an den von wunderbar leuchtenden Edelsteinen bedeckten Grund des himmlischen Jerusalems! Auch der Predigt lauschte sie jetzt viel gesammelter als früher. Galt es doch, den Weg des Glaubens, der zum ewigen Leben führt, immer besser zu lernen, immer gehorsamer zu wandeln! Am meisten gingen ihr des Leutpriesters Worte zu Herzen. Man ließ ihn oft predigen, und er tat es gern, denn seine erwachende Kraft sehnte sich nach Tätigkeit. Den herrlichen, prächtigen Dom zu füllen, reichte seine Stimme freilich nicht aus, aber in einer der zahlreichen kleineren Kirchen der Stadt bestieg er gern die Kanzel oder den Lehrstuhl, und hatte andächtig lauschende Zuhörer.
So zog leise, leise Trost und Frieden und endlich auch ein wenig Freude am Leben in Annchens junges Herz ein.
Aber war's nicht seltsam, daß Thomas sich mehr und mehr von ihr zurückzog, je heiterer sie ward? Selbst die Knaben merkten es.
»Du«, sprach Paul einst geheimnisvoll zu Peter, »ich denk', der Herr Leutpriester und Annchen haben sich gezankt.«
»Red' nicht so dumm! Große Leut' zanken sich nimmer.«
»Doch! Wenn sie sonst so traurig in der Gartenlaube saß, den Kopf in die Hand gestützt, und immer mit dem Tüchlein die Augen wischte, da hat er sich zu ihr gesetzt und ihr Trost zugeredet. Wenn aber unsereins kam und was von ihr begehrte, war's nicht recht. Jetzt ist's ganz anders! Sie mag nimmer mit ihm allein sein, und macht sich alleweil mit den Kleinen zu schaffen, wenn er kommt.«
»Das macht, weil er ein Pfarrer ist«, entgegnete Peter mit großer Sicherheit. »Die Pfarrer machen sich immer am liebsten an die traurigen Leut'; darum werd' ich auch mein Lebtag keiner.«
»Ich auch nicht«, stimmte Paul bei. »Ich werd' ein Reiter oder ein Fuhrmann. Ein Roß muß ich haben; das ist gewiß!«
»Ich werd' aber ein Schiffer«, rühmte sich Peter. »Dann fahr ich die Elbe hinab und übers Meer; da kannst du mit deinem Roß nimmer hin.«
»Prahlhans du!« rief Paul entrüstet. »Dann sind wir ja nimmer beisammen!«
»'s ist auch wahr! Zusammen müssen wir bleiben, sonst wird's langweilig. Komm, laß uns hinten im Garten einen Turm bauen.«
Der Sommer war vergangen; der Herbst mit seinem frischen Wind, seinem tiefblauen Himmel und milden Sonnenschein färbte auch in Burkhardts Garten die Aepfel und Birnen goldig und rot. Da konnte Dietrich nach Herzenslust auf die Bäume klettern, der jubelnden Kinderschar die Früchte herunterschütteln und die schönsten sorgfältig in Körbe pflücken. Jetzt aber schaute er nimmer sehnsüchtig hinaus in die Welt; dazu hatte er den blassen, ernsten Mann, der fern von den jauchzenden Buben den langen Gartenweg auf und nieder wandelte, viel zu lieb.
Ja, Thomas hatte gar ernste Gedanken; er sollte nun wirklich ein Prediger der evangelischen Lehre werden, für die er so viel gelitten. Er war zum Pfarrer eines großen Dorfes, ein paar Stunden von der Stadt entfernt, berufen. Als er für den alten, kranken, nun sanft entschlafenen Vorgänger einigemal gepredigt, hatten ihn die Leute liebgewonnen, und taten nun ihr möglichstes, das geräumige Pfarrhaus sauber und wohnlich zu machen.
»Ihr tut zuviel«, hatte der bescheidene Mann gesagt. »Meine Schwester und ich sind Bauernkinder und mit allem zufrieden. Zwei saubere Stüblein sind genug für uns.«
»Jetzt wohl«, erwiderte ein alter freundlicher Mann, »aber es soll ja nicht so bleiben! Gott schenk' Euch bald ein treues Ehegemahl und muntere Kinderlein. Die werden das Haus schon füllen!«
Lächelnd wandte er sich ab, da ihm nicht entging, daß heiße Röte das bleiche Antlitz des neuen Pfarrers überzog.
