The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 59
Kleine Geister, die keine Einsicht in die Moral besitzen und das ungereimte Wesen in den menschlichen Handlungen weder wahrnehmen noch satyrisch vorstellen können, haben, anstatt das Lächerliche in den Sachen zu suchen, dasselbe in närrischen Kleidungen, {20} Worten und Gebärden zu finden gemeinet. Daher haben Harlekin und Skaramutz die Hauptpersonen ihrer Lustspiele werden müssen. Diese müssen durch bunte Wämser, wunderliche Posituren und garstige Fratzen den Pöbel zum Gelächter reizen. Von diesem allem haben die Alten nichts gewusst; und es gehört mit unter die phantastischen Erfindungen der Italiener, die jemand in der Vorrede zu einer französischen Komödie: ‘Harlequin aux Champs Elisées’ verspottet hat. Terenz hat seine Komödien _ohne_ eine lustige Person lächerlich genug zu machen gewusst: das neue französische Theater hat gleichfalls bisher _keinen_ Harlekin nöthig {30} gehabt, die Zuschauer zu belustigen; obgleich Molière darin ein böses Exempel gegeben hatte. Destouches und einige andere nämlich haben sich gar wohl _ohne_ diese phantastische Person behelfen können; und ein Poet setzt sich wirklich in Verdacht, als verstände er sein Handwerk, d. i. die Satire, nicht, wenn er ohne die Beihilfe eines unflätigen Possenreissers nichts Lustiges auf die Schaubühne bringen kann. Boileau hat diese schmutzigen Zoten seinen Schülern ernstlich untersagt und den Molière selbst nicht geschont, der sich auch oft dem Pöbel in diesem Stücke bequemt hatte.
Hieraus ist nun leicht zu schliessen, was von dem _Théatre italien_ und _Théatre de la Foire_, wo lauter abgeschmacktes Zeug vorkömmt, für ein Werks zu machen sei, darüber ein Kluger entweder gar nicht lacht, oder sich doch schämt, gelacht zu haben; {10} ingleichen was von allen deutschen Narren zu halten sei, sie mögen nun von alter Erfindung sein, wie Hanswurst oder Pickelhering, dessen sich _Weise_ noch immer bedient hat, oder auch von neuer Art, wie der sogenannte Peter, oder Crispin, oder wie sie sonst heissen mögen. Eben die Gründe, die wider jene streiten, sind auch allen diesen Geschöpfen einer unordentlichen Einbildungskraft zuwider, die kein Muster in der Natur haben.
_ALBRECHT VON HALLER._
[_Scherer D._ 372, _E._ 377.]
Geboren 1708 zu Bern, studierte in Tübingen und Leyden Naturwissenschaften, reiste dann in Deutschland, England und Frankreich und ward 1729 practischer Arzt in Bern. 1736 gieng er als Professor nach Göttingen, und 1753 als Amman nach Bern zurück. Er starb 1777. Als Gelehrter, Kritiker und Dichter gleich angesehen. Seine wichtigsten Gedichte fallen in die Jahre 1725-1736; die erste Sammlung ‘Versuch schweizerischer Gedichte’ erschien 1732. Seine Gedichte wurden herausgegeben von Hirzel (Frauenfeld 1882) und die Tagebücher seiner Reisen von demselben (Leipzig 1883). Im Alter verfasste er politische Romane.
1.
TRAUER-ODE, BEIM ABSTERBEN SEINER GELIEBTEN MARIANE.
Soll ich von deinem Tode singen? O Mariane! welch ein Lied, Wann Seufzer mit den Worten ringen 20 Und ein Begriff den andern flieht! Die Lust, die ich an dir empfunden, Vergrössert jetzund meine Noth; Ich öffne meines Herzens Wunden Und fühle nochmals deinen Tod.
Doch meine Liebe war zu heftig, Und du verdienst sie allzuwohl, Dein Bild bleibt in mir viel zu kräftig, Als dass ich von dir schweigen soll. Es wird, im Ausdruck meiner Liebe, Mir etwas meines Glückes neu, 10 Als wann von dir mir etwas bliebe, Ein zärtlich Abbild unsrer Treu!
