The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 7

Chapter 72,708 wordsPublic domain

{10} Tunc ypocritæ acceptis muneribus vadunt ad regem Francorum et stantes coram eo cantant:

Rex tibi salus sit et c.

ultimam clausulam ista commutantes:

Sed de tui regni ‖ certus deuotione rependit tibi vicem ‖ voluntatis bonæ.

Tunc rex acceptis muneribus cantat:

Libenter exhibeo et c.

Et hoc iterans venit ad presentiam Antichristi et flexo genu offert ei coronam cantans:

Tibi profiteor et c. 20

Antichristus eo suscepto in osculum signans eum et suos in frontibus et imponens ei coronam cantat:

Vive per gratiam et c.

Tunc iterum dirigit ypocritas ad regem Teotonicorum cantans:

Excellens est in armis ‖ vis Teotonicorum, sicut testantur robur ‖ experti eorum. Regem muneribus ‖ est opus mitigari. est cum Teotonicis ‖ incautum preliari. Hi secum pugnantibus ‖ sunt pessima pestis. hos nobis subicite ‖ donis si potestis. 30

Tunc ypocritæ acceptis muneribus transeunt ad regem cantantes coram eo:

Rex tibi salus sit et c.

ultimum versum iterum isto commutantes:

Et his te honorans ‖ muneribus absentem amicum cernere ‖ desiderat presentem.

Tunc rex Teotonicorum cantat:

Fraudis versutias ‖ compellor experiri, per quas nequitia ‖ vestra solet mentiri. Sub forma veritas ‖ virtutis putabatur; ostendit falsitas, ‖ quod forma mentiatur. Per vos corrupta est ‖ fides Christianorum. per me conteretur ‖ regnum simulatorum. Plena sunt fraudibus ‖ munera deceptoris. iniquus corruet ‖ per gladium ultoris. Secum pecunia ‖ sit in perditionem, 10 gravem iniuria ‖ exspectat ultionem.

Tunc ypocritæ confusi redeunt et stantes coram Antichristo c(antant):

O regni gloria ‖ caput totius mundi, offensam aspice ‖ populi furibundi. Certe predictum est ‖ per fidem antiquorum, quod tu subities ‖ cervices superborum. Si virtute tua ‖ totus orbis subsistit, qua vi teotonicus ‖ furor tibi resistit? Tuam Germania ‖ blasphemat dicionem, extollit cornua ‖ contra religionem. 20 Respice igitur ‖ nostram confusionem, in ea iudica ‖ tuam offensionem. Tuam potentiam ‖ iniuria testatur, cuius imperio ‖ ruinam comminatur.

Tunc Antichristus:

Consummabo uere ‖ gentem perditionis pro tanto scandalo ‖ sanctæ religionis. Ecce superbiam ‖ humanæ potestatis teret potentia ‖ divinæ maiestatis.

{30} Tunc dirigit singulos nuntios ad reges dicens eis:

Ite congregantes ‖ facultates regnorum. conculcent impetu ‖ furorem superborum.

Nuntii vero venientes coram regibus c(antant):

Ecce noster dominus ‖ et deus deorum per nos exercitum ‖ convocavit suorum. Ut per hos teotonicum ‖ condempnet furorem, in bello martyrum ‖ consignabit cruorem.

Tunc reges conveniunt ante tronum Antichristi. Quibus ille:

Consummabo vere et c. Ite Germaniæ ‖ terminos invadetis, superbum populum ‖ cum rege conteretis.

Tunc omnes cantant:

Deus nobiscum est, ‖ quos tuetur potenter. Pro fide igitur ‖ pugnemus confidenter.

{10} Et disponentes acies suas in occursum Teotonicorum congrediuntur cum eis et superatur exercitus Antichristi. Tunc rex Teotonicorum rediens et sedens in trono suo cantat:

Sanguine patriæ ‖ honor est retinendus, Virtute patriæ ‖ est hostis expellendus. Ius dolo perditum ‖ est sanguine venale. sic retinebimus ‖ decus imperiale.

Tunc ypocritæ adducunt claudum coram Antichristo, quo sanato rex Teotonicorum hesitabit in fide. Tunc iterum adducunt leprosum, et illo sanato rex plus dubitabit. Ad ultimum important {20} feretrum, in quo iacebit quidam simulans se in prelio occisum. Iubet itaque Antichristus ut surgat dicens:

Signa semper querunt ‖ rudes et infideles. surge velociter, ‖ quis sim ego reveles.

