The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 55

Chapter 553,333 wordsPublic domain

Der grösste evangelische Liederdichter nach Luther. Er war gegen 1606 in Gräfenhainichen in Kursachsen geboren, studierte in Wittenberg, lebte später in Berlin, von wo er 1651 als Prediger nach Mittenwalde gieng. Er heiratete 1655 und kam 1657 als Diaconus an die Nicolai-Kirche zu Berlin. Hier wurde er in die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verwickelt und musste, da er sich dem Religionsedikt des Kurfürsten widersetzte, nach Sachsen auswandern. 1668 ward er Prediger in Lübben und starb 1676. Seine ersten Kirchengesänge wurden 1648 bekannt gemacht, und 1667 erschien die erste Gesammtausgabe von 120 Liedern. Herausgegeben von Bachmann (Berlin 1866); Gödeke (Leipzig 1877).

1.

WACH AUF, MEIN HERZ, UND SINGE.

Wach auf, mein Herz, und singe Dem Schöpfer aller Dinge, Dem Geber aller Güter, Dem frommen Menschenhüter. Heint[1036] als die tunkle Schatten Mich ganz ümgeben hatten, Hat Satan mein begehret, Gott aber hats gewehret. Ja, Vater, als er suchte, Dass er mich fressen möchte, 10 War ich in deinem Schosse, Dein Flügel mich beschlosse. Du sprachst: Mein Kind, nun liege, Trotz dem, der dich betriege! Schlaf wol, lass dir nicht grauen, Du sollt die Sonne schauen. Dein Wort, das ist geschehen; Ich kann das Licht noch sehen; Für Not bin ich befreiet; Dein Schutz hat mich verneuet. Du willt ein Opfer haben: Hie bring ich meine Gaben; Mein Weirauch und mein Widder Sind mein Gebet und Lieder. Die wirst du nicht verschmähen, Du kannst ins Herze sehen; 10 Denn du weissst, dass zur Gabe Ich ja nicht Bessers habe. So wollst du nun vollenden dein Werk an mir und senden Der mich an diesem Tage auf seinen Händen trage. Sprich Ja zu meinen Thaten, Hilf selbst das Beste raten, Denn Anfang, Mittl und Ende, Ach Herr, zum Besten wende. Mich segne, mich behüte, Mein Herz sei deine Hütte, Dein Wort sei meine Speise Bis ich gen Himmel reise.

2.

NUN RUHEN ALLE WÄLDER.

Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt; Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf, ihr sollt beginnen Was eurem Schöpfer wolgefällt! 10 Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind; Fahr hin! ein ander Sonne, Mein JEsus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint. Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelsaal; Also werd ich auch stehen, 20 Wenn mich wird heissen gehen Mein Gott aus diesem Jammerthal. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit, Die zieh ich aus. Dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Häupt, die Füss und Hände Sind froh, dass nu zum Ende Die Arbeit kommen sei; Herz, freu dich, du sollt werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Nun geht, ihr matten Glieder, 10 Geht hin und legt euch nieder, Der Betten ihr begehrt; Es kommen Stund und Zeiten, Da man euch wird bereiten Zur Ruh ein Bettlein in der Erd. Mein Augen stehn verdrossen, Im Hui sind sie geschlossen, Wo bleibt denn Leib und Seel? Nimm sie zu deinen Gnaden, Sei gut für allen Schaden, 20 Du Aug und Wächter Israel! Breit aus die Flügel beide, O JEsu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heinte nicht betrüben Kein Unfall noch Gefahr! 30 GOtt lass euch selig schlafen, Stell euch die güldne Waffen Ums Bett und seiner Engel Schaar!

3.

BEFIEHL DEM HERRN DEINE WEGE, UND HOFFE AUF IHN, ER WIRDS WOL MACHEN.

+Befiehl+ du deine Wege Und was dein Herze kränkt Der allertreusten Pflege Dess, der den Himmel lenkt: Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuss gehen kann. +Dem HErren+ must du trauen, Wenn dirs soll wolergehn; 10 Auf sein Werk must du schauen, Wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen Und mit selbsteigner Pein Lässt GOtt Ihm gar nichts nehmen, Es muss erbeten sein. +Dein+ ewge Treu und Gnade, O Vater, weiss und sieht Was gut sei oder schade Dem sterblichen Geblüt: Und was du denn erlesen, 20 Das treibst du, starker Held, Und bringst zum Stand und Wesen Was deinem Rat gefällt. +Weg+ hast du allerwegen, An Mitteln fehlt dirs nicht; Dein Thun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht, Dein Werk kann niemand hindern, Dein Arbeit darf nicht ruhn, Wann du, was deinen Kindern Erspriesslich ist, willst thun. +Und+ ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, So wird doch ohne Zweifel GOtt nicht zurücke gehn: Was er Ihm fürgenommen Und was Er haben will, 10 Das muss doch endlich kommen Zu seinem Zweck und Ziel. +Hoff+, o du arme Seele, Hoff und sei unverzagt! GOtt wird dich aus der Höle, Da dich der Kummer plagt, Mit grossen Gnaden rücken: Erwarte nur die Zeit, So wirst du schon erblicken Die Sonn der schönsten Freud. 20 +Auf+, auf, gib deinem Schmerze Und Sorgen gute Nacht! Lass fahren was das Herze Betrübt und traurig macht! Bist du doch nicht Regente, Der alles führen soll; GOtt sitzt im Regimente und führet alles wol. +Ihn+, Ihn lass thun und walten, Er ist ein weiser Fürst 30 Und wird sich so verhalten, Dass du dich wundern wirst, Wann Er, wie ihm gebühret, Mit wunderbarem Rat, Das Werk hinausgeführet, Das dich bekümmert hat. +Er+ wird zwar eine Weile Mit seinem Trost verziehn Und thun an seinem Theile Als hätt in seinem Sinn Er deiner sich begeben; Und solltst du für und für In Angst und Nöten schweben, So frag Er nichts nach dir. 10 +Wirds+ aber sich befinden, Dass du Ihm treu verbleibst, So wird Er dich entbinden, Da dus am wengsten gläubst: Er wird dein Herze lösen Von der so schweren Last, Die du zu keinem Bösen Bisher getragen hast. +Wol+ dir, du Kind der Treue: Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgeschreie Den Sieg und Ehrenkron. Gott gibt dir selbst die Palmen In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen Dem, der dein Leid gewandt. +Mach End+, o HErr, mach Ende An aller unsrer Not! 10 Stärk unser Füss und Hände, Und lass bis in den Tod Uns allzeit deiner Pflege Und Treu empfohlen sein, So gehen unsre Wege Gewiss zum Himmel ein.

4.

AN DAS ANGESICHT DES HERRN JESU.