Nicht Reden, die der Witz gebieret, Nicht Dichter-Klagen fang ich an; Nur Seufzer, die ein Herz verlieret, Wann es sein Leid nicht fassen kann. Ja, meine Seele will ich schildern, Von Lieb und Traurigkeit verwirrt, Wie sie, ergötzt an Trauer-Bildern, In Kummer-Labyrinthen irrt! 20
Ich seh dich noch, wie du erblasstest, Wie ich verzweiflend zu dir trat, Wie du die letzten Kräfte fasstest, Um noch ein Wort, das ich erbat. O Seele, voll der reinsten Triebe, Wie ängstig warst du für mein Leid! Dein letztes Wort war Huld und Liebe, Dein letztes thun Gelassenheit.
Wo flieh ich hin? in diesen Thoren Hat jeder Ort, was mich erschreckt! 30 Das Haus hier, wo ich dich verloren; Der Tempel dort, der dich bedeckt; Hier Kinder -- ach! mein Blut muss lodern Beim zarten Abdruck deiner Zier, Wann sie dich stammelnd von mir fodern; Wo flieh ich hin? ach! gern zu dir!
O soll mein Herz nicht um dich weinen? Hier ist kein Freund dir nah als ich. Wer riss dich aus dem Schooss der deinen? Du liessest sie und wähltest mich. Dein Vaterland, dein Recht zum Glücke, Das dein Verdienst und Blut dir gab, Die sinds, wovon ich dich entrücke; Wohin zu eilen? in dein Grab!
Dort in den bittern Abschieds-Stunden, Wie deine Schwester an dir hieng, 10 Wie, mit dem Land gemach verschwunden, Sie unserm letzten Blick entgieng; Sprachst du zu mir mit holder Güte, Die mit gelassner Wehmuth stritt: ‘Ich geh mit ruhigem Gemüthe, Was fehlt mir? Haller kömmt ja mit.’
Wie kann ich ohne Thränen denken An jenen Tag, der dich mir gab! Noch jetzt mischt Lust sich mit dem kränken, Entzückung löst mit Wehmuth ab. 20 Wie zärtlich war dein Herz im lieben, Das Schönheit, Stand und Gut vergass, Und mich allein nach meinen Trieben Und nicht nach meinem Glücke mass.
Wie bald verliessest du die Jugend Und flohst die Welt, um mein zu sein; Du miedst den Weg gemeiner Tugend Und warest schön für mich allein. Dein Herz hieng ganz an meinem Herzen Und sorgte nicht für dein Geschick; 30 Voll Angst bei meinem kleinsten Schmerzen, Entzückt auf einen frohen Blick.
Ein nie am eiteln fester Wille, Der sich nach Gottes Fügung bog; Vergnüglichkeit und sanfte Stille, Die weder Glück noch Leid bewog; Ein Vorbild kluger Zucht an Kindern, Ein ohne Blindheit zartes Herz; Ein Herz, gemacht mein Leid zu mindern, War meine Lust und ist mein Schmerz.
Ach! herzlich hab ich dich geliebet, Weit mehr als ich dir kund gemacht, Mehr als die Welt mir Glauben giebet, Mehr als ich selbst vorhin gedacht. Wie oft, wann ich dich innigst küsste, Erzitterte mein Herz und sprach: 10 ‘Wie? wann ich sie verlassen müsste!’ Und heimlich folgten Thränen nach.
Ja, mein Betrübniss soll noch währen, Wann schon die Zeit die Thränen hemmt; Das Herz kennt andre Arten Zähren, Als die die Wangen überschwemmt. Die erste Liebe meiner Jugend, Ein innig Denkmal deiner Huld, Und die Verehrung deiner Tugend Sind meines Herzens stäte Schuld. 20
Im dicksten Wald, bei finstern Buchen, Wo niemand meine Klagen hört, Will ich dein holdes Bildniss suchen, Wo niemand mein Gedächtniss stört. Ich will dich sehen, wie du giengest, Wie traurig, wann ich Abschied nahm! Wie zärtlich, wann du mich umfiengest, Wie freudig, wann ich wiederkam!
