Part 11
Still und einförmig schlich die Zeit dahin, und ward besonders dem jungen, an stete Arbeit gewöhnten Manne fast unerträglich lang. Das Lebenslichtlein des Aelteren glimmte fort von einem Tage zum andern, von einer finsteren Nacht zur andern.
Oft und gern ließ er sich von dem jungen Freunde Psalmen oder andere tröstliche Stellen der heiligen Schrift vorsagen. Dann vergaßen beide ihr Leid und schauten durch eine goldene Tür ins ewige, selige Leben. Die müden Augen des Kranken strahlten, sein Mund lächelte, und die abgezehrten Hände streckten sich verlangend aus nach der himmlischen Heimat. Ja, sein geistiges Auge erblickte schon den Heiland, und unter den Lichtgestalten, die Seinen Thron umgaben, war Eine, die er auf Erden so innig geliebt!
»Sage mir doch, Herzensfreund«, bat Thomas leise, »gedenkst du nicht auch sehnsüchtig deines Kindes, das nun verlassen zurückbleibt?«
»Oft gedenke ich seiner«, erwiderte der Kranke; »doch habe ich es ganz in Gottes Hände gegeben, wo es sicherer ist, als in den meinen. Ich hoffe, nein, ich weiß, daß es wohlgeborgen in Magdeburg ist. Gott hat mir die Gewißheit ins Herz gegeben! Und nun versinkt das Irdische mehr und mehr vor meinem Blick; das Himmlische aber wird täglich klarer! Das Kind wird mir Gott bewahren; das geliebte Weib aber werde ich wiedersehen in ganz, ganz kurzer Zeit! Anbetend werden wir zusammen vor Seinem Throne stehen. Sollte ich mich des nicht freuen?«
Thomas schwieg lange. Endlich aber schlug er die Hände vors Gesicht und begann bitterlich, o so bitterlich zu weinen.
»Herzensbruder, was betrübt dich so sehr?« fragte der Kranke erschrocken. »Fürchtest du den Tod?«
»Nein, nein«, schluchzte der andere, »aber ich beklage das Leben! Ich kann nicht anders; es war so schön, so wunderschön!«
Sanft streichelte der alte Freund das Haupt des jüngeren und sprach:
»Schütte dein Herz aus, du Armer; verbirg mir nichts!«
Thomas war vom Schemel herab aufs Stroh gesunken und jammerte:
»O, es war so schön, so lieblich! Schon lange kämpfe ich dagegen, schämte mich aber, es dir zu sagen. Du bist ein Held; ich aber bin der Märtyrerkrone nicht würdig, denn mein Herz hängt noch am Irdischen! Wenn ich an mein Häuschen denke, so traut und freundlich, an die liebe Schwester, die so emsig drin waltete, an meinen Garten, an das schmucke Kirchlein, o wie weh wird mir da! Aber am meisten vermiß ich die Kinder! O meine Kinder! Mein kluger Hans, mein sanftes Mariechen! O meine Kinder, meine lieben Kinder!« Das Gesicht im Stroh verbergend schluchzte der Arme so heftig, daß seine abgezehrte Gestalt wie vom Fieber geschüttelt ward. »Und wie wird es jetzt sein?« fuhr er bitter fort. »Mit Schlägen wird man ihnen austreiben, was ich sie mit Liebe gelehrt! Wer am schnellsten herplappern kann, was er nicht versteht, wird der beste Schüler sein; aber die Herzen werden leer bleiben. O meine Kinder, meine lieben Kinder!«
Der Körper des jungen Mannes bebte vor Erregung, und das Stroh ward naß von den strömenden Tränen. Der ältere Freund ließ ihn voll ausweinen, dann sprach er mit sanfter Stimme:
»Armer Thomas! Es mußte so kommen! Ein junges Herz hängt am Leben! Sei nur ganz getrost! Ist's Gottes Wille, daß du ein Märtyrer wirst, so wird Er dir zur rechten Zeit Mut, ja Heldenmut verleihen, denn den Aufrichtigen läßt es der HErr gelingen! Doch hat Er auch Macht, dich zu erretten, und dir noch auf Erden alles zwiefach wiederzugeben, was du jetzt verlassen mußtest. Ja, Ihm ist's ein leichtes, dir diese Kerkertür aufzutun, daß du hinausgehest und Sein Wort predigest, vielen zur Seligkeit! Bedenke doch, deine geliebten Kinder sind noch viel mehr Gottes Kinder! Er kann den edlen Samen, den du in ihre Herzen gestreut, aufgehen lassen, wo und wann Er will! Bete du nur für sie und sei getrost!«
Erschöpft schwieg der Kranke, und lange war alles still. Der letzte Lichtschimmer, der durch das Gitter fiel, erlosch, und endlich ward es ganz finster.
