The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 58

Chapter 583,548 wordsPublic domain

Geboren 1654 in Berlin, studierte in Leiden und Leipzig, reiste in Italien, Frankreich und Holland, trat in den preussischen Staatsdienst und starb 1699 als Geheimer Staatsrath. Er hielt sich wie Weise von dem Schwulst fern und nahm die Franzosen, besonders Boileau, zu seinem Muster. Herausg. von König (Leipzig 1727).

VON DER POESIE.

Auf! säume nicht, mein Sinn, ein gutes Werck zu wagen, Und aller Tichterey auf ewig abzusagen; 30 Gieb weiter kein Gehör, wenn die Syrene singt, Und such ein ander Spiel, das bessern Nutzen bringt. Wie? sprichst du, soll ich schon den Zeitvertreib verschwören, Dadurch ich bin gewohnt die Grillen abzukehren, Der mir, in Sicherheit, bisher die Stunden kürtzt? An statt, dass mancher sich, aus Lust, in Unlust stürtzt, Und, weil ein schwartzer Punct im Würffeln ausgeblieben, Zuletzt aus dem Besitz der Güter wird getrieben. Ich thu mir schon Gewalt, wenn ich viel Thorheit seh, Die ich bescheidentlich mit Schweigen übergeh; 10 Das aber ding ich aus, nicht zu des Nechsten Schaden, Nein, sondern nur mein Hertz der Bürde zu entladen, Dass ich durch einen Reim, was ich den gantzen Tag Geduldig angemerckt, mir selbst vertrauen mag. Da schenck ichs keinem nicht, kein Ort ist, den ich schone, Von schlechten Hütten an, biss zu des Königs Throne. Ein bärtiger Heyduck, der, wie ein Cherubim, Die Streit-Axt in der Hand, die Augen voller Grimm, Der Auserwehlten Sitz verschleusst für meines gleichen, Muss, wie ein schüchtern Reh, von seiner Wacht entweichen, 20 Wenn mein gerechter Zorn erst an zu brennen fängt, Und sich bis in den Schoos des blinden Glückes drängt, Die Larve vom Gesicht des Lasters weg zu reissen. Weh dem, der thöricht ist, und dennoch klug will heissen! Denn wo sein Nahme nur sich in die Verse schickt, So wird er alsofort dem Mayer beygerückt. In meinem Schüler-Stand, auf den bestaubten Bäncken Hub sich die Kurtzweil an. Solt ich auf Sprüche dencken, Die man gezwungen lernt, und länger nicht bewahrt, Als biss der kluge Sohn, nach Papageyen-Art, 30 Sie zu der Eltern Trost, dem Lehrer nachgesprochen, So ward mir aller Fleiss durch Reimen unterbrochen, Da mahlt ich ungeübt, in meiner Einfalt, ab, Wenn Meister und Gesell mir was zu lachen gab; Biss, nach und nach, die Zeit den Vorhang weggeschoben, Und mir, was scheltens-werth, hingegen was zu loben, Was Hof und Kirch und Land, und Stadt für Wunder hegt Und was mir selber fehlt, getreulich ausgelegt. Das mach ich mir zu nutz, und durch des Himmels Güte, Werd ich ie mehr und mehr bestärckt, dass ein Gemüthe, Wenn es der Tyranney des Wahnes obgesiegt, Und seine Freyheit kennt, gantz Peru überwiegt: Das ists, was offt mein Kiel schreibt in gebundnen Sätzen. Was mich nun dergestalt in Unschuld kan ergetzen, Wozu mich die Natur ... Halt ein, verführter Sinn, Drum eben straf ich dich, weil ich besorget bin, Es möchte, was itzund noch leicht ist zu verstöhren, 10 Sich endlich, unvermerckt, in die Natur verkehren. Wo hat Justinian das strenge Recht erdacht, Durch welches ein Phantast wird Vogel-frey gemacht? Und, da ein weiser Mann diss für was grosses schätzet, Dass man noch keinen Zoll auf die Gedancken setzet, Ist wohl der beste Rath, man seh und schweige still, Und stelle jedem frey, zu schwärmen, wie er will; Indem es fast so schwer, die rohe Welt zu zwingen, Als mancher Priesterschafft das Beicht-Geld abzubringen. Ein Spiegel weiset uns der Narben Hesslichkeit, 20 Doch wird er offtermahls deswegen angespeyt. Du meinst zwar, was du schreibst, soll nie das Licht erblicken, Wie bald kan aber diss auch dir eins missgelücken? Von deinem schönen Zeug entdeck ich, wie mich deucht, Schon manch geheimes Blatt, das durch die Zechen fleucht; So wirst du ein Poet, wie sehr du es verneinest; Wer weiss, ob du nicht bald in offnem Druck erscheinest? Vielleicht wird dein Gedicht, des Müssigganges Frucht, Noch bey der späten Welt einmahl hervor gesucht, Und mit dem Juvenal in einem Pack gefunden, 30 Wenn man ihn ohngefehr in Löschpapier gewunden.