Auch in des Himmels tiefer Ferne Will ich im dunkeln nach dir sehn 30 Und forschen, weiter als die Sterne, Die unter deinen Füssen drehn. Dort wird an dir die Unschuld glänzen Vom Licht verklärter Wissenschaft; Dort schwingt sich aus den alten Gränzen Der Seele neu entbundne Kraft!
Dort lernst du Gottes Licht gewöhnen, Sein Rath wird Seligkeit für dich; Du mischest mit der Engel Tönen Dein Lied und ein Gebet für mich. Du lernst den Nutzen meines leidens, Gott schlägt des Schicksals Buch dir auf; Dort steht die Absicht unsers scheidens Und mein bestimmter Lebenslauf.
Vollkommenste! die ich auf Erden So stark und doch nicht gnug geliebt! 10 Wie liebens-würdig wirst du werden, Nun dich ein himmlisch Licht umgiebt. Mich überfällt ein brünstigs hoffen, O! sprich zu meinem Wunsch nicht nein! O! halt die Arme für mich offen! Ich eile, ewig dein zu sein!
2.
AUS DEN ALPEN.
Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldet Und sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt, So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet, 20 Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt; Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen Wolke Eröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt, Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem Volke Zeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält; Ein sanfter Schwindel schliesst die allzuschwachen Augen, Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.
Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und Seen Fällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht, Die blaue Ferne schliesst ein Kranz beglänzter Höhen, 30 Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht; Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel, Wovon ein laut Geblöck im Thale widerhallt; Bald scheint ein breiter See ein Meilen langer Spiegel, Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt; Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Thälern, Die, hin und her gekrümmt, sich im entfernen schmälern.
Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder, Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich gethürmt, Sein frostiger Krystall schickt alle Strahlen wieder, Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt. Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide, 10 Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer. Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen Trennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen.
Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen, Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall. Der dick beschäumte Fluss dringt durch der Felsen Ritzen Und schiesst mit gäher Kraft weit über ihren Wall. Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile, 20 In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau, Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Theile Und das entfernte Thal trinkt ein beständigs Thau. Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fliessen, Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken giessen.
Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen, Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt, Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen, Wo nicht ein Wunder ihn zum stehn und forschen zwingt. Macht durch der Weisheit Licht die Gruft der Erde heiter, 30 Die Silber-Blumen trägt und Gold den Bächen schenkt; Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter, Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt: Ihr werdet alles schön und doch verschieden finden Und den zu reichen Schatz stäts graben, nie ergründen!
_FRIEDRICH VON HAGEDORN._
[_Scherer D._ 374, _E._ 379.]
Geboren 1708 zu Hamburg, studierte die Rechte, gieng 1729 als Privatsecretär des dänischen Gesandten nach London und lebte später in Hamburg als Secretär beim Englischen Court. Starb 1754. Seine erste Gedichtsammlung erschien 1729; sein ‘Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen’ 1738. Seine sämmtlichen Werke, Lehrgedichte, Fabeln und Erzählungen, Oden und Lieder enthaltend, erschienen zuerst Hamburg, 1756. Neue Gesammtausgabe von Eschenburg (Hamburg 1800). Neudruck des ‘Versuchs einiger Gedichte’ durch Sauer (Heilbronn 1883).
1.
DER MAY.