»Schläfst du, Geliebter?« fragte Thomas leise.
»Nein; mein Gemüt ist zu bewegt.«
»Darf ich dir noch etwas sagen, ganz, ganz leise?«
»Gewiß.«
Sanft schlang Thomas den Arm um des Freundes Hals und sprach ganz leise wenige Worte zu ihm. Dann hielten sich beide noch eine Zeitlang umfaßt, bis die Müdigkeit sie übermannte und der ruhige Schlaf sie umfing, den Gott Seinen Kindern oft auch in tiefster Seelennot schenkt. Von diesem Abend an nannte Thomas den Goldschmied: »Lieber Vater.« --
Hatten die Gefangenen im Anfang ihrer Haft ängstlich die Tage gezählt, dann die Wochen, endlich einen Monat nach dem andern, so war dies nun vorüber. Es gab für sie überhaupt keine Zeit mehr; dagegen strahlte die Ewigkeit vor ihrem geistigen Auge. Daß Sommer und Herbst vorüber waren, wußten sie, denn die grünen Halme im Fensterloch waren gelb geworden und endlich ganz verschwunden. Kein Vöglein sang mehr draußen, wohl aber hörte man das Rauschen des kalten Regens. Die Steinmauern wurden feucht, und die wollene Decke schützte die Armen nur ungenügend in den kalten Nächten.
Eines Morgens aber hatte der Regen aufgehört und, zum erstenmal seit langer Zeit, erhellten einige Sonnenstrahlen das Gefängnis. Nicht mit Schrecken, wohl aber mit tiefer Wehmut sah Thomas, wie tief die Wangen des Freundes eingefallen waren. Die Augen strahlten in überirdischem Glanz, aber wenn sie geschlossen waren, glich das Antlitz dem eines Toten. Seit einigen Tagen waren nur wenige Worte des Gebets und der Liebe zu dem Gefährten über die bleichen Lippen gekommen. Das Ende mußte ganz nahe sein! Der Kerkermeister hatte die warme Milch gebracht, und Thomas war bemüht, dem Freunde ein wenig davon einzuflößen, mit sanfter Stimme Worte des Trostes sprechend.
Horch! Da rasselte zu ganz ungewohnter Stunde der Schlüssel des Wärters; die Tür ging auf, und zwei Männer in geistlichem Gewand traten ein. Der erste war nur ein dienender Bruder, der einen gepolsterten Schemel und eine Pelzdecke trug; in dem andern aber erkannte Thomas sofort den finsteren Ketzerrichter, der damals neben dem Kaiser geritten war.
Aber Thomas erschrak nicht mehr vor seinem grimmigen Blick! Die Zeit der Furcht und des Schreckens war auch für ihn vorüber; das Irdische war überwunden, die offene Himmelstür strahlte in herrlichem Glanz! Ruhig und mit edler Freimütigkeit blickte er dem Schrecklichen ins Auge, der sich alsbald neben dem Lager auf den Polstersitz niederließ und dem Kranken mit rauher Stimme gebot, sich zu erheben.
