Part 10
Aber, was gilt's? Die Schilderung der Reise, die man jetzt mit der Eisenbahn schnell und mühelos vollendet, wird dem Leser schon zu lang? Darum sei nur gesagt, daß die Flüchtlinge nach vollendeter Wasserfahrt auf zwei zahmen Rößlein, die sie im nächsten Dorfe erhandelten, geduldig ihre Straße zogen, durch Sonnenschein und Regen, auf steinigen Straßen oder lieblichen Waldwegen, durch Furten oder auf Fähren mehrere Flüsse überschreitend, sich aber auch an allem Schönen, was sie umgab, wehmütig erfreuend. Denn die Welt ringsum ward mehr und mehr ein rechter Gottesgarten. O wie herrlich war das duftige, kühle, geheimnisvolle Waldesdunkel! Wie erquickte es die müden Wanderer! Wie überraschend war der weite Ausblick von den Bergeshöhen für die Kinder des flachsten Landes! Süße Beeren würzten das trockene Reisebrot, an sprudelnden Quellen löschte man den Durst.
Jetzt wäre es wohl an der Zeit gewesen, einmal gründlich auszuruhen, doch wagten es die ungelehrten Reisenden nicht. Wie konnten sie wissen, welch weite Verbreitung die neue Lehre in den deutschen Ländern schon erreicht hatte? Sie ahnten nicht, daß ihre Verkündiger, durch Geleitsbriefe mächtiger Fürsten geschützt, mutig umherreisten, um überall, wo man es nur begehrte, das helle Licht des Evangeliums anzuzünden. Besonders Grete fürchtete immer, ausgefragt und zurückgehalten zu werden, und trieb, nicht um ihretwillen, sondern wegen des Kindes, stets zur Eile. Ueberhaupt hatte sie sich die Welt lange nicht so groß gedacht, und staunte, von Bergeshöhen umherblickend, immer von neuem, daß nirgends ein Ende abzusehen war.
Obgleich die Gebirgsbewohner meist freundlich und gastfrei waren, wagten die Reisenden doch nicht, sich ihnen anzuvertrauen, baten nur um Annchens willen hier und da um einen Trunk Milch, und zogen dann weiter, um endlich, endlich die ersehnte Stadt Goslar zu erreichen. Aber ach, wie langsam kam man vorwärts! Oft waren des Mägdleins Kräfte schon erschöpft, wenn die Sonne noch hoch am Himmel stand. Dann bereiteten ihr die Getreuen ein weiches Lager von Gras und Waldkräutern, und hüllten sie in die warme wollene Decke, die man von einem fahrenden Händler gekauft hatte. Grete blieb, still weinend und betend, bei ihr sitzen, während Gottfried etwa im nächsten Dorf Reisekost einkaufte und nach dem Weg fragte. Die Nacht hindurch wachten die beiden Getreuen abwechselnd bei dem Mägdlein, das oft, von schrecklichen Träumen geplagt, emporfuhr und unter heißen Tränen nach dem Vater verlangte. Doch war sie bisher, wenn auch matt und still, am Morgen zum Aufbruch bereit gewesen, wenn auch kein Lächeln mehr auf ihre Lippen trat, und die schönen blauen Augen mit mattem, trübem Blick in die herrliche Gotteswelt hinausschauten.
Endlich aber kam ein Morgen, da an Weiterziehen nicht zu denken war. Unruhig warf sich das Mädchen auf dem Lager hin und her, wirre Worte sprechend und laute Angstrufe ausstoßend. Ach, es lag in heftigem Fieber! Flehentlich bat es, es doch zum Vater zu bringen, in den Kerker oder ins Grab! Es müsse zu ihm! Es höre ihn ja rufen und könne die Trennung nimmer ertragen. Alles liebreiche Zureden der Gefährten war vergeblich; auch das frische Wasser, das Gottfried aus der Quelle holte, konnte die Fieberglut nicht stillen.