Der Nachtigall reizende Lieder Ertönen und locken schon wieder Die fröhlichsten Stunden ins Jahr. Nun singet die steigende Lerche: Nun klappern die reisenden Störche, Nun schwatzet der gaukelnde Staar. Wie munter sind Schäfer und Heerde, Wie lieblich beblümt sich die Erde! Wie lebhaft ist itzo die Welt! 10 Die Tauben verdoppeln die Küsse, Der Entrich besuchet die Flüsse, Der lustige Sperling sein Feld. Wie gleichet doch Zephyr der Floren! Sie haben sich weislich erkohren, Sie wählten den Wechsel zur Pflicht. Er flattert um Sprossen und Garben; Sie liebet unzählige Farben; Und Eifersucht trennet sie nicht. Nun heben sich Binsen und Keime, 20 Nun kleiden die Blätter die Bäume, Nun schwindet des Winters Gestalt; Nun rauschen lebendige Quellen Und tränken mit spielenden Wellen Die Triften, den Anger, den Wald. Wie buhlerisch, wie so gelinde Erwärmen die westlichen Winde Das Ufer, den Hügel, die Gruft! Die jugendlich scherzende Liebe Empfindet die Reizung der Triebe, Empfindet die schmeichelnde Luft. Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen, Nun rufen euch eure Schallmeyen, Ihr stampfenden Tänzer! hervor. Ihr springet auf grünender Wiese, 10 Der Bauerknecht hebet die Liese, In hurtiger Wendung, empor. Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner, Schwang vormals der braune Sabiner Mit männlicher Freyheit den Hut. O reizet die Städte zum Neide, Ihr Dörfer voll hüpfender Freude! Was gleichet dem Landvolk an Muth.
2.
DAS HÜHNCHEN UND DER DIAMANT.
Ein verhungert Hühnchen fand 20 Einen feinen Diamant, Und verscharrt’ ihn in den Sand. ‘Mögte doch, mich zu erfreun, Sprach es, dieser schöne Stein Nur ein Weizenkörnchen seyn!’ Unglückselger Überfluss, Wo der nöthigste Genuss Unsern Schätzen fehlen muss!
3.
JOHANN, DER MUNTERE SEIFENSIEDER.
Johann, der muntre Seifensieder, 30 Erlernte viele schöne Lieder Und sang, mit unbesorgtem Sinn, Vom Morgen bis zum Abend hin. Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen: Und wann er ass, so musst’ er singen; Und wann er sang, so war’s mit Lust, Aus vollem Hals’ und freier Brust. Beim Morgenbrot, beim Abendessen Blieb Ton und Triller unvergessen; Der schallte recht, und seine Kraft Durchdrang die halbe Nachbarschaft. Man horcht, man fragt: ‘Wer singt schon wieder? Wer ist’s?’ ‘Der muntre Seifensieder!’ 10
Im Lesen war er anfangs schwach; Er las nichts als den Almanach, Doch lernt’ er auch nach Jahren beten, Die Ordnung nicht zu übertreten, Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein, Oft singend, öfter lesend, ein. Er schien fast glücklicher zu preisen, Als die berufnen sieben Weisen, Als manches Haupt gelehrter Welt, Das sich schon für den achten hält.-- 20
Es wohnte diesem in der Nähe Ein Sprössling eigennütz’ger Ehe, Der, stolz und steif und bürgerlich, Im Schmausen keinem Fürsten wich: Ein Garkoch richtender Verwandten, Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten, Der stets zu halben Nächten frass Und seiner Wechsel oft vergass.
Kaum hatte mit den Morgenstunden Sein erster Schlaf sich eingefunden, 30 So liess ihm den Genuss der Ruh’ Der nahe Sänger nimmer zu. ‘Zum Henker! lärmst du dort schon wieder, Vermaledeiter Seifensieder? Ach, wäre doch, zu meinem Heil, Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!’
Den Sänger, den er früh vernommen, Lässt er an einem Morgen kommen Und spricht: ‘Mein lustiger Johann, Wie geht es Euch? Wie fangt Ihr’s an? Es rühmt ein jeder Eure Waare, Sagt, wie viel bringt sie Euch im +Jahre+?’
‘Im +Jahre+, Herr? mir fällt nicht bei, Wie grosz im +Jahr+ mein Vortheil sei. So rechn’ ich nicht? Ein Tag bescheret, Was der, so auf ihn kommt, verzehrt. 10 Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl) Dreihundertfünfundsechzigmal.’
‘Ganz recht! doch könnt Ihr mir’s nicht sagen, Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?’ ‘Mein Herr, Ihr forschet allzu sehr: Der eine wenig, mancher mehr; So wie’s dann fällt. Mich zwingt zur Klage Nichts als die vielen Feiertage, Und wer sie alle roth gefärbt, Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt; 20 Dem war die Arbeit sehr zuwider; Der war gewiss kein Seifensieder.’
