The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 56
Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch bracht in allen dem, so mit den fünf Sinnen zu begreifen, und auch dem gemeinen Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und Handwerks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen, und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauf überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genannten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel) von Erz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede, als die Teutsche. Dergleichen kann man von allen andern gemeinen Lebens-Arten und Professionen {10} sagen, als von Jagt- und Waid-Werk, von der Schifffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer, so aufm grossen Welt-Meer fahren, die Namen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und Niederländern entlehnet.
Es ereignet sich aber einiger Abgang bey unserer Sprache in denen Dingen, so man weder sehen noch fühlen, sondern allein durch Betrachtung erreichen kann; als bey Ausdrückung der Gemüths-Bewegungen, auch der Tugenden und Laster, und vieler Beschaffenheiten, so zur Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören; {20} dann ferner bey denen noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkenntnissen, so die Liebhaber der Weisheit in ihrer Denk-Kunst, und in der allgemeinen Lehre von den Dingen unter dem Namen der Logik und Metaphysik auf die Bahne bringen; welches alles dem gemeinen Teutschen Mann etwas entlegen, und nicht so üblich, da hingegen der Gelehrte und Hofmann sich des Lateins oder anderer fremden Sprachen in dergleichen fast allein und, in so weit, zu viel beflissen: also dass es denen Teutschen nicht am Vermögen, sondern am Willen gefehlet, ihre Sprache durchgehends zu erheben. Denn weil alles was der gemeine Mann {30} treibet, wohl in Teutsch gegeben, so ist kein Zweifel, dass dasjenige, so vornehmen und gelehrten Leuten mehr fürkommt, von diesen, wenn sie gewollt, auch sehr wohl, wo nicht besser, in reinem Teutsch gegeben werden können.
Nun wäre zwar dieser Mangel bey denen logischen und metaphysischen Kunstwörtern noch in etwas zu verschmerzen, ja ich habe es zu Zeiten unser ansehnlichen Haupt-Sprache zum Lobe angezogen, dass sie nichts als rechtschaffene Dinge sage, und ungegründete Grillen nicht einmal nenne (_ignorat inepta_). Daher ich bey denen Italiänern und Franzosen zu rühmen gepfleget: Wir Teutschen hätten einen sonderbaren Probierstein der Gedanken, der andern unbekant; und wann sie denn begierig gewesen, etwas davon zu wissen, so habe ich ihnen bedeutet, dass es unsere Sprache selbst sey; denn was sich darin ohne entlehnte und ungebräuchliche Worte vernehmlich sagen lasse, das seye würklich was Rechtschaffenes: aber leere Worte, da nichts hinter, und gleichsam nur ein leichter Schaum müssiger Gedanken, nehme die reine {10} Teutsche Sprache nicht an.
Alleine, es ist gleichwohl an dem, dass in der Denk-Kunst und in der Wesen-Lehre auch nicht wenig Gutes enthalten, so sich durch alle andere Wissenschaften und Lehren ergiesset, als wenn man daselbst handelt von Begrenzung, Eintheilung, Schluss-Form, Ordnung, Grund-Regeln, und ihnen entgegen gesetzten falschen Streichen; von der Dinge Gleichheit und Unterscheid, Vollkommenheit und Mangel, Ursach und Würkung, Zeit, Ort, und Umständen, und sonderlich von der grossen Muster-Rolle aller Dinge unter gewissen Haupt-Stücken, so man Prädicamenten nennet. {20} Unter welchen allen viel Gutes ist, damit die Teutsche Sprache allmählig anzureichern.
Sonderlich aber stecket die gröste natürliche Weisheit in der Erkäntniss Gottes, der Seelen und Geister aus dem Licht der Natur, so nicht allein sich hernach in die offenbahrte Gottes-Gelehrtheit mit einverleibet, sondern auch einen unbeweglichen Grund leget, darauf die Rechts-Lehre sowohl vom Rechte der Natur, als der Völker insgemein und insonderheit auch die Regierungs-Kunst samt den Gesetzen aller Lande zubauen. Ich finde aber hierin die Teutsche Sprache noch etwas mangelhaft, und zu verbessern.