Tunc ille de feretro cantat:

Tu sapientia ‖ supernæ veritatis virtus invicta es ‖ divinæ maiestatis.

Et ypocritæ secum c(antant):

Tu sapientia et c.

Tunc rex Teotonicorum videns signum seducitur dicens:

Nostro nos impetu ‖ semper periclitamur, 30 adversus dominum ‖ incauti preliamur. In huius nomine ‖ mortui suscitantur et claudi ambulant ‖ et leprosi mundantur. Illius igitur ‖ gloriam veneremur

FRAU WELT.

_HIMMEL UND HÖLLE._

[_Scherer D._ 87, _E._ 78.]

Aus einer Bamberger Handschrift des elften Jahrhunderts in der Königl. Bibliothek zu München. Von einem Geistlichen verfasst, in vier mal gehobenen Versen ohne Alliteration und Reim, wie sonst nur das angelsächsische Ormulum. Herausgegeben in den Denkmälern Nr. 30.

In dero hello dâ ist dôt âne tôt, karôt unde jâmer, al unfrouwida, mandunge bresto, beches gerouche, der sterkiste svevelstank, verwâzzenlîch genibile, des tôdes scategruoba, alles truobisales waga, 10 der verswelehente loug, die wallenten stredema viurîner dunste, egilîch vinster, diu iemêr êwente brunst, diu vreissamen dôtbant, diu betwungeniste phragina, claga, wuoft âne trôst, wê âne wolun, wîzze âne restî 20 aller wênigheite nôt, diu hertiste râcha, der handegôste ursuoch, daz sêrigẹ elelentduom, aller bittere meist, kâla âne vriste, ungenâdône vlîz, uppigiu riuwa, karelîch gedôzze, weinleiches ahhizôt, alles unlustes zâlsam gesturme, forhtône bîba, zano klaffunga, aller wêskreio meist, diu iemêr werentẹ angest, 10 aller skandigelîch, daz scamilîchestẹ offen aller tougenheite, leides unende und aller wêwigelîch, marter unerrahlîch mit allem unheile, diu wêwiglîche haranskara, verdamnunga swereden âne alle erbarmida, 20 iteniuwiu sêr âne guot gedinge, unverwandellîch ubel, alles guotes âteil, diu grimmigiste heriscaft, diu vîantliche sigenunft, griulîch gesemine, der vûlidạ unsûbrigheit mit allem unscône, diu tiuvallîche anesiht, 30 aller egisigilîch, alles bales unmez, diu leitlîche heima, der helle karkâre, daz rîchiste trisehûs alles unwunnes, der hizze abgrunde, unbigebenlîch flor, der tiuvalo tobeheit, der ursinniglîche zorn und aller ubelwillo, der ist dâ verlâzen in aller âhtunga vlîz und in alla tarahaftî dero hella erbon, 10 âne zîtes ende, iemêr in êwa. Sô ist taz hellerîche einis teilis getân.

_In der Hölle Ist Tod ohne Tod, Wehklage und Jammer, Eitel Freudlosigkeit, Der Seligkeit Abbruch, Peches Rauchen, Der stärkste Schwefelgestank, Verfluchtes Nebelgewölk, Des Todes Schattengrube, Aller Trübsal Wiege, 10 Die verschlingende Lohe, Die wallenden Strudel Feuriger Dünste, Entsetzliche Finsterniss, Die ewigwährende Feuersbrunst, Die furchtbaren Todesbande, Die bekümmertste Drangsal, Klage, Jammern ohne Trost, Weh ohne Linderung, Peinigung ohne Rast 20 Aller Kümmerniss Noth, Die härteste Vergeltung, Das schärfste Verhör, Das schmerzliche Elend, Die Summe aller Bitterniss, Qual ohne Ende, Der Ungnade Eifern, Wuchernde Reue, Trauriges Getöse, Klageliedes Ächzen, Aller Unlust Gefahrvoll Getümmel, Das Beben der Furcht, Zähne Klappen, Das durchdringendste Wehgeschrei, Die immerwährende Angst, 10 Schmach und Schande, Die beschämendste Offenbarung Aller Geheimnisse, Leides Unendlichkeit Und jegliches Wehes, Zahllose Marter Mit allem Unheil, Die schmerzliche Peinigung, Der Verdammniss Qualen Ohn all Erbarmen, 20 Unerhörte (ganz neue) Schmerzen Ohne gute Hoffnung, Unwandelbares Übel, Alles Guten Untheilhaftigkeit, Die grimmigste Herrschaft, Der feindliche Sieg Gräuliche Versammlung, Der Fäulniss Unsauberkeit Mit allem Unschönen, Der teuflische Anblick 30 Aller Schrecknisse, Alles Bösen Übermass, Die leidvolle Heimat, Der Hölle Kerker, Das reichste Schatzhaus Aller Unwonne, Der Hitze Abgrund, Unablässiges Verderben, Der Teufel Toben, Der unsinnige Zorn Und jedes Übelwollen, Das ist da losgelassen Auf eifernde Verfolgung Und zu jeder Schädigung Der Hölle Erben, 10 In endloser Zeit Immer in Ewigkeit. So ist das Höllenreich Ungefähr beschaffen._