_CHRISTIAN WERNICKE._

[_Scherer D._ 367, _E._ 372.]

Dichtete Epigramme gegen die Lohenstein’sche Schule und wurde hauptsächlich durch den Streit bekannt, in den er deswegen mit Christian Heinrich Postel († 1705) und Christian Friedrich Hunold († 1721) gerieth. Gestorben nach 1710.

1.

BESCHAFFENHEIT DER ÜBERSCHRIFFTE.

DEnn[1174] lässt die Überschrift kein Leser aus der Acht’, Wenn in der Kürtz’ ihr Leib, die Seel’ in Witz bestehet; Wenn Sie nicht allzutieff mit ihrem Stachel gehet, Und einen Abriss nur von einer Wunde macht: Wenn Thränen sie allein den Lachenden auspresst, Und dem der’s nöthig hat zur Ader kitzlend lässt.

2.

HELDEN-GEDICHTE UND ÜBERSCHRIFFTE.

Ein Heldenmässiges Gedicht Ist gleich der steten Glut, die aus dem Etna bricht: 10 Die Überschriffte sind hergegen[1175] Wie Funcken, die aus stahl zerstreut zu springen pflegen.

3.

AUFF EINEN EXEMPLARISCHEN THUM-HERRN[1176].

Obgleich Cratinus nie als wenn er voll ist singt, Nie beth, als wenn er will an seine Taffel tretten; So ist es dennoch wahr, dass er die Zeit verbringt Der Geistligkeit gemäss, mit Singen und mit Bethen.

4.

CORNELIUS TACITUS.

Wir deuten jedes Wort mit viel Verstand und Müh’; Die Leser machen ihn gelehrter, als er Sie. 20

5.

AUFF DEN TRIUMVIRAT DES AUGUSTUS, ANTONIUS UND LEPIDUS.

Drey theilen unter sich, was Rom nicht ohne Blut, Und nicht ohn’ Unrecht konnt’ in langer Zeit erwerben; Das Sprichwort schwächt ihr Glück’: Unrecht erworben Gut Kommt auff den Dritten nicht; wol aber auff drey Erben.

6.

AUFF DIE MÄSSIGKEIT.

Der seiner vollen Krüge schonet, Ist mässig, und nicht der, der Durst gezwungen leidt; In einem leeren Fasse wohnet Der Durst, und nicht die Mässigkeit. 10

7.

DIE TUGEND BEY EINEM LORBER-BAUM.

Bey einem Lorberbaum sah’ ich die Tugend stehen, Und beyd’ ohn’ anzusehn das Volck vorüber gehen; Grün’ edles Paar, sagt’ ich, ob schon Man keinen sieht dir Ehr’ erzeigen! Bist du nicht dein selbsteigner Lohn? Krönst du dich nicht mit eignen Zweigen?

8.

ALLMOSEN.