»Ich kann es nicht«, flüsterte der Goldschmied, »es geht mit mir zu Ende!«
»So widerrufe heute noch deine Teufelslehren, verfluchter Ketzer«, schrie ihn der andere an; »sonst laß ich dich zum Scheiterhaufen tragen, wenn du nicht mehr gehen kannst.«
»Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht mögen töten«, flüsterte der Sterbende, ohne sich zu regen.
»Mein armer Freund kann kaum mehr sprechen«, wandte Thomas ein. »Ich bitt' Euch, laßt mich für ihn das Wort führen, denn sein Glaube ist auch der meine!«
»Wohlan, so antworte! Aber bedenke wohl! In wenig Wochen wird man Gericht halten über alle, die hartnäckig bei der verfluchten Lehre des Wittenbergers verharren. Dem Feuer sind sie verfallen ohne alle Gnade! Sprich, was hältst du von der Anrufung der Heiligen?«
»Daß sie nichts ist«, erwiderte Thomas. »Sie sind sündige Menschen gleich wie wir. Ihrem Wandel und ihrem Glauben sollen wir nachfolgen, sofern er der rechte war. Anzurufen sind sie keinesfalls.«
»Aber Maria, die gebenedeiete Jungfrau, rufst du doch an?«
»Nimmer! Nannte sie sich doch selbst eine Magd des HErrn! Irrte sie doch menschlich, und ist selig durch den Glauben an ihren, an Gottes Sohn!«
»Wie denkst du über das Lesen der heiligen Schrift?«
»Daß alle, Große und Kleine, Gelehrte und Ungelehrte, sie lesen, lernen und darin suchen sollen, um das ewige Leben darin zu finden.«
»So meinst du wohl auch, daß Christi Blut im Sakrament allen zu reichen sei?«
»Sicherlich! Spricht doch der HErr ausdrücklich: ›Trinket alle daraus!‹«
So ging es eine Weile fort in immer heftiger werdender Frage und sanfter, fester, in Gottes Wort gegründeter Antwort. Aber ach, Thomas hatte fast die ganze Nacht bei dem kranken Freunde gewacht, und heute noch nichts gegessen, als einige Bissen hartes Brot. Darum erlahmte seine Kraft endlich; er legte die abgemagerte Hand an die Stirn, und konnte die klaren Sprüche der heiligen Schrift, die den Gegner widerlegen sollten, nicht mehr so schnell finden. Darauf hatte der schlaue Feind gewartet, und fing nun erst an, den Kern und Stern der heiligen Schrift, die Lehre von dem alleinseligmachenden Glauben, mit Macht und List zu bestreiten. Lange widerstand Thomas tapfer, sank aber endlich mit dem Rufe: »Ich kann nicht mehr«, aufs Stroh nieder.
Da geschah etwas Wunderbares. Der Sterbende, der schon seit mehreren Tagen das Haupt nicht erhoben hatte, richtete sich auf und sprach, die abgezehrte Hand erhebend, laut und feierlich die Worte:
»So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben! -- Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!«
Dann sank das matte Haupt aufs Lager zurück, und Totenstille herrschte in dem halbdunkeln Raum.
Dem hohen Würdenträger aber ward es seltsam zumute, als fühle er den Einfluß einer Macht, der er nicht gewachsen war. Er stieß die Pelzdecke hinweg, rief dem draußen harrenden dienenden Bruder, und verließ, auf ihn gestützt, das öde Gemach.
»Bring den Ketzern eine Suppe«, rief er dem Kerkermeister zu. »Sie sind erschöpft; ich möchte nicht, daß ein natürlicher Tod dem Feuer zuvorkäme, dem sie verfallen sind.« Damit bestieg er den Kahn und verließ die Insel.
Als der Kerkermeister bald darauf mit dem dampfenden Suppentopf das Gefängnis betrat, fand er Thomas in tiefer Ohnmacht, den Goldschmied aber tot, mit gefalteten Händen und wunderbar verklärten Zügen. Sein Glaube hatte die Welt überwunden!