_DIE WIENER GENESIS._

[_Scherer D._ 82,_ E._ 74.]

Enthält mehrere Stücke, die vermuthlich an Stelle von Predigten zum Vorlesen bestimmt waren und zum Theil noch aus dem elften Jahrhundert herrühren. Scherer unterscheidet sechs verschiedene Verfasser. Herausgegeben von Graff ‘Diutisca’ III (1829); Hoffmann ‘Fundgruben II’ (1837); Massmann ‘Deutsche Gedichte des zwölften Jahrhunderts’ (1837).

Dô diu vrouwa Sâra gelebete hundert jouch siben und zueinzich jâre, dise werlt si begab. Abrahâm choufte ir ein grab, und bevalech si scône mit stanch aller bîmentône. 20 vile harte er si chlagete: ze lezzist er gedagite. do begunde er sich trôsten: waz mahte er dô bezzeres tuon? sô tuot unser igelîch sô ime gescihet samelîch. Dô iz zuo diu cham, daz Ysaac scolte gehîwan, sîn vater Abrahâm eiskôte sînen amman: den hiez er suerigen, sô in got muose nerigen, daz er der liute, dâ er under bûte, niemmer wib ne gewunne Ysaac sîneme chinde: 10 er hiez in dar varen, dannen er geborn was, zuo sines bruoder hûs Nachor, daz ime Batuel gâbe sîne tohter, die scônen Rebeccen, Ysaac ze gebetten. [Der scalch sprach] obe man ime ire niene gâbe, waz er des mahte? er ne scolte ouch sich des pelgen, ob si ime ne wolte volgen. 20 [Abrahâm chod] ‘des eides sîs dû ledich, ob dir ne volge diu magit.’ In deme ente luoder zewô olbenten mit mislîchen dingen der magide ze minnen. alsô er dare cham, er irbeizta bi einem brunnan. dô der âbant zuo seich, daz fihe man ze trenche treib. 30 er stuont bette daz in got gewerte daz er ime daz wîb erougte diu sîneme hêrren scolte. [Er chot] ‘nû wil ich haben ze zeichen welihe got mir eiche, suelehe maged ich pitte daz si mir des wazzeres scepphe, ob mir got verlîhit, daz si mir des nieht verzîhet, si ne heizze mich selben trinchen 10 jouch mîne olbenten: diu scol mîneme hêrren ze minnen jouch ze êren.’ Bi daz er daz gebet nider lie, diu scône Rebecca zuo gie, und manech maged anderiu, der ire gelîch was neheiniu. Er sprach ire zuo: ‘wande ne trenchest dû mich, vrouwa?’ ime selben si scanchte, 20 sîn olbenten si ouch tranchte. got er gnâdôte daz er in sô sciere erhôrte. Er gab ir ze minnen zuêne ôringe und zuêne armpouge ûz alrôteme golde, und frâgete si sâre wes tohter si wâre. Si sprach, Abrahâm 30 wâre ir vater ôheim. si bat in ze hûs, sprah, dâ wâre vile houwes: dâ mahten geste haben guote reste. Nieht si ne tualte ê si ir vater al gezalte. si begunde zeigan ire bruoder Lâban bouge unde ôringe die si enphie von deme jungelinge. er liuf dar sciere, sprach, wand er ze hûs ne vuore? 10 Dô er dare cham, dô ward er wole inphangan. vile wole si in handelôten, maniges si in vrâgôten, nâh allem niumâre, waz sîn gewerf wâre. [Er chot] sîn hêrre hête in dare gesant umb einen michelen ârant, sîneme junchêrren umb ein wîb diu guot wâre und êrlîch, 20 die scônen Rebeccen deme hêrren Ysaac ze gebetten. Sînen hêrren er lobete waz er rîhtuomes habete, fihis unde scatzes manichvaltes nutzes; und wie wole ire gescâhe ob si in gnâme. ob si iz wolten tuon, daz si in des liezzen spuon: ob si des ne wolten, daz si in niene tualten. Si sprâchen daz si gotes willen niene wolten stillen: ‘hie ist unser tohter ân aller slahte laster: suie sciere dir gevalle, var heim mit alle.’ Er wart vil vrô 10 solicher antwurtô. silberîne napphe, guldîne chopphe, vile guot gewâte ze chemenâten er brâhte: er gébete zêriste der junchvrouwen aller bezzeste; deme vater und dere muoter jouch ir bruoder. Guot wâren die gebe, 20 wol geviel sîn rede. si sâzen ze muose mit vrôlîcheme gechôse. dâ was spil unde wunne under wîben unde manne. vone benche ze benche hiez man allûteren wîn scenchen; si spilten unde trunchan unz in iz der slâf binam. Alsô der tach cham, 30 ûf was der Ysaachis man: des urloubes er bat, daz ime nieman ne gab: si bâten daz er dâ wâre zehen tage fristmâle. daz dûhte in ze lenge: [er chot] ze wiu si in scolten tuellen? er bat sich lâzzen, daz is sînen hêrren ieht dorfte irdrizzen. Do si sînen ernist gesâhen, die maged si frâgeten, obe si ime wolte volgen 10 zuo eigenen seliden. si sprach gerne vuore suâ ire ieht guotes gescâhe. Ze stete si ime se gâben mit scônen mageden; si gâben ir mite ir ammen, daz si der daneverte deste min mahte erlangen. Ze rosse si giengen, mit âmare si scieden. vater unde muoter 20 jouch ire bruoder, si bâten unseren trehtîn daz si sâlich muose sîn ze tûsent tûsent jâren, und alle die von ire châmen. Isaac was ûz gegangen zuo einem brunnen, daz er ouch sâhe waz tâten sîne snitâre. Also iz zuo deme âbande seig, 30 sîn man mit dere junchvrouwen zuo reit. Der hêrre ire gegen gie, vil wole er si enphie. er vie sie behende, er gie mit ire spilende uber daz scône velt: er leite sie in sîn gezelt.