O Häupt voll Blut und Wunden, Voll Schmerz und voller Hohn! 20 O Häupt zu Spott gebunden Mit einer Dornenkron! O Häupt, sonst schön gezieret Mit höchster Ehr und Zier, Jetzt aber hoch schimpfieret: Gegrüsset seist du mir! Du edles Angesichte, Davor sonst schrickt und scheut Das grosse Weltgewichte, Wie bist du so bespeit! Wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, 20 Dem sonst kein Licht nicht gleichet, So schändlich zugerichtt? Die Farbe deiner Wangen, Der roten Lippen Pracht Ist hin und ganz vergangen; Des blassen Todes Macht Hat alles hingenommen, Hat alles hingerafft, Und daher bist du kommen Von deines Leibes Kraft. Nun, was du, HErr, erduldet, Ist alles meine Last, Ich hab es selbst verschuldet, Was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, 10 Der Zorn verdienet hat; Gib mir, o mein Erbarmer, Den Anblick deiner Gnad! Erkenne mich, mein Hüter! Mein Hirte, nimm mich an! Von dir, Quell aller Güter, Ist mir viel Guts gethan; Dein Mund hat mich gelabet Mit Milch und süsser Kost, Dein Geist hat mich begabet 20 Mit mancher Himmelslust. Ich will hie bei dir stehen, Verachte mich doch nicht; Von dir will ich nicht gehen, Wenn dir dein Herze bricht; Wenn dein Herz wird erblassen Im letzten Todesstoss, Alsdann will ich dich fassen In meinen Arm und Schoss. Es dient zu meiner Freuden und kömmt mir herzlich wol, 10 Wann ich in deinem Leiden, Mein Heil, mich finden soll. Ach möcht ich, o mein Leben, An deinem Kreuze hier Mein Leben von mir geben, Wie wol geschähe mir! Ich danke dir von Herzen, O JEsu, liebster Freund, Für deines Todes Schmerzen, Da dus so gut gemeint! 20 Ach gib, dass ich mich halte Zu dir und deiner Treu Und, wann ich nun erkalte, In dir mein Ende sei. Wann ich einmal soll scheiden So scheide nicht von mir; Wann ich den Tod soll leiden, So tritt du dann herfür. Wann mir am allerbängsten Wird um das Herze sein, So reiss mich aus den Ängsten 10 Kraft deiner Angst und Pein! Erscheine mir zum Schilde, Zum Trost in meinem Tod, Und lass mich sehn dein Bilde In deiner Kreuzesnot; Da will ich nach dir blicken, Da will ich glaubensvoll Dich fest an mein Herz drücken: Wer so stirbt, der stirbt wol.

_Salve, caput cruentatum, totum spinis coronatum, 30 conquassatum, vulneratum, arundine verberatum, facie sputis illita. Salve, cuius dulcis vultus, immutatus et incultus, immutavit suum florem, totus versus in pallorem, quem cœli tremit curia. 30 Omnis vigor atque viror hinc recessit: non admiror; mors apparet in aspectu. totus pendens in defectu, attritus ægra macie, Sic affectus, sic despectus, propter me sic interfectus, peccatori tam indigno cum amoris intersigno 30 appare clara facie. In hac tua passione me agnosce, pastor bone, cuius sumpsi mel ex ore, haustum lactis cum dulcore præ omnibus deliciis. Non me reum asperneris, nec indignum dedigneris: morte tibi jam vicina tuum caput huc inclina, in meis pausa brachiis. Tuæ sanctæ passioni me gauderem interponi, in hac cruce tecum mori; præsta crucis amatori, 30 sub cruce tua moriar. Morti tuæ tam amaræ grates ago, Jesu chare; qui es clemens, pie deus, fac quod petit tuus reus, ut absque te non finiar. Dum me mori est necesse, noli mihi tunc deesse; in tremenda mortis hora veni, Jesu, absque mora, tuere me et libera. Cum me jubes emigrare, 10 Jesu chare, tunc appare; o amator amplectende, temetipsum tunc ostende, in cruce salutifera._

ST. BERNARDUS.

_CHRISTIAN SCRIVER._

[_Scherer D._ 343, _E._ 345.]

Geboren 1629 zu Rendsburg; Pfarrer zu Stendal und zu Magdeburg; gestorben 1693 als Oberhofprediger und Consistoriatrath zu Quedlinburg. Ausgezeichneter Erbauungschriftsteller. Seine Werke sind: ‘Gottholds zufällige Andachten’ 1663; ‘Unschätzbarer Seelenschatz’ 1675-1691.

1.

AUS DEM SEELENSCHATZ. 4. THEIL 1. PREDIGT. § § 23. 24.