Allmosen giebt man zwar den Armen, Doch mehr aus Hoffarth, als Erbarmen, 20 Und drum erreichet hier kein Reicher Ziel und Zweck; Am besten geben die, die selbst im Elend wandern: Ein Reicher wirfft die Gabe weg, Ein Armer lehnet[1177] sie dem andern.

9.

ÜBER GEWISSE GEDICHTE.

Der Abschnitt[1178]? gut. Der Vers? fliesst woll. Der Reim? geschickt. Die Wort? in Ordnung. Nichts, als der Verstand verrückt.

_JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER._

[_Scherer D._ 369, _E._ 373.]

Geboren 1695 zu Striegau in Schlesien, sollte nach dem Willen seines Vaters und gegen seine eigne Neigung in Wittenberg Medizin studieren, gieng früh (1723) in wildem Leben zu Grunde. Er war eine bedeutende dichterische Natur und brachte Selbsterlebtes und Selbstempfundenes zur Darstellung. Eine Auswahl seiner Gedichte wurde herausgegeben von Tittmann (Leipzig 1874); Litzmann (Leipzig, Reclamsche Universalbibliothek Nr. 1295, 96).

1.

BUSSGEDANKEN.

Mein Gott! wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren So still, so unvermerkt, so zeitig hingefahren? So schnell fleugt nimmermehr ein Segel durch das Meer, So flüchtig dringt wol kaum ein heisses Blei zum Ziele; Es dünkt mich ja noch gut der ersten Kinderspiele: Wo kommt denn aber schon des Körpers Schwachheit her? 10

Mein Alter ist ja erst der Anfang, recht zu leben, Indem mir Raum und Zeit noch manchen Schertz kann geben. Wie? überspringt dies nun die Staffeln der Natur, Mein Geist, der wie die Glut in fetten Cedern brannte, Verdruss und Traurigkeit aus allen Winkeln bannte, Und wie der Blitz bei Nacht aus Mund und Antlitz fuhr?

Ich hatte von Geburt viel Ansehn auf der Erden, Nach meiner Väter Art ein starker Geist zu werden; Der Eltern kluge Gunst erzog Gemüth und Leib Durch Übung, Schweiss und Kunst zu wichtigen Geschäften; Was andern sauer ward, das war schon meinen Kräften Ein lustiges Bemühn und froher Zeitvertreib.

Kein Ekel, keine Furcht, kein abergläubig Schrecken Vermochte mir das Herz mit Unruh anzustecken, Die Glieder fluchten nicht auf Hitze, Frost und Stein; Verfolgung, Mangel, Hass, Neid, Lügen, Schimpf und Zanken Erstickten mir keinmal den Ehrgeiz der Gedanken, Der Welt durch Wissenschaft ein nützlich Glied zu sein.

Ich sah mich als ein Kind den Wahrheitstrieb schon leiten, 10 Ich schwatzte durch die Nacht bei Schriften alter Zeiten, Die Musen nahmen mich der Mutter von der Hand; Ich lernte nach und nach den Werth des Maro schätzen Und frass fast vor Begier, was Wolff und Leibnitz setzen, Bei welchen ich den Kern der frommen Weisheit fand.

Dabei verschmäht’ ich auch kein äusserlich Vergnügen, Die Liebe wusste mich recht künstlich zu besiegen, So bald Anacreon in meinen Zunder blies; Ich dacht’, es zöge mich nur blos ein nettes Singen, Und war doch in der That ein zärtliches Bezwingen 20 Der süssen Eitelkeit, die ihre Macht bewies.

Bei vielem Ärgerniss und unter allen Sorgen, Die mir noch ziemlich jung den Abend wie den Morgen Mit Drohung und Gefahr empfindlich zugesatzt, Verdarb ich gleichwol nicht Gesellschaft, Scherz und Küssen; Und manch’ vertrauter Freund wird oft noch sagen müssen, Wie freudig ihm mein Trost die Grillen ausgeschwatzt.