Ach, dieser neue Pfarrer, der so viel erlebt, so tapfer gekämpft und so geduldig gelitten hatte, war, wenn es galt, etwas für sich selbst zu verlangen, der kleine, schüchterne Thomas geblieben, der Trost und Rat bei der Schwester suchte.
»Grete«, sprach er geheimnisvoll, als er sie in ihrem Stübchen aufgesucht, »die Leute draußen sagen, ich solle ein Weib nehmen.«
»Da haben sie recht«, war die Antwort. »Bist ja längst alt genug dazu. Auch fürs Kind ist's besser, wenn es bald weiß, woran es ist.«
»Für welches Kind?« fragte der Bruder.
»Na, fürs Annchen, du Träumer! Hast du denn nicht gemerkt, daß sie dich schon gern hatte, ehe all das Herzeleid über uns kam? Und jetzt wär' ihr wohl das Herz gebrochen, wenn ~du~ ihr nicht Trost gebracht hättest. Gelt, du hast sie auch gern?«
»Gern?« rief Thomas in ganz verändertem Ton. »Lieb hab' ich sie, tausendmal mehr als mein Leben! Als sie mir die ersten lateinischen Worte nachsprach, schien sie mir schon ins Herz wie ein helles Lichtlein. Aber damals hielt ich's ja für eine große Sünde und kämpfte es nieder.«
»Nun, so sei jetzt ein Mann«, sprach Grete ernsthaft; »geh bald zu Herrn Burkhardt und bitt' ihn um die Hand des Mägdleins, eh' es zu spät ist.«
»Warum zu spät?«
»Ei, es ist neunzehn Jahr, schön, klug und geschickt; auch wird es Herr Burkhardt nicht ohne Mitgift ziehen lassen.«
»Danach frag' ich nicht«, rief Thomas stolz.
»Aber andere tun's, und könnten dir zuvorkommen.«
»Sag' mir nur noch eins. Wie steht's mit Gottfried? Schön, stattlich und vornehm geht er einher. Wie, wenn ihr Herz sich zu ihm neigte?«
»Da sei ganz ruhig! Den hält sie wie einen Bruder; das ist ein ganz ander Ding.«
»Es ist seltsam, wie Frauen das alles bedenken und verstehen«, sprach Thomas und ging nachdenklich davon.
Aber schon am nächsten Abend gab es ein Brautpaar im Hause, zur herzlichen Freude von groß und klein. Des Vaters Segen war schon ein Jahr vorher leise im Gefängnis gesprochen worden; jetzt gaben Herr Burkhardt und sein Weib den ihren dazu.
Allzulanger Brautstand war damals nicht Sitte; darum hoffte Thomas, sein Annchen gleich mit hinaus ins Pfarrhaus nehmen zu können. Doch litt es Frau Burkhardt nicht. »Das liebe Kind ist zart«, sagte sie, »und würde sich erkälten und überanstrengen in dem zugigen Hause, wo Maurer und Zimmerleut' immer noch zu tun haben. Auch laß ich es nicht unbegabt ziehen. Da mir aber Gott erst vor kurzem ein Töchterlein geschenkt hat, sind meine Truhen zwar mit Leinwand wohl gefüllt, doch ist noch nichts verarbeitet. Darum behelft Euch noch eine Zeitlang mit Eurer Schwester, mein guter Herr Pfarrer, und der treue Dietrich geht wohl auch mit.«
Und ob er mitging! Ja, er brachte sogar ganz neues Leben in die Maurer und Anstreicher, die damals schon für langsame Gesellen galten. Und wo's nicht vorwärts ging, half er mit einem Puff nach, legte selbst mit Hand an und tat's allen zuvor. Im Patrizierhaus aber wandelte man zwischen ganzen Gebirgen von schneeweißem Leinen und schimmernder Wolle. Alle weiblichen Hände regten sich emsig, ja etliche arme Näherinnen der Stadt wurden in Dienst genommen, um die mit reichem Schnitzwerk geschmückten, silberbeschlagenen Truhen zu füllen, die Herr Burkhardt seinem Pflegetöchterchen verehrt.
Zu aller Freude begannen sich die bleichen Wangen dieses Töchterleins zu röten, ihr Schritt ward elastischer, ihr Gemüt heiterer, und ihr dankbares Herz war bemüht, allen noch so viel Liebe als möglich zu zeigen, ehe sie das Haus verließ.
Daß dies überhaupt geschah, war den Buben nicht ganz recht; doch trösteten sie sich mit der Hoffnung auf ein prächtiges Hochzeitsfest, wo manche Lust und manch guter Bissen für sie abfallen würde.