Das Creutz lehret uns, dass wir selbst mit allem was uns die Natur und die Welt geben kan, nichts sind, Gott aber und seine Gnade alles ist, dass der Glaube Gottes Werck ist, dass der Anfang, Mittel und Ende unsers Christenthums, und des Wercks unser Seligkeit, nicht in unser Krafft, Weissheit, Fürsichtigkeit, Frömmigkeit, {20} sondern allein in Gottes Gnade und Barmhertzigkeit bestehet, dass kein gewisser und beständiger Trost in der Welt sey, als welchen Gott durch sein Wort und Geist in unserm Hertzen wircket, dass wir keine rechte und wahre Freude und Ruhe, keinen Frieden, keine Treue noch Glauben, keine völlige Vergnügung für unsere Seele, als nur bey Gott finden können, dass alles, was in der Welt ist, eitel, nichtig, und für den Geist des Menschen untauglich ist, und dass ausser der Gnade und Güte Gottes in Christo Jesu nichts zu finden, daran unsere Seele sich halten könte. Gleichwie man den besten Steuermann im Ungewitter, den erfahrnsten Artzt in der schwersten Kranckheit, den besten und klügsten Rathgeber in gefährlichen und hochwichtigen Sachen, den getrewesten und besten Freund in der Noth erkennet, also lernet man im Creutz und Trübsal, was wir an {10} Gott haben, nehmlich den allerbesten, getreuesten, beständigsten, bewerthesten Helffer, Artzt, Rath und Freund; Daher wirfft man alles irrdische Vertrauen weg, und begiebt sich alles weltlichen Trostes, und hänget sich lauterlich an GOTT. Also ist das liebe Creutz ein Hündlein, das die Schaffe zu ihren Hirten treibet, ein Diener unsers himmlischen Vaters, der mit einer angenommenen Larve die Kinder schrecket, dass sie der Stuben zu, und nach dem Schooss des Vatern oder der Mutter eilen, ein in einen Feind verstellter Freund, der zwischen Gott und uns die beste Freundschafft machet.

{20} Gleichwie, wenn es im Sommer schön und lieblich Wetter giebt, die Menschen ihre Lust und Freude an der Erden suchen, sie spatzieren und fahren ins Grüne, sie sitzen unter einem schattigten Baum, oder sonst an einem beqvemen Ort, sie essen, sie trincken, sie lachen, sie schertzen und dencken wenig an den Himmel, dem sie doch solche ihr Ergetzligkeit zu dancken; wenn aber ein Ungewitter auffsteiget, wann die schwartzen finstern Wolcken den Sonnenschein hinweg nehmen, und mit Donner und Blitz sich schrecklich erzeigen, so eilen sie zu ihren Häusern und Kammern, so fahen sie an zu singen und zu beten, also dass der Himmel nie {30} mehr angesehen und geachtet wird, als wenn er am scheusslichsten aussiehet, und sich am schrecklichsten bezeiget; So ists auch mit der zeitlichen Glückseligkeit und Unglückseligkeit bewandt: wann es uns Menschen nach Wunsch und Willen ergehet, und die Sonne des Wohlergehens uns scheinet, so verlieben wir uns mehrentheils an dem Irrdischen, und suchen unsre Lust in der Eitelkeit, wenn aber ein Ungewitter der Trübsal über uns kömmt, und uns die irrdische Freude verstöret und benommen wird, so wenden wir uns zu Gott, so lernen wir beten, weinen, seufftzen, so vergessen wir der Welt, und suchen Trost und Schutz im Himmel.

2.

AUS § 44 (GLEICHNISS VOM SCHÄFFER UND VON SCHWACHEN BLUMEN).

Ich habe gesehen, dass die Hirten eine Schlammpfütze im Felde im Sommer pflegen mit einem Zaun umher zu verwahren, damit die Schafe in grosser Hitze nicht hinzu kommen, und ihnen den Tod in den Leib trincken mögen; So machts der getreue Hirte und Bischoff unser Seelen mit seinen Schäfflein: er umstecket die Welt-Lust und die Eitelkeit mit so viel Dornen und Trübsal, dass sie dazu nicht gelangen können. Abraham sahe einen Widder in der Hecken (in {20} dem verworrenen Gesträuche) mit seinen Hörnern hangen, und nahm denselben und opfferte ihn dem HERRN zum Brand-Opffer an seines Sohnes statt: Der Widder wäre kein Opffer GOttes worden, wenn er nicht in der Hecke wäre mit den Hörnern hängen blieben: und mancher Mensch würde sich seinem GOtt zum heil Opffer nicht darstellen, wenn er nicht in Creutz und Trübsal gerathen wäre. Die gläubigen Seelen sind wie die Blumen, die einen schwachen Stengel haben, oder wie die schlanken und kriechenden Gewächse der Hopfen, die Erbsen, der Weinstock und andere, welchen man muss Pfäle beystecken, und sie daran hefften, damit sie für Schaden {20} bewahret, und zu fruchtbaren Wachsthum gedeyen mögen.

_JOACHIM NEANDER._

[_Scherer D._ 344, _E._ 346.]

Der bedeutendste Liederdichter der reformierten Kirche. Geboren 1610 zu Bremen, Rector an der reformierten Schule zu Düsseldorf, 1679 Prediger an der Martinikirche in Bremen, gestorben 1680. Vgl. Iken ‘Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder’ (Bremen 1880).

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele! das ist mein Begehren. Kommet zu Hauf; Psalter und Harfe, wach auf! lasset die Musicam hören.

Lobe den Herren, der Alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt! hast du nicht dieses gespüret?

Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet! In wie viel Noth hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet! 10

Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet! Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet!

Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen! Alles was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen! Er ist dein Licht; Seele vergiss es ja nicht; lobende schliesse mit Amen!

_GOTTFRIED ARNOLD._

[_Scherer D._ 345, _E._ 347.]

Geboren 1665 zu Annaberg, studierte in Wittenberg und ward 1697 Professor der Geschichte in Giessen. Schon früh durch Spener zur mystischen Theologie hingeleitet, trat er später in das Predigeramt und schrieb theologische und geistliche Lieder. Er starb 1714 als Prediger zu Perleberg. Sein grösstes Werk ist die ‘Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie’. Ausserdem: ‘Göttliche Liebesfunken’; ‘Geheimniss der göttlichen Sophia oder Weisheit’. Herausgegeben von Ehmann ‘Sämmtliche geistliche Lieder’ und ‘Geistliche Minne-Lieder’ (2 Bde. Stuttgart 1856).

ICH LASS IHN NICHT!

Ach nein, ich lass dich nicht, ach nein! 20 Du sollst und kanst mir nicht entgehen, Ich halte dich, mein einig Ein, Und lässt du auch zuletzt geschehen, Dass Erd und Himmelreich vergieng, Es irrt mich nicht, es mag vergehen, Um dich lass ich schon alle Ding, Wie sollt darauff mein Wille sehen? Mein GOtt, mein Lieb, mein einig Guth! Und gieng mir Lieb und Seel zu Grunde, So lang da noch in meinem Muth Ein Schmack und Fünckgen wird gefunden, So lang bleib ich dir treu gesinnt, Mit Zucker hast du mich gefangen, 10 Als wie man lockt ein spielend Kind, So lüstet mich dir anzuhangen. Du bist mein Grund, wo sollt ich hin? Du bist mein GOtt, dir halt ich stille: Mein Wille, Geist hat seinen Sinn, Dir gantz verknüpfft: so gehs nur wie es ist.

_NICOLAUS LUDWIG GRAF VON ZINZENDORF._

[_Scherer D._ 346, _E._ 348.]

Geboren 1700 in Dresden, in Halle unter Francke erzogen, studierte in Wittenberg die Rechte, neigte sich aber mehr und mehr zur Theologie. Gegen seinen Willen nahm er 1721 eine Stelle bei der Regierung in Dresden an, legte aber schon 1724 mit einigen Mährischen Brüdern den ersten Grund zu seiner Stiftung in Herrnhuth. 1734 wurde er selbst Geistlicher und widmete sein übriges Leben meist auf Reisen frommen Zwecken und der Verbreitung seiner Lehre. Gestorben 1760. Er hat mehr als 2000 geistliche Gedichte verfasst. Herausgegeben von Knapp (Stuttgart 1845).

GEBUNDENHEIT VON JESU.