{30} Zwar ist nicht wenig Gutes auch zu diesem Zweck in denen geistreichen Schriften einiger tiefsinnigen Gottes-Gelehrten anzutreffen; ja selbst diejenigen, die sich etwas zu denen Träumen der Schwärmer geneiget, brauchen gewisse schöne Worte und Reden, die man als güldene Gefässe der Egypter ihnen abnehmen, von der Beschmitzung reinigen, und zu dem rechten Gebrauch wiedmen könnte. Welchergestalt wir den Griechen und Lateinern hierin selbst würden Trotz bieten können.
Am allermeisten aber ist unser Mangel, wie gedacht, bey denen Worten zu spüren, die sich auf das Sittenwesen, Leidenschaften des Gemüths, gemeinlichen Wandel, Regierungs-Sachen, und allerhand bürgerliche Lebens- und Staats-Geschäfte ziehen, wie man wohl befindet, wenn man etwas aus andern Sprachen in die unsrige übersetzen will. Und weilen solche Wort und Reden am meisten fürfallen, und zum täglichen Umgang wackerer Leute so wohl, als zur Brief-Wechselung zwischen denselben erfordert werden; so hätte man fürnehmlich auf deren Ersetzung, oder weil sie schon {10} vorhanden, aber vergessen und unbekannt, auf deren Wiederbringung zu gedenken, und wo sich dergleichen nichts ergeben will, einigen guten Worten der Ausländer das Bürger-Recht zu verstatten.
Hat es demnach die Meynung nicht, dass man in der Sprach zum Puritaner werde, und mit einer abergläubischen Furcht ein fremdes, aber bequemes Wort als eine Tod-Sünde vermeide, dadurch aber sich selbst entkräfte, und seiner Rede den Nachdruck nehme; denn solche allzu grosse Scheinreinigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu vergleichen, daran der Meister so lange feilet und bessert, {20} bis er sie endlich gar verschwächet, welches denen geschieht, die an der Perfectie-Krankheit, wie es die Holländer nennen, darnieder liegen.
Ich erinnere mich gehöret zu haben, dass wie in Frankreich auch dergleichen Rein-Dünkler aufkommen, welche in der That, wie Verständige anitzo erkennen, die Sprache nicht wenig ärmer gemacht, da solle die gelehrte Jungfrau von Journay, des berühmten Montagne Pflege-Tochter, gesaget haben: was diese Leute schrieben, wäre ein Suppe von klarem Wasser (_un bouillon d’eau claire_), nehmlich ohne Unreinigkeit und ohne Kraft.
{30} So hat auch die Italiänische Gesellschaft der Crusca oder des Beutel-Tuchs, welche die böse Worte von den guten, wie die Kleyen vom feinen Mehl scheiden wollen, durch allzu eckelhaftes Verfahren ihres Zwecks nicht wenig verfehlet, und sind daher die itzigen Glieder gezwungen worden, bey der letzten Ausgebung ihres Wörter-Buchs viel Worte zur Hinterthür einzulassen, die man vorhero ausgeschlossen; weil die Gesellschaft anfangs ganz Italien an die Florentinische Gesetze binden, und den Gelehrten selbst allzu enge Schranken setzen wollen. Und habe ich von einem vornehmen Glied derselbigen, so selbst ein Florentiner, gehöret, dass er in seiner Jugend auch mit solchem Toscanischen Aberglauben behaftet gewesen, nunmehr aber sich dessen entschüttet habe.
Also ist auch gewiss, dass einige der Herren Fruchtbringenden und Glieder der andern Teutschen Gesellschaften hierin zu weit gangen, und dadurch Andere gegen sich ohne Noth erreget, zumalen sie den Stein auf einmal heben wollen, und alles Krumme schlecht[1037] {10} zu machen gemeinet, welches wie bey ausgewachsenen Gliedern (_adultis vitiis_) ohnmöglich.
Anitzo scheinet es, dass bey uns übel ärger worden, und hat der Mischmasch abscheulich überhand genommen, also dass die Prediger auf der Cantzel, der Sachwalter auf der Cantzley, der Bürgersmann im Schreiben und Reden, mit erbärmlichen Französischen sein Teutsches verderbet; mithin es fast das Ansehen gewinnen will, wann man so fortfähret, und nichts dargegen thut, es werde Teutsch in Teutschland selbst nicht weniger verlohren gehen, als das Engelsächsiche in Engelland.
{20} Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen sollte, so fast nichts Gutes schwanen[1038] machen dörfte; weil die Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit und ein fremdes Joch mit sich geführet.
_HOFMANNSWALDAU UND LOHENSTEIN._
[_Scherer D._ 362, _E._ 366.]
Hauptvertreter der ‘italienischen Schreibart’ oder des ‘Schwulsts’. Christian Hofmann v. Hofmannswaldau war 1618 zu Breslau geboren und erhielt eine sorgsame Erziehung. Er studierte in Leiden, reiste dann in den Niederlanden, England, Frankreich und Italien und war noch sehr jung Rathsherr in Breslau. Er starb 1679.--Daniel Casper v. Lohenstein, ebenfalls ein Schlesier, war 1635 geboren, erhielt eine gute Erziehung, bildete sich auf Reisen und lebte als Regierungsrath in Breslau, wo er 1683 starb. Hofmannswaldau zeichnete sich in Gedichten, Lohenstein hauptsächlich in Tragödien und im Romane aus.
HOFMANNSWALDAU.
AN FLAVIEN.
Will das gelücke denn gantz meine feindin werden? Stürmt süd, ost, nord und west? Bin ich ein gauckel-spiel und leichter ball der erden, Den Venus fallen läst? Will keine sonne mehr mein schwartzes haupt berühren? Umhüllt mich nichts als nacht? Will das verhängniss mich an einer kette führen, So mich verzweiffelnd macht? Orontes weiss fast nicht, was ferner sey zu dencken: Zürnt Venus oder du? 10 Ach, gläub es, Flavia! mein leiden und dein kräncken Kommt mir und dir nicht zu. Was hab ich dir gethan, dass du mich nicht willst kennen? Wie heist du meine schuld? Soll mein verbrechen sich mit rechtem nahmen nennen, So rufft es: Lieb und huld, Du läst mein auge nicht zu deinen gräntzen dringen, Mein auge sonder licht, Du deckst den schönen mund mit deines schatten schwingen, Und kennst mich ferner nicht. 20 Das basilisken-gifft, der rauch von allen drachen, Der fledermäuse blut, Kan meiner Flavie nicht solchen eckel machen, Als des Orontes glut. Doch hab ich dich erzürnt, so will ich treulich büssen, Es schweret hand und geist. Wie solte nicht mein blut mit reichen strömen fliessen. Wenn du es springen heist! Solt ich, o Flavia! zu deinen füssen sterben, So stürb ich ohne spott; 30 Denn liebe, so nicht kan die gegenlieb erwerben, Ist ärger als der tod.
LOHENSTEIN.
AUS IBRAHIM BASSA.
Asien wird in Gestalt einer Frauen von den Lastern abgefesselt auf den Schau-Platz gestellet.