Allein es ändert sich die Scene meines Lebens. Ach Gott! wie ist es jetzt mit mir so gar vergebens! Was seh’ ich zwischen mir und mir für Unterscheid! 30 Mein junges Feldgeschrei bringt stumme Klagelieder, Es keimt, es gährt bereits durch alle meine Glieder Der Same und das Gift geerbter Sterblichkeit.

Die Geister sind verraucht, die Nerven leer und trocken, Die Luft will in der Brust, das Blut in Adern stocken, Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein. Das Ohr klingt fort und für und läutet mir zu Grabe, Und da ich überall viel Todeszeichen habe, So zagt dabei mein Herz in ungemeiner Pein.

Nicht etwan, dass mein Fleisch, die abgelegte Bürde, Aus Abscheu vor der Gruft zuletzt noch weibisch würde: Dies hab ich mir vorlängst bekannt und leicht gemacht; Nur darum, dass mein Fleisch sich in der Blüte neiget, Und nicht der Welt vorher durch seine Früchte zeiget, Zu was mich die Natur an dieses Licht gebracht.

Allein wer hat hier Schuld? Ich, leider, wol am meisten, 10 Ich, welchen Glück und Wahn mit süssen Träumen speisten, Als würd’ es stets so sein und niemals anders gehn; Ich, der ich so viel Zeit nicht klüger angewendet, Gesundheit, Stärk’ und Kraft so liederlich verschwendet. Ach GOtt, verzeih’ es doch dem redlichen Gestehn!

Nun ist auch dies wol wahr, der Himmel wird es zeugen, Dass Neid und Unglück oft die besten Köpfe beugen, Und dass ich wider mich gar viel aus Noth gethan. O, hätte mich die Pflicht des Nächsten oft gerettet, Und mancher Blutsfreund selbst mir nicht den Fall gebettet, 20 Vielleicht--jedoch genug! Ich klage niemand an.

Ich klage niemand an aus redlichem Gemüthe, Ich wünsche mir vielmehr nach angebohrner Güte Nur so viel Glück und Zeit, den Freunden Gut’ zu thun; Und da es in der Welt nicht weiter möglich scheinet, So thu’ es der für mich, vor dem mein Herze weinet, Und lasse Neid und Groll mit mir im Grabe ruhn!

Nur mich verklag’ ich selbst vor dir, gerechter Richter. So viel mein Scheitel Haar, so viel der Milchweg Lichter, So viel die Erde Gras, das Weltmeer Schuppen trägt, 30 So zahlreich und so gross ist auch der Sünden Menge, Die mich durch mich erdrückt, und immer in die Länge Mehr Holz und Unterhalt zum letzten Feuer legt.

Das Ärgste wäre noch, mich hier vor dir zu schämen: Hier steh’ ich, grosser Gott! du magst die Rechnung nehmen. Ich hör’, obgleich bestürtzt, das Urtheil mit Geduld. Wie hab’ ich nicht in mich so lang und grob gestürmet Und Fluch auf Fluch gehäuft und Last auf Last gethürmet! Schlag, wirf mich, tödte mich! Es ist verdiente Schuld.

Dein Zorn brennt nicht so sehr die bösen Sodomskinder, Die Hölle scheint noch kalt und plaget viel gelinder, Als mich die Qual und Reu, die in der Seelen schmerzt. Ist’s möglich, ach, so gib, du ewiges Geschicke, Mir auch jetzund für Blut ein Theil der Zeit zurücke, Mit der sein Selbstbetrug sein zeitlich Wohl verscherzt!

Wie besser wollt’ ich jetzt das theure Kleinod schätzen! 10 Wie ruhig sollte sich hernach mein Alter setzen Und, wenn denn meine Pflicht der Welt genug gedient, Mit Fried’ und Freudigkeit und als im Rosengarten, Den Tod und auf den Tod den Nachruf still erwarten: Ich sei als wie ein Baum nach vieler Frucht vergrünt.