Dies schien den Reichen zu erfreu’n. ‘Hans’, spricht er, ‘du sollst glücklich sein. Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler, Da hast du baare funfzig Thaler, Nur unterlasse den Gesang! Das Geld hat einen bessern Klang.’
Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke, Mit mehr als dieb’scher Furcht zurücke. 30 Er herzt den Beutel, den er hält, Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld, Das Geld, den Ursprung seiner Freude Und seiner Augen neue Weide.
Es wird mit stummer Lust beschaut Und einem Kasten anvertraut, Den Band und starke Schlösser hüten, Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten, Den auch der karge Thor bei Nacht Aus banger Vorsicht selbst bewacht. Sobald sich nur der Haushund reget, Sobald der Kater sich beweget, Durchsucht er alles, bis er glaubt, Dass ihn kein frecher Dieb beraubt, Bis, oft gestossen, oft geschmissen, Sich endlich beide packen müssen: 10 Sein Mops, der keine Kunst vergass, Und wedelnd bei dem Kessel sass; Sein Hinz, der Liebling junger Katzen, So glatt von Fell, so weich von Tatzen.
Er lernt zuletzt, je mehr er spart, Wie oft sich Sorg’ und Reichthum paart, Und manches Zärtlings dunkle Freuden Ihn ewig von der Freiheit scheiden, Die nur in reine Seelen strahlt, Und deren Glück kein Gold bezahlt. 20
Dem Nachbar, den er stets gewecket, Bis der das Geld ihm zugestecket, Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh’, Den vollen Beutel wieder zu, Und spricht: ‘Herr, lehrt mich bess’re Sachen, Als, statt des Singens, Geld bewachen. Nehmt immer Euren Bettel hin, Und lasst mir meinen frohen Sinn. Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden, Ich tausche nicht mit Euren Freuden. 30 Der Himmel hat mich recht geliebt, Der mir die Stimme wiedergibt. Was ich gewesen, werd’ ich wieder: Johann, der muntre Seifensieder!’
_CHRISTIAN LUDWIG LISCOW._
[_Scherer D._ 376, _E._ 381.]
Geboren 1701 zu Wittenberg in Mecklenburg, um 1730 Hauslehrer in Lübeck, später in Dresden Secretär des Ministers von Brühl, zog sich durch seine Satiren überall Feinde zu; nachdem er 1739 eine Sammlung seiner Satiren herausgegeben hatte, verstummte er und starb 1760.
AUS DER ABHANDLUNG VON DER VORTREFFLICHKEIT UND NOHTWENDIGKEIT DER ELENDEN SCRIBENTEN.
Ein sehr altes scytisches Sprichwort sagt, dass es eine grössere Kunst sey, aus einem ledigen, als aus einem vollen Glase zu trinken; und mich deucht, dass also, wenn die Vernunft zu Verfertigung einer Schrift so unumgänglich nöhtig ist, als die guten Scribenten wollen, einer, der ohne Vernunft ein Buch schreiben kann, weit vortrefflicher, und mehr zu bewundern ist, als einer, der, wenn er etwas zu Papier bringen will, allemal seine Vernunft zu Hülfe nehmen muss. Man muss nicht meynen, dass die Bücher, die ohne {10} Vernunft geschrieben werden, nicht so wohl gerahten, als diejenigen, die mit Verstand gemacht sind. Denn es giebt Bücher, die unstreitig ohne Zuthun der Vernunft verfertiget, und doch so wohl gerahten sind, dass selbst unsere Feinde darüber erstaunen. Ist es möglich, schreyen sie gemeiniglich, dass ein vernünftiger Mensch dergleichen Zeug schreiben könne? Ja, ich habe mit meinen Ohren gehöret, dass einer, dem die höchst unvernünftigen Gedanken eines gewissen elenden Scribenten, über den Spruch: Viele sind berufen etc. zu Gesichte kamen, in Beyseyn vieler Leute hoch betheuerte, es sey ihm, wann er auch Engelsverstand hätte, und {20} sein Leben damit zu retten wüsste, unmöglich, so zu schreiben. Unsere Feinde gestehen also selbst, dass einem Menschen, der seine Vernunft nicht gebrauchet, vieles möglich sey, welches ein vernünftiger Mensch nicht thun kan, und dass wir die besondere Geschicklichkeit besitzen, ohne Vernunft Thaten zu thun, wozu ein mehr als englischer Verstand erfordert wird. Sie halten dieses für etwas schweres, ja für eine Sache, die ihnen schlechterdings unmöglich ist. Ich versichere sie aber, dass es uns nicht nur möglich, sondern gar etwas leichtes ist, ohne Vernunft ganz wunderbare Bücher zu schreiben. Sollten unsere Feinde wissen, wie geschwinde wir mit unsern Schriften fertig werden, und wie wenig Mühe und Nachdenken wir darauf wenden: so würden sie erst über unsere Geschicklichkeit erstaunen; sie würden, von dem Glanze unserer Vortrefflichkeit gerühret, vor uns niederfallen, und, ohne Zeitverlust, ihre Vernunft ins Meer werfen, da es am tiefsten ist.