Weh! Weh! mir Asien! ach! weh! Weh mir! ach! wo ich mich vermaledeyen; Wo ich bey dieser Schwermuths-See, Bey so viel Ach selbst mein bethränt Gesicht verspeyen; Wo ich mich selbst mit Heul’n und Zetter-Ruffen, Durch strengen Urtheils-Spruch verdammen kan! So nihm dis lechzend’ Ach, bestürtzter Abgrund an! Bestürtzter Abgrund! O die Glieder trieffen Voll Angst-Schweiss! Ach des Ach’s! der laue Brunn der dürren Adern schwellt Den Jäscht der Purper-Fluth! Mein Blut-Schaum schreibt mein Elend in den Sand! 10 Entthrönte Königin! entzepterte Beherrscherin der Welt! Gestürztes Asien! aus Ichts in Nichts und Staub verstobnes Land! Ja wohl aus Ichts, als mein gekröntes Haupt, Ein Haupt so viel gekrönter Häupter war; Als ich noch mit Siegs-Palmen war belaubt, Und aller Welt Gesetze reichte dar: Als noch gesenckt zu diesen Füssen Europens Haupt und Africa mein Zepter musten küssen: Als mein Gebot wie Stahl und Gluth durchdrang, Und Länder zwang. 20 Ach! aber ach! so hoch als ich beym Tugend-Gipffel In Gold-gestückten Kleidern stand; So tieff hat sich das Spiel verwandt. So starb mein Ruhm! so schlägt die Zeit die grünen Wipffel Von den bejahrten Zedern ab. Man schmückt mich ja noch wohl mit diesem Purpur-Rocke Mit Inseln, Kron und Königs-Stab Hals, Achseln, Händ und Haupt; wo man mit solchem Schmincke Mich nicht nur spöttlich schminck, und äffet und geheih’t. Doch auch gesetzt: dass dis Beschönungs-Kleid Mich nicht beschimpfft: So trag’ ichs doch nur zu Vermummung meiner Flecke, Zur Brand- und Schandmahls-Schminck’, und meiner Schalckheits-Decke Wiewol ich weiss: dass man die Nase rimpfft Und Mäuler auf mich flennet, Ich weiss nicht, wie? wohl nennet. Und prächt’gen Schmuck, der aussen gleisst und schimmert, 10 Dass der Sere von den Wipffeln seidne Wolle drüselt ab; Dass der Tyrer Schnecken-Farbe, Gangens Schaum-Schwolst Perlen hab’; Der Inde Gold; des bin ich nicht bekümmert. Wird wer den Aussen-Glantz beym innern Glieder-Koth besehen, Der wird mich viel verächtlicher noch schmähen. Mich schmertz’s, und ich beschmertz es auch mit diesem langen Seuffzer-Galme, Wenn ich mich wie aus einem Traum und Quallme Auf mich, als ich noch in der Blüthe war, besinn’. War ich nicht Asien, die gröst’ und ältst’ und schönste meiner Schwestern? Hat Neid und Geifersucht mich für der Themis Richt-Stuhl können lästern? 20 Der Menschen Anherr hielt mich erblich inn’. Hat alles All, den Ost und West, und Sud und Nord nicht schlüssen, Mich selbst nicht oft mit seinem Glantz erfüllt, Und sich selbst-ständig in mich ein verhüllt? Lufft, Himmel, Erde, Meer, Gluth, Felder, Wälder, Klippen wissen Mit stummer Zunge nachzusprechen: Dass sie gesehn die Sonne stehn, Gewölckte Feuer-Säulen gehn, Die Felsen bersten, Klippen brechen, Den Regen Brodt, die Wellen Mauern werden. 30 Weh! weh! mir Asien! ach weh! Stund iemand auf dem Schau-Saal dieser Erden So hoch gepflantzt zur Ehren-Höh? Mein Mund hat Kirch und Volck den Gottes-Dienst gelehrt. Die Welt hat unsern Arm als Kronen Herrn verehrt. Das zwölff-bekrönte Haupt, des Halses Alabaster, Pflügt unter Gog und Magogs Joch. Der freie Nacken ist verkoppelt an die Laster, Für denen ich kaum athme noch. Der Zepter und die Hand, die vor nichts mördrisch’s misshandelt, Hat sich mir in Metall und blut-durstig Ertzt verwandelt. 10 Das dürre Hertze schwimmt in Flamm und Gluth; Der Glieder Ketten schwirrn, die stählernen Gelenck’ erschüttern, Der steinern-schwere Fuss tritt und zerknickt durch sein Erbittern, Die treuge Zunge leckt gelieffert Blut; Die welcke Seuge-Brust, An die die Schöpffers Sohn der Schöpffer angehangen, Giebt Hunger, Krieg und Pest, als Egeln, Molch und Schlangen Vergiffte Lebens-Kost. Geitz, Mord-Lust, Geld-Durst, Hass und was der Abgrund zeiget, Wird all’s an mir gesäuget. 20 Fragt Sterbliche, nach Kind- und Elter-Mördern, Und die durch Dolch und Gifft, und Strang und Schwerdt, Der Freunde Rey’, und Brüder-Schaar begehrt, Ins Bein-Hauss für bestimmter Zeit zu fördern. Fragt, Fürsten, fraget nach, nach denen die die Klauen, Umb Lust zu herrschen durch des Herrschers Brust gehauen. Ach! tausend Würme wohl, die sich also beflecket, Hat meine Schooss gehecket. Ha! Bluthund! ha! unmenschlichs Mensch! verzweiffelter Tyrann! Durch-teuffeltes Gemüth! Ertz-Mörder, Solymann! 30 Ertz-Mörder! Ach! hab ich Dich Tieger-Thier, dich Wurm, mit meiner Milch gesogen? Hab! ich dich, Drache, mich zu fressen auferzogen? Dich, Kinder-Mörder, dich? Was stifftes du? du Greuel dieser Zeit! Auf Ibrahims gerechten Kopff für Leid? Blitzet ach! blitzet ach! Wolcken, und machet von den umfesselnden Lastern mich loss! Donner ach! donner! zerschlag und zersplitter iedes in einen zerdrümmerten Kloss.
_HANS MICHAEL MOSCHEROSCH._
[_Scherer D._ 363, _E._ 367.]
Moscherosch stammte von einer spanischen Familie ab, die sich in Deutschland niedergelassen hatte. Er wurde 1601 zu Wilstädt bei Strassburg geboren, studierte die Rechte, reiste nach Paris, war eine Zeit lang Hauslehrer, und erhielt nach seiner Verheirathung 1628 die Stelle als Amtmann zu Crichingen. Er litt viel von den Trübsalen des Kriegs und musste seine Stelle und seinen Aufenthaltsort oft wechseln. Er lebte zuletzt in Kassel und starb 1669. Seine Satiren, die er unter dem Pseudonym Philander von Sittewald herausgab, geben ein lebendiges Bild des damaligen Sittenzustandes. Herausgegeben von Dittmar (Berlin 1830); Bobertag (Berlin und Stuttgart o. J.).
AUS DEM GEDICHT: A LA MODE KEHRAUSS.
1.
Fast jeder Schneider will jetzund leyder Der Sprach erfahren sein vnd redt Latein, Wälsch vnd Frantzösisch, halb Japonesisch, Wan er ist doll vnd voll, der grobe Knoll. 10 Der Knecht Matthies spricht bona dies, Wan er gut morgen sagt vnd grüst die Magd; Die wend den Kragen, thut jhm danck sagen, Spricht Deo gratias Herr Hippocras. Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen, Das jhr die Muttersprach so wenig acht. Ihr liebe Herren das heist nicht mehren, Die Sprach verkehren vnd zerstören. 10 Ihr thut alles mischen mit faulen fischen Vnd macht ein misch gemäsch, ein wüste wäsch, Ich muss es sagen, mit vnmuth klagen, Ein faulen Haaffenkäss ein seltzams gfräss. Wir hans verstanden mit spott vnd schanden, Wie man die Sprach verkehrt vnd gantz zerstöhrt. Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen, In vnserm Vatterland; pfuy dich der schand!
2.