»Es wird so werden«, erklärte Peter mit großer Bestimmtheit, »wie letztes Jahr, als Bürgermeisters Magdalene den jungen Ratsherrn Langsdorf heiratete. Weißt du noch, wie prächtig die Gasse geschmückt war, die zum Domplatz führt? Kein Steinlein war zu sehen vor bunten Teppichen und gestreuten Blumen.«
»Gibt jetzt keine Blumen«, wandte Konrad ein.
»Doch! Annchen kriegt ein Myrtenkränzlein aus Gärtner Fischers Warmhaus.«
»Das ist gut«, meinte Paul; »und ein Kleid von weißem Atlas, mit Gold gestickt, muß sie auch haben. Sie ist ja viel holder und hübscher als die Magdalene.«
»Ach was!« wandte Peter ein. »Nach dem Weiberstaat schau' ich nit! Aber die wackere Musik, die damals vom Balkon des Rathauses gemacht ward, die mocht' ich leiden! O, Musik hab' ich gar zu gern! Der Herr Vater hat mir zum Christtag eine Laute versprochen.«
»Da geh ich in Stall, wenn du drauf 'rumklimperst«, bemerkte Paul ruhig. »Ich lob' mir das Essen! Magdalenens Bruder hat mich ja in Saal gucken lassen, als die Tafel gedeckt war. O welch eine Pracht! Gefunkelt hat's von Gold, Silber und Edelstein! Und wie roch's in der Küche!«
»Ja«, stimmte Konrad bei, »ich weiß noch! Und gegen den Abend kamen Knecht' heraus mit großen Körben, die warfen süße Küchlein und buntes Zuckerwerk aus unters Volk. Da haben wir wacker mit aufgefangen!«
»Und des andern Tags hat uns der Herr Vater wacker gescholten«, wandte Peter ein. »Er sagt', wir seien Patrizierkinder, und sollten uns schämen, nach Geschenk zu haschen. Den Franz aber hat er gelobt, denn der hatt' so lieblich die Einzelstimme gesungen unter dem Knabenchor, das das schwere Stück ausführte nach der Traupredigt im Dom.«
»Ja, der Franz, der ist eben alleweil brav«, schloß der kleine Konrad. »Das denk' ich mir langweilig. Na, Kuchen kriegen wir diesmal gewiß soviel wir nur mögen, denn es ist ja ~unser~ Annchen, das Hochzeit hält.«
Die kleinen Schelme hatten vergeblich gehofft auf große Gesellschaft, auf Pracht und Glanz, auf herrlichen Gesang und Orgelspiel im Dom und auf seltene Leckerbissen. Ihres Annchens Hochzeit ward ganz still im Hause gefeiert. Aber schön und feierlich war es doch, und die Buben durften, still in der Fensternische stehend, alle dabei sein.
Bald nach dem Weihnachtsfeste, als wohl etwa ein volles Jahr vergangen war seit des Goldschmieds Tode, traten sein Leidensgefährte und sein Töchterlein zusammen an Herrn Burkhardts kleinen Hausaltar. Thomas trug einen neuen, pelzverbrämten Pfarrersrock, so schön und fein, wie er noch nie etwas gehabt; Annchen sah im dunkeln seidenen Gewand und der feinen weißen Spitzenkrause gar lieblich aus. Ihr blondes Haupt war wirklich mit dem frischen Myrtenkränzlein aus Gärtner Fischers Warmhaus geschmückt. Mit gefalteten Händen stand die kleine tiefbewegte Hausgemeinde umher, Franz rührte zart die Laute, und alle stimmten das schlichte, dem Psalm nachgebildete Hochzeitslied Doktor Luthers an:
»Wohl dem, der in Gottesfurcht steht Und auch auf Seinen Wegen geht! Dein' eigne Hand dich nähren soll, So lebst du recht und geht dir wohl!
Dein Weib wird in dein'm Hause sein Wie ein Reben voll Trauben fein, Und dein' Kinder um deinen Tisch Wie Oelpflanzen gesund und frisch.
Sieh, so reich' Segen hangt dem an, Wo in Gottesfurcht lebt ein Mann; Von ihm läßt der alt' Fluch und Zorn, Den Menschenkindern angeborn.
Aus Zion wird Gott segnen dich, Daß du wirst schauen ewiglich Das Glück der Stadt Jerusalem, Vor Gott in Gnaden angenehm.«
Mit gar herzlichen, innigen Segensworten gab dann der weißhaarige Dompfarrer, der auch viel Kampf und Leid um des Evangeliums willen erduldet hatte, die beiden so hart geprüften, jetzt aber so glücklichen Leute zusammen und sprach den Segen des HErrn über sie. Wohl flossen Annas Tränen reichlich, als sie der teuern Eltern gedachte, aber bald siegten Dank und Freude über die Traurigkeit.
An dem feinen, aber schlichten Festmahl, was darauf stattfand, mußte Dietrich trotz allem Widerstrebens teilnehmen, und zwar in neuer, stattlicher Kleidung. Er hatte sich so lange gesträubt, daß Thomas endlich ungeduldig in den alten Schulton gefallen war und, ihn beim Arm fassend, gesagt hatte:
»Dummer Kerl! Ohne dich wäre ja gar keine Hochzeit! Ich stäk' noch im Loch oder wäre tot, und das Annchen welkte dahin in Sehnsucht und Herzeleid! So ein Bursch, wie du, wird doch sein eigen Werk anschauen können!«
Zuerst dünkte das Tischgespräch den Knaben unten an der Tafel allzu ernst für eine Hochzeit. Als aber die Rede auf des jungen Ehemannes Vergangenheit kam, und er so rührend und ergötzlich erzählte von Muhme Lene, von der Klosterschule und zuletzt vom Fischerdörflein mit seinem lieblichen Weihnachtsfest, da vergaßen sie fast das Essen über dem Zuhören und flüsterten einander zu, schöner könne es auf des Ratsherrn Hochzeit auch nicht gewesen sein.
Nur Konrad hatte ein kleines Bedenken, und vertraute es der Mutter an, als sie an seinem Bettchen knieend mit ihm das Abendgebet gesprochen hatte.
»Sag', Mütterchen, sind wir ebenso reich als der Herr Bürgermeister?«
»Ei, was fragt mein kleiner Bub nach Reichtum?« entgegnete die Mutter lächelnd.
»Für mich nicht«, sprach der Kleine, »nur fürs Annchen! Es ist so viel schöner und holder als Bürgermeisters Lene. Warum habt Ihr nicht eine so prächtige Hochzeit gemacht? Bäckers Friedel sagte, Ihr tätet's nicht, weil sie ein armes Waislein sei. Ist's wahr, Mutter?«
»Nein, mein Kind! Anna ist nicht arm! Sie bringt dem Herrn Thomas viel edlere Güter mit als Gold und Silber. Ein reiches Hochzeitsfest haben wir nicht bereitet, weil Annchens liebe Eltern nicht mehr auf Erden sind. Auch ist jetzt eine schwere, ernste Zeit, und vielleicht sendet Gott bald Krieg und allerlei Unglück. Darum feiert man keine glänzenden Feste. Ihr Kinder versteht noch nichts davon, aber doch sollt ihr zu Gott beten um Frieden und Schutz gegen die Feinde. Falte deine Händchen noch einmal und sprich mir das Verslein nach:
›Verleih' uns Frieden gnädiglich, HErr Gott, zu unsern Zeiten! Es ist ja doch kein andrer nicht, Der für uns könnte streiten, Denn Du, unser Gott, alleine!‹«
12. Krieg und Frieden.
Ja, die Evangelischen hatten zu jener Zeit wenig Lust, frohe Feste zu feiern. Aus Wittenberg traf immer neue Kunde ein, daß der tapfere Held, der fast dreißig Jahre lang unermüdet für die Wahrheit gekämpft hatte, nun alt und müde ward. Ach, eine schwere Sorge lastete auf seinem treuen Herzen! »Krieg um des Glaubens willen!« Dieser Gedanke war ihm stets furchtbar gewesen. Nur eine einzige Waffe sollten seine Anhänger führen: das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes! Bisher war es gelungen! Während die Gegner das Blut der Märtyrer in Strömen vergossen, hatte noch kein Protestant das Schwert erhoben zur Verteidigung seines Glaubens. Freilich waren schon im Jahre 1531 einige evangelische Fürsten zum sogenannten Schmalkaldischen Bunde zusammengetreten und hatten gelobt, »alle für einen und einer für alle« zu stehen im Fall der Not.
Schon längst hatte der Papst dem Kaiser vorgeworfen, daß er wohl gegen auswärtige Feinde, ja gegen Türken und Seeräuber kämpfe, aber im deutschen Reich der Ketzerei freien Lauf lasse. Aber der Kaiser hatte immer noch den Wunsch und die Hoffnung, in seinem ganzen Reiche eine Reformation an Haupt und Gliedern vornehmen zu lassen, und hoffte das durch Konzilien und Kirchenversammlungen zustande zu bringen. Da aber der Papst fest auf seinen Irrtümern, die Evangelischen dagegen fest auf der Wahrheit bestanden, wurden alle diese Pläne vereitelt.
Da schloß Karl V. endlich mit seinen ausländischen Feinden Frieden, ließ die Streitigkeiten mit dem Papst ruhen und verband sich mit ihm gegen die Protestanten.
Ja, wohin man schaute, drohte Gefahr; darum war das Verslein, das Frau Burkhardt ihren kleinen Sohn lehrte, gar sehr an der Zeit. Für das Heil der Kirche zu beten, hielt ja auch Luther für die Pflicht und Aufgabe der Frauen und Kinder.
Das Sprechen und Urteilen über geistliche und weltliche Streitigkeiten blieb jedoch zu jener Zeit fast ganz den Männern überlassen. So bestürmten auch Frau Burkhardt und Anna ihre Männer nicht mit Fragen, wie wohl alles stehe und werden würde, sondern begnügten sich damit, ihnen die Heimat so traut und behaglich zu machen als möglich, damit sie an Leib und Seele ausruhen konnten von Sorge und Arbeit.
In gutem Frieden führten Annchen und Grete des Leutpriesters Haushalt. Doch nein, er hieß ja jetzt Herr Pfarrer Brandt, und freute sich kindlich, den ehrlichen Vatersnamen wieder tragen zu dürfen, den er seit seiner Klosterzeit kaum mehr gehört. Grete besaß ein eigenes Stübchen, so behaglich eingerichtet, daß sie sich nach der Arbeit gern dahin zurückzog. Thomas klagte zwar, die Schwester reiße jedesmal aus, wenn er das Wohngemach betrete, doch ließ sie sich nicht stören. »Junge Leut' wollen auch einmal für sich sein«, sagte sie zu dem schneeweißen Kätzchen, das ihr schnurrend entgegenkam, »und meinen Beinen tut's wohl, wenn ich sie auf dem wackeren Ruhebettlein ausstrecken kann, das mir Herr Burkhardt verehrt.«
Auch für Dietrich, den braven Retter, hätte man gern eine schöne Kammer und ein weiches Bett hergerichtet, wenn er's nur gelitten hätte. Aber ihn zog's zu dem schmucken Rößlein, das den neuen Pfarrer in das entfernte Dorf, das zu seinem Amtskreis gehörte, tragen sollte. Wieder einmal im Stall zu schlafen, was er als Knabe so gern getan, gefiel ihm gar zu wohl! Einen Schuppen daneben richtete er sich als Wohngemach und Werkstatt ein, und fühlte sich sehr behaglich darin, da ihn der etwas wüste Raum an den geliebten Burgstall seiner Kindheit erinnerte. Dort betrieb er alle die Handwerke und Künste, die er in seiner unsteten Jugend gelernt, und die Bauern ließen sich's gern gefallen, daß im Pfarrhof nicht nur für die Seelen gesorgt, sondern auch zerbrochenes Werkzeug geflickt, stumpfe Messer geschliffen, krankes Vieh geheilt, ja selbst manches gute Tränklein für leidende Menschen gebraut wurde, ohne daß es einen Heller kostete.
Am liebsten aber hatten ihn die Buben! Durch dick und dünn kamen sie gelaufen, um, an dem kleinen Feuerherd hockend, den er sich gebaut, Dietrichs Erzählungen zu lauschen. Da schwärmte er ihnen vor von dem freien, wilden Leben, das er als kleiner Junge auf der Burg geführt, von den tollkühnen Ritten, die er mit den Knechten getan, von allerlei Gefahr und Abenteuer, das er erlebt. Aber das Allerbeste war doch die Geschichte von der Klosterschule. Gar zu gern hörten die Kinder, wie's dort zugegangen war, und mancher fuhr mit dem Aermel über die nassen Augen, wenn der riesenstarke Mann so zärtlich, ja so ehrfurchtsvoll schilderte, welch frommer, fleißiger Knabe der Herr Pfarrer gewesen, und wie treu er sich des Wildlings angenommen. Freilich waren diese prächtigen Geschichten nicht für alle zu haben. Wer in der Kinderlehre seinen Spruch oder seine Katechismusfrage nicht gewußt hatte, der kam gewiß nicht an Dietrichs Tür; er wäre doch fortgejagt worden, noch dazu mit einer Kopfnuß begabt. Für recht fleißige Schüler gab's dagegen Belohnungen, selbstgemachte Bälle, hölzerne Schwerter, Fähnlein oder dergleichen Dinge, die jedem Knaben willkommen sind.