10. Der Befreier.
Als Thomas aus seiner Ohnmacht erwachte, kannte sein Jammer und Schmerz über den Tod des geliebten Leidensgefährten keine Grenzen. Laut weinend warf er sich über ihn hin, rief ihn mit den zärtlichsten Namen, küßte die erblaßten Lippen und streichelte die eiskalten Hände. Ach, wie furchtbar war es, nun ganz allein zu bleiben, und auch den letzten entsetzlichen Weg allein gehen zu müssen ohne Zuspruch und Vorbild des väterlichen Freundes! Ach, es war fast zu schwer! Doch dauerte dieser heftige Ausbruch des Schmerzes nicht lange. »O wie selbstsüchtig bin ich doch!« sprach er bald. »Sollte ich mich nicht freuen, daß er den Händen der Grausamen entronnen ist, und Gott ihn sanft hinübergeführt hat ins Himmelreich? O, ich seh' ihn im Geist am Throne des Heilandes knieen, der ihm die Krone der Ueberwinder aufsetzt! Bald, bald werd' ich ihm folgen, wenn auch auf rauherem Wege. Was sind einige Stunden irdischer Qual gegen die himmlische Freude, den ewigen Frieden? Ich will an die zarten Jünglinge denken, von denen mir Muhme Lene erzählte.«
Dennoch flossen seine Tränen unaufhaltsam, als er, an dem elenden Sterbelager sitzend, immer von neuem die abgemagerten Hände und die edle, hohe Stirn des Ueberwinders küßte.
Gegen Abend trat der Hüter wieder ein und sprach: »Es ist Befehl vom Kloster gekommen, daß Euer Freund noch heute an abgelegener Stelle eingescharrt und sein Grab mit Steinen bedeckt werden soll.«
»Nun wohl«, entgegnete Thomas; »er wird trotzdem am Jüngsten Tage die Posaune der Auferstehung hören, und hervorgehen zu ewiger Freude und Wonne! Aber ich bitt' Euch, laßt mich Euch begleiten, wenn man ihn ins letzte, kalte Bett legt! O, versagt mir's nicht! Still und geduldig will ich dann wieder ins Gefängnis zurückkehren. Ihr seht ja selbst, daß ich kaum mit Mühe einige Schritte tun, geschweige denn entfliehen kann!«
»Es sei«, erwiderte der Mann. »Ihr seid Leute, deren Wort man trauen darf. Mein Weib will ein sauberes Laken hergeben, den Toten einzuhüllen.«
So wusch Thomas das teure Antlitz und die treuen Hände des Freundes, strich das ergraute Haar glatt und gab ihm den Abschiedskuß. Dann hüllte er ihn mit Hilfe des Kerkermeisters in das Leintuch, kniete nieder und betete lange. Nun kamen zwei rauhe Klosterknechte, den Toten fortzutragen, und Thomas erkannte einen davon wieder; es war derselbe, der im Kahn ihm gegenüber gesessen. Auf des Kerkermeisters Arm gestützt wankte er aus der Tür, und die klare, frische Luft, die er so lange nicht geatmet, berauschte ihn fast. Am Abendhimmel blinkte schon hier und da ein Sternlein auf, und leise rauschten die Wellen des Flusses. Nicht weit vom Turme, mitten in dichtem, jetzt noch blätterlosen Gebüsch, hatte man das Grab gegraben; der Leichnam ward still hineingesenkt, eine Schicht Erde und viele Steine darauf geworfen.
Als Thomas niederkniete, um zu beten, entblößten auch die rauhen Männer das Haupt, und lauschten den herrlichen Worten, die ihnen ganz fremd waren:
»Wenn der HErr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens, und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: ›Der HErr hat Großes an ihnen getan!‹ Der HErr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich! HErr, wende unser Gefängnis, wie Du die Wasser gegen Mittag trocknest. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.«
Nun war alles vorüber, und nach wenig Minuten lag Thomas einsam auf dem nun so verlassenen Lager. »Schlaf wohl in deinem stillen Grab, du frommer, edler Mann! Du hast viele zum Kreuze Christi gewiesen; aber auf dein Grab ward kein Kreuz gesetzt! Du hast viele Nackende gekleidet; dir aber versagte man das Totenhemd! Dein Herz war so warm, so liebreich, daß es gern jedem helfen, jeden erfreuen wollte; und doch bist du vergessen, ja man scheut sich wohl gar, deinen Namen zu nennen! Aber dies alles schadet dir nicht mehr! Hat dich doch der Heiland an Sein Herz geschlossen, und deine Stirn mit Seinem Kreuz bezeichnet! Kleidet Er dich doch in die weiße Seide Seiner Gerechtigkeit, und wischt alle, alle Tränen ab von deinen Augen!« Das waren die Gedanken des Leutpriesters in dieser endlos langen, einsamen Nacht.
Ach, in der bitteren, schauerlichen Einsamkeit, die ihn nun umgab, fühlte Thomas doppelt lebhaft, welcher Trost und Halt ihm der ältere Freund gewesen. Da war es ein kurzes Sprüchlein, das er besonders liebte, das ihn immer von neuem aufrichtete, ihm Geduld und Kraft gab, und das schwache Lichtlein des Glaubens und der Hoffnung nicht gänzlich verlöschen ließ. Es war das herrliche Wort, das schon manch einsames Herz getröstet hat: »Siehe, Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!« Ja, der allmächtige, liebreiche Heiland war bei ihm! An Seine Brust legte er sich, wenn er aufs harte Lager sank; Sein Geist sprach ihm manch süßes Trostwort zu!
Aber nach einigen Wochen schien es, als kümmere sich auch ein irdischer Freund um den Verlassenen. Es ward manchmal etwas durchs Fenstergitter geworfen, das kaum aus Kinderhänden kommen konnte: ein derbes Stück Wurst oder Rauchfleisch, ein Käse, ja sogar ein Lederfläschlein voll Wein, wie es die Reiter gern bei sich trugen. Obgleich die geschwächte Natur des Gefangenen das stärkende Getränk nur tropfenweise vertragen konnte, tat es ihm doch gar wohl!
Endlich, an einem stürmischen, ganz besonders dunkeln Abend, gab sich der geheimnisvolle Freund zu erkennen, als Thomas schon längst auf seinem Lager ruhte. Ein barmherziger Traum ließ ihn sein Elend vergessen, und trug ihn zurück in den Schlafsaal der Klosterschule. Dietrich, das wilde Reiterlein, lag neben ihm im Bett und fing halblaut an zu singen:
»Ich bind' mein Schwert zur Seiten Und mach' mich bald davon; Hab' ich dann nicht zu reiten, Zu Fuße muß ich gahn.
Ich taumle als ein Gänselein, Das ziehet auf die Wacht. Das tut das Heu und auch der Wein; Ade, zu guter Nacht!«
»Dietrich, willst du wohl still sein?« rief Thomas, aus leichtem Schlaf erwachend.
»Noch lang' nicht!« rief es von oben her zurück. »Der Nachtwächter darf doch sein Liedel singen!«
Da fiel es dem Gefangenen wie Schuppen von den Augen. Ja, der schwarzäugige starke Knecht, den er im Kahn und am Grabe gesehen, war sein Schlafkamerad Dietrich, das wilde Reiterlein!
»Dietrich, alter Freund, bist du's wirklich?« rief er mit hervorbrechenden Tränen.
»Ja, ich bin's! Aber still! Ein Liedel darf ich wohl singen, wenn ich die Nachtwache habe; aber Gespräch möcht' übel geraten! Wundere dich nur über nichts, was des Nachts geschieht, und halt dich still, ganz still! Wenn Gott hilft, rett' ich dich!«
Von da an vermehrten sich die Gaben, die zum Gitter hereinflogen, so sehr, daß die geschwächten Kräfte des Gefangenen sich wirklich etwas hoben. Wohl vergingen die Tage in der tiefen Einsamkeit entsetzlich langsam. Dagegen brachte die Nacht mehrmals ein seltsames Geräusch mit sich, das dem Einsamen die Nähe des Jugendfreundes verriet und die Hoffnung auf Befreiung stärkte.