Ach mein verwundter Fürste! Nach dessen Heil ich dürste, In dem mein Sehnen ruht, An dessen Liebesherzen 20 Mir wohl ist, und die Schmerzen Selbst heilsam für mich sind und gut:

Nach dir allein verlangen, Das heisst schon an dir hangen; Zu dir voll Liebe seyn, Das heisset dich besitzen; Vor Dienstbegierde schwitzen, Das schreibst du schon als Arbeit ein.

Nimm mich mit Liebserbarmen Bei’m Herzen, bei den Armen, Und setz’ ein Siegel d’rauf; Lass mich verschlossen werden 10 Vor dem Geräusch der Erden, Dir aber mache selber auf.

_BARTHOLD HEINRICH BROCKES._

[_Scherer D._ 349, _E._ 351.]

Geboren 1680, als Sohn eines reichen Kaufmanns zu Hamburg. Studierte in Halle die Rechte, bereiste dann Italien, die Schweiz und die Niederlande und wurde später Senator zu Hamburg. Er starb 1747. Seine durch die Naturschilderungen ausgezeichneten Gedichte erschienen unter dem Titel ‘Irdisches Vergnügen in Gott’, 9 Bde. (Hamburg 1721-1748). Ausserdem sind noch zu nennen sein Passionsoratorium ‘Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus’ (Hamburg 1712) und ‘Schwanengesang in einer Anleitung zum vergnügten und gelassenen Sterben’ (Hamburg 1747).

AUS DEM IRDISCHEN VERGNÜGEN IN GOTT.

FRÜHE KNOSPEN AN EINEM BIRN-BAUM.

EIn Birn-Baum von sehr früher Art Zeigt’ allbereits im Mertz die Knospen seiner Blüthe. Diess trächtige Gewächs, das noch so zart, Beschaut’ ich mit betrachtendem Gemüthe, Und ward mit reiner Lust erfüllt, Als ich nicht nur die zarte Zierlichkeit Der Knospen selbst, die Vollenkommenheit Der Blätter, die sie eingehüllt, 20 Die kleinen Knoten mit fünf Spitzen, Worinn die zarten Blumen sitzen, Samt ihren schlancken Stielen sahe, Nein gar, wie jeden Theil ein zartes Pelz-Werck schmückte Von weissen Zäserchen, vor Lust erstaunt erblickte; So dass mir diess mit weiss gemischte Grün Durch einen geistigen Verstand Und mehr von unsichtbarer Hand Gebildet, als gewachsen, schien. Wodurch ich denn gerührt von Gottes Macht und Liebe Zu Seiner Ehr’ und meinem Troste schriebe: Du Allmachts-voller Gott, der Du so wunderbar 10 In jeder Creatur, in allen Deinen Wercken Macht, Lieb’ und Weisheit lässest mercken, Der Du sogar In weissem Sammt, in weicher Seiden Die frühe Blüth des Birn-Baums pflegst zu kleiden, Um für ihm drohenden Gefahren Des späten Frosts sie zu bewahren; Ach warum soll denn ich mit kindlichen Vertrauen Auf deine Lieb’ und Vater-Treu nicht bauen, In fester Zuversicht, Du werdest hier im Leben 20 Den’n meinigen und mir leicht Kost und Kleider geben.

_LEIBNIZ._

[_Scherer D._ 352, _E._ 354.]

Geboren 1646 in Leipzig, wo er die Nicolaischule besuchte und später studierte. Seit 1667 Canzleirevisionsrath in Mainz, und viel zu diplomatischen Geschäften benutzt. Nachdem er auf seinen Reisen in Holland, Frankreich und England die bedeutendsten Männer der Wissenschaft kennen gelernt, zog er sich nach Hannover zurück, wo er Hofrath und Bibliothekar wurde. Seine Werke sind lateinisch, französisch und deutsch geschrieben. Er war Stifter und erster Präsident der Berliner Academie (1700). Starb 1716.

AUS DEN UNVORGREIFLICHEN GEDANKEN BETREFFEND DIE AUSÜBUNG UND VERBESSERUNG DER TEUTSCHEN SPRACHE.