Was sind vnsere von den Frantzosen kommende oder zu den Frantzosen ziehende vnnd die Frantzosen liebende Teutschlinge anderst als _Effaeminatissima Virorum pectora_? (Gott verzeihe mir, weil ich diese vns Feindseelige Sprach mit vndermische) welche kein eigenes Hertz, kein eigenen Willen, kein eigene Sprach {10} haben, sondern der Wälschen willen, ihr willen, der Wälschen Meynung ihr Meynung, der Wälschen Rede, Essen, Trincken, Sitten vnd Geberden Ihr Reden, Ihr Essen vnd Trincken, Ihr Sitten vnd Geberden? sie seyen nun Gut oder Böss.
O der täigigen[1039] Feigen weyche[1040]! Darauss eitel forchtsame Verzagte Weychlinge vnd nichts-gültige Weiber-Hertzen werden, die nicht gut noch tauglich, jhre Weibische Weiber, geschweige Statt oder Land zu regieren sind. Dann wan ein solcher Weichling gegen Niemand seine Meynung vnd die Wahrheit mit Ernst vnd Mannlich reden darff, wie wird er darffen die Wehr zucken, wan {20} die offenbahre feinde das Vatterland, als dan geschicht, angreiffen? wie dan ein Jeder Ehrenmann vor Gott vnd seinem Blut schuldig ist.
Woher kompt es jetzt in vnserem betrübtem Land, das man Stätt vnd Vestungen so freventlich ohne verschulden angreifft? auch hergegen dieselbe den Erb- vnd anderen Feinden so willig auffgibt? Allein auss dieser Weyche.
Woher kompt es, das mancher Fürst vnnd Potentat fast nirgend kein Redlichen Auffrichtigen Diener bekommen kann, welchem er nicht mit grosser Sorg vertrawen müsse? kompt alles auss dieser {30} Abschewlichen Sucht vnd auss dieser Weyche her, das die Diener, so sie ohne Gewissen sind, sich von widrigen durch Geschenck vnd Versprechen gewinnen vnd nach derselben Willen vnnd Meynung lencken lassen.
Woher kompt es, dass mancher Fürst vnd Potentat fast keinen Redlichen Gewissenhaften Diener mehr kan leiden vnd behalten? oder denselben seiner trewen Verdienste wegen will Erkennen? Kompt auss eben dieser Verdampten vnd Land-Verderblichen Sucht vnd Weyche her, dass die Herrschafften von Weychlingen, von Fuchsschwäntzern, Auffschneidern, Sitten- vnd Geberden-Narren sich einnemen vnd wider die Jenige so Redlichkeit, Auffrichtigkeit vnnd Warheit lieb haben, verleyten lassen.
Wehe dem Diener, der an seinem Herren vnd Vatterland vntrew {10} vnd ein Verrähter wird! wie können seine Kinder einige Hoffnung haben der Wohlfahrt!
Wehe der Herrschafft, die einen Gewissenhafften Diener wegen der Vngemeisterten vnd Vnvberwindlichen Warheit von sich lasset! Wie kan es anderst sein, als dass jhr armes Land endlich durch die Lügenhaffte Fuchsschwäntzer (welche den mangel vnnd das böse zu sagen sich schewen, vnd nur jmmerzu nach glatten, weichen, wohlgefälligen Worten vnnd Zeitungen trachten) muss zu grund vnd in das Verderben kommen!...
_O alte Mannheit, O Alte Teutsche Dapfferkeit vnd Redlichkeit, wo {20} bistu hien verflogen?_
_JOHANN LAUREMBERG._
[_Scherer D._ 364, _E._ 368.]
Geboren 1590 zu Rostock, war daselbst 1618-1623 Professor der Poesie und dann bis an seinen Tod (1658) Professor der Mathematik an der Universität Soroe in Seeland. Er schrieb vier Scherzgedichte in plattdeutscher Sprache, die sich in derb realistischer Weise gegen die gelehrten und modischen Thorheiten richten. Herausgegeben von Lappenberg (Stuttgart 1861); Braune (Halle 1879).
AUS DEM RÜDDEN SCHERTZGEDICHTE.