Mein Gott, es ist geschehn, mehr kann ich nun nicht sagen, Stimmt deine Vorsicht bei, so setze meinen Tagen (Hiskias weint in mir) nur wenig Stufen zu. Ich will den kurzen Rest in tausend Sorgen theilen, Durch That und Besserung das Zeugniss zu ereilen, 20 Dass ich anjetzo nicht mit Heucheln Busse thu’.

Der Ernst macht alles gut; was hin ist, sei vergessen, Kein Kraut ist ja so welk, man weiss noch Saft zu pressen, Der, kommt gleich jenes um, den Kranken Heil gewährt. Manasses mehrt zuletzt die Anzahl frommer Fürsten, Und Saul kan nicht so stark nach Blut und Unschuld dürsten, Als eifrig und geschickt hernach sein Geist bekehrt.

Ist deiner Ordnung ja mein längres Ziel zuwider, So rette, treuer Gott, doch alle meine Brüder, Die voller Irrthum sind und noch an Jahren blühn, 30 Und lass sich ihren Geist an meinen Thränen spiegeln, Eh’ Ohnmacht, Schwäch’ und Zeit die Gnadenthür verriegeln, Damit sie mehr Gewinn von ihrem Pfunde ziehn.

Von nun an will ich mich dir gänzlich überlassen Und um den letzten Sturm den stärksten Anker fassen Den uns auf Golgatha der Christen Hoffnung reicht. Dein Wort, dein Sohn, dein Geist befriedigt mein Gewissen Und lehrt mich hier getrost der Jugend Fehler büssen, Bis ihrer Strafen Schmerz mit Wärm, und Athem weicht.

Komm nun und wie du willst, die Erbschuld abzufodern; Der Leib, das schwere Kleid, mag reissen und vermodern, Weil dies Verwesen ihn mit neuer Klarheit schmückt. Ich will ihm zum Voraus mit freudenreichem Sehnen Auf Gräbern nach und nach den Schimmer angewöhnen, In welchem ihn hinfort kein eitler Traum mehr drückt.

O sanfte Lagerstatt, o seliges Gefilde! 10 Du trägst, du zeigest mir das Paradies im Bilde, Ich steh’ ich weiss nicht wie, recht innerlich gerührt. Wie sanfte wird sich hier Neid, Gram und Angst verschlafen, Bis einst der grosse Tag die Böcke von den Schafen, Die in die Marter jagt, und die zur Freude führt.

Mein Schatz, Immanuel, mein Heiland, meine Liebe! Verleih’, doch, dass ich mich in deinem Wandel übe, Verdirb mir alle Kost, die nach der Erde schmeckt; Verbittre mir die Welt durch deines Kreuzes Frieden, Vertreib, was mich und dich durch mein Versehn geschieden, 20 Und hüll’ in dein Verdienst, was Zorn und Rache weckt.

Soll ja mein jäher Fall den Körper niederstürzen, So lass mir Zeit und Schmerz auf deiner Brust verkürzen Und nimm den freien Geist mit Arm und Mitleid auf! Wem irgend noch von mir ein Ärgerniss geblieben, Dem sei der Spruch ans Herz wie mir an Sarg, geschrieben: Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf.

2.

STUDENTENLIED.

Brüder, lasst uns lustig sein, Weil der Frühling währet, Und der Jugend Sonnenschein 30 Unser Laub verkläret; Grab und Bahre warten nicht: Wer die Rosen jetzo bricht, Dem ist der Kranz bescheret.

Unsers Leben schnelle Flucht Leidet keinen Zügel, Und des Schicksals Eifersucht Macht ihr stetig Flügel; Zeit und Jahre fliehn davon, Und vielleichte schnitzt man schon An unsers Grabes Riegel. 10

Wo sind diese? Sagt es mir, Die vor wenig Jahren Eben also, gleich wie wir, Jung und fröhlich waren? Ihre Leiber deckt der Sand, Sie sind in ein ander Land Aus dieser Welt gefahren.

Wer nach unsern Vätern forscht, Mag den Kirchhof fragen; Ihr Gebein, so längst vermorscht, 20 Wird ihm Antwort sagen. Kann uns doch der Himmel bald, Eh die Morgenglocke schallt, In unsre Gräber tragen.

Unterdessen seid vergnügt, Lasst den Himmel walten, Trinkt, bis euch das Bier besiegt, Nach Manier der Alten. Fort! Mir wässert schon das Maul, Und, ihr andern, seid nicht faul, 30 Die Mode zu erhalten.

Dieses Gläschen bring ich dir, Dass die Liebste lebe Und der Nachwelt bald von dir Einen Abriss gebe! Setzt ihr andern gleichfalls an, Und wenn dieses ist gethan, So lebt der edle Rebe!

_JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED._

[_Scherer D._ 371, _E._ 374.]

Geboren 1700 zu Judithenkirch bei Königsberg, und daselbst erzogen, flüchtete er später nach Leipzig, wo er seit 1730 Professor extraordinarius, seit 1734 Ordinarius war. Starb 1766. Er stiftete die deutsche Gesellschaft, gab die Zeitschrift ‘Die vernünftigen Tadlerinnen’ heraus (1725), die er seit 1727 unter dem Titel ‘Der Biedermann’ fortsetzte. Er bekämpfte den Lohensteinischen Geschmack und vertrat den ‘französischen Classicismus’. Sein bedeutendstes theoretisches Werk ist der ‘Versuch einer kritischen Dichtkunst’ 1730. Er setzte sich mit der Schauspielertruppe der Frau Neuber in Verbindung, liess durch sie 1737 den Harlekin von der Bühne vertreiben, sorgte durch zahlreiche Übersetzungen und Bearbeitungen für ein neues Bühnenrepertoire: seine ‘Deutsche Schaubühne’ erschien 1740-1745. Von seinen eigenen Dichtungen ist hauptsächlich das Trauerspiel ‘Der sterbende Cato’ (1732) zu nennen. Ferner schrieb er eine ‘Redekunst’ (1728); eine ‘Deutsche Sprachkunst’ (1748), ein ‘Handlexicon der schönen Wissenschaften und freien Künste’ (1760). Gottsched übte hauptsächlich in den Jahren 1730-1740 eine Art literarischer Dictatur aus. 1739 überwarf er sich mit seiner ‘Deutschen Gesellschaft,’ 1740 begann der Streit mit den Zürichern, namentlich Bodmer und Breitinger. 1741 wurde er von der Neuberin unter dem Namen ‘Tadler’ auf die Bühne gebracht. Seitdem verfiel er immer mehr dem Spott des Publicums und wurde eine lächerliche Persönlichkeit.

1.

AUS DEM TRAUERSPIELE: CATO.

Der dritte Auftritt.

Cato. Cæsar.

_Cäsar._

Nun Cato, endlich ist der Wunsch mir eingetroffen, Dass ich einmal mit dir vertraulich sprechen kann. 10 Ich biethe Welschland[1179] itzt in dir den Frieden an. Komm, schleuss ihn selbst mit mir, und mach der Noth ein Ende! Das hartbedrängte Rom sieht bloss auf unsre Hände; Versammle deinen Rath, und schaff auf diesen Tag, Dass jedermann die Frucht der Eintracht erndten mag. Die ganze Bürgerschaft verbanne Hass und Rache; Indem ich dich, nebst mir, zum Bürgermeister mache.

_Cato._

Wie frech und unverschämt trägst du mir solches an, Da mir nur Volk und Rath die Würde geben kann? Denkst du die Tugend denn mit Lastern zu ermüden? 10 Wir suchen bloss nach Recht und Billigkeit den Frieden! Regiert ein einzig Haupt das grosse Rom allein, So wollen wir mit Ernst daraus verbannet seyn. Ja, Cæsar, weg von hier mit Königen und Ketten! Der Römer Überrest will noch die Freyheit retten; Und lässt sich das nicht thun, so sind wir doch nicht dein. Der Africanersand soll unsre Freystadt seyn: Hier hab ich selber schon ein Grab für mich erlesen. Drum, Cäsar, lass uns Rom, wie es vorhin gewesen! Komm ohne Kriegesvolk, komm ohne Waffen hin, 20 Komm so, wie ich mich da zu zeigen Willens bin: Alsdann so wird man sehn, wer endlich von uns beyden Noch den Triumph erlangt, und welcher Rom muss meiden.

_Cäsar._

Was hab ich denn gethan? Der Deutschen tapfres Blut Verehrt durch meinen Dienst der Römer Heldenmuth. Die Meere waren mir kein Hinderniss im Siegen, Ich bin den Ocean der Britten überstiegen; Und doch versaget mir der ungerechte Rath, Weil mich Pompejus hasst, ein schlechtes Consulat? 30 Man will mein tapfres Schwerdt im Frieden kraftlos machen, Man giebt mir Aufruhr schuld; und was mein Schweiss, mein Wachen, Mein eignes Blut verdient, das Bürgermeisteramt, Fällt meinen Feinden zu? Das, das hat mich entflammt! Halb rasend fieng ich an der Römer Feind zu werden, Vergebens waffnet sich der ganze Kreis der Erden; Ich schlug ihn doch, und nahm den Rest zu Gnaden an, Nachdem ich ihn besiegt: was hab ich nun gethan?

_Cato._

Aus Rachgier, Cäsar, ward das Schwerdt von dir gezücket, Da nun Pompejens Fall den Zorn bereits ersticket: Warum behältst du noch die oberste Gewalt? Daraus erhällt ja klar, dass man dich billig schalt. Tyrannen schmücken stets ihr Thun mit List und Ränken: 10 Die Worte sind oft gut; die That lehrt was sie denken. Man gab dir mit Bedacht kein römisch Consulat; Du warest viel zu gross und mächtig für den Staat. Und wozu war dir wohl das Vaterland verbunden? Du hattest als ein Held viel Länder überwunden; Rom hatte triumphirt: Doch das war deine Pflicht. Ein Bürger dient dem Staat, der Staat dem Bürger nicht. Die Schuld ist offenbar; der Vorwand ist vergebens. Den Grachus, wie du weist, beraubte man des Lebens; Du hast noch mehr verwirkt!

_Cäsar._

Wo will der Eifer hin? 20 Vergesst ihr denn, dass ich ein Überwinder bin, Und dass die Römer mich um Gnade bitten müssen?

_Cato._

Wer voller Unschuld ist, will nichts von Gnade wissen. Denk, Cäsar, denk einmal an deine Grausamkeit. Und wünsche dir vielmehr, dass die Vergessenheit Den unerhörten Stolz, der dich bethört, begrabe. Auch Sylla, den ich oft darum gepriesen habe, Entsagte von sich selbst der Herrschaft und Gewalt, Und fand auch in der That der Römer Gnade bald. 30 Dem Beyspiel folge nach. So wird dir dein Verbrechen Vielleicht auch noch geschenkt. Ich selbst will für dich sprechen! Wie nun? Du schweigest hier? O Rom! O Vaterland! Hast du dem Barbar nicht viel gutes zugewandt? Und er bestimmt dir stets ein grösser Ungelücke. Die Götter zeigen uns viel Zorn erfüllte Blicke; Rom streitet mit sich selbst: die Mutter hasst den Sohn, Der Legionen Zahl spricht ihren Brüdern Hohn, Man sieht der Römer Blut auf Römer Hände spritzen, Die Helden, welche sonst Gesetz und Rechte schützen, Ersticken die Natur, und schänden ihr Gebot: Die Väter streben nur nach ihrer Kinder Tod, 10 Die Kinder suchen nichts als ihrer Väter Leichen, Die Mütter sind bemüht dem Jammer zu entweichen, Und stürzen sich zuvor in beyder blosses Schwerdt. Die Herrschaft, Cäsar, ists, was deine Brust begehrt!

2.

ÜBER DEN HANSWURST IN DER KOMÖDIE.