Als aber der Frühling ins Land zog, ward das alles anders. Er brachte dies Jahr wohl Blümlein, grünende Wiesen und sprossende Felder, aber man konnte sich seiner nicht recht freuen. Trauer und Sorge erfüllte die Herzen; der Pfarrer mahnte ernstlich zur Buße und zum geduldigen Tragen des Kreuzes, das Gott senden werde. Den Tag über schaffte Dietrich mit gewaltigem Eifer und viel Geschick im Pfarrgarten, am Feierabend aber verschwand er in seiner Burg, wie er seine Wohnung nannte. Kein neugieriger Bube wagte, die Tür zu öffnen; es wäre ihm auch übel bekommen. Doch flüsterten sie untereinander, drinnen werde allerlei altes Gewaffen ausgebessert und geschliffen, denn es werde wohl Krieg geben.
Wie eine schwere Gewitterwolke, die sich jeden Augenblick entladen kann, um Tod und Verderben über das Land auszuschütten, hing die Kriegsgefahr über den evangelischen Ländern. Den großen Mann aber, der am brünstigsten um Abwendung der Gefahr betete, hatte Gott vor dem Unglück zu sich ins Reich des ewigen Friedens genommen. Mit Windeseile verbreitete sich die Trauerbotschaft weit und breit, daß Doktor Luther am 18. Februar in seiner Geburtsstadt Eisleben sanft und selig entschlafen sei. Um Frieden zu stiften zwischen den Grafen von Mansfeld, hatte er, schon matt und leidend, im kalten Winter die Reise unternommen, nun hatten die Engel seine Seele emporgetragen zum ewigen Frieden. Groß war der Schrecken und Jammer in ganz Deutschland! In feierlichem, immer mehr wachsendem Trauerzug ward die Leiche nach Wittenberg gebracht und einige Tage lang in der Schloßkirche aufgestellt. Bitterlich weinend kniete Frau Käthe mit ihren Kindern am Sarge des treuen, liebreichen Gatten und Vaters. Von nah und fern kamen viele, um noch einen Blick auf das edle Antlitz des entschlafenen Helden zu werfen.
Auch Herr Burkhardt machte sich eilend auf den Weg, und neben ihm im schnellen Wäglein saß Thomas, beide trauernd um den großen, gewaltigen Mann. Anna schaute ihnen vom Fenster aus nach, bis der Wagen zwischen Waldbäumen verschwand. Dann erhob sie den Blick zum Himmel, der heute freundlich und blau erglänzte wie in Frühlingsahnung. Sie sah im Geist die Engel Gottes die erlöste Seele des Helden ins Paradies einführen. Sie sah ihn knieen vor dem Thron des Lammes, dessen Namen er hienieden gepredigt. Sie sah, wie er sich, geschmückt mit der Krone der Ehren, unter die Schar der Seligen mischte.
In dieser Schar aber erblickte sie einen, um den sie gar oft noch im stillen weinte. O, könnte sie doch einmal an seinem verlassenen Grabe knieen, nur einmal ein Kränzlein darauf legen und Tränen der Liebe und Treue darauf weinen! Aber er war ja selig! Von seinen Augen waren alle Tränen abgewischt! Ob er wohl den kennen würde, der jetzt ins Himmelreich einzog? Ob er sich seines Anblicks freuen würde? --
War's nicht seltsam, daß er lebte, selig lebte, und doch von seinem geliebten Kinde gar nichts wußte? Daß es so war, bezweifelte Anna nicht; hatte es doch Thomas gesagt, der so viel, viel klüger war als sie! Aber begreifen konnte sie es nicht. Es wäre so schön gewesen, zu wissen, daß er sich ihres Glückes freue!
Aber wie? Schauten nicht die Männer und auch ihr lieber Thomas mit Bangen in die Zukunft? Ach, wie bald konnte aller Frieden, alle harmlose Freude dieses irdischen Lebens sich in Angst und Herzeleid verwandeln! Ja, da war's besser, daß die seligen Ueberwinder droben im Himmel nichts wußten von den Mühsalen und Aengsten der Kämpfer auf der armen Erde!