Wie sie gelingen sollte, konnte er sich nicht vorstellen; auch fehlte ihm die Kraft, darüber nachzugrübeln. Ach, er war so matt und müde, und die Sehnsucht nach dem heimgegangenen Freund war so groß, daß er ihm am liebsten in sanftem Tode nachgefolgt wäre. Dazu kam, daß er das Reiterlein als einen wilden, tollkühnen Gesellen kannte. Wie leicht konnten seine wagehalsigen Rettungsversuche mißlingen, so daß der arme Bursche selbst mit ins Verderben gestürzt würde!
Und doch erschien ihm der Feuertod mit allem, was voranging, so schmachvoll, so entsetzlich! Selbst im Traume sah er oft die Scheiterhaufen geschichtet, die hilflosen Opfer gebunden, geknebelt, verhöhnt und beschimpft, umgeben von der rohen, in Erwartung des schrecklichen Schauspiels schwelgenden Menge! Wenn er dann auffuhr, in kalten Angstschweiß gebadet, erhob er wohl flehend die Hände und rief: »O Gott, rette mein junges Leben, wenn es Dein Wille ist!«
Und, o Wunder! In einer Nacht schallte auf diesen Ruf von oben her die leise Antwort: »So komm! Es ist alles bereit!«
Als er emporschaute, erkannte er deutlich eine dunkle Gestalt vor der Fensteröffnung, aus der alle Gitterstäbe entfernt waren und ein starkes Seil herabgelassen wurde.
»Kannst du daran emporklettern?« fragte eine rauhe, gedämpfte Stimme.
»O nein; dazu fehlt mir die Kraft«, seufzte Thomas.
»So binde dir's um den Leib! -- Nicht so, du Dummkopf! Unter den Armen hindurch! Rasch! Nun zieh ich dich empor und durch das Loch! Dünn genug bist du wohl! Schrei nicht, wenn's kratzt!«
Ach, es kratzte sehr! Aber wer achtet das in solcher Stunde?
Endlich lag Thomas' abgemagerter Körper draußen auf dem feuchten Boden. »Lieg' still, bis ich's Gitter wieder fest mach'«, flüsterte Dietrich.
Es war eine angstvolle Zeit und dauerte lange! Die alten verrosteten Stäbe waren fast alle zerbrochen. Dietrich aber setzte andere dafür ein, die den Anschein morschen Alters trugen. Auch an den Steinen vertilgte er durch allerlei Mittel, die er aus den Taschen zog, jede Spur seiner Befreiungsarbeit. Inzwischen blickte die Mondsichel dann und wann aus den Wolken und beleuchtete endlich die Stätte hinreichend, um zu erkennen, daß alles aussah wie am Tag vorher.
Nun ging's durchs bleiche Wintergras dem Ufer zu, langsam, langsam, da der Befreite am ganzen Leibe vor Erregung und Angst bebte. Aber dort war ja das Grab des Freundes! Eine Minute lang mußte er daran knieen und die kalten Steine küssen; Dietrich wehrte es ihm nicht! Nun ging es festeren Schrittes dem Ufer zu, wo ein Kahn bereit lag. Jetzt waren sie drin; er stieß vom Lande und ward von starker Strömung den Fluß herabgetragen.
Die Klosterkirche drüben auf der Anhöhe war matt erleuchtet; es war die Zeit der nächtlichen Hora. Lachend zeigte Dietrich hinüber und flüsterte: »Wenn die's jetzt wüßten!« Aber Thomas antwortete nicht. Der ungeheuern Erregung war eine tiefe Ohnmacht gefolgt.
Dietrich erschrak nicht wenig über die eiskalte Stirn und die starren Hände des Freundes. »So stirb doch jetzt nicht, du dummer Kerl«, rief er, während heiße Tränen in den struppigen Bart rannen. »Dazu hast du ja lange Zeit gehabt da drüben! So freu' dich doch, daß du frei bist! Iß und trink!«
Aber es dauerte doch recht lange, ehe der Gerettete die Augen aufschlug, einige Schlucke Wein trank und ein wenig weißes Brot aß, das der Retter aus einem Kasten zog. Dann aber umfing bald ein fester Schlaf den Ermatteten. »Das ist gut«, brummte Dietrich; »da will ich gleich hier aus dem Klosterknecht einen Schiffsmann machen, ehe der Morgen graut. Das Schifflein kann ich wohl eine Weile der Flut überlassen.«
Und nun warf er alles ab, was er auf dem Leibe trug: Wams, Gürtel, Waffen, Hosen, Schuhe und sogar das Hemde. Alles war Klostergut und ging ihn nichts mehr an! Eins nach dem andern flog in den Fluß, wo es versank oder weggespült ward. Aus einem Sack aber kam ein grober Anzug hervor, wie ihn die Schiffsknechte trugen; in den kleidete er sich und zog eine Fischermütze über die Ohren.
»So«, sprach er zufrieden, »das wär' getan! Jetzt gilt's, die Jammergestalt dort unter die Hand zu nehmen! Heda, Thomas«, rief er im alten Schülerton, »steh auf, du Faulpelz; 's ist hohe Zeit!«
Und nun fing der rauhe Reitersmann an, seinen Schützling zu waschen, zu kämmen und ihm das wirre, ungepflegte Lockenhaar zu verschneiden, mit der Zartheit und Geduld einer liebreichen Mutter. Es war eine lange, schwere Arbeit, da er oft davon mußte, um den Kahn in rechtem Laufe zu erhalten. Aber jetzt war's vollendet, und Thomas saß, von der Wandlung etwas erschöpft, in einen anständigen Mantel gehüllt, das Haupt mit einer warmen Mütze bedeckt, aufrecht im Kahne.
Man war eben zu rechter Zeit fertig geworden, denn zunehmende Helle kündigte den nahen Morgen an. Der Fluß war nun schon so breit, daß man die Ufer nur noch undeutlich erkannte, und als es heller ward, erhob sich in geringer Entfernung der Mastenwald des Hafens. Ein mittelgroßes Schiff lag, getrennt von den andern, vor Anker; die Flagge trug die Farben der Handelsstadt Hamburg. Dietrich steuerte darauf zu, einen lauten Ruf ausstoßend, der alsbald vom Schiff aus erwidert ward. Man ließ die Strickleiter herab, denn von den bequemen Treppen, auf denen man jetzt zum Verdeck des Schiffes emporsteigt, wußte man damals noch nichts. Hilfreiche rauhe Hände streckten sich nach dem Schwachen aus, und nach kurzer Zeit ruhte er auf einem weichen Lager, das man auf einem geschützten Teil des Verdecks bereitet hatte, wo er bald wieder in tiefen Schlaf sank.
Die plötzliche, ihm ganz unbegreifliche Rettung erschien ihm ja selbst wie ein wunderbarer Traum, und als er nach einigen Stunden etwas gestärkt erwachte, meinte er wirklich noch auf dem feuchten Stroh des Kerkers zu liegen, und rief, sehnsüchtig die Arme ausstreckend, den Namen des teuern Leidensgefährten, wie er in den letzten trübseligen Wochen so oft getan.
»Der ist droben im Himmel und hat's besser als du«, sprach eine rauhe, aber freundliche Stimme neben ihm, und er erkannte den wilden Schulkameraden, der im groben Schifferkittel neben ihm saß. Den Kopf mit beiden Händen haltend, richtete er sich mühsam auf.
»Bist du's wirklich, Dietrich?« fragte er ängstlich. »Ist's keine Täuschung, kein Fiebertraum?«