_Als die Frau Sara hundert und sieben und zwanzig Jahr gelebt hatte, verliess sie diese Welt. Abraham kaufte ihr ein Grab, und bestattete sie schön mit Weihrauch von allen Specereien. 20 er betrauerte sie gar sehr; zuletzt schwieg er. Da begann er sich zu trösten: was konnte er da Besseres thun? so thut ein jeglicher von uns, wenn ihm Ähnliches geschieht. Da es dazu kam, dass Isaac heirathen sollte, da heischte sein Vater Abraham seinen Diener: den hiess er schwören, so ihn Gott erhalten müsse, dass er von den Leuten, darunter er wohnte, nimmer ein Weib gewinne für sein Kind Isaac. 10 Er hiess ihn dahin reisen, von wo er geboren war, zu seines Bruders Hause, Nachor, dass ihm Batuel seine Tochter gäbe, die schöne Rebecca, Isaac zur Frau. Der Diener sprach: Wenn man ihm sie nicht gäbe, was er da machte? Er sollte auch sich nicht darob erzürnen, wenn sie ihm nicht folgen wollte. 20 Abraham sprach: Des Eides seiest du ledig, wenn dir das Mädchen nicht folgt. Zu diesem Zwecke Belud er zwei Kameele mit mannigfachen Dingen dem Mädchen zur Liebe. Als er dahin kam, rastete er bei einem Brunnen. Da der Abend sich senkte, trieb man das Vieh zur Tränke. 30 Er begann zu beten, dass ihm Gott gewährte, dass er ihm das Weib zeige, die für seinen Herrn sollte. Er sprach: ‘Nun will ich zum Zeichen haben, die mir Gott zueigne: welches Mädchen ich bitte, dass sie mir Wasser schöpfe, so mir Gott verleihet dass sie mir das nicht versagt, mich selbst trinken heisse 10 und auch meine Kameele, die soll meinem Herrn zu Liebe und zu Ehren sein,’ Als er das Gebet beendigte, kam die schöne Rebecca herzu, und manche andere Mädchen, von denen ihr keine gleich war. Er sprach ihr zu: Warum giebst du mir nicht zu trinken, Frau? Sie schenkte ihm selber, 20 sie tränkte auch seine Kameele. Er dankte Gott, dass er ihn so schnell erhörte. Er gab ihr aus Liebe zwei Ohrringe und zwei Armspangen aus ganz rothem Golde und fragte sie sogleich, wes Tochter sie wäre. Sie sprach, Abraham 30 wäre ihres Vaters Oheim. Sie bat ihn nach Hause, sprach, da wäre viel Heu: da könnten Gäste gute Rast haben. Sie rastete nicht, ehe sie ihrem Vater Alles erzählte. Sie begann zu zeigen ihrem Bruder Laban die Spangen und Ohrringe, die sie von dem Jüngling empfieng. Er lief dahin schnell, sprach, warum er nicht nach Hause käme? 10 Da er dahin kam, da ward er wohl empfangen, sie behandelten ihn sehr gut, fragten ihn manches, nach jeder Neuigkeit, was sein Geschäft wäre. Er sprach, sein Herr hätte ihn daher gesandt wegen eines grossen Anliegens (errand) wegen einer Frau für seinen jungen Herrn, die gut wäre und ehrsam, 20 nämlich wegen der schönen Rebecca, für den Herrn Isaac zur Gemahlin. Er lobte seinen Herrn, wie viel er Reichthum hätte, an Vieh und Schätzen mannigfachen Nutzens, und wie wohl ihr geschähe, wenn sie ihn nähme. Wenn sie es thun wollten, so sollten sie ihn das schnell thun lassen; wenn sie es nicht wollten, so sollten sie ihn nicht verzögern, Sie sprachen, sie wollten Gottes Willen nicht aufhalten: hier ist unsre Tochter ohne irgend welchen Tadel: wie schnell es dir gefällt, so fahre heim mit ihr. Er ward sehr froh 10 über solche Antwort. Silberne Schalen, goldene Becher, viel gute Gewänder brachte er zur Kammer; er gab zuerst der Jungfrau das Allerbeste dem Vater und der Mutter und auch ihrem Bruder. Gut waren die Gaben, 20 wohl gefiel seine Rede. sie sassen zum Mahle mit fröhlichem Gekose. Da gab es Spiel und Freude unter Frauen und Männern. Von Tische zu Tische liess man lauteren Wein schenken; sie spielten und tranken, bis der Schlaf es ihnen benahm. Als der Tag kam, 30 auf war da der Diener Isaacs; er bat um Urlaub, den ihm aber Niemand gab: sie baten ihn, das er da bliebe zehn Tage Zeit. Das däuchte ihm zu lange: er sprach, wozu sie ihn verzögern wollten? er bat, dass sie ihn entliessen, dass es seinen Herrn nicht möchte verdriessen. Als sie seinen Ernst sahen, da fragten sie das Mädchen, ob sie ihm folgen wollte 10 zu eigener Wohnung. Sie sprach, sie gienge gerne, wo ihr etwas Gutes geschähe. Sogleich gaben sie sie ihm mit schönen Mägden; sie gaben ihr ihre Amme mit, damit sie der Abschied desto weniger schmerze. Sie giengen zu den Rossen, sie schieden mit Leid. Vater und Mutter 20 und auch ihr Bruder, sie baten unsern Herrgott, dass sie möchte selig sein tausend tausend Jahre, und alle die von ihr kämen. Isaac war ausgegangen zu einem Brunnen, dass er auch sähe, was seine Schnitter thäten. Als es sich zu Abend neigte, 30 ritt sein Mann mit der Jungfrau herzu. Der Herr gieng ihr entgegen, empfieng sie sehr wohl. Er fasste sie behende, er gieng mit ihr scherzend über das schöne Feld: er leitete sie in sein Zelt._

M.

_DAS LEBEN JESU._

[_Scherer D._ 83, _E._ 74.]

In der Vorauer Handschrift. Von einem unbekannten Verfasser, früher der Frau Ava, Verfasserin dreier geistlicher Gedichte, zugeschrieben. Herausgegeben von Diemer ‘Deutsche Gedichte des elften und zwölften Jahrhunderts’ (Wien, 1849).