Da sank auch Gretes Mut. »Ach, was sollen wir tun?« jammerte sie. »Unser Liebling wird sterben! Wir werden nimmer die sichere Zuflucht erreichen! Gott hat uns verlassen!«
»Sprecht nicht so, gute Grete«, mahnte Gottfried. »Bleibt bei der Kranken und betet; ich gehe, um Hilfe zu suchen.«
Etwa eine Viertelstunde war er den Waldpfad hinabgelaufen, als er plötzlich hinaustrat ins offene Land. Und, o Wunder! Dort unten, wohl nur eine halbe Stunde entfernt, lag die ersehnte Stadt im Glanz der Morgensonne. Ja, sie mußte es sein! So schön und lieblich hatte ihm der Kaufherr ihre Lage geschildert. Seine Freude war so groß, daß er, Annchens Krankheit einen Augenblick vergessend, laut aufjauchzte. Ach, wie schwer hatte die Verantwortung für die Reisegefährten auf seinem jungen Herzen gelegen! Dann aber fiel er auf die Knie und dankte Gott herzinnig für Schutz und Beistand auf der langen Fahrt. Ach, wenn nur der Anlaß zur Reise nicht gar so traurig, gar so entsetzlich wäre! Lange hatte er sich um der Frauen willen bezwungen, jetzt stürzten ihm die Tränen aus den Augen, und sein Dankgebet ging in heißes Flehen über, das Schreckliche standhaft zu tragen.
Horch! Tönte da nicht Gesang? Näher und näher kam es, und jetzt gewahrte er eine Anzahl Männer und Frauen, die singend eine nahe Landstraße entlang zogen. In ihrer Mitte führten sie ein Wäglein, mit zwei Pferden bespannt. In fliegender Eile lief er über Stock und Stein darauf zu, und verstand bald die Worte des Gesanges, nach dessen frischer Weise sich's prächtig wandern ließ:
»Gott der Vater wohn' uns bei Und laß uns nicht verderben; Mach' uns aller Sünden frei Und helf' uns selig sterben! Für dem Teufel uns bewahr', Halt uns bei festem Glauben Und auf Dich laß uns bauen, Aus Herzensgrund vertrauen; Dir uns lassen ganz und gar, Mit allen rechten Christen Entfliehen Teufels Listen, Mit Waffen Gott's uns fristen. Amen, Amen, das sei wahr, So singen wir: Halleluja!«
Das Lied war ihm bekannt. War es doch die alte Bittfahrtlitanei, die Doktor Luther »gebessert und christlich korrigiert« hatte. Da faßte er sich ein Herz und lief mit lautem Ruf auf die Wanderer zu, die alsbald stillhaltend seine Ankunft erwarteten und seinem Bericht mit herzlicher Teilnahme lauschten. Es waren Landleute, die zum Gottesdienst in die Stadt zogen. Horch! Da tönte schon feierlicher Glockenklang durch die klare Morgenluft. Im Wäglein saßen geputzte Leute, die ein wohleingewickeltes schlafendes Kindlein zur Taufe führten. Einer sprach zu dem Jüngling:
»Ganz unnütz habt ihr euch geängstet. Ringsum ist alles Land evangelisch, so daß man euch in jeder Hütte freundlich aufgenommen hätte. Eilet«, rief er einigen Männern zu, »bringt das Mägdlein herbei, daß wir's sanft in den Wagen betten! Seid getrost, braver Bursch; die Mühsal eurer Wanderschaft ist zu Ende.«
Wie ein Traum erschien es den Flüchtlingen, als man sie wie geehrte Gäste in die schöne Stadt einführte, und sich um die Freude stritt, sie zu pflegen und zu herbergen.
Nach kurzer Zeit ruhte Annchen in einem Patrizierhause auf weichem Lager; der beste Arzt der Stadt stand mit ernstem Angesicht dabei und verhehlte den Gastfreunden nicht, daß das Leben des zarten Jungfräuleins in großer Gefahr sei. Mehr noch als die ungewohnten Anstrengungen der Reise habe wohl der lange zurückgedrängte Kummer um den Vater die Krankheit verursacht. »Beginnt sie einmal um ihn zu klagen, so laßt sie getrost sich ausweinen, und macht ihr ja nicht Hoffnungen, an deren Erfüllung ihr selbst nicht glaubt. Was Gott schickt, das hilft Er auch tragen.«
Von Grete und der edlen Hausherrin aufs zärtlichste gepflegt, lag das Mädchen lange in schweren Fieberträumen, so daß man um sein Leben zagte. Doch kam das Schlimmste erst, als es zu vollem Bewußtsein erwachte, und das schreckliche Schicksal des geliebten Vaters ihm klar vor Augen stand. »O, warum durfte ich nicht sterben?« jammerte es. »Warum reicht ihr mir Arznei und Stärkung? O, laßt mich doch ins Himmelreich gehen zum lieben Vater! Was soll ich armes Kind noch auf der Welt?«
Niemand gebot ihren Tränen Einhalt, niemand wendete sich ungeduldig oder gar gekränkt von ihr ab, wenn sie so jammerte. Ach, alle hatten ja erfahren, mit wie inniger Liebe Vater und Kind aneinander gehangen! Wohl aber saß der freundliche Stadtpfarrer oft am Krankenbett und ermahnte das Mägdlein mit sanften, ernsten Worten, sich in Gottes Ratschluß zu fügen. Er wußte auch gar lieblich zu schildern, wie der Heiland des Vaters Herz mit reichem Trost erfüllen und ihm im Himmel die Krone der Ueberwinder aufs Haupt setzen werde, so daß Annchens empfängliches Herz sich nach und nach dem Trost öffnete.
Auch für die gute Grete waren das köstliche Stunden, denn wenn sie auch gewöhnt war, das Empfinden ihres treuen Herzens vor der Außenwelt zu verbergen, trauerte sie doch gar bitter um den geliebten Bruder. Wenn die Kranke schlief, erhielt Gottfried, der im Geschäft des Hausherrn fleißig mit zugriff, zuweilen Erlaubnis, sie zu sehen. Dann ließ auch er den Tränen freien Lauf, die er sonst männlich zurückdrängte. Ach, die beiden andern trauerten um Glaubenshelden, die vielleicht schon die Krone der Ueberwinder trugen! Er trauerte um eine, die die wohlerkannte Wahrheit aus Menschenfurcht und Kreuzesscheu verleugnete!
Inzwischen hatten schnelle Postreiter die Nachricht von der Ankunft und dem Schicksal der Flüchtlinge längst nach Magdeburg gebracht; ja, unter Annchens Kopfkissen lag ein gar herrlicher Brief, den Herr Burkhardt ihr gesendet. So oft ihr das Herz zum Zerspringen schwer ward, las sie ihn immer von neuem durch, und konnte die lieblichen Trostsprüche, die er enthielt, schon auswendig.
Inzwischen war das fromme, liebliche Mädchen der kinderlosen Hausfrau so lieb geworden, daß sie es gern ganz bei sich behalten hätte. Doch ging das nicht an, da des Vaters Wille erfüllt werden mußte.
Darum hielt eines Tages ein schöner verhangener Wagen, mit zwei edlen Pferden bespannt, vor dem Patrizierhaus, denn Herr Burkhardt und sein Weib waren selbst gekommen, die Tochter des Freundes und ihre Gefährten heimzuholen. Nach einigen Rasttagen reisten sie ab, begleitet von den Segenswünschen der Gastfreunde und vieler Bürger, die sich versammelt hatten, um den Flüchtlingen, die so Schweres erduldet, Gottes Geleit zu wünschen. Die Frauen saßen auf weichen Polstern, reichlich versorgt mit allerlei köstlichen Erquickungen, während Herr Burkhardt und Gottfried zur Seite ritten.
O wie lieblich reiste sich durchs evangelische Land! Ueberall Glaubensgenossen, überall Herzen, die Gottes Wort für ihren höchsten Schatz ansahen! Wie herrlich klangen die Lieder, die Luther und seine Freunde der Kirche geschenkt! Wie tröstlich erschallte in jedem noch so geringen Kirchlein, das man betrat, die Botschaft von der freien Gnade Gottes in Christo! Und ringsum verkündeten die waldigen Berge, die blumenreichen Auen, die goldenen Felder die Liebe und Allmacht des himmlischen Vaters. Da war's kein Wunder, daß selbst Annchens Blick sich wieder öffnete für die Schönheit der Gotteswelt, und leise, leise Trost und Frieden in ihr krankes Herz einzog.
9. Im Gefängnis.
Als man an jenem Abend den Goldschmied und den Leutpriester gefangen genommen, brachte man sie, getrennt von ihren Leidensgefährten, nach dem Dominikanerkloster, in dessen Schule Thomas glückliche Jugendjahre verlebt hatte. Den abgelegenen, von hohen, kahlen Mauern umgebenen Hof, in den man ihn und den Freund jetzt schleppte, hatte er damals nie betreten. Nur Dietrich, das wilde Reiterlein, war auf seinen tollkühnen Entdeckungsfahrten einmal hineingeraten, und hatte dann dem Freunde schaudernd erzählt, er habe ganz deutlich Jammertöne gehört durch ein Luftloch in den düsteren Steinwänden. Nachdem man den Gefangenen die Knebel aus dem Munde genommen, stieß man sie eine Treppe hinab in einen finsteren Kerker, wo sie todesmatt aufs halbverfaulte Stroh niedersanken. Die Tür fiel zu, und alles war still. Lange, lange lagen sie regungslos, erstarrt an Leib und Seele durch die schreckliche Wendung ihres Schicksals.
Endlich tastete der Goldschmied mit der gefesselten Hand nach der des Freundes und drückte sie zärtlich.
»Gott sei gelobt«, flüsterte er, »daß wir beisammenbleiben durften! Laß uns nun tapfer den letzten Kampf bestehen! Auch uns wird der Heiland Rosen unter die Füße streuen, wie jenen ersten Märtyrern unserer Stadt.«
»Wird man uns gleich töten? Vielleicht morgen schon?« fragte Thomas mit bebender Stimme.
»Ich glaube es nicht! Man wird erst versuchen, uns zum Widerruf zu bringen. Sei gewappnet, Freund! Du bist tiefer in die göttliche Wahrheit eingedrungen als ich. Streite mutig für sie!«
»Ich will, ich will!« rief Thomas. »Aber bete du für mich, denn dein Herz ist frei und stark. Ach, das meine erzittert vor dem Tode! Das Leben war so schön, und ich bin noch so jung!«
Der Goldschmied sah nicht die Tränen, die das Antlitz des Freundes unaufhaltsam überströmten, hörte aber wohl die tiefen, schmerzlichen Seufzer, in denen sein kindliches Gemüt von der schönen Gotteswelt Abschied nahm. Leiser und schwächer wurden sie und schwiegen endlich ganz, denn Thomas war eingeschlafen. Der Goldschmied aber durchwachte die ganze Nacht in heißem Gebet und Flehen für sich und den Freund und für sein geliebtes, verlassenes Kind. Erst gegen Morgen schlossen sich seine Augen zu leichtem, kurzen Schlummer, und ein wunderlieblicher Traum umfing ihn. Es war ihm, als stehe er am Fuße eines hohen, steilen Berges, dessen Abhang mit Dornen, Disteln und scharfen Steinen bedeckt war, während wunderherrlicher Strahlenglanz seinen Gipfel umleuchtete. Nur auf halber Höhe befand sich, wie eine Oase in der Wüste, ein liebliches Ruheplätzchen, von einem weitästigen, blühenden Baume überschattet. Dort saß, zwischen einer Gruppe schöner Kinder, sein Töchterlein, Blumen zum Kranze windend. Den dornigen Pfad nicht achtend, wollte er zu ihm emporsteigen, als in dem Strahlenglanz des Gipfels eine andere Gestalt sichtbar ward. Schneeweiß gekleidet, eine Krone auf dem blonden Haupt, stand sie regungslos, die Hände nach ihm ausstreckend. »Elsbeth, meine Elsbeth! Ich komme!« rief er laut, und erwachte im dunkeln Kerker. »Ja«, sprach er zu sich selbst, »Gott wird mein Flehen erhören und mein Kind nach mancher Mühsal zu den Freunden bringen; ich aber werde bald, o wer weiß, wie bald, Hand in Hand mit der Geliebten vor Gottes Thron knieen. Dann wird der rauhe, dornenvolle Weg ganz vergessen sein.«
Matter Lichtschein, der durch eine Oeffnung hoch oben in der Mauer drang, verkündete endlich den Morgen; bald klang Glockenton zu den Verlassenen hinab und erweckte auch Thomas aus dem Schlaf der Erschöpfung.
»Wer wird jetzt in meinem Kirchlein vor den Altar treten?« seufzte er schmerzlich. »Sicher wird er alle Kraft anwenden, einzureißen, was ich mit Lust und Mühe gebaut habe.«
Endlich öffnete sich die Kerkertür, und ein Mönch stellte schweigend Brot und Wasser vor die Gefangenen hin. Thomas wandte sich mit Widerwillen davon ab, doch bat ihn der Freund, einige Bissen zu essen.
»Sie werden kommen, mit uns zu streiten, um uns zum Widerruf zu bringen«, sprach er. »Wie willst du tapfer kämpfen, wenn dein Leib halb verschmachtet ist?«
Aber diesen und noch manchen langen Tag warteten sie vergeblich auf Gelegenheit, ihren Glauben zu bekennen. Niemand nahte sich ihnen, als der Mönch, der die dürftige Nahrung brachte; und kein Laut drang zu ihnen herab, als der dumpfe Ton der Klosterglocken. Wäre Thomas allein gewesen, würde er wohl seine Kraft in Klagen und Jammern erschöpft haben, denn die Sehnsucht nach seinem bescheidenen Heim, nach der Schwester, nach seinen Leuten und der gewohnten, ihm so lieb gewordenen Arbeit war allzu stark in seinem jungen Herzen. Der Goldschmied aber schien ganz abgeschlossen zu haben mit dem irdischen Leben; sein Sinn war nur aufs Himmlische gerichtet, und endlich gelang es ihm, den Freund mit sich fortzureißen. Manche Stunde verging in eifrigem Gespräch über die Lehren, die den Feinden besonders zuwider waren. Dann war es den beiden, als tue sich über ihnen der Himmel auf, als hörten sie schon des Heilandes Stimme, die sie einlud ins selige Paradies: »Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein! Ihr frommen und getreuen Knechte, gehet ein zu eures HErrn Freude!«
Eines Morgens aber öffnete sich endlich die Kerkertür, und zwei Klosterbrüder traten ein. Es waren nicht solche, deren feisten Gesichtern und runden Bäuchen man ansah, daß sie nur Wohlleben im Mönchsstand suchten. Nein, ihre hohen Stirnen, ernsten Augen und eingefallenen Wangen bezeugten, daß sie nicht nur eifrig studiert, sondern auch in strengster Befolgung der Ordensregel gelebt hatten. Und nun begann hier unten ein Kampf der papistischen Finsternis gegen das neue Himmelslicht des Evangeliums, der durch viele Tage mit List und Gewandtheit von der einen, aber auch mit wachsender Begeisterung von der andern Seite geführt wurde. Doch ging es dabei, wie Luther in jenem Liede spricht:
»Sie sungen süß, sie sungen sau'r, Versuchten viele Listen; Die Knaben stunden wie ein' Mau'r, Veracht'ten die Sophisten.«
Wohl waren die Mönche gewandter und gelehrter, doch stützten sie sich auf das schwankende Rohr menschlicher Weisheit, während die armen Gefangenen nur eine einzige, aber eine unüberwindliche Waffe hatten, »das Wort Gottes«. Oft konnten die Klosterbrüder nur mit Mühe ihren Zorn zurückhalten, wenn diese elenden Menschen jede Irrlehre, jeden Mißbrauch mit klaren Worten der heiligen Schrift zurückwiesen. Wohl verstand der Goldschmied seinen Glauben auch in begeisterter, tiefempfundener Rede zu verteidigen; dagegen bewies der Leutpriester die göttliche Wahrheit schlicht und felsenfest mit den Sprüchen, die er in glücklichen Tagen Annchen und seine lieben Schulkinder gelehrt hatte. Dies letztere erbitterte die Feinde am meisten. Dieser junge Mann, der ihnen noch vor wenig Jahren als demütiger Klosterzögling gedient, widerstand ihnen jetzt mit kurzen, schlichten Worten, die schon ein Kind nachlallen kann! Und all ihre Weisheit, all ihre spitzfindige Beredsamkeit konnte ihn nicht besiegen! Gewiß, sie konnte es nicht; ebensowenig, als ein Mensch Gott besiegen kann.
Aufs höchste erbittert, mit drohenden Gebärden, verließen die Mönche eines Tages den Kerker, um nicht wiederzukehren.
Als sich am nächsten Morgen sehr frühe die Tür wieder öffnete, waren die Gefangenen ganz bereit, den letzten Gang anzutreten. Von einer Anzahl bewaffneter Klosterknechte bewacht, brachte man sie hinab zum Flußufer und stieß sie in einen Kahn. Zwei der Knechte sprangen herein, und das Fahrzeug ward von kräftigen Ruderern stromaufwärts geführt. Während der ziemlich langen Fahrt begegneten des Leutpriesters Augen ein paarmal dem Blick eines Klosterknechtes, der unverwandt auf ihn gerichtet war. Der Mensch war von hoher Gestalt und mochte wohl riesenstark sein. Das wettergebräunte Antlitz trug nicht den stumpfen, geistlosen Ausdruck, der sonst dem Klostergesinde eigen war; die schönen schwarzen Augen blickten bald wild, bald schwermütig in die Welt hinaus. Nun, was ging es Thomas an? Er konnte ja keinem mehr etwas zuleid oder zulieb tun. Ein schrecklicher, bitterer Tod war ihm gewiß. Nur selten richtete das geistliche Gericht seine Opfer in der Heimat; sie wurden meist in eine andere Provinz gebracht. Fern von Verwandten und Freunden sollten sie sterben, damit ihre Marter und ihr Tod nicht allzuviel Mitleid errege und zur Rache auffordere. Darum hielten auch die beiden Gefangenen diese Kahnfahrt für ihren Todesweg.
Sie hatten sich indes geirrt. Sieh, dort erhob sich eine Insel aus der Flut. Zwischen grünen Büschen schaute ein fester Turm hervor, am jenseitigen Flußufer aber stand in nicht allzuweiter Ferne ein stattliches Kloster. Jetzt legte der Kahn bei der Insel an. Unter den Bäumen, die den Turm umgaben, spielten zwei liebliche blondhaarige Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, entflohen aber beim Anblick der Bewaffneten eilig in ein Häuschen, das dem Turme gegenüberstand. Jetzt trat ein Mann herzu, einen Schlüsselbund in der Hand. Die starke Turmtür ward geöffnet, und man führte die Gefangenen eine Treppe hinab in einen Raum, der dem Klosterkerker sehr ähnlich war. Nur drang durch ein größeres Fenstergitter hoch oben in der Mauer etwas mehr Licht und Luft herein; ja, es fiel eben jetzt ein warmer Sonnenstrahl auf die zwei Strohlager und die alte hölzerne Bank, die die ganze Einrichtung des öden Raumes bildeten. Die Tür fiel hinter den Freunden zu, und sie sanken auf das Lager nieder. Sollten sie hier wohl ihr Urteil erwarten, oder waren sie zu ewiger Gefangenschaft bestimmt?
Eine Stunde mochte vergangen sein, als der Schlüsselbund wieder rasselte, und die schwere Tür sich öffnete. Der Kerkermeister trat ein, einen Topf in der Hand tragend, in dem zwei hölzerne Löffel steckten.
»Mein Weib hat euch eine Suppe gekocht«, sprach der Mann; »die Morgenluft war eiskalt, und ihr seid erschöpft. Ich weiß einen Unterschied zu machen zwischen Mördern und Räubern und Männern eurer Art. Was ich kann, werd' ich für euch tun; doch ist es nicht viel. Reichet die Hände her; es ist mir erlaubt, euch die Fesseln abzunehmen. Aber denket nimmer an Flucht! Ich bürge für die Gefangenen mit meinem eigenen Leben, und bewaffnete Knechte bewachen den Turm.«
Damit stellte er den Topf auf die Bank und verließ den öden Raum. Die Freunde aber labten sich mit dankbarem Herzen an der ersten warmen Speise, die ihnen seit jenem Schreckensabend geboten ward.
Als sie so einander gegenüber saßen, fielen die Sonnenstrahlen durch die Fensteröffnung auf die Gestalt des Goldschmieds, und Thomas erkannte mit Schrecken, wie sehr er sich in den letzten Wochen verändert hatte. Nicht nur war sein dunkles Haar völlig ergraut und seine Wangen eingefallen, auch seine ganze Haltung war gebeugt und die Glieder furchtbar abgemagert. Er sah aus wie ein ganz alter Mann!
»Bist du krank, Geliebter?« fragte Thomas ängstlich, den Löffel hinlegend.
»Ich habe keine Schmerzen«, erwiderte der Gefährte, »wohl aber fühle ich ein stetes Schwinden aller Kräfte. Ich bin ja viel älter wie du, könnte wohl dein Vater sein! Obgleich ich mein Leben in redlicher Arbeit zugebracht habe, ist doch der Leib von Jugend auf etwas verwöhnt worden. Weiches Lager, warme Kleidung und kräftige Speise war immer für mich bereit, während du, mein Sohn, von klein auf hart gehalten wurdest. Nun ist mein Geist zwar willig, jede Entbehrung zu ertragen, aber der alternde Körper bricht darunter zusammen; das fühle ich wohl. Ja, mein Herzensfreund; wenn die Feinde meinen Tod beschlossen haben, so müssen sie eilen, sonst kommt Gott ihnen mit sanfter Hand zuvor.«
Wie ein scharfer Pfeil durchbohrten diese Worte das Herz des Leutpriesters! Ganz unerträglich erschien es ihm, vielleicht bald allein zurückzubleiben im öden Kerker. Doch bezwang er sich sogleich, streichelte die magere Hand des Freundes und erwiderte:
»Nun wohl; will dich Gott sanft gen Himmel tragen, so will ich gern allein den rauhen Weg gehen, der mich zu Ihm und zu dir führt.«
Wirklich nahmen des Goldschmieds Kräfte von Tag zu Tag ab. Bald konnte er nur noch selten in dem düsteren Raume auf und nieder gehen, sondern mußte Tag und Nacht auf dem Strohlager zubringen, das der Hüter des Turmes, gerührt durch die Geduld und edle Haltung der Gefangenen, durch ein Kissen und eine alte wollene Decke verbessert hatte. Auch konnte der Kranke das schwarze Brot nicht mehr genießen, und hätte elend verhungern müssen, wenn der barmherzige Mann nicht täglich ein Töpfchen Suppe oder ein Krüglein Milch hereingebracht hätte.
Ueberhaupt war dies zweite Gefängnis nicht ganz so finster und öde als das erste. Die Sonnenstrahlen, die am Morgen auf ein paar Stunden durch das Fenster drangen und die schwarze Wand vergoldeten, wurden täglich sehnsuchtsvoll erwartet, und an trüben Tagen schmerzlich vermißt. Die Fensteröffnung mußte dicht über dem Erdboden sein, denn siehe, etliche frische Grashalme zeigten sich darin und endlich sogar ein blaues Wiesenblümlein, dessen Entfalten und Verwelken die Freunde wehmütig beobachteten. Ein Vöglein sang auch manchmal ganz fröhlich vor dem Loch, und oft, sehr oft schallte das Jauchzen und Lachen der beiden Kinder bis hinunter zu den Verlassenen. Einmal kam es ganz nahe, und, o Wunder! ein kleines Händchen streckte sich durch die Oeffnung, ließ etwas niederfallen und verschwand. Am Boden aber lag ein schöner weißer Wecken, ein Festmahl für den Kranken! Aber ach, die Stimmen der Kinder hörte man von da an nicht wieder! Man hatte wohl gemerkt, was sie getan, und erlaubte ihnen nicht mehr, in der Nähe des Turmes zu spielen.