Denn eben diese Vernunft ist es, welche ihnen ihre Arbeit so mühsam macht. Wir zähmen sie, und legen ihr ein Gebiss ins {10} Maul, und eben darum wird uns unsere Arbeit so leichte. Unsere Feinde machen sich ein Gewissen, den Regeln der gesunden Vernunft, die doch so schwer zu beobachten sind, entgegen zu handeln. Sie können nicht schreiben, wenn sie nicht vorher denken. Sie bilden sich ein, sie müssten die Sache, wovon sie schreiben wollen, aus dem Grunde verstehen, und verderben die edle Zeit mit der unnützen und lächerlichen Überlegung, ob sie auch der Materie, welche sie abhandeln wollen, gewachsen sind, bloss darum, weil ein alter Grillenfänger, der, aus vorsetzlicher Bosheit, den Menschen das Schreiben schwer machen wollen, {10} gesaget hat:
Sumite materiam vestris, qui scribitis, æquam Viribus, et versate diu, quid ferre recusent, Quid valeant humeri .....[1180]
Von allem diesen Ungemach sind wir frey. Wir erkennen die Schädlichkeit der Vernunft, und kehren uns also wenig an ihre Regeln. Unsere Absicht ist, ein Buch zu schreiben. Diesen Zweck erreichen wir, wenn wir so viel Papier, als dazu nöhtig ist, mit Buchstaben bemahlen. Ob der Sinn, der aus diesen Buchstaben heraus kömmt, wenn man sie zusammen setzet, vernünftig {30} ist, oder nicht, daran ist uns wenig gelegen. Wollten wir alles nach der Vernunft abmessen: so müssten wir denken; und das Denken greift den Kopf an, nimmt viel Zeit weg, und nützet doch, wenn man die Wahrheit sagen soll, nichts. So oft unsere Feinde unsere Schriften lesen, sprechen sie: Der Mensch kann nicht denken; und dennoch können sie unmöglich leugnen, dass dieser Mensch, der nicht denken kann, ein Buch geschrieben habe; weil sie es in Händen haben. Sie müssen also, sie mögen wollen oder nicht, gestehen, dass man schreiben könne, ohne vorher zu denken.
Wir thun es und befinden uns wohl dabey. Es ist leichter, und natürlicher, mit den Fingern zu schreiben, als mit dem Kopfe. Wer das letzte thut, ist einem Gauckler ähnlich, der auf dem Kopfe tanzet. Dieses mögen wir nicht von uns gesaget wissen, und brauchen also unsere Finger, wenn wir schreiben, und nicht den Kopf. Wenn unsere Feinde die Gemächlichkeiten, welche diese Schreibart mit sich führet, einzusehen fähig wären: so würden sie {10} uns gewiss beneiden. Nur zweene sind, so viel mir wissend, so weit gekommen, dass sie dieses erkannt haben; und haben daher kein Bedenken getragen, uns glücklich zu preisen, und den guten Scribenten vorzuziehen. Der eine ist ein Engländer und beweiset gar gründlich, dass das Denken nichts nütze und derjenige, der sich desselben ganz und gar enthält, nohtwendig am besten schreiben müsse